121926.fb2 Das Tal der Giganten - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 12

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Mike sah sie fragend an. »Die Wahrheit? Was soll das heißen?«

Serena zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich nicht. Ich erzähle nur, was die Legende sagt. Nur wenige von denen, die sie betreten haben, haben sie jemals wieder verlassen. «

»Aber die Könige von Atlantis schon. « »Sie mußten es«, sagte Serena.

Mike sah auf und rückte zugleich ein kleines Stück von Serena fort, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können. »Wie meinst du das?«

»Es war... Bedingung«, antwortete Serena. »Wer den Thron von Atlantis besteigen wollte, mußte vorher hierherkommen. Und nur, wer den Weg zurück fand, war würdig, über Atlantis zu herrschen. « Es dauerte lange, bis Mike begriff, was Serenas Worte bedeuteten. »Bist du deshalb hierhergekommen?« fragte er.

Serena schwieg. Sie sah ihn nicht an, sondern fuhr fort, Steine ins Wasser zu werfen.

»Genau so ist es, nicht wahr?« fuhr Mike nach einer Weile fort. Er hätte zornig werden müssen, aber irgendwie gelang es ihm nicht. »Du hast sofort gewußt, um welche Insel es sich handelt. Gleich als du die Küste gesehen hast. Deshalb mußtest du hierher. « Serena tat ihm plötzlich unendlich leid. Zögernd hob er die Hand und berührte ihre Wange.

»Atlantis existiert nicht mehr, Serena«, sagte er sanft.

»Es ist untergegangen, schon vor sehr, sehr langer Zeit. «

Serena schob seine Hand beiseite. »Für dich vielleicht«, sagte sie. »Und für deine Freunde. Für mich nicht. Für mich ist es... erst gestern gewesen. Ich wollte das nicht, Mike. «

»Was?« fragte Mike. »Überleben?« »Nicht so«, antwortete Serena ernst. »Sie haben mir nicht gesagt, was mich erwartet. Ich wußte nicht, daß ich... so lange schlafen würde. Und ich wußte nicht, daß alles, was ich gekannt habe, nicht mehr da sein würde, wenn ich aufwache. «

»Nicht alles«, sagte Mike. »Astaroth ist noch da. Und die NAUTILUS. « »Astaroth!« Serena drehte mit einem Ruck den Kopf weg, aber sie tat es nicht schnell genug, um Mike nicht sehen zu lassen, daß sie gegen die Tränen ankämpfen mußte. »Er ist nur ein Tier. Ein kluges Tier und vielleicht der beste Freund, den ich je hatte. Ich liebe ihn, aber... ich war eine Prinzessin, Mike. Ich hätte eine ganze Welt geerbt, und es gab so viele Menschen, die ich liebte und die mich liebten. Und alles, was mir geblieben ist, sind ein einäugiger Kater und ein Schiff. « »Und das haben wir dir weggenommen«, sagte Mike traurig.

»Darum geht es nicht«, sagte Serena leise. »Ihr könnt es haben. Ich kann ohnehin nichts damit anfangen. Es sei denn, es könnte mich nach Hause bringen. « »Und wenn es das kann?« fragte Mike. Serena sah ihn fragend an, und Mike fuhr plötzlich aufgeregt fort: »Es hat uns hierhergebracht, Serena, an einen Ort jenseits der Wirklichkeit. Wer weiß, was es noch alles vermag. Vielleicht kann es sogar den Rückweg in deine Heimat finden. «

»Nein«, antwortete Serena traurig. »Glaub mir, das kann es nicht. Die NAUTILUS ist ein phantastisches Schiff. Das beste, das wir je gebaut haben. Ich habe keinen Witz gemacht -es hätte wirklich eines Tages mir gehört, so wie es meinem Vater gehört hat, als er noch Herrscher über Atlantis war. Unsere Technik war der euren weiter überlegen, als du dir auch nur vorstellen kannst. Aber die Zeit besiegen, Mike, das konnte sie nicht. Hätte sie es gekonnt, wäre ich jetzt nicht hier. Und ihr auch nicht«, fügte sie nach einer unmerklichen Pause hinzu.

