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»Warum nicht?« fragte Mason trotzig. »Auf diese Weise hätten sie jedenfalls Besseres zu tun, als uns zu jagen. « In Trautmans Augen blitzte es zornig auf. »Also gut«, sagte er mit mühsam beherrschter Stimme. »Wir reden später darüber. Der Schaden ist einmal angerichtet; sehen wir, daß wir das Beste daraus machen. « Und es wurde auch wirklich Zeit, daß sie wegkamen. Die Dinosauroiden waren zwar verschwunden, aber die Tiere in ihrer Nähe wurden immer unruhiger. Der Boden zitterte unter dem wütenden Stampfen und Trampeln der Kolosse, und das Knurren der Tiere klang nun eindeutig drohend. So schnell sie konnten, verließen sie die Herde endgültig und wandten sich nach Süden. Natürlich hatten die anderen nicht am Fuße des großen Baumes auf sie gewartet, sondern kamen ihnen entgegen, lange ehe sie den Waldrand überhaupt erreichten; allen voran Serena, auf deren Gesicht sich bei Mikes Anblick ein Ausdruck von solcher Erleichterung breitmachte, daß er für einen Moment fast die Gefahr vergaß, in der sie noch immer schwebten. Sie rannte auf ihn zu und breitete im Laufen die Arme aus, wie um ihm um den Hals zu fallen, aber im allerletzten Moment besann sie sich dann doch eines anderen und blieb abrupt stehen. Für eine Sekunde sah sie beinahe verlegen drein, aber da außer Mike niemand etwas davon bemerkt zu haben schien, fing sie sich sofort wieder. »Wie ist es gelaufen?« fragte Ben. »Wo wart ihre so lange, und -«
»Annie!« Mason schrie so laut auf, daß man es weithin hören mußte, und war mit ein paar gewaltigen Sätzen bei seiner Tochter und schloß sie in die Arme. »Annie, du lebst! Und du bist gesund!« Er drückte sie so heftig an sich, daß das Mädchen für einen Moment keine Luft mehr bekam, wirbelte sie ein paarmal im Kreis herum und setzte sie schließlich lachend zu Boden. »Gott im Himmel sei Dank, du lebst!«
»Wo wart ihr so lange?« fragte Ben noch einmal, und jetzt direkt an Mike gewandt. »Was hatte dieser Lärm zu bedeuten? Wir haben schon gedacht, sie hätten euch erwischt. «
»Das hätten sie auch fast«, antwortete Trautman an Mikes Stelle. Er warf Mason einen bösen Blick zu. Die Schiffbrüchigen waren allesamt damit beschäftigt, abwechselnd Annie zu umarmen und sich immer wieder aufs neue davon zu überzeugen, daß das Mädchen tatsächlich unverletzt und wohlauf war. Die noch immer bedrohliche Lage, in der sie sich nach wie vor befanden, schienen sie vollkommen vergessen zu haben. „Was ist passiert?« fragte nun auch Serena. »Später. « Trautman schüttelte den Kopf und ging mit ein paar raschen Schritten zu Annies Familie hinüber. Er räusperte sich ein paarmal, mußte Mason aber schließlich am Arm ergreifen, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Ich verstehe, daß Sie sich freuen, Ihre Tochter wiederzusehen«, sagte er »Aber wir haben jetzt wirklich keine Zeit dafür. Wirmüssen hier verschwinden. « Mason löste sich mit sichtlicher Überwindung von Annie und richtet sich auf. »Sie haben recht«, sagte er. »Und wohin?«
»Keine Ahnung«, gestand Trautman. »Aber hier können wir nicht bleiben. Sie werden ganz bestimmt bald hier auftauchen. «
»Das beste wird sein, wenn wir uns in den Wald zurückziehen«, sagte Mason. »Es ist nicht ungefährlich, aber dort können wir uns zumindest verstecken. Wir sind ihnen auf diese Weise immerhin ein paar Tage lang entkommen. « Er zögerte einen Moment, dann fuhr er in verlegenem Tonfall fort: »Ich habe mich noch gar nicht bei Ihnen bedankt. Gestatten Sie, daß ich das nachhole. Ohne Sie wären wir diesen Ungeheuern niemals
entkommen. Weiß der Himmel, was sie uns noch angetan
hätten. «
»Was haben sie Ihnen denn angetan?« fragte Serena. Mason sah die Atlanterin verwirrt, aber auch ein bißchen feindselig an, während Mike Serena in Gedanken beipflichtete.
