121926.fb2 Das Tal der Giganten - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 7

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Sie gingen mit äußerster Vorsicht zu Werke, trotzdem aber auch sehr gründlich. Aber sie fanden nichts.Einige Äste waren geknickt, aber das mochten Tiere gewesen sein, die vielleicht schon vor Tagen hiergewesen waren. »Da ist nichts«, sagte Mike, als er nach ein paar Minuten zurückkehrte. Singh war noch im Wald und suchte den Boden nach Spuren ab, aber Mike glaubte nicht, das er fündig werden würde. Wahrscheinlich hatte sich Chris tatsächlich nur vor einem Schatten erschrocken.

»Aber ich habe etwas gesehen!« protestierte Chris. »Ganz deutlich!«

»Das bezweifelt auch niemand«, sagte Trautman rasch, ehe Mike Gelegenheit fand, zu antworten. »Aber jetzt ist nichts mehr da. Wahrscheinlich hast du es mit deinem Schrei verjagt. Oder es ist geflohen, als es uns gesehen hat. Beruhige dich. «

Er lächelte aufmunternd und streckte die Hand nach Chris' Schulter aus, aber der Junge wich vor seiner Berührung mit einer fast trotzigen Bewegung zurück.

»Ich... ich bin doch nicht verrückt!« sagte er. »Ich habe es gesehen. Ganz deutlich. « »Was hast du gesehen?« wollte Mike wissen. »Ein... ein Wesen«, antwortete Chris. »Es hat dagestanden und mich angestarrt. Genau so wie du jetzt. « Den letzten Teil der Antwort ignorierte Mike vorsichtshalber. Sie waren alle nervös. Es hatte wenig Sinn, wenn sie sich jetzt auch noch stritten. »Was für ein Wesen?« fragte Trautman. »Ein Dinosaurier? So einer wie vorhin?«

»Nein«, antwortete Chris. »Es war... ich habe so etwas noch nie gesehen, in keinem einzigen Buch. «

»Es gibt bestimmt ein paar Saurierarten, die man noch nicht entdeckt hat«, sagte Trautman, aber Chris schüttelte abermals den Kopf.

»So war es nicht. Es war... unheimlich. Im... im ersten Moment dachte ich, es wäre ein Mensch. Aber das war es nicht. Aber auch kein Tier. «

»Kein Mensch, aber auch kein Tier?« Mike tauschte einen fragenden Blick mit Serena, aber das Mädchen hob nur die Schultern. Chris' Worte schienen für Serena ebensowenig Sinn zu ergeben wie für Mike. »Was soll das heißen?«

»Es sah aus wie ein Mensch«, antwortete Chris zögernd. »Es hatte zwei Beine und zwei Arme und ein Gesicht, aber es war... Seine Augen waren zu groß und es hatte eine schuppige Haut wie ein Dinosaurier. Und riesige Hände. «

»Du mußt dich getäuscht haben«, beharrte Trautman. »So etwas gibt es doch gar nicht. « »Vielleicht war es

doch einer der Schiffbrüchigen«, vermutete Juan.

»Und warum ist es dann weggelaufen, als es euch gesehen hat?« fragte Chris. Er schüttelte heftig den Kopf. »Ich habe mich nicht geirrt. Da war etwas. Und es war weder ein Mensch noch ein Dinosaurier. « Singhs Rückkehr unterbrach die Diskussion. »Spuren«, sagte er. »Der Junge hat recht. Etwas war da. « Auf den Gesichtern der anderen breitete sich ein erschrockener Ausdruck aus, und auch Mike konnte spüren, daß er blaß wurde. Was ihn schaudern ließ, das war weniger das, was Singh sagte, sondern mehr die Art, wie er es tat. Was immer Singh gefunden hatte, es hatte ihn zutiefst erschreckt.

Sie folgten Singh zurück in den Wald. Und als Mike die Spuren sah, die Singh gefunden hatte, da verstand er seinen Schrecken. Es waren die Spuren großer, dreizehiger Füße, die viel größer als die von Menschen gewesen sein mußten, und es waren nicht die Spuren eines, sondern gleich dreier Geschöpfe. Sie waren so deutlich, daß man ganz genau erkennen konnte, was hier geschehen war. Sie waren zu dritt gekommen, aber nur einer von ihnen war zu dem Gebüsch gegangen, hinter dem Chris gestanden hatte. Offensichtlich hatte er sich eine Zeitlang dort aufgehalten, ehe er zu den beiden anderen zurückgekehrt und zusammen mit ihnen wieder gegangen war. Aber das war es nicht, was Mike bis ins Mark erschütterte. Es war nicht einmal der Umstand, daß diese Füße mit furchtbaren Krallen versehen waren und Wesen gehörten, die viel größer als ein Mensch und unvorstellbar stark sein mußten. Was ihm einen solch abgrundtiefen Schrecken einjagte, daß er für einen Moment wie gelähmt dastand, das war etwas, was die Spur vor ihm so deutlich zeigte, daß es gar keinen Zweifel daran gab. Auch wenn sich eine Sekunde lang alles in ihm dagegen sträubte, es zu glauben. Eines der drei Geschöpfe, die hiergewesen waren und sie beobachtet hatten, hatte Schuhe getragen.

Sie waren schweigsam, als sie zum Flußufer zurückkehrten, und niemand erhob Einwände, als Trautman vorschlug, weiterzugehen. Mike war sicher nicht der einzige, der viel darum gegeben hätte, sich irgendwo lang auszustrecken und ein paar Stunden zu schlafen. Aber Chris' Erlebnis hatte ihnen wieder gezeigt, daß diese von der Zeit vergessene Insel nicht nur phantastisch, sondern auch gefährlich war. Sie brauchten einen sicheren Ort, an dem sie lagern konnten. Die Sonne wanderte langsam weiter über den Himmel. Sie stießen auf keine weiteren Dinosaurier, sondern sahen nur einige kleinere Geschöpfe, die meistens zu schnell im Unterholz oder auf den Bäumen verschwanden, um sie zu identifizieren. Wenn Mike daran dachte, wie dramatisch dieser Tag begonnen hatte, so schien er geradezu beunruhigend friedlich zu enden. Und wer weiß -vielleicht hatte Chris ja wirklich recht, was die mögliche Anzahl der großen Raubsaurier in diesem Teil des Waldes anging. Vielleicht waren sie tatsächlich dem einzigen dieser gewaltigen Geschöpfe über den Weg gelaufen, das es im Umkreis vieler Tagesmärsche gab.

»Es wird bald dunkel«, sagte Trautman unvermittelt. Er

blieb stehen, wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn und blinzelte in den Himmel hinauf, der über den Baumwipfeln nur als grünblaues Flickenmuster zu erkennen war. Die Sonne begann sich tatsächlich bereits dem Horizont entgegenzuneigen, aber sie hatte nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Ganz im Gegenteil schien es eher immer wärmer zu werden. »Wir sollten uns einen Platz für die Nacht suchen. Eine Höhle wäre ideal, aber vielleicht reicht auch schon ein hoher Baum. «

Mike sah sich suchend um. An Bäumen bestand weiß Gott kein Mangel, auch nicht an hohen. Einige der sonderbaren Farngewächse mußten eine Höhe von dreißig oder gar vierzig Metern erreichen, und an den geschuppten Stämmen konnte man bestimmt gut hinaufklettern. Das Problem war nur, daß bei der kolossalen Größe einiger der Geschöpfe, die hier leben mochten, auch zehn oder fünfzehn Meter noch keine sichere Höhe waren.

