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Bewegungen wirkten noch ein bisschen benommen, aber als Mike ihm ins Gesicht sah, da waren seine Augen klar und sein Blick fest. »Wie kommst du hierher?«, fragte Singh. Bevor Mike antworten konnte, fuhr er kopfschüttelnd fort: »Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen. Ich dachte, alles wäre aus. Ganz plötzlich waren die Haifische da, unvorstellbar viele.« »Ich weiß«, antwortete Mike. »Aber wo sind sie alle hergekommen? Und was wollten sie?« Mike zuckte nur mit den Schultern, drehte sich aber halb herum und warf einen bezeichnenden Blick auf Argos. Auch der Atlanter hatte sich mittlerweile zu bewegen begonnen, schien aber weitaus größere Schwierigkeiten zu haben als Singh, wieder zu klarem Bewusstsein zurückzufinden. »Sind sie fort?«, fuhr Singh fort. Mike sah ihn an. »Die Haie?« Singh nickte. Um nicht auf seine Frage antworten zu müssen, stellte Mike eine eigene: »Habt ihr die Männer gefunden?« »Drei von ihnen«, bestätigte Singh. »Für die anderen besteht wohl keine Hoffnung mehr. Sie müssen aus dem Schiff geschleudert worden sein, als es in Stücke gebrochen ist. Es ist zwecklos, nach ihnen zu suchen.« »Wo sindsie?« Singh deutete zur Tür, die sich jetzt über ihren Köpfen befand. »Im Raum gegenüber. Wir werden Werkzeuge und Tragen brauchen, um sie aus dem Schiff zu befreien. Sie sind zu schwer, um sie ohne diese Hilfe zur NAUTILUS zu schaffen.«
»Wir haben das Schiff näher herangebracht«, antwortete Mike. »Es sind nur noch fünfzehn Meter. Ruh dich erst einmal aus und versuche, wieder zu Kräften zu kommen.« Er zögerte einen Moment, in dem er sich zu Argos herumdrehte und ihm einen finsteren Blick zuwarf, dann fügte er etwas leiser hinzu: »Danach werde ich dir das eine oder andere über unseren Freund Argos erzählen.« Singh blickte ihn fragend an, aber Mike ging nicht weiter darauf ein, sondern drehte sich nun vollends zu Argos herum und ging vor ihm in die Hocke, so dass er durch seinen Helm sehen konnte, Argos' Gesicht war noch immer so unnatürlich blass und ausgezehrt wie zuvor. Er atmete schnell und stoßweise und Mike konnte sehen, dass an seinem Hals eine Ader pochte. Der frische Sauerstoff hatte ihn aus der Bewusstlosigkeit geweckt, doch es war deutlich zu erkennen, dass er am Ende seiner Kräfte war. Als er Mikes Blick spürte, hob er den Kopf und sah ihn ein oder zwei Sekunden lang wortlos an. Dann sagte er ganz leise: »Das wird nicht nötig sein.«Irgendetwasgeschah. Mike konnte fast körperlich spüren, wie sich in seiner Umgebung etwas Unsichtbares, aber sehr Starkes bewegte ... Nein: nicht bewegte.
Verschwand.
Und kaum eine Sekunde später sog Singh erschrocken die Luft zwischen den Zähnen ein und stieß einen kleinen, überraschten Laut aus. Eine weitere Sekunde darauf sprang er trotz des schweren Taucheranzuges mit einer kraftvollen Bewegung in die Höhe und trat drohend auf Argos zu. »Das haben Sie getan?!«, fuhr er den Atlanter an. Argos hob nun wieder den Kopf. »Es tut mir sehr Leid«, sagte er. »Es musste sein. Mir ist klar, dass Sie mir nicht glauben werden, aber ich sage die Wahrheit: Ich hatte keine andere Wahl.« »Oh, so einfach ist das?«, fauchte Singh. Seine Stimme zitterte. Trotz des Unterwasseranzuges konnte Mike sehen, unter welcher Spannung der Inder plötzlich stand. Er konnte sich nicht erinnern, ihn jemals so wütend erlebt zu haben. »Sie haben uns alle in Lebensgefahr gebracht!« sagte er zornig. »Und nicht nur das. Sie haben -«
»Jetzt nicht, Singh«, sagte Mike. Zum allerersten Mal, seit er den Sikh kannte, war Singh ganz dicht davor, die Beherrschung zu verlieren und etwas zu tun, was er vielleicht später bereuen würde, das spürte Mike ganz genau. Aber noch vor wenigen Stunden war es ihm ja ganz genauso ergangen. »Was ist mit den anderen?«, fragte er in scharfem Ton, an Argos gewandt. »Sie sind frei«, erwiderte der Atlanter. »Alle?«, vergewisserte sich Mike. Argos nickte. Seine Schultern sanken erschöpft nach vorne und er schloss für einen Moment die Augen. »Meine Kräfte hätten sowieso nicht mehr gereicht, sie lange zu beherrschen«, sagte er. »Es ist sehr mühsam, den freien Willen eines Menschen zu unterdrücken.« »Und für wie lange?«, fauchte Singh. »Wollen Sie sich nur ein wenig ausruhen, um uns dann erneut zu ...Marionettenzu machen?« Argos schüttelte langsam den Kopf. »Ich habe erreicht, was ich wollte«, antwortete er im Flüsterton. »Ich hoffe, ihr könnt verstehen, warum ich so handeln musste. Aber wenn nicht, dann bin ich bereit, die Konsequenzen zu tragen.« Mike sagte nichts dazu, aber Singh nickte grimmig. »Das werden Sie«, sagte er. »Das hat Zeit bis später«, sagte Mike rasch. »Jetzt haben wir ein ganz anderes Problem. Wir müssen zurück zur NAUTILUS. Und draußen wimmelt es immer noch von Haifischen!« Singh sah erschrocken hoch, aber Argos wirkte nicht im mindesten überrascht; eine Reaktion, die den geheimen Verdacht, den Mike schon eine geraume Weile hegte, noch weiter schürte.
»Haie?«, wiederholte Singh ungläubig. »Aber ich dachte, sie wären fort.« »Ich fürchte, nein«, erwiderte Mike. »Aber wie ...?«, Singh machte eine unsichere Handbewegung, »... wie bist du denn hierher gekommen?«
»Sie haben mir nichts getan«, antwortete Mike achselzuckend. Den Zusatzganz im Gegenteilschluckte er im letzten Moment herunter. »Sie haben dir nichts getan?«, vergewisserte sich Singh ungläubig. »Aber sie ... sie haben sich wie wild gebärdet. Sie sind auf uns losgegangen wie -« »Bist du da sicher?«, unterbrach ihn Mike. »Ich meine: Bist du sicher, dass sie aufeuchlosgegangen sind?« Singh sah ihn nur verständnislos an, aber Mike drehte sich wieder zu Argos herum und fuhr an den Atlanter gewandt fort: »Oder sind sie vielleicht nur aufSielosgegangen, Argos?« Argos sagte nichts dazu. »So war es doch, nicht wahr?«, fuhr Mike nach einer Sekunde fort. »Diese Haie sind nur Ihretwegen hier, habe ich Recht? Sie waren die ganze Zeit nurIhretwegenin unserer Nähe.« »Ja«, antwortete Argos. »Das heißt, Sie haben die ganze Zeit übergewusst,was passieren würde?«, empörte sich Singh. »Und Sie haben uns nicht gewarnt?«Schlimmer noch,dachte Mike.Er hat uns ganz bewusst in diese Falle hineintappen lassen.Laut sagte er: »Was wollen diese Biester von Ihnen?« Er hatte nicht damit gerechnet, aber er bekam eine Antwort: »Mich«, sagte der Atlanter müde. »Sie wollen nur mich. Und meine Kameraden. Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Ihr seid nicht in Gefahr.« »Nicht in Gefahr?«, keuchte Mike. Er musste daran denken, wie knapp die NAUTILUS und ihre gesamte Besatzung der vollkommenen Vernichtung entgangen war. »Sie hätten uns warnen müssen!«, fuhr er aufgebracht fort. »Um ein Haar wäre Singh ums Leben gekommen! Hätten wir gewusst, was uns erwartet, so hätten wir vielleicht die richtigen Vorbereitungen treffen können!« »Ich sagte bereits mehrmals: Ich dachte, wir hätten sie
abgeschüttelt«, antwortete Argos, eine Spur schärfer als bisher, trotzdem aber immer noch in müdem, resignierendem Ton. Er seufzte. »Ich habe mich wohl geirrt.« Singh antwortete nicht, aber in seinem Gesicht arbeitete es und Mike spürte, dass die Situation zu eskalieren drohte. Auch Singh war ein äußerst stolzer Mann. Als Angehöriger der indischen Kriegerkaste hätte er sich niemals dem Willen eines anderen gebeugt, es sei denn, aus freien Stücken. Schon die Vorstellung, dass Argos ihn während der letzten beiden Tage -und vielleicht schon viel länger! -manipuliert hatte wie eine Marionette, an deren Fäden er zog, musste ihn fast in den Wahnsinn treiben. »Versuchen wir, einen Weg zurück zur NAUTILUS zu finden«, schlug Mike fast hastig vor. Singh brauchte eine Aufgabe, die ihn von seinem Zorn auf Argos ablenkte. »Das dürfte gar nicht so leicht werden. Die Haie werden uns nichts tun, aber ich weiß nicht, wie wir Argos auf das Schiff bekommen sollen.« »Geht ruhig«, antwortete Argos. »Du hast Recht: Sie werden euch nichts tun, sie wollen nur mich. Wenn ihr mich hier zurücklasst, werden sie euch unbehelligt ziehen lassen.« »Kommt überhaupt nicht in Frage«, antwortete Mike.
»So leicht kommen Sie uns nicht davon. Und außerdem wäre dann alles umsonst gewesen, nicht wahr?« »Er hat Recht«, sagte Singh. Als Mike antworten wollte,
hob er rasch die Hand und fuhr fort: »Ich meine nicht damit, dass wir ihn im Stich lassen sollen. Das würde
seinen sicheren Tod bedeuten. Aber wenn es wirklich so ist, wie du sagst, und die Haifische uns nichts tun, dann können wir zur NAUTILUS zurückgehen und versuchen, dort eine Lösung zu finden.« »Der
Sauerstoff in seiner Flasche reicht nicht ewig«, gab Mike zu bedenken. »Eine Stunde ist eine lange Zeit«, erwiderte Singh.
»Wir erreichen nichts, wenn wir alle drei hier herumsitzen und warten, bis uns die Luft ausgeht.« Mike musste sich diesem Argument wohl oder übel beugen. »Also gut«, sagte er schweren Herzens. »Gehenwirzurück. Vielleicht haben Trautman und die anderen ja eine Idee.«
Es war gespenstisch. Die Haifische waren immer noch da und es kam Mike vor, als wären es noch mehr geworden. Die Tiere umkreisten Singh und ihn in dichten, nervösen Schwärmen und wie auf dem Hinweg wurde er ein paarmal angestoßen und gerempelt. Obwohl er sich verzweifelt einzureden versuchte, dass sie nicht in Gefahr waren, hatte Mike Angst wie niemals zuvor in seinem Leben. Und der Rückweg zur NAU-TILUS, der nicht einmal fünf Minuten in Anspruch nahm, schien zu der gleichen Anzahl von Stunden zu werden. Kaum hatten sie die Schleusentür geschlossen und das Wasser herausgepumpt, da wurde Mike von einem sehr wütenden Trautman in Empfang genommen, der zwar sehr erleichtert wirkte, aber geschlagene fünf Minuten damit verbrachte, Mike mit Vorhaltungen zu überhäufen und ihm in den düstersten Farben auszumalen, was ihm alles hätte passieren können. Mike sagte kein Wort dazu. Trautman hatte ja Recht und davon ganz abgesehen kannte er ihn gut genug, um zu wissen, dass es im Moment das Klügste war, ihn einfach reden zu lassen und nicht zu widersprechen. Schließlich war Trautman mit seiner Gardinenpredigt zu Ende und sie gingen zurück in den Salon, wo die anderen bereits auf sie warteten. Ein einziger Blick in ihre Gesichter machte Mike klar, dass Argos Wort gehalten hatte: sie alle wirkten erleichtert, ihn und Singh zu sehen, aber sie sahen zugleich auch zutiefst verstört und beunruhigt aus und offensichtlich kostete es jeden auf seine Weise große Kraft, mit dem Gedanken fertig
zu werden, in den vergangenen Tagen nicht mehr Herr seines Willens gewesen zu sein. Er musste niemandem erklären, was geschehen war; so wie auch er selbst vor einigen Stunden, schienen die anderen im selben Moment, in dem Argos' Bann von ihnen abfiel, begriffen zu haben, was der Atlanter getan hatte. Nur Serena sah nicht zornig drein, sondern nur ein bisschen irritiert und immer noch ängstlich. »Und was sollen wir jetzt tun?«, fragte sie, als Mike mit knappen Worten berichtet hatte, wie es ihm ergangen war und wie es außerhalb der NAUTILUS aussah. »Wir müssen diese Ungeheuer vertreiben.« »Das ist völlig ausgeschlossen«, erwiderte Trautman. »Und es ist genauso ausgeschlossen, Argos hierher zu holen«, fügte Mike kopfschüttelnd hinzu. »Auch Singh und ich hätten es kaum zurück zur NAUTILUS geschafft - und dabei haben sie uns nicht einmal angegriffen.« »Wollt ihr ihn etwa seinem Schicksal überlassen?«, fragte Serena aufgebracht. »Ich hätte nicht übel Lust dazu«, grollte Ben. »Der Kerl hätte uns um ein Haar alle umgebracht.« Direkt an Serena gewandt und in spöttischem Ton fügte er noch hinzu: »Dich eingeschlossen, Prinzesschen.« Serena wollte auffahren, aber Trautman erstickte den beginnenden Streit mit einer energischen Handbewegung im Keim. »Genug!«, sagte er. »Ihr habt beide Recht. Wir können ihn nicht zurücklassen, aber er kann auch nicht hierher kommen. Die Haie würden ihn in Stücke reißen.« »Und wenn wir wirklich eine Art Tunnel bauen?«, schlug Juan vor. »Wir haben genug Material an Bord. Nur so etwas wie ein Gitter, ich habe so etwas schon einmal gesehen. Manche Taucher benutzen große Metallkäfige, um sich vor Haien oder anderen Raubfischen zu schützen.« »Vor normalen Haien vielleicht«, antwortete Singh.
»Glaub mir, Juan: Diese Biester dort draußen würden selbst die dicksten Eisenstangen einfach durchbeißen.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Auch ich möchte ihn nicht seinem Schicksal überlassen, ganz gleich, wie wütend ich auch bin. Aber ich sehe keinen anderen Ausweg. Solange er im Schiffswrack ist, ist er in Sicherheit, aber sobald er es verlässt, kriegen sie ihn.« Niemand antwortete, Serena sah schlichtweg entsetzt drein und auch auf den Gesichtern der anderen begann sich ein betroffener Ausdruck breit zu machen. Einzig Trautman wirkte plötzlich sehr nachdenklich und dann sagte er: »Vielleicht ist das die Lösung.« »Was?«, fragte Mike. Auch Singh und die anderen blickten verständnislos drein. »Es ist vielleicht eine verrückte Idee«, murmelte Trautman, aber ... wenn er nicht aus dem Wrack herauskann, dann müssen wir es eben zu uns holen!«
Mike legte den Schweißbrenner aus der Hand und griff mit beiden Händen zu und rüttelte mit aller Kraft an der großen Metallöse, die er im Verlauf der letzten zwanzig Minuten am Rumpf des Wracksfestgeschweißt hatte. Es war eine von fast einem Dutzend gleichartiger Ösen, die sie an ebenso vielen, genau berechneten Punkten am abgebrochenen Teilstück des Schiffes angebracht hatten -ein Unterfangen, das sich als schwieriger erwies, als sie es sich vorgestellt hatten, denn der weitaus größte Teil des Wracks bestand nicht mehr aus Metall. Vielmehr hatte der unheimliche Effekt, der jedes Leben an Bord des Schiffes zum Erlöschen gebracht hatte, auch vor seinem Rumpf nicht Halt gemacht und ihn in eine steinähnliche Substanz verwandelt, der selbst mit einem Schweißbrenner schwer beizukom
men war. Sein Funkgerät knisterte und Trautmans Stimme fragte: »Wie weit bist du?«
»Fertig«, antwortete Mike. »Gut«, sagte Trautman, »dann komm zurück an Bord. Singh und ich erledigen den Rest.« Mike ließ sich kein zweites Mal dazu auffordern. Hastig ergriff er den Schweißbrenner, hängte sich das Gerät über die Schulter und stapfte durch den aufwirbelnden Sand zur NAUTILUS zurück. Auf halbem Wege kam ihm Chris entgegen, der unter dem Gewicht einer zusätzlichen Sauerstoffflasche schwankte. Es war das dritte Mal, dass einer von ihnen den Weg von der NAUTILUS zum Wrack hin mit dieser Last machte. Argos' Atemluft reichte immer für eine gute Stunde, aber wenn sie erst einmal damit begannen, ihren Plan in die Tat umzusetzen, würden sie keine Gelegenheit mehr haben, ihm eine weitere Reserveflasche zu bringen. Mike winkte dem jüngsten Besatzungsmitglied der NAUTI-LUS flüchtig zu und warf einen unsicheren Blick in die Runde; wohin er auch sah, grinsten ihn gefährliche Haifischgebisse an, doch keines der Tiere hatte ihn oder einen seiner Freunde angegriffen, und er beeilte sich, das restliche Stück des Weges noch schneller zurückzulegen. Trautman und Singh traten aus der Schleuse, als Mike näher kam. Trautman gab ihm noch einige knappe Anweisungen, dann betrat er das Schiff, schloss das äußere Schott und wartete ungeduldig darauf, dass die Schleuse leer lief. Erleichtert öffnete er die innere Tür, legte das Schweißgerät zu Boden und begann sich mit fahrigen Bewegungen aus dem Taucheranzug zu schälen. Erst jetzt, als er wieder im behaglich warmen Inneren der NAUTILUS war, spürte er richtig, wie kalt das Wasser draußen gewesen war. Er war durchgefroren bis auf die Knochen und er glaubte jeden einzelnen Handgriff zu spüren, den er in den letzten beiden Stunden ge
tan hatte. Mike betrat den Salon, stellte mit einem raschen Blick fest, dass er leer war, und trat müde ans Fenster. Im Licht der starken Scheinwerfer konnte er Trautman und Singh erkennen, die zur Größe von Ameisen geschrumpft zu sein schienen. Sie hatten das Wrack erreicht und begannen eine Anzahl gewaltiger Stahltrossen in den Ösen zu befestigen, die Mike und die anderen am Schiff festgeschweißt hatten. Die Haifische umkreisten sie dabei neugierig und aufgeregt und obwohl Mike wusste, wie lächerlich dieser Gedanke war, kam es ihm trotzdem so vor, als ob die Tiere genau beobachteten, was sie da taten -und als ob sie es genau
wüssten.
Mike rief sich in Gedanken zur Ordnung. Das sonderbare Verhalten der Haie war unheimlich genug, auch ohne dass er anfing, ihnen eine Intelligenz zuzuschreiben, die sie nicht besaßen. Er hörte Schritte und erkannte an ihrem Klang, dass es Serena war, die den Salon betreten hatte. Mike drehte sich nicht zu ihr herum, aber nach einigen Sekunden erkannte er das verzerrte Spiegelbild ihrer Gestalt in der Scheibe vor sich. Es vergingen zwei oder drei Minuten, in denen Serena einfach schweigend neben ihm stand und ins Meer hinausblickte. Dann sagte sie: »Was meinst du? Werden sie es schaffen?« Mike wusste es nicht. Trautmans Plan war so verrückt, dass er sich unter normalen Umständen einfach geweigert hätte, auch nur darüber nachzudenken. »Sie müssen es wohl«, sagte er leise. »Wir können ihn schließlich nicht ewig dort drüben lassen und darauf hoffen, dass die Haie von selbst verschwinden.« Sie sahen Trautman und dem Inder zu. Die Zeit verging nur schleppend langsam. Wie Trautman Mike auf dem Weg zurück zum Schiff gesagt hatte, kehrten die anderen der Reihe nach in die NAUTILUS zurück und gesellten sich zu ihnen. Niemand sprach. Ben, Chris und Juan nahmen neben Mike und Serena vor dem Fenster Aufstellung und beobachteten gebannt, wie Singh und Trautman ihre Arbeit beendeten. Sie kamen weitaus weniger gut voran, als sie alle gehofft hatten; die Arbeit in dieser Wassertiefe war ebenso schwierig wie gefährlich und die Haie behinderten die beiden Männer, obwohl sie sie nicht angriffen. Es musste wohl so sein, wie Argos behauptet hatte: Die Tiere waren nur hier, umihnzu holen. Erstaunlich fand Mike aber, dass sie dabei Rücksicht auf das Leben der anderen nahmen. Eigentlich war das nicht die typische Art, die man von Haien erwartete. Schließlich aber war auch diese Arbeit getan und auch Singh und Trautman kehrten in die NAUTILUS zurück. Es vergingen noch einmal quälende Minuten, bis sie sich ihrer Taucheranzüge entledigt und in den Salon des Schiffes heraufgekommen waren und Trautman trat sofort an das Steuerpult und startete die Motoren. Die anderen gingen zu ihren Plätzen oder suchten sich irgendeinen festen Halt, aber Mike und Serena blieben am Fenster stehen und blickten weiter auf das Schiff hinab. Ganz allmählich löste sich die NAUTILUS vom Meeresgrund. Für einen Moment konnten sie draußen nichts mehr sehen, denn die Bewegung ließ eine gewaltige Sandwolke hochwirbeln, die das Schiff zur Gänze einhüllte, aber Mike fühlte den leichten, mehrfachen Ruck, der durch die NAUTILUS ging, als sich die Kabel strafften. Vor lauter Erregung hielt er den Atem an, bis sie weit genug gestiegen waren, um aus der wirbelnden graubraunen Wolke herauszukommen. Er konnte das Wrack jetzt nicht mehr sehen, denn es hing sicher vertäut an den Kabeln unter dem Schiff, doch eines der Drahtseile führte so dicht am Fenster vorbei, dass er erkennen konnte, dass es straff gespannt war. Offensichtlich hatten die Haken gehalten, die er und die anderen am Rumpf des Schiffswracks angeschweißt hatten. Das war ihre größte Sorge gewesen. Nicht nur der Aufprall auf dem Meeresgrund, sondern viel mehr noch die unheimliche Veränderung, die mit dem Metall vor sich gegangen war, hatten dem Schiff den Großteil seiner Stabilität genommen. Weder Mike noch einer der anderen wäre erstaunt gewesen, wäre es einfach auseinander gebrochen. »Bis jetzt scheint alles zu funktionieren«, murmelte Trautman. Mike drehte sich zu ihm herum. »Wie lange brauchen wir bis zur Oberfläche?« Trautman überlegte einen Moment, sah auf die Armbanduhr und murmelte dann: »Eine Stunde. Vielleicht anderthalb.« »Und wie lange hält sein Sauerstoffvorrat?«, wollte Ben wissen. Mike sah aus den Augenwinkeln, dass Serena zusammenfuhr, und wünschte sich, Ben hätte diese Frage nicht gestellt. Trautman beantwortete sie: »Wenn er alle Flaschen bis zum letzten Atemzug ausnutzt, etwa zwei Stunden. Es wird knapp.« Knapp, dachte Mike, war gar kein Ausdruck. Sie hatten nichts gewonnen, wenn sie die Wasseroberfläche erreichten. Die Haie würden ihnen zweifellos auch dorthin folgen. Die NAUTILUS tauchte nicht gerade, sondern in schrägem Winkel auf, denn Trautman hatte auf einer ihrer Seekarten eine kleine -wie sie alle hofften unbewohnte - Insel entdeckt, die sie bei voller Fahrt in zehn oder fünfzehn Minuten erreichen konnten. Vielleicht fanden sie dort eine geschützte Bucht oder einen Strand, auf den sie das Wrack hinaufziehen konnten, um so vor den Haien in Sicherheit zu sein. Mike wollte eine weitere Frage stellen, doch in diesem Moment hob Ben erschrocken den Arm, deutete auf das Fenster und schrie: »Da! Was ist das?« Mike fuhr wieder zum Fenster herum - und riss ungläubig die Augen auf. Was er sah, konnte nicht sein: Ermusstesich täuschen. Aber wenn es eine Sinnestäuschung war, dann eine, der nicht nur er, sondern auch alle änderen erlagen. Denn nicht nur Ben, Juan und Chris, sondern auch Singh selbst Trautman starrten aus entsetzt aufgerissenen Augen ins Meer hinaus. Die Scheinwerfer der NAUTILUS waren immer noch eingeschaltet, so dass sie das gigantische Geschöpf, das sich dem Schiff näherte, in aller Deutlichkeit erkennen konnten. Es war ein Hai, aber er war ... »Aber das gibt es doch nicht«, flüsterte Ben. »Sagt mir, dass ich mir das nur einbilde! Das ... das Ding ist ... mindestens vierzig Meter lang!« »Ungefähr fünfunddreißig«, korrigierte ihn Trautman. Seine Stimme war ganz leise, ein fast entsetztes, ungläubiges Flüstern. »Ich habe davon gehört. Mikes Vater hat mir von diesen Geschöpfen erzählt, aber ich habe es nicht geglaubt. Ein Tiefseehai!« »Sind sie gefährlich?«, wollte Ben wissen. Trautman lachte hart. »Solange sie nicht angreifen, nicht«, erklärte er. »Aber ich begreife das nicht«, fuhr er nach einigen Sekunden kopfschüttelnd fort. »Sie kommen normalerweise niemals so weit nach oben. Sie leben in Wassertiefen von vier-, fünftausend Metern. Was sucht er hier?« Sie bekamen die Antwort auf diese Frage schneller und deutlicher, als ihnen allen lieb gewesen wäre. Der Hai glitt mit einer majestätisch anmutenden Bewegung, die durch seine enorme Größe sehr viel langsamer aussah, als sie war, an der NAUTILUS vorüber, änderte dann mit einem einzigen Schlag der Schwanzflosse seinen Kurs und schoss schräg nach unten ins Wasser. Nur eine Sekunde später erzitterte die NAUTILUS unter einem gewaltigen Aufprall und das Stahlseil vor dem Fenster spannte sich und begann zu vibrieren wie eine Gitarrensaite. Mit Ausnahme Trautmans schrien alle erschrocken auf und wichen einige Schritte vom Fenster zurück, obwohl dies rein gar nichts genutzt hätte, wäre das Glas geborsten. Die NAUTILUS schwankte so stark, dass Mike hastig die Arme ausstreckte, um sein Gleichgewicht zu halten, und Ben mit einem Schmerzensschrei auf die Knie herabfiel. Nur einen Augenblick später tauchte der Hai wieder im Scheinwerferlicht auf. Seine riesigen, fast kopfgroßen Augen schienen für einen
Moment direkt in die Gesichter der Menschen hinter der Glasscheibe zu starren und Mike glaubte etwas darin zu erkennen, das ihn schaudern ließ. Dann schwenkte das Tier herum und setzte zu einem zweiten, wütenden Angriff an. Diesmal waren sie vorbereitet und fanden alle irgendwo festen Halt, aber die NAUTILUS erzitterte noch heftiger unter dem Anprall und wie zur Antwort lief ein langes, metallisches Stöhnen durch den Schiffsrumpf, das
ihnen allen einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte. »DasWrack!«,schrie Trautman. »Er greift das Wrack an!« Er fuhr herum und rannte zum Steuerpult. Singh und Juan folgten ihm, während Mike und die anderen mit klopfendem Herzen gebannt weiter aus dem Fenster sahen. Der Riesenhai war für einen Moment aus ihrem Blickfeld verschwunden, aber Mike zweifelte nicht daran, dass er nur Kraft für einen neuen Angriff sammelte. Serena klammerte sich angstvoll an ihn. Ihre Finger gruben sich so tief in seinen Arm, dass es weh tat, aber er verbiss sich jeden Laut und griff stattdessen nach ihrer Hand. »Da kommt er wieder!«, schrie Ben. Trautman nickte nervös, bediente hastig ein paar Schalter und schlug dann mit der geballten Faust auf einen weiteren. Die NAUTILUS machte einen regelrechten Satz nach oben und als der riesige, schwarzsilberne Schemen diesmal unter ihnen vorbeischoss, blieb der erwartete Anprall aus. Das Schiff selbst aber antwortete mit einer Reihe klagender wie bedrohlich klingender Geräusche auf diese grobe Behandlung und Mike warf einen besorgten Blick zu Trautman zurück. Sie konnten in diesem Tempo unmöglich weiter steigen, das würde nicht einmal die NAUTILUS aushalten! Und der Hai setzte bereits zu einem weiteren Angriff an. Als er diesmal gegen das Wrack prallte, das unter dem Boden der NAUTILUS hing, schwankte das ganze Schiff hin und her und erbebte unter einem peitschenden Schlag. Eines der Kabel war gerissen. »Nein!«, flüsterte Serena. »Das darf nicht sein! Vater!« »Das schaffen wir nicht«, sagte Trautman. »Singh! Juan! Ihr übernehmt das Ruder! Versucht dem Biest irgendwie auszuweichen! Ben, Mike - ihr kommt mit mir!« Mike und Ben wandten sich gehorsam um und liefen hinter Trautman her, der bereits aus dem Salon stürmte. Auch Serena wollte sich ihnen anschließen, aber Trautman machte eine rasche, befehlende Geste, woraufhin sie zur allgemeinenÜberraschung zurückblieb und wieder ans Fenster trat. »Was haben Sie vor?«, fragte Mike, während sie durch den Gang zur Treppe hin stürmten. »Das weiss ich selbst noch nicht genau«, antwortete Trautman. »Aber wir müssen etwas tun. Noch zwei oder drei solcher Treffer und das ganze Wrack bricht auseinander.« Sie erreichten das Ende der Treppe und erst als Trautman sich nach links wandte, begriff Mike, dass sie auf dem Weg zur Tauchkammer waren. Was um alles in der Welt hatte Trautman vor? Er konnte doch unmöglich ins Wasser hinabsteigen wollen! Sie erreichten die Schleuse. Trautman schleuderte noch im Laufen seine Schuhe von sich, riss einen der schweren Taucheranzüge vom Haken und befahl Ben und Mike, ihm beim Anziehen behilflich zu sein. Als Mike ihm eine der Sauerstoffflaschen reichen wollte, schüttelte er den Kopf. »Die brauche ich nicht«, sagte er.