»Was ist das für eine Frage?« sagte Mason schließlich. »Sie haben uns verschleppt, oder nicht? Frag deine Freunde hier -schließlich haben sie uns befreit. Sie sind über uns hergefallen -«
»- nachdem Sie als erste auf sie geschossen haben«, fiel ihm Serena ins Wort. Sie deutete auf Annie. »Ich habe mit Ihrer Tochter gesprochen. Sie haben als erste auf sie geschossen. «
Für einen Moment erschien ein Ausdruck von Betroffenheit auf Masons Gesicht, der aber dann sofort in Zorn umschlug. »Wir haben uns nur verteidigt!« behauptete er. »Was hätten wir tun sollen? Sie sind plötzlich aufgetaucht, und wir mußten uns wehren! Was verstehst du schon davon?"
»Vielleicht mehr, als Sie jemals begreifen werden«, sagte Trautman.
Mason wandte sich mit einem Ruck zu ihm herum, aber in diesem Moment erklang Astaroths Stimme wieder in Mikes Kopf: Streitet euch ruhig weiter, sagte er. Ich schätze, ihr habt noch zwei Minuten, bis sie hier sind. »Sie kommen«, sagte Mike -und das reichte, um den aufkeimenden Streit auf der Stelle zu beenden. Ohne ein
weiteres Wort drangen sie in den Dschungel ein.
Während der ersten halben Stunde kamen sie überraschend gut voran. Sie folgten der Spur, die die Herde in den Wald geschlagen hatte, so daß sie trotz der fast vollkommenen Dunkelheit, die unter dem Blätterdach des Dschungels herrschte, ein rasches Tempo einschlagen konnten. Astaroth bildete jetzt nicht mehr die Vorhut, sondern lief ein Stück hinter ihnen her, um sie rechtzeitig vor irgendwelchen Verfolgern warnen zu können. Der Himmel über dem Dschungel begann sich allmählich grau zu färben, als sie das Ende der Spur erreichten -genauer gesagt, einen Punkt, an dem sie in nahezu rechtem Winkel nach Westen abknickte, so daß sie stehenblieben und einen Moment darüber diskutierten, was sie tun sollten. Wenn sie der Spur weiter folgten, konnten sie zweifellos ihr Tempo halten, vielleicht sogar noch ein wenig steigern, jetzt, wo es bald hell wurde. Aber sie würden sich dann auch wieder von der Küste entfernen und somit von ihrer einzigen Chance, diese Insel jemals wieder zu verlassen. Schließlich entschieden sie sich, das Risiko einzugehen und weiter nach Süden zu marschieren, auch wenn sie in dem dichten Unterholz viel langsamer vorankamen und zudem die Gefahr bestand, auf räuberische Bewohner dieses Dschungels zu stoßen. Zumindest waren sie nicht mehr ganz wehrlos. Die Dinosauroiden hatten Mason und die anderen zwar entwaffnet, aber Mason hatte noch eine Anzahl loser Patronen in der Jackentasche gehabt, die sie entweder übersehen oder nicht als das erkannt hatten, was sie darstellten. Trautman hatte das Gewehr damit geladen und es - zu Masons sichtlicher Enttäuschung -an Singh weitergegeben, der von ihnen allen vermutlich am besten mit einer Waffe umzugehen verstand. Mason hatte nichts dazu gesagt, aber Mike ahnte, daß die große Auseinandersetzung zwischen ihm und Trautman noch bevorstand. Jetzt war es die gemeinsame Gefahr, die sie zusammenschmiedete, aber sobald sie in Sicherheit waren, würden sie Probleme mit Mason bekommen, da war er sicher. Mike hatte die Frage, wie um alles in der Welt sie die Eiswand hinunter und an Bord der in fünfhundert Meter Entfernung wartenden NAUTILUS gelangen sollten, zwar bisher angstvoll vermieden, aber er wußte auch, daß das ihre einzige Chance war. Selbst wenn sie den Dinosauroiden irgendwie entkommen sollten
- was logisch betrachtet so gut wie unmöglich war -, wären sie in dieser unheimlichen, urzeitlichen Welt gefangen. Aber dann ging die Sonne auf, und was sie im ersten hellen Licht des Tages sahen, das machtealle Überlegungen Mikes hinfällig.
Sie hatten den Waldrand erreicht. Vor ihnen erstreckte sich eine weite, grasgewachsene Ebene, die auf einer Strecke von zwei- oder dreihundert Metern sanft anstieg und schließlich in einen Wald aus kahlen, versteinerten Bäumen überging, der sich wie ein übergroßer Stacheldrahtverhau in beiden Richtungen erstreckte, so weit der Blick nur reichte.
»Aber das ist doch... völlig unmöglich!« murmelte Mike.
»Das kann doch gar nicht sein!« »Was kann nicht sein?« Mason, der ebenso wie Mike und alle anderen überrascht stehengeblieben war, deutete auf den toten Wald. »Wir sind durch diesen Wald hierhergekommen. «
»Wir auch«, bestätigte Mike. »Aber wir können ihn noch gar nicht erreicht haben. Wir waren höchstens zwei Stunden unterwegs, und -« »Noch nicht einmal eine«, sagte Trautman. Auch er blickte den Wald am anderen Ende der Ebene ebenso fassungslos und verblüfft an wie Mike. »Und vorgestern sind wir stundenlang marschiert. Irgend etwas stimmt hier nicht. «
»Mit dieser ganzen Insel stimmt etwas nicht, wenn Sie mich fragen«, sagte Mason. »Aber das wird nicht besser, wenn wir hier herumstehen. Hinter diesem Wald liegt die Küste. Worauf warten wir?« »Sie werden erfrieren«, sagte Trautman. »Haben Sie vergessen, wie kalt es dort drüben ist?« »Immer noch besser, als aufgefressen zu werden«, antwortete Mason, »oder von diesen Ungeheuern umgebracht. Gehen wir!«
Niemand antwortete, und schließlich setzte sich Ben als erster -wenn auch sehr zögernd -in Bewegung. Die anderen folgten seinem Beispiel, aber Mike las in ihren Gesichtern, daß sie sich ebensowenig wohl dabei fühlten wie er selbst oder gar Serena. Auch er spürte immer deutlicher, daß hier irgend etwas nicht so war, wie es sein sollte. Sie hätten nicht hier sein dürfen. Sie waren Meilen um Meilen in diesen Dschungel eingedrungen und hätten den ganzen Tag brauchen müssen, um den Rückweg zu finden, vielleicht sogar mehr. Und das war es nicht allein. Es war... Er erkannte das Gefühl wieder, einen winzigen Moment, bevor der Nebel aufkam. Es war das gleiche, mit Worten kaum zu beschreibende Gefühl, das er an der Küste gehabt hatte, als sie das erste Mal in den Nebel eindrangen, ein Gefühl, als überschritten sie eine unsichtbare Grenze, hinter der alles anders war. Abrupt blieb er stehen, und fast im gleichen Moment hielten auch alle anderen an.
Zwischen den toten Bäumen über ihnen begann grauer Nebel zu wallen. Ein kühler, feuchter Hauch wehte zu ihnen herüber, und das Gefühl der Unwirklichkeit wurde so intensiv, daß Mike schauderte. »Der Nebel!« flüsterte Juan. »Das... das ist der gleiche Nebel, durch den wir gekommen sind. Das muß der Rückweg sein. Wir haben es geschafft! Wir -« Er brach mit einem Schrei ab, und auch Mike fuhr zusammen und hob erschrocken die Hände. Zwischen den Bäumen traten Gestalten hervor, große, mit glitzernden Schuppen bedeckte Gestalten mit übergroßen Augen und langen, schlanken Gliedern. Mike entdeckte sieben, acht, zehn der zweit Meter großen Echsenmänner, ehe er es aufgab, sie zu zählen, und mit einem raschen Schritt zu den anderen zurückwich, die sich instinktiv zu einer engen Gruppe zusammengefunden hatten. Ohne daß er selbst sich der Bewegung bewußt gewesen wäre, stellte er sich schützend vor Serena. Singh hatte das Gewehr von der Schulter genommen und entsichert, aber er richtete die Waffe nicht auf die Dinosauroiden.