»Gehen wir noch ein Stück«, schlug Juan vor. »Wir haben bestimmt noch eine Stunde Tageslicht. Vielleicht finden wir einen besseren Platz. « Trautman -und auch die meisten der anderen -waren von diesem Vorschlag nicht besonders begeistert. Sie waren alle mittlerweile am Ende ihrer Kräfte. Das Gehen in dem dichten Wald war sehr anstrengend, und ihre unpassende, viel zu warme Kleidung tat ein übriges, sie jeden Schritt wie eine Qual spüren zu lassen. Trotzdem wandte sich Trautman schulterzuckend um -und hielt in der Bewegung inne. Ein angespannter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. »Was ist los?« fragte Mike alarmiert. Trautman hob hastig die Hand. »Still!« sagte er. Mike lauschte angestrengt. Er hörte gar nichts - aber in der nächsten Sekunde sah er etwas. Nicht weit vor Trautman bewegte sich einer der Büsche. Es war nur das kurze Zittern eines Astes, aber er sah es ganz deutlich, und dann huschte ein verschwommener Schatten davon und verschwand in dem Meer aus Grün und Braun, das sie umgab.

Mike war nicht der einzige, der den Schatten gesehen hatte. »Dort!« rief Chris. »Rechts, seht ihr?« Ohne eine Antwort abzuwarten, rannte er los. Trautman versuchte ihn zurückzuhalten, aber seine Hand griff ins Leere. Chris rannte an ihm vorbei und verschwand im nächsten Augenblick im Unterholz. »Singh! Hinterher!« rief Trautman. »Ihr anderen bleibt hier!«

Natürlich gehorchte nur einer seinen Worten - nämlich Singh. Mike, die beiden anderen Jungen und Serena dachten nicht daran, einfach zurückzubleiben und tatenlos abzuwarten, sondern setzten sich ebenfalls in Bewegung und rannten hinter Chris her. Er hat etwas entdeckt! erscholl Astaroths Stimme in Mikes Kopf. Nach links! Mike wechselte mitten im Schritt die Richtung und wäre beinahe gegen Ben geprallt, der Astaroths lautlose Anweisung ja nicht hatte hören können und weiter in die Richtung lief, in der Chris verschwunden war. Aber er schien zu spüren, daß Mike nicht willkürlich die Richtung geändert hatte, denn er schloß sich ihm auf der Stelle an.

Jetzt sahen sie Chris wieder -er befand sich nicht sehr weit von ihnen und rannte, so schnell es das Gewirr von Schlingpflanzen und Wurzeln auf dem Boden zuließ. Irgend etwas war vor ihm, aber sie konnten nicht genau erkennen, was. »Chris!« schrie Mike. »Bleib stehen!« Falls Chris die Worte überhaupt hörte, so ignorierte er sie. Er hatte nun festeren Boden erreicht und griff schneller aus, so daß sein Vorsprung für einen Moment sogar noch wuchs. Mike fluchte, vergaß auch noch den Rest von Vorsicht und beschleunigte seine Schritte ebenfalls. Schon nach ein paar Schritten hatte er ihn eingeholt und riß ihn derb an der Schulter zurück. Chris wollte sich losreißen, aber Mike hielt ihn mit eiserner Hand fest. »Bist du verrückt?« fuhr er ihn an. »Du kannst doch nicht allein losstürmen!« »Da vorne ist etwas!« Chris versuchte erneut, sich loszureißen, und deutete mit der anderen Hand nach vorne. »Das müssen sie sein! Die Wesen, die uns beobachtet haben!«

»Das ist doch noch lange kein Grund -« Etwas knackte deutlich hörbar im Unterholz. Ein Schatten bewegte sich zwischen den Blättern, und für einen Moment glaubte Mike das Aufblitzen einesAugenpaares zu sehen. Überrascht ließ er Chris' Schulter los und sah noch einmal hin. Die Bewegung war jetzt nicht mehr zu erkennen, aber nur einen Moment später zitterte es im Gebüsch, ein kleines Stück links von der ersten Stelle, und dann hörte er trappelnde, sehr schnelle Schritte, die sich rasch entfernten.

Was er Chris noch vor einer Sekunde vorgeworfen hatte, das tat er nun selbst: Ohne zu überlegen, rannte er los. Das Jagdfieber hatte ihn gepackt, und es ließ ihn sowohl die Gefahr als auch seine eigenen Ermahnungen auf der Stelle vergessen. Mit weit ausgreifenden Schritten erreichte er das Gebüsch, in dem der Schatten verschwunden war, umrundete es und sah einen Umriß dicht vor sich hinter einem Baum verschwinden. Er konnte nicht genau erkennen, was es war, aber das Wesen war viel kleiner als er, und es bewegte sich sehr flink. Er beschleunigte seine Schritte noch mehr. Hinter ihm wurden Trautmans und dann auch Bens und Juans Stimmen laut, die nun seinen Namen schrien. Mike erreichte den Baum, hinter dem das flüchtende Geschöpf verschwunden war, sah gerade noch einen Schatten in einem Gebüsch zurLinken verschwinden und änderte abrupt seine Richtung. Vor ihm bewegten sich die Äste, dann sah er einen Schemen nach rechts davonhuschen, warf sich mitten in der Bewegung herum und erreichte das Geschöpf mit einem gewaltigen Satz. Mit weit vorgestreckten Armen packte er es und riß es von den Füßen.

Sofort traf ihn ein Tritt vor das Schienbein, Krallen zerrissen sein Gesicht. Er konnte kaum etwas sehen. Mike wollte die Hände hochreißen, um sein Gesicht zu schützen, da traf ihn ein heftigerer Hieb in den Leib. Instinktiv zog er den Kopf zwischen die Schultern und versuchte die wirbelnden Arme festzuhalten, aber sein Gegner schien über mehr als nur zwei Gliedmaßen zu verfügen. Zum dritten Mal traf ihn ein Schlag in den Magen. Mike krümmte sich, warf sich aber trotzdem nach vorne und schaffte es endlich, den sich wie toll wehrenden Körper unter sich zu begraben. Wie von weit her konnte er hören, wie die anderen herangelaufen kamen und bei ihm stehenblieben. Sonderbarerweise machte keiner von ihnen auch nur den Versuch, ihm zu helfen. »Verdammt, warum hilft mir denn keiner?!« brüllte Mike. »Wollt ihr zusehen, wie es mich umbringt?« Jemand lachte.

Mike sah verdutzt auf, blickte erst in Trautmans, dann in Singhs Gesicht, und was er darin erblickte, das war das gleiche: Ein Ausdruck, der zwischen Verblüffung, Staunen und kaum mehr verhohlener Schadenfreude schwankte.

»Bravo«, sagte Ben grinsend und begann spöttisch zu applaudieren. »Das war eine echte Leistung, Mike. « »Das kann man wohl sagen«, fügte Trautman hinzu. »Da hast du ja ein wirklich gefährliches Ungeheuer gefangen. «

Es verging immer noch eine Sekunde, bis Mike endlich auf die Idee kam, den Blick von Trautmans Gesicht zu lösen und das anzusehen, was er gepackt hatte und mit Müh und Not am Boden hielt.

Und dann mindestens zehn Sekunden, in denen er nichts anderes tat, als reglos dazusitzen und sich unbeschreiblich dämlich vorzukommen. Das gefährliche Ungeheuer, das er erlegt hatte, war ein Mädchen von allerhöchstens sieben oder acht Jahren. Verblüfft ließ Mike die Handgelenke des Mädchens los -mit dem Ergebnis, daß er sofort eine schallende Ohrfeige bekam, die ihm die Tränen in die Augen steigen ließ, und kaum eine Sekunde später einen Stoß vor die Brust, der ihn rücklings zu Boden schleuderte. Dann sprang das Mädchen auf, sah sich wild um und begann am ganzen Leib zu zittern, als es begriff, daß es umzingelt war -Trautman, Singh, Serena und die drei anderen Jungen bildeten einen Kreis, aus dem es kein Entkommen gab.

»Hab keine Angst, Kleines«, sagte Trautman. »Wir tun dir nichts. « Er lächelte beruhigend, streckte die Hand aus und trat einen Schritt auf das Mädchen zu. Die Kleine wich etwas zurück und hob die zu Fäusten geballten Hände. In ihrem Blick flackerte nackte Panik. Trautman blieb wieder stehen.

Als nächstes versuchte es Singh, aber mit dem gleichen Ergebnis. Erst als Serena sich mit sanfter Stimme an das Mädchen wandte, nahm es zögernd die Hände herunter. Aber es zitterte noch immer am ganzen Leib, und es dauerte lange, bis es soweit Vertrauen zu Serena gefaßt hatte, daß die Atlanterin es wagte, sich ihm zu nähern und schließlich einen Arm um seine Schulter zu legen. Dann aber brach all die aufgestaute Furcht und Angst schlagartig aus ihm heraus. Mit einer so heftigen Bewegung, daß es Serena beinahe von den Füßen gerissen hätte, warf es sich an ihre Brust und begann krampfhaft zu schluchzen. Serena schloß beide Arme um seine Schultern und begann ihm leise, beruhigende Worte zuzuflüstern.

»Wirklich, eine reife Leistung«, sagte Ben, der noch immer genauso unverschämt breit grinste wie bisher. »Wir sollten uns einen neuen Namen für dich ausdenken. Wie wäre es mit Drachentöter?« »Wenn du so weitermachst, brauchst du einen neuen Namen«, grollte Mike. »Hinkefuß oder Zahnlücke. « Ben lachte schallend. Mike schenkte ihm noch einen abschließenden, bösen Blick, dann richtete er sich mühsam auf und tastete mit spitzen Fingern über sein Gesicht. Seine Haut brannte wie Feuer, und er fühlte mindestens zwei Dutzend Kratzer, von denen einige bluteten.

Langsam trat er auf das Mädchen zu und betrachtete es genauer. Es war noch jünger, als er im ersten Moment geglaubt hatte - vielleicht sechs Jahre alt, und sie befand sich in einem erbarmungswürdigen Zustand. Ihre Kleider hingen in Fetzen an ihr herunter. Ihre Haut starrte vor Schmutz, und ihr Haar war strähnig verklebt und so schmutzig, daß man seine ursprüngliche Farbe nicht einmal mehr erraten konnte. Ihr Gesicht und ihre Hände waren mit zahllosen, verschorften Kratzern und Schnitten übersät, und sie war so mager und ausgezehrt, als hätte sie seit Wochen nichts mehr zu essen bekommen. Es mußte wohl die schiere Todesangst gewesen sein, die ihr die Kraft gegeben hatte, sich so heftig gegen ihn zu wehren. »Wer bist du?« fragte er. »Wie ist dein Name?« Das Mädchen sah kurz unter Serenas Armen hindurch zu ihm hinüber und drückte sich dann noch enger an ihre Brust. Mike wollte einen weiteren Schritt auf sie zugehen, aber Serena hob abwehrend die Hand. »Laß sie in Ruhe«, sagte sie. »Du siehst doch, daß sie Angst vor dir hat. Warum

mußtest du auch so brutal zu ihr sein?«

Mike blieb angesichts dieser Worte beinahe die Luft weg. Wenn hier jemand brutal zu jemanden gewesen war, dann bestimmt nicht er zu dem Mädchen, sondern wohl eher umgekehrt. Er setzte zu einer dementsprechenden Entgegnung an, aber Trautman kam ihm zuvor und brachte ihn mit einer besänftigenden Geste zum Schweigen.

»Vielleicht ist es wirklich das beste, wenn wir sie erst einmal ganz in Ruhe lassen«, sagte er. »Serena wird sich schon um sie kümmern. Schauen wir uns inzwischen nach einem geeigneten Platz für die Nacht um. « Mike fügte sich, wenn auch nicht ohne vorher noch einmal demonstrativ mit spitzen Fingern über die Kratzer und Schrammen zu fahren, die sein Gesicht verunzierten. Das Ergebnis fiel allerdings nicht unbedingt so aus, wie er gehofft hatte. Anstelle von Mitleid erntete er nur eine Reihe spöttischer Blicke, so daß er schließlich aufgab und Trautman folgte.

Während der folgenden halben Stunde suchten sie die nähere Umgebung gründlich ab, aber ganz wie Mike insgeheim schon befürchtet hatte, war das einzige, was einem sicheren Platz auch nur nahe kam, eine gewaltige Astgabel acht oder neun Meter über dem Erdboden. Gottlob war der Baum leicht zu ersteigen, was Mike aber nicht sonderlich beruhigte -wenn sie leicht dort hinaufkamen, dann galt das auch für alle anderen Bewohner dieses Waldes. Aber es war das Beste, was sie fanden. Schließlich kehrten sie zu Serena, Astaroth und dem fremden Mädchen zurück. Die Kleine hatte mittlerweile aufgehört zu weinen, kauerte aber noch immer angstvoll an Serena geschmiegt auf dem Boden und sah ihnen -und vor allem Mike -mißtrauisch entgegen. Astaroth hatte sich auf ihrem Schoß zusammengerollt und schnurrte zufrieden, während das Mädchen ihn mit einer Hand zwischen den Ohren kraulte. »Nun?« fragte Trautman. Er lächelte dem Mädchen aufmunternd zu, aber er fing auch Serenas warnenden Blick auf und wagte es nicht, sich ihr weiter als zwei Schritte zu nähern. »Wie geht es dir? Hast du dich beruhigt?«

Er bekam keine Antwort. Serena quittierte seinen fragenden Blick nur mit einem Schulterzucken, so daß Trautman es nach einigen Sekunden noch einmal versuchte: »Wie ist dein Name, Kleines?« fragte er. »Ich bin Trautman. Das da sind Singh, Ben, Chris und Juan. Und Serena und ihren kleinen Spielgefährten da kennst du ja schon. «

Der Spielgefährte quittierte diese unwürdige Bezeichnung mit einem strengen Blick in Trautmans Richtung, enthielt sich aber ansonsten jedes Kommentares, und Trautman deutete als letztes auf Mike und sagte: »Das ist Mike. Ich hoffe, du bist ihm nicht mehr böse. Er hat nicht gleich gesehen, wer du bist, weißt du? Und du? Wie heißt du?«

Einen Moment lang sah es nicht so aus, als würde er eine Antwort bekommen, aber dann zog das Mädchen lautstark die Nase hoch, wischte sich mit dem Unterarm die Tränen vom Gesicht und sagte: »Annie. Ich heiße Annie. Eigentlich Annegret, aber alle nennen mich Annie. « »Annie, so. « Trautman lächelte erneut und ließ sich in zwei Metern Abstand zu dem Mädchen in die Hocke sinken, damit sie nicht mehr zu ihm aufsehen mußte, während sie miteinander sprachen.

»Wir sind Schiffbrüchige, Annie«, fuhr er fort. »Wir sind an der Küste gestrandet und suchen seither andere Menschen. Wir sind sehr froh, daß wir auf dich getroffen sind, mußt du wissen. Aber du bist doch bestimmt nicht allein hier, oder?«

Annie schwieg. Sie drückte sich enger an Serena. Ihr Blick wanderte unsicher zwischen Trautman und Mike hin und her.

»Bist du mit deinen Eltern hergekommen?« fragte Juan. »Mit meinem Dad«, antwortete Annie. »Und Onkel Mark und Tante Sue. Mom ist zu Hause geblieben. Sie haßt Seereisen. «

»Und wo ist dein Dad jetzt?« fragte Trautman. »Fort«, antwortete Annie in trotzigem Ton. »Die Drachen haben ihn geholt. Und die anderen auch. « »Die Drachen?« Trautman tauschte einen überraschten Blick mit Serena, aber wieder antwortete die Atlanterin nur mit einem angedeuteten Achselzucken. Offenbar hatte sie bisher auch nicht viel mehr von dem Mädchen erfahren. »Was meinst du mit Drachen?«

»Die Drachen eben«, erwiderte Annie stur. »Sie haben sie geholt. Sie haben sich gewehrt und auf sie geschossen, aber es waren zu viele. Sie haben sie alle weggeschleppt. Aber mich haben sie nicht gekriegt. Ich habe mich auf einem Baum versteckt. Sie können nicht gut klettern. « Sie begann wieder stärker zu zittern. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Drachen?« murmelte Ben. »Aber das ist -« Trautman schnitt ihm mit einer hastigen Geste das Wort ab. »Du brauchst keine Angst mehr zu haben, Annie«, sagte er. »Du bist jetzt in Sicherheit. Niemand wird dir jetzt noch etwas tun. Drachen, sagst du? Wie haben sie ausgesehen?«

»Wie Drachen eben«, antwortete Annie. Ihre Stimme zitterte. Sie war kurz davor, wieder in Tränen auszubrechen, und Trautman schien das wohl zu begreifen, denn er drang nicht weiter in sie, sondern stand nach einigen Sekunden wieder auf und deutete in die Richtung, in der der Baum lag, den sie sich als Nachtlager ausgesucht hatten.

»Es wird bald dunkel, Annie«, sagte er. »Wir haben einen sicheren Platz für die Nacht entdeckt. Willst du mit uns kommen?«

Einige Sekunden lang blickte ihn das Mädchen nur aus großen Augen an, aber dann nickte es. Serena ließ seine Schulter los, und Annie erhob sich unsicher auf die Füße. Sie schwankte ein bißchen, und Mike begriff erst jetzt, daß ihr Zittern nicht allein auf ihre Furcht zurückzuführen war. Das Mädchen war vollkommen entkräftet. Wahrscheinlich irrte es schon seit Tagen allein durch diesen Wald, ohne etwas zu essen oder sich auch nur einmal wirklich ausruhen zu können. Mike fragte sich, ob sie alle wohl in einigen Tagen ebenso aussehen würden wie Annie.

»Kannst du gehen?« fragte Trautman. »Oder soll Singh dich tragen? Er ist sehr stark, weißt du?« »Ich kann gehen«, antwortete Annie stolz. »Ich kann sogar schnell laufen. Viel schneller als die Drachen. « »Das glaube ich dir gerne«, antwortete Trautman lächelnd. »Sonst wärst du ja auch nicht hier, nicht wahr? Dann komm. «

Annie hielt tatsächlich mit ihnen Schritt, zumindest, bis sie den Baum erreichten. Als es darum ging, hinaufzuklettern, versagten ihre Kräfte jedoch, so daß Singh sie kurzerhand auf die Arme nahm und trug. Sie versteifte sich, als sie seine Berührung spürte, und hielt vor lauter Schrecken den Atem an, bis sie die Astgabel erreicht hatten und der Inder sie wieder absetzte. Kaum waren sie oben angelangt, begann es zu dämmern. Die Sonne war über dem Blätterdach des Dschungels schon seit einer Weile nicht mehr sichtbar gewesen, aber jetzt überzog sich der Himmel rasch mit mattem Grau, das auch noch das letzte bißchen Tageslicht aufzusaugen begann, und es wurde zum ersten Mal seit Stunden ein wenig kühler. Mike betrachtete ihr Nachtlager mit gemischten Gefühlen. Trotz all seiner eigenen Bedenken zweifelte er im Grunde nicht daran, daß ihnen die Höhe Schutz vor den meisten räuberischen Bewohnern des Waldes bot, aber zugleich stellte sie auch eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar.