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Ganz besinnungslos konnte er wohl doch nicht gewesen sein, denn er erinnerte sich hinterher vage, wie er an die Oberfläche gekommen war -allerdings war er nicht ganz sicher, ob er sich nunwirklicherinnerte, oder ob das, woran er sich zu erinnern glaubte, vielleicht nicht doch so etwas wie eine Halluzination gewesen war ...
Bizarr genug dazu war es jedenfalls. Mike fand sich nun zum dritten Mal, seit sie auf diese Insel gekommen waren, keuchend, und Wasser erbrechend und verzweifelt nach Luft ringend, am Strand liegend vor, als sein Bewusstsein endlich wieder ganz erwachte. Sein Kopf schmerzte heftig und er musste wohl nicht nur einen guten Teil der Karibik hinuntergeschluckt haben, sondern auch noch ein paar Liter von seinem eigenen Blut, denn er hatte einen fürchterlichen Geschmack im Mund und musste mit aller Macht an sich halten, um sich nicht zu übergeben. Rings um ihn herum war ein wirres Durcheinander von Stimmen und Geräuschen und als er endlich die Augen öffnete, sah er in ein vertrautes Gesicht. Wenn auch vielleicht nicht in eines, das er in diesem Augenblick unbedingtgernegesehen hätte ... »Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Argos. Er hatte sich über ihn gebeugt und trotz seines miserablen Zustandes registrierte Mike sehr wohl, dass die Eingeborenen respektvoll vor dem Atlanter zurückgewichen waren. »Nein«, würgte Mike mühsam hervor. »Nicht wenn man aufwacht undSiesieht.« Argos runzelte flüchtig die Stirn, aber dann lächelte er plötzlich. »Ich schätze, du bist wieder ganz der Alte«, sagte er säuerlich. »Wie fühlst du dich? Bist du verletzt?« Mike war nicht ganz sicher. Er erinnerte sich schwach, mit dem Kopf gegen irgendetwas geprallt zu sein, und dann ... Nein. Das war zu fantastisch. Daskonntekeine wirkliche Erinnerung sein, sondern wohl doch so etwas wie eine Halluzination. Man sagte ja, dass Menschen im Augenblick ihres nahenden Todes sich die verrücktesten Dinge einbildeten. Und erwardem Tod nahe gekommen. Als er nicht antwortete, wurde Argos' Miene düster und seine Stimme verlor eine Menge von ihrer Freund
lichkeit. »Was ist nur in dich gefahren, mitten in der Nacht und noch dazu bei Flut hierher zu kommen? Wolltest du dich umbringen?« »Argos -bitte!« Mike atmete innerlich auf, als er Trautmans Stimme hörte und Argos sich herumdrehte, ohne auf eine Antwort auf seine Frage zu warten. Wahrscheinlich würde ihn auch Trautman gleich mit Vorwürfen nur so überschütten, aber das war ihm im Moment hundertmal lieber, als sich weiter mit dem Atlanter zu unterhalten. Unsicher stemmte er sich auf die Ellbogen hoch und wollte aufstehen, spürte aber, dass ihm dazu im Moment wohl noch die Kraft fehlte, und beließ es dabei, sich halbwegs aufzusetzen. Alles drehte sich um ihn und seine Lungen brannten noch immer wie Feuer. Auch wenn er sich nicht wirklich erinnerte, was passiert war, eines war klar: Er war dicht davor gewesen, zu ertrinken. Argos trat einen Schritt zurück, um Platz für Trautman und -wie Mike erleichtert feststellte -auch die restlichen Besatzungsmitglieder der NAUTILUS zu machen, die herangestürmt kamen, und setzte zugleich zu einer scharfen Antwort an, doch Trautman ließ ihn gar nicht zu Wortkommen, »Was ist hier passiert?«, fragte er. »Mike? Was ist los?« »Ihr junger Freund hat gerade versucht, sich umzubringen«, antwortete Argos düster. »Vielleicht war er auch nur der Meinung, dass uns langweilig ist und wir eine kleine Abwechslung gebrauchen können.« Trautman ignorierte ihn, eilte an ihm vorbei und blieb dicht vor Mike stehen. Sein Gesichtsausdruck war sehr besorgt, aber auch erleichtert. »Was war los?«, fragte er noch einmal. »Was tust du hier, mitten in der Nacht, und was -« Er sprach nicht weiter. Seine Augen wurden groß und sein Unterkiefer klappte fassungslos herunter. Mike konnte sehen, wie alles Blut aus seinem Gesicht wich,
während sich sein Blick auf einen Punkt irgendwo hinter ihm richtete. Er musste sich nicht eigens herumdrehen, um zu wissen, was Trautman in solch fassungsloses Erstaunen versetzte. Er hatte die NAUTILUS entdeckt. »Aber das ist doch ...« »Deshalb war ich hier«, sagte Mike. Das Sprechen bereitete ihm Mühe und er hatte immer noch Schwierigkeiten, richtig zu atmen. »Ich bin zufallig hergekommen, aber dann habe ich das Schiff gesehen.« »Aber wie ist das möglich?«, murmelte Trautman.»Wasist möglich?«, fragte Argos misstrauisch. »Aber sehen Sie es denn nicht?«, sagte Ben. Mittlerweile hatten alle -bis auf Argos anscheinend -gesehen, was mit der NAUTILUS passiert war, und der Anblick schien sie so sehr zu überraschen, dass sie für einen Moment selbst ihre Sorge um Mike vergaßen. »Die NAUTILUS! Sie ist aufgetaucht!« »Natürlich ist sie aufgetaucht«, antwortete Argos. »Die Pumpen scheinen zu funktionieren. Was ist daran so sensationell?« »Es ging viel zu schnell!«, antwortete Trautman. Plötzlich war er sehr aufgeregt. »Das ist völlig unmöglich! Um das Schiff so weit zu heben, hätte es zwei oder drei Tage gebraucht. Mindestens!« Er wandte sich an Mike. »Was ist passiert? Du warst hier, als sie aufgetaucht ist?« Mike schüttelte den Kopf, versuchte noch einmal aufzustehen und schaffte es diesmal; wenn auch erst, nachdem Trautman die Hand ausstreckte und ihn stützte. »Nein. Es war schon alles so, als ich herkam. Ich habe das Boot genommen und bin rübergerudert -«
Und den Rest der Geschichte würde ich für mich behalten,sagte eine Stimme in seinen Gedanken. »Aber wieso?«, murmelte Mike verblüfft. Trautman blinzelte. »Wieso was?«Glaub mir, es ist besser so,fuhr Astaroths lautlose Gedankenstimme fort.Wenigstens für den Moment.
»Wieso ... äh ... ich meine, ich weiß nicht,wiesodas Schiff aufgetaucht ist«, sagte Mike stockend. Trautman sah ihn misstrauisch an, dann trat er einen Schritt vor, streckte die Hand aus und berührte Mikes Hinterkopf. Als er die Finger wieder zurückzog, glänzte hellrotes Blut auf seinen Fingerspitzen. »Du bist ja verletzt!«, sagte er erschrocken. »Du hast dir den Kopf angeschlagen! Kein Wunder, dass du dich nicht erinnerst.« Mike winkte ab. »Das ist nichts«, sagte er. »Ich war ungeschickt und bin ausgerutscht -« »-und wärst um ein Haar ertrunken«, fiel ihm Trautman ins Wort. »Das war sehr leichtsinnig von dir, Mike. Und dass du dich nicht genau erinnerst, was überhaupt passiert ist, beweist, dass es etwas mehr alsnichtsist, meinst du nicht auch?« »Wahrscheinlich hast du eine Gehirnerschütterung«, pflichtete ihm Chris bei. »Mit so was ist nicht zu spaßen.« »Ach was«, sagte Mike, wurde aber sofort wieder von Trautman unterbrochen: »Chris hat vollkommen Recht. Du gehst ins Dorf zurück und legst dich hin. Serena wird kann dir einen Verband machen. Ich sehe mir das später genau an.«
Natürlich war an Schlaf in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Serena versorgte seine Wunde, so gut es ging, und die anderen ließen ihn gerade lange genug in Ruhe, dass sie sicher sein konnten, dass Trautmann nicht in der Nähe war, um sie zur Ordnung zu rufen, ehe sie ihn mit Fragen auch nur so bestürmten. Fragen allerdings, auf die Mike kaum eine Antwort hatte. Er wusste ja selbst nicht genau, was er an Bord der NAUTILUS nun wirklich erlebt hatte. Irgendjemand war dort gewesen, das stand fest, aber wer oder gar warum, darüber wagte er nicht einmal eine Vermutung anzustellen. Möglicherweise hatte Trautman ja Recht und er hatte sich den Kopf tatsächlich fester angestoßen, als er zugab. Außerdem wäre er um ein Haar ertrunken und in solchen Momenten neigt die menschliche Fantasie nur zu schnell dazu, einem die bösesten Streiche zu spielen. Ein Mensch mit dem Gesicht eines -
Sagte ich nicht, du solltest besser nicht darüber reden?
wisperte eine Stimme in seinen Gedanken.Tue ich doch gar nicht,antwortete Mike auf dieselbe lautlose Weise.Ich habe nur darübernachgedacht,Astaroth. Das ist ein Unterschied, weißt du? Vielleicht ist er nicht ganz so groß, wie du glaubst, Dummkopf,versetzte der Kater.Denk an was anderes. Zum Beispiel daran, dass wir jetzt schneller von diesem öden Felsklotz wegkommen, als wir gehofft haben.
Mike antwortete nicht darauf. Astaroths Worte verwirrten ihn. Wieso sollte es kein großer Unterschied sein, ob man etwas sagte oder dachte? Niemand außer dem telepathischen Kater konnte seine Gedanken lesen. Er sah sich suchend in der Hütte um, konnte Astaroth aber nirgends entdecken. Und wenn er richtig darüber nachdachte, dann hatte er den Kater auch seit seinem Erwachen am Strand nicht mehr gesehen. Bisher hatte er angenommen, dass Astaroth mit Trautman und Argos bei der NAUTILUS zurückgeblieben war. Andererseits machte das keinen großen Unterschied. Astaroth war durchaus in der Lage, seine Gedanken auch über größere Entfernungen hinweg zu lesen. Mike fragte sich nur, warum er das plötzlich tat. In den letzten Tagen hatte der Kater immer nur telepathischen Kontakt zu ihm aufgenommen, um ihn zu verspotten.Ja und das tut mir auch Leid,wisperte eine Stimme in seinen Gedanken.Es kommt nicht wieder vor.Mike riss vor lauter Erstaunen Mund und Augen auf. Astaroth und sichentschuldigen?Solange er den Kater kannte -und es waren mittlerweile Jahre! -, hatte Astaroth sich noch nie entschuldigt; bei niemandem
und für nichts. Bis vor drei Sekunden noch hätte Mike jeden Eid geschworen, dass Astaroth nicht einmal wusste, was dieses Wort bedeutete.So kann man sich täuschen,sagte Astaroth spöttisch.Und jetzt ist Schluss. Die anderen werden schon misstrauisch. Wir reden später. Auf dem Schiff.
Tatsächlich sahen sowohl Serena als auch Ben ihn mittlerweile fragend an. Sie wussten beide, wie auch die übrige Besatzung der NAUTILUS, was der abwesende Ausdruck auf seinem Gesicht bedeutete, doch Mike war klar, dass ihnen allen seine Fähigkeit, in Gedanken mit dem Kater zu reden, ein wenig unheimlich war. Bevor einer der beiden jedoch eine entsprechende Bemerkung machen konnte, ging die Tür auf und Trautman, Argos und die anderen kamen zurück. Alle wirkten müde und alle waren verdreckt und bis auf die Haut durchnässt. Offensichtlich hatten sie die NAUTI-LUS mindestens ebenso gründlich durchsucht, wie Mike es getan hatte. Den Abschluss der kleinen Gruppe bildete Astaroth, der mit einem erschöpften Miauen sofort auf Serenas Schoß sprang und sich zu einem Ball zusammenrollte, um sich von ihr in den Schlaf kraulen zu lassen -was nicht einmal so lange dauerte, wie Trautman und die anderen brauchten, um sich zu setzen. »Und?«, fragte Mike aufgeregt. »Und was?«, murmelte Juan gähnend. »Was ist mit der NAUTILUS?«, fragte Mike. »Es ist noch zu früh, um das zu sagen«, antwortete Trautman an Juans Stelle. »Aber es ist erstaunlich. Sie ist in viel besserem Zustand, als ich zu hoffen gewagt hätte.« »Sie ist in hervorragendem Zustand«, verbesserte ihn Argos. Seine Stimme klang eine Spur schärfer, als Mike es für angemessen hielt, und als er zu ihm hochsah, fiel ihm auch auf, dass er nicht annähernd so erschöpft und
müde aussah wie die anderen. Wahrscheinlich, dachte er, hatte sich sein Beitrag an der Durchsuchung des Schiffes darin erschöpft, im Salon auf die Rückkehr der anderen zu warten. Argos warf ihm einen raschen Blick zu und fuhr fort: »Ich denke, wir können spätestens morgen Abend in See stechen.« Selbst Serena, die normalerweiseniean seinen Worten zweifelte, sah ungläubig auf. Trautman blinzelte. »Wie? «, fragte er. »Das Schiff ist vollkommen intakt«, bestätigte Argos. »Es gibt keinen Grund, noch länger auf dieser Insel zu bleiben.« »Vollkommen intakt?«, keuchte Trautman. »Entschuldigen Sie, aber als ich es das letzte Mal gesehen habe, da hatte es ein Loch im Heck, durch das man bequem mit einem Lastwagen fahren kann.« Das war übertrieben, aber in der Sache hatte Trautman natürlich Recht. Die NAUTILUS war alles andere als intakt. Trotzdem beharrte Argos mit einem energischen Kopfschütteln auf seiner Meinung. »Das hat nichts zu sagen, glauben Sie mir. Ich kenne dieses Schiff schon ein wenig länger als Sie. Es würde selbst noch schwimmen, wenn es durchlöchert wie ein Schweizer Käse wäre. Wir können mit dieser Beschädigung vielleicht nicht besonders tief tauchen, aber über Wasser wird sie nicht einmal unsere Manövrierfähigkeit beeinträchtigen.« »Wer weiß«, spöttelte Juan. »Vielleicht können wir mit diesem Loch im Heck ja sogar ganz besonders tief tauchen.« »Allerdings nur einmal«, fügte Trautman grimmig hinzu. »Ich werde weder mein noch das Leben der anderen riskieren, nur um ein oder zwei Tage zu sparen. Vor allem, wo es nicht nötig ist. Singh und ich werden morgen mit der Reparatur beginnen. Wennalle-« Bei diesem Wort sah er vor allem Argos eindringlich an.
»- mithelfen, haben wir das Leck in spätestens zwei Tagen ausgebessert.« Argos wollte widersprechen, aber Trautman brachte ihn mit einer energischen Handbewegung zum Schweigen; eigentlich das erste Mal, seit er seine wahre Identität offenbart hatte. »Ich werde darüber nicht diskutieren«, sagte er, in einem Ton, der nicht besonders laut war, aber von einer Art, die selbst Argos zum Verstummen brachte. Auf dem Gesicht des Atlanters erschien ein Ausdruck, der Mike wahrscheinlich zum Lachen gebracht hatte, wäre die Situation auch nur etwas weniger ernst gewesen. »Vielleicht haben Sie sogar Recht«, sagte Argos schließlich. Er bemühte sich sogar, so etwas wie ein verzeihendes Lächeln auf sein Gesicht zu zwingen. Aber tief in sich drinnen brodelte er vor Wut, das sah Mike seinem Gesicht deutlich an. Trotzdem fuhr Argos fort: »Wir sollten jetzt keinen Fehler begehen. Ich schlage vor, dass wir alle versuchen, noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, und uns den Schaden an der NAUTILUS morgen bei Tageslicht noch einmal genauer ansehen.« »Das ist eine gute Idee«, sagte Trautman eisig. »Wir sind alle müde und entsprechend gereizt.« Argos starrte ihn noch einen Herzschlag lang aus Augen an, die vor Zorn brannten. Aber dann nickte er nur stumm, drehte sich auf dem Absatz herum und eilte aus der Hütte. Nur einen Augenblick später folgte ihm Serena und zu Mikes insgeheimer Enttäuschung aus Astaroth. »Das wurde ja auch langsam Zeit, dass ihm mal einer die Meinung -«, begann Ben, wurde aber sofort scharf von Trautmanunterbrochen: »Es wird jetzt langsam Zeit, dass wir alle schlafen gehen«, sagte er. »Wir werden morgen über alles reden. Gute Nacht.« Ben blinzelte verdutzt und auch Mike starrte Trautman
ziemlich fassungslos an. Und aus seiner Fassungslosigkeit wurde fast so etwas wie Misstrauen, als Trautman aufstand und sich - ganz gegen das, was er gerade selbst gesagt hatte -mit einer entsprechenden Bewegung an Singh wandte: »Singh. Bitte begleite mich. Wir haben etwas zu besprechen.«
Lärm weckte ihn. Mike hatte Schwierigkeiten, richtig wach zu werden. Er fühlte sich benommen und schläfrig und an seinen Gliedern (und vor allem an denAugenlidern)schienen unsichtbare Zentnerlasten zu hängen. In seiner unmittelbaren Nähe brummte und
schnurrte etwas wie ein kleiner schnell laufender Elektromotor. Von weither hörte er aufgeregte Stimmen und die Geräusche durcheinander rennender Menschen und unter normalen Umständen hätten allein diese Laute ausgereicht, ihn wie elektrisiert aufspringen und auf der Stelle wach werden zu lassen. Aber irgendwie waren die Umstände an diesem Morgen
nicht normal. Mike gähnte, versuchte den Kopf vom Kissen zu heben und stellte fest, dass schon diese einfache Bewegung fast all seine Kraft in Anspruch nahm. Außerdem schien
irgendetwas mit dem Gewicht eines Elefantenbabys auf
seiner Brust zu liegen, was ihm das Atmen schwer machte. Mit einer zweiten, noch größeren Anstrengung schaffte er es wenigstens, die Augen zu öffnen. Helles Sonnenlicht drang in die Hütte und er spürte ganz instinktiv, dass es sehr spät war. Das Brummen, das er gehört hatte,
stammte ebenso wie das vermeintliche Zentnergewicht von einem schwarzen, haarigen Ball, der sich auf seiner Brust zusammengerollt hatte und wohlig im Schlaf schnurrte, wobei er immer wieder rhythmisch die
Krallen ausstreckte und einzog.Astaroth?dachte Mike.
Normalerweise hätte ein einziger Gedanke ausgereicht, den Kater auf der Stelle zu wecken. Heute jedoch reagierte er nicht; nicht einmal, als Mike ein zweites und drittes Mal in Gedanken nach ihm rief. Erst als er sich mit einem Ruck ganz aufsetzte, wodurch Astaroth reichlich unsanft von seiner Brust h munterbefördert wurde, öffnete der Kater erschrocken sein einziges Auge und blinzelte ihn an.
Was ist los mit dir, Schlafmütze?dachte Mike.Sprichst du jetzt gar nicht mehr mit mir?
Astaroth reagierte auch jetzt nicht. Er schüttelte benommen den Kopf und gähnte dann noch einmal so herzhaft, dass Mike sein ganzes scharfes Gebiss sehen konnte. »Findest du das lustig?«, fragte er laut. Astaroth legte den Kopf auf die Seite, sah ihn fragend an und miaute. Die Antwort in seinem Kopf, auf die Mike wartete, kam nicht. Allmählich wurde Mike ärgerlich.Also gut,dachte er.Wenn du Spielchen spielen willst, dann aber ohne mich.
Astaroth starrte ihn noch immer scheinbar vollkommen verständnislos an, aber Mike hatte keine Lust auf diese Mätzchen. Außerdem hatte er wahrlich Wichtigeres zu tun. Er hatte verschlafen und war allein in der Hütte aufgewacht - wie er annahm, hatte ihn Trautman absichtlich nicht wecken lassen, vielleicht weil er glaubte, dass Mike nach seinem Abenteuer in der vergangenen Nacht ein Anrecht auf ein wenig Ruhe hatte. Auch das wäre Mike unter normalen Umständen höchst gelegen gekommen. Aber heute ärgerte es ihn. Die Auseinandersetzung zwischen Argos und Trautman war noch lange nicht vorbei. Und er wollte dabei sein, wenn sie sich entschied. Schon weil er das sichere Gefühl hatte, dass Trautman jede Hilfe brauchen konnte.Wo sind die anderen?fragte er.Unten am Strand?Astaroth miaute fast kläglich. Mike blickte ihn mit fins
terem Gesicht an, seufzte und sagte: »Also gut, wenn du darauf bestehst: Wo sind die anderen?« Astaroth miaute auch jetzt wieder nur, aber er gebärdete sich plötzlich wie toll: Er sprang auf der Stelle, machte einen Buckel und fauchte ein paarmal. Und nichts von alledem war normal. Aus Mikes Verärgerung wurde allmählich Misstrauen, dann ein deutliches Gefühl von Sorge. Irgendetwas stimmte mit Astaroth nicht. Langsam ließ er sich in die Hocke sinken, streckte die Hand aus und strich Astaroth über den Kopf; eine Behandlung, die sich der Kater normalerweise niemals hätte gefallen lassen, denn er betrachtete sie als kilometertief unter seiner Würde. Jetzt aber schnurrte er, sprang mit einem Satz näher an ihn heran und strich mit erhobenem Schwanz um seine Beine. Ganz wie eine normale Katze eben, die einen Menschen begrüßt. Nur dass Astaroth alles andere als einenormale Katzewar. Astaroth war überhaupt keine Katze. Er war ein Wesen, das aussah wie ein Kater, aber über eine Intelligenz verfügte, die mit der eines Menschen durchaus mithalten konnte, und das es hasste, wie ein Tier behandelt zu werden. Jeder an Bord der NAUTILUS hatte sich einige Kratzer und Bisse eingehandelt, ehe er das begriffen hatte. »Was ist los mit dir, Astaroth?«, fragte Mike. »Irgendetwas stimmt doch nicht mit dir! Kannst du nicht antworten?« Astaroth miaute und jetzt war Mike sicher, dass es sich kläglich anhörte. »Du kannst nicht antworten«, murmelte er. »Verdammt, was ist passiert?« Und mit einem Mal hatte er Angst. Astaroth war viel mehr als bloß ein normales Besatzungsmitglied der NAUTILUS. Neben Serena war der Meerkater vielleicht der beste Freund, den Mike an Bord des Schiffes hatte, ja vielleicht sogar der beste Freund, den er jemals gehabt hatte. Von einer Sekunde auf die andere war alles vergessen. Trautman. Argos. Der Streit, den die beiden hatten, das unheimliche Wesen von vergangener Nacht - in Mikes Denken war plötzlich nur noch Platz für die Sorge um Astaroth. »Schnell!«, sagte er. »Wir müssen Serena suchen! Vielleicht weiß sie, was mit dir los ist!« Astaroth miaute erneut auf diese klägliche Weise und Mike zögerte nicht mehr länger, sondern ergriff den Kater kurz entschlossen mit beiden Händen, nahm ihn auf die Arme und lief mit weit ausgreifenden Schritten
aus der Hütte. Die Sonne stand bereits ein gutes Stück am Himmel. Es musste noch später sein, als Mike angenommen hatte. Außer ihm selbst schien jedermann hier am Ort schon auf den Beinen zu sein. Mike war der Sprache der Ein
geborenen nicht mächtig, so dass er die durcheinander hallenden Stimmen und Schreie nicht verstand, doch das musste man auch nicht sein, um zu erkennen, dass sich die Männer und Frauen in heller Aufregung befanden. Als sie ihn mit Astaroth auf den Armen aus der Hütte kommen sahen, stürmten gleich drei von ihnen auf ihn los und begannen auf ihn einzureden. Er verstand nichts von dem, was sie sagten, wohl aber ihre aufgeregten Gesten.
Sie deuteten zum Strand. Mike fuhr auf dem Absatz
herum und stürmte los, so schnell er konnte. Obwohl
ihn das Gewicht des Katers auf den Armen eigentlich
hätte behindern müssen, war er weitaus schneller als
die Eingeborenen. Astaroth begann zu murren und sich
unruhig zu bewegen; offenbar gefiel ihm diese Art des
Transports nicht besonders. Aber darauf achtete Mike
nicht. Er hielt den Kater mit eiserner Hand fest und be
schleunigte seine Schritte noch.
Trotzdem brauchte er sicherlich zwanzig Minuten, um den schmalen Streifen weißen Sandstrandes zu erreichen, vor dem die NAUTILUS lag. Und er konnte schon von weitem hören, dass sich seine schlimmsten Befürchtungen zu bewahrheiten schienen. Er konnte Trautmans Stimme und auch die der anderen vernehmen - und ein Geräusch, das ihm schier das Blut in den Adern gerinnen ließ: das dumpfe, vertraute Dröhnen der mächtigen Motoren, die die NAUTILUS antrieben! Mike rannte aus dem Wald heraus -und blieb so abrupt stehen, dass Astaroth fast von seinen Armen geglitten wäre und protestierend fauchte. Mit einem Gefühl, das er nur noch als blankes Entsetzen bezeichnen konnte, schaute Mike die NAUTILUS an. Sie war noch ein kleines Stück weiter aus dem Wasser emporgestiegen und hatte gedreht, so dass der Bug mit dem langen, gezackten Randsporn nun aufs offene Meer hinaus wies und das an einen Walschwanz erinnernde Heck dem Strand zugewandt war. Darunter brodelte das Wasser, gewaltige Blasen stiegen an die Oberfläche und zerplatzten und hier und da stieg Dampf auf. Obwohl das Schiff eigentlich viel zu schwer war, um sich im Takt der Wellen zu bewegen, zitterte es sacht und hinter dem gewaltigen Loch, das wie eine Wunde im Heck des Tauchbootes gähnte, stoben blaue Funken auf. »Was bedeutet das?«, flüsterte Mike fassungslos. Er sah, dass Ben und Juan hinzugerannt kamen, wobei sie heftig mit den Armen gestikulierten, und er hörte auch, dass sie ihm etwas zuschrien, achtete aber nicht darauf, sondern setzte Astaroth mit einer hastigen Bewegung in den Sand, hielt ihn aber zugleich mit beiden Händen fest und zwang den Kater, ihm ins Gesicht zu blicken.Was bedeutet das?dachte er. Der Kater starrte ihn nur an und gab sich alle Mühe, nach wie vor nur wie ein Tier auszusehen, das gar nicht begriff, was der Mensch
da von ihm wollte, aber Mikes Geduld war endgültig erschöpft. Das hier war nicht mehr witzig. »Was bedeutet das?!«, herrschte er den Kater an. »Antworte!« Astaroth miaute und versuchte, sich aus seinem Griff zu winden, aber Mike hielt ihn eisern fest. »Verdammt, Astaroth, was geht da vor?!«, schrie er. »Mike!« Ben langte schwer atmend neben ihm an. »Bist du verrückt? Hör auf, mit dem Kater herumzuspielen!« »Ich spiele nicht, ich versuche herauszubekommen, was hier los ist!«, erwiderte Mike gereizt. Ben machte eine heftige Bewegung mit beiden Händen. »Das siehst du doch! Jemand versucht, das Schiff zu klauen!« »Das ist völlig unmöglich«, behauptete Mike - obwohl ihm seine Augen das genaue Gegenteil bewiesen. Trotzdem fügte er hinzu: »Niemand kann die NAUTILUS fahren, außer ...« Er hielt verblüfft mitten im Wort inne, stand mit einem Ruck auf und sah sich am Strand um. Alle waren hier, alle, bis auf... »Außer Serena, ja«, sagte Ben düster. »Und Argos.« Wieder drehte sich Mike herum und blickte zur NAU-TILUS hin. Singh, Chris, Trautman und Juan standen bis zu den Knien im Wasser und starrten hilflos zu dem U-Boot hinüber, das nur wenige Meter entfernt und doch unerreichbar war. Selbst ohne den Zwischenfall mit den Haifischen vom gestrigen Tag hätte es nun niemand mehr gewagt, zum Schiff hinzuschwimmen. Unter dem Heck der NAUTILUS kochte das Meer. Und selbst wenn es nicht so gewesen wäre, so hätte der gewaltige Sog der Turbinen jeden Schwimmer binnen Sekunden in die Tiefe gezerrt. »Aber das ... das kann nicht sein!«, murmelte Mike. »Das würde sie niemals tun!« Hastig bückte er sich wieder nach Astaroth, packte den Kater mit beiden Händen und schüttelte ihn so wild,
dass dieser erschrocken fauchte. »Was ist da los?!«, brüllte er. Und diesmal bekam er eine Antwort.Ben hat Recht,erklang Astaroths Stimme hinter seiner Stirn. Dassind Serena und ihr Vater.»Aber wieso?«, sagte Mike fassungslos. Lautlos und nur in Gedanken fügte er hinzu:Und wieso benimmst du dich so, zum Teufel? Ich habe meine Gründe,erwiderte Astaroth. »Was hat er gesagt?«, wollte Ben wissen. Noch bevor Mike antworten konnte, begann sich das Motorengeräusch der NAUTILUS zu ändern. Der Laut klang plötzlich dunkler und aus dem sanften Zittern des Schiffes wurde ein heftiges Stampfen und Beben. Offensichtlich versuchte die NAUTILUS tatsächlich, auszulaufen, doch sie war entweder schwerer beschädigt, als sie alle bisher angenommen hatten - oder wer immer hinter den Kontrollinstrumenten stand, wusste nicht so genau, wie er sie zu bedienen hatte. Trotzdem zweifelte Mike keine Sekunde daran, dass es jetzt nicht mehr lange dauern konnte, bis sich das Schiff tatsächlich in Bewegung setzte. Trautman schien das wohl ebenso zu sehen, denn er schrie plötzlich auf und rannte durch das knietiefe Wasser auf eines der Boote zu, die ein kleines Stück weit entfernt am Strand lagen. Singh, Juan und Chris folgten ihm fast unmittelbar und nach einem sekundenlangen Zögern setzten sich auch Ben und Mike in Bewegung. Hastig kletterten sie alle an Bord, während Trautman und Singh das kleine Schiffchen weit genug ins Wasser stießen, damit es sich vom Grund hob und schließlich selbst einstiegen. Astaroth sprang als letzter an Bord, aber er gebärdete sich nun wie toll: Er hüpfte hin und her, miaute, machte einen Buckel und fauchte und tat alles, um die Aufmerksamkeit der anderen zu erregen.Seid ihr verrückt geworden?schrie er in Gedanken.
Wollt ihr euch umbringen? Sie werden euch niemals an Bord lassen!
Mike war insgeheim derselben Meinung wie der Kater, aber er kam gar nicht dazu, seine Bedenken zu äußern. Trautman und Singh hatten bereits die Ruder ergriffen und paddelten, was das Zeug hielt, und im Grunde erging es ihm so wie wohl den anderen auch: Alles, woran er wirklich denken konnte, war, dass jemand versuchte, die NAUTILUS zu stehlen. Und dasdurftenicht geschehen! Dieses Schiff war ihre Heimat. Alles, was sie besaßen, und alles, was wichtig für sie war. Jeder Einzelne hier würde eher sein Leben riskieren, bevor er es einfach so aufgab. Eingehüllt in Dampf und brodelnde Gischt näherten sie sich dem Schiff. Die NAUTILUS zitterte und bebte jetzt, als wolle sie auseinanderbrechen, und das Motorengeräusch klang so dröhnend, wie Mike es noch nie zuvor gehört hatte. Angetrieben von Singhs und Trautmanns kraftvollen Ruderschlägen, erreichte das Boot die NAUTILUS binnen weniger Sekunden und prallte mit einem dumpfen Geräusch gegen den Rumpf. Im selben Moment setzte sich die NAUTILUS endgültig in Bewegung. Trautman fluchte, ließ das Ruder los und griff mit beiden Händen nach den Sprossen der Metall-Leiter, die vom Deck des Unterseebootes herab ins Wasser führte und auf die er gezielt hatte, als sie lospaddelten. Im letzten Moment bekam er sie zu fassen und verhakte sich mit den Füßen irgendwo im Boot, so dass sie mitgezogen wurden, als die NAUTILUS allmählich Fahrt aufnahm. »Ein Seil!«, schrie er. »Einen Strick! Schnell!« Mike sah sich gehetzt um. Das Boot war vollkommen leer; es gab weder ein Tau noch sonst irgendetwas, das ihnen geholfen hätte. Aber noch während er verzweifelt versuchte, eine Lösung zu finden, zog Singh mit fliegenden Fingern seinen Gürtel aus der Hose und
augenblicklich folgten auch Ben und Juan seinem Beispiel. Trautmans Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung. Die NAUTILUS wurde rasch schneller und er musste nur mit seinen Händen das Gewicht des gesamten Bootes und seiner Insassen halten. »Beeilt euch!«, keuchte er. »Ich schaffe es nicht mehr lange!« Singh, Ben und Juan knoteten hastig ihre Gürtel aneinander, zogen dann eine Schlaufe um eine der Leitersprossen und banden das andere Ende ans Boot. Trautman ließ mit einem erleichterten Seufzer los und fiel zurück. Die Ledergürtel knirschten hörbar und der Ruck, der durch das kleine Schiffchen ging, war so heftig, dass Mike im ersten Moment fest davon überzeugt war, sie würden einfach durchreißen. Aber das Wunder geschah: Statt zurückzufallen oder in den Sog der Turbinen zu geraten und zu zerbrechen, wurde das Boot einfach mitgezogen. Singh packte die Leitersprossen, turnte mit geschickten Bewegungen am Rumpf der NAUTILUS empor und kletterte am Turm hinauf. Für einen Moment entschwand er ihren Blicken, dann richtete er sich auf und schüttelte enttäuscht den Kopf. »Das Luk ist von innen verriegelt!«, rief er. »Ich versuche das andere!« Er sprang wieder auf das Deck hinab, rannte gebückt zu dem zweiten Einstieg, der sich in der Mitte der NAU-TILUS befand, und versuchte ihn zu öffnen - mit demselben Ergebnis. Mit niedergeschlagenem Gesicht, aber sehr schnell, kehrte er zu ihnen zurück und kletterte wieder ins Boot.Das ist doch Wahnsinn!jammerte Astaroth.Macht das Boot los, solange wir noch zurückkönnen!
Die aneinander gebundenen Ledergürtel ächzten und knarrten jetzt immer lauter und würden der Belastung vermutlich nicht mehr lange standhalten. Mike wandte den Kopf und stellte voller Schrecken fest, wie weit sie sich bereits vom Strand entfernt hatten, und die Distanz wuchs mit jeder Sekunde, denn die NAUTILUS
wurde immer schneller und pflügte jetzt nur so durch das Wasser. Dann geschah genau das, was er befürchtet hatte: Der mittlere der drei aneinander geknoteten Gürtel zerriss mit einem peitschenden Knall und das Ruderboot löste sich schaukelnd vom Rumpf der NAU-TILUS. Das grüngraue Metall raste immer schneller und schneller an ihnen vorüber -und plötzlich gähnte darin eine gewaltige Lücke: das Loch, das ihr eigener Torpedo in die Panzerplatten gesprengt hatte. Diesmal war es Singh, der blitzschnell reagierte. Er warf sich vor, bekam mit beiden Händen den Rand der gewaltsam in das Schiffgeschlagenen Öffnung zu fassen und klammerte sich fest. Er schrie vor Schmerz auf. Mike sah voller Entsetzen, dass plötzlich Blut zwischen seinen Fingern hervorquoll, während sich die Muskeln des Inders scheinbar bis zum Zerreißen anspannten. Das Boot schaukelte so wild, dass Mike Halt suchend um sich griff.»Schnell!«,schrie Singh.Seid ihr wahnsinnig geworden?!kreischte Astaroth. Mike beachtete ihn nicht. Nicht einmal die gewaltigen Körperkräfte des Inders würden reichen, um sie länger als ein paar Sekunden festzuhalten. Mit einem einzigen Satz war er auf den Füßen und kletterte hinter Ben und Juandurch die gezackte Öffnung ins Innere des Schiffes; dann drehte er sich herum, ergriff Astaroth im Nacken und zog ihn einfach zu sich herein, während Trautman und Ben nach Singh griffen, um ihm zu helfen. Aus eigener Kraft hätte er es vermutlich auch nicht mehr geschafft. Unterstützt von Trautman und Ben, kroch der Inder mit letzter Kraft zu ihnen herein, brach in die Knie und presste stöhnend die Hände gegen die Brust. Sein Hemd färbte sich sofort rot. Er musste sich an den scharfen Metallkanten übel verletzt haben.
Besorgt kniete Mike neben Singh nieder und wollte nach dessen Händen greifen, aber der Inder schüttelte nur den Kopf. »Ist es schlimm?«, fragte Mike. »Nicht sehr«, antwortete Singh mit einem erzwungenen Lächeln. »Es sind nur ein paar Schnitte. Ich habe schon Schlimmeres überlebt, Herr.« »Du sollst mich nicht Herr nennen«, sagte Mike - was fast eine Art Zeremoniell zwischen ihnen war. Sie waren schon längst nicht mehr Diener und Herr, aber Singh würde sich wahrscheinlich niemals ganz abgewöhnen, sich nicht nur als seinen Freund, sondern auch als Mikes Leibwächter zu sehen, der er einmal gewesen war. »Das war unglaublich tapfer von dir«, sagte Mike.Das war unglaublichdämlichvon ihm,sagte Astaroth in Mikes Gedanken.Das war ja wohl das Bekloppteste, was ich jemals gesehen habe! Was glaubt ihr, was passiert, wenn die NAUTILUS taucht? Immerhin sind wir an Bord,erwiderte Mike.Ja, und auch so unglaublich sicher, nicht wahr?fügte Astaroth spöttisch hinzu. Mike brachte es nicht fertig, zu widersprechen. Der Kater hatte nur zu Recht. Das Loch, das im Rumpf der NAUTILUS gähnte, war so groß wie das sprichwörtliche Scheunentor. Wenn die NAUTILUS tauchte, waren sie verloren.Sie werden schon nicht tauchen,sagte Mike.Damit würden sie uns umbringen und das traue ich Argos nun doch nicht zu. Ich auch nicht,erwiderte Astaroth gelassen.Vorausgesetzt, erweiß,dass wir hier sind.Ein eisiger Schrecken durchfuhr Mike. Er traute Argos tatsächlich nicht zu, ihnen nach dem Leben zu trachten, aber Astaroth hatte Recht: Sie waren nicht unbedingt durch die Vordertür hereingekommen. Es war also wahrscheinlich, dass der Atlanter gar nicht wusste, dass sie an Bord waren.
Während er sich um Singh gekümmert und mit dem Kater geredet hatte, hatten die anderen damit begonnen, ihre Umgebung zu erkunden. Der Raum, in dem sie sich befanden, war einstmals eines der Magazine des Schiffes gewesen. Jetzt war sein Inhalt nicht einmal mehr zu erraten und bestand nur aus wirren Trümmern und zerfetztem Metall. Das Wasser stand immer noch knietief hier drinnen und überall ragten scharfkantige Trümmer und Scherben hervor, so dass sie sich nur mit äußerster Vorsicht bewegen konnten und stets Gefahr liefen, sich an einem Trümmerstück zu verletzen, das unter der Wasseroberfläche verborgen war. Trautman und Juan machten sich an dem geschlossenen Schott am anderen Ende des Raumes zu schaffen. Die Notfallautomatik hatte sämtliche Türen in diesem Teil des Schiffes verriegelt, als die NAUTI-LUS von dem Torpedo getroffen worden war, um den Wassereinbruch möglichst gering zu halten. Und sie schien noch immer in Kraft zu sein -Trautman und Juan gelang es jedenfalls nicht, die Panzertür zu öffnen. Ein harter Ruck ging durch das Schiff, dem eine zweite, noch heftigere Erschütterung folgte, die nicht nur Mike, sondern mit Ausnahme Bens auch alle anderen von den Füßen riss, so dass sie unsanft in dem eiskalten Wasser landeten. Mike schluckte Wasser, kam prustend wieder hoch und sah gerade noch, wie eine gewaltige Woge durch das Loch in der Wand hereinbrach, da
wurde er auch schon wieder von den Füßen gerissen und ein zweites Mal unter Wasser gedrückt. Als er wieder hochkam, war der Raum von den erschrockenen Schreien und Rufen der anderen erfüllt. Singh, Ben, Trautman, Chris und Juan plantschten ebenso wie er hilflos im Wasser, das ihnen jetzt nicht mehr bis an die Waden, sondern bis über die Knie hinauf reichte und unaufhaltsam weiter anstieg, und der Boden hatte nun eine spürbare Neigung.