»Worauf warten Sie, Mann?« herrschte ihn Mason an. Er hatte seine Tochter hinter sich geschoben, aber Annie fuhr plötzlich herum und rannte zu Serena, um sich hinter ihr zu verbergen. »Schießen Sie endlich!« »Um Gottes willen, Singh -nicht!« keuchte Trautman. »Eine falsche Bewegung, und wir sind tot!« Sein Blick huschte über die Reihe der reglos dastehenden Echsenmänner, und Mike konnte regelrecht sehen, wie sich die Gedanken hinter seiner Stirn überschlugen. Es waren mehr als ein Dutzend der hochgewachsenen, schuppigen Gestalten, denen sie gegenüberstanden. Selbst wenn sie genug Munition und mehr als nur ein Gewehr gehabt hätten, hätten sie wahrscheinlich keine Chance gehabt, einen Kampf mit ihnen zu bestehen. Aber Singh hatte auch gar nicht auf Masons Worte reagiert. Ganz im Gegenteil: Er senkte die Waffe noch weiter und richtete den Gewehrlauf nun ganz auf den Boden. Mike betete, daß die Dinosauroiden die Bedeutung dieser Geste verstanden.
»Verdammt, worauf warten Sie?« fragte Mason wütend. »Wir müssen etwas tun!«
»Ja«, sagte Ben ruhig. »Vielleicht drehen Sie sich einmal um, Sie Schlaukopf. Die Kavallerie ist da. « Mason starrte ihn eine halbe Sekunde lang verständnislos an, drehte sich dann wieder zum Wald herum und keuchte vor Schrecken. Seine Augen wurden groß. Jedes bißchen Farbe wich schlagartig aus seinem Gesicht.
Auch der Waldrand war nicht mehr leer. Das Gebüsch hatte sich geteilt, und was daraus hervorgetreten war, das war das ungeheuerlichste Geschöpf, das Mike jemals zu Gesicht bekommen hatte. Es glich in etwa dem Allosaurier, aber es war viel größer -Mike schätzte sein Gewicht auf mindestens zehn Tonnen und seine Länge vom Kopf bis zur Schwanzspitze auf gute fünfzehn Meter, wenn nicht noch mehr. Der Kopf, der wie der des Allosauriers überproportional groß und mit einem fürchterlichen Gebiß ausgestattet war, hatte die Abmessung eines kleinen Bootes, und was Mike in den faustgroßen, dunklen Augen las, die aus mehr als sechs Metern Höhe auf ihn herabblickten, das war ein Ausdruck von solcher Wildheit und Wut, daß er innerlich zusammenfuhr. Und obwohl es keinen Menschen auf der Welt gab, der ein Geschöpf wie dieses jemals lebend zu Gesicht bekommen hatte, gab es wohl auch kaum jemanden, der es nicht sofort erkannt hätte...
»Das... das ist ein Tyrannosaurus rex!« flüsterte Chris. Allein bei dem Gedanken sträubten sich Mike sämtliche Haare, aber Chris' Stimme klang viel mehr bewundernd als erschrocken.
»Nein«, sagte Ben ruhig. »Das sind ein Dutzend Tyrannosaurier. «
Neben dem ersten Riesensaurier erschien ein zweiter, dritter, vierter... es mußten in Wahrheit weit mehr als ein Dutzend der gigantischen Tiere sein, die mit einer unheimlichen Lautlosigkeit hinter ihnen aus dem Dschungel hervortraten - und im Nacken jedes einzelnen dieser Kolosse saß ein Dinosauroide. Und plötzlich begriff Mike, wie naiv ihre Hoffnung gewesen war, diesen Geschöpfen tatsächlich entkommen zu können. Wahrscheinlich waren sie die ganze Zeit über hinter ihnen gewesen. So, wie sie sie von der ersten Minute seit ihrer Ankunft in diesem Land jenseits der Zeit beobachtet hatten. Und ganz plötzlich, ohne daß er einen Grund für dieses Wissen hätte nennen können, aber auch ohne daß es nur den mindesten Zweifel daran gegeben hätte, wußte er noch etwas: Nichts war Zufall gewesen. Weder sein Zusammentreffen mit dem Allosaurier noch ihr Abenteuer mit den Raptoren, ja, nicht einmal ihre Flucht aus dem Lager. Sie waren geprüft worden. Und sie hatten diese Prüfung nicht bestanden. »Das ist das Ende«, murmelte Mason. »Sie werden uns umbringen!«
»Nein!« Serena schrie plötzlich gellend auf und wirbelte auf der Stelle herum. »Sie wollen nur mich! Lauft! Bringt euch in Sicherheit! Ich halte sie auf!« Und damit rannte sie los und stürmte den Dinosauroiden entgegen.
