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KAPITÄN NEMOS KINDER

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WOLFGANG HOHLBEIN

DIE GRAUEN WÄCHTER

UEBERREUTER

Die Deutsche Bibliothek -CIP-Einheitsaufnahme

Hohlbein, Wolfgang:

Kapitän Nemos Kinder / Wolfgang Hohlbein. - Wien: Ueberreuter Die Grauen Wächter. - 1997 ISBN 38000-2443-8

J 2245/1 Alle Urheberrechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung, Verbreitung und öffentlichen Wiedergabe in jeder Form, einschließlich einer Verwertung in elektronischen Medien, der reprografischen Vervielfältigung, einer digitalen Verbreitung und der Aufnahme in Datenbanken, ausdrücklich vorbehalten Umschlagillustration von Doris Eisenburger

Gesetzt nach der neuen Rechtschreibung

Copyright © 1997 by Verlag Carl Ueberreuter, Wien Printed in Austria

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Das Licht war trüber als sonst; es hatte einen grünlichen Schimmer und zauberte nervös hin und her huschende Muster an die Decke des Salons. Ein ununterbrochenes dumpfes Summen lag in der Luft und manchmal knackte und knisterte es unheimlich. Die Luft roch muffig und es war so feucht, dass Mike trotz der im Grunde angenehmen Temperaturen, die im Salon der NAUTILUS herrschten, beständig fror. Vielleicht waren es aber auch Trauer und Verbitterung, die er spürte. Obwohl er jetzt seit einer guten Woche tagtäglich mehrere Stunden hier verbrachte, hatte er sich immer noch nicht an den Anblick gewöhnt. Die NAUTILUS war nicht einfach nur ein Schiff. In den letzten Jahren war sie zu seiner Heimat geworden und jetzt stand er sozusagen in den Trümmern dieser Heimat; dem erbärmlichen Rest, der übrig geblieben war, nachdem die NAUTILUS von einem ihrer eigenen Torpedos getroffen und versenkt worden war. Trautman, Singh und vor allem Weisser ließen zwar keine Gelegenheit verstreichen, um ihnen allen immer wieder zu versichern, dass sie noch Glück gehabt hatten und es hätte schlimmer kommen können, aber für Mike waren diese Worte kein Trost, auch wenn es sicherlich die Wahrheit war. Aber was half der Gedanke schon, dass es schlimmer kommen konnte? Für seinen Geschmack war es schlimm genug: Sie hatten es zwar geschafft, die NAUTILUS aufzurichten, so dass der Turm mit dem Einstieg wieder aus dem Wasser ragte und sie hinein- und hinauskonnten, ohne dass jedes Mal ein neuer Schwall Salzwasser in das Schiff drang, aber das Unterseeboot lag immer noch reglos auf dem Meeresgrund -zwar nur in wenigen Metern Tiefe und nur einen Steinwurf vom Strand entfernt, trotzdem aber wenig mehr als ein Wrack. Das Platschen von Schritten im Wasser, das auch draußen auf dem Gang noch immer knöcheltief stand, riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah hoch und lächelte flüchtig, als er Trautman erkannte, der durch die Tür hereintrat. Er trug wadenhohe Gummistiefelund dazu einen blauen Arbeitsanzug, der über und über mit Öl, Ruß und Schmierfett bedeckt war, und er machte einen sehr erschöpften Eindruck. Seit zwei Wochen arbeitete er fast ununterbrochen. Mike konnte sich nicht erinnern, wann er ihn das letzte Mal ausgeschlafen erlebt oder ihn gar schlafen gesehen hatte. Er hätte Trautman, der bereits über sechzig war, gerne einen Teil der Arbeit abgenommen, aber es gab nur sehr wenig, was er tun konnte. Trautman war der Einzige an Bord, der sich gut genug mit der Technik der NAUTILUS auskannte, um das Schiff nicht nur zu steuern, sondern auch vieles zu reparieren. »Alles in Ordnung?« Es dauerte eine Sekunde, bis Mike begriff, dass Trautmans Frage weniger seinem Wohlbefinden galt als vielmehr den Instrumenten und Anzeigen auf dem Pult vor ihm. Hastig senkte er den Blick und nickte Trautman einen Augenblick später verlegen zu. Trautman lächelte nur und winkte ab, was Mikes Verlegenheit noch mehr Nahrung gab. Seit sie auf dieser Insel gestrandet waren, benahmen sich alle übermäßig freundlich und eigentlich schon zu rücksichtsvoll was natürlich mit den Vorfällen zusammenhing, die der Beinahe-Katastrophe vorangegangen waren. Obwohl es bereits zwei Wochen her war, saß ihnen allen der Schock noch immer in den Knochen und jedem machte die Erkenntnis zu schaffen, wie sehr er selbst sich verändert gehabt hatte, als sie unter dem Einfluss jener fremden, unheimlichen Macht standen. Aus Freunden waren damals Fremde und beinahe Feinde geworden. Niemand hatte dem anderen irgendetwas vorgeworfen, denn jeder hatte genug damit zu tun, sich selbst Vorwürfe zu machen, aber Mike wusste doch, dass es noch lange dauern würde, ehe an Bord des Schiffes wieder so etwas wie Normalität einkehrte.

Falls das überhaupt je der Fall sein würde ... »Das sollte reichen«, sagte Trautman. »Ich werde jetzt versuchen, die Pumpen zu starten.« Er griff an Mike vorbei und legte rasch hintereinander fünf, sechs kleine Schalter um. Es gab weder eine sichtbare Veränderung noch hörte Mike irgendetwas, aber einige Nadeln auf dem Instrumentenpult schlugen aus und Trautman nickte mit sichtbarer Erleichterung. »Sie laufen.« »Sie haben sie hingekriegt?« Mike wurde klar, dass Trautman ein weiteres kleines Wunder vollbracht haben musste. Die Pumpen lagen in jenem Bereich der NAUTILUS, der von der Explosion am schwersten mitgenommen worden war. Als Mike den ausgeglühten Haufen aus zertrümmertem Metall vor einigen Tagen das erste Mal gesehen hatte, der sich dort befand, wo die Laderäume und ein nicht kleiner Teil lebenswichtiger Maschinen hätten sein sollen, da hatte er fast jede Hoffnung aufgegeben. »Nicht annähernd so gut, wie ich es gerne hätte«, sagte Trautman stirnrunzelnd. »Sie arbeiten zwar, aber das Wasser fließt fast schneller wieder herein, als sie es hinauspumpen können.« Er schüttelte den Kopf und bedachte das Instrumentenpult mit einem besorgten Blick. »In diesem Tempo dauert es Tage, bis sich das Schiff auch nur vom Grund hebt. Und es darf nicht die winzigste Kleinigkeit passieren.« Mike verzichtete darauf, eine entsprechende Frage zu

stellen. Es gehörte nicht viel Fantasie dazu, sich vorzu

stellen, was alles passieren konnte, um ihre Pläne zunichte zu machen. Es musste nicht einmal viel sein. In dem angeschlagenen Zustand, in dem sich die NAUTI-LUS befand, konnte jeder kleine Zwischenfall zu einer Katastrophe ausarten. »Genug für heute«, sagte Trautman. »Lass uns an Land gehen. Ich bin hungrig und müde und du siehst auch nicht mehr gerade frisch aus. Ben oder Chris können die Pumpen ebenso gut überwachen.« Mike stand auf und folgte Trautman nach draußen. Nebeneinander schlurften sie durch das knöcheltiefe Wasser, das den Boden bedeckte und aus dem kostbaren Teppich einen matschigen Schwamm gemacht hatte. Die Samtvorhänge vor den Fenstern hingen herunter wie nasse Lappen, die Holzvertäfelung an den Wänden wies große, hässliche Flecken auf und am schlimmsten hatte es die Bücherregale getroffen. Fast alle Bände waren nass und dem Geruch zufolge mussten etliche bereits zu schimmeln begonnen haben. Sie waren bisher nicht dazu gekommen, den Schaden genauer in Augenschein zu nehmen, aber Mike war ziemlich sicher, dass ein großer Teil der kostbaren Bibliothek seines Vaters unwiederbringlich verloren war; ein Verlust, dessen wahre Größe er vermutlich nicht einmal abzuschätzen vermochte. Und weiter unten im Schiff, in den Räumen, die zum Teil vollständig überflutet gewesen waren, sah es noch viel schlimmer aus. Sie gingen die Treppe in den Turm hinauf und mit dem hellen Licht, das durch die Bullaugen und das offen stehende Turmluke hereinfiel, besserte sich auch Mikes Laune ein wenig. Von draußen drangen die Geräusche des Meeres und ein wirres Durcheinander ferner Stimmen an sein Ohr und als er vor Trautman die Leiter hinaufkletterte, wehte ihm eine Brise kühler Meeresluft ins Gesicht. Wie immer in den letzten Tagen glitt sein Blick ganz von selbst zu dem gewaltigen Krater, der kaum hundert Meter entfernt im Strand gähnte. Und wie immer verspürte er ein eisiges Frösteln bei dem Gedanken,wieknapp sie einer noch viel größeren Katastrophe entronnen waren. Hätten die beiden Torpedos, die sie auf die Flugscheibe abgeschossen hatten, ihr Ziel tatsächlich getroffen, so hätte die Explosion des Sternenschiffes nicht nur die NAUTILUS, sondern auch die gesamte Insel und alles im Umkreis von fünfzig Meilen in Stücke gerissen. Zumindest hatte Weisser das behauptet. Mike verscheuchte den Gedanken und kletterte ganz aus dem Turm heraus, um in das Boot zu steigen, mit dem Trautman und er vor Stunden hergekommen waren. Es war nicht mehr da. Er entdeckte es fünfzig Meter weit entfernt am Strand -Juan, Weisser und einige Eingeborene waren dabei, eine Anzahl großer Kisten einzuladen. Mike runzelte die Stirn, aber sie hatten nur dieses eine Boot und es gab so viel von der NAUTILUS herunter oder von der Insel an Bord zu schaffen, dass er kaum erwarten konnte, dass die anderen zusahen, wie es nutzlos stundenlang am Turm des Schiffes festgemacht war. Mike fror zwar immer noch, aber er hatte wenig Lust zu warten, bis Juan mit dem Boot zurückkam; außerdem war er ohnehin bis auf die Haut durchnässt. Das kleine Stück zum Ufer konnte er genauso gut schwim

men. Als er sich auf dem Turm aufrichtete, um ins Wasser zu springen, entdeckte ihn Juan. Er hob beide Arme und winkte ihm zu und er rief auch irgendetwas, was Mike nicht verstand. Mike winkte zurück, woraufhin Juan noch heftiger mit den Armen zu gestikulieren begann und auch Weisser in seinem Tun innehielt und plötzlich mit beiden Armen wedelte. Die beiden konnten es wohl kaum erwarten, ihn wiederzusehen. Mike atmete tief ein, stieß sich ab und landete mit einem eleganten Hechtsprung im Wasser. Nach der klammen Kälte, die an Bord der NAUTILUS geherrscht hatte, kam ihm das Meer angenehm warm vor, so dass er so lange unter Wasser blieb, wie er nur konnte, und mit kräftigen Zügen in Richtung Ufer schwamm. Als er auftauchte, hatte er bereits ein Viertel der Entfernung zurückgelegt. Juan und Weisser winkten ihm

immer noch zu und auch die Eingeborenen hatten aufgehört, sich mit dem Boot und seiner Fracht zu beschäftigen, und blickten in seine Richtung. Mit kräftigen Zügen schwamm Mike weiter. Erst als er schon die halbe Strecke zum Ufer zurückgelegt hatte und Juan und die anderen immer noch nicht aufhörten, wild mit den Armen zu gestikulieren und auf der Stelle herumzuhüpfen, begann ihm die Sache doch etwas komisch vorzukommen. Er hob den Kopf ein wenig weiter aus dem Wasser und versuchte sich auf das zu konzentrieren, was Juan ihm zuschrie ... »Pass auf! Hinter dir!«Hinter ihm?Hinter ihm war die NAUTILUS -was sonst? Aber vielleicht war etwas mit Trautman, der hinter ihm aus dem Turm geklettert war. Mike drehte im Schwimmen mühsam den Kopf und fuhr so erschrocken zusammen, dass er für eine Sekunde das Schwimmen vergaß und eine gehörige Portion Wasser schluckte, bevor er ganz instinktiv Arme und Beine wieder bewegte. Hinter ihm schnitt eine dreieckige graue Flosse durch die Wasseroberfläche. Ein Hai! Der bloße Anblick schien Mikes Kraft schier zu verzehnfachen. Mit verzweifelter Schnelligkeit griff er aus und schoss nun beinahe selbst so schnell wie ein Fisch durch das Wasser, aber natürlich nicht annähernd schnell genug, um dem Hai davonzuschwimmen oder den Abstand zwischen sich und dem riesigen Raubfisch auch nur zu halten.

Der Hai schoss mit unglaublicher Schnelligkeit heran. Mike konnte ihn im glasklaren Wasser jetzt deutlich erkennen. Er war nicht einmal besonders groß - verglichen mit den Giganten, die sie in den Tiefen der Meere gesehen hatten, aber trotzdem eine tödliche Gefahr. Mike konnte sehen, wie sein riesiges Maul auseinanderklaffte und zwei doppelte Reihen krummer, nadelspitzer Zähne ihn angrinsten. Im allerletzten Moment warf er sich zur Seite und tauchte unter. Er entging dem zuschnappenden Haifischmaul, spürte aber einen heftigen Schlag gegen die Hüfte und gleich darauf einen brennenden Schmerz, als wäre sein ganzes rechtes Bein von oben bis unten mit einem Reibeisen in Berührung gekommen. Mike sah, wie der Hai auf der Stelle herumfuhr und zu einem zweiten Angriff ansetzte. Statt sich auf ein aussichtsloses Wettschwimmen mit einem Fisch einzulassen, der spielend die Geschwindigkeit eines Schnellbootes erreichte, drehte sich Mike unter Wasser herum - und schwamm dem Haifisch genau entgegen! Das riesige Maul des Raubfisches öffnete sich erneut. Mike änderte seine Richtung ein wenig, um weiter nach unten zu tauchen, und der Hai ging instinktiv auf Abfangkurs -und Mike bewegte sich im buchstäblich allerletzten Moment zur Seite. Diesmal war der Schlag noch härter und er hatte das Gefühl, über einen Klotz mit Sandpapier gezerrt zu werden,

doch er hatte nichts mehr zu verlieren. Als der Hai unter ihm entlangschoss, vollendete er seine Drehung und griff zugleich mit beiden Händen nach der dreieckigen Rückenflosse des Tieres. Mit aller Kraft klammerte er sich daran fest. Ein harter Ruck ging durch

seine Arme und die Luft entwich aus seinen Lungen. Er würde jetzt nur noch wenige Augenblicke durchhalten, doch der Hai reagierte so, wie er gehofft hatte. Das Tier begann sich wütend zu schütteln, drehte sich

zweimal auf der Stelle und versuchte mit dem Schwanz nach dem Angreifer zu schlagen, der sich an seiner Rückenflosse festgeklammert hatte. Mike krallte sich mit aller Gewalt in die rauhe Haut des Haifisches. Das Tier bäumte sich auf, machte einen Buckel wie ein bockendes Pferd und schoss dann in spitzem Winkel zur Oberfläche hinauf. In einer Springflut aus Schaum brachen Mike und der Hai durch die Meeresoberfläche. Mike verlor endgültig den Halt, wurde im hohen Bogen durch die Luft geschleudert und klatschte meterweit entfernt wieder aufs Wasser, aber der kurze Augenblick hatte genügt, ihn wieder Atem schöpfen zu lassen, und er hatte sogar ein zweites Mal Glück gehabt. In seinem wütenden Kampf war der Hai noch näher ans Ufer herangekommen und das Wasser war dort, wo er sich nun befand, allerhöchstens anderthalb Meter tief. Er schwamm mit verzweifelten Zügen auf die Insel los und spürte endlich rauhen Sand unter den Knien. Hastig richtete er sich auf, watete das letzte Stück zum Ufer und sank zu Boden. Seine Lungen brannten vor Atemnot. Der kurze Kampf hatte ihn so erschöpft, dass ihm für einen Moment fast schwarz vor Augen wurde. Als er wieder klar sehen konnte, waren Juan, Weisser und die Eingeborenen bereits heran und umringten ihn. Weisser griff nach seinen Schultern, hob seinen Kopf und wollte nach seinem Puls tasten, aber Mike schlug seine Hand mit einer zornigen Bewegung zur Seite. Weisser starrte ihn einen Moment lang verdutzt an, trat dann kopfschüttelnd zurück, sagte aber nichts. Die Eingeborenen schnatterten wild und aufgeregt durcheinander und Juan redete ununterbrochen auf ihn ein. »Mein Gott! Ist dir etwas passiert? Was war denn los? So etwas habe ich ja noch nie gesehen! Wie geht es dir?« »Noch lebe ich«, antwortete Mike müde. »Aber ich weiß nicht, wie lange noch. Anscheinend hast du dir vorgenommen, mich zu Tode zu quatschen.«

Juan riss verblüfft die Augen auf und fuhr in kaum weniger aufgeregtem Ton fort: »Das ... das war ja unglaublich. Es hat ausgesehen, als ob du auf dem Hai geritten wärst!« »Bin ich auch«, maulte Mike. »Irgendwie musste ich ja ans Ufer kommen, nachdem du mir das Boot geklaut hast.« Er stand auf, holte tief Luft und drehte sich dann wieder zum Meer herum. Der Haifisch war immer noch da! Er schwamm kaum zehn Meter vom Ufer entfernt in großen Kreisen auf und ab, als könne er nicht glauben, dass seine Beute im letzten Moment doch noch entkommenwar. Und als wäre all dies noch nicht genug, berührte Juan ihn am Arm und deutete nach links. Als Mikes Blick der Geste folgte, entdeckte er zwei, drei, schließlich ein halbes Dutzend weiterer Haifischflossen, die dort ihre Kreise zogen. »Sieht aus wie ein richtiges Familientreffen«, sagte Juan. Mike war nicht nach Scherzen zumute und Juan wurde auch sofort wieder ernst. »Entschuldige«, sagte er. »Dir ist wirklich nichts passiert?« »Nein«, beharrte Mike. »Aber ich habe einen ganz schönen Schrecken bekommen, das kann ich dir sagen.« Er rieb sich das schmerzende Bein und sog hörbar die Luft ein, als er an sich herabsah. Seine ganze rechte Seite sah tatsächlich aus, als wäre jemand mit einem Riesenstück Schmirgelpapier darüber gefahren. Die Haut war rot und an einigen Stellen blutete er sogar aus winzigen Wunden. Mike konnte von Glück sagen, dass er nicht schwerer verletzt war. Was ihn noch mehr beschäftigte, das war die Frage, warum der Hai angegriffen hatte. Entgegen der landläufigen Meinung kommen Haie nämlich recht selten in die Nähe des Ufers und eigentlich greifen sie Menschen nur an, wenn diese sie provozieren oder verletzt

sind. Und plötzlich tauchte hier nicht nur ein einzelnes Tier auf, sondern gleich ein halbes Dutzend - das war wirklich sonderbar! Mike löste den Blick von den Haifischen draußen im Meer, drehte sich herum und sah Weisser an, auf dessen Gesicht er für einen Moment einen Ausdruck von Erschrecken, ja beinahe Entsetzen gewahrte, den er nicht verstand. Weisser starrte aufs Meer und die Haie hinaus. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt und so fest gegen die Oberschenkel gepresst, als fürchte er, dass ihr Zittern gesehen werden konnte, und er war trotz der Sonnenbräune blass geworden. Und das war nicht alles.

Wenige Augenblicke später schoben die Eingeborenen das Boot ins Wasser, um zur NAUTILUS hinüberzurudern und Trautman abzuholen, und ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten übernahm Weisser nicht automatisch das Kommando über den kleinen Trupp. Er stieg nicht ins Boot, sondern wartete in sicherer Entfernung ab, bis Trautman die Insel betreten hatte, und die ganze Zeit über kam er dem Wasser nicht einmal nahe, aber er starrte ununterbrochen die Haifische an.

Eine halbe Stunde später erreichten sie das Eingeborenendorf, das in der Mitte der kleinen Insel im Dschungel lag, und Mike stellte fest, dass die Nachricht von seinem Abenteuer am Strand bereits die Runde gemacht hatte. Und sie schien auch für gehöriges Aufsehen zu sorgen, denn er wurde immer wieder von Männern und Frauen angesprochen und musste seine Geschichte - mit Weissers Hilfe alsÜbersetzer -fast ein Dutzend Mal wiederholen, bevor Trautman und er endlich die kleine Hütte in der Mitte des Dorfes erreichten, in der sie für die Dauer ihres Aufenthaltes untergebracht waren. Chris, Ben und Singh erwarteten sie dort und Mike kam nicht darum herum, alles noch einmal zu erzählen. Als Juan mit einem heftigen Nicken hinzufügte, dass sich alles tatsächlich ganz genau so abgespielt hatte und er gut auf dem nächsten Rodeo als Haifischdompteur auftreten könnte, schenkte er ihm zwar einen giftigen Blick, musste aber trotzdem plötzlich lachen. Es bestand ja kein Grund mehr, Angst zu haben. Die Gefahr war vorbei und auch wenn der Zwischenfall merkwürdig genug gewesen war, gab es doch keinen Grund mehr, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. »Dieser Hai hat sich wirklich seltsam benommen«, meinte Trautman. »Mir kam es so vor, als hätte er sichhungrigbenommen«, sagte Mike. Trautman blieb ernst. »Wir sind jetzt seit Jahren zusammen unterwegs«, sagte er. »Und wir sind schon oft Haien begegnet. Aber sie haben sich nie so verhalten.« »Vielleicht war das Tier einfach krank«, sagte Ben. »Wahrscheinlich«, mischte sich Weisser ein, mit leicht erhobener Stimme und -wie Mike meinte - in fastzubeiläufigem Ton. »Aber das spielt für uns keine Rolle. Wir sollten etwas vorsichtig sein, wenn wir schwimmen gehen, aber das ist auch alles.« Niemand widersprach -und warum auch? Weissers Worte klangen einleuchtend und die Haie waren tatsächlich nicht ihr Problem. Aber Mike musste immer noch daran denken, wie sonderbar Weisser reagiert hatte, als er die Haifische sah. Er verscheuchte den Gedanken. Er war in letzter Zeit zu misstrauisch, vor allem wenn es um Weisser ging genauer gesagt:Argos,wie sein wirklicher Name laute

te. Obwohl alle anderen ihn mittlerweile damit ansprachen, fiel es Mike immer noch schwer, ihn statt des Namens zu benutzen, unter dem sie ihn kennen gelernt hatten. Er verstand selbst nichts so recht, warum das

so war; ebenso wenig, wie er sein übertriebenes Misstrauen dem Atlanter gegenüber begründen konnte.

Das liegt vielleicht daran, dass du ihn nicht magst,flüsterte eine Stimme in seinen Gedanken.Du bist nicht besonders fair, findest du nicht?

Mike musste sich auf die Zunge beißen, um nicht laut zu antworten; sondern auf dieselbe lautlose Weise, auf die Astaroth mit ihm gesprochen hatte. Der Kater war ebenso wie Serena nicht in der Hütte, hatte aber ganz offensichtlich wieder einmal seine Gedanken gelesen, obwohl er wusste, wie unangenehm Mike dies war.

Verdammt noch mal, hör endlich, auf, in meinen Gedanken herumzuschnüffeln,dachte er wütend.Außerdem stimmt es nicht.

Was? Dass du ihn nicht magst oder dass du unfair bist? Beides. Ich habe nichts gegen ihn,antwortete Mike, obwohl er selbst merkte, wie wenig überzeugend diese Behauptung klang. Er hatte dem sonderbaren Fremden von Anfang an misstraut und dieses Misstrauen hatte sich nicht einmal ganz gelegt, nachdem er Mike und vermutlich allen anderen hier auch das Leben gerettet hatte. Dass er sich selbst immer wieder einzureden versuchte, dass es überhaupt keinen Grund gab, misstrauisch oder gar feindselig zu sein, half nicht viel. Trotzdem fuhr er fort:Warum sollte ich ihn nicht leiden können? Er steht auf unserer Seite. Und er hat uns das Leben gerettet. Du bist eifersüchtig,behauptete Astaroth geradeheraus.Eifersüchtig?! Wieso denn das? Und auf wen überhaupt? Auf Serena,antwortete Astaroth. Diesmal konnte Mike seine Reaktion nicht mehr ganz verbergen. Er fuhr erschrocken zusammen und wurde sich voller Unbehagen der Tatsache bewusst, dass ihn plötzlich alle anstarrten. Niemand sagte etwas, aber natürlich wussten sie, was er tat. Er war der einzige an Bord der NAUTILUS, der mit dem einäugigen Kater auf diese stumme Weise kommunizieren konnte, selbst wenn sie weit voneinander entfernt waren. Niemand hatte es je laut ausgesprochen, aber Mike wusste sehr wohl, dass den anderen seine Art, sich mit Astaroth zu verständigen, unheimlich war.

Unsinn!behauptete er.Ich bin nicht eifersüchtig. Bist du doch,antwortete Astaroth.Du hast Angst, dass er dir dein Prinzesschen wegnehmen könnte. Stimmt's?

Das war natürlich der blanke Unsinn. Aber aus irgendeinem Grund widersprach Mike jetzt nicht mehr, sondern wandte sich mit einem gekünstelten Räuspern wieder den anderen zu, die ihre Unterhaltung immer noch nicht fortgesetzt hatten, sondern ihn fast erwartungsvoll ansahen. Eigentlich nur, um den peinlichen Moment irgendwie zu überspielen und überhaupt etwas zu sagen, fragte er: »Wie lange werden wir noch auf dieser Insel festsitzen?« Die Frage galt niemand Bestimmtem und im Grunde hatte er auch gar nicht mit einer Antwort gerechnet, aber Weisser sagte fast hastig: »Nicht mehr sehr lange. Wenn die Pumpen endlich funktionieren und wir das Wasser aus dem Schiff herausbekommen, ist das Schlimmste geschafft.« Mike war über diese Antwort ein bisschen irritiert und auch Trautman runzelte flüchtig die Stirn. Mike war nicht ganz sicher, aber er glaubte doch, einen leisen Unterton von Kritik in Weissers Worten gehört zu haben. Es wäre nicht das erste Mal. Sie alle arbeiteten seit zwei Wochen wie die Verrückten daran, die NAUTILUS wenigstens halbwegs wieder flottzubekommen -alle, mit Ausnahme Weissers. Dafür ließ er kaum eine Gelegenheit verstreichen, mehr oder weniger offen seinen Tadel daranzu äußern, dass sie offensichtlich nicht schnell genug voran kamen. Überhaupt war die erste Euphorie,nach Serena auf einen zweiten Überlebenden von Atlantis gestoßen zu sein -und noch dazu auf ihren leibhaftigen Vater, niemand anderem also als dem König dieses untergegangenen Inselreiches! -, im Lauf der beiden vergangenen Wochen einer immer stärkeren Ernüchterung gewichen. Weisser beziehungsweiseArgos,verbesserte sich Mike in Gedanken - hatte sehr wenig über sich und sein Leben in Atlantis erzählt. Dafür hatte er unzählige Fragen gestellt. Natürlich bestand nicht der geringste Zweifel an seiner Loyalität. Immerhin hatte er Mike, Trautman und Singh und allen anderen hier mit großer Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet und darüber hinaus noch ein gewaltiges Unglück verhindert. Aber manchmal fragte sich Mike doch, ob ihnen dieser Mann wirklich die ganze Wahrheit über sich und seine Beweggründe und Ziele erzählt hatte oder ob es da vielleicht noch etwas gab, was er ihnen verschwieg. Vor allem in Momenten wie jetzt. »Ich habe die Pumpen repariert, so gut ich konnte«, sagte Trautman in das immer unbehaglicher werdende Schweigen hinein. »Vieles ist zerstört. Und die Funktion vieler Maschinen verstehe nicht einmal ich, so dass ich sie auch nicht reparieren kann.« Er sah Argos bei diesen Worten auffordernd an, aber der Atlanter ignorierte die darin verborgene Frage einfach. Trautman hatte ihn nur ein einziges Mal gebeten, ihm bei der Reparatur der NAUTILUS behilflich zu sein und die patzige Antwort erhalten, dass er schließlich kein Mechaniker sei und von Technik und Maschinen wahrscheinlich weniger verstünde als irgendein anderer an Bord. Die Stimmung in der kleinen Hütte war während des Gespräches spürbar angespannter geworden und sie hätte sich wahrscheinlich noch weiter verschlechtert, wäre in diesem Moment nicht Serena zurückgekommen. Sie war nicht allein. In ihrer Begleitung befanden sich zwei Kinder aus dem Dorf und Mike konnte draußen vor der Tür die Stimmen weiterer Eingeborenenjungen und -mädchen hören, die aufgeregt durcheinanderriefen und lachten. Serena und vor allem der Kater hatten

die Herzen der Eingeborenen im Sturm erobert und waren schon nach wenigen Tagen zu den erklärten Lieblingen des Stammes geworden. Wenn man sie zwischen den Menschen der Insel sah, die allesamt groß, sonnengebräunt und den Nachkommen der südamerikanischen Indianer sehr ähnlich waren, konnte man das gut verstehen: Serena mit ihrer hellen Haut, den großen, dunklen Augen und dem goldblonden Haar musste ihnen wie eine Fee erscheinen; einer Gestalt aus ihren Legenden und Mythen ähnlicher als einem lebendem Menschen. Und dazu kam ihr immer freundliches Wesen, das Mike nun, als sie allesamt dem unheilvollen Einfluss des Sternenschiffes entkommen waren, noch viel mehr auffiel als sonst. Niemand konnte übersehen, dass Serena etwas Besonderes war.Aber du bist nicht eifersüchtig, wie?spöttelte Astaroths Stimme in seinen Gedanken. Mike fuhr unmerklich zusammen und hielt nach dem Kater Ausschau, konnte ihn aber nirgendwo entdecken. Vermutlich war er draußen geblieben, um wie üblich mit den Kindern zu spielen. Keiner der Eingeborenen wusste, was dieser Katerwirklichwar, und so war es nicht erstaunlich, dass er sie immer wieder verblüffte schließlich konnte er ihre Gedanken lesen und wusste so stets genau, was sie von ihm erwarteten. »Vater!« Serena eilte auf Argos zu und schloss ihn kurz, aber sehr heftig in die Arme und Mike ertappte sich erneut dabei, einen scharfen Stich der Eifersucht zu spüren. Er sah rasch weg und Astaroth war zumindest diesmal diplomatisch genug, keinen seiner berüchtigten Kommentare dazu abzugeben, aber er begann sich einzugestehen, dass der Kater vermutlich Recht hatte: Erwareifersüchtig. »Mein Kind!« Argos schob Serena auf Armeslänge von sich fort und betrachtete sie lächelnd. »Wie ist es dir ergangen? Was hast du den ganzen Tag gemacht?«

»Wir haben das Fest vorbereitet«, antwortete Serena. »Das Fest?« Argos runzelte flüchtig die Stirn, dann hellte

sich sein Gesicht auf. »Oh, ich verstehe.« »Ich nicht«, sagte Mike und auch die anderen blickten verwirrt drein. »Sie geben heute Abend ein Fest zu unseren Ehren«, erklärte Argos. »Heute ist Vollmond. In ihrer Religion spielt der Mond eine wichtige Rolle und wie es der Zufall eben wollte, bin ich genau beim letzten Vollmond auf diese Insel gekommen.« »Ach, und jetzt halten sie Sie für eine Art Gott, wie?«, fragte Mike. Der hämische Ton in seiner Stimme überraschte ihn selbst. Argos sah beleidigt drein, Serena runzelte die Stirn und auch die anderen blickten ihn verstört an. Mike hatte von der ersten Sekunde an keinen Hehl daraus gemacht, dass er Serenas Vater wohl nie als seinen Freund betrachten würde. Eine so offene Feindseligkeit wie jetzt aber hatte er noch nie an den Tag gelegt. Argos sah ihn an, lächelte -und dieses Lächeln hatte eine seltsame Wirkung auf Mike. Mit einem Male schämte er sich seiner eigenen Worte und vor allem seiner Gefühle Argos' gegenüber. Und als hätte der Atlanter diesen Gedanken gelesen, wurde sein Lächeln eine Spur wärmer und herzlicher. Mike gestand sich ein, dass das meiste wohl doch seine Schuld gewesen war. Wie sie alle war er nervös. Er war unzufrieden, weil die Reparaturarbeiten an der NAUTILUS nicht so voranschritten, wie sie alle es gerne gehabt hätten. Er entschuldigte sich in Gedanken noch einmal bei Serenas Vater und nahm sich fest vor, in Zukunft etwas mehr auf seine eigenen Gefühle Acht zu geben - und vor allem auf das, was er sagte. »Vielleicht ist es gar keine so schlechte Idee, einmal einen Abend nicht zu arbeiten«, sagte Trautman plötzlich. »Ein kleines Fest wird uns sicher gut tun. Heute können wir sowieso nichts mehr ausrichten. Die Pumpen arbeiten von selbst und darüber hinaus wird es bald dunkel.« Niemand widersprach, aber die allgemeine Begeisterung hielt sich auch in Grenzen. Keiner von ihnen hatte etwas gegen eine Feier einzuwenden oder einen freien Abend. Und trotzdem wusste Mike, dass nicht nur er allein den Wunsch verspürte, so schnell wie nur möglich von hier wieder wegzukommen.

Einige Stunden später saß Mike missmutig auf einem Stein, drehte einen an einem Stock aufgespießten Fisch über dem Feuer und blickte Serena und Argos an, die vertraut aneinandergekuschelt auf der anderen Seite der Feuerstelle saßen. Das Fest war nahezu vorüber. Die Eingeborenen hatten sich wirklich Mühe gegeben: Sie hatten Musik gemacht, einige Tänze aufgeführt und waren bis spät in die Nacht so fröhlich und ausgelassen gewesen, wie Mike sie bisher noch nie erlebt hatte. Auch die anderen hatten sich königlich amüsiert, ihm selbst war es nicht gelungen, die rechte Begeisterung zu entwickeln. Er hatte sich wirklich Mühe gegeben, schon, um Serena nicht zu enttäuschen, die zwar nichts gesagt hatte, ihn aber auf eine Art ansah, die klarmachte, dass sie seine niedergeschlagene Stimmung durchaus spürte. Aber es hatte nichts genutzt. Ihm war nicht nach Feiern zumute und so hatte er sich schließlich ein wenig von den anderen abgesondert, um ihnen mit seiner miesepetrigen Laune nicht auch noch die Stimmung zu verderben. Schließlich - Mitternacht musste längst vorüber sein - hatten sich die meisten Eingeborenen in ihre Hütten zurückgezogen und auch Trautman, Singh und Juan waren schlafen gegangen, so dass außer Mike selbst nur noch Ben, Chris, Serena und ihr Vater sowie eine Handvoll Eingeborener übrig geblieben waren, die sich an ihrem selbstgebrauten Wein gütlich taten, dabei immer lauter wurden und offenbar entschlossen schienen, bis zum Morgen durchzumachen. Mike selbst war nicht nach Schlafen zumute. Er war nicht im Geringsten müde. Schließlich stand er auf, warf den Stock mitsamt des halb gebratenen Fisches ins Feuer und verließ mit schnellen Schritten den Festplatz. Er war so sehr in seine trüben Gedanken versunken, dass er gar nicht richtig registrierte, wohin ihn seine Schritte trugen und wie viel Zeit verging. So war er nicht schlecht erstaunt, als er plötzlich statt der nächtlichen Geräusche des Waldes und des Raunens des Windes in den Baumwipfeln einen anderen, wenn auch fast ebenso vertrauten Laut hörte; ein seidiges, weiches und trotzdem sehr machtvolles Geräusch: das Rauschen der Brandung. Ohne dass er sich des Umstandes selbst bewusst gewesen wäre, hatten ihn seine Schritte wieder zum Strand hinuntergetragen und damit dorthin, wo die NAUTILUS lag. Mike wollte schon kehrtmachen und zum Lager zurückgehen, aber dann zuckte er mit den Schultern und ging die letzten Schritte bis zum Waldrand hinunter. Auf eine Minute mehr oder weniger kam es jetzt auch nicht mehr an und so konnte er sich wenigstens davon überzeugen, ob die Pumpen richtig arbeiteten oder nicht. Wenn alles gut gegangen war, dann musste der Turm der NAUTILUS jetzt schon ein gutes Stück weiter aus dem Wasser herausschauen als am Abend. Vielleicht konnte er wenigstens mit einer guten Nachricht ins Lager zurückkehren. Entschlossen legte er die letzten Schritte zum Waldrand zurück, trat auf den Strand hinaus und blieb wie angewurzelt stehen. Um es kurz zu machen: Die Pumpenhattengut gearbeitet. Sehr viel besser sogar, als Mike es sich in seinen kühnsten Träumen erhofft hätte ... Mike stand mit offenem Mund da und blickte fassungs los auf das Meer herab; genauer gesagt, auf die NAUTI-LUS, die dicht vor der Küste lag. Sie war aufgetaucht. Im Licht des Vollmondes, der von einem wolkenlosen Himmel herabschien, war das Schiff fast so deutlich zu erkennen, als würde es von einem starken Scheinwerfer angestrahlt. Die NAUTILUS lag ganz normal im Wasser, vielleicht dass sie noch ein wenig Schlagseite hatte, aber keinen Deut tiefer als sonst. Und das war vollkommen unmöglich! Mike klappte den Mund wieder zu, machte einen weiteren Schritt auf den Strand hinaus und blieb wieder stehen. Seine Gedanken begannen zu rasen. Was er sah, war vollkommen ausgeschlossen. Das Schiff war fast zur Hälfte voll Wasser gelaufen und er kannte die Kapazität der Pumpen, die Trautman angeschlossen hatte. In den wenigen Stunden, die seither vergangen waren,konntedie NAUTILUS unmöglich so weit wieder aufgetaucht sein! Langsam ging Mike weiter den Strand hinunter, bis er bis zu den Knöcheln im Wasser stand und wieder stehen blieb. Der Anblick blieb derselbe: majestätisch und ehrfurchtgebietend, denn die NAUTILUS war nicht nur ein fantastisches, sondern auch ein riesiges Schiff mit an die hundert Metern Länge, zugleich aber auch auf sonderbare Weise beunruhigend, fast unheimlich. Irgendetwas stimmte hier nicht. Etwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. Aber was? Sein Verstand riet ihm, so schnell wie möglich ins Dorf zurückzulaufen und Trautman und die anderen zu holen und sicherlich wäre das auch das Vernünftigste gewesen, aber er war viel zu verwirrt und zugleich gebannt von dem, was er sah, um vernünftig zu sein. Aber vielleicht gab es ja eine andere Lösung ... Mike konzentrierte sich und rief in Gedanken nach Astaroth. Wenn es ihm gelang, den Kater zu erreichen, konnte dieser vielleicht die anderen alarmieren. Er

selbst war zwar der Einzige, der mit dem Tier sprechen konnte, aber sie alle wussten darum und es wäre nicht das erste Mal, dass es Astaroth gelang, eine Botschaft weiterzugeben, und sei es nur, indem er sich besonders auffällig benahm. Er bekam jedoch keine Antwort. Entweder war er zu weit vom Lager entfernt oder Astaroth war abgelenkt oder schlief. Ein wenig enttäuscht, aber weiterhin entschlossen, dieses Geheimnis zu lüften, gab Mike sein Vorhaben auf und sah sich um. Gottlob lag das Boot noch immer am Strand. Es bereitete Mike einige Mühe, das schwere Gefährt ganz allein ins Wasser zu schieben, aber irgendwie gelang es ihm doch. Nach einigen Minuten saß er keuchend, aber zufrieden im Boot und paddelte, so schnell er konnte, auf die NAUTILUS zu. Schon nach kurzer Zeit erreichte er das Schiff, vertäute das Boot am Rumpf und trat mit einem entschlossenen Schritt auf die metallenen Decksplanken hinauf. Es war ein sonderbares Gefühl, nach gut zwei Wochen wieder an Deck der NAUTILUS zu sein: gut und zugleich fast unwirklich, denn er hatte nach allem kaum noch darauf zu hoffen gewagt, es noch einmal zu erleben. Was ihn wieder zu der Frage brachte,wiesodie NAUTILUS so viel schneller als erwartet aufgetaucht war ... Mike ging zum Turm, kletterte hinauf und fand das Lukzu seiner Überraschung offen - dabei wusste er genau, dass Trautman die NAUTILUS niemals unverschlossen zurückgelassen hätte. Jetzt aber stand das gewaltige, runde Luk weit auf -und aus der Tiefe des Schiffes schimmerte Licht empor ... Jemand war an Bord der NAUTILUS! Aber wer? Alle Besatzungsmitglieder der NAUTILUS befanden sich im Dorf und schliefen und von den Eingeborenen hätte es keiner gewagt, das Schiff zu betreten. Ob sie nun Argos als so etwas wie einen Gott ansahen oder nicht, änderte nichts daran, dass sie einen Heidenrespekt vor der NAUTILUS hatten; und nach den schlechten Erfahrungen, die sie mit den Segnungen der Zivilisation gemacht hatten, umso mehr. Doch wer dann? Nun - es gab nureineMöglichkeit, das herauszufinden. Mike wusste sehr wohl, dass es spätestens jetzt an der Zeit gewesen wäre, an Land zurückzurudern und die anderen zu holen. Trotzdem tat er das genaue Gegenteil: Er schwang sich mit einer entschlossenen Bewegung in den Turm, kletterte die eiserne Leiter hinunter und näherte sich langsam und mit angehaltenem Atem lauschend der Treppe, die tiefer ins Schiff hinabführte. Irgendwo plätscherte Wasser und in seinen Ohren dröhnte das Geräusch seiner eigenen Herzschläge, aber das war auch alles. Er zögerte noch einen Moment, dann ging er mit klopfendem Herzen die Treppe weiter hinunter, bis er den Gang erreichte, der in die eine Richtung zu den Kabinen und in die andere zum Salon hin führte. Das Geräusch von plätscherndem Wasser war lauter geworden und darunter glaubte er jetzt das rhythmische, an-und abschwellende Wummern und Dröhnen der Pumpen zu vernehmen, die Trautman installiert hatte. Seltsam -er hatte es viel leiser in Erinnerung und nicht so machtvoll. Mike bedauerte es jetzt, keine Lampe mit zu haben, aber schließlich hatte er ja auch nicht vorgehabt, hierher zu kommen. Aus der offen stehenden Tür des Salons fiel zwar ein trüber Lichtschein, der aber längst nicht reichte, den Gang so weit zu erhellen, als dass er mehr als Schatten und formlose Umrisse erkennen konnte. Langsam ging er den Gang hinab und zum Salon. Als er sich behutsam vorbeugte, um in den Raum zu spähen, klopfte sein Herz so laut, dass man es eigentlich im ganzen Schiff hätte hören müssen. Der Salon war leer.

Unter der Decke brannte eine einzelne, trübe Lampe,

die den großen Raum nur unzureichend beleuchtete.

Trotzdem reichte der blasse Schein, Mike erkennen zu

lassen, dass sich der Salon noch immer im selben be

mitleidenswerten Zustand wie am Nachmittag befand

und dass er leer war.

Mike atmete erleichtert auf, beging aber trotzdem nicht den Fehler, jetzt etwa unvorsichtig zu werden. Dass der Salon leer war, bedeutete keineswegs, dass das auch auf das gesamte Schiff zutraf. Mike war hundertprozentig sicher, dass sie dieses Licht nicht angelassen hatten, als sie die NAUTILUS am Nachmittag verließen. Hundertzehnprozentig, sozusagen. Irgendjemand war hier. Er verließ schließlich den Raum und ging in die andere Richtung, um auch die Kabinen zu untersuchen. Die meisten Türen waren verschlossen, aber die seiner eigenen, Trautmans und Serenas Kajüte waren offen. Er betrat sie alle drei, untersuchte sie flüchtig und nahm aus Trautmans Kabine eine Taschenlampe mit, die ihm sicher von Nutzen sein würde. Etwas mutiger geworden, machte er sich auf den Weg zur Treppe, um sich das nächste Deck vorzunehmen. Das Licht blieb rasch

hinter ihm zurück und hier unten hatte niemand eine Lampe brennen lassen, so dass er heilfroh war, die Taschenlampe bei sich zu haben. Trotzdem war es ein unheimliches Gefühl, bei fast vollkommener Dunkelheit durch das Schiff zu gehen. Der kleine, scharf abgegrenzte Kreis beinahe weißer Helligkeit, der vor ihm über den Boden tanzte wie ein leuchtender Gummiball, machte es nicht besser, sondern eher schlimmer, denn er schien die Finsternis ringsum eher noch zu betonen, anstatt sie zu verscheuchen. Und da war noch das Geräusch der Pumpen. Mike war jetzt sicher, dass es sich verändert hatte. Er konnte den Unterschied nicht wirklich in Worte fassen, aber er war da. Es klang anders als am Nachmittag. Er stieg die nächste Treppe hinab und hier waren die Spuren des eingedrungenen Meeres schon deutlich zu sehen: Auf dem Boden stand noch immer eine knöcheltiefe Wasserschicht und selbst von der Decke tropfte und rieselte es. Hier und da hatte das Meer Tang und tote Fische zurückgelassen. Allein bei der Vorstellung, wie lange sie brauchen wurden, um das Schiff wieder sauber zu bekommen, wurde Mike ganz anders ... Er erreichte den Durchgang zum Maschinenraum und blieb wie angewurzelt stehen. Da war ein Geräusch. Mike raffte all seinen Mut zusammen, drehte sich blitzschnell herum und hob die Lampe. Der weiße Kegel stach wie eine Lanze aus Licht durch die Dunkelheit vorihm. Doch da war nichts. Im hellen Schein der Taschenlampe erkannte er nichts als feuchtes Metall und Wasser. Mit klopfendem Herzen schwenkte er die Lampe ein paarmal hin und her, ohne irgendetwas zu erkennen. Er war allein. Und auch das Geräusch wiederholte sich nicht. Trotzdem war Mike vollkommen sicher, es sich nicht eingebildet zu haben. Es war ein Plätschern gewesen. Ein Laut, als fiele ein schwerer Körper ins Wasser. Der Scheinwerferkegel der Taschenlampe richtete sich zitternd auf die Tür vor ihm. Dahinter lag die Tauchkammer, durch die sie die NAUTILUS verlassen konnten, auch wenn sie sich tief unter Wasser befanden. Er hob die Hand, streckte sie nach dem Griff aus und senkte sie wieder. Plötzlich hatte er Angst. Es war, als flüsterte ihm eine unhörbare Stimme zu, dass er diese Tür besser nicht öffnen sollte, wenn er nicht wollte, dass etwas Furchtbares geschähe. »Unsinn!«, murmelte Mike. Seine Stimme klang in der Dunkelheit so fremd und verzerrt, dass es ihm einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Trotzdem hob er erneut die Hand und näherte sich der Tür und diesmal öffnete er sie. Er war auf alles gefasst.

Der Raum hinter der schmalen Metalltür war so leer wie der davor. Alles, was der Schein der Taschenlampe erhellte, waren die runde Tauchkammer und das Gestell mit den Unterwasseranzügen an der gegenüberliegenden Wand. Langsam ließ er den Lichtstrahl durch den Raum gleiten und senkte ihn schließlich. In der Mitte der Tauchkammer befand sich ein ebenfalls runder, wuchtiger Metalldeckel, der den Raum wasserdicht abschloss. Jetzt stand er offen. Der Strahl der Taschenlampe fiel ungehindert hindurch und verlor sich erst nach zwei oder drei Metern im kristallklaren Wasser der Karibik. Mike konnte spüren, wie sich jedes einzelne Haar auf seinem Kopf aufrichtete. Jetzt war er sicher, dass jemand an Bord der NAUTILUS gewesen war, der hier nichts zu suchen hatte. Es war ganz und gar unmöglich, dass irgendeiner von ihnen die Kammer offen gelassen hatte. Jemand war hier gewesen und er hatte das Schiff auf diesem Wege verlassen. Vermutlich sogar erst vor wenigen Augenblicken. Zweifellos hatte der Eindringling ihn gehört oder das Licht seiner Taschenlampe gesehen und die Flucht auf diesem Wege angetreten. Das musste das Geräusch gewesen sein, das er gehört hatte. Mike richtete sich wieder auf, hob die Lampe und ließ den Strahl ein zweites Mal über die Taucheranzüge gleiten, die an der gegenüberliegenden Wand hingen. Es waren sieben. Keiner fehlte. Diese Erkenntnis versetzte Mike in leises Erstaunen. Immerhin befand sich die Tauchkammer unter dem Rumpf der NAUTILUS. Um auf diese Weise aus dem Schiff und auch noch lebend zur Oberfläche hinaufzukommen, musste der Eindringling entweder ein ganz besonders guter Schwimmer sein -oder ganz besonders leichtsinnig. Aber egal, wie -er war fort und Mike musste dafür sorgen, dass er nicht zurückkehren konnte; wenigstens nicht auf demselben Weg, auf dem er gegangen war. Rasch legte er die Taschenlampe neben sich auf den Boden, ließ sich in die Hocke sinken und streckte die Hände nach dem Lukendeckel aus, um die Tauchkammer wieder zu verschließen. Er kam nicht dazu, die Bewegung zu Ende zu führen. Hinter ihm erklang plötzlich ein feuchtes, schweres Platschen und er sah einen verzerrten Widerschein auf der Wasseroberfläche. Hastig versuchte er sich wieder aufzurichten, verlor durch seine eigene Bewegung den Halt und stürzte nach vorne. Doch während er fiel, drehte er sich halb herum und was er in diesem Sekundenbruchteil erblickte, das war so bizarr, dass er für einen Moment alles andere vergaß. Hinter ihm war wie aus dem Nichts eine Gestalt erschienen. Sie hatte menschliche Umrisse, aber siewarkein Mensch. Sie war schlank, kaum größer als er selbst und hatte sonderbar glatte Umrisse, ohne erkennbare Taille oder breitere Schultern, und sie schien auch keinen sichtbaren Hals zu haben. Und ihr Gesicht ...

Ihr Gesicht!