Aber so rasch war Mike nicht umzustimmen. Der Gedanke, einmal formuliert, begann sich selbständig zu machen und ließ ihn nicht mehr los. »Vielleicht existiert Atlantis ja doch noch irgendwo«, sagte er. »Dieses Land hier liegt jenseits der Zeit. Das hier ist die Welt, wie sie hätte werden können, wären die Saurier nicht ausgestorben. Vielleicht gibt es noch mehr solcher Orte. Vielleicht gibt es auch noch einen Ort, an dem Atlantis nicht untergegangen ist. Und vielleicht können wir ihn finden. «

»Ja, und vielleicht fliegen die Menschen eines Tages zum Mond oder bauen Maschinen, die das Denken für sie übernehmen«, sagte Serena spöttisch. »Laß es gut sein, Mike. Ich weiß, daß du mich trösten willst, und ich bin dir dankbar dafür. Aber Atlantis ist untergegangen. Keine

Macht der Welt kann es wieder auferstehen lassen. «

Mike widersprach nicht mehr, obwohl Serena ihn keinesweg überzeugt hatte. Irgendwann einmal, dachte er, würden sie es einfach versuchen. Sie hatten die Geheimnisse der NAUTILUS noch lange nicht vollständig ergründet. Nicht einmal Trautman hatte das, obwohl er fast sein ganzes Leben auf dem Schiff verbracht hatte. Vielleicht würde sie dieses Schiff tatsächlich eines Tages dorthin zurückbringen, wo es hergekommen war. Aber jetzt war nicht der Moment, darüber zu reden. Und ganz tief in sich war Mike nicht davon überzeugt, daß er das wirklich wollte. Denn Atlantis wiederzufinden hieße gleichzeitig, Serena zu verlieren. »Hat dein Vater dir auch erzählt, wie man wieder von hier wegkommt?« fragte er, um das Thema zu wechseln. Serena schüttelte traurig den Kopf. »Es gibt keinen bestimmten Weg zurück«, sagte sie. »Die Insel bestimmt, wen sie gehen läßt und wen nicht. « Was soll das nun wieder bedeuten? dachte Mike. Aber bevor er dazu kam, die Frage laut auszusprechen, hörte er abermals Schritte, und Trautman kam zu ihnen. Ein väterliches Lächeln zeigte sich auf Trautmans Zügen, als er Serena und ihn Arm in Arm so dasitzen sah. »Entschuldigt«, sagte er. »Ich wollte euch nicht stören. « »Das haben Sie nicht«, sagte Mike. Er rückte hastig ein kleines Stück von Serena weg und wäre dabei fast von seinem steinernen Sitz gerutscht. Erst im letzten Moment und ziemlich ungeschickt fand er sein Gleichgewicht wieder. Trautman war diplomatisch genug, so zu tun, als hätte er nichts davon bemerkt.

»Astaroth ist zurück«, sagte er. »Es wird Zeit. « Serena und Mike sprangen gleichzeitig auf die Füße. »Zeit? Wofür?«

»Was hat er entdeckt?« fügte Serena hinzu. »Das Lager der Dinosauroiden«, antwortete Trautman. »Es ist nicht sehr weit entfernt. Drei, vier Meilen allerhöchstens. Wir könnten es in einer Stunde erreichen. Seht ihr den großen Baum dort?« Er wies auf einen verschwommenen Schatten, der sich bucklig über die schwarze Silhouette des Waldes erhob. »Es liegt gleich dahinter. Die Gefangenen sind dort. « »Annies Vater und die anderen?« fragte Mike. »Das konnte er nicht herausfinden«, erwiderte Trautman. »Aber es sind Menschen -also liegt die Vermutung nahe. Ich glaube nicht, daß es hier von Schiffbrüchigen nur so wimmelt. Leider«, fügte er nach einer fast unmerklichen Pause, aber in deutlich besorgterem Tonfall hinzu, »hat er noch etwas herausgefunden. « »Und was?«

»Sie sind in der Nähe der Herde, wie wir vermutet haben«, antwortete Trautman. »Aber es sind sehr viele. Dutzende, wenn nicht gar Hunderte, das konnte er nicht genau sagen. Und es sieht so aus, als ob sie die Gefangenen fortbringen wollen - noch in dieser Nacht. «

»Dann haben wir nicht mehr viel Zeit«, sagte Serena entschlossen.

Die Herde lag unter ihnen wie ein schwarzer, lebender Teppich. In der Nacht waren die einzelnen Tiere nicht mehr zu unterscheiden, so daß Mike nur ein gewaltiges Wogen und Gleiten wahrnahm, das die Ebene vom Flußufer auf der einen bis zum Horizont auf der anderen Seite bedeckte und aus dem ein beständiges Rumoren und Dröhnen zu ihnen herauftönte. Manchmal, wenn der Wind sich drehte, wurden diese Geräusche lauter, und er trug den Geruch der Herde zu ihnen empor, der sehr durchdringend und sehr fremdartig, aber nicht unangenehm war. Die meisten Tiere schienen zu schlafen, aber hier und da bewegte sich doch ein kolossaler Schatten, schimmerte eine Hornplatte im Sternenlicht.

Mike saß jetzt seit einer halben Stunde auf dem Ast und blickte auf die Triceratopsherde hinab, und er hätte es noch stundenlang weiter tun können; der Anblick war bizarr, aber zugleich auch faszinierend. Es war eine Sache, von Chris zu hören, daß diese Geschöpfe, von denen jedes einzelne doppelt so groß wie ein ausgewachsener Elefantenbulle war und an die zehn Tonnen wiegen mußte, in Herden von Tausenden über das Land zogen, aber eine ganz andere, es mit eigenen Augen zu sehen.

Zur Rechten, direkt vor und unter ihnen wogte die ungeheuerliche Masse der Herde, während zur Linken der Fluß wie ein silbernes Band durch die Nacht schnitt. Ein halbes Dutzend Lagerfeuer brannte am Ufer, und manchmal rissen die zuckenden Lichtreflexe der Flammen einen buckligen Schatten aus der Schwärze; eines der sonderbar geformten Zelte, in denen die Hirten schliefen, die nicht an den Feuern saßen und sich mit ihren schnatternden Stimmen unterhielten oder auf Wache um das Lager patroullierten. In einem dieser Zelte, so hatte Astaroth berichtet, befanden sich Annies Vater und seine drei Begleiter. Sie waren nicht einmal bewacht. Aber das war auch nicht nötig. Das Zelt befand sich im Herzen des Lagers, und selbst, wenn sie es irgendwie hätten verlassen können, ohne von den Dinosauroiden bemerkt zu werden, wären sie nicht sehr weit gekommen. Die Triceratopsherde bildete eine sicherere Barriere, als es jede Mauer oder jeder Zaun gekonnt hätte. Und es gab absolut keinen Weg dorthin. Das ist wieder einmal typisch für euch, sagte eine spöttische Stimme in Mikes Gedanken. Was euch nicht auf Anhieb einfällt, das geht eben nicht, wie? Phantasie ist hier gefragt, Improvisationstalent und vielleicht ein bißchen Einsatz.

»Astaroth?« Mike fuhr aus seinen Grübeleien hoch und sah sich aufmerksam um. »Bist du das?« Wer denn sonst? maulte der Kater. Weißt du sonst noch jemanden, der ständig für euch die Drecksarbeit macht und sich dafür auch noch verhöhnen läßt? Nebenbei -könntest du mir vielleicht ein wenig zur Pfote gehen? Mike sah sich noch aufmerksamer um, konnte den Kater aber immer noch nirgends entdecken. Erst als er ein klägliches Miauen unter sich hörte und den Blick senkte, sah er ihn. Astaroth klammerte sich einen halben Meter unter ihm an den Baumstamm und hatte offensichtlich alle Mühe, sich festzuhalten. Der Stamm war an dieser Stelle fast spiegelglatt, und Mike hatte vorhin selbst bemerkt, daß sein Holz beinahe so hart wie Metall war. Offensichtlich hatte Astaroth seine bergsteigerischen Fähigkeiten ein wenig überschätzt, als er hier hatte hinaufsteigen wollen, statt auf der Rückseite des Stammes, wo Mike und die anderen heraufgekommen waren.

Mike griff rasch nach unten, hob den Kater zu sich herauf und grinste spöttisch. »Probleme?« fragte er. Astaroth würdigte ihn nicht einmal einer Antwort. Hocherhobenen Hauptes ging er an ihm vorüber und steuerte auf die anderen zu, und Mike folgte ihm. Trautman runzelte fragend die Stirn, als er Mikes immer noch anhaltendes Grinsen bemerkte, ging aber nicht weiter darauf ein.

»Astaroth!« sagte er erfreut. »Du bist zurück. Hast du einen Weg gefunden?«

Ja, antwortete Astaroth. Es müßte gehen. Aber es ist nicht leicht -wenigstens nicht für euch. Mike übersetzte seine jeweiligen Antworten -wobei er sich auf das Wesentliche beschränkte, was ihm den einen oder anderen ärgerlichen Blick des Katers und ein flüchtiges Lächeln Trautmans eintrug. »Was heißt nicht leicht? Die Wachen?« Nein, antwortete Astaroth. Sie passen auf, aber sie sind wie ihr - sie haben keine Phantasie. »Und was soll das heißen?« erkundigte sich Trautman mißtrauisch.

Es gibt einen Weg, sagte Astaroth. Sie passen auf wie die Schießhunde, aber an einer Stelle gibt es keine Wachen. Direkt am Fluß. Trautman ächzte. »Wie bitte?«

Sie bewachen das Ufer nicht, bestätigte Astaroth. Ich habe mich genau umgesehen. Das Wasser ist dort nicht besonders tief -wenigstens nicht für euch. Die Strömung könnte ein Problem sein, aber mit ein bißchen Glück könnt ihr es schaffen. Es gibt eine Stelle, an der das Wasser fast bis an das Zelt heranreicht, in dem Annies Leute untergebracht sind. Wenn ihr durch den Fluß geht, kommt ihr ungesehen hin.

»Das ist doch nicht dein Ernst!« protestierte Ben. »Das Wasser ist eisig, und ein einziger Fehltritt, und es ist aus. «

Dann mußt du eben zur Abwechslung einmal aufpassen, wohin du deine ungeschickten Füße setzt, antwortete Astaroth patzig. Das übersetzte Mike wörtlich. Ben wollte auffahren, aber Trautman brachte ihn mit einer energischen Geste zum Schweigen. »Astaroth hat recht, fürchte ich. Wir haben wahrscheinlich keine andere Wahl. Aber es wäre zu gefährlich, wenn wir alle gingen -und außerdem völlig sinnlos. « Er überlegte einen Moment. »Singh und ich werden gehen«, sagte er dann. »Ihr anderen wartet hier. Sobald wir mit den Gefangenen zurück sind, muß alles ganz schnell gehen. Sobald sie merken, daß ihre Gefangenen entflohen sind, werden sie wie die Teufel hinter uns her sein. «

»Ich komme auch mit«, sagte Mike. »Ganz bestimmt nicht«, erwiderte Trautman. »Du bleibst schön hier bei -« »Aber ich muß mitkommen«, unterbrach ihn Mike. Er deutete auf den Kater. »Ich bin der einzige, der mit Astaroth sprechen kann. Und ihn braucht ihr. « Trautman bedachte ihn mit einem ärgerlichen Blick, aber er mußte sich geschlagen geben. Mike hatte recht -ohne den Kater hatten sie nicht die geringste Chance, das richtige Zelt zu finden. Und ohne Mike konnten sie sich nicht mit Astaroth verständigen. »Also gut«, sagte er seufzend. »Und um endlosen Diskussionen vorzubeugen - die anderen bleiben hier, ganz gleich, welche Gründe euch auch einfallen mögen, mitkommen zu müssen. « Er stand auf. »Ben, du bleibst hier oben und behältst das Lager und die Umgebung im Auge. Die anderen warten unten auf uns. Wir werden nicht viel Zeit haben, wenn wir zurückkommen. «

Ben hatte keineswegs übertrieben -das Wasser war zwar nicht eisig, aber nach der Hitze des Tages und der lauen Nachtluft kam es Mike zumindest so vor, und die Strömung war selbst hier am Ufer so stark, daß er mit aller Macht um sein Gleichgewicht kämpfen mußte und nur äußerst behutsam einen Fuß vor den anderen setzte. Der Flußgrund war mit knöcheltiefem Schlamm bedeckt, aber dazwischen gab es immer wieder runde, glattgeschliffene Steine, auf denen man leicht ausgleiten konnte - und ein einziger Fehltritt oder gar ein Sturz bedeuteten hier wirklich das Ende. Mikes Herz schlug so schwer, daß er es bis in die Fingerspitzen fühlen konnte. Er zitterte vor Kälte am ganzen Leib, und der Weg schien kein Ende zu nehmen. Manchmal berührte ihn etwas unter Wasser, kleine, glitschige Körper, die rasch wieder davonhuschten und vermutlich viel mehr Angst vor ihm hatten als umgekehrt er vor ihnen und ganz bestimmt vollkommen harmlos waren, aber seine Phantasie machte natürlich die gräßlichsten Monster daraus. Sie hatten das Lager der Dinosauriermenschen erreicht. Zur Rechten, unmittelbar über dem Ufer, erhob sich eine Barriere aus undurchdringlich ineinandergewachsenen Büschen und Wurzeln, aber darüber konnte Mike die buckligen Schatten der halbrunden Zelte erkennen, die die Echsenmänner aufgestellt hatten, und den roten Widerschein ihrer Feuer. Durch das seidige Geräusch des fließenden Wassers drangen die Stimmen der Geschuppten: ein unheimliches, zischelndes Wispern und Keuchen, in dem er keine Regelmäßigkeit, keine Melodie erkennen konnte. Die Stimmen dieser Wesen waren so wie sie selbst: rätselhaft, erschreckend und unvorstellbar fremd.

Es ist jetzt nicht mehr weit, sagte Astaroth. Dort vorne, die Lücke im Gebüsch - siehst du sie? Mike hielt als erstes nach dem Kater Ausschau, konnte ihn aber nicht entdecken. Astaroth war ihnen nicht ins Wasser gefolgt, sondern schlich geduckt und als unsichtbarer Schatten durch die Büsche am Ufer. Nach einer Weile gewahrte er aber die Bresche in der bisher schier undurchdringlichen, lebenden Mauer, die das Lager vom Fluß trennte, und nickte. Da ist ein kleiner Seitenarm, fuhr Astaroth fort. Nicht sehr tief, aber breit. An seinem Ende liegen zwei Zelte. Sie sind im rechten.

Mike blieb für einen Moment stehen, wartete, bis Singh und Trautman zu ihm aufgeholt hatten, und teilte ihnen im Flüsterton mit, was er von Astaroth erfahren hatte. Die

beiden nickten, und Singh übernahm kommentarlos die

Führung.

Nun befanden sie sich mitten im Lager der Dinosauroiden. Einige der unheimlichen Geschöpfe, die in der Nacht, die ihre Gestalten zu flachen Schatten mit ruckhaften Bewegungen reduzierte, noch fremdartiger und bizarrer wirkten, waren so nahe, daß Mike meinte, nur den Arm ausstrecken zu müssen, um sie zu berühren. Er verstand nicht, warum sie nicht längst gesehen worden waren: selbst in der Nacht mußten sich ihre Gestalten deutlich unter dem glasklaren Wasser abzeichnen, und außerdem schlug sein Herz so laut, daß man es eigentlich meilenweit hätte hören müssen. Mike wäre nicht überrascht gewesen, wären die Echsenmänner im nächsten Moment alle gemeinsam aufgesprungen und über sie hergefallen, er war fast davon überzeugt, daß es unweigerlich geschehen mußte. Statt dessen erreichten sie unbehelligt das Ende des Flußarmes, und Trautman deutete mit einer Geste auf das rechte der beiden halbrunden Zelte, die sich kaum zwei Meter vom Wasser entfernt erhoben. Gleichzeitig warf er Mike einen fragenden Blick zu, den dieser mit einem Nicken beantwortete. Er betete, daß Astaroth sich nicht geirrt hatte. Wenn sie in das falsche Zelt eindrangen und sich unversehens einem Dinosauroiden gegenübersahen, würden sie keine zweite Chance bekommen.

Wie Indianer, die sich an einen Feind anschlichen, robbten sie aus dem Wasser und näherten sich der Rückseite des Zeltes. Mike lauschte einen Moment mit angehaltenem Atem, ehe er es wagte, die Hände nach der Zeltplane auszustrecken, um sie etwas anzuheben. Nichts. Er hörte nicht den mindesten Laut, und drinnen war es dunkler als hier draußen. Vermutlich schliefen die Gefangenen ebenso wie die meisten ihrer Bewacher. Mike schob den letzten Rest seiner Furcht beiseite, hob die Zeltplane -sie war so schwer, daß er einen Moment lang befürchtete, es nicht zu schaffen -weiter an und glitt beinahe lautlos darunter hindurch. Absolute Dunkelheit empfing ihn. Mike robbte noch ein Stück weiter, bis er gegen ein Hindernis stieß, dann hielt er inne und lauschte. Er konnte hören, wie Trautman und Singh hinter ihm hereingekrochen kamen und sich die Zeltplane mit einem schweren Flapp wieder senkte und dann die gleichmäßigen Atemzuge von drei oder vier Menschen. Aber waren es tatsächlich nur drei oder vier? Und waren es wirklich nur menschliche Atemzüge, die er hörte?

Bevor seine überreizte Phantasie endgültig die Oberhand gewinnen konnte, berührte ihn eine Hand an der Schulter, und Trautmans Stimme flüsterte unmittelbar neben seinem Ohr: »Der Eingang. Geh hin und halt die Augen offen!«

Das war zwar ein durchaus umsichtiger Gedanke, aber leider auch viel leichter gesagt als getan. Mike hatte mittlerweile vollends die Orientierung verloren. Er gehorchte Trautman und kroch auf gut Glück los -mit dem Ergebnis, daß er irgendwo anstieß und Lärm verursachte.

Und die Reaktion blieb nicht aus. Die bisher gleichmäßigen Atemzüge eines der Schläfer veränderten sich plötzlich. Ein Räuspern und Schnauben erklang, und dann konnte Mike hören, wie sich jemand umständlich aufsetzte. »Was ist denn los?« murmelte eine verschlafene und leicht verärgert klingende Stimme. »Matthew, bist du

- ?« »Keinen Laut!« sagte Trautman erschrocken. »Um Gottes willen, seien Sie still!«

Die Stimme verstummte tatsächlich, und für ungefähr eine Sekunde wurde es absolut still. Dann raschelte etwas, und plötzlich durchschnitt ein weißer, sehr heller Lichtstrahl die Dunkelheit und richtete sich direkt auf Trautmans Gesicht. Trautman zog eine Grimasse und hob hastig die Hand vor die Augen. »Machen Sie das Licht aus!« sagte er erschrocken. »Wollen Sie, daß sie uns erwischen?« Das Licht erlosch keineswegs, aber der Lichtstrahl ließ zumindest Trautmans Gesicht los, huschte einmal durch den Raum und richtete sich dann gegen die Decke. Mike sah jetzt, warum es ihm so schwergefallen war, die Zeltplane anzuheben. Sie bestand nämlich keineswegs aus Stoff, sondern aus einem sonderbar grob anmutenden Leder -das zweifellos nichts anderes als Dinosaurierhaut war und somit viel dicker und schwerer als das Leder, das Mike kannte. Nachdem der Bärtige die Lampe gehoben hatte, wurde es schlagartig viel heller im Zelt. Mike blickte automatisch nach oben und erkannte, daß unter dem Zeltdach ein gebogener Spiegel aus kupferfarbenem Metall befestigt war, der das Licht der kleinen Lampe zurückwarf und zugleich im ganzen Raum verteilte: eine Anordnung, die mit einem Minimum an Aufwand für ein Maximum an Ergebnis sorgte.

Im Licht dieser erstaunlichen Lampe erkannte er vier niedrige, mit Stroh gedeckte Liegen, auf denen sich nun nacheinander drei Männer und eine sehr junge Frau aufrichteten. Sie wirkten ziemlich verschlafen, und bis auf den bärtigen Mann, der die Lampe hielt, schienen sie im allerersten Moment gar nicht zu begreifen, was sie sahen. Selbst dieser starrte Trautman nur mit offenem Mund an. »Mister Mason?« fragte Trautman hastig. Zwei der Männer nickten, und Trautman wandte sich der Einfachheit halber an den, der die Lampe hielt. »Bitte stellen Sie jetzt keine überflüssigen Fragen. Wir haben nicht viel Zeit. Wir sind hier, um Sie herauszuholen. «

Der Bärtige nickte und stellte natürlich doch sofort eine Frage: »Wer... wer sind Sie?« »Freunde Ihrer Tochter«, antwortete Trautman. »Annie?« Mason richtete sich mit einem Ruck vollständig auf: »Was ist mit ihr? Ist sie gesund?« Trautman deutet ihm hastig, leiser zu sein. »Ihrer Tochter geht es gut«, antwortete er. »Wir bringen Sie zu ihr -wenn Sie ein bißchen vorsichtiger sind, heißt das. Nicht so laut. Und bitte, machen Sie das Licht aus!« Er wandte sich wieder an Mike. »Zum Ausgang, schnell. « Mike tat endlich, was Trautman ihm sagte, und kroch auf Händen und Knien zur anderen Seite des Zeltes. Der Ausgang war mit einer schweren Zeltplane verschlossen, und es bereitete ihm einige Mühe, sie so weit aufzuschieben, daß er hindurchspähen konnte. Aber er achtete streng darauf, daß kein verräterischer Lichtstrahl nach draußen fiel. Sekundenlang blickte er gebannt in die dunkelblaue Nacht hinaus, die das Zelt umgab, dann machte er eine beruhigende Geste in Trautmans Richtung.

»Wo ist sie?« fuhr Mason, der natürlich gar nicht daran dachte, die Lampe zu löschen, aufgeregt fort. »Was ist mit meiner Tochter? Wo haben Sie sie gefunden?« »Sie ist ganz in der Nähe«, antwortete Trautman. »Wir bringen Sie zu ihr. Wenn wir hier herauskommen, heißt das. Was ist mit Ihnen? Sind Sie unverletzt? Können Sie laufen?«

»Uns ist nichts passiert«, antwortete Mason. »Sie haben uns nichts getan, bisher wenigstens. Aber wo kommen Sie her. Wer - «