122157.fb2
Singh blieb ernst. »Anscheinend ist noch niemand angegriffen oder gar getötet worden«, sagte er, »aber die Leute sind trotzdem in heller Aufregung. Irgendetwas stimmt mit diesen Tieren nicht.« Für den Bruchteil einer Sekunde entstand vor Mikes innerem Auge das Bild eines bizarren Wesens, das wie eine Mischung aus Mensch und Hai aussah und ihm zuzuwinkenschien. Er verscheuchte die Vorstellung und schüttelte den Kopf. Was für ein Unsinn! »Jedenfalls bedeutet es, dass diese lieben Tierchen nicht nur unseretwegen hier sind«, sagte Ben. »Immerhin etwas.« Argos fuhr zusammen und sah Ben fast erschrocken an. Er hatte sich zwar sofort wieder in der Gewalt, aber Mike hatte seine Reaktion sehr wohl bemerkt. Aber was an Bens Worten hatte Argos so erschrecken lassen? Fast ohne sein Zutun löste sich Mikes Blick wieder von den Haifischen und fing die Spiegelung von Argos' Gesicht in der Fensterscheibe auf. Selbst in dieser Verzerrung wirkten die Züge des Atlanters bleich und schlaff. Die Haifische dort draußen waren nicht das einzige, mit denen etwas nicht stimmte, dachte Mike. Argos war krank. Er stritt es zwar konsequent ab, wenn ihn einer der anderen darauf ansprach, aber Mike war ziemlich sicher, dass der Atlanter in den vergangen drei Tagen und Nächten kein Auge zugetan hatte. Seine Hände zitterten jetzt ununterbrochen und wenn er glaubte, unbeobachtet zu sein, dann sah man ihm deutlich an, dass er kaum noch die Kraft hatte,
sich auf den Beinen zu halten. »Wollen Sie sich nicht doch ein wenig ausruhen?«, fragte Mike das Bild im Spiegel. »Es ist noch eine Stunde Fahrt, bis wir die Position erreichen, an der das
Schiff gesunken ist. Ich verspreche, Sie rechtzeitig zu
wecken.«
Der Atlanter schüttelte den Kopf. »Es wird schon noch gehen«, sagte er. »Sie werden Ihren Freunden keine Hilfe sein, wenn Sie total erschöpft sind«, fuhr Mike fort. »Das wird nicht passieren«, erwiderte Argos unerwartet scharf. »Und jetzt hör bitte auf, dir meinen Kopf zu zerbrechen. Ich halte schon noch durch. Sobald wir meine Kameraden aus dem Wrack geholt haben, habe ich Zeit genug, mich auszuruhen.« Mike funkelte ihn an, aber er schluckte die heftige Antwort hinunter, die ihm auf der Zunge lag. Es wäre nicht das erste Mal in den zurückliegenden Tagen gewesen, dass Argos und er wegen Kleinigkeiten aneinander gerieten, die eigentlich keinen Streit wert waren. Und er hatte keine Lust mehr, noch länger mit Argos in ein und demselben Raum zu sein ... Auf dem Weg in seine Kabine kam ihm Serena entgegen. Mike lächelte ihr freundlich zu und wollte an ihr vorübergehen, aber sie vertrat ihm den Weg und fragte geradeheraus: »Was ist los mit dir? Du machst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.« »Ist ja vielleicht auch nicht ganz falsch«, antwortete Mike. »Geh einen Schritt vor die Tür und du wirst feststellen, dass es draußen ziemlich nass ist.« Serena blieb ernst. »Hattest du wieder Streit mit meinem Vater?«, fragte sie. »Nein«, murmelte Mike. »Ich bin gegangen, bevor es so weit kommen konnte.« Er ging weiter. Serena setzte dazu an, ihm ein zweites Mal den Weg zu vertreten, aber dann besann sie sich eines Besseren und schloss sich ihm stattdessen an. Mike hatte nichts dagegen. Ganz im Gegenteil: Seit sie die Insel verlassen hatten, war es eigentlich das erste Mal, dass Serena ihm nicht auswich oder schlichtweg keine Zeit für ihn hatte. »Ich verstehe nicht, warum ihr beiden immer streiten müsst«, sagte sie.
»Ich auch nicht«, erwiderte Mike. »Dabei wäre es doch so einfach. Argos müsste mir einfach nur aus dem Weg gehen.« Serenas Gesicht verdüsterte sich, aber sie beherrschte sich und antwortete nicht. Jetzt war Mike auch klar, warum sie sich ihm freiwillig angeschlossen hatte: Sie war nur hier, weil sie mit ihm über ihren Vater reden wollte, nicht, weil ihr seine Gesellschaft so angenehm war. Der Gedanke steigerte seinen Zorn auf Argos nur noch. Sie erreichten Mikes Kabine. Er trat ein, ließ die Tür offen, damit Serena ihm folgen konnte, und ging zu dem in der Wand eingelassenen Schrank, während sie selbst mit untergeschlagenen Beinen auf dem Bett Platz nahm. Gute fünf Minuten lang beschäftigte sich Mike damit, seinen Schrank zu durchsuchen und seine wärmsten Kleider vor sich aufzustapeln. Die Taucheranzüge boten ihnen Schutz vor dem Wasserdruck, aber nicht unbedingt vor der Kälte, die in dieser Wassertiefe herrschte. »Was tust du da eigentlich?«, fragte Serena nach einer Weile. »Ich habe keine Lust, zu erfrieren, wenn ich draußen bin«, antwortete er.
»Draußen?« Serena machte ein überraschtes Gesicht. »Vater hat gesagt, dass du nicht nach draußen musst. Singh und er gehen in das Wrack.« »Oh, entschuldige bitte!«, murmelte Mike gereizt. »Ich hatte ganz vergessen, dass die NAUTILUS ja einen neuen Kapitän hat, der jetzt für unser aller Wohlverantwortlich ist!« Serena wirkte verletzt, aber zu seiner Überraschung beherrschte sie sich noch immer und sagte nach einer Weile sehr ruhig: »Das ist er in der Tat. Jedenfalls fühlt er sich verantwortlich.«
»Ja, und nicht ganz zu Unrecht«, erwiderte Mike ärgerlich. »Wir wären alle nicht in dieser gefährlichen Situation, wenn er nicht auf seinem hirnrissigen Plan beharren würde, ein halbes Dutzend Tote aus einem Wrack zu bergen, das in viertausend Metern Tiefe auf dem Meeresgrund liegt.« »Wir wissen nicht, ob sie wirklich tot sind«, antwortete Serena mit einer Ruhe, die ihn wütend machte. »Unsinn!«, beharrte Mike. »Niemand kann in dieser Wassertiefe überleben, versteinert oder nicht. Er bringt uns alle in Lebensgefahr.« »Wie kannst du das sagen?«, fragte Serena. »Du weißt genau, dass es nicht wahr ist. Wir haben abgestimmt, ob wir das Risiko eingehen - und du warst auch damit einverstanden, wenn ich dich erinnern darf.« Mike war so perplex, dass er im ersten Moment nicht einmal antworten konnte, sondern Serena nur mit offenem Mund anstarrte. Es hatte niemals so etwas wie eine Abstimmung gegeben. Das wusste Serena ganz genau. Und selbst wenn, dann hätte er bestimmt nichtfürdieses Selbstmordunternehmen gestimmt. »Ich verstehe dich langsam nicht mehr«, sagte er, nur noch mühsam beherrscht. »Du verteidigst Argos unter allen Umständen, wie? Selbst, wenn du weißt, dass er hundertprozentig im Unrecht ist.« »Aber das ist er nicht!«, protestierte Serena.»Dubist ungerecht. Du feindest ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit an. Weißt du was? Ich glaube, er hatte Recht: Du bist nur eifersüchtig auf ihn, das ist alles.« Mike blinzelte.»Werhatte Recht?«, fragte er. »Astaroth«, antwortete Serena. Dann stockte sie, blinzelte ebenfalls und fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Wieso habe ich das gesagt?« »Keine ... Ahnung«, antwortete Mike stockend. Da war etwas. Irgendeine Wahrheit unter seinen Gedanken. Er konnte sie nicht erfassen, aber es war ein Gefühl, als wäre da etwas,
was hinauswollte, etwas Gefangenes und Gebundenes, das mit aller Kraft an seinen Ketten zerrte.
»Da siehst du, wie weit wir schon gekommen sind«, sagte Serena. »Ich fange schon an, Unsinn zu reden, nur weil wir uns dauernd streiten!« »Nein, nein«, antwortete Mike hastig. »Das war kein Unsinn. Du hast gesagt:Astaroth hatte Rechtund das stimmt.« »Astaroth war eineKatze«,erinnerte ihn Serena. »Katzen können nicht reden.« »Diese vielleicht schon«, murmelte Mike. Er versuchte fast verzweifelt, die verriegelte Tür in seinen Gedanken aufzustoßen, und er glaubte auch zu spüren, wie sie sichbewegte. »Bist du nur wütend auf ihn, weil er den Kater getötet hat?«, fragte Serena plötzlich. »Das war ein Unfall und das weißt du ganz genau.« Sie stand vom Bett auf, kam auf ihn zu und griff nach seiner Hand. Vielleicht zum allerersten Mal, seit sie sich kannten, war ihm ihre Berührung unangenehm und er zog seine Hand zurück. Serena sagte nichts dazu, aber er konnte ihr deutlich ansehen, wie sehr sie diese kleine Geste verletzte.
