121926.fb2 Das Tal der Giganten - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 10

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»Nicht bewegen!« flüsterte Chris. »Um Gottes willen, Mike, beweg dich nicht! Und wenn, dann nur ganz, ganz langsam. «

Mike hätte sich nicht einmal bewegen können, wenn er gewollt hätte. Er war wie gelähmt. »Was... was ist das?« flüsterte er.

»Ein Raptor«, antwortete Chris. »Man nennt sie auch Schreckensklaue. Siehst du den großen Zeh?« Mike unterdrückte im letzten Moment den Impuls, zu nicken. »Sind sie... gefährlich?« fragte er. »Ich meine ... so gefährlich wie der Große gestern?« »Der Allosaurier?« Chris gab einen Laut von sich, der wie ein verunglücktes Lachen klang. »Du machst wohl Witze. «

Mike atmete erleichtert auf, und Chris fügte hinzu: »Sie machen Jagd auf die großen Saurier. « »Oh«, sagte Mike. Er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Seine Hände und Knie begannen immer stärker zu zittern. »Und was... tun wir jetzt?« »Wir gehen«, antwortete Chris. »Aber ganz vorsichtig. Eine hastige Bewegung, und er greift an. Und achte darauf, wo du hingehst. Sie jagen meistens in Rudeln. « »Wie beruhigend«, murmelte Mike. Unendlich vorsichtig hob er den Fuß und versuchte einen Schritt rückwärts zu machen, aber so behutsam die Bewegung auch war, sie war schon zu viel. Der Kopf der Schreckensklaue ruckte mit einer an einen Vogel erinnernden Bewegung herum. Er stieß einen heiseren, zischenden Laut aus. Seine schrecklichen handähnlichen Vorderklauen öffneten und schlossen sich gierig. Mike erstarrte wieder. Vielleicht hatte Chris tatsächlich recht, und der Saurier würde ihn nicht angreifen, solange er sich nicht bewegte aber er konnte schließlich nicht ewig hier so stehen bleiben. Seine Muskeln begannen schon jetzt zu schmerzen. Noch ein paar Minuten, und er würde einen Krampf in den Beinen bekommen.

In diesem Moment schoß ein schwarzes Fellbündel zwischen seinen Füßen hindurch, raste auf den Saurier zu und schlug im buchstäblich allerletzten Moment einen Haken nach links. Der Raptor reagierte mit einer schier unglaublichen Schnelligkeit. Sein gewaltiges Maul schnappte nach Astaroth und verfehlte ihn nur um Haaresbreite, und die furchtbaren Krallen gruben tiefe Rinnen in den Boden, nur Millimeter hinter dem Kater. Mit einer Leichtigkeit, die Mike einem Wesen wie ihm niemals zugetraut hätte, wirbelte er herum und raste hinter Astaroth her. Er bewegte sich mit großen, fast grotesk aussehenden Sprüngen, aber sehr schnell. »Weg hier!« schrie Chris. Er wirbelte auf dem Absatz herum und zerrte Mike, der dem flüchtenden Kater nachsah, mit sich. Mike sah gerade noch, wie Astaroth im vollen Lauf einen Baum hinaufrannte, und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, daß der Raptor nicht ein ebensoguter Kletterer wie Läufer war, dann schlossen sich die Büsche hinter ihnen.

Aber sie waren nicht allein. Überall rechts und links von ihnen raschelte und knackte es plötzlich im Gebüsch, und plötzlich waren Schatten da, die ihnen folgten. Chris verstand offenbar tatsächlich so viel von Dinosauriern, wie er immer behauptete -der Raptor war nicht allein gekommen. Es mußte ein ganzes Rudel sein, das sich unbemerkt von hinten an sie angeschlichen hatte. Hätten sie auch nur noch ein paar Sekunden länger gezögert, wäre es um sie geschehen gewesen. Mike und Chris brachen durch die dornigen Büsche und rannten wie nie zuvor im Leben, aber ihre Verfolger holten trotzdem auf. Sie warennoch immer nicht sichtbar, aber das Splittern von Ästen und das Trappeln harter, klauenbewehrter Füße auf dem Boden kam rasch näher, und jetzt hörten sie auch die Schreie der Tiere -schrille, heisere Rufe, mit denen sie sich zu verständigen schienen.

Nebeneinander stürmten sie auf den freien Bereich in der Triceratopsspur hinaus. Mike registrierte voller Entsetzen, daß Ben und Juan den Baum mittlerweile schon verlassen hatten und auch Trautman und die anderen auf dem Wege nach unten waren. »Ben! Juan!« Mike schrie, so laut er konnte, und winkte mit beiden Armen. »Haut ab! Zurück auf den Baum! Unser Fanclub ist im Anmarsch!« Die beiden Jungen, die ruhig dastanden und sich unterhielten, sahen bei seinem Schrei auf und blickten ihnen fragend entgegen. Plötzlich erscholl dicht hinter Mike ein splitterndes Geräusch, und der Ausdruck auf den Gesichtern der beiden verwandelte sich schlagartig in pures Entsetzen. Juan und Ben fuhren auf der Stelle herum und rannten mit Riesensätzen wieder zum Baum zurück.

Mike hörte das Hämmern der Füße näher kommen und versuchte, noch schneller zu laufen. Im buchstäblich letzten Moment erreichten er und Chris den geschuppten Stamm des Riesenbaumes, und die Angst verlieh ihnen schier Flügel: Mike rannte den Baum regelrecht hinauf, und auch Chris entwickelte eine Geschicklichkeit, von der er normalerweise nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Erst als sie bereits drei oder vier Meter über dem Boden waren, wurde Mike ein wenig langsamer und wagte es auch, nach unten zu blicken. Es waren sieben oder acht Raptoren, die ihnen aus dem Wald heraus gefolgt waren, und zwei von ihnen krochen tatsächlich ungeschickt, aber sehr zielsicher am Baumstamm hinauf, wobei sie sich mit ihren riesigen Klauen in der schuppigen Rinde festklammerten und mit ihrer Körperkraft wettmachten, was ihnen an Geschicklichkeit fehlen mochte.

Singh griff mit beiden Händen zu und hievte erst ihn, dann Chris in die Astgabel empor, in die sie sich wieder zurückgezogen hatten, dann beugte er sich abermals nach vorne, hielt sich mit der linken Hand am Baumstamm fest und schwang mit der anderen einen unterarmdicken Ast. Als der erste Raptor in seine Reichweite kam, versetzte er ihm einen Hieb, der einem menschlichen Angreifer glattweg den Schädel zerschmettert hätte.

Der Raptor grunzte, hielt für einen Moment mit dem Klettern inne und sah Singh fast vorwurfsvoll an. Und kletterte weiter.

Singh versetzte ihm einen zweiten, noch heftigeren Schlag. Diesmal schüttelte der Saurier benommen den Kopf. Eine Sekunde später grub er erneut die Krallen in die Baumrinde und setzte seinen Weg fort. Singh fluchte, richtete sich wieder auf und ergriff seine improvisierte Keule mit beiden Händen. Als der Schädel der Schreckensklaue über dem Ast erschien, auf dem sie saßen, schwang er seine Waffe mit beiden Armen und wollte sie dem Ungeheuer ins Gesicht schmettern. Aber der Saurier reagierte wieder mit unglaublicher Schnelligkeit. Seine Kiefer schlossen sich mit einem schnappenden Geräusch, und plötzlich hielt Singh nur noch einen zersplitterten Stumpf in den Händen, während der Rest des Knüppels zwischen den mahlenden Zähnen des Raubsauriers verschwand. Singh verlor, durch die Wucht seines eigenen Hiebes nach vorne gerissen, die Balance, kippte zur Seite und fiel genau auf den Saurier. Und was seine Hiebe nicht zustande gebracht hatten, das schaffte sein Aufprall. Der Raptor stieß ein häßliches Zischen aus, öffnete das Maul und griff mit beiden Vorderläufen nach der Beute, die ihm freundlicherweise direkt in die Arme zu fallen schien. Daß er dazu seinen einzigen Halt loslassen mußte, begriff er wohl eine Winzigkeit zu spät...

Wäre die Situation nicht so todernst gewesen, dann hätte Mike vielleicht laut aufgelacht. Das starre Reptiliengrinsen des Sauriergesichts verwandelte sich in einen Ausdruck von Verblüffung und dann fast komischen Entsetzens -und dann kippte der Raptor mit einem schrillen Quieken nach hinten und stürzte in die Tiefe. Und nicht nur das. Seine haltlos wedelnden Vorderläufe rissen auch noch den zweiten Saurier mit, der sich knapp unter ihm befand.

Doch damit war die Gefahr keineswegs vorüber. Während Trautman und Juan Singh mit vereinten Kräften wieder in die Sicherheit der Astgabel hinaufzogen, beugte sich Mike vor und sah nach unten. Die beiden abgestürzten Raptoren lagen nebeneinander am Boden und rührten sich nicht mehr, aber es gab noch weitere Tiere, die ihren Baum belagerten. Im Moment versuchte keines zu ihnen heraufzuklettern, aber früher oder später, das wußte Mike, würden sie es tun, und einen gleichzeitigen Angriff von mehreren dieser Bestien würden sie kaum abwehren können. Im Grunde hatten sie auch den ersten nur durch Glück abgeschlagen. »Das sieht nicht gut aus«, sagte Trautman düster. »Was sind das für Wesen?«

»Raptoren«, antwortete Chris. »Wahrscheinlich sind sie der Herde gefolgt, die wir gestern abend gesehen haben, aber ich schätze, daß sie auch mit anderer Beute vorliebnehmen. Sie gehören zur Gattung der Dromaeosaurier -das sind kleine, schnelle Fleischfresser. Sehr gefährlich und sehr schlau. Manche Wissenschaftler glauben, daß es die gefährlichsten überhaupt waren. Sie haben selbst die ganz großen Saurier angegriffen und erlegt und... « Chris brach ab, blinzelte ein paarmal und sah verblüfft in die Runde. Es war sehr still geworden, während er sprach, und die Aufmerksamkeit hatte sich von den Sauriern zu ihm verlagert. Alle blickten ihn böse an.

»Was habt ihr denn?« fragte er. »Ihr könnt mir ruhig glauben! Sie haben selbst die Allosaurier gejagt, und man hat Skelette von Diplodocus gefunden, die -« »Chris«, sagte Trautman sanft. »Vielleicht ist es besser, wenn du jetzt den Mund hältst. « Chris sah ein bißchen beleidigt drein, aber er war auch klug genug, Trautmans Rat zu beherzigen und sein restliches Wissen für sich zu behalten. »Die werden nicht aufgeben«, sagte Ben düster. »Verdammt, wie kommen wir jetzt hier weg?« Mike blickte eine ganze Weile wortlos zu den Sauriern hinab, die unruhig am Fuß des Baumes entlangschlichen. Einige von ihnen hatten damit begonnen, ihre beiden toten Kameraden aufzufressen, und für ein paar Sekunden klammerte sich Mike an die Hoffnung, daß das reichen könnte, um den Hunger der Raubtiere zu stillen. Aber er ahnte auch selbst, daß das nicht so war. Er hatte den Ausdruck nicht vergessen, den er in den Augen der Schreckensklaue gesehen hatte. Diese Tiere jagten und töteten nicht nur aus Hunger. »Wo ist Astaroth?« fragte Serena plötzlich. »Ich weiß es nicht«, antwortete Mike. »Er ist auf einen Baum geflüchtet. «

Serena starrte ihn aus großen Augen an. »Soll das heißen, du hast ihn im Stich gelassen?« »Nun reg dich nicht auf!« sagte Ben. »Er ist eine Katze, schon vergessen? Er klettert bestimmt besser und schneller als diese Biester. Außerdem haben sie im Moment eine weitaus bessere Beute. Ich glaube nicht, daß sie sich für einen zähen alten Katzenbraten interessieren. «

»Wir müßten sie irgendwie ablenken«, sagte Trautman. »Aber wie?«

»He!« sagte Ben plötzlich. »Seht doch! Da!« Das letzte Wort hatte er geschrien. Und auch Mike riß ungläubig die Augen auf, als er sah, was plötzlich aus dem Wald heraustrat, nicht einmal weit von der Stelle entfernt, an der die Raptoren erschienen waren. Es war ein Triceratops. Es war keiner der zehn Meter langen Giganten, die sie am vergangenen Abend gesehen hatten, sondern ein viel kleineres Tier, gerade so groß wie ein Kalb, aber trotzdem schon mit der wuchtigen Panzerung und den riesigen Hörnern, die seiner Gattung eigen waren. Es bewegte sich langsam und irgendwie tolpatschig, aber trotzdem sehr zielsicher auf den Baum und die ihn belagernden Raptoren zu. Und hinter dem gewaltigen Knochenschild, der seinen Schädel schützte, hockte eine einäugige schwarze Katze. »Astaroth!« rief Serena laut. »Das ist Astaroth!« Mike blinzelte ein paarmal. Der Anblick war so phantastisch, daß er seinen Augen nicht traute. Aber das Bild blieb -aus dem Wald heraus näherte sich ihnen ein junger Triceratops, der von niemand anders als Astaroth geritten wurde.

»Ist er... verrückt geworden?« keuchte Ben. »Was um alles in der Welt soll das? Sie werden ihn auffressen!« Die Erleichterung, die sich für einen Moment in Mike breitgemacht hatte, schlug in jähes Entsetzen um. Der Anblick des Tieres, das in ganz offenbar freundlicher Absicht herankam, hatte ihn fast vergessen lassen, welche Geschöpfe sie belagerten. Natürlich hatte Ben recht ihnen allen kam dieses Triceratopsbaby mit seinen gewaltigen Hörnern und den zentimeterdicken Panzerplatten wie ein Riese vor, aber für die Schreckensklauen war er wahrscheinlich nicht mehr als ein Appetithappen. Sie würden ihn samt seinem einäugigen Reiter einfach vertilgen und dann zur Tagesordnung übergehen beziehungsweise der Hauptmahlzeit, die über ihnen auf dem Baum hockte.

Die Raptoren schienen wohl genau in diesem Moment zu dem gleichen Schluß gekommen zu sein, denn sie wandten sich plötzlich wie auf ein unhörbares Kommando hin um und näherten sich dem Saurier: Sie bildeten einen weit auseinandergezogenen Halbkreis, der sich auf Astaroth und sein Reittier zubewegte, vermutlich, um sich hinter ihm zu schließen und ihrer Beute so jeden Fluchtweg abzuschneiden. »Astaroth!« schrie Mike aus Leibeskräften. »Lauf weg!« Reg dich nicht auf, antwortete Astaroths Stimme in seinen Gedanken. Mit den paar kleinen Kneifern werden wir schon fertig.

»Er muß den Verstand verloren haben!« sagte Serena. »Sie werden ihn töten!«

»Das ist unsere Chance«, sagte Singh. »Schnell jetzt, solange sie abgelenkt sind!«

»Nein!« antwortete Serena. »Ich gehe nicht weg, ohne Astaroth -«

Singh ergriff sie grob an den Schultern. »Er paßt schon auf sich auf«, unterbrach er sie. »Und selbst wenn nicht willst du, daß sein Opfer umsonst ist?« Serenas Augen füllten sich mit Tränen. »Ich lasse ihn nicht allein«, sagte sie.

Hört auf, euch zu streiten, sagte Astaroth. Und bleibt gefälligst, wo ihr seid.

»Wartet!« sagte Mike. »Er hat irgend etwas vor. « Singh sah ihn fast böse an. »Ja, sich auffressen zu lassen«, sagte er.

Doch das hatte Astaroth ganz und gar nicht vor. Mike blickte gebannt und mit klopfendem Herzen nach unten. Der Kreis der Raubsaurier hatte sich um den jungen Triceratops geschlossen und begann sich nun zusammenzuziehen. Das gehörnte Tier war stehengeblieben und scharrte nervös mit den Vorderläufen. Es mußte die Nähe der Gefahr spüren. Nur noch Augenblicke, und die Raptoren würden gemeinsam über den jungen Saurier und seinen Reiter herfallen.

Plötzlich begann die Erde zu zittern. Ein dumpfes, dröhnendes Stampfen erscholl, und im nächsten Augenblick brach eine ungleich größere Ausgabe von Astaroths Reittier durch das Gebüsch, gefolgt von einer zweiten, dritten und vierten -schließlich war es fast ein Dutzend der gigantischen Saurier, die auf die gewaltsam geschaffene Lichtung herausmarschierten. »Die Alten!« sagte Chris. »Das müssen die Alten sein, die gekommen sind, um nach dem Kleinen zu suchen!« Niemand antwortete, aber Mike wußte, daß Chris recht hatte -was dort auftauchte, das war zweifellos die Mutter des kleinen Sauriers, die zusammen mit einem Teil ihrer Verwandtschaft gekommen war, um nach ihrem Sprößling zu suchen. Und die Tiere erkannten sofort, in welcher Gefahr sich ihr Junges befand. Einer der gepanzerten Riesen stieß einen röhrenden Schrei aus, und die ganze Kolonne verfiel unverzüglich in einen rasenden Galopp. Die mächtigen Schädel mit den tödlichen Hörnern senkten sich, um die Raptoren aufzuspießen.

Die kleinen Raubsaurier bewiesen jedoch, daß Mike sich nicht geirrt hatte, was die Einschätzung ihrerIntelligenz anging. Sie begriffen auf der Stelle, daß sie gegen diese Übermacht unmöglich bestehen konnten, und ergriffen die Flucht. Mit grotesk anmutenden, aber sehr schnellen Sprüngen überquerten sie die Lichtung und verschwanden im Unterholz auf der anderen Seite, noch ehe die heranstürmenden Riesen auch nur die Hälfte der Strecke überwunden und das Jungtier erreicht hatten. Die meisten hielten unverzüglich an und versammelten sich zu einem schützenden Kreis um das Saurierjunge, aber zwei, drei besonders kräftige Tiere setzten ihren Weg noch fort und nahmen schließlich auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung Aufstellung. Ihre mächtigen Köpfe bewegten sich unruhig, die Hörner waren drohend gesenkt, bereit, sich gegen alles zu wenden, was aus dem Wald herauskommen mochte. »Unglaublich!« flüsterte Trautman. »Seht euch das an!

Als ob sie denken könnten! Das ist ein koordiniertes Verhalten! Und wir haben immer gedacht, sie wären nichts als stumpfsinnige Riesen gewesen!« Klar, kommentierte Astaroth. Das ist typisch für euch. Ihr glaubt, daß alles, was größer ist als ihr, auch automatisch dümmer sein muß, wie? Alles, was kleiner ist, übrigens auch.

Die Saurier -allen voran ein besonders großes Exemplar, dessen eines abgebrochene Horn und zahllose Narben und Schrammen auf den Panzerplatten die Vermutung nahelegten, daß es sich um ein besonders altes, kampferprobtes Tier handelte, scharten sich immer enger um das Junge und bildeten so einen lebenden Schutzwall. Aus ihrem drohenden Gebrüll war ein tiefes, beruhigendes Brummen geworden, das seine Wirkung auf das Junge auch nicht verfehlte. Der kleine Saurier hörte auf zu zittern, und schon nach kaum einer Minute begann er wieder fröhlich zwischen den Leibern der alten Tiere herumzutollen. Schließlich kehrte auch der Rest der Gruppe vom anderen Ende der Lichtung zurück, und nur wenige Minuten, nachdem sie gekommen waren, wandte sich die kleine Herde wieder um und trottete davon. Wenige Augenblicke später kletterte Astaroth zu ihnen herauf, setzte sich neben Serena auf den Ast und begann sich nach Katzenmanier zu putzen, als wäre überhaupt nichts geschehen. »Das war wirklich Rettung in letzter Minute«, sagte Juan erleichtert. Er streckte die Hand aus und streichelte Astaroth flüchtig über den Kopf, zog den Arm aber rasch wieder zurück, als der Kater ihm einen ärgerlichen Blick zuwarf. Astaroth mochte es nicht, wie ein Schmusetier behandelt zu werden. »Stimmt«, fügte Ben hinzu. »Ich dachte schon, es wäre um uns geschehen. Du hättest wirklich keine Sekunde später kommen dürfen. « Wunderbar, maulte Astaroth. Da rette ich euch den

Hals, und statt sich zu bedanken, beschwert er sich auch noch!

»Was sagt er?« fragte Ben.

»Daß... äh... du recht hast«, sagte Mike hastig. »Aber es ging nun einmal nicht schneller. « Astaroth warf ihm einen schrägen Blick zu, und selbst Ben schien zu bemerken, daß Mike vielleicht nicht ganz das gesagt hatte, was Astaroth meinte, denn er wirkte ein bißchen verlegen.

»Wie hat er das nur gemacht?« fragte Trautman. »Es war fast, als ob er mit den Tieren gesprochen hätte!« »Ich wußte gar nicht, daß er das kann«, fügte Serena hinzu.

Ich auch nicht, sagte Astaroth knurrig. Und bevor ich gezwungen bin, noch mehr Dinge auszuprobieren, die ich eigentlich gar nicht kann, solltet ihr von hier verschwinden. Die Kneifer sind weg, aber ich würde mich nicht wundern, wenn sie wiederkommen. Die Biester sind nämlich fast so stur wie ihr.

»Du hast recht«, sagte Mike. Er wandte sich an die anderen. »Verschwinden wir von hier, ehe sie zurückkommen. «

Sie hatten beschlossen, wenigstens für eine Weile der Spur der Herde zu folgen: zum einen, weil sie auf dem niedergewalzten Bereich weitaus schneller und müheloser vorwärtskommen würden als im dichtenUnterholz und auch sicher vor unliebsamen Überraschungen waren, zum anderen, weil sich in der Nähe der Herde wohl am ehesten eine Gelegenheit finden würde, mit einem der Dinosauroiden Kontakt aufzunehmen. Mike war von dieser Idee noch immer wenig begeistert -ebenso wie Ben, Juan und vor allem Serena -, aber er hatte auch keinen besseren Vorschlag, und so beließ er es bei einem zweifelnden Gesichtsausdruck, enthielt sich aber ansonsten jeden Kommentars.

Wie üblich bildete Astaroth wieder die Vorhut. Er hatte Mikes entsprechende Bitte mit einem spöttischen Kommentar beantwortet, lief aber trotzdem ein gutes Stück vor ihnen her und kam nur von Zeit zu Zeit zurück, um ihnen mitzuteilen, daß alles in Ordnung sei -die Herde bewegte sich weiter nach Norden, gefolgt und wohl auch gelenkt von ihren unheimlichen Hirten, und Mike und die anderen folgten ihrerseits ihnen. Sie hielten einen gehörigen Abstand ein -weitaus mehr, als eigentlich nötig gewesen wäre, um nicht gesehen zu werden. Aber keiner von ihnen wollte das Risiko eingehen, unversehens einem der eigentlichen Herren dieser Insel gegenüberzustehen. Nicht, solange sie nicht wußten, was sie wirklich von diesen Wesen zu halten hatten. So marschierten sie bis weit in den Nachmittag hinein, ehe Astaroth zurückkam und Mike darüber unterrichtete, daß die Herde angehalten hatte. Trautman schlug daraufhin vor, daß sie ebenfalls eine Rast einlegten, und da sie alle erschöpft waren, protestierte niemand dagegen. Allerdings verließen sie die niedergetrampelte Saurierspur und suchten sich einen Lagerplatz im Wald, um nicht im letzten Moment doch noch entdeckt zu werden. Wahrscheinlich wäre es weitaus sicherer gewesen, wieder auf einen Baum zu steigen, aber dazu fehlte ihnen allen die Energie.

Mike war so müde, daß er auf der Stelle einschlief, und als er die Augen wieder aufschlug, war die Sonne ein gutes Stück weiter über den Himmel gewandert. Ihr zweiter Tag auf der Insel der Dinosaurier neigte sich bereits dem Ende entgegen.

Er war nicht von selbst erwacht. Bens Hand, die ihn wachgerüttelt hatte, lag noch auf seiner Schulter, und die andere hatte er erhoben und den Zeigefinger an die Lippen gelegt.

»Was -?« begann Mike, aber Ben winkte sofort ab. »Still!« flüsterte er. »Da ist etwas!«

Mike blinzelte. »Was ist denn los?« murmelte er verschlafen. »Ziehen sie weiter?«

Ben deutete ihm mit beiden Händen, leise zu sein. »Nein«, flüsterte er. »Aber Astaroth ist nicht da. Und irgendwas schleicht durch das Gebüsch. « Mike richtete sich erschrocken auf. Er lauschte angestrengt, aber alles, was er hörte, waren sein eigener Herzschlag und die

natürlichen Geräusche des Waldes. »Etwas?" flüsterte er.

»Was?«

»Keine Ahnung«, antwortete Ben. »Aber es ist besser, wenn wir nachsehen. Komm mit. « Vorsichtigdrangen sie in das Unterholz ein, das ihren Lagerplatz wie eine grüne Mauer umgab. Überall raschelte und knackte es, und ein paarmal schrak Mike zusammen, als er eine Bewegung oder einen davonhuschenden Schatten gewahrte, aber es waren nur ein paar kleinere Tiere, die vor ihnen flohen, oder der Wind, der mit den Blättern spielte. Er wollte schon aufgeben und zu den anderen zurückgehen, als Ben plötzlich stehenblieb und ihn heftig zu sich winkte. »Was ist los?« fragte Mike. »Was hast du gefunden?« Anstelle einer Antwort deutete Ben wortlos auf den Boden vor sich. Mike eilte an seine Seite -und gab einen überraschten Laut von sich. Ben hatte eine Spur entdeckt. Und obwohl Mike einen solchen Fußabdruck erst einmal im Leben gesehen hatte, erkannte er ihn doch sofort wieder. Zögernd ließ er sich neben Ben in die Hocke sinken und fuhr mit den Fingerspitzen über die Ränder des Fußabdruckes, der in einer weichen Stelle im Waldboden zurückgeblieben war. »Sie waren hier«, sagte Ben düster. »Verdammt, wahrscheinlich sind sie sogar noch ganz in der Nähe. Es würde mich nicht wundern, wenn sie uns selbst jetzt beobachten. « Mike antwortete nicht, aber er gab Ben recht - der Fußabdruck, den er gefunden hatte, sah genau aus wie der, auf den sie gestern gestoßen waren: Der Abdruck eines Fußes, der größer war als der eines Menschen und anders geformt und der eine Art grober Sandale getragen haben mußte. Es war die Spur eines Dinosauroiden; vielleicht sogar desselben, der sie schon gestern beobachtet hatte.

Unwillkürlich hob er den Kopf und ließ seinen Blick in die Runde schweifen. Plötzlich war es ihm, als hätten die Büsche Augen. Er fühlte sich angestarrt, belauert und beobachtet, und das auf eine so intensive Art, daß sie ihm fast körperliches Unwohlsein bereitete. »Du hast recht«, sagte er leise. »Sie waren hier. « Er stand auf. »Wir müssen die anderen warnen. « »Ja. « Ben nickte, setzte dazu an, sich herumzudrehen, und blieb dann wieder stehen. Ein fragender Ausdruck erschien auf seinem Gesicht undverwandelte sich eine Sekunde später in Überraschung. »He, das ist doch... « Er machte einen Schritt zur Seite, bückte sich und zog etwas aus dem Gebüsch.

Mikes Augen weiteten sich in maßloser Verblüffung, als er sah, was Ben gefunden hatte. Es war einGewehr. »He!« sagte Ben. »Wenn das keine Überraschung ist! Sieh nur, was unsere geschuppten Freunde uns hiergelassen haben!«

Mike war noch immer völlig perplex. »Du... du meinst, die Sauriermenschen haben sie verloren?« fragte er zögernd.