122160.fb2 Die helfende Hand - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 2

Die helfende Hand - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 2

Das letzte Sonnenlicht spiegelte sich in der Spitze seines Speeres, schien sie in Blut zu tauchen. Und dahinter verharrten die anderen Würdenträger des Reiches, die Grafen von Skontar und seiner Satelliten. Der ganze Platz schien streng bewacht; denn die Leibwache des kaiserlichen Palastes stand in Helm und Rüstung wie eine schweigende Mauer des Hasses und der Verachtung am Rande des Flugfeldes…

Skorrogan ging auf den Valtam zu, stieß den Schaft seines Speeres auf den Boden und neigte den Kopf, wie es das Zeremoniell vorschrieb. Dann sank Schweigen über das Feld herab. Nur das Pfeifen des Windes war noch zu vernehmen. Es hatte zu schneien begonnen.

Schließlich ergriff der Valtam das Wort. Er verzichtete auf den zeremoniellen Gruß. Es war eine absichtliche Demütigung. „Du bist also wieder zurück.“

„Ja, Sire.“ Skorrogan bemühte sich, steif und kühl zu bleiben. Das war nicht einfach. Er fürchtete den Tod nicht; doch als gescheiterter Mann wiederzukommen, war eine grausame Strafe. „Wie Ihr wißt, Sire, muß ich das Scheitern meiner Mission melden.“

„In der Tat. Auch wir empfangen die Nachrichtenbilder von Sol“, erwiderte der Valtam schneidend.

„Sire — die Solarier geben unbegrenzte Wirtschaftshilfe, jedoch nur den Cundaloanern. Skontar bekommt nichts — keine Kredite, keine technischen Berater, nichts. Und wir können keinen Güteraustausch erwarten und auch keine Touristen.“

„Wir wissen es“, sagte Thordin. „Und dich haben wir zur Erde gesandt, um Hilfe zu erbitten.“

„Ich habe es versucht, Sire“, erwiderte Skorrogan mit ausdrucksloser Stimme. Doch die Solarier haben uns gegenüber grundlose Vorurteile“. Er mußte etwas sagen, doch verdammt wollte er sein, wenn er um Gnade winselte! „Zum Teil liegt das an ihrer sentimentalen Vorliebe für die Cundaloaner, zum Teil auch daran, daß wir ihnen in so vieler Hinsicht unähnlich sind.“

„Tatsächlich“, entgegnete der Valtam eisig. „Früher war das Vorurteil nicht so groß. Und den Mingoniern, die den Menschen viel weniger ähneln als wir, haben die Solarier geholfen. Sie bekamen die gleiche Hilfe, die jetzt die Cundaloaner beziehen werden. Wir hätten das Gleiche erhalten können! Wir wünschen nichts anderes als gute Beziehungen zu der größten Macht in der Milchstraße.

Wir hätten sogar noch mehr erreichen können. Ich weiß aus erster Hand von der Stimmung und Einstellung des Commonwealth. Sie waren bereit, uns zu helfen, hätten wir nur das geringste Entgegenkommen gezeigt. Wir hätten wiederaufbauen können, sogar mehr…“ Seine Stimme verhallte im Wind.

Nach einer Weile fuhr er fort, und der Zorn schien wie eine Flamme aus ihm herauszubrechen: „Ich sandte dich als meinen Sonderbevollmächtigten, um diese großzügige Hilfe entgegenzunehmen. Dich, dem ich mehr vertraute als allen, dem die Sorge des Reiches am Herzen liegen mußte… Ah!“ Er spuckte aus. „Und du hast deine Zeit dort damit vergeudet, arrogant, ungehobelt und beleidigend zu sein. Du, auf dem alle Augen des Solaren Commonwealth ruhten, hast alles getan, um ihre Vorurteile gegen uns zu bestätigen. Kein Wunder, daß unsere Bitte zurückgewiesen wurde. Du kannst froh sein, daß Sol uns nicht den Krieg erklärt hat!“

„Noch ist es vielleicht nicht zu spät“, sagte Thordin. „Wir könnten einen zweiten Botschafter…“

„Nein!“ Der Valtam hob den Kopf mit dem unbeugsamen Stolz dieser Rasse, der es mehr bedeutete, das Gesicht zu bewahren als das Leben. „Skorrogan war unser bevollmächtigter Abgesandter. Falls wir ihn desavouieren, uns für sein Verhalten entschuldigen — nicht wegen eines formellen Fehlers, sondern seines schlechten Benehmens wegen! — , falls wir vor der Milchstraße zu Kreuze kriechen — nein! Das ist die Sache nicht wert. Wir müssen eben ohne die Hilfe der Solarier auskommen…!“ Der Schnee fiel jetzt dichter. Dunkle Wolken verhüllten den Himmel. Und es war kalt — bitterkalt.