»Astaroth«, murmelte er. »Es ... es hat etwas mit Astaroth zu tun.« Serena seufzte. Ihr Blick spiegelte plötzlich echtes Mitgefühl. »Ich wusste nicht, dass du so sehr an ihm gehangen hast«, sagte sie. »Ich?« Mike riss ungläubig die Augen auf. »Ich?! Serena, was ... redest du da? Du hast genau so an ihm gehangen! Er war dein Leibwächter!« »Mein was?«, wiederholte Serena. Es fiel Mike immer noch schwer, die verschwommenen Erinnerungen hinter seiner Stirn zu Worten werden zu lassen. Für einen Moment war alles ganz klar gewesen, aber nun begannen sich seine Gedanken wieder zu vernebeln. Nein, das stimmte nicht ganz:Irgendetwasbegann seine Gedanken zu vernebeln. Er konnte fast körperlich spüren, wie eine unsichtbare Macht von außen nach seinen Erinnerungen griff und sie wieder dorthin zurückdrängte, wo sie seinem bewussten Zugriff entzogen waren. »Er manipuliert uns«, murmelte er. »Du musst dich dagegen wehren, Serena!« »Er?« Serena blinzelte und sah ihn verständnislos an. »Wen meinst du?« »Argos«, murmelte Mike. Die Worte wollten sich weigern, über seine Lippen zu kommen. Trotzdem fuhr er schleppend und mühsam fort: »Ich weiß nicht wie, aber er ... er beeinflusst uns. Spürst du das denn nicht?« »Ich weiß überhaupt nicht, wovon du redest«, sagte Serena. Bevor Mike antworten konnte, wurde die Tür hinter ihnen aufgerissen und Argos' Stimme sagte in scharfem Ton: »Er redet Unsinn, aber nimm es ihm nicht übel. Er ist einfach überarbeitet. Genau wie wir alle.« Mike fuhr zornig herum und hob die Fäuste. Aber es war genau, wie er befürchtet hatte: Kaum sah er in Argos' Augen, da wich alle Kraft zuerst aus seinen Gliedern, dann aus seinem Bewusstsein. Es gelang Argos nicht mehr, ihn wieder so vollkommen willenlos zu machen, wie er es die vergangenen beiden Tage über gewesen war - und alle anderen an Bord offensichtlich immer noch waren! -, aber Mike konnte nichts anderes tun, als einfach dazustehen und den Atlanter anzustarren; innerlich vor Wut und hilflosem Zorn brodelnd, aber vollkommen gelähmt. »Mach dir keine Sorgen um ihn«, fuhr Argos fort, zwar an seine Tochter gewandt, aber ohne Mike auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. »Ich kümmere mich um ihn. Warum gehst du nicht in die Kombüse und kochst frischen Kaffee? Ich hätte gerne etwas Heisses zu trinken, bevor ich in den Taucheranzug steige.« Serena verließ die Kabine ohne ein weiteres Wort -allerdings nicht, ohne Mike einen mitleidigen Blick zuzu
werfen. Einen Blick, der seinen Zorn fast zur Raserei steigerte. »Sie ... Sie ...«, begann er. Argos hob die Hand, um ihn zu unterbrechen: »Streng dich nicht unnötig an, Mike. Es hat sowieso keinen Zweck. Und ich habe nicht vor, dir etwas zu tun. wenn es das ist, was du befürchtest.« »Nein -Sie wollen uns nur zu Ihren Marionetten machen, ich weiß«, sagte Mike mühsam. »Sie lesen meine Gedanken!« »Von der ersten Sekunde an«, gestand Argos unumwunden. »Und seit dieser Zeit beeinflussen Sie uns auch alle schon, wie?« Argos verneinte. »Ich kann deinen Zorn verstehen, Mike, aber du täuschst dich in mir. Ich bin nicht euer Feind.« »Und warum dann das alles?«, fauchte Mike. Er versuchte, an Argos vorbei zur Tür zu schielen, und wog in Gedanken seine Chancen ab, schnell genug hinauszukommen, um die anderen zu warnen. Argos schüttelte den Kopf. »Das schaffst du nicht«, sagte er. »Außerdem würden sie dir nicht glauben. Nicht, wenn ich es nicht will.« Mike erwiderte nichts. Es hatte offensichtlich wenig Zweck, jemanden hereinlegen zu wollen, der in seinen Gedanken wie in einem offenen Buch lesen konnte. »Stimmt«, sagte Argos. »Können wir jetzt vernünftig miteinander reden?« Jetzt, da Mike endlich wieder ganz Herr seines freien Willens und seiner Gedanken war, fiel ihm plötzlich noch deutlicher auf,wiemüde und erschöpft der Atlanter aussah. In derselben Sekunde fiel ihm auch die Erklärung dafür ein. »Sie haben in den letzten drei Tagen nicht geschlafen, weil Sie dann die Macht über uns verloren hätten, habe ich Recht?«, fragte er. »Sie müssen sich in jeder Sekunde
konzentrieren. Es ist bestimmt nicht leicht, fünf Menschen gleichzeitig zu beherrschen.« »Das stimmt«, sagte Argos. »Es ist sogar noch viel schwieriger, als du glaubst. Ich war selbst nicht sicher, ob es mir gelingt.« »Und wie lange glauben Sie, das noch durchhalten zu können?«, fragte Mike böse. »Noch einen Tag? Oder zwei? IrgendwannmüssenSie einmal schlafen.« »Es ist nicht mehr lange nötig«, antwortete Argos. Er seufzte. »Ich weiß, dass du mir nicht glaubst, aber ich habe es nicht gerne getan. Doch ich hatte keine Wahl. Wärt ihr nicht an Bord gekommen, als Serena und ich die Insel verlassen wollten, wäre es nicht nötig gewesen.« »Glauben Sie wirklich, wir sehen einfach zu, wie Sie uns unser Schiff stehlen? «, schnappte Mike. »Ich hätte es euch zurückgebracht«, erwiderte Argos und seltsamerweise fiel es Mike schwer, ihm diese Behauptung nicht zu glauben, »Es tut mir wirklich leid, Mike. Alles ist schief gegangen. Ich wollte nicht, dass ihr in Gefahr geratet. Aber ich muss es tun, versteh doch. Ich kann meine Kameraden nicht einfach auf dem Meeresgrund zurücklassen. Ich bin für ihre Leben verantwortlich.« »Und wer sagt Ihnen, dass wir Ihnen nicht freiwillig geholfen hätten?«, fragte Mike. »Ich kann eure Gedanken lesen, vergiss das nicht«, sagte Argos leise. »Trautman hätte niemalseureLeben riskiert, um die meiner Kameraden zu retten. Aber ich verspreche, dass ich euch freigebe, sobald wir die Männer geborgen haben.« »Und für wie lange?«, fragte Mike zornig. »Bis Sie die NAUTILUS wieder brauchen? Oder Sie eine andere ...Aufgabefür uns haben? Ich glaube Ihnen nicht!« »Das tut mir Leid«, sagte Argos und auch diese Worte klangen ehrlich. »Schade. Ich dachte, ich könnte dich überzeugen, aber ich lese in deinen Gedanken, dass du zu zornig bist. Ich kann dich verstehen. Aber du lässt mir keine Wahl.« »Als was?«, fragte Mike. »Mich wieder zu hypnotisieren?« Argos schüttelte den Kopf. »Das wäre zu riskant«, sagte er geradeheraus. »Du hast meinen Kräften schon einmal getrotzt und ich kann nicht riskieren, dass es dir vielleicht im falschen Moment noch einmal gelingt. Du wirst hierbleiben, bis alles vorbei ist.« »Ich denke nicht daran!«, sagte Mike. »Auch damit habe ich gerechnet«, sagte Argos. »Du zwingst mich, zu drastischen Maßnahmen zu greifen.« »Und wie sehen die aus?«, wollte Mike wissen. »Ein uralter atlantischer Zaubertrick«, sagte Argos, »der aber selbst nach all der Zeit immer noch hervorragend funktioniert.« Er griff in die Jackentasche. »Ich habe den Schlüssel zu deiner Kabine, weißt du?«
Argos machte seine Drohung wahr, aber er hielt zugleich auch sein Versprechen: Mike hatte versucht, gewaltsam aus der Kabine zu entkommen, und der Atlanter hatte ihn trotz des erbärmlichen Zustandes, in dem er sich befand, spielend überwältigt und auf das Bett geworfen. Noch bevor Mike sich wieder hochrappeln und es ein zweites Mal versuchen konnte, hatte Argos die Kabine bereits verlassen, die Tür hinter sich zugezogen und abgeschlossen. Aber er verzichtete auch darauf, Mike wieder in seinen magischen Bann zu schlagen - auch wenn Mike annahm, dass er das weniger aus Freundlichkeit tat als vielmehr, um sich seine Konzentration für die anderen Besatzungsmitglieder aufzuheben. Seither waren mindestens drei oder vier Stunden vergangen. Mike hatte eine Weile aus Leibeskräften geschrien und mit den Fäusten gegen die Tür getrommelt, aber selbstverständlich war es sinnlos gewesen: Die Tür bestand aus zwei Zentimeter dickem Stahl, der jeden Laut verschluckte und den er ein Jahr lang mit
Faustschlägen und Fußtritten hätte bearbeiten können,
ohne ihn auch nur anzukratzen.
Schließlich hatte er es aufgegeben und sich zornig und frustriert auf sein Bett gelegt. Wenn wenigstens Astaroth hier gewesen wäre! Dann hätte er ihn gedanklich um
Hilfe rufen können und -
Aber Astaroth war nicht hier. Und er würde auch nie
wieder hier sein. Die Trauer übermannte Mike mit solch einer Kraft und Plötzlichkeit, dass er die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, das Gesicht in die Kissen vergrub und versuchte, mit dem Gefühl eines furchtbaren Verlustes fertig zu werden. Astaroth war mehr als ein Tier gewesen. Auf seine Art
sogar mehr als ein Freund. Abgesehen von Serena war er von allen an Bord sicherlich derjenige gewesen, mit dem Mike am tiefsten verbunden gewesen war. Sie hatten viel mehr geteilt als gemeinsame Erlebnisse und
Gespräche. Der Kater war oft Gast in seinen Gedanken gewesen, kannte seine Geheimnisse und Wünsche und erst jetzt, als er nicht mehr da war, da begriff Mike, dass es irgendwie auch anders herum so gewesen sein musste, denn er hatte das Gefühl, dass mit Astaroth auch ein Teil von ihm gestorben war. Nach einer Weile begannen sich die Maschinengeräu
sche des Schiffes zu ändern. Die NAUTILUS verlor an Fahrt, stand eine ganze Zeit reglos auf der Stelle und lief dann langsamer weiter. Kurze Zeit darauf nahm Mike ein leises, weit entferntes Knistern undÄchzen wahr und eine kaum spürbare Vibration des Bodens:
Das Schiff tauchte. Mike verbrachte die nächsten zwei oder auch drei Stunden damit, sich in Gedanken auszumalen, was nun im Salon des Schiffes vor sich ging und wie es außerhalb der NAUTILUS aussah. Obwohl ihm allein die Vorstellung einen eisigen Schauer über den Rücken jagte, ließ er doch jede noch so winzige Möglichkeit ei
nes Fehlschlages vor seinem geistigen Auge Revue passieren, denn alles erschien ihm in diesem Moment besser, als weiter an Astaroth zu denken. Irgendwann während dieser endlosen Stunden, in denen Mike eingesperrt in seiner Kabine lag, musste er wohl eingeschlafen sein, denn das Nächste, was er bewusst wahrnahm, das war eine Hand, die an seiner Schulter rüttelte, und Serenas ungeduldige Stimme: »Mike! Wach endlich auf!« Mike öffnete die Augen, fuhr mit einem Ruck hoch und starrte eine Sekunde lang verständnislos in Serenas Gesicht. Die Kabinentür stand offen und die atlantische Prinzessin stand halb über ihn gebeugt da. Sie sah aufgeregt drein und gestikulierte heftig mit beiden Händen. »Nun hör schon!«, rief sie. »Du hast dich jetzt wirklich lange genug ausgeruht!« »Ausgeruht ...?«, murmelte Mike verschlafen. Er stemmte sich ganz in die Höhe und versuchte, in Serenas Worten irgendeinen Sinn zu erkennen. »Aber ich habe nicht ...«, murmelte er benommen, brach den Satz dann ab und zog es vor, ohne ein weiteres Wort aufzustehen. Serena war wirklich sehr aufgeregt. »Was ist passiert?«, fragte er. »Es gibt Schwierigkeiten«, antwortete Serena. »Draußen, beim Wrack.« »Beim Wrack?« Also hatten sie es gefunden! ZumindestdieserTeil ihrer Expedition schien erwartungsgemäß verlaufen zu sein. »Wie lange habe ich geschlafen?«, fragte Mike. Serena war bereits bei der Tür und drehte sich ungeduldig herum. »Zu lange«, antwortete sie. »Sieben oder acht Stunden ... ich weiß nicht. Komm schon!« Sie gab ihm keine Gelegenheit, eine weitere Frage zu stellen, sondern fuhr herum und verschwand mit weit ausgreifenden Schritten auf dem Gang. Mike folgte ihr, so schnell er konnte, doch schon bevor
sie sich der Tür zum Salon näherten, hörte er aufgeregte Stimmen. Serena war so schnell gelaufen, dass Mike einen kurzen Endspurt einlegen musste, um hinter ihr durch die Tür zu stürmen. »Was ist los? Was ist passiert?« Trautman, der hinter dem Kontrollpult stand und aufgeregt mit Ben und Juan diskutierte, hob mit einem Ruck den Kopf und wies dann mit dem ausgestreckten Arm zum Fenster. Als Mikes Blick der Bewegung folgte, stockte ihm der Atem. Sie hatten den Meeresboden erreicht und im Licht der voll aufgeblendeten starken Scheinwerfer war das Wrack des deutschen Schiffes zu erkennen. Es war tatsächlich in drei unterschiedlich große Stücke zerbrochen, die aber nur wenige Meter voneinander entfernt im Schlick lagen, und ringsum bildeten buchstäblich unzählige verschieden große Trümmerstücke eine bizarre Mondlandschaft, aus der das grelle Scheinwerferlicht alle Farben gelöscht hatte. Aber das war es nicht, was Mike so erschreckte. Er starrte aus ungläubig aufgerissenen Augen auf die schlanken, silbergrauen Geschöpfe, die das zerbrochene Schiffswrack in dichten Schwärmen umgaben. Haie! Es mussten Hunderte sein. Die Tiere schossen wie Pfeile ins Licht der Scheinwerferstrahlen hinein, verschwanden wieder, umkreisten das Wrack, stießen herab, führten Pirouetten auf oder schienen wie lauernde Wölfe fast reglos zu warten. Manchmal näherte sich eines von ihnen der NAUTILUS und einmal schoss ein besonders großes Exemplar so dicht an dem großen Bullauge vorbei, dass Mike instinktiv einen halben Schritt zurückwich. Der allergrößte Teil der Tiere jedoch schien nicht das geringste Interesse an der NAU-TILUS zu haben, sondern umkreiste weiter das Wrack. »Aber was ...«, murmelte Mike fassungslos. »Sie sind vor zehn Minuten aufgetaucht«, beantwortete Trautman seine gar nicht ausgesprochene Frage. »Ganz
plötzlich. Vor einer Sekunde war das Meer noch leer und dann waren sie da.« Mike trat langsam, mit zitternden Knien und klopfendem Herzen, näher an das Bullauge heran. «Wo ist Argos?«, fragte er. »Dort drüben, im hinteren Teil.« Serena trat neben ihn und deutete mit zitternder Hand auf das abgebrochene Heck des Schiffes. Ihr Gesicht war totenbleich und ihre Augen waren groß und dunkel vor Furcht. »Zusammen mit Singh«, fuhr sie fort. »Sie haben die beiden vorderen Trümmerstücke abgesucht und nichts gefunden«, erklärte Trautman vom Steuerpult her. »Aber kaum waren sie im Wrack, da tauchten die Haie auf. Als hätten sie auf uns gewartet.« »Mach dir keine Sorgen«, antwortete Mike, zu Serena gewandt. »Den beiden kann nichts passieren, solange sie im Schiff bleiben.« »Aber sieh dir diese Ungeheuer doch an!«, protestierte Serena. »Ein paar davon sind so groß, dass sie selbst in einem Taucheranzug nicht mehr vor ihnen sicher sind.« »Ja, aber die können nicht ins Schiff«, erwiderte Mike. Er wusste nicht, ob er Recht hatte oder nicht. Er wollte Serena nur beruhigen. Die abgrundtiefe Furcht, die er in ihren Augen las, schnürte ihm die Kehle zusammen. So fuhr er fort: »Und gegen die kleinen Haie bieten die UnterwasseranzügegenügendSchutz.« »Du sagst es, Mike -solange sie das Wrack nicht verlassen«, sagte Trautman. Er kam mit langsamen Schritten um das Steuerpult herum und trat zwischen Serena und ihn. Dabei legte er die rechte Hand auf Serenas Schulter, um sie zu trösten. Aber sie streifte seinen Arm ab und trat einen halben Schritt zur Seite. Trautmans Gesicht verdüsterte sich, doch er sagte nichts dazu, sondern fuhr fort: »Sie haben noch Sauerstoff für eine halbe Stunde. Und danachmüssensie herauskommen.«
»Wir müssen irgendetwas tun«, sagte Serena. »Wir müssen sie verscheuchen.« »Das ist unmöglich«, sagte Trautman leise. »Aber warum nicht?!«, fragte Serena. »Das Schiff ist bewaffnet! Und wir könnten « »Was?«, unterbrach sie Juan. »Mit Torpedos auf die Haie schießen? Oder in die Taucheranzüge steigen und sie mit Harpunen erlegen?« Er lachte hart. »Wenn es drei oder vier wären oder meinetwegen ein Dutzend ... aber so?« Mikes Gedanken überschlugen sich. Natürlich hatte Serena Recht: Sie mussten irgendetwas tun, um Argos und vor allem Singh! - aus dieser Gefahr zu befreien. Aber ein einziger Blick aus dem Fenster zeigte ihm auch, wie sinnlos jede Idee war, die ihm kommen wollte: Es waren Haie der verschiedensten Gattungen und Größe, die das Wrack am Meeresboden umkreisten; einige davon kaum so lang wie sein Arm, andere riesige, sieben oder acht Meter lange Giganten, vor deren Gebissen selbst die Unterwasseranzüge keinen Schutz mehr bieten würden. »Wir könnten die NAUTILUS ein gutes Stück näher heranbringen«, sagte Trautman leise. »Es ist nicht ganz ungefährlich. Der Meeresboden ist uneben hier und einige dieser Trümmerstücke könnten selbst das Schiff beschädigen, aber ich glaube, ich könnte sie auf zwanzig Meter heranmanövrieren.« Er ging zurück zum Steuerpult und sagte: »Sucht euch einen festen Halt. Es könnte ein bisschen holperig werden.« Alle mit Ausnahme Serenas und Mikes, der nicht von ihrer Seite weichen wollte, gehorchten seinem Rat. Juan gesellte sich zu Trautman, um ihm an den Kontrollinstrumenten zu helfen, während sich Ben und Chris mit beiden Händen am Tisch festklammerten. Es vergingen nur wenige Augenblicke, da hob die NAUTI-LUS scheinbar schwerelos vom Meeresboden ab und begann ganz langsam weiter auf das Wrack zuzugleiten.
Hier unten herrschte offenbar eine starke Strömung, denn das Schiff zitterte und bebte ununterbrochen und Mike konnte jetzt auch wieder hören, wie der Rumpf unter dem enormen Wasserdruck ächzte. Mehr als einmal schlug etwas mit einem harten, metallischen Geräusch gegen den Schiffsrumpf; die Laute hallten wie Glockenschläge im Schiff wider und ließen Mike erschauern. Und einmal schrammte etwas mit einem schrecklichen Geräusch unter dem Boden der NAUTI-LUS entlang: wie eine Messerklinge, die über Glas fuhr. Doch letzten Endes hielt das Schiff auch dieser weiteren Belastungsprobe stand und es gelang Trautman, die NAUTILUS tatsächlich nicht nur bis auf zwanzig, sondern allerhöchstens fünfzehn Meter an das abgebrochene Heck des Wracks heranzubringen, bevor das Unterseeboot wieder auf den Meeresboden herabsank. Für etliche Minuten waren sie so gut wie blind, denn ihr Manöver hatte den feinen Schlick vom Meeresboden aufsteigen lassen, der nun wie Nebel im Wasser hing und selbst das Licht der Scheinwerfer verschluckte. Aber in dem unwirklichen graubraunen Schleier, der sich vor dem Fenster ausgebreitet hatte, zuckten immer wieder schlanke, silberfarbene und weiße Schatten auf und die Haie kamen der NAUTILUS nun merklich näher als bisher. Etliche von ihnen strichen so dicht am Bullauge entlang, dass Mike direkt in ihre schwarzen, unergründlichen Augen sehen konnte. »Wie lange reicht ihr Sauerstoff noch?«, fragte Ben. Mike drehte sich nicht vom Fenster weg, als er Trautmans Stimme hörte. »Vielleicht zwanzig Minuten, wahrscheinlich weniger.«
»Und ... was tun wir nun?«, fragte er.
»Ich weiß es nicht«, gestand Trautman.
»Aber wir ... wir können doch nicht einfach dastehen
undnichtstun!«, flüsterte Serena.
»Das sagt ja auch keiner«, erwiderte Trautman. »Aber
wir helfen Singh und deinem Vater nicht, wenn wir einfach blindlings hinausstürmen und selbst dabei umkommen. Noch ist etwas Zeit. Ich bin sicher, dass uns etwas einfällt, wenn wir einen kühlen Kopf bewahren und jetzt nicht in Panik geraten.«»Einen kühlen Kopf bewahren?!«Serenas Stimme kippte fast über. »Sie werdensterben! Sie haben die Wahl, zu ersticken oder von diesen Ungeheuern getötet zu werden!« »Vielleicht könnten wir einen Art Schutz bauen«, schlug Juan vor. »In unseren Laderäumen liegt genug Material. Es sind nur zehn oder fünfzehn Meter. Wenn wir so eine Art Tunnel errichten, durch den wir zu dem Schiff kommen ...« »Eine gute Idee«, sagte Trautman, »aber dazu fehlt uns die Zeit.« Juan erwiderte irgendetwas, was Mike schon gar nicht mehr hörte. Serenas letzte Worte hallten hinter seiner Stirn wider.Sie werden sterben!Er konnte es nicht zulassen. Astaroth war gestorben, weil er nichts getan hatte, um ihm zu helfen, und nun trennten Singh nur mehr fünfzehn oder zwanzig Minuten vom sicheren Tod - wieder würde er dabeistehen und tatenlos zusehen. Nein! Er hatte einmal versagt, als einer seiner Freunde in höchster Not gewesen war, und das würde sich nicht wiederholen! Und wenn es sein eigenes Leben kostete! Während Serena, Juan, Ben und Trautman weiter miteinander diskutierten, trat er langsam vom Fenster zurück, drehte sich herum und verließ den Salon, ohne dass einer der anderen es auch nur merkte.
Mike überprüfte pedantisch den Sitz seines Unterwasseranzuges, tastete mit den Fingern ein letztes Mal sichernd über die schweren Messingbolzen, die den Helm verriegelten, und nickte dann zufrieden. In einer Wassertiefe wie dieser konnte er sich keine Unachtsamkeiten erlauben. Ein winziger Riss, ein noch so
kleiner Spalt -und das Wasser würde mit der Gewalt eines Schwerthiebes in seinen Anzug hineinschießen und ihn auf der Stelle töten. Unter dem Gewicht der drei Sauerstoffflaschen wankend, streckte er den Arm aus und betätigte den Schalter, der die Pumpen in Gang setzte. Die innere Tür der Schleuse hatte er bereits verriegelt und er hatte auch dafür gesorgt, dass niemand sie von außen öffnen konnte; zumindest nicht schnell genug, um ihn an seinem Vorhaben zu hindern. Das Wasser schoss sprudelnd in die Kammer. Um Mikes Füße bildeten sich kleine Wirbel, die rasch höher stiegen, seine Waden, die Knie und dann die Hüften erreichten und binnen weniger als einer Minute war die Kammer bis unter die Decke mit eiskaltem Wasser gefüllt. Mike streckte ein zweites Mal die Hand aus, zögerte noch einen letztenHerzschlag lang und drückte dann entschlossen auf den Öffnungsknopf. Das äußere Schleusentor glitt auf und Mike blinzelte geblendet in das grelle Licht der Scheinwerfer, die den Meeresboden vor der NAUTILUS mehr als taghell erleuchteten. Sein Herz begann zu klopfen, als er sah, wie nahe die Haie waren. Eine Sekunde lang fragte er sich allen Ernstes, ob er den Verstand verloren hatte. Auch nur einen Schritt dort hinaus zu tun war glatter Selbstmord. Trotzdem tat er es. Der Meeresgrund war an dieser Stelle so weich, dass bei jedem Schritt unter seinen Füßen eine braungraue Sandwolke emporwirbelte, die fast bis zu seiner Brust stieg. Er hatte das Gefühl, durch zähen Sumpf zu laufen, der sich an seine Beine klammern wollte, und das Gewicht der Sauerstoffflaschen drückte ihn unbarmherzig nach vorne. Er machte drei, vier mühsame Schritte, bei denen er jedes Mal mehr Sand hochwirbelte, und es kam ihm vor, alsentferneer sich von dem Wrack, statt ihm näher zu kommen.
Wie durch ein Wunder hatten die Haie bisher noch keinerlei Notiz von ihm genommen. Sie umkreisten weiterhin das Wrack. Viele von ihnen kamen ihm dabei so nahe, dass sie mit Flossen oder Rücken über das rostig gewordene Metall streiften. Und tatsächlich versuchten nicht wenige der grauen Killer ins Innere des Schiffes vorzudringen. Allerdings war es so, wie er vermutet hatte: Nur die kleinen, relativ ungefährlichen Tiere waren in der Lage, in das Schiff hineinzuschwimmen. Noch waren Singh und Argos dort drinnen also in Sicherheit. Mike schleppte sich mühsam weiter. Er begann seine Schritte zu zählen und er hatte noch nicht die Hälfte der Entfernung zum Wrack zurückgelegt, als das geschah, was er insgeheim schon in der ersten Sekunde befürchtet hatte: Die Haie entdeckten ihn. Ein kleineres, kaum einen halben Meter langes Tier schoss plötzlich auf ihn los und schwenkte erst so dicht vor ihm zur Seite, dass Mike bereits alle Muskeln anspannte, um den erwarteten Anprall abzufangen. Dem ersten Tier folgte ein zweites, größeres, dann ein drittes und viertes; und plötzlich war auch Mike von einer wirbelnden Schar tanzender, das Wasser peitschender Haie unigeben -doch zu seinem großen Erstaunen griff ihn keines der Tiere direkt an. Mike versuchte den lebendigen Schutzwall, der sich rings um ihn herum aufgetürmt hatte, mit Blicken zu durchdringen. Es gelang ihm. Er sah das Schimmern von Licht auf Metall und setzte seinen Weg in diese Richtung fort. Schließlich hatte er es geschafft: Unter seinen tastenden Händen war plötzlich Metall. Die Haifische bedrängten ihn immer noch, aber er hatte das Wrack erreicht und dieser Erfolg gab ihm noch einmal neue Kraft. Er tastete sich weiter, versuchte die Haie davonzuscheuchen, und sah schließlich einen Einstieg vor sich.
Mit dem schweren Taucheranzug und der zusätzlichen Last der beiden Flaschen kostete es Mike all seine Kraft, nach dem Rand der Luke zu greifen und sich hinaufzuziehen. Als er es fast geschafft hatte, kam ihm ein grauer Schemen aus dem Schiff entgegengeschossen, traf seine Schulter und warf ihn zurück. Mike stürzte nach hinten, fiel in den Sand und blieb einen Moment hilflos wie eine auf den Rücken gefallene Schildkröte liegen, ehe es ihm irgendwie gelang, sich herumzuwälzen und auf Hände und Knie hochzustemmen. Er griff ein zweites Mal nach dem Rand der Luke, zog sich mit zusammengebissenen Zähnen und unter Aufbietung aller seiner Kräfte daran empor -und wieder schoss ein Hai heran und rammte ihm die stumpfe Schnauze in die Seite. Diesmal war es einer der großen, weißen. Ein mehr als vier Meter langes Exemplar, dessen Aufprall ihn wie ein Hammerschlag traf. Mike verlor seinen Halt, schrie gellend auf und überschlug sich zweimal, bevor er erneut, aber sehr viel härter, auf den Meeresboden krachte. Alles drehte sich um ihn. Als er wieder klar sehen konnte, bot sich ihm ein ganz und gar unglaubliches Bild: Er sah eine Gruppe von vier oder fünf ganz besonders großen Haien direkt auf sich zu schießen. Angeführt wurden sie von einem wahrhaft gigantischen Exemplar, einem Tier von der Größe eines kleinen Schiffes, das Tonnen wiegen musste, sich aber pfeilschnell durch das Wasser bewegte. Das aber war es nicht, was Mike schier an seinem Ver
stand zweifeln ließ. Es war der schwarze, einäugige Kater, der auf dem Rücken des Riesenhaies saß und
das Tier mit Fauchen und Krallenbewegungen ganz offen
sichtlich lenkte!
Mike blinzelte. Der Hai kam mit seinem ungewöhnli
chen Reiter näher, glitt kaum auf Armeslänge an ihm
vorbei und war dann verschwunden. Mühsam stemmte
sich Mike in die Höhe, drehte sich herum und versuch
te, ihm mit Blicken zu folgen, aber das Tier hatte den
Bereich greller Helligkeit, den die Scheinwerfer der NAUTILUS in die ewige Nacht hier unten warfen, bereits verlassen. Natürlich war das, was er gesehen hatte, vollkommen unmöglich. Astaroth war tot. Er war vor seinen Augen gestorben! Und selbst, wenn nicht, dann würde er wohl kaum in mehr als dreitausend Metern Wassertiefe rittlings auf einem Hai herankommen. Seine überreizten Nerven, seine Furcht und der Schmerz um den Verlust des Katers hatten ihm einen Streich gespielt, das war alles. Mühsam drehte er sich herum, schleppte sich zum Schiff zurück und versuchte zum dritten Mal, nach dem Lukenrand zu greifen. Es gelang ihm, aber seine Kraft reichte nicht mehr aus, sich selbst und das Gewicht der Ausrüstung nach oben zu ziehen. Plötzlich berührte ihn etwas an der Schulter. Mike senkte den Blick. Sein Herz machte einen erschrockenen Sprung, als er sah, dass sich ihm zwei Haifische von rechts und links gleichzeitig genähert hatten. Ihre stumpfen Schnauzen glitten über seinen Anzug; sicherlich aus keinem anderen Grund als dem, eine passende Stelle zu suchen, um zuzubeißen - und dann hoben die Tiere ihn vollkommen mühelos in die Höhe, bugsierten ihn auf die Luke zu und versetzten ihm einen Stoß, der ihn kopfüber in das Innere des Schiffes beförderte! Mike überschlug sich, prallte gegen eine Wand und schlitterte haltlos die schräge Ebene hinab, die einmal die Seitenwand des Korridors gewesen war. Scharfkantige Trümmerstücke kratzten über seinen Anzug, beschädigten ihn aber wie durch ein Wunder nicht. Und dann bremste irgendetwas sehr unsanft seinen Sturz. Mit klopfendem Herzen richtete Mike sich auf und sah sich um. Ringsum herrschte vollkommene Dunkelheit. Der Einstieg lag vier oder fünf Meter über ihm - ein vom Licht der Scheinwerfer hell erleuchtetes Rechteck, von dem
jedoch nicht genug Helligkeit ausging, um sich auch hier drinnen zu orientieren. Immerhin sah er jedoch, dass er nicht allein war. Vier oder fünf kleinere Haifische waren mit ihm hereingeschwommen und umkreisten ihn, neugierig oder auch lauernd - das vermochte er nicht zu sagen. Es spielte auch keine Rolle.DieseTiere waren keine Gefahr. Mike richtete sich weiter auf, suchte mit weit ausgebreiteten Armen nach Halt und tastete über die Wände. Wo waren Singh und Argos? Das abgebrochene Heck des Schiffes war nicht besonders lang. Acht, vielleicht zehn Meter, so dass von dem Korridor, der einmal der Mittelgang des Schiffes gewesen sein musste, nur drei oder vier Türen abgingen. Die erste, an der er rüttelte, war verschlossen, während sich die zweite so plötzlich bewegte, dass Mike mit einer erschrockenen Bewegung zurückprallte. Er hatte nicht vergessen, was ihm bei seinem ersten Besuch im Schiffswrack um ein Haar zugestoßen wäre. Dann jedoch sah er einen schwachen Lichtschimmer durch den Spalt einer anderen Tür fallen. Mühsam auf Händen und Knien kriechend, um auf der Schräge nicht wieder das Gleichgewicht zu verlieren und das ganze Stück zurückzurutschen, das er sich gerade erst so mühsam hinaufgekämpft hatte, bewegte er sich darauf zu, öffnete mit einiger Anstrengung die Tür und warf einen Blick in den dahinter liegenden Raum. Nur ein kurzes Stück hinter der Tür lagen zwei reglose Gestalten in Taucheranzügen. Mike kroch hastig durch die Tür und sprang die zwei Meter zum Boden hinab. So schnell er konnte, bewegte er sich auf die erste Gestalt zu, drehte sie mit einiger Mühe auf den Rücken und sah durch die Sichtscheibe des Helmes. Es war Argos. Der Atlanter hatte das Bewusstsein verloren. Die Innenseite der Scheibe war beschlagen -ein deutliches