122157.fb2 Die grauen W?chter - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 3

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Die NAUTILUS tauchte!

»O nein!«, keuchte Mike. »Astaroth! Astaroth, wo bist

du?« Ben und Trautman begannen mit den Fäusten gegen das

geschlossene Panzerschott zu hämmern, während sich Mike nach dem Kater umsah. Er schrie sowohl laut als auch in Gedanken nach Astaroth, bekam aber keine Antwort. Nach zwei oder drei Sekunden, in denen das Wasser um mindestens ebenso viele Zentimeter angestiegen war, entdeckte er den Kater auf einem Wandvorsprung in Kopfhöhe, wo er sich mit gesträubtem Fell und wild die hereinbrandenden Wellen anfauchend, festgeklammert hatte. »Astaroth!«, schrie Mike. »Tu etwas!« Astaroth war eindeutig in Panik. Wenn Mike jemals eine Katze gesehen hatte, dieAngsthatte, dann war es

Astaroth in diesem Moment -und das war nun wirklich seltsam, denn von allen hier war er der einzige, der gar keinen Grund hatte, Angst zu haben. Sie wurden hilflos ertrinken, wenn nicht ein Wunder geschah, aber der Kater war durchaus in der Lage, unter Wasser zu atmen. Trotzdem führte er sich auf wie toll! Mike musste hastig nach einem Halt suchen, um nicht schon wieder von den Füßen gerissen zu werden, schrie aber weiter aus Leibeskräften: »Astaroth! Tu etwas!«Aber was denn?antwortete der Kater auf seine lautlose Weise.Soll ich vielleicht die Tür aufbeißen? Du musst Serena rufen! Oder Argos! Sag ihnen, dass wir hier sind! Das kann ich nicht,antwortete Astaroth. Seltsamerweise blieb seine gedankliche Stimme dabei ganz ruhig.Du weißt doch, dass du der Einzige bist, mit dem ich reden kann.

»Das ist mir egal!«, brüllte Mike in schierer Todesangst.Tu etwas!Das Wasser reichte ihm mittlerweile bis zur Brust und es stieg mit jeder Welle, die hereinflutete, weiter. Die

NAUTILUS sank sehr schnell. In spätestens zehn oder fünfzehn Sekunden würde der Laderaum bis unter die Decke mit Wasser gefüllt sein. Plötzlich begann das Wasser unmittelbar neben Mike zu brodeln. Ein verschwommener Schatten huschte unter seiner Oberfläche entlang, dann bäumte sich ein geschuppter, grauer Körper in einer Explosion aus Wasser und spritzendem weißem Schaum zwischen Trautman und Ben auf, stieß die beiden zur Seite und schlug mit unvorstellbarer Kraft gegen die Panzertür. Der dröhnende Schlag schien die gesamte NAUTILUS zu erschüttern. Das Metall ächzte. Es hielt dem Hieb stand, aber zu dem ersten Geschöpf gesellte sich plötzlich ein zweites, das sich nun ebenfalls mit aller Gewalt gegen das Schott warf, und dieser doppelte Ansturm war zu viel. Die Tür aus zehn Zentimeter dickem Stahl wurde einfach aus dem Schloss gerissen, schwang auf und prallte wuchtig gegen die Wand dahinter. Das gestaute Wasser schoss schäumend in den Gang und riss Ben und Trautman, dann auch Chris, Juan und Singh einfach mit sich. Und auch Mike wurde von den Füßen gefegt und auf die Tür zu gezerrt. Doch er hatte weniger Glück als die anderen. Aus dem Meer strömte immer noch mehr Wasserherein, als durch die Tür abfließen konnte, so dass sich vor der Öffnung ein wirbelnder Strudel bildete.

Mike geriet hinein und versuchte mit hilflosen Schwimmbewegungen, an die Oberfläche zu gelangen. Da begann sich die Tür vor seinen Augen zu schließen. Mikes Bewegungen wurden kraftloser und gerade, als er glaubte, dass es nun endgültig vorbei war, da griff eine Hand nach seinem Arm, packte ihn und stieß ihn mit einer unglaublich heftigen Bewegung durch die Tür. Mike prallte gegen hartes Metall, aber er sah endlich Licht über sich und der Anblick gab ihm trotz allem noch einmal die Kraft, sich aufzubäumen und die Wasseroberfläche zu durchbrechen.

Kaum hatte er es getan, da packten ihn zwei, drei Hände und zerrten ihn vollends nach oben. Alles drehte sich um ihn. Irgendwoher nahm er trotzdem die Kraft, die Augen zu öffnen. Die Tür war immer noch nicht ganz geschlossen, aber der hereinsprudelnde Wasserstrom hatte deutlich an Kraft verloren. Das Wasser reichte ihnen jetzt nur noch bis zu den Knien und sank rasch weiter und die Tür schloss sich jetzt immer schneller. »Astaroth!«, flüsterte er. »Wo ist Astaroth?« Niemand antwortete. Doch eine Sekunde, bevor sich das Panzerschott endgültig schloss und wieder einrastete, flog ein struppiges, schwarzesBündel durch die Öffnung, segelte fauchend und kreischend an Mike und den anderen vorbei und landete mit einem gewaltigen Platschen im Wasser. Trautman und Ben ließen ihn vorsichtig los. Mike ließ sich gegen die Wand sinken. Sein Herz hämmerte noch immer und er hatte Mühe, klar zu sehen, aber seine Kraft kehrte erstaunlich schnell zurück. »Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Trautman besorgt. Mike nickte. »Ja«, antwortete er mühsam. »Aber das war verdammt knapp.« »Und das ist noch geschmeichelt«, pflichtete ihm Trautman mit düsterem Gesichtsausdruck bei. »Wenn diese Männer nicht gekommen wären ...« Er schüttelte verwirrt den Kopf. »Wer waren sie?« Das wusste Mike nicht, ebenso wenig wie Trautman oder die anderen. Alles war viel zu schnell gegangen, um Einzelheiten zu erkennen, aber eines hatte er doch ganz deutlich gesehen -vielleicht für weniger als eine Sekunde, aber doch so deutlich, dass er den Anblick so schnell nicht mehr vergessen würde: die Hand, die ihn am Arm gepackt und durch die Tür gestoßen hatte. Es war nicht die Hand eines Mannes gewesen. Vielleicht nicht einmal die Hand eines Menschen. Sie war sehr groß gewesen und sie hatte fünf Finger gehabt, aber diese Finger waren ihm viel zu lang vorgekommen und da war vor allem eines: Zwischen ihnen befanden sich dünne, halb durchsichtige Schwimmhäute!

Das Schiff glitt noch immer in steilem Winkel ins Meer hinab! Wenn es sein Tempo beibehalten hatte, dann mussten sie jetzt bereits dreißig, vierzig Meter tief unter Wasser sein, und das war möglicherweise mehr, als die NAUTILUS in ihrem angeschlagenen Zustand verkraften konnte. »Argos muss komplett den Verstand verloren haben!«, keuchte Trautman. »Will er uns denn alle umbringen? Und sich dazu? Los!« Er stürmte vorwärts und alle anderen folgten ihm, selbst Mike, obwohl er sich immer noch so wackelig auf den Beinen fühlte, dass er sich am liebsten auf dem nackten Boden ausgestreckt hätte, um auf der Stelle einzuschlafen. Sie brauchten nicht mehr als ein paar Minuten, um die Wendeltreppe aus Metall zu erreichen, die zum Salon hinaufführte, und trotzdem kam es Mike vor, als wären es Ewigkeiten. Das Schiff zitterte und ächzte rings um sie herum. Die Motoren dröhnten, wie er es noch nie gehört hatte, und manchmal glaubte er, ein unheimliches Knacken und Rumoren zu hören, das seinen Ursprung irgendwo hinter ihnen hatte. Er wusste, woher dieses Geräusch stammte. Durch das Loch im Heck war Wasser in die NAUTILUS eingedrungen und die inneren Wände des Schiffes waren nicht dafür angelegt, dem Wasserdruck in einer solchen Tiefe standzuhalten. Sie hatten dieses fantastische Tauchboot schon auf eine Tiefe von weit über viertausend Metern hinuntergebracht, aber da war die Außenhülle intakt gewesen. In ihrem jetzigen Zustand würde die NAUTILUS nicht einmal ein Zehntel dieses Wasserdruckes aushalten! Trotz seines Alters war Trautman der erste, der in den Salon hineinstürzte. Argos stand hinter den Kontrollinstrumenten des Schiffes, ganz, wie sie es erwartet hatten, aber zu MikesÜberraschung war er nicht allein:

Serena war bei ihm und hantierte hektisch an Schaltern und Knöpfen. Und die beiden waren so sehr in ihr Tun vertieft, dass sie im ersten Moment nicht einmal bemerkten, wie Trautman und die anderen hereinkamen. »Aufhören!«, brüllte Trautman. »Wollt ihr uns alle umbringen?!« Argos sah mit einem Ruck hoch. Für eine Sekunde erstarrte er und auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck, der zwischen fassungslosem Erstaunen und tiefer Erleichterung schwankte. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber da war Trautman bereits bei ihm, stieß ihn mit einer groben Bewegung zur Seite und beförderte auch Serena nicht viel sanfter vom Pult weg. Gleichzeitig begannen seine Hände über die Tasten und Schalter zu fliegen. »Singh!«, befahl er barsch. »Hilf mir!« Der Inder war mit zwei schnellen Schritten neben ihm. Seine Hände bluteten immer noch heftig, aber das schien er gar nicht zu merken. »Volle Kraft zurück«, befahl Trautman. »Druck auf die vorderen Tanks. Ich versuche, sie auszutrimmen.« Das Maschinengeräusch veränderte sich. Es wurde schriller und gleichzeitig nahm das Zittern und Stampfendes Bodens merklich zu und auch das unheimliche Ächzen war jetzt viel deutlicher zu hören als noch vor wenigen Momenten. Mike streckte instinktiv die Arme aus, um sich irgendwo festzuhalten, als sich das Schiff für einen Moment gefährlich auf die Seite legte und dabei ächzte und stöhnte wie ein lebendes Wesen, das Schmerzen litt. Obwohl er dem Kontrollpult nicht einmal nahe war, konnte er sehen, dass gleich Dutzende von roten Warnlämpchen darauf zu flackern begonnen hatten. »Mehr Pressluft in die Tanks!«, befahl Trautman. »Alles, was du hast!« Seine Hände hämmerten immer ner

vöser auf den Instrumenten herum. Das Schiff schüttelte sich und bockte wie ein durchgehendes Wildpferd, das sich gegen die Zügel stemmt, und irgendwo weit hinter ihnen zerbrach etwas mit einem schmetternden Knall. Nur einen Sekundenbruchteil später konnten Mike und die anderen das Geräusch hören, das Seefahrer in aller Welt wie nichts sonst fürchteten: das sprudelnde Rauschen von Wasser, das unter enormem Druck hereinströmte. »Das Sicherheitsschott ist gebrochen«, sagte Singh mit überraschender Ruhe. Trautman nickte, betätigte rasch hintereinander zwei-, drei weitere Schalter und ein schwerer, metallener Gongschlag hallte durch das Schiff und schnitt das Geräusch hereinströmenden Wassers ab. »Das wird für den Moment halten«, sagte er, »aber ich weiß nicht, wie lange.« Niemand wagte es, auch nur einen Finger zu rühren, während die beiden ungleichen Männer verzweifelt mit den Kontrollinstrumenten der NAUTILUS kämpften. Das Schiff zitterte immer noch, legte sich auf die eine Seite, rollte schwerfällig auf die andere und dann wieder zurück. »Ich bekomme das Schiff nicht hoch!«, sagte Trautman. »Verdammt!« »Sinken wir?«, erkundigtesich Chris. Trautman schüttelte den Kopf. »Nein«, erwiderte er. »Wir halten unsere Position. Aber ich kann nicht aufsteigen. Wir haben Wasser im Schiff. Wir sind zu

schwer.« Mit einer Bewegung, die halb wütend, halb resigniert wirkte, legte er einige weitere Schalter um, schüttelte den Kopf und wandte sich dann an Argos: »Sind Sie zufrieden?«, fragte er. Argos hob in einer hilflos wirkenden Geste die Hände. »Aber ... aber ich wollte doch nur -« »- herausfinden, was dieses Schiff aushält, bevor es auseinanderbricht?« Trautman schnitt ihm mit einer ärgerlichen Geste das Wort ab. »Das haben Sie geschafft. MeinenGlückwunsch!« »Sie verstehen nicht«, begann Argos, wurde aber schon wieder von Trautman unterbrochen: »Ich verstehe, dass Sie uns die ganze Zeit belogen haben! Sie wollten dieses Schiff! Wozu? Um es an die Amerikaner zu verkaufen? Die Deutschen? Die Engländer?« »Aber er hat es doch nur für euch getan«, sagte Serena. Trautman fuhr zu ihr herum. »Was?« »Ihr wart alle in einer furchtbaren Gefahr!«, sagte Serena. »Wirmusstenverschwinden oder euer Leben wäre auf dem Spiel gestanden!« »So wie jetzt?«, fragte Ben mit bösem Spott. »Sie sagt die Wahrheit«, sagte Argos. »Ich kann es euch nicht verübeln, wenn ihr mir nicht glaubt, aber es ist genau so, wie Serena sagt. Ich hatte keine Zeit mehr, euch zu warnen, sonst hätte ich es getan.« »Warnen?«, fragte Mike. »Wovor?« Ehe Argos antworten konnte, sagte Singh: »Wir sinken weiter.« Trautman fuhr mit einer erschrockenen Bewegung herum und senkte den Blick auf die Kontrollinstrumente. Er wurde noch bleicher. »Wir sind einfach zu schwer«, sagte er. »Die Maschinen laufen mit voller Kraft, aber sie schaffen es nicht, das Schiff zu heben. Wir haben zu viel Wasser aufgenommen.« »Und wenn wir es hinauspumpen?«, schlug Singh vor. »Die Pumpen sind immer noch angeschlossen, ich müsste sie nur einschalten und ein paar Schläuche umklemmen. Das dauert allerhöchstens eine halbe Stunde, vielleicht nur zwanzig Minuten.« Trautman dachte einen Moment lang darüber nach, aber dann schüttelte er den Kopf. »So viel Zeit bleibt uns nicht«, sagte er. »Wir sinken nicht sehr schnell, aber wir sinken. Wenn noch ein Sicherheitsschott bricht, ist es vorbei. Und das wird es in ein paar Minuten, wenn kein Wunder geschieht.«

Die Torpedos,flüsterte eine Stimme in seinen Gedanken. Mike sah verwirrt auf Astaroth hinab. Der Kater war ihnen gefolgt und saß nun genau zwischen seinen Füßen, wie er es oft tat. Er sah nicht zu Mike hoch, aber er wiederholte seine gedankliche Botschaft:

Die Torpedos!

Und endlich begriff Mike. »Natürlich!«, rief er. »Die Torpedorohre!« Alle blickten ihn verwirrt an, selbst Trautman, der von der Technik der NAUTILUS mit Abstand am meisten verstand. »Begreift ihr denn nicht?«, fragte Mike aufgeregt. »Die Torpedorohre! Sie arbeiten mit Wasserdruck, oder? Und wo kommt dieses Wasser her?« »Aus dem Meer«, antwortete Trautman. »Es wird durch eine Rohrleitung vom Heck her ...« Er stockte. Seine Augen weiteten sich und auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck von Verblüffung, dann schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn, dass es klatschte. »Natürlich«, sagte er. »Wieso bin ich nicht von selbst darauf gekommen?« Aufgeregt wandte er sich an Singh. »Wir müssen nur ein paar Ventile umklemmen und wir können das Wasser direkt aus den Balasttanks hinauspressen.« »Das ist nicht besonders viel«, gab Singh zu bedenken, aber Trautman ließ seinen Einwand nicht gelten. »Ein paar tausend Liter, ich weiß«, sagte er hastig. »Aber ein paar tausend Liter Wasser sind ein paar Tonnen Gewicht. Vielleicht genau das, was wir zu viel haben. Versuchen wir es!« Singh wollte unverzüglich aus dem Raum eilen, aber Argos machte eine erschrockene Handbewegung und sagte: »Nein! Das geht nicht!« »Wieso?«, fragte Trautman misstrauisch. Argos deutete zur Decke. »Wie tief sind wir?« »Vierzig Meter«, antwortete Trautman, sah rasch auf die Instrumente und verbesserte sich mit düsterem Gesichtsausdruck: »Jetzt schon fast fünfundvierzig.«

»Wenn Sie die Torpedorohre abfeuern, wird der Wasserdruck eine deutlich sichtbare Flutwelle über uns erzeugen«, sagte Argos. Er trat an Trautman vorbei, streckte die Hand aus und schaltete das Gerät ein,

mit dem sie ihre Umgebung beobachten konnten. Auf dem kleinen Bildschirm war die Wasseroberfläche zu sehen, ein kleiner Teil der Insel und ein riesiger, schwarzer Frachter ohne erkennbaren Namen oder Nationalitätskennzeichen. »Sie würden es sehen«, sagte Argos. Niemand antwortete. Es wurde still und es war ein erschrockenes Schweigen, das sich im verwüsteten Salon des Schiffes ausbreitete. Das Bild war nicht besonders scharf und zitterte dazu noch ununterbrochen, aber es fiel keinem von ihnen schwer, das Schiff zu identifizieren, das darauf zu sehen war. Es war das SCHWARZE SCHIFF, dem sie schon einmal begegnet waren. Der unheimliche Frachter, dessen noch unheimlichere Besatzung Argos und ihnen schon einmal nach dem Leben getrachtet hatte und dem sie letztendlich die Katastrophe mit der NAUTILUS zu verdanken hatten! »Das ist nicht möglich«, flüsterte Ben ungläubig. Aus aufgerissenen Augen blickte er das Schiff und dann Argos an. »Aber Sie haben gesagt, sie wären fort! Und sie würden auch nicht wiederkommen!« »Das dachte ich auch«, antwortete Argos. »Ich habe wirklich geglaubt, dass es so ist. Aber ich habe mich getäuscht.Deshalbhabe ich versucht, mit der NAUTI-LUS die Insel zu verlassen. Ich dachte, sie wären hinter mir her oder vielleicht auch hinter der NAUTILUS. Wenn wir beide nicht mehr da gewesen wären, dann wärt ihr in Sicherheit. Und die Eingeborenen auch.« »Ich glaube, Sie sind uns allmählich eine Menge Erklärungen schuldig, Argos«, sagte Trautman düster. »Aber zuallererst einmal müssen wir dafür sorgen, dass wir auch lange genug am Leben bleiben, um uns diese

Erklärungen anzuhören.« Er wandte sich mit einer entsprechenden Handbewegung an Singh: »Singh -geh in den Torpedoraum und klemm die Ventile um. Ben kann dir helfen.« »Nein!«, protestierte Argos. »Dann werden sie uns entdecken!« Trautman beachtete ihn nicht, sondern machte erneut eine Handbewegung, und Singh und Ben zögerten nun nicht mehr länger, sondern verließen eilig den Salon. Erst dann drehte sich Trautman zu Argos herum und sagte: »Das ist gut möglich. Vielleicht sogar wahrscheinlich. Möglicherweise werden sie versuchen, uns zu kapern. Aber wenn wir hier bleiben, sind wir in zehn Minuten tot.« Argos widersprach nicht mehr, sondern starrte schweigend auf das unscharfe, zitternde Abbild des schwarzen Schiffes auf dem kleinen Bildschirm. Doch der Ausdruck, der dabei auf seinem Gesicht lag, jagte Mike einen eisigen Schauer über den Rücken. Mit großer Sicherheit hatte Trautman Recht: Wenn es ihnen nicht gelang, die NAUTILUS innerhalb der nächsten zehn oder fünfzehn Minuten an die Oberfläche zu bringen, dann würden sie alle sterben. Doch wenn er den Ausdruck auf Argos' Zügen richtig deutete, dann war das vielleicht nicht einmal das Schlimmste, was ihnen passieren konnte.

Ein bedrücktes Schweigen breitete sich im Salon des Schiffes aus, während sie darauf warteten, dass sich Singh und Ben aus dem vorderen Torpedoraum meldeten und Trautman das Zeichen gaben, mit seinem verzweifelten Rettungsplan zu beginnen. Dabei erging es allen übrigen mit Sicherheit nicht anders als Mike. Er war nicht nur noch immer schockiert über Argos' Verhalten, sondern auch ziemlich verwirrt. Er hatte den angeblichen Atlanter niemals so hundertprozentig als Verbündeten akzeptiert, wie es die anderen offensichtlich getan hatten, ihn aber trotzdem nicht für ihrenFeindgehalten. Jetzt war er nicht mehr sicher.Sagt er die Wahrheit?wandte er sich in Gedanken an Astaroth.

Was das schwarze Schiff angeht oder dass es ihm Leid tut?erkundigte sich der Kater spöttisch.Du weißt genau, wovon ich rede,erwiderte Mike ärgerlich. Astaroth benahm sich immer noch seltsam: Er lief aufgeregt im Salon auf und ab und rieb sich zwischendurch immer wieder an Mikes Beinen -ein durch und durch katzentypisches Verhalten, aber auch eines, das Astaroth selbst noch vor wenigen Stunden als seiner vollkommen unwürdig empört von sich gewiesen hätte. Mike war allmählich wirklich besorgt. Irgendetwas stimmte mit Astaroth nicht. Aber jetzt war nicht der Moment, sichdarüberden Kopf zu zerbrechen. »Sie haben uns niemals erzählt, wersiesind«, sagte Mike und deutete auf den Sichtschirm. »Das ist eine lange Geschichte«, sagte Argos. »Ich gebe dir mein Wort, ich erzähle sie euch -sobald wir in Sicherheit sind.« Ein dunkles Dröhnen ließ den Rumpf der NAUTILUS erzittern. Es wiederholte sich nicht, doch schon nach wenigen Augenblicken hörten Mike und die anderen erneut jenen anderen, noch viel schlimmeren Laut: das raschelnde Knistern, mit dem das Metall unter dem immer größer werdenden Wasserdruck ächzte. Mike sah auf die Uhr. Singh und Ben waren erst seit knapp drei Minuten fort. Sie konnten ihre Aufgabe also noch gar nicht erledigt haben, aber ihm kam es vor, als wären drei Stunden vergangen. Endlich meldete sich Ben über das Sprachrohr: »Wir sind so weit.« Seine Stimme klang blechern und verzerrt, aber Mike konnte die Furcht darin trotzdem hören.

»Gut«, sagte Trautman grimmig. »Dann riskieren wir es. Torpedorohre fluten!«»Überlegen Sie es sich noch einmal«, sagte Argos nervös. »Die Erschütterung könnte die NAUTILUS in Stücke reißen!« »Ich weiß«, antwortete Trautman. »Aber wenn wir nichts tun, dann zerbricht sie in ein paar Minuten sowieso. Wir -« Wieder traf irgendetwas den Rumpf der NAUTILUS und ließ sie beben. Diesmal war es jedoch nicht der Wasserdruck, unter dem das Schiff ächzte - Mike hatte das unheimliche Gefühl, dass irgendetwas das Schiffvon untenberührt hatte. »Was war das?«, fragte auch Chris erschrocken. Trautman hob nur die Schultern, aber er sah ebenso beunruhigt und erschrocken drein wie Mike. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Wer -« Wieder zitterte der Boden. Diesmal geschah es lautlos, aber so deutlich, dass sie es alle fühlten: Das Schiff schwankte leicht hin und her und dann hatten sie alle das Gefühl, als ob sieangehobenwürden -was natürlich vollkommen unmöglich war. »Was ist das?«, fragte Serena erschrocken. Trautman beugte sich über seine Anzeigen und studierte sie einige Sekunden lang intensiv. »Wir sinken nicht mehr«, murmelte er. »Ich verstehe das nicht.« Hastig griff er nach dem Sprachrohr. »Singh! Ben! Sofort aufhören!« »Vielleicht sind wir auf den Meeresboden gesunken«, sagte Chris. Trautman verneinte. »Der ist an dieser Stelle fast zweitausend Meter tief«, sagte er. »Aber wir sinken nicht mehr. Irgendetwas hält uns fest.« »Ganz im Gegenteil«, murmelte Argos. Seine Stimme klang ungläubig, aber auch etwas erschrocken. »Wenn ich diese Anzeigen richtig deute, dann ... dannsteigenwir!«

Auch Mike sah voller Unglauben auf den Tiefenmesser. Argos hatte Recht. Als er das letzte Mal darauf gesehen hatte, waren sie etwas über hundert Meter tief gewesen. Jetzt berührte die Nadel die Achtzig und stieg ganz langsam, aber sichtbar, weiter nach oben. »Wie kann das ...«, murmelte Trautman, brach dann mitten im Satz ab und legte mit einer entschlossenen Bewegung zwei kleine Schalter auf dem Pult um. Ein Summen erscholl und die große Irisblende vor dem Aussichtsfenster des Salons begann auseinander zu gleiten. Dahinter war nur die Schwärze der Tiefsee zu erkennen. Trautman betätigte einen weiteren Schalter, worauf rechts und links des Fensters zwei starke Scheinwerfer aufflammten, die zwei grelle Lichtbahnen in die Dunkelheit warfen. Plankton und winzige Fische schimmerten darin, bevor sie sich irgendwo in hundert oder auch mehr Metern Entfernung in der Dunkelheit verloren. Aber sie konnten nun tatsächlich sehen, dass die NAUTILUS wieder stieg. Ganz langsam, aber deutlich. »Was ist das?«, flüsterte Serena. Niemand antwortete, aber Trautman warf Argos einen fragenden Blick zu. »Ihre Freunde?«, fragte er. Argos fuhr sich nervös mit der Hand über das Kinn und deutete ein Kopfschütteln an. »Nein«, sagte er. »So mächtig sind nicht einmal sie.« Bevor er weitersprechen konnte, schimmerte etwas hell im Licht der Scheinwerfer. Im ersten Moment konnte keiner von ihnen erkennen, was es war, dann identifizierten sie eine muschelüberzogene, nahezu senkrecht aufstrebende Felswand, auf die die NAUTILUS langsam zuglitt. Mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Staunen und banger Erwartung verfolgten sie, wie die unheimliche Kraft das Tauchboot weiter auf das Riff zu und gleichzeitig daran entlang in die Höhe hob, bis vor ihnen ein nahezu ebenes, gewaltiges Unterwasserplateau schimmerte. Mike sah flüchtig auf den Tiefenmesser. Sie befanden sich noch dreißig Meter unter der Meeresoberfläche. Dies musste das unter Wasser liegende Fundament der Insel sein, die ja letzten Endes nichts als ein Berg war, dessen Spitze aus dem Ozean herausragte. Er war nicht überrascht, als das Schiff wieder zu sinken begann und nach wenigen Augenblicken fast sanft auf dem Meeresgrund aufsetzte.

Mike regulierte mit der linken Hand die Sauerstoffzufuhr seines Anzuges neu und versuchte zugleich, mit der rechten den Scheinwerfer ruhig genug zu halten, damit Singh arbeiten konnte. Der winzige Lichtkreis und das in regelmäßigen Abständen aufflackernde blaue Gleißen des Unterwasser-Schweißgerätes waren die einzige Helligkeit, die die endlose Nacht hier unten durchbrachen. Obwohl sie sich nur vierzig Meter unter der Meeresoberfläche befanden, drang nicht der kleinste Lichtschimmer zu ihnen herab. Oben, im trockenen Teil der Welt, musste bereits wieder Nacht herrschen. Vielleicht stand auch schon wieder der nächste Morgen bevor. Mike wusste es nicht. Er hatte jedes Zeitgefühl verloren und war so erschöpft und müde wie selten zuvor. »Noch fünf Minuten«, drang Singhs Stimme aus den Lautsprechern, die in seinen Helm eingebaut waren. »Was ist dann?«, erwiderte Mike müde. »Sind wir dann fertig?« Singh lachte, leise und nicht sonderlich begeistert. »Schön war's«, sagte er. »Nein - mein Sauerstoffvorrat geht allmählich zu Ende. Und ich glaube, das Schweißgerät ist auch bald leer.« Er seufzte. »Es dauert mindestens noch einen Tag, dieses Leck zu reparieren.« Mikes Meinung nach war allein die Idee, ein scheunentorgroßes Leck in einem Unterseeboot vierzig Meter unter Wasser schweißen zu wollen, tollkühn. Trotzdem hatten sie sich nach kurzer Beratung an die Arbeit ge

macht. Tollkühn oder nicht - sie hatten gar keine andere Wahl. Er war so sehr in seine Gedanken versunken gewesen, dass der Strahl seines Scheinwerfers die Stelle, an der Singh arbeitete, losließ und in kleinen Zickzackbewegungen über den Rumpf der NAUTILUS zu wandern begann. Singh machte eine entsprechende Bemerkung und Mike fuhr so erschrocken zusammen, dass die Lampe seinen Fingern entglitt und langsam und sich dabei immer wieder überschlagend zu Boden zu fallen begann. Mike bückte sich hastig danach, verlor selbst das Gleichgewicht und fiel in dem schweren Taucheranzug auf die Seite. Das war nur ein kleines Missgeschick und in keiner Weise gefährlich; die Unterwasseranzüge waren so konstruiert, dass sie ihren Träger vor fast allen denkbaren Gefährdungen schützten, aber es war ärgerlich. Der Meeresboden war knietief mit einer staubfeinen Sandschicht bedeckt, die hoch aufwirbelte, als Mike fiel, und ihm für einen Moment vollkommen die Sicht nahm. Wütend auf sich selbst rappelte er sich hoch, schwenkte den Scheinwerfer im Kreis und sah ein, dass er gar keine andere Wahl hatte, als abzuwarten, bis sich der Sand von selbst wieder senkte. Ein silberner Schemen tauchte für den Bruchteil einer Sekunde im Licht des Scheinwerfers auf und versank wieder. Mike versuchte ihm mit dem Lichtstrahl zu folgen, sah jedoch nichts als wirbelnden Sand. Aber nur einen Moment später sah er den Schemen erneut und obwohl er auch diesmal nur für eine Sekunde im Licht der Scheinwerfer aufblitzte, erkannte er doch jetzt genau, worum es sich handelte. Es war ein Hai! Und es war keineswegs der einzige. Mike ließ den Scheinwerferstrahl langsam kreisen und er sah einen zweiten und dritten und vierten Hai, die mit gemächlichen, fast majestätisch anmutenden Bewegungen durch das Wasser schnitten.

»Singh!«, sagte Mike. »Ich sehe sie«, antwortete Singh. »Beweg dich nicht! Ich komme zu dir.« Mikes Herz begann zu klopfen. Der Taucheranzug bot ihm wahrscheinlich auch Sicherheit gegen einen Haiangriff, aber er hatte trotzdem Angst. Sie schienen ihn zu umkreisen und Mike wusste, dass Haie das oft taten, kurz bevor sie angriffen. Eine riesenhaft anmutende Gestalt stampfte durch den aufwirbelnden Sand auf ihn zu. Es war Singh, der in seinem klobigen Taucheranzug aussah wie ein mittelalterlicher Ritter, der sich um Jahrhunderte geirrt hatte. Auch er hatte einen Scheinwerfer eingeschaltet, den er hin und her schwenkte, und trug das Schweißgerät wie eine Waffe in der rechten Hand. Mike wusste natürlich, dass ihm das rein gar nichts nutzen würde, sollten die Haifische sie wirklich angreifen. Aber es war seltsam: Irgendwie spürte er, dass die Tiere das nicht tun würden. »Zur Schleuse!«, sagte Singh und leuchtete mit seinem Scheinwerfer in die entsprechende Richtung. Zwei, drei Haifische huschten mit eleganten Bewegungen aus dem Licht heraus. »Aber vorsichtig«, fuhr der Inder fort. »Mach keine hastigen Bewegungen, sonst greifen sie vielleicht an.« Mike hätte sich vermutlich nicht einmal dann schnell bewegen können, wenn er es gewollt hätte. Der Taucheranzug war zu schwer dazu und er sank bei jedem Schritt bis an die Knie in den weichen Sand ein. Langsam bewegte er sich neben Singh an der Flanke der NAUTILUS entlang, bis sie die Tauchkammer erreichten. Während sie darauf warteten, dass die Schleuse voll Wasser lief, so dass sie die äußere Tür öffnen konnten, ließen sie beide ihre Scheinwerferstrahlen in langsamen, gegeneinander gerichteten Kreisen durch das Wasser gleiten. Der Anblick war erschreckend und faszinierend zu

gleich: Es mussten Dutzende von Haien sein, die sie umgaben. Haie der unterschiedlichsten Gattung und Größe. Sie schwammen scheinbar ziellos hierhin und dorthin, bewegten sich manchmal auf sie zu, manchmal von ihnen fort, kreisten und schienen fast so etwas wie einen bizarren Tanz aufzuführen. Keines der Tiere kam ihnen jemals näher als vier oder fünf Meter und doch schienen

sie sich auch nie sehr weit von ihnen zu entfernen. »Was bedeutet das?«, murmelte Mike. »Ich weiß es nicht, Herr«, antwortete Singh, der im Moment der Gefahr wieder in seine alten Gewohnheiten zurückfiel. »Aber es gefällt mir nicht.« Hinter ihnen öffnete sich nahezu lautlos die äußere Schleusentür. Normalerweise betraten sie die Tauchkammer einzeln, denn sie war so klein, dass sie kaum genug Platz für einen bot. Jetzt aber quetschten sie sich gemeinsam hinein. Keiner von ihnen wollte länger als unbedingt nötig in der Gesellschaft der Haifische zubringen. Trautman und Ben erwarteten sie, als sich die äußere Tür geschlossen hatte und der Wasserspiegel so weit gesunken war, dass sie das innere Schleusenschott öffnen konnten. Die beiden halfen erst Singh, dann Mike aus dem Taucheranzug zu steigen; eine Aufgabe, die allein kaum zu bewältigen war. Trautman hatte bereits frische Sauerstoffflaschen bereitgestellt und wollte unverzüglich in Singhs Anzug steigen. Ben und er hatten wohl vor, die nächste Schicht zu übernehmen. Obwohl sie ebenso müde und erschöpft aussahen, wie Mike sich fühlte, wusste er doch, dass Trautman sich keine Ruhepause gönnen würde, bevor die Reparaturarbeiten nicht abgeschlossen und die größte Gefahr somit gebannt war. Singh schüttelte jedoch den Kopf und machte eine abwehrende Bewegung mit beiden Händen. »Ihr solltet da jetzt nicht rausgehen«, sagte er. »Wir haben Gesellschaft. Haifische! Hunderte!«

Das war zwar übertrieben, aber Mike bestätigte die Behauptung trotzdem mit einem Nicken. Der Inder und er erzählten abwechselnd und mit knappen Worten, was sie beobachtet hatten. Trautmans Gesicht nahm dabei einen immer besorgteren Ausdruck an, aber er sagte nichts, sondern legte schließlich den Taucherhelm aus der Hand und seufzte: »Also gut. Machen wir eine Pause. Vielleicht tut sie uns allen ja ganz gut.« »Das ist wirklich unheimlich«, sagte Ben, während sie sich umwandten und wieder in Richtung Salon gingen. Ein helles, rhythmisches Hämmern und Klingen drang an ihr Ohr. Juan, Chris und möglicherweise auch Argos waren nicht untätig. Trautman hatte zur Sicherheit darauf bestanden, auch das innere Schott, das die gefluteten Bereiche abriegelte, verstärken zu lassen. »Was glaubst du, wie ich mich erst gefühlt habe?«, sagte Mike. Ben nickte und sagte: »Ich war vorhin im Salon, weißt du? Und ich habe ein paar Funksprüche aufgefangen.« »Und?« »Ich habe mir nichts dabei gedacht«, antwortete Ben. »Aber jetzt...« Er zuckte mit den Schultern. »So tief, wie wir sind, konnte ich nur ein paar sehr starke Signale empfangen. Es waren einige Warnungen vor Haien dabei.« Mike blieb überrascht stehen und sah den jungen Engländer an. »Warnungen vor Haien?« »Ja, aus der Gegend hier«, antwortete Ben. »Vielleicht

im Umkreis von zwei-, dreihundert Meilen. Es sind sehr viele Haifische gesehen worden. Anscheinend haben sie bisher noch niemanden angegriffen, aber natürlich sind die Leute beunruhigt, dass sie plötzlich in solchen Massen auftauchen.« Das konnte Mike durchaus verstehen. Auch er hatte sich dort draußen alles andere als wohl gefühlt. Und trotzdem erging es ihm noch immer genau so wie gerade: Der Anblick dieser gewaltigen Haiarmee hatte ihn erschreckt, verwirrt und beunruhigt - aber irgendetwas sagte ihm trotzdem, dass diese Tiere keine Gefahr darstellten, jedenfalls nicht im Moment und nicht für ihn. Erbehielt seine Überlegungen für sich, nahm sich aber fest vor, sie zur Sprache zu bringen, sobald sie alle zusammen waren. Er war sicher, dass das plötzliche Auftauchen so vieler Haifische in ihrer Nähe kein Zufall war. Als sie im Salon ankamen, trafen sie Argos und Serena. Der Atlanter war dabei, mit einem Lötkolben an einem halb auseinandergenommenen Gerät zu hantieren, wobei er sich allerdings so ungeschickt anstellte, dass Ben hörbar seufzte und den Kopf schüttelte. Serena stand hinter ihm und sah ihm zu. Sie hatte die linke Hand auf die Stuhllehne gestützt und die rechte in einer vertrauten Geste auf Argos' Schulter gelegt; ein Anblick, der Mikes Eifersucht jäh wieder neue Nahrung gab. Und als wäre das alles noch nicht genug, saß Astaroth zwischen Argos' Füßen, leckte sich gemächlich die Pfoten und schnurrte dabei wie ein kleiner Elektromotor.Verräter!dachte Mike impulsiv.Eifersüchtiger Dummkopf!erwiderte Astaroth, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen oder Mike auch nur eines Blickes zu würdigen. Argos aber sah auf, ließ den Lötkolben sinken und fragte: »Wie seid ihr vorangekommen?« Dann runzelte er die Stirn, sah erst Ben, dann Trautman an und fügte hinzu: »Ich dachte, Sie wollten die beiden gleich ablösen, um schneller fertig zu sein?« Statt zu antworten, ging Trautman mit schnellen Schritten zum Kommandopult und schaltete die Außenscheinwerfer ein. Er hatte die Lichter ausgeschaltet, kurz nachdem sie auf dem Meeresgrund aufgesetzt hatten, um die Batterien zu schonen, denn niemand wusste, wie lange sie hier unten ausharren mussten und wann sie wieder ans Sonnenlicht kamen, das nötig war,

um sie aufzuladen. Nun aber wich die Dunkelheit rings um die NAUTILUSschlagartig gleißendemLicht. »Großer Gott!«, stöhnte Ben. Mike begriff, dass Singh keineswegs übertrieben hatte. EswarenHunderte von Haifischen, die im grellen Licht der Scheinwerferbatterien auftauchten! Die plötzliche Helligkeit schien die Tiere zu verscheuchen, denn sie machten plötzlich kehrt und versuchten, aus dem Bereich des Lichtes zu entkommen, aber ihre Zahl war trotzdem unüberschaubar. Sie umgaben das Schiff wie ein ins Absurde vergrößerter Heringsschwarm. Allein bei dem Gedanken, dass Singh und er vor kaum fünf Minuten mitten in dieser ungeheuren Menge gefährlicher Raubfische gewesen waren, jagte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken. Langsam drehte er sich zu Argos herum. Auch Argos starrte durch das Fenster nach draußen und auch in seinen Augen war dieselbe Mischung aus Unglauben und Schrecken zu sehen, wie auf den Gesichtern aller anderen, aber es schien Mike, als würde der Atlanter etwas sehen, was ihn bis ins Mark erschreckte, aber nicht, weil es ihn überraschte, sondern weil er es erwartet hatte. »Können Sie uns das erklären?«, fragte er. Argos blinzelte. »Ich? Was habe ich denn damit zu tun?« Mike zuckte mit den Schultern. »Seit wir Sie getroffen haben, ereignen sich eine Menge seltsamer Dinge.« Argos antwortete nicht. Sein Gesicht blieb vollkommen unbewegt, doch in seinen Augen war plötzlich etwas, was Mike schaudern ließ. Erst nach einer Weile sagte der Atlanter leise: »Du bist ja verrückt.« Mike setzte zu einer zornigen Entgegnung an, aber in diesem Moment hörte er Astaroths Stimme in seinen Gedanken:Nicht jetzt!Er antwortete auf dieselbe Weise:Was soll das heißen? Später, in deiner Kabine,antwortete Astaroth.Ich er

kläre dir alles, aber es ist besser, wenn die anderen nicht dabei sind.

Das verwirrte Mike noch mehr. Astaroth hatte sich in den letzten Tagen schon seltsam benommen, aber so geheimnisvoll wie jetzt hatte er noch nie getan. Dazu kam sein merkwürdiges Verhalten: Er saß noch immer zwischen Mikes Füßen und leckte sich das nasse Fell. Hätte er es nicht besser gewusst, so hätte selbst Mike in diesem Moment Stein und Bein geschworen, dass Astaroth nichts anderes war als ein vielleicht etwas zu groß geratener, aber durch und durch normaler schwarzer Kater. Zu seinerÜberraschung sagte Trautman plötzlich: »Vielleicht hat er ja Recht, Mike. Wir sind alle ein bisschen nervös. Nach dem, was passiert ist, ist das ja auch kein Wunder. Vielleicht hat es mit diesen Haifischen wirklich nichts auf sich.« »Sie meinen, es ist ganz normal, dass sie plötzlich zu Hunderten hier auftauchen?«, fragte Mike spöttisch. Trautman schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Aber es muss nicht unbedingt etwas mit uns zu tun haben.« »So wenig wie die geheimnisvollen Fremden, die uns gestern gerettet haben?«, fragte Mike. Trautman sah ihn stirnrunzelnd an. »Wovon redest du?« Im ersten Moment war Mike so verblüfft, dass er nicht antworten konnte. Der fragende Ausdruck auf Trautmans Gesicht war echt. Er drehte sich zu Chris herum und stellte fest, dass auch dieser ihn nur verwirrt ansah, und dasselbe galt für alle anderen ebenso. »Ich rede von gestern«, sagte er. »Als wir beinahe ertrunken wären. Das könnt ihr doch nicht vergessen haben!« »Natürlich nicht«, sagte Trautman mit einem finsteren Blick in Argos' Richtung. »Und wir werden zu gegebener Zeit auch noch einmal eingehend darüber reden.« »Ich meine die, die die Tür geöffnet haben«, sagte Mike.

»Geöffnet?« »Aber Sie ... Sie müssen sie doch gesehen haben!«, murmelte Mike. »Er ist doch genau zwischen Ihnen und Ben aufgetaucht und -« Er sprach nicht weiter, als er in Trautmans Gesicht sah. Trautman erinnerte sich nicht. So unglaublich es schien: Weder er noch einer der anderen schien vom plötzlichen Auftauchen der unheimlichen Wesen irgendetwas mitbekommen zu haben.

Und dabei wollen wir es im Moment auch belassen,flüsterte Astaroths Stimme in seinem Kopf.Glaub mir, es

ist besser.

Mike war nunmehr vollends durcheinander. Wenn es jemanden an Bord des Schiffes gab, dem er immer und vorbehaltlos vertraut und geglaubt hatte, dann war es Astaroth. Nun aber zweifelte er plötzlich an der Urteilskraft des Katers, ja, er ertappte sich für einen Moment sogar dabei, sich zu fragen, ob Astaroth ihn vielleicht ganz bewusst belog. Natürlich beantwortete er seine Frage im selben Moment auch selbst mit einem klaren Nein.Gut, dass du so schlau bist,sagte Astaroth.Wäre es anders, hätte ich dich nämlich von der Wahrheit überzeugen müssen. Ich habe da ein paar ziemlich gute Argumente an den Enden meiner Pfoten, weißt du?

Mike blickte fassungslos auf den Kater hinab. Astaroth tat immer noch so, als wäre er ganz damit beschäftigt, sich das Fell trocken zu lecken. Offensichtlich wollte er nicht, dass die anderen irgendetwas von ihrem lautlosen Gespräch merkten. Und so schwer es Mike fiel, er beschloß, sein Spiel -wenigstens für den Moment noch mitzuspielen. Aber wenn Astaroth nicht ein paar verdammt gute Argumente hätte, dann würde er Argos noch heute Abend zur Rede stellen. Das nahm er sich fest vor.

Niemand hatte Einwände erhoben, als Trautman nach einer Weile vorschlug, die Reparaturarbeiten für einige Stunden zu unterbrechen, so dass sie sich alle wenigstens etwas von dem dringend benötigtenSchlaf gönnen konnten. Zurück in seiner Kabine erlebte Mike jedoch eine unangenehme Überraschung: Das eingedrungene Wasser hatte auch seine Kabine nicht verschont. Es stand zwei oder drei Zentimeter hoch auf dem Boden und die Feuchtigkeit, die zwei Wochen lang Zeit gehabt hatte, alles zu durchdringen, hatte ihre Arbeit wirklich gründlich getan. Seine Matratze und sein Bettzeug waren klamm und rochen muffig, so dass er es erst einmal wechseln musste. Während er damit beschäftigt war, kratzte es an der Tür. Mike öffnete und Astaroth huschte zu ihm herein. Der Kater sah sich maunzend um. Er sprang schließlich auf das abgezogene Bett hinauf und rollte sich schnurrend zusammen. »Das wurde aber auch Zeit«, sagte Mike. Astaroth blickte ihn kurz an und senkte dann wieder den Kopf auf die Pfoten. Er antwortete nicht. Mike sah ihn eine ganze Weile geduldig an und wartete darauf, dass der Kater von sich aus das Gespräch eröffnete, aber Astaroth tat es nicht. »Also, was soll das eigentlich?«, fragte Mike schließlich. Seine Stimme - er sprach laut -verriet mehr von seiner Verärgerung, als ihm selbst bewusst war. Astaroths Ohren zuckten und wandten sich in seine Richtung, aber der Kater sah ihn nicht an. »Wenn du nur gekommen bist, um dein albernes Spielchen fortzusetzen, kannst du auch genauso gut wieder gehen«, sagte Mike. Endlich reagierte Astaroth, wenn auch nicht äußerlich.Was willst du wissen?fragte er. Mike hatte wirklich Mühe, seinen Zorn noch zu bändigen. »Ich glaube, das weißt du ziemlich genau«, erwiderte er gepresst. »Also: Ich habe getan, was du wolltest und keinem etwas gesagt, aber jetzt möchte ich allmäh

lich eine Erklärung. Wer sind diese seltsamen Wesen? Was suchen sie hier und wieso durfte ich keinem anderem etwas davon sagen? Und wieso erinnern sich Trautman und die anderen nicht an sie?«Weil sie sie nicht gesehen haben,erwiderte Astaroth. »Gesehen?!« Mike ächzte. »Sie standen genau zwischen ihnen!«Trotzdem haben sie sie nicht gesehen,beharrte Astaroth.Sie hätten ihnen die Hand schütteln können und sie hätten sie nicht gesehen!

Mike legte fragend den Kopf auf die Seite. »Ist das deine Methode, mir schonend beizubringen, dass ich spinne?«, wollte er wissen.Nein,antwortete der Kater,das ist meine Methode, dir zu erklären, dass diese Wesen nur von denen gesehen werden können, denen sie erlauben, sie zu sehen.

»Aha«, sagte Mike.Ich weiß, das klingt ein wenig seltsam,gestand Astaroth,aber es ist nun einmal so.

Es sind Geschöpfe von großer Macht und glaub mir, sie sindsehrgefährlich.»Für wen?«, wollte Mike wissen.Nicht für euch,antwortete Astaroth.Jedenfalls nicht, solange ihr ihnen nicht in die Quere kommt.

»Was sind das für Wesen?«, fragte Mike.Kann ich dir nicht erklären,erwiderte der Kater.Ich darf es nicht. Selbst wenn ich es dürfte, könnte ich es wahrscheinlich nicht einmal. Aber ihr seid nicht in Gefahr. Es gibt keinen Grund, Angst zu haben.

Mikes Meinung nach war es schon immer eine nahezu todsichere Methode gewesen, jemanden in Panik zu versetzen, indem man ihm nur nachdrücklich genug versicherte, dass er keinen Grund hatte, Angst zu haben. Außerdem verwirrte und beunruhigte ihn Astaroths seltsames Benehmen immer mehr. Der Kater unterhielt sich mit ihm, er beantwortete seine Fragen, aber Mike hatte das Gefühl, dass er genauso gut mit seinem Schrank reden konnte oder mit der Tür.

»Was ist nur los mit dir?«, fragte er. »Warum benimmst du dich so komisch?«Auch das hat seine Gründe,erwiderte der Kater geheimnisvoll. »Über die du ebenfalls nicht reden kannst«, vermutete Mike.Stimmt,sagte Astaroth. Mike sog hörbar die Luft ein. Er streckte die Hand nach Astaroth aus und für eine Sekunde musste er sich mit aller Kraft beherrschen, den Kater nicht einfach zu nehmen und ihn zu schütteln. Er unterdrückte den Impuls mühsam, aber er fuhr fort: »Das reicht mir nicht. Wenn du willst, dass ich dein Spiel mitspiele und meine Freunde belüge, dann musst du mir schon ein paar bessere Gründe dafür nennen.«Das werde ich,antwortete Astaroth,aber jetzt nicht.»Und wann?«

Sobald alles vorbei ist.

»Vielen Dank für diese präzise Auskunft«, murmelte Mike. »Es hat etwas mit Argos zu tun, richtig? Sie sind seinetwegen hier. Sind sie hinter ihm her?«Ja,gestand Astaroth.Aber warum und wer sie geschickt hat, das darf ich dir nicht sagen.

»Ich dachte, wir wären Freunde«, sagte Mike vorwurfsvoll.Bis jetzt sind wir das auch noch,erwiderte Astaroth.Und wenn du möchtest, dass es dabei bleibt, dann hör auf, zu viele Fragen zu stellen!

»Ich frage mich ja nur, auf wessen Seite du stehst.« Dasist zum Beispiel eine von den Fragen, die du nicht stellen solltest,sagte Astaroth. »Warum? Nur weil er aus Atlantis stammt und - «Er stammt nicht nur aus Atlantis,unterbrach ihn Astaroth.Er war derHerrschervon Atlantis.Erhat mich dazu ausersehen, auf seine Tochter aufzupassen, und streng genommen gehört ihm dieses Schiff.