„Welch ein Preis für unsere Ehre!“ sagte Thordin niedergeschlagen. „Unsere Leute hungern — Nahrungsmittel von den Solariern würden sie retten. Sie tragen nur noch Lumpen am Leib — Sol würde Kleidung für sie schicken. Unsere Fabriken sind ausgebrannte Ruinen. Unsere jungen Männer wachsen auf, ohne die galaktische Zivilisation und ihre Technologie kennenzulernen. Sol würde uns Maschinen und Ingenieure senden, damit wir die Fabriken neu aufbauen könnten. Sol würde uns Lehrer schicken — und wir könnten groß und mächtig werden. Zu spät, zu spät.“ Seine Augen suchten den Blick des Freundes. „Warum hast du das getan? Warum nur?“

„Ich tat mein Bestes“, erwiderte Skorrogan steif. „Falls ich nicht taugte für die Mission, hättest du mich nicht schicken dürfen.“

„Aber das ist es ja gerade!“ sagte der Valtam. „Du bist unser bester Diplomat. Deine Geschmeidigkeit, deine Kenntnis der außerskontaranischen Psychologie, deine Persönlichkeit: alles war bisher von unschätzbarem Wert für unsere auswärtigen Missionen.

Und dann, bei dieser so klaren und so überaus wichtigen Mission… Nie mehr!“ Seine Stimme schrie es in den Wind. „Nie mehr will ich dir vertrauen. Ganz Skontar soll wissen, daß du versagt hast!“

„Sire…“ Skorrogans Stimme bebte. „Ich habe mir von Euch Dinge sagen lassen, die ich mir von niemand sonst hätte bieten lassen, ohne ihn zum Duell zu fordern. Wenn Ihr noch etwas zu sagen habt — sagt es jetzt. Sonst laßt mich lieber gehen!“

„Ich kann dich nicht deiner ererbten Titel und Lehen entkleiden“, murmelte der Valtam. „Doch deine Stellung in der Regierung ist dir entzogen. Am Hof brauchst du dich nie mehr blicken zu lassen. Und ich glaube nicht, daß dir viele Freunde geblieben sind.“

„Mag sein“, erwiderte Skorrogan. „Ich habe getan, was ich getan habe — und selbst wenn ich mein Tun erklären könnte, ich würde nach diesen beleidigenden Worten darauf verzichten. Doch wenn Ihr meinen Rat hören wollt, was die Zukunft von Skontar betrifft…“

„Ich will ihn nicht hören“, erwiderte der Valtam. „Du hast schon genug Unheil über den Staat gebracht!“

„…dann bedenket drei Dinge“, fuhr Skorrogan unbeirrt fort und deutete mit dem Speer auf die wolkenverhangenen Sterne. „Erstens die Sonnen im All. Zweitens bestimmte neue wissenschaftliche und technologische Entwicklungen bei uns — zum Beispiel Dyrins Arbeit über die Semantik. Und letztens: schaut Euch um. Seht die Häuser, die Eure Väter bauten. Betrachtet die Kleidung, die Ihr tragt. Besinnt Euch auf die Sprache, die Ihr sprecht. Und kommt dann nach fünfzig Jahren zu mir und bittet mich um Entschuldigung!“

Er raffte seinen Pelz um sich, grüßte kurz vor dem Valtam und ging mit langen Schritten zur Stadt. Sie blickten ihm nach — Bitterkeit und Verständnislosigkeit in den goldenen Augen.

Hunger herrschte in der Stadt. Er konnte ihn fast spüren, durch die Mauern hindurch — den Hunger eines verzweifelten Volkes in Lumpen, das sich über Herdfeuer beugte und nicht wußte, ob es den Winter überleben würde. Flüchtig überlegte Skorrogan, wie viele sterben würden — doch er wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu denken.

Er hörte jemand singen und verhielt den Schritt. Ein wandernder Barde, der bettelnd von Stadt zu Stadt zog, kam die Gasse herunter, einen zerschlissenen Pelz über den Schultern. Er zupfte die Harfe mit klammen Fingern, und er sang eine trutzige Ballade in der altmodischen Sprache der Heldenlieder von Skontar. Einen Moment lang, in einer bitteren Laune galligen Humors, überlegte Skorrogan, wie die Ballade in der Sprache der Erdbewohner klingen würde:

Wild wogten diewehrhaften Vögel, dem Winter weichend,wissend, daß seine Macht nach Süden drängt.Sie suchen den Seeweg,Sehnsucht in den Schwingen,singen vom Sommer undsäuselnden Winden.Lebewohl, wirtliches Gestade,lachend beugt sich der Starkeder Liebe…

Es stimmte nicht so recht. Der harte Rhythmus und die schroffen Silben gingen verloren, und die Alliteration und der verschlungene Reim ließen sich nur unvollkommen übersetzen. In irdischer Sprache klang es platt und langweilig. Die Bilder waren matt. Die Psychologie der beiden Planetensysteme war eben zu unterschiedlich.

Und hier mochte auch der Grund für seine Erklärung liegen, die er den Würdenträgern schuldig geblieben war. Sie verstanden nicht.

Sie konnten gar nicht verstehen. Er war allein — und der Winter stand vor der Tür.

* * *

Valka Vahino saß in seinem Garten in der Sonne. Manchmal kam es Vahino vor, als habe er seit einer Ewigkeit keine Ruhe mehr gehabt. Zuerst der Krieg, anschließend die Reise zum solaren System — und seither seine Aufgabe als Verbindungsmann zu den Solariern, zu dem ihn das Hohe Haus ernannt hatte, weil er die menschliche Rasse besser kannte und verstand als jeder andere in der Liga.

Vielleicht traf das zu. Er verbrachte viel Zeit in ihrer Gesellschaft und schätzte sie als Rasse und auch als Individuen. Doch, bei allen Geistern, das Tempo, mit dem sie arbeiteten! Man hätte glauben können, sie seien von Dämonen besessen! Sie schonten sich nie!

Nun, es gab wohl keinen anderen Weg als den Wiederaufbau, zu Reformen und zu den neuen Errungenschaften, die nur darauf warteten, verwirklicht zu werden. Doch im Augenblick tat es wirklich wohl, im Garten zu liegen, umgeben von goldenen Blüten, deren Duft den Sinnen schmeichelte. Honigsauger umgaukelten ihn, während sich die Strophen eines neuen Gedichts in seinem Gedächtnis formten.

Die Solarier hatten es schwer zu begreifen, daß eine ganze Rasse nur aus Dichtern bestand. Der dümmste Cundaloaner brauchte sich nur in die Sonne zu legen, um meisterhafte Lyrik zu schmieden. Nun, jede Rasse hatte ihre Talente. Wer konnte die Menschen in ihrer technischen Begabung übertreffen?

Hymnische Gesänge formten sich in seinem Gehirn. Er fügte Silbe an Silbe. Dies würde etwas Gelungenes werden! Man würde sich daran erinnern, würde es noch in Jahrhunderten singen und preisen! Man würde Valka Vahino nicht vergessen.

„Entschuldigen Sie, Sir!“ Eine metallische Stimme schreckte ihn auf, zerriß das feine Gespinst der Verse und trieb sie hinaus in die Nacht des Vergessens und der Unwiederbringlichkeit. Einen Moment lang spürte er nur den Schmerz des Verlustes. Die Unterbrechung hatte etwas Einmaliges zerstört.

„Entschuldigung, Sir, aber Mr. Lombard möchte Sie sprechen!“

Es war die Stimme des Roboters. Lombard selbst hatte ihm das Gerät geschenkt. Natürlich hatte das schimmernde Metallgerät nicht zu den geschnitzten Möbeln und gestickten Gobelins seines Hauses gepaßt. Doch er hatte Lombard nicht beleidigen wollen.

Außerdem war das Ding zweifellos nützlich und praktisch.

Lombard, Leiter der Wiederaufbaukommission — der ranghöchste Mensch im Avaikianischen System —, kam zu ihm. Das schmeichelte Vahino natürlich. Schließlich hätte Lombard ihn ebenso zu sich bitten können. Nur — warum ausgerechnet in dieser Minute?

„Sag Mr. Lombard, ich werde gleich kommen.“

Vahino betrat das Haus durch einen Nebeneingang und zog sich an. Die Menschen hatten nicht diese unbefangene Einstellung zum nackten Körper wie die Cundaloaner. Dann trat er in die Vorhalle. Er hatte dort ein paar Sessel aufstellen lassen, um den Gewohnheiten der Irdischen entgegenzukommen, die sich nicht gern auf eine Matte auf dem Boden hockten. Lombard stand auf, als Vahino eintrat.

Der Mensch war untersetzt und klein. Eine Strähne grauer Haare hing ihm in die gefurchte Stirn. Er hatte einen zähen, beharrlichen Aufstieg hinter sich — vom einfachen Arbeiter zum Hohen Kommissar. Alles in seiner freien Zeit hart erkämpft — durch Selbststudium.

Die Spuren dieses Ringens waren nicht zu übersehen. Er packte jede Aufgabe mit einer Besessenheit an, als ginge es um Leben und Tod, und er konnte härter als Werkzeugstahl sein. Doch die meiste Zeit über benahm er sich umgänglich und liebenswürdig. Er besaß eine erstaunlich reiche Palette von Interessen und Talenten und hatte Wunder im Avaikianischen System bewirkt.

„Friede in dein Haus, Bruder“, sagte Vahino.

„Wie geht es Ihnen?“ entgegnete der Solarier knapp. Als sein Gastgeber den Dienern ein Zeichen geben wollte, fuhr der Solarier hastig fort: „Bitte keine Umstände. Ich schätze natürlich Ihre Gastlichkeit, doch ich habe keine Zeit, drei Stunden speisen und über Kultur reden zu müssen, ehe ich zur Sache kommen darf. Ich wünschte — nun, Sie sind hier zu Hause. Ich nicht. Ich möchte Ihnen nahelegen, durch Ihr Einwirken — taktvoll natürlich — diese Sitte abzuschaffen.“

„Aber sie gehört zu den ältesten Kulturgütern dieses Planeten!“

„Das ist es ja gerade! Alte, rückständige Sitten und Gