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»Hierhergekommen? Aber ich dachte, Juan und du -« »Wir haben sie nicht mitgenommen«, unterbrach ihn Mike. »Und mit Ihnen und Ben ist sie auch nicht gekommen, nicht wahr? Und ein drittes Boot gibt es auf der NAUTILUS nicht. «
»Ist das wahr?« Trautman dreht sich wieder zu Serena herum. Sie machte immer noch keine Anstalten, zu reagieren, aber Trautmans Geduld war nun wohl erschöpft. Er ergriff das Mädchen an der Schulter und zwang es, ihm ins Gesicht zu sehen. »Du weißt, was das für eine Insel ist? Und wie man hierherkommt?« fragte er. »Bitte Serena, es ist wichtig. Vielleicht hängt unser aller Leben davon ab. «
Serena machte sich mit sanfter Gewalt los und betrachtete Mike mit einem Blick, der einen Granitblock in Trümmer gerissen hätte. »Ich weiß gar nichts«, sagte sie trotzig.
»Nein, bestimmt nicht«, sagte Juan. »Deswegen hast du auch die ganze Zeit über kein einziges Wort gesagt, seit wir hergekommen sind, und das schlechte Gewissen steht
dir sozusagen in Leuchtbuchstaben auf der Stirn
geschrieben. «
»Es ist... nur eine Legende«, antwortete Serena ausweichend. »Eine Geschichte, die mir meine Eltern erzählt haben. Wenigstens habe ich das bis heute morgen geglaubt. «
»Dann ist Mike wahrscheinlich nur von einem eingebildeten Monster beinahe gefressen worden, wie?« fragte Juan spöttisch.
Trautman machte eine abwehrende Bewegung in seine Richtung und streckte wieder die Hand nach Serena aus, ohne sie diesmal jedoch zu berühren. »Eine Legende? Erzähl sie uns. «
»Das Versunkene Land«, sagte Serena. »Es heißt, daß nur die Könige von Atlantis das Versunkene Land betreten können. «
»Das Versunkene Land?« wiederholte Trautman. »Du meinst diese Insel hier?«
Serena nickte zögernd. Sie wich Trautmans Blick wieder aus, aber jetzt wirkte sie nicht mehr trotzig, sondern nur noch sehr verängstigt. Sie tat Mike plötzlich sehr leid. »Sie muß es wohl sein«, sagte sie.
»Ich... ich habe ja selbst gedacht, das es nur eine Legende ist, aber ich bin heute morgen oben im Turm der NAUTILUS gewesen, kurz nachdem Mike und Juan losgefahren sind, und da... da habe ich gesehen, wie die Insel für einen Moment verschwunden ist. « »Und du hast uns nichts davon gesagt?« Ben riß ungläubig die Augen auf.
»Ich wußte es doch nicht sicher!« verteidigte sich Serena. Sie sah mit einem Male aus, als hielte sie nur noch mit letzter Kraft die Tränen zurück. »Ich dachte, ich könnte einfach hinübergehen und... und jederzeit wieder zurückkommen!« »Das Versunkene Land«, erinnerte Trautman. »Du wolltest uns die Geschichte erzählen. « Serena hob unglücklich die Schultern und begann nervös mit einem Grashalm zu spielen. »Ich weiß nur, was meine Eltern mir darüber gesagt haben«, erwiderte sie. »Es heißt, daß es ein Land gibt, das jenseits der Zeit existierte. Eine große Insel. «
»Jenseits der Zeit?« Ben lachte nervös. »Was soll denn dieser Blödsinn heißen?«
»In einer anderen Zeit als unserer«, erklärte Serena. »In der Legende heißt es, daß die Erde früher einmal von anderen Wesen beherrscht worden sei. Keinen Menschen, aber auch keinen Tieren, wie wir sie kennen. Es heißt, daß sie über unendliche Zeit hinweg die wahren Herren dieser Welt gewesen sein sollen. Aber dann, eines Tages, stürzte ein brennender Stern auf die Erde, und er löschte diese Wesen aus und fast alle anderen Geschöpfe mit ihnen. Nur eine einzige Insel hat die Katastrophe überstanden, aber sie wurde aus unserer Wirklichkeit herausgeschleudert und existierte seither in einer anderen, eigenen Zeit. Aber manchmal kehrt sie zurück, für einige Stunden oder auch Tage, und die Könige von Atlantis können sie dann betreten. « »Was für ein hanebüchener Unsinn!« empörte sich Ben. »Keineswegs«, sagte Chris.