»Serena! Nein!« schrie Mike. Ohne nachzudenken, lief er hinter Serena her, aber obwohl er rannte, so schnell er nur konnte, holte er sie erst ein, als sie die Tyrannosaurier fast erreicht hatte. Mit einem Ruck riß er sie an der Schulter zurück, aber er hatte seine eigene Kraft unterschätzt: Die Bewegung brachte sie beide aus dem Gleichgewicht. Sie stürzten. Mike sah einen riesigen, geschuppten Umriß aus den Augenwinkeln und warf sich instinktiv schützend über Serena. Aneinander geklammert prallten sie gegen einen Fuß, der ein gutes Stück länger war als Mike, und blieben benommen liegen. Zögernd und mit jagendem Herzen hob Mike den Kopf. Das erste, was er sah, war eine Kralle, die unmittelbar vor seinem Gesicht aufragte und länger war als seine Hand, dann wanderte sein Blick an dem dazugehörigen Bein nach oben und blieb schließlich an einem ausdruckslosen Echsengesicht hängen. Irgend etwas daran kam ihm bekannt vor, aber er sagte sich selbst, daß das unmöglich war. Für menschliche Augen sah ein Dinosauroide aus wie der andere.
Die Zeit schien stehenzubleiben. Mike sah aus den Augenwinkeln, wie Singh und auch Trautman versuchten, ihnen zu folgen, aber plötzlich löste sich einer der gigantischen Raubsaurier von seinem Platz am Waldrand und war mit nur zwei gewaltigen Schritten zwischen ihnen und Mike und Serena. Mike bemerkte es gar nicht richtig. Sein Blick war wie hypnotisiert auf das geschuppte Echsengesicht des Dinosauroiden über ihnen gerichtet. Er war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, ja, er konnte nicht einmal wirklich Furcht empfinden. Etwas im Blick dieser großen, nur scheinbar starren Reptilienaugen lähmte ihn. Schließlich, nach Sekunden, die sich zu hundert Ewigkeiten gedehnt hatten, glitt der Echsenmann von seinem Platz im Nacken des riesigen Sauriers herunter, sprang dicht neben Mike und Serena zu Boden und streckte die Hand aus. Mike beobachtete vollkommen fassungslos, wie Serena ohne die mindeste Furcht danach griff und sich von dem fremdartigen Geschöpf auf die Füße helfen ließ.
Dann war er an der Reihe. Ein unheimliches, nie gekanntes Gefühl durchströmte ihn, als er die kalte Schuppenhaut des Wesens berührte. Von dem riesenhaften Geschöpf ging eine Ruhe und ein Gefühl derGeborgenheit aus, das in krassem Widerspruch zu seinem Äußeren stand. Er hatte keine Angst. Er wußte plötzlich, daß es nicht den allermindesten Grund gab, Angst vor diesen Wesen zu empfinden. Ganz ruhig stand er auf und trat einen Schritt zurück und an Serenas Seite. Keiner von ihnen sprach. Dies war nicht der Moment für Worte.
Jetzt verging wirklich eine geraume Weile, in der sie nur dastanden und den Dinosauroiden ansahen, der ihren Blick ruhig erwiderte. Und während er das tat, veränderte sich abermals etwas in Mike. Schon einmal hatte er gespürt, wie falsch der Eindruck war, den sie alle von dieser Welt gehabt hatten, aber nun spürte er es nicht nur, nun wußte er es. Der scheinbare Ausdruck von Fremdartigkeit, von Feindschaft, den er bisher in den Augen der Echsenmänner zu sehen geglaubt hatte, war das Gegenteil
-er stand einem Wesen gegenüber, das unglaublich alt war, auf eine Art und Weise, die sich dem menschlichen Begreifen entzog. Er blickte in die Augen eines Geschöpfes, das in vollkommenem Einklang mit sich und der Natur lebte, einer denkenden Kreatur, deren Volk sechzigmal so lange wie die Menschen Zeit gehabt hatte, seinen Platz im großen Plan der Natur zu finden. Daß es auf dieser Insel kein Zeichen von Technik oder irgendeiner der Menschen vergleichbaren Kultur gab, war kein Zeichen von Rückständigkeit, sondern einer tiefen Bescheidenheit, die Teil der Natur der Dinosauroiden sein mußte - vielleicht hatten diese Wesen irgendwann einmal, vor undenklichen Zeiten, den gleichen Weg beschriften wie die Menschen, aber wenn, dann hatten sie schon vor fast ebensolanger Zeit begriffen, daß er falsch war. Sie brauchten diese Wesen nicht zu fürchten. Die Dinosauroiden wußten nicht einmal, was das Wort Feindschaft bedeutete. Ein zweiter Echsenmann gesellte sich zu ihnen. Auch er kam Mike auf sonderbare Weise bekannt vor und dann sah er, daß er ganz leicht humpelte, und wußte, woher er diese beiden kannte. Es waren die Dinosauroiden, die Ben und er vor dem Allosaurier gerettet hatten jedenfalls hatte er geglaubt, dies zu tun. Der neu hinzugekommene Echsenmann hielt das Gewehr in den Händen, das Singh bisher getragen hatte. Einen Moment lang blieb er reglos stehen, sah erst Mike, dann Serena durchdringend an -und dann zerbrach er die Waffe ohne die mindeste sichtbare Anstrengung in zwei Hälften, die er fallen ließ.
Mike lächelte. Vielleicht würden sie niemals mit diesen Wesen sprechen können, aber es gab Gesten, die wohl überall im Universum und bei allen denkenden Kreaturen verstanden wurden, und das, was der Dinosauroide getan hatte, gehörte dazu.
»Ich... ich glaube, ich habe euch verstanden«, sagte Mike. Und der Dinosauroide schien wohl auch ihn zu verstehen, denn obwohl sein Gesicht nicht in der Lage dazu war, schienen seine Augen doch für einen Moment so etwas wie ein Lächeln auszudrücken. Dann drehte er sich herum und ging zu seinem bizarren Reittier zurück, und auch der zweite Echsenmann stieg wieder auf den Rücken seines Riesensauriers hinauf. Und ebenso lautlos, wie sie erschienen waren, wandten sich die geschuppten Kolosse um und verschwanden wieder im Wald.
Mike stand noch lange da und sah ihnen nach, und selbst, als Serena ihn schließlich an der Schulter berührte, fiel es ihm schwer, in die Wirklichkeit zurückzukehren. Er war plötzlich nicht mehr sicher, daß es so etwas wie eine absolute Wirklichkeit überhaupt gab.
»Warum... warum hast du das getan?« fragte Serena. Sie wirkte sehr verstört.
»Was?« fragte Mike.
»Du bist mir nachgekommen, obwohl... obwohl du glauben mußtest, daß es dein Tod ist«, antwortete Serena. »Warum hast du das getan?« Mike hätte antworten können, daß er einfach Angst um sie gehabt hatte, und das wäre die Wahrheit gewesen, und er hätte auch antworten können, daß er eigentlich gar nicht nachgedacht hatte, sondern einfach blindlings losgestürmt war, und auch das wäre die Wahrheit gewesen, aber statt dessen sagte er: »Weil du dich geirrt hast, Serena. Ebenso wie deine Vorfahren. « »Geirrt? Wieso?«
»Ihr habt geglaubt, daß sie uns Menschen hassen, weil wir alles sind, was sie jemals hätten werden können?«
Mike schüttelte lächelnd den Kopf. »Es ist genau anders herum, Serena. Ich glaube, ich kenne jetzt das Geheimnis dieser Insel. Sie sind alles, was wir vielleicht irgendwann einmal werden können. Sie hassen uns nicht, Serena. Sie wissen nicht einmal, was dieses Wort bedeutet. « »Das verstehe ich nicht«, murmelte Serena. Mike lachte. »Irgendwann wirst du es verstehen«, sagte er.
Und damit legte er Serena den Arm um die Schultern, drehte sich herum, und sie gingen langsam zu den anderen zurück. Hinter ihnen begann der Nebel dichter zu werden, der sie zurück zur NAUTILUS und in ihre Welt bringen würde, von der er nun wußte, daß sie nicht die einzig wirkliche, sondern vielleicht nur eine von zahllosen anderen war. Und vielleicht nicht einmal die beste.