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»Sucht euch alle einen Platz«, sagte Trautman, nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß Serena und das Mädchen sicher untergebracht waren. »Und versucht am besten gleich zu schlafen. Wir brechen morgen mit dem ersten Tageslicht wieder auf. « »Wenn wir dann noch leben«, maulte Ben. »Singh und ich werden abwechselnd wachen«, erwiderte Trautman. »Und es nutzt niemandem, wenn wir uns ununterbrochen selbst davon überzeugen, wie aussichtslos unsere Lage ist, Ben. « Er deutete auf Annie. »Nimm dir ein Beispiel an diesem Mädchen. Sie war in einer viel schlimmeren Situation, und sie hat nicht aufgegeben. «
»Vielleicht sollten wir uns festbinden«, schlug Juan vor. »Damit niemand im Schlaf vom Baum fällt. « »Eine gute Idee«, lobte Trautman. »Ich werde ein paar Lianen abschneiden - und vielleicht finde ich sogar etwas zu essen. « Er stand unverzüglich auf und balancierte mit einer Sicherheit über den Ast davon, die Mike mit purem Neid erfüllte. Ihm wurde schon schwindelig, wenn er auch nur nach unten sah, aber Trautman bewegte sich so gelassen, als befände sich unter ihm sicherer Boden, kein fast zehn Meter tiefer Abgrund. Die Müdigkeit machte sich nun stärker in Mike bemerkbar. Er hatte alle Mühe, die Augen offenzuhalten, bis Trautman mit den versprochenen Stricken - allerdings ohne etwas Eßbares zurückkam und sie sich gegenseitig dabei halfen, sich festzubinden. Danach schlief er beinahe unverzüglich ein.
Ein Geräusch weckte Mike, und der erste bewußte Gedanke war, daß noch lange nicht Morgen sein konnte. Er hatte das Gefühl, die Augen gerade erst geschlossen und noch gar nicht richtig geschlafen zu haben. Als er die Lider hob, sah er im ersten Moment nichts als undurchdringliche Dunkelheit, in der sich erst nach einigen Augenblicken verschwommene Schatten und schemenhafte Umrisse abzuzeichnen begannen. Es war mitten in der Nacht. Irgend etwas hatte ihn geweckt.
Mike hob müde den Kopf und blickte nach links. In der Dunkelheit scheinbar endlos weit entfernt sah er Trautman, Singh und einen weiteren, nicht zu identifizierenden Schatten dasitzen. Sie unterhielten sich mit gedämpften Stimmen. Mike löste die verknotete Liane um seine Brust, richtete sich auf und balancierte mit ausgestreckten Armen zu Trautman und Singh hinüber. Erst als er sie fast erreicht hatte, erkannte er das dritte Mitglied der kleinen Runde, Serena. Trautman sah in strafend an, aber Mike kam ihm zuvor: »Ich konnte nicht schlafen«, sagte er. Er setzte sich zwischen Serena und Singh auf den Stamm und versuchte, unauffällig nach einem festen Halt zu tasten. »Habt ihr irgend etwas von Annie erfahren?« Glaubst du mir eigentlich nicht?
beschwerte sich Astaroth. Mike ignorierte ihn.
»Nur, was du schon weißt«, antwortete Trautman kopfschüttelnd. »Wie es aussieht, waren sie und die anderen auf einer Urlaubsreise. Ein Sturm hat ihr Schiff vom Kurs gebracht, und schließlich sind sie am Strand aufgelaufen die Yacht, die wir gefunden haben, war ihre. Sie sind insgesamt zu fünft gewesen. Das Mädchen, ihr Vater, ihr Onkel, seine Frau und ein Matrose. Anscheinend sind sie in den gleichen Nebel geraten wie wir -und was danach passiert ist, kann ich nur raten. « Er seufzte. »Ich nehme an, sie sind von einem Saurier angegriffen worden. Ich hoffe zwar, daß ich mich irre, aber ich fürchte, daß die anderen tot sind. « »Die Schüsse, die wir gehört haben«, vermutete Mike. »Ja«, sagte Trautman. »Wenn es ein ebensolches Ungeheuer war wie das, das dich angegriffen hat, dann hat es sich von einem Gewehr nicht sonderlich beeindrucken lassen. «
»Sie sprach von Drachen«, erinnerte Serena. »Von mehreren Drachen. «
»Vielleicht waren es mehrere Saurier«, antwortete Trautman.
»Und wenn nicht?« Serena machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich meine: was, wenn es keine Saurier waren?«
»Aber auch keine Menschen?« Trautman verstand auf Anhieb, was Serena meinte - ganz im Gegensatz zu Mike, der die beiden verständnislos ansah, bis Trautman fortfuhr: »Du meinst das... Wesen, das Chris zu sehen geglaubt hat. «
»Ich habe es nicht zu sehen geglaubt«, sagte eine Stim
me in der Dunkelheit hinter ihnen. Mike sah über die Schulter zurück und erkannte Chris, der ebenfalls aufgestanden war und sich zu ihnen gesellte. Er blickte alle Versammelten vorwurfsvoll an. »Ich habe es genau gesehen. Ich bin doch nicht verrückt oder leide unter Einbildungen. «
»Das behauptet auch niemand«, versicherte Trautman hastig. »Aber manchmal sieht man Dinge, die gar nicht da sind, weißt du? Dazu muß man nicht unbedingt verrückt sein. « Er wirkte ein bißchen verlegen. »Vielleicht war es nur ein Schatten. « Ben kam, die verletzte Hand in einer wie zufallig wirkenden Geste hinter dem Rücken haltend, aus der Dunkelheit heran und suchte sich einen Platz, und es verging nicht einmal eine Sekunde, da erschien als letzter auch Juan. Er sagte nichts, aber man sah ihm an, daß er ebensowenig geschlafen hatte wie irgendeiner der anderen. Obwohl sie alle sehr müde waren, würden sie wahrscheinlich in dieser Nacht ohnehin keine Ruhe finden. Trautman mußte das wohl auch einsehen, denn er verzichtete auf eine entsprechende Ermahnung. »Es war kein Schatten«, wiedersprach Chris heftig. »Ich habe es ganz genau gesehen. Und was ist mit den Spuren? Seit wann tragen Schatten Schuhe?« »Also gut, also gut. « Trautman seufzte wieder. »Wenn es kein Saurier war und auch kein Mensch - was war es dann? Annies Drachen?«
»Vermutlich«, sagte Mike. »Fragt sich nur, was sie wirklich sind. «
»Ich fürchte, das werden wir früh genug herausfinden«, murmelte Ben. »Wenn sie wirklich Annies Leute überfallen haben, dann sind sie uns bestimmt nicht besonders wohlgesonnen. « Er schwieg eine Sekunde, in der er Serena eindringlich anblickte. »Ist dir mittlerweile eingefallen, wie wir wieder hier wegkommen?« »Jedenfalls ist jetzt klar, daß es nicht ihre Schuld ist, daß wir hier sind«, sagte Mike laut, ehe Serena antworten konnte.
»Ach?« fragte Ben lauernd. »Und wieso, Sir Lancelot?« Mike schoß einen bösen Blick in seine Richtung ab, aber er mußte plötzlich daran denken, was Astaroth ihm gerade über Ben erzählt hatte, und so fiel seine
Antwort um einiges sanfter aus, als wohl auch Ben selbst erwartet hatte. »Ich sage das nicht nur, um Serena zu verteidigen«, sagte er ruhig. Er deutete auf Annie, die eng zusammengerollt in der Astgabel lag und als einzige noch schlief. »Sie sind in denselben Nebel geraten wie wir. Und da war Serena nicht einmal in der Nähe. «
Der Ast, auf dem sie saßen, zitterte ganz sacht, und Mike hielt sich instinktiv ein wenig mehr fest, beachtete es aber ansonsten gar nicht, sondern fuhr, nun nicht mehr allein an Ben, sondern an alle gewandt fort: »Wahrscheinlich hat Serena recht -es ist nur eine Legende. Wenigstens was den Teil angeht, daß nur die Könige von Atlantis diese Insel betreten können. Und wenn man auf normalem Weg hierherkommen kann, dann muß es auch einen Weg geben, um wieder weg -« »Still!« Serena hob warnend die Hand. »Hört ihr nichts?«
Erschrockene Stille breitete sich aus. Mike lauschte angespannt, doch er hörte gar nicht, außer den natürlichen Geräuschen des Waldes. Aber in der nächsten Sekunde fühlte er etwas. Der Ast unter ihnen erzitterte wieder -und nicht nur der Ast. Der ganze Baum bebte. »Was... was ist das?« flüsterte Chris. Seine Stimme war heiser vor Furcht.
Niemand antwortete, aber das Zittern und Beben nahm jetzt immer deutlicher zu, schließlich hörten sie ein dumpfes Grollen und Rumoren, das wie ferner Gewitterdonner heranrollte. Es vergingen nur einige Sekunden, bis es zu einem wahren Tosen anschwoll und der Ast so heftig unter ihnen zu schwanken begann, daß sie sich mit aller Macht daran festklammern mußten, um nicht abgeworfen zu werden. »Um Gottes willen!« schrie Ben. »Was ist das?« »Keine Ahnung!« schrie Trautman zurück. »Haltet euch fest! Ganz egal, was passiert!«
Der Lärm schwoll jetzt so sehr an, daß er jedes andere Geräusch verschluckte, und der ganze Wald schien zu schwanken wie ein Kornfeld im Sturm. Irgend etwas kam heran. Etwas Gewaltiges.
Als Mike es dann sah, war es im ersten Moment nur ein Schatten, aber ein Schatten von so ungeheuerlichen Ausmaßen, daß man meinen konnte, eine gewaltige schwarze Flutwelle brandete unter ihnen durch den Dschungel. Erst als sie den Baum fast erreicht hatte, zerbrach sie in zahllose kleinere, aber nichtsdestotrotz immer noch riesige Schatten, und endlich erkannte er, worum es sich wirklich handelte. Es war eine Herde gewaltiger Tiere, die dicht an dicht durch den Dschungel stampfte und dabei wie eine lebende Lawine alles niederwalzte, was sich ihnen in den Weg stellte. Jedes einzelne der Tiere mußte an die zehn Meter lang und sicher drei Meter hoch sein, und sie waren so massig, daß ein Elefant wie ein kleines Pony daneben gewirkt hätte. Ihre Körper waren mit gewaltigen Panzerplatten bedeckt, und die Köpfe, die in gebogenen, vogelähnlichen Schnäbeln endeten, trugen drei riesenhafte Hörner, die jedoch nicht seitlich, sondern direkt nach vorne gerichtet waren. Die Tiere mußten Tonnen wiegen. Trotzdem bewegten sie sich mit erstaunlicher Schnelligkeit. Der Baum erzitterte immer wieder unter gewaltigen Schlägen, wenn einer der gepanzerten Giganten dagegenstieß, so daß sich Mike und die anderen mit aller Kraft festklammern mußten, um nicht abzurutschen. Ein Sturz in diese lebendige Lawine wäre der sichere Tod gewesen. Es waren unendlich viele Tiere. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis es keine dichtgeschlossene, lebende Woge mehr war, die unter ihnen dahintrampelte, sondern nur mehr vereinzelte Tiere liefen, Nachzügler, die der großen Herde folgten. Der Lärm und das Zittern und Schütteln ihres Baumes nahmen ein wenig ab.
»Mein Gott, was war das?« stöhnte Mike. Vorsichtig löste er die linke Hand von ihrem Halt, überzeugte sich davon, daß der Baum nicht mehr versuchte, ihn wie ein bockendes Wildpferd abzuwerfen, und wagte es erst dann, sich vollends aufzusetzen. Mit einem raschen Blick in die Runde überzeugte er sich davon, daß sie noch vollzählig waren. Auch Annie war mittlerweile aufgewacht und hatte sich wieder schützend an Serena gedrängt, die sich ihrerseits an Trautman preßte, der die beiden Mädchen mit seinen starken Armen festhielt.
»Triceratops«, antwortete Chris. »Das sind Triceratops. Keine Angst -es sind friedliche Pflanzenfresser. Sie hätten uns nichts getan. «
»Ganz bestimmt nicht«, knurrte Ben. »Außer daß sie uns platt wie die Flundern getrampelt hätten. « »Aber es waren so viele«, murmelte Mike fassungslos. »Das müssen Hunderte gewesen sein. « »Wahrscheinlich eher Zehntausende«, korrigierte ihn Chris mit gewichtigem Gesichtsausdruck. »Sie sind in riesigen Herden gezogen, wie früher die Büffel in Nordamerika. Und sie -«
»Ruhe!« zischte Trautman. »Da ist etwas!« Er beugte sich vor und starrte in die Dunkelheit hinunter. Mike tat es ihm gleich.
Unter ihnen trotteten noch immer einige Nachzügler der großen Herde dahin, aber den gewaltigen Sauriern folgten andere, kleinere Schatten, sie sich viel schneller bewegten und in der Dunkelheit fast wie Menschen aussahen. Was diesen Eindruck noch unterstrich, waren die kleinen, aber sehr starken Lampen, die sie in den Händen hielten, um den Weg vor sich abzuleuchten. Was Mike im Licht dieser Lampen allerdings sah, das machte den Eindruck, ein menschliches Wesen zu erblicken, so gründlich zunichte, wie es überhaupt nur ging.
Die Geschöpfe waren eindeutig größer als Menschen, sicherlich zwei Meter, wenn nicht mehr, und dabei von so schlankem Wuchs, daß sie noch größer wirkten. Sie hatten zwei Arme, zwei Beine und einenKopf, aber damit hörte die Ähnlichkeit mit einem Menschen schon auf. Ihre Arme waren zu lang und endeten in nur dreifingrigen sehr schmalen Händen, die zum Ausgleich allerdings über zwei gegeneinandergestellte Daumen verfügten, was ihnen ein enormes Geschick verleihen mußte. Ihre Köpfe waren rund und völlig haarlos und wie der restliche Körper von winzigen, blau und grün schimmernden Hornpailletten bedeckt, und sie wurden ganz von zwei riesigen gelben Augen beherrscht, die unter mächtigen Knochenwülsten herausblickten. Sie hatten breite, dünnlippige Münder und eine kaum sichtbare Nase, und sie verständigten sich mit hohen schnatternden Tönen und etwas tieferen Zischlauten, die selbst durch das Dröhnen der davonziehenden Herde noch deutlich zu verstehen waren. Einige von ihnen hielten lange metallene Stöcke in den Händen, deren Bedeutung Mike im ersten Augenblick nicht klar war. Doch dann sah er, wie eines der riesigen Tiere von seinem Weg abwich, um einige Blätter von einem niedergetrampelten Busch abzureißen. Sofort richtete einer der Geschuppten seine Lampe auf den Triceratops und stieß einen zischenden Laut aus, und eines der anderen Wesen eilte hin und hob seinen Stab. Ein helles, elektrisches Knistern erklang, und ein blauer Lichtblitz löste sich vom Ende des Stabes und traf den gepanzerten Giganten. Der Triceratops grunzte erschrocken, drehte sich schwerfällig wieder herum und setzte seinen Weg auf dem alten Kurs fort.
»Hirten!« murmelte Ben fassungslos. »Das... das sind Viehhirten! Diese Biester sind ihre Herde!« Er hatte sehr leise gesprochen -und trotzdem zu laut, denn eines der Geschöpfe blieb plötzlich stehen und legte lauschend den Kopf auf die Seite. Mike und die anderen beobachteten mit angehaltenem Atem, wie es sich langsam einmal im Kreis drehte und dabei seine Lampe schwenkte. Der gelbe, sonderbar asymmetrisch geformte Lichtkreis tastete über zertrampelte Büsche und Bäume, blieb hier auf einem Schatten, da an einem Umriß hängen und wanderte nur langsam weiter. Mikes Herz begann vor Aufregung schneller zu schlagen. Wenn das Wesen auf die Idee kam, seine Lampe zu heben und in die Baumwipfel hinaufzuleuchten, dann mußte es sie entdecken. Die Astgabel, in der sie Zuflucht gesucht hatten, war vollkommen kahl und bot nicht die mindeste Deckung.
Aber sie hatten noch einmal Glück. Das Geschöpf beendete seine Drehung, und da es nichts Auffälliges gesehen hatte, kam es wohl zu dem Schluß, sich getäuscht zu haben, denn es senkte seine Lampe wieder und schritt schneller aus, um zu seinen Kameraden und der Herde aufzuschließen. Trotzdem wagte es lange keiner von ihnen, sich zu rühren oder etwas zu sagen. Erst als das Dröhnen der davonziehenden Herde ebenso wie die blitzenden Lichter längst im Wald hinter ihnen verschwunden war, richtete sich Mike wieder hoch und atmete erleichtert auf.
»Das war knapp«, murmelte er. »Das nächste Mal behältst du deine wissenschaftlichen Erkenntnisse für dich, bis jemand danach fragt, Ben, okay? Diese Wesen scheinen über verdammt gute Ohren zu verfügen. « Er rechnete mit einer patzigen Antwort, aber sie kam nicht, und als er sich zu den anderen herumdrehte, sah er auch, warum.
Annie hatte sich in Trautmans Arme zu einem Ball zusammengerollt. Sie zitterte am ganzen Leib und wimmerte leise. Im ersten Moment hielt Mike es wirklich nur für ein Weinen, aber dann verstand er die Worte, die Annie immer und immer wieder schluchzte.
»Die Drachen!« sagte das Mädchen. »Die Drachen kommen. «
Mike hatte geglaubt, daß an Schlaf in dieser Nacht nicht mehr zu denken wäre, aber er täuschte sich. Nachdem es ihnen gelungen war, Annie halbwegs zu beruhigen, diskutierten sie noch eine Weile über das Erlebte, aber schließlich verlangten ihre Körper nachhaltig ihr Recht, und sie schliefen nacheinander ein. Mike erwachte als letzter, auch jetzt wieder mit dem Gefühl, die Augen gerade erst zugemacht zu haben, aber zumindest nicht mehr so erschöpft wie am vergangenen Abend. Es war bereits wieder warm, und es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis es heiß wurde. Die Sonne stach ihm schon jetzt unangenehm grell in die Augen.
Noch immer ein wenig benommen, richtete er sich auf, rieb sich gähnend über das Gesicht und sah sich um. Trautman und Singh hockten in einiger Entfernung beieinander und redeten. Mike zweifelte daran, daß sie in dieser Nacht überhaupt ein Auge zugetan hatten. Ben hockte neben ihm auf dem Ast und betrachtete seine Umgebung. »Wo sind Serena und die anderen?« fragte Mike.
»Astaroth ist schon seit längerer Zeit im Wald verschwunden«, erwiderte Ben. »Wahrscheinlich geht er ein paar Saurier erschrecken. Die anderen sind irgendwo. Schätze, sie suchen etwas Eßbares. « Der Gedanke an etwas zu essen weckte Mikes Hunger. Sein Magen begann hörbar zu knurren. Er schenkte Ben noch ein weiteres, schadenfrohes Grinsen, stand auf und begann vorsichtig den Baum hinunterzusteigen.
Jetzt im hellen Licht des neuen Tages, konnte er die Verheerung, die die vorüberziehende Triceratopsherde angerichtet hatte, erst richtig überblicken. Der Wald sah aus, als wären zwei Dutzend Planierraupen nebeneinander hindurchgefahren, und das mindestens fünfmal in jede Richtung. Das dichte Unterholz und Gestrüpp, das am Tag zuvor solche Mühe bereitet hatte, war einfach verschwunden. Selbst kleinere Bäume waren niedergewalzt und zu Sägespänen zertrampelt worden. Nur die wirklich großen, massiven Stämme waren stehengeblieben, aber selbst sie zeigten deutliche Spuren der Giganten, die an ihnen vorbeigezogen waren: Der Baum, auf dem sie die Nacht verbracht hatten, hatte bis zu einer Höhe von gut vier Metern keine Rinde mehr. Mike beglückwünschte Trautman im nachhinein dazu, auf diesem luftigen Nachtlager bestanden zu haben. Hätten sie auf ebener Erde gelagert, dann wären sie jetzt wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Die Herde hatte eine Bresche in den Wald geschlagen, auf der nichts mehr existierte und die wahrscheinlich erst in einem Jahrzehnt wieder bewachsen sein würde. Diese Erkenntnis führte zu einer weiteren, die allerdings einige Augenblicke benötigte, um ganz in sein Bewußtsein zu dringen -wenn diese Insel nämlich groß genug war, um eine solch gigantische Herde dieser Riesentiere zu beheimaten, dann konnte es sich nur um eine wirklich gewaltige Landmasse handeln -nicht nur um eine große Insel, wie sie am Anfang noch vermutet hatten. Und das wiederum bedeutete, daß ihre Chancen, möglichst schnell wieder von hier wegzukommen, noch viel schlechter standen, als Mike bisher vermutet hatte.
Der Gedanke war nicht unbedingt dazu angetan, ihn aufzumuntern. Also schob er ihn beiseite und schritt statt dessen schneller aus, um Serena zu finden. Er mußte sich gute zwei-oder auch dreihundert Meter von ihrem Baum entfernen, ehe er wieder einen Bereich des Waldes betrat, der nicht zerstört worden war, und schließlich Serena fand.
Die Atlanterin kam ihm entgegen. Sie wirkte fröhlich wie schon lange nicht mehr. Ihr Gesicht war gerötet, und ihr Haar naß und dunkel: Mike nahm an, daß sie am Fluß gewesen war, um sich zu waschen und vielleicht etwas zu trinken. Außerdem hielt sie eine sonderbar aussehende, dunkelrote Frucht in der Hand, von der sie immer wieder große Stücke abbiß und sie genüßlich kaute.
Der Anblick weckte Mikes Hunger schlagartig wieder. Sein Magen begann zu knurren, aber zugleich durchfuhr ihn auch ein riesiger Schrecken. »Serena!« rief er. »Bist du verrückt?« »Nein«, antwortete Serena fröhlich. »Aber gleich satt. « Sie hielt ihm die Frucht hin. »Willst du auch ein Stück. Es schmeckt köstlich. «
Der Anblick der verlockenden Frucht ließ Mike das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ganz impulsiv hob er die Hand, um danach zu greifen, schüttelte aber dann den Kopf und sagte: »Oder auch gleich tot. Was, wenn sie giftig ist?«
»Dazu schmeckt sie viel zu gut«, erwiderte Serena fröhlich und biß erneut herzhaft in die Frucht. »Außerdem sterbe ich lieber heute an einer giftigen Frucht, als in ein paar Tagen jämmerlich zu verhungern. « Sie lächtelte, biß zum dritten Mal in die Frucht und begann plötzlich herzhaft und mit vollem Mund zu lachen. »Nun nimm schon, Dummkopf«, sagte sie. »Ich kenne diese Früchte. Im Palast meiner Eltern wurden sie zu ganz besonderen Anlässen gereicht. Ich weiß nicht einmal, wie man sie nannte, aber sie waren sehr kostbar. Ich denke, mittlerweile weiß ich auch, warum. «
Jetzt gab es natürlich kein Halten mehr für Mike. Er riß Serena die Frucht regelrecht aus den Händen und biß so hastig hinein, daß er sich beinahe verschluckt hätte. Serena hatte keineswegs übertrieben -die Frucht schmeckte einfach köstlich, auch wenn ihr Geschmack mit nichts zu vergleichen war, was er je gegessen hatte. Mike vertilgte sie bis auf den letzten Krümel. Schließlich hielt er nur noch den Stiel und einen schmalen, mit dunklen Körnern durchsetzten Kern in den Händen. Sein Hunger war keineswegs gestillt, aber sein Magen hatte wenigstens aufgehört zu knurren. »Das war gut«, sagte er und atmete tief durch. »Ich muß sagen, deine Eltern hatten einen guten Geschmack. « Dann blickte er betroffen auf den abgenagten Kern in seiner Hand herab. »Oh«, fuhr er fort. »Jetzt habe ich dir alles wegge -«
»Das macht nichts«, unterbrach ihn Serena und machte eine Kopfbewegung in die Richtung, aus der sie gekommen war. »Dort hinten wachsen Hunderte davon. Was hältst du davon, wenn wir den anderen ein Frühstück mitbringen?«
Mike stimmte begeistert zu. Sie gingen ungefähr hundert Meter zurück in den Wald, bis Serena stehenblieb und nach oben deutete. Mike folgte mit dem Blick ihrem ausgestreckten Arm. Die Früchte waren da, ganz wie Serena gesagt hatte, und es waren wirklich Hunderte. Dummerweise wuchsen sienicht an einem Busch, sondern an den Ästen eines Baumes. Die untersten befanden sich etwa fünfzehn Meter über dem Erdboden.
»Oh«, sagte Mike.
Serena lachte. »Wenn du Angst hast, dann warte hier unten«, sagte sie. »Ich klettere hoch und werfe sie dir zu. « Sie machte auch unverzüglich Anstalten, ihre Worte in die Tat umzusetzen, aber natürlich ließ Mike das nicht zu. Mit einer hastigen Bewegung hielt er Serena zurück und begann den Baum hinaufzuklettern. Ungefähr auf halbem Wege begann er seine Ritterlichkeit bereits zu bedauern, und er war noch längst nicht oben, da zitterten seine Hände und Knie so heftig, daß er alle Mühe hatte, überhaupt noch weiterzuklettern. Aber natürlich ließ er sich nichts davon anmerken, sondern klettertetapfer weiter und erreichte schließlich, wenn auch schweißgebadet, die Äste, an denen die Früchte wuchsen. Ihn schwindelte ein wenig, als er nach unten blickte.
»Wirf sie einfach herunter!« rief Serena. »Zwei für jeden müßten genügen. Sie sind sehr nahrhaft. « Mike nickte nervös, kroch auf Händen und Knien auf einen kaum armdicken Ast hinaus und riß unsicher ein paar Früchte ab. Er fragte sich immer verblüffter, wie um alles in der Welt Serena das Kunststück fertiggebracht hatte, hier heraufzuklettern und die Frucht zu pflücken. Der Baum war nicht so hoch wie der, auf dem sie übernachtet hatten, aber die glatte Rinde bot seinen Händen und Füßen kaum Halt. Er war in Schweiß gebadet und zitterte am ganzen Leib, als er endlich wieder bei Serena angekommen war und festen Boden unter den Füßen spürte.
Serena hatte die Früchte auf einen Haufen gelegt und suchte nun etwas, um sie zu transportieren. Als sie mit einem großen, grün und gelb gestreiften Blatt in den Händen zurückkam, raschelte es hinter ihnen in den Büschen und Astaroth tauchte auf. Er blieb erstaunt stehen, als er sah, was sie taten, und blickte dann erst Serena, dann Mike an. Ihr habt noch mehr geholt? fragte er. »Noch... mehr?« wiederholte Mike. Ein böser Verdacht begann in ihm aufzusteigen. »Wie meinst du das?« fragte er. Die Frage galt dem Kater, aber er sah Serena dabei an. Das Mädchen lächelte noch immer, aber es wich seinem Blick jetzt aus.