»Wie?« Ben legte die Stirn in so tiefe Falten, daß er für einen Moment fast so alt wie Trautman aussah. »Was meinst du damit, Schlaukopf?«
»Ich finde, es hört sich nicht wie Unsinn an«, antwortete Chris ruhig. »Die Dinosaurier haben die Erde jahrmillionenlang beherrscht. Viel länger als die Menschen. Eine Menge Wissenschaftler glauben, daß ein großer Meteor herabgestürzt ist und sie ausgelöscht hat und einen Großteil des restlichen Lebens auf der Welt auch. Das hört sich verdammt nach dem an, was Serena gerade erzählt hat. «
»Ja, und außerdem hat er ein Loch in die Zeit gerissen, durch das diese Insel gefallen ist, wie?« Ben tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. »Das hört sich auch unglaublich logisch an, finde ich. « »Es klingt tatsächlich etwas seltsam«, räumte Trautman ein. »Aber auf der anderen Seite... wir sind hier, daran gibt es nichts zu rütteln. « »Und außer uns wahrscheinlich noch mehr Menschen«, erinnerte Juan. »Wenn wir sie aufspüren, dann finden wir vielleicht zusammen einen Weg, wieder von hier wegzukommen. «
»Aber das ist doch gar nicht nötig«, sagte Chris. Er drehte sich zu Serena herum und blickte sie hoffnungsvoll an. »Wir können doch auf dem gleichen Weg zurück, auf dem wir hergekommen sind, oder?« Serena antwortete nicht. Sie sah auch Chris nicht an, sondern blickte so konzentriert auf den Boden zwischen ihren Füßen, als gäbe es dort plötzlich etwas ungemein Wichtiges zu entdecken. »Oder? « fragte nun auch Trautman -in einem Ton, der in Mike das ungute Gefühl aufkommen ließ, daß er die Antwort auf diese Frage zu kennen glaubte. »Ich... habe doch gesagt, daß es nur eine Legende ist«, antwortete Serena schließlich, ohne den Blick zu heben. »Es heißt nur, daß die Könige von Atlantis das versunkene Land betreten können. « Für ein paar Augenblicke breitete sich betroffenes Schweigen in der Runde aus, während jeder auf seine Weise zu verstehen versuchte, was Serena mit diesen Worten wohl genau meinte. »Ganz langsam«, murmelte Ben schließlich. »Du... du
willst damit etwa sagen, daß du nicht weißt, wie wir hier wieder wegkommen? Im Klartext: Wir sitzen hier fest. Es gibt keinen Weg zurück. « »Doch«, antwortete Serena hastig. »Den gibt es bestimmt. Ich meine, wenn... wenn man das Versunkene Land nicht auch wieder verlassen könnte, dann wüßte ja auch niemand von seiner Existenz. Es gibt bestimmt einen Weg zurück. Es ist nur so, daß... daß ich ihn nicht kenne. Auf dem Weg, auf dem ich hergekommen bin, geht es jedenfalls nicht. « »Du hast es ausprobiert? « vermutete Trautman. Serena nickte niedergeschlagen. »Schon vorhin«, sagte sie. »Unten am Strand, bevor wir die Wand hinaufgestiegen sind. «
»Du meinst, deine Eltern haben dir zwar verraten, wie man hierher -, aber nicht, wie man wieder zurückkommt?« fragte Ben ungläubig. »Ich habe sie nie gefragt«, gestand Serena. »Phantastisch«, murmelte Ben. »Das war eine echte Glanzleistung. Mein Kompliment. « »Bitte, Ben«, sagte Trautman. »Es ist genug. Wir wußten ja nicht einmal, daß wir Serena hier treffen -also tu bitte nicht so, als wäre es allein ihre Schuld. Wir wären auch ohne sie zur Insel hinübergefahren. « »Ja, aber dann wäre jetzt vielleicht noch jemand an Bord des Schiffes, um uns zu helfen«, maulte Ben. »Wir werden auch einen Weg zurück zur NAUTILUS finden«, antwortete Trautman, auch wenn seiner Stimme dieÜberzeugungskraft fehlte, um die Worte wirklich glaubhaft zu machen. »Sobald Astaroth zurück ist, brechen wir auf und versuchen die Leute zu finden, deren Lager Singh entdeckt hat. « Er sah sich suchend in der Runde um. »Wo bleibt er eigentlich?« Auch Mike blickte um sich, konnte Astaroth aber ebensowenig entdecken wie Trautman. Aber schon hörte er die lautlose Stimme des Katers hinter seiner Stirn, was so ganz nebenbei bewies, daß Astaroth seine alte Unsitte, insgeheim die Gedanken der Menschen in seiner Nähe zu belauschen, wohl doch noch nicht so ganz abgelegt hatte, wie er immer beteuerte. Die Luft ist rein. Ihr könnt kommen. Geht einfach geradeaus. Singh kennt den Weg.
Es war der seltsamste Wald, den Mike jemals gesehen hatte. Die Bäume standen in kleinen, lockeren Gruppen beieinander, zwischen denen große freie Bereiche lagen, die aber ihrerseits wieder so sehr von Unterholz, Gebüsch und ineinandergewachsenen Grünpflanzen überwuchert waren, daß ein Durchkommen fast unmöglich wurde. Mike erkannte nach und nach doch einige Pflanzen, die er schon einmal gesehen hatte, wenngleich die meisten zugleich seltsam verändert erschienen und fast alle wesentlich größer waren, als er es gewohnt war. Vor allem die Farne versetzten ihn in blankes Erstaunen. Viele von ihnen hatten tatsächlich die Größe von Bäumen, deren Wipfel sich fünfundzwanzig oder dreißig Meter weit in die Höhe erstrecken mußten, und es gab eine Unzahl von Parasitenpflanzen, die ihrerseits wieder auf den riesigen Blättern Fuß gefaßt hatten und so beinahe eine Art zweiten Wald über dem Erdboden bildeten.
Das Lager, daß Singh entdeckt hatte, befand sich tatsächlich ganz in der Nähe. Sie hatten gerade die erste Baumgruppe hinter sich gebracht und umgingen in respektvollem Abstand einen sumpfigen Flecken, in dessen Zentrum es bedrohlich brodelte und zischte, als Astaroth vor ihnen aus dem Gebüsch auftauchte und sie die letzten Meter führte. Mike war ein bißchen enttäuscht, als das Lager schließlich vor ihnen lag -wie Singh gesagt hatte, bestand es im Grunde nur aus einer sorgsam mit Steinen abgegrenztenFeuerstelle. Der Boden ringsum war zertrampelt, einige Äste und Blätter geknickt, aber das war auch alles -sie fanden keine liegengelassenen Ausrüstungsgegenstände, keine Reste von Mahlzeiten oder auch nur einen Fetzen weggeworfenes Papier. Wer immer hier gelagert hatte, hatte sich große Mühe gegeben, den Platz im gleichen Zustand zu verlassen, in dem er ihn angetroffen hatte. Das paßte einfach nicht zurVorstellung einer Gruppe Schiffbrüchiger, die in diesem Wald um ihr Überleben kämpfte. Und es paßte vor allem nicht zu dem, was sie am vergangenen Tag gehört hatten.
»Sie scheinen in nördlicher Richtung weitergezogen zu sein«, sagte Trautman, nachdem er zusammen mit Singh eine ganze Weile die nähere Umgebung abgesucht hatte. Die Spuren wiesen tatsächlich nach Norden, verloren sich aber schon nach wenigen Schritten auf dem härter werdenden Boden. »Das haben sie ja auch gesagt«, erinnerte Juan. »Sie wollten zum Fluß. Folgen wir ihnen?« Nicht nur zu Mikes Verwunderung zögerte Trautman einen Moment mit der Antwort. »Ich bin nicht sicher, ob das wirklich klug wäre«, sagte er. »Aber der Fluß ist ganz in der Nähe«, sagte Chris. »Man konnte ihn vom Hügel aus doch sehen. « »Darum geht es nicht. « Trautman ließ seinen Blick aufmerksam über die grüne, undurchdringlich erscheinende Wand gleiten, die die kleine Lichtung an drei Seiten umgab. Der Gedanke, tiefer in den Dschungel einzudringen, schien ihm ebensowenig zu behagen wie Mike. »Vielleicht sollten wir uns nicht so weit ins Landesinnere vorwagen. Es wird schon schwer genug sein, von hier aus zurückzukommen. Wenn wir erst einmal tiefer in dem Wald sind, finden wir die Küste vielleicht nie wieder. Außerdem bin ich nicht sicher, daß das hier die Leute waren, deren Funkspruch wir gehört haben. « »Wieso?« wollte Ben wissen. Trautman deutete auf den Kreis aus noch immer nicht ganz erkalteter Asche. »Es sieht nicht so aus«, sagte er. »Menschen, die um ihr Leben rennen, hinterlassen ihr Lager nicht so aufgeräumt. «
»Vielleicht wollten sie ihre Spuren verwischen«, ant
wortete Ben, aber Trautman schüttelte abermals den Kopf.
»Dann hätten sie erst gar kein Feuer gemacht oder die Stelle mit Blättern und Erde abgedeckt«, antwortete er. »Und denkt nur an die Schüsse, die wir gehört haben. Hier müßten Patronenhülsen herumliegen... irgend etwas. Ich glaube, das hier war jemand anders. « »Noch mehr Schiffbrüchige?« Ben wiegte zweifelnd den Kopf. »Für ein Land, von dessen Existenz kein Mensch auf der Welt weiß, herrscht hier aber ein ganz schöner Betrieb. «
Trautman blieb ernst. »Wahrscheinlich wird uns nichts anderes übrigbleiben«, sagte er. »Aber es gefällt mir nicht. Wir sollten auf jeden Fall vorsichtig sein. « »Wenn wir wenigstens eine Waffe hätten!« murmelte Ben. »Wenn wir wieder auf einen solchen Saurier treffen wie vorhin -«
»-würden uns Gewehre auch nicht viel nutzen«, unterbrach ihn Trautman. »Du glaubst doch nicht, daß du einen solchen Riesen einfach erschießen könntest?« Er beendete das Thema mit einer entschiedenen Handbewegung. »Wir müssen eben vorsichtig sein. « »Außerdem gibt es wahrscheinlich nicht sehr viele von ihnen«, fügte Chris hinzu. »Wieso?« fragte Ben.
»Weil sie dann längst alle kleineren Tiere in der Umgebung gefressen hätten«, antwortete Chris. »Ein solcher Räuber braucht wahrscheinlich ein Jagdrevier, das so groß ist wie London. Er muß jeden Tag sicher eine halbe Tonne Fleisch fressen. Wir alle zusammen wären wahrscheinlich nicht einmal genug, um ihn sattzubekommen. «
»Wie beruhigend«, murmelte Ben. »Es tut richtig gut, ein wanderndes Lexikon bei sich zu haben. « Chris verzichtete auf eine Antwort, und für eine Weile schwiegen sie alle.
»Also gut«, sagte Trautman schließlich, und man konnte ihm anhören, wie schwer es ihm fiel, diese Worte auszusprechen. »Stimmen wir ab. Wer ist dafür, zur Küste zurückzugehen?« Er hob selbst die rechte Hand, aber er war der einzige. Einige Sekunden lang wartete er vergebens darauf, daß sich einer der anderen seiner Haltung anschloß, dann ließ er den Arm wieder sinken. Auf den zweiten Teil der Abstimmung verzichtete er gleich ganz.
Der Fluß mußte wesentlich weiter entfernt sein, als es von oben aus den Anschein gehabt hatte, denn sie marschierten mehr als zwei Stunden durch den urzeitlichen Dschungel, ehe sie ihn erreichten. Mike und die anderen bekamen in diesen beiden Stunden Pflanzen und Geschöpfe zu Gesicht, die vor ihnen vielleicht noch kein anderer Mensch gesehen hatte, und die Welt, in die sie mit jedem Schritt tiefer eindrangen, war so voller Wunder, daß es nicht lange dauerte, bis sie allmählich selbst ihre Furcht zuvergessen begannen. Was Mike am allermeisten erstaunte, das war der schiere Überfluß an Leben, auf den sie trafen. Es gab buchstäblich keinen Fußbreit Boden, auf dem es nicht krabbelte, kroch und sich bewegte, kein Fleckchen in dem grünen Gewirr über ihren Köpfen, in dem nicht beständig irgend etwas raschelte, kroch, hüpfte oder flatterte. Alles schien in ununterbrochener Bewegung zu sein, und er konnte das Leben, das sie überall, sichtbar und unsichtbar, umgab, regelrecht fühlen, wie eine knisternde,unsichtbare Energie, die alles durchdrang. Und die zweitgrößte Überraschung war, daß dieses Leben zum allergrößten Teil vollkommen harmlos zu sein schien. Sie trafen nur zweimal auf Geschöpfe, um die sie vorsichtshalber einen Bogen schlugen -einmal auf eine Schlange, die vor ihnen über den Weg kroch und deren Länge Mike nicht einmal zu schätzen wagte, denn ihr Körper war so dick wie der eines Mannes, das zweite Mal auf ein riesiges Spinnennetz, dessen Bewohner sie nicht zu Gesicht bekamen - die Fäden waren so dick wie Mikes kleiner Finger.
Als sie endlich das Flußufer erreichten, waren sie vollkommen erschöpft. Sie hatten ihre warmen Jacken längst ausgezogen, aber die Hitze machte ihnen trotzdem zu schaffen, und das Gehen in dem fast undurchdringlichen Dschungel war über die Maßen anstrengend gewesen, und außerdem machten sich auch Hunger und Durst bemerkbar. Sie hatten ja nicht damit gerechnet, länger als wenige Stunden auf der Insel zu bleiben, und hatten somit keinerlei Vorräte mitgebracht. Zwar gab es im Wald reichlich Früchte und Beeren, aber sie hatten es nicht gewagt, irgend etwas davon anzurühren. Was verlockend aussah, mochte in Wirklichkeit giftig sein -immerhin bewegten sie sich durch eine Vegetation, die es auf der Erde gegeben hatte, mehr als sechzig Millionen Jahre, bevor der Mensch erschien. Zumindest ihren Durst konnten sie stillen. Mike war der erste, der sich am
Flußufer auf die Knie sinken ließ und die Hände in das eiskalte Wasser tauchte. Für eine Sekunde schoß ihm die Möglichkeit durch den Kopf, daß auch dieses Wasser ungenießbar sein könnte, aber er schenkte diesem Gedanken kaum Beachtung. Sie konnten ohne Essen Tage, vielleicht sogar Wochen durchhalten, aber trinken mußten sie. Aber anstatt bitter oder gar ungenießbar zu sein, schmeckte das kristallklare Wasser so köstlich und süß wie selten etwas, das Mike getrunken hatte. Es war sehr kalt, viel kälter, als er erwartet hatte, und schon die ersten Schlucke stillten seinen Durst nachhaltig. Trotzdem blieb er noch eine Weile am Ufer sitzen und blickte auf das rasch dahinfließende Wasser hinaus. Der Fluß war sehr breit -sicher eine halbe Meile -und seine Strömung war so stark, daß an eine Überquerung nicht zu denken war. Das jenseitige Ufer war nur als grüner Strich zu erkennen, und der Dschungel setzte sich auch dort drüben fort, so weit sein Blick reichte. Mike fragte sich, welche Geheimnisse dieser Dschungel noch bergen mochte. Es waren nicht nur ein paar Saurier und bisher für ausgestorben gehaltene Tier- und Pflanzenarten. Er spürte einfach, daß da noch mehr war. Die wirklichen Geheimnisse dieser versunkenen Welt lagen noch unentdeckt vor ihnen, und sie mußten gewaltiger sein, als sie jetzt auch nur ahnten. Er registrierte eine Bewegung neben sich und erkannte Serena, die sich gerade auf die Knie sinken ließ und eine Handvoll Wasser schöpfte, um zu trinken. Sie sah so erschöpft aus wie sie alle und so
müde und abgekämpft, wie auch Mike sich fühlte, und trotzdem kam sie ihm in diesem Moment hübscher und verlockender vor denn je. Er sah sie eine Weile wortlos an, bis Serena seine Blicke fühlte und sich mit einem Stirnrunzeln zu ihm herumdrehte.
»Was ist?« fragte sie in scharfem Ton. »Warum starrst du mich so an? Du denkst sicher dasselbe wie die anderen, nicht? Du glaubst, daß es meine Schuld ist. « »Deine Schuld?« wiederholte Mike verständnislos. »Aber was denn?«
»Daß wir hier sind«, antwortete Serena. Sie begann plötzlich zu zittern. Ihre Augen schimmerten feucht, aber noch hielt sie die Tränen zurück. Und Mike streckte automatisch die Hände aus, schloß Serena in die Arme und drückte sie schützend an sich, und ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit ließ sich Serena diese Vertrautheit nicht nur gefallen, sondern drückte sich sogar noch fester an seine Schulter. Es war das erste Mal, daß Mike Serena so berührte, und er war nicht nur überrascht über seinen eigenen Mut, er begriff auch plötzlich, wie einsam die Atlanterin trotz allem war. Serena lebte mit ihnen an Bord der NAUTILUS, sie aß, redete und lachte wie sie, übernahm ganz selbstverständlich einen Teil der Aufgaben aber sie war nicht wie sie.
Sie war eine echte Prinzessin, der letzte Sproß einer Familie, die vor Tausenden von Jahren das versunkene Atlantis beherrscht hatte, und ihm war eigentlich nie so sehr wie in diesem Moment zu Bewußtsein gekommen, wie allein Serena war. Sie alle hatten auf die eine oder andere Weise ihre Eltern verloren, sei es, daß sie gestorben waren, sei es, daß sie sie -wie in Juans Fall einfach in das teure Nobelinternat in England abgeschoben hatten, weil sie nichts mit ihnen anzufangen wußten und sie im Grunde nicht haben wollten, aber Serenas Verlust war ungleich größer. Sie hatte nicht nur ihre Familie, nicht nur all ihre Freunde und Bekannten verloren, sondern ihre gesamte Welt. Das sagenumwobene Atlantis, in dem sie geboren und aufgewachsen war, existierte nicht mehr, und nach ihrer Begegnung mit dem Alten, jenem unsagbar fremden, mächtigen Geschöpf, auf das sie in der Stadt auf dem Meeresboden getroffen waren, hatte sie auch noch den Rest ihres Erbes verloren, ihre magischen Kräfte, die das einzige gewesen waren, was ihre Eltern ihr auf ihrer Reise durch die Zeit hatten mitgeben können. Vielleicht, dachte Mike, war Serena der einsamste Mensch, den es auf diesem Planeten gab. Nur um sie zu trösten, sagte er nach einer Weile leise: »Ich glaube nicht, daß sie das denken, Serena. Du darfst nicht alles für bare Münze nehmen, was Ben sagt. Er hat Angst, das ist alles. Wir haben alle Angst, aber er ist einfach zu stolz, es zuzugeben. Er meint es nicht böse. « Serena löste sich mit sanfter Gewalt aus seiner Umarmung. Eine einzelne Träne lief über ihr Gesicht. Sie wischte sie hastig weg. Noch ehe Mike etwas sagen konnte, beugte sie sich vor und gab ihm einen Kuß auf die Wange. In der nächsten Sekunde sprang sie auf und lief davon.
Mike sah ihr völlig verwirrt hinterher. Serena ließ normalerweise keine Gelegenheit verstreichen, um jedem zu erkären, daß sie weder Hilfe noch irgendeine Art von Trost benötigte. Aber vielleicht stimmte das nicht so ganz. Und vielleicht, dachte Mike, bin ich Serena doch nicht ganz so gleichgültig, wie sie mir immer glauben machen will. Ja, möglicherweise erwiderte sie die Gefühle, die Mike insgeheim für sie hegte, sogar ein wenig.
Durch diese Vorstellung mutiger geworden, stand Mike auf, und er wäre Serena auch gefolgt, wäre er nicht in diesem Moment Bens spöttischem Blick begegnet. »Was ist los?« fragte er. »Gibt es irgendeinen Grund, so blöde zu grinsen?«
»Tu ich doch gar nicht«, behauptete Ben und grinste beinah wie ein Honigkuchenpferd. »Ich freue mich nur, das zarte Pflänzchen der ersten Liebe erblühen zu sehen. «
Mike ballte die Faust und schüttelte sie unmittelbar vor Bens Gesicht. »Ich werde dir gleich eins auf die Nase hauen und mich daran erfreuen, wie sie erblüht«, versprach er. »Wetten, daß sie hübsch dick und rot wird, wenn ich nur lange genug darauf einschlage?« Ben grinste nur noch breiter, wich aber trotzdem vorsichtshalber ein kleines Stück vor Mike zurück. Doch bevor er eine weitere spitze Bemerkung loswerden konnte, erscholl vom Waldrand ein gellender Schrei! Mike fuhr herum. Blitzschnell blickte er alle anderen an. Ben, Serena, Juan, Trautman, Singh... alle waren da. Bis auf Chris. Und erst jetzt, im nachhinein, fiel ihm auf, daß er den Zehnjährigen
schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte,
genaugenommen seit sie am Fluß angekommen waren.
In diesem Moment erscholl der Schrei ein zweites Mal, und diesmal riß er Mike endgültig aus seiner Erstarrung. Zugleich mit Singh und Trautman rannte er los, die anderen folgten ihnen. Chris war in Gefahr, und Mike mußte ihm helfen. Rücksichtslos brach er durch dorniges Gestrüpp und Unterholz, flankte mit einem gewaltigen Satz über einen niedergestürzten Baum hinweg -und wäre um ein Haar gegen Chris geprallt. Der Junge stand unmittelbar vor ihm, leichenblaß und am ganzen Leibe zitternd, aber trotzdem wie gelähmt. Sein Blick war wie hypnotisiert auf das Gebüsch unmittelbar vor ihm gerichtet.
Mike sah sich um. Er konnte weder einen Dinosaurier noch irgendein anderes lebendes Wesen erblicken, und trotzdem hatte er für eine Sekunde ein so intensives Gefühl, angestarrt zu werden, daß auch sein Herz rascher zu schlagen begann. »Was ist los?« fragte er. »Chris, was ist passiert?« Chris deutete zitternd auf das Gebüsch vor sich. »Dort!« stammelte er. »Da... da war etwas!« Mike sah genau hin, konnte aber noch immer nichts erkennen. Trotzdem näherte er sich dem Gebüsch mit äußerster Vorsicht. Chris war vielleicht der Jüngste von ihnen, aber bisher hatte er erstaunlich gute Nerven bewiesen, und er war auch sonst alles andere als ein Angsthase. Vorsichtig, mit klopfendem Herzen und jederzeit darauf gefaßt, sich plötzlich einer nur aus Zähnen und Hunger bestehenden Kreatur gegenüberzustehen, hob erdie Hand und bog die Äste zur Seite. Dahinter lagen andere Äste, Schatten und grüne Blätter. Sonst nichts.
Mittlerweile waren auch die anderen bei Chris angekommen. Trautman hatte den Jungen ein Stück zurückgezogen und sich schützend zwischen ihn und dem Wald gestellt, während Singh wortlos an Mikes Seite trat und gemeinsam mit ihm die Untersuchung des Gebüsches fortsetzte.