»Aber die Luft im Anzug reicht höchstens für drei oder vier Minuten«, protestierte Ben, doch Trautman schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab. »Mehr Zeit werde ich nicht brauchen«, erwiderte er. Während er nach dem schweren Helm griff, wandte er sich an Mike und fragte: »Glaubst du, dass Argos noch unsere Gedanken liest?« Mike zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht«, antwortete er. »Dann bete, dass er es tut«, sagte Trautman düster. »Denn sonst ist er in ein paar Minuten tot.« Er stülpte den Helm über, verriegelte die Verschlüsse und riss mit einer ungeduldigen Bewegung die innere Tür der Schleusenkammer auf. Ohne weitere Erklärung trat er hinein, zog die Tür hinter sich zu und betätigte den Schalter, der den Raum flutete. »Aber was hat er denn vor?«, fragte Ben kopfschüttelnd. Mike konnte nur erneut mit den Schultern zucken. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was Trautman vorhatte. In diesem Moment erzitterte die NAUTILUS unter einem weiteren, krachenden Schlag. Der Tiefseehai setzte seine Angriffe beharrlich fort. Bei der enormen Größe des Tieres, das sie durch das Fenster gesehen hatten, wunderte es Mike beinahe, dass das Wrack an seinen Stahlseilen nicht schon längst auseinandergebrochen war. Aber mehr als zwei oder drei weiterer solcher Treffer würde es bestimmt nicht aushalten. Ben und er pressten die Gesichter gegen die dicke Glasscheibe, durch die sie ins Innere der Schleusenkammer blicken konnten. Das Wasser hatte bereits die Decke erreicht und Trautman betätigte den Schalter, der die äußere Tür öffnete. Sie war noch nicht einmal halb auf, da schoss der erste Hai herein: ein armlanges Geschöpf, das sich sofort wütend in Trautmans Anzug verbiss und daran zerrte, bis Trautman ihm einen Faustschlag auf die Nase versetzte, woraufhin es sich benommen zurückzog. Aber schon drängte ein weiterer Hai herein und dann ein dritter und vierter - und dann riss Ben erstaunt die Augen auf und ließ einen kleinen, überraschten Schrei hören. Eingezwängt in einen lebenden Mantel aus schlanken, silbergrauen Körpern, die sich an zahllosen Stellen in seinen Anzug verbissen hatten, zog sich Argos in die Schleusenkammer. Ein besonders großer Hai hatte sich in seinem rechten Bein verbissen und zerrte und riss mit aller Kraft daran, so dass es Argos nicht gelang, sich ganz in das Schiff hineinzuziehen. Selbst auch dann nicht, als Trautman zugriff und ihm zu helfen versuchte. Schließlich drehte sich Trautman halb herum, hielt sich mit beiden Händen an den Türkanten fest und versetzte dem Hai zwei, drei wuchtige Tritte gegen die Schnauze, bis er endlich losließ. Doch die Gefahr war noch nicht vorüber. Schon schossen weitere Haie heran. Und hinter dem Gewirr aus lebenden Körpern glaubte Mike einen kolossalen Schatten zu erkennen, der sich rasend schnell näherte. Es ging buchstäblich um Sekundenbruchteile. Die Haifische ließen plötzlich von Argos und Trautman ab und stoben in alle Richtungen auseinander. Hinter ihnen klaffte ein Maul auf, in dem ein erwachsener Mann bequem hätte liegen können, und jagte auf das Schiff zu. Trautman warf sich mit einer verzweifelten Bewegung zurück und zerrte Argos dabei mit sich und dann prallte der Riesenhai mit Urgewalt gegen die Flanke der NAUTILUS. Diesmal war es, als ob das Schiff vor Schmerz aufschrie. Ein helles, metallisches Kreischen dröhnte in Mikes Ohren und die Erschütterung war so stark, dass Ben und er an die gegenüberliegende Wand geschleudert wurden und zu Boden fielen. In der fingerdicken Scheibe, die in der Tür zur Schleusenkammer eingelassen war, erschien ein gezackter Riss und dem ersten, gellenden Kreischen des Schiffsrumpfes folgte ein langanhaltendes, mahlendes Stöhnen und Knacken.
Die NAUTILUS zitterte immer noch so stark, dass es Mike kaum gelang, sich in die Höhe zu stemmen und wieder zur Tür zu taumeln. Als er durch das Fenster sah, erblickte er ein wahres Wunder: Der Anprall des Riesenhais hatte weder Trautman noch Argos das Leben gekostet, sondern es ihnen im Gegenteil vermutlich gerettet, denn die Erschütterung schien sie beide in die Schleuse hineingeschleudert zu haben. Argos lag am Boden und regte sich nicht mehr. Aus dem aufgerissenen Bein seines Taucheranzuges sprudelte ein dünner, aber beständiger Strom von Luftblasen in die Höhe, während sich Trautman auf Hände und Knie erhoben hatte und mit unsicheren Bewegungen nach dem Schalter tastete,der die Tür schloss. Auf der anderen Seite der Öffnung war eine sich bewegende Wand aus grauer, schimmernder Haut zu sehen und plötzlich starrte ein riesiges schwarzes Auge zu ihnen herein. Doch dann hatte Trautman endlich den Schalter erreicht, legte ihn um und die Türe begann sich zu schließen. Endlich war die Schleuse wieder mit Luft gefüllt und er konnte die Tür öffnen. Trautman taumelte ihm entgegen, fiel auf die Knie und riss sich den Helm vom Kopf. Er tat einen tiefen, keuchenden Atemzug. Seine Hände zitterten und sein Herz schlug so heftig, dass sie die Adern an seinem Hals pochen sehen konnten. Doch als sich Mike und Ben um ihn kümmern wollten, schüttelte er den Kopf und deutete hinter sich. »Argos«, sagte er atemlos. »Kümmert euch um ihn. Ich weiss nicht, ob er noch lebt.« Ben machte ein trotziges Gesicht, aber dann traf ihn ein strenger Blick Trautmans und er stand auf und trat neben Mike in die enge Schleusenkammer. Zu zweit ergriffen sie Argos unter den Achseln und zerrten ihn aus der Schleuse; eine Aufgabe, die fast ihre Kraft überstieg, denn der Atlanter trug gleich zwei der schweren Sauerstoffflaschen auf dem Rücken und ohne den hilfreichen Auftrieb des Wassers spürten sie deren Gewicht doppelt. Mühsam brachten sie ihn nach draußen, legten ihn auf den Rücken und Mike ließ sich neben ihm auf die Knie sinken und öffnete seinen Helm. Argos war bei Bewusstsein, schien aber benommen. Als Mike ihn ansprach, reagierte er nicht, sondern stöhnte nur leise. »Sein Bein sieht nicht gut aus«, sagte Ben. Mike vermied es, sich Argos' Bein anzusehen. Er konnte sich vorstellen, welchen Anblick es bot. Bei der Größe des Haies, der sich darin verbissen hatte, war es ein kleines Wunder, dass er Argos das Bein nicht glattweg abgebissen hatte. Wenigstens, dachte er, weiß ich jetzt, warum Trautman gerade gefragt hatte, ob Argos noch ihre Gedanken las ... »Er muss aus dem Anzug heraus«, sagte Trautman. Er selbst hatte sich bereits aufgerichtet und damit begonnen, sich aus dem schweren Kleidungsstück zu schälen. Mit Bens und Mikes Hilfe gelang es ihm binnen weniger Augenblicke, aus dem Taucheranzug herauszukommen, dann machten sie sich gemeinsam daran, auch Argos aus seiner Unterwasserausrüstung zu befreien. Der Atlanter begann laut zu stöhnen, als sie ihn aus dem Anzug zerrten. Die Wunden an seinem Bein waren weit weniger schlimm, als Mike befürchtet hatte, bluteten aber heftig und taten sicherlich höllisch weh, doch als Ben sich bücken wollte, schüttelte Trautman abermals den Kopf. »Dazu ist keine Zeit«, sagte er. »Wir bringen ihn in den
Salon. Rasch. Serena kann sich um ihn kümmern. Wir müssen hier weg, bevor dieses Vieh anfängt, die NAU-TILUS anzugreifen.« Er ergriff Argos an den Beinen und hob ihn hoch, während Mike und Ben sich jeweils einen Arm des Atlanters über die Schultern hängten. Argos stöhnte und wimmerte ununterbrochen, denn die Behandlung fügte ihm sicherlich gewaltige Schmerzen zu, aber da
rauf konnten sie keine Rücksicht nehmen.
So schnell es mit ihrer schweren Last möglich war, eilten sie die Treppe hinauf und zum Salon. Bevor sie ihn erreichten, kam ihnen Serena entgegen. Sie schrie erschrocken auf, als sie ihren Vater wie tot zwischen Mike und Ben erblickte und Mike hob rasch die freie Hand und sagte: »Keine Sorge. Er lebt.« Sie trugen Argos in den Salon, legten ihn behutsam auf den Boden und Trautman eilte wieder zum Steuerpult, während sich Ben und Mike voller banger Erwartung dem Fenster zuwandten. Ihre schlimmsten Befürchtungen schienen einzutreten. Der Tiefseehai war wieder da. Er schwamm in zehn oder fünfzehn Metern Entfernung neben der NAUTILUS, im selben Tempo wie sie und umgeben von Hunderten seiner kleineren Artgenossen, die neben dem grauen Koloss wie Heringe wirkten. Noch hatte er keinen Versuch gemacht, die NAU-TILUS anzugreifen, aber Mike glaubte regelrecht zu spüren, was in dem Giganten der Tiefsee vorging: Es war seine Aufgabe, den Atlanter zu holen; wohin und in wessen Auftrag auch immer. Und er würde nicht ruhen, bis er diese Aufgabe erfüllt hatte. »Macht euch keine Sorgen«, sagte Trautman vom Steuerpult aus, als hätte er seine Gedanken gelesen. »Hier drinnen sind wir sicher. Nicht einmal dieser Bursche kann uns ...« Er brach mitten im Wort ab und seine Augen wurden groß, während er an Mike vorbei zum Fenster starrte und sein Gesicht -ohnehin schon sehr bleich -verlor noch mehr Farbe. Als Mike sich ebenfalls zum Fenster umwandte, schien ihm schier das Blut in den Adern zu gerinnen: Der Tiefseehai war immer noch da. Und er war nicht mehr allein. Im Licht der starken Scheinwerfer konnten sie einen zweiten, eine Sekunde später einen dritten und dann sogar einen vierten kolossalen Fisch erkennen, die sich alle der NAUTILUS langsam näherten. »Oh«, sagte Ben halblaut. »Jetzt wird es eng.«
»Großer Gott!«, murmelte Trautman. »Aber das ... das ist doch ... unmöglich!« Langsam näherte sich einer der Riesenhaie dem Schiff. Er schwamm genau auf das Fenster zu, bis er direkt zu ihnen hereinstarren konnte. In seinem Blick war etwas Hypnotisierendes, fast Lähmendes. Alle anderen waren erschrocken vom Fenster zurückgewichen, als der Riesenfisch näher kam, aber Mike konnte sich nicht rühren. »Wenn sie uns angreifen, ist es aus«, flüsterte Ben. »Das hält nicht einmal die NAUTILUS aus.« Damit hat er zweifellos Recht, dachte Mike. Aber es war seltsam - aus irgendeinem Grund hatte er überhaupt keine Angst. Es war, als ... alswüssteer, dass von diesen Riesenhaien keine Gefahr drohte. Wenn es so war, dann täuschte er sich. Der Hai verschwand und nur eine Sekunde später bebte die NAUTILUS unter einem fürchterlichen Anprall. Das Schiff dröhnte wie eine Glocke. Das Klirren vonzerbrechendem Glas mischte sich in das Ächzen und Mahlen von überanspruchtem Metall und die Schreie der Besatzungsmitglieder und alle im Salon wurden von den Füßen gerissen. Auf Trautmans Kontrollpult begann eine ganze Batterie roter Warnlampen zu flackern und Mike glaubte für einen Moment, schon wieder das furchtbare Geräusch von Wasser zu hören, das ins Schiff drang, war aber nicht sicher. Mühsam stemmte er sich auf Hände und Knie hoch und hob den Blick zum Fenster. Der Hai, der die NAUTILUS gerammt hatte, trieb benommen neben ihnen durch das Wasser. Er blutete aus einer großen Wunde am Kopf, aber das schien ihn nicht sonderlich zu beeindrucken, denn er setzte bereits wieder zu einem neuen Angriff an. »Nein!«, flüsterte Trautman. »Um Gottes willen! Noch einen Anprall halten wir nicht aus!« Mike reagierte ganz instinktiv. Er sprang auf die Füße,
rannte zum Fenster und warf sich gegen das dicke Panzerglas.»Astaroth!«,schrie er.»Sie sollen aufhören! Sie bringen uns um!«
Und das Wunder geschah: Der zweite Hai, der wie ein gigantischer lebender Torpedo heranschoss, warf sich im buchstäblich allerletzten Moment herum und verfehlte die NAUTILUS so knapp, dass seine dreieckige, segelbootgroße Rückenflosse mit einem hörbaren Geräusch unter dem Rumpf entlangschrammte. Aber der furchtbare Anprall, der das Schiff vermutlich in Stücke geschlagen hätte, blieb aus. Für einen Moment wurde es sehr still im Salon. Im allerersten Moment fiel es Mike gar nicht auf, dann aber spürte er die Stille. Und er fühlte die Blicke der anderen auf sich, noch ehe er sich herumdrehte und in die Gesichter Serenas, Trautmans, Singhs, Bens, Juans und Chris' blickte, die ihn allesamt fassungslos anstarrten. »Was hast du gesagt?«, murmelte Ben. »Astaroth?« »Aber er ist doch tot«, sagte Chris. »Nein«, antwortete Mike. »Das ist er nicht.« »Aber wie ...« Trautman schüttelte den Kopf. »Wir alle haben doch gesehen, dass ihn die Haifische gefressen haben.« Mike drehte sich vom Fenster herum und ging zum Kartentisch. Der Anprall hatte auch Argos von seinem Platz heruntergeschleudert und er lag reglos und mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Er atmete tief und regelmäßig, hatte aber das Bewusstsein verloren. »Wir haben gesehen, dass ihn die Haifische unter Wasser gezerrt haben«, sagte er. »Aber mehr auch nicht.« »Du ... du meinst, erlebt?«Trautman machte eine verwirrte Geste zum Fenster. »Und er istdort draußen? Bei ihnen?«
»Ich habe ihn gesehen«, antwortete Mike. »Wann?«, fragte Trautman scharf. »Als ich das erste Mal draußen beim Wrack war«, antwortete Mike.
»Und es nicht für nötig gehalten, es uns zu sagen?«, schnappte Ben. »Das hätte wenig Sinn gehabt«, antwortete Mike. »Ihr habt ja alle noch unter Argos' Einfluss gestanden. Außerdem hielt ich es für besser, wenn nicht alle es wissen.« Auch er deutete zum Fenster. »Astaroth ist da draußen. Fragt mich nicht, warum oder was er dort tut aber ich habe ihn gesehen. Er ...« Mike brach ab. Was sollte er sagen? Dass er Astaroth gesehen hatte, wie er rittlings auf einem Hai herangeprescht kam und in GedankenAttacke!brüllte? Kaum. Das Bild war so absurd, dass er sich selbst fragte, ob es eigentlich wahr war. Und außerdem war da ein unbestimmtes Gefühl in ihm, das ihm sagte, dass es vielleicht besser war, wenn er noch einen Teil seines Geheimnisses für sich behielt. »Es ist so, wie Argos gesagt hat«, begann er von neuem. »Sie sind nicht hinter uns her, im Gegenteil. Sie würden uns nie in Gefahr bringen.« »Mitsiemeinst du die Haie?«, vergewisserte sich Trautman. Mike nickte. »Die oder die, die sie geschickt haben«, sagte er. »Und wer soll das sein?«, wollte Juan wissen. Mike deutete auf Argos. »Das fragen wir besser ihn«, sagte er. »Sobald er wieder wach ist.« Ben kam mit langsamen Schritten näher, blickte auf den bewusstlosen Argos herab, schüttelte den Kopf und schlug sich dann mit der rechten Faust in die geöffnete linke Hand. »Schade, dass er ohnmächtig geworden ist«, sagte er. »Das hätte ich gern übernommen.« In Serenas Augen blitzte es auf und Mike machte rasch eine beruhigende Geste in ihre Richtung. »Dazu ist jetzt wirklich nicht der richtige Moment«, sagte er zu Ben gewandt. »Es ist nicht vorbei. Sie werden uns nichts tun, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie uns so einfach davonziehen lassen.«
Ben warf einen nervösen Blick zum Fenster. Die Riesenhaie samt ihren kleineren Brüdern umkreisten das Schiff noch immer und auch wenn sie ihren Angriff eingestellt hatten, so trug der Anblick doch nicht unbedingt dazu bei, sie zu beruhigen. Weder er noch das Bild, das plötzlich wieder in Mikes Gedächtnis erschien. Aber er sprach auch dies nicht aus. Argos hatte sie im Moment aus seinem geistigen Bann entlassen, aber Mike hatte das sichere Gefühl, dass es noch nicht vorbei war.
Ihr gespenstischer Geleitschutz blieb ihnen treu, bis sie die Oberfläche und eine knappe Stunde darauf die kleine Insel erreicht hatten, die Trautman als Ziel aussuchte. Seine Wahl war gut gewesen: Das Eiland lag nicht nur fernab von allen bekannten Schiffsrouten, es war auch - zumindest auf den ersten Blick unbewohnt und es verfügte über einen breiten, weit ins Meer hineinreichenden Sandstrand, an dem die NAU-TILUS anlegen konnte und an dem das Wasser so flach war, dass zumindest die größeren Haie die Verfolgung aufgeben mussten. Und als sie schließlich mit klopfenden Herzen die NAUTILUS verließenund einen Blick ins kristallklare Wasser warfen, erlebten sie eine weitere Überraschung: Zwar waren die meisten Stahltrossen, die sie am Rumpf des Wracks angebracht hatten, gerissen, aber drei oder vier der fingerdicken Kabel hatten gehalten und sie hatten ausgereicht, das Trümmerstück sicher mit zur Oberfläche hinaufzutragen. »Dann war es ja wenigstens nicht ganz umsonst«, sagte Trautman brummig. Er sah aufmerksam aufs Meer hinaus. Der Ozean war alles andere als leer. Auch wenn die größten Raubfische nicht in ihrer Nähe waren, so konnte man doch auf Anhieb zwei- oder dreihundert dreieckige Rückenflossen durch das türkisfarbene Wasser schneiden sehen. »Dann können wir nur hoffen, dass sie uns nicht angreifen, wenn wir die Männer rausholen«, fügte er hinzu. Ben riss ungläubig die Augen auf. »Das ist nicht Ihr Ernst!«, sagte er. »Sie wollen sie bergen? Nach allem, was Argos mit uns angestellt hat?« Trautman sah ihn eine Sekunde lang mit seltsamem Ausdruck an. »Dafür wird er sich verantworten müssen, keine Angst«, sagte er dann. »Und selbstverständlich ist das mein Ernst. Was sollte ich wohl tun? Die Männer dort unten lassen? Sie sterben lassen, weil Argos etwas getan hat, was uns nicht gefallt? « Ben riss die Augen auf. »Was uns nicht gefällt?«, krächzte er. »Das ist die Untertreibung des Jahres!« »Möglich«, sagte Trautman ruhig. »Trotzdem werden wir sie da rausholen. Und anschließend bringen wir sie und Argos an Land und beraten, was weiter zu tun ist.« Ben sah ganz so aus, als wollte er erneut protestieren, aber Trautman gab ihm gar keine Gelegenheit dazu, sondern drehte sich mit einem Ruck herum, winkte Singh zu sich heran und begann das auf dem Deck verschraubte Boot zu lösen. Auch Juan und Mike packten mit zu, nur Ben stand mit trotzig vor der Brust verschränkten Armen dabei und rührte sich nicht. Serena und Chris waren unten im Schiff zurückgeblieben; Serena, um sich um ihren Vater zu kümmern, und Chris, um ein Auge auf beide zu werfen. Der gefährliche Moment kam, als sie das Boot zu Wasser gelassen hatten und Singh mit einer entschlossenen Bewegung über Bord sprang und zu dem Wrackteil hinabtauchte. Mike sah mit angehaltenem Atem zu, wie zwei, drei Haifische auf ihn zu schossen, dann aber im letzten Moment wieder ihre Richtung wechselten, ohne ihn anzugreifen. »Sieht aus, als hätten wir Glück«, sagte Trautman. Singh tauchte wieder auf, holte tief Atem und erklärte keuchend: »Sie sind noch dort unten. Aber sie sind zu schwer, um sie so einfach herauszuholen.«
»Dann müssen wir einige Sauerstoffflaschen neu füllen und jemand muss in einem Taucheranzug hinunter«, sagte Trautman. »Das wird ein paar Stunden in Anspruch nehmen, aber ich glaube, nach all der Zeit macht das jetzt auch keinen Unterschied mehr.« Er half Singh, wieder an Bord des Beibootes zu klettern, dann ruderten sie die wenigen Meter zur NAUTI-LUS zurück und Trautman und der Inder kletterten aufs Schiff hinauf. Als Mike und Juan ihnen folgen wollten, schüttelte Trautman jedoch den Kopf und deutete zum Strand. »Fahrt zur Insel«, sagte er. »Seht euch ein bisschen um, aber geht nicht zu weit. Ich glaube nicht, dass sie bewohnt ist, aber sicher ist sicher. Singh und ich bereiten alles Notwendige vor. Ich will diese Nacht gerne auf festem Boden verbringen«, fügte er in sonderbarem Tonfall hinzu. Mike konnte das gut verstehen. Trautmans Bemerkung zeigte, wie sehr das Zutrauen des deutschen Seemanns in die NAUTILUS erschüttert war. Trautman war praktisch auf dem Wasser geboren und hatte den allergrößten Teil seines Lebens dort beziehungsweise unter Wasser verbracht. Und Mike hatte in all den Jahren, in denen sie sich kannten, nicht ein einziges Wort des Bedauerns oder Zweifeins von ihm gehört, aber im Moment erging es ihm fast ebenso. Vielleicht waren sie einmal zu oft gerade noch mit knapper Mühe entkommen. Juan und er griffen nach den Rudern und fuhren zum Strand. Während der nächsten halben Stunde untersuchten sie den Wald im Umkreis einer halben Meile so gründlich, wie es ging, fanden aber weder Spuren menschlicher Bewohner noch gefährlicher Tiere, dafür aber eine kleine Quelle, die nur wenige Dutzend Meter vom Ufer entfernt lag, und genug Früchte, um ein wahres Festmahl daraus zu bereiten. Sie sammelten trockenes Holz, um später ein Feuer zu entzünden, stapelten es dicht oberhalb der Flutlinie zu einem Haufen auf und ruderten schließlich zur NAUTILUS zurück.
Als sie in den Salon kamen, waren alle bis auf Singh darin versammelt. Argos lag auf der Couch beim Kartentisch und schien immer noch ohne Bewusstsein. Und Serena saß, ganz wie Mike es erwartet hatte, neben ihm und hatte seine Hand ergriffen. Sie sah mit großer Sorge auf sein Gesicht hinab. Der Anblick versetzte Mike einen tiefen, schmerzhaften Stich. Serena schien seinen Blick zu spüren, denn sie sah plötzlich auf, blickte ihm in die Augen und lächelte. Aber es war ein trauriges Lächeln, so dass Mike sich noch niedergeschlagener fühlte. Rasch wandte er den Blick ab und ging zu Trautman und den anderen. »Wie weit seid ihr?« Trautman sah auf die Uhr. »Es dauert noch eine Stunde, bis die Sauerstoffflaschen gefüllt sind«, antwortete er, »Und dann kommt es drauf an, was unsere silbergrauen Freunde dort draußen tun.« »Vorhin haben sie uns nicht angegriffen«, sagte Mike. »Vorhin«, antwortete Trautman mit leicht erhobener Stimme, »haben wir nur nachgesehen und nicht versucht, die Männer aus dem Schiff zu holen.« Er ließ eine kurze Spanne Zeit verstreichen und fügte leiser und fast nur an sich selbst gewandt hinzu: »Ich möchte wissen, wer sie geschickt hat und warum.« »Warum fragen Sie ihn nicht?« Ben deutete mit einer trotzigen Geste auf Argos. »Ich bin sicher, er kennt die Antwort.« »Und er wird sie uns sagen«, antwortete Mike scharf. Vielleicht eine Spur schärfer, als notwendig gewesen wäre, denn Ben sah ihn irritiert an. »Aber jetzt nicht. Jetzt müssen wir erst -« »Vor allem aufhören, uns gegenseitig an die Kehlen zu gehen«, mischte sich Trautman ein. »Ich kann dich verstehen, Ben. Ich bin auch nicht besonders gut auf Argos zu sprechen, aber möglicherweise hatte er seine Gründe für das, was er getan hat. Er wird uns alles erklären.«
»Klar«, sagte Ben giftig. »Wenn wir ihm nur Zeit genug lassen, sich eine hübsche Ausrede auszudenken oder uns wieder zu seinen Sklaven zu machen.« »Ich glaube nicht, dass er das noch einmal tut«, antwortete Mike. Ben sah ihn nur böse an, ersparte sich aber eine Antwort und drehte sich schließlich trotzig weg. Die Stunde, von der Trautman gesprochen hatte, schien sich zu einer Ewigkeit zu dehnen, in der kaum jemand ein Wort sagte. Sie alle waren erschöpft und sie alle mussten auf die eine oder andere Weise mit dem Erlebten fertig werden. Das galt auch für Mike. Sie mochten hier vor den Haien in Sicherheit sein, doch irgendetwas sagte ihm, dass die, die diese Tiere geschickt hatten, noch über ganz andere Möglichkeiten verfügten. Und da war immer noch dieses unheimliche Gesicht, an das er sich zu erinnern glaubte. Schließlich war die quälende Wartezeit vorbei und Singh kam zurück und teilte ihnen mit, dass der Taucheranzug bereit wäre. Während er in die Schleuse hinunterging, um sich umzuziehen, begaben sich Trautman, Mike und Juan wieder aufs Deck und ruderten im Beiboot zu dem Wrackteil hinaus. Mike erschrak ein wenig. Das Wasser rings um das bizarre Anhängsel der NAUTILUS brodelte vor Haien. Obwohl es so flach war, dass man fast darin stehen konnte und ein Teil des zerborstenen Schiffsteiles sogar daraus hervorragte, hatten sich nun doch wieder einige wirklich grosse Haie eingefunden. Riesen von drei, vier Metern Körperlänge, die ihm jetzt zwar winzig vorkamen, nach den Kolossen, die sie weiter unten gesehen hatten, von denen jeder einzelne aber durchaus in der Lage war, selbst einem Mann im Taucheranzug gefährlich zu werden. Eine ganze Weile saßen sie schweigend im Boot und warteten, dass Singh auftauchte und in das Wrack hineinstieg. Dann sagte Trautman plötzlich: »Du hast uns nicht alles erzählt, nicht wahr?«
Mike blinzelte und versuchte, den Verwirrten zu spielen. »Wie?« »Du hast mich noch nie belügen können, Mike«, erklärte Trautman mit einem sanften, fast väterlich wirkenden Lächeln. »Keiner von euch kann das. Da draußen ist noch mehr passiert, nicht wahr? Du hast nicht nur Astaroth gesehen.« »Doch«, antwortete Mike. Trautman sah ihn nur an und nach einer Sekunde verbesserte sich Mike: »Oder nein, Sie haben Recht. Esistnoch etwas passiert.« »Und was?« »Die Haie ... haben mir geholfen«, sagte Mike zögernd. Juan starrte ihn ungläubig an, während Trautman keineswegs überrascht dreinsah. »Geholfen?« »Ich wäre allein nie in das Wrack hineingekommen«, antwortete Mike. »Zwei von ihnen haben mich hochgehoben. Nur so konnte ich zu Singh und Argos gelangen. »Um ihnen die Sauerstoffflaschen zu bringen«, fügte Trautman in nachdenklichem Tonfall hinzu. »Das ist erstaunlich.« »Aber warum sollten sie das tun?«, wunderte sich Juan. »Doch bestimmt nicht, um Argos das Leben zu retten.« »Wer weiß«, sagte Trautman. »Vielleicht wollen sie ja nicht seinen Tod. Vielleicht wollen sie ihn einfach nur
haben.«
»Haben?«, fragte Mike. »Wie meinen Sie das?« Trautman zuckte mit den Schultern. »Er hat uns niemals erzählt, wo er hergekommen ist. Ist euch das eigentlich noch nicht aufgefallen? Vielleicht ist er ja an einem Ort, wo er nicht sein sollte.« »Oder umgekehrt«, fügte Juan nachdenklich hinzu. »Er istnichtan einem Ort, an dem er sein sollte.« Mike blickte nachdenklich vor sich hin. Dann fügte er noch hinzu: »Wer immer sie geschickt hat, scheint großen Wert darauf zu legen, keine Unbeteiligten zu verletzen.« »Ja«, murmelte Trautman. »Wisst ihr, woran ich die ganze Zeit denken muss?« Sie schüttelten beide den Kopf. Trautman fuhr mit einem fast unsicheren Lächeln und einem in einem Tonfall, als wären ihm seine eigenen Worte beinahe peinlich, fort: »Nachdem wir von der Insel der Indios geflohen sind ... wir hätten es fast nicht geschafft, hochzukommen. Irgendetwas hat uns geholfen.« Er sah Mike an. »So wie dir, in das Wrack hineinzukommen.« »Wie bitte?«, murmelte Juan. »Sie glauben doch nicht wirklich, dass uns diese Haie hochgehoben haben?« Trautman machte eine Kopfbewegung auf das Wasser hinaus. »Die da bestimmt nicht. Aber fünf oder sechs von den großen Tieren, die wir vorhin gesehen haben, könnten es durchaus schaffen.« »Das klingt nicht sehr überzeugend«, murmelte Juan. »Ich weiß«, räumte Trautman ein. »Und ich fürchte, wir werden die Antwort auf diese Frage auch niemals bekommen. Aber ich bin auch gar nicht sicher, ob ich das will.« In diesem Moment tauchte Singh unter ihnen auf: Ein verzerrter Schatten, der mit mühsam aussehenden Schritten auf dem Meeresgrund entlangstapfte und von einem ganzen Rudel unterschiedlich großer Haie flankiert wurde, die ihn neugierig umkreisten. Es wurde immer dichter, so dass er sich am Schluss buchstäblich mit den Händen einen Weg durch die lebende Mauer bahnen musste, aber es war so, wie Trautman prophezeit hatte: Die Haie machten keinen Versuch, ihn anzugreifen. Sie versuchten nicht einmal ernsthaft, ihn vom Betreten des Schiffswracks abzuhalten, obwohl sie dies zweifellos gekonnt hätten, allein durch ihre Anzahl. Nach einer Weile verschwand Singh in dem zerborstenen Schiffsrumpf und es verging eine beunruhigend lange Zeit, bis er wieder auftauchte. Er trug eine menschliche Gestalt auf den Armen. Langsam, unter seiner Last wankend, näherte er sich dem Boot und Trautman warf die mitgebrachten Seile ins Wasser, so dass Singh sie an dem versteinerten Seemann befestigen konnte. Obwohl sie sich zu dritt anstrengten, kostete es ihre gesamte Kraft, den zu Stein erstarrten Körper aus dem Wasser zu ziehen und ins Boot zu heben. Das kleine Schiffchen ächzte und schwankte bedrohlich unter dem zusätzlichen Gewicht. Mike erschauerte, als er den Seemann von nahem sah. Obwohl er es besser wusste, fiel es ihm sehr schwer zu glauben, dass dieser Körper jemals gelebt haben sollte, geschweige denn, dass noch so etwas wie Leben in ihm war. Der Mann war durch und durch zu Stein erstarrt, wie eine aus Marmor gehauene, perfekte Nachbildung eines menschlichen Körpers. Sie mussten ihre Plane ändern und die geborgenen Matrosen einzeln an Land rudern, denn das Boot hätte das Gewicht dreier solcher Körper niemals getragen, so dass die geplante Rettungsaktion viel länger dauerte, als sie geglaubt hatten. Als Singh endlich wieder in die NAUTILUS zurückkehrte und sie mit dem letzten Geretteten zum Strand hinaufruderten, waren Mike, Juan und auch Trautman mit ihren Kräften am Ende und es dunkelte auch bereits. Mike und Juan nahmen den Mann, der in der sitzenden Position, in der er sich am Tisch befunden hatte, als ihn das Unglück überfiel, zu Stein erstarrt war, an Armen und Beinen und trugen ihn ächzend den Strand hinauf, während Trautman zur NAUTILUS zurückruderte, um die anderen zu holen. Sie legten den versteinerten Matrosen neben seine Kameraden in den Sand und ließen sich erschöpft daneben zu Boden sinken. Im schwächer werdenden Licht des Sonnenuntergangs boten die drei versteinerten Körper einen noch unheimlicheren Anblick als bisher. Zugleich aber war es Mike - und auch Juan - nicht möglich, den Blick von ihnen zu wenden. »Unheimlich«, murmelte Juan nach einer Weile. »Das kannst du laut sagen«, pflichtete ihm Mike bei. »Ich habe fast Angst vor ihnen.« Juan schüttelte den Kopf. »Das meine ich nicht«, sagte er. »Was dann?« »Die Wesen, die das getan haben«, murmelte Juan. Erst jetzt begriff Mike, dass Juan von den fremden Wesen sprach, die mit dem Sternenschiff gekommen waren. Sie hatten sie niemals gesehen. Jedenfalls nicht lebend, aber sie hatten ja erlebt, was ihre so unendlich viel weiter entwickelte Technik in falschen Händen anzurichten imstande war. »Ich glaube nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen«, sagte er. »Das Schiff ist fort und ich glaube auch nicht, dass es zurückkommt.« »Ich mache mir keine Sorgen«, sagte Juan. »Ich frage mich, wer sie sind. Wo sie hergekommen sind und was sie hier wollten.« Seine Stimme wurde leiser und in seine Augen trat ein Ausdruck, der Mike schaudern ließ. »Wir waren ihnen so nah, damals in der Pyramide. Erinnerst du dich? Ein einziger Schritt und wir wären dort gewesen. Ich frage mich, ob wir sie jemals wiedersehen.« »Ich frage mich, ob wir das sollten«, sagte Mike. Juan schien seine Worte gar nicht gehört zu haben. »Ich würde alles darum geben, einmal mit einem von ihnen zu reden«, murmelte er. Er hob den Blick und sah in den Himmel hinauf. In dem verblassenden Blau des Sonnenunterganges waren bereits die ersten Sterne zu erkennen. »Sie sind irgendwo dort oben. Vielleicht kommen sie eines Tages zurück.« »Hast du schon vergessen, was Serena über sie erzählt hat?«, sagte Mike. »Die AtlanterhattenKontakt zu ihnen. Es hat jedes Mal in einer Katastrophe geendet.« »Wenn sie alle so waren wie Argos, wundert mich das
nicht«, erwiderte Juan achselzuckend. »Außerdem ist das lange her. Vielleicht haben sie seit dem ja gelernt. Vergiss nicht, was sie mit den Menschen auf der TITANIC getan haben. Sie haben ihre eigenen Leben riskiert, um sie zu retten.« Mike war nicht ganz sicher, ob das wirklich so gewesen war, aber er war auch nicht sicher, ob es so war, wie Serena behauptete. Er schrak beinahe selbst vor dem Gedanken zurück und doch fragte er sich, vielleicht zum ersten Mal, seit er die atlantische Prinzessin kennen gelernt hatte, ob ihr Volk den Menschen, die er kannte, wirklich so ähnlich gewesen war. Vielleicht hatte Serenas Einsamkeit ja einen Grund. Er verscheuchte den Gedanken. »Ich denke, Argos wird uns alles erzählen, sobald er wach ist«, sagte er. »Und wenn nicht er, dann die drei anderen. Immerhin haben wir ihnen das Leben gerettet.« »Noch nicht«, sagte Juan mit einem Blick auf die drei versteinerten Körper. »Ich schätze, da gibt es doch noch eine Kleinigkeit zu tun.« Mike schwieg. Sie alle hatten ja selbst mit angesehen, wie Argos den Eingeborenen auf der Insel geholfen hatte, die von derselben unheimlichen Veränderung befallen gewesen waren. Andererseits hatten sie niemals erlebt, dass er eine so totale Verwandlung rückgängig gemacht hatte. Mike konnte sich aber auch nicht vorstellen, dass Argos dieses ungeheuerliche Risiko, zu dem er sie gezwungen hatte, eingegangen wäre, wäre er nicht absolut sicher gewesen, den Kameraden helfen zu können. Letzten Endes hatte er auch sein eigenes Le
ben riskiert. Das Boot kam zurück. Ben, Chris und Singh sprangen von Bord und begannen, ohne viele Worte zu verlieren,
im nahen Wald Holz zu schlagen, um eine Unterkunft für die Nacht zu errichten. Mike und Juan wollten ihnen helfen, aber Singh schüttelte nur den Kopf, er wusste ja schließlich am besten, wie schwer es gewesen war, die drei Körper an Land zu schleppen, und Mike ließ sich heute auch nicht zweimal bitten, es sich gemütlich zu machen und den anderen beim Arbeiten zuzusehen. Stolz war eine schöne Sache, aber Erschöpfung eine andere. Nach einer Weile stellte Mike fest, dass er wohl eingenickt sein musste, denn als er das nächste Mal die Augen öffnete, da waren nicht nur der Inder, Ben und Chris bei ihnen, sondern auch der Rest der NAUTILUS-Besatzung; einschließlich Argos, der neben seinen drei versteinerten Kameraden im Sand lag und bei genauem Hinsehen nicht viel lebendiger aussah als sie. Er war immer noch ohne Bewusstsein und seine Haut war fast so bleich wie die der drei anderen. Natürlich saß Serena neben ihrem Vater im Sand und hielt seine Hand. Sie musste Mikes Blick spüren, denn sie sah plötzlich auf, schaute ihm einen Moment lang ins Gesicht und blickte dann wieder auf ihren bewusstlosen Vater hinab. »Er wird schon durchkommen«, sagte Mike. Im ersten Moment sah es so aus, als würde Serena gar nicht darauf antworten, dann aber hob sie mit einem Ruck den Kopf. In ihren Augen stand ein fast trotziger Ausdruck, den Mike nicht verstand. Noch viel weniger verstand er den scharfen Ton, in dem sie antwortete: »Tu doch nicht so!« »Wie?«, fragte Mike. Serena machte eine ärgerliche Handbewegung. »Spiel nicht den Besorgten, ja. Es ist dir doch völlig egal, ob er überlebt oder nicht. Genau wie den anderen.« Mike schwieg betroffen. Er empfand Argos gegenüber nicht unbedingt freundschaftliche Gefühle, das stimmte - aber wie konnte Serena so etwas sagen? Sie musste doch wissen, dass er einem Menschen niemals den Tod gewünscht hätte, ganz egal, was dieser vorher auch getan hatte. Und als hätte sie seine Gedanken gelesen, sah Serena nach einigen Augenblicken erneut auf und diesmal las er in ihren Augen eine tiefe Betroffenheit. »Entschuldige«, sagte sie. »Es tut mir leid. Ich wollte das nicht sagen.« Mike winkte ab. »Schon gut. Wir sind alle ein bisschen nervös.« »Trotzdem«, erwiderte Serena. »Ich weiß auch nicht, warum ... « Sie brach ab. Ihre Stimme zitterte. Mike wollte gerade die Arme ausstrecken und sie tröstend an sich drücken, als Argos die Augen öffnete und mit sehr leiser, aber klarer Stimme sagte: »Du tust ihm Unrecht, Kind. Er sagt die Wahrheit. Er hätte mich dort unten im Meer umkommen lassen können. Niemand hätte es bemerkt. Stattdessen hat er sein eigenes Leben riskiert, um mich zu retten.« »Na, was für ein Glück«, sagte Ben giftig, der in der Nähe stand und die Worte mitbekommen hatte. »Wenn ich rausgegangen wäre, hätten Sie nicht so viel Glück gehabt.« Argos richtete sich mühsam auf, sah den jungen Briten einen Moment lang ernst an und lächelte dann ganz schwach. »Du weißt, dass das nicht stimmt, Ben.« In Bens Augen blitzte es auf. »Was soll das jetzt wieder heißen?« »Das du niemals versuchen solltest, jemanden zu belügen, der in deinen Gedanken lesen kann«, sagte Argos. »Du spielst gern den starken Mann, ich weiß. Aber, Ben, es macht jemanden nicht erwachsener, wenn er so tut, als wären ihm Gefühle wie Menschlichkeit und Mitleid fremd.« Bens Gesicht verdüsterte sich und es hätte Mike nicht gewundert, hätte er sich im nächsten Moment mit geballten Fäusten auf Argos gestürzt. Aber dann drehte er sich nur mit einem Ruck um und verschwand in der Dunkelheit. »Das war nicht besonders klug«, sagte Mike leise. »Sie haben natürlich Recht: Ben ist nicht halb so hart, wie er sich gerne gibt. Aber ich möchte ihn trotzdem nicht unbedingt zum Feind haben.« »Habe ich das denn?«, fragte Argos. Er sah Mike offen an. »Habe ich mir euch alle zum Feind gemacht?« In diesem Moment knirschten hinter ihnen Schritte im Sand und Trautman und Singh kamen heran. Sie hatten offenbar ebenfalls bemerkt, dass der Atlanter wach geworden war. »Das kommt ganz darauf an, was Sie uns jetzt erzählen werden, Argos«, sagte Trautman. »Und wenn wir schon einmal dabei sind: Hatten Sie uns nicht versprochen, nicht in unseren Gedanken zu lesen?« »Aber das habe ich auch nicht«, antwortete Argos. »Ha!«, machte Ben aus der Dunkelheit heraus. Argos schüttelte nur den Kopf. »Man muss keine Gedanken lesen können, um diesen Jungen zu durchschauen«, sagte er. »Er ist ein netter Kerl, wie alle hier.« »Das zieht nicht«, sagte Trautman scharf. »Wenn Sie versuchen, sich bei uns einzuschmeicheln, sparen Sie sich Ihren Atem. Warum haben Sie das getan?« Argos richtete sich ganz auf und blickte auf seine drei Kameraden herab. »Ihretwegen«, sagte er. »Sie hätten es auch getan. Leugnen Sie es nicht, ich muss auch Ihre Gedanken nicht lesen, um das zu wissen. Sie hätten auch Ihr eigenes Leben riskiert, um das Ihrer Freunde zu retten.« »Natürlich«, erwiderte Trautman. »Aber das hatten wir schon, oder? Ich hätte niemand anderen dazu gezwungen, mich dabei zu begleiten.« »Das habe ich nicht«, antwortete Argos. »Im Gegenteil. Ich habe versucht, es allein zu tun, haben Sie das schon vergessen?« »Und Serena?«, fragte Mike aufgebracht. »Ich bin freiwillig mit ihm gekommen«, antwortete Serena an Argos' Stelle. »Und auch das ist die Wahrheit, ob es dir passt oder nicht.« Ihr scharfer Ton
schockierte Mike, aber er biss die Zähne zusammen und schwieg. »Ich werde jetzt versuchen, sie aufzuwecken«, sagte Argos. Trautman runzelte die Stirn. »In Ihrem Zustand? Sie haben ja kaum die Kraft, zu sitzen.« »Es muss sein«, beharrte Argos. »Jede Minute zählt. Sie waren viel zu lange dort unten. Ich bin nicht einmal sicher, ob wir nicht zu spät gekommen sind.« Er wollte die Hand nach einer der versteinerten Gestalten ausstrecken, aber Trautman machte eine rasche Bewegung. »Einen Moment noch.« Argos sah hoch. »Ja?« »Was ist mit den anderen?«, fragte Trautman. Er deutete aufs Meer hinaus. »Diesen ...Männernauf dem schwarzen Frachter?« »Sie können uns hier nicht finden«, behauptete Argos. Und wieder erging es Mike so wie ihm gerade: er musste nicht Gedanken lesen können, um zuwissen, dass Argos' Worte mehr Wunsch als Überzeugung waren. »Selbst wenn, werden Sie euch nichts tun«, fügte Argos nach sekundenlangem Schweigen hinzu. »Falls wir Sie herausgeben«, vermutete Trautman. Argos nickte. »Genau. Und das müssen Sie tun. Versprechen Sie es mir. Wenn sie hier auftauchen, wenn irgendetwas geschieht, dann versuchen Sie nicht, mir zu helfen. Ich habe euch schon viel zu viel in Gefahr gebracht.« »Du glaubst doch nicht, dass wir dich einfach im Stich lassen«, empörte sich Serena. Argos lächelte verständnisvoll. »Ich glaube nicht, dass es dazu kommt«, sagte er, was keine Antwort auf ihre Frage war. Er sah in den Himmel, überlegte einen Moment und sagte dann: »Bis zum Morgengrauen müsste ich es geschafft haben. Entweder bis dann oder gar nicht.« »Können wir irgendetwas tun, um Ihnen zu helfen?«, fragte Trautman, doch Argos schüttelte den Kopf.
Ohne ein weiteres Wort ging er zu einem seiner Kameraden hinüber, setzte sich neben ihn in den Sand und legte die gespreizten Finger der linken Hand auf seine Stirn. Er schloss die Augen, ein konzentrierter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht und schon einen Moment später schien er in eine Art Trance zu verfallen. »Vielleicht lassen wir ihn besser in Ruhe«, sagte Trautman leise. »Kommt: Wir entzünden das Feuer und essen etwas und danach haben wir uns alle ein paar Stunden Schlaf verdient.« »Und ihn lassen wir einfach gewähren?«, fragte Ben. »Du kannst gerne bei ihm bleiben und Wache stehen«, erwiderte Trautman. »Ich für meinen Teil habe für einen Tag Aufregung genug gehabt.« Damit wandte er sich um und ging und nach kurzem Zögern folgten ihm die anderen, schließlich auch Ben.
Mike schlief in dieser Nacht tief und traumlos, aber er erwachte vor Sonnenaufgang und hatte das sichere Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Lautlos richtete er sich auf, sah sich nach allen Seiten um und erhob sich schließlich ganz. Alle anderen schliefen. Das Feuer, das sie entzündet hatten, war zu einem glimmenden Haufen dunkelroter Glut heruntergebrannt und am Himmel stand kein Mond, so dass er nichts sehen konnte. Im Osten begann sich der Horizont grau zu färben; es war nicht mehr lange bis Sonnenaufgang. Trotzdem war alles, was weiter als fünf oder sechs Schritte entfernt lag, mehr zu erahnen als wirklich zu erkennen. Erneut hatte er das Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Es war als ... als spürte er die Blicke unsichtbarer Augen auf sich ruhen. Jemand starrte ihn an. Jemand oder etwas. Mikes Herz begann heftig zu klopfen. Einen Moment lang überlegte er, ob er zurückgehen und Trautman wecken sollte, tat es aber dann nicht. Trautman hatte seinen Schlaf ebenso bitter nötig wie alle anderen. Mike machte ein paar Schritte, blieb wieder stehen und drehte sich halb um seine Achse. Seine Augen hatten sich mittlerweile an das schwache Licht gewöhnt, so dass er zumindest Schatten erkennen konnte. In einiger Entfernung glaubte er, Argos auszumachen, der immer noch so reglos dasaß, wie er ihn am Abend zurückgelassen hatte, und eine der schemenhaften Gestalten neben ihm im Sand schien ihre Position verändert zu haben. Mike widerstand jedoch der Versuchung, hinzugehen; Argos hatte gesagt, dass er bis Sonnenaufgang fertig sein musste, wenn er es überhaupt schaffen wollte, und Mike wollte nicht schuld am Tode eines Menschen sein, nur weil er Argos in seiner Konzentration störte. So bewegte er sich, so leise er konnte, in die entgegengesetzte Richtung, erreichte nach einigen Schritten den Waldrand und blieb wieder stehen. Das unheimliche Gefühl des Beobachtetwerdens kam nicht aus dieser Richtung, sondern aus der anderen. Vom Meer her. Mike drehte sich wieder herum, raffte all seinen Mut zusammen und ging langsam zum Strand hinunter. Die Ebbe hatte eingesetzt, so dass das Wasser nun ein gutes Stück weiter zurücklag als vorhin. Die NAUTI-LUS ragte als gigantischer Schatten vor ihm empor, wie ein stählerner Berg, den die Flut angespült hatte. Irgendetwas plätscherte. Es war nicht das normale Geräusch der Wellen, die sich am Strand oder am Schiffsrumpf brachen, sondern ein Laut, als bewege
sich etwas im Wasser. Im ersten Moment dachte Mike natürlich an einen Hai und machte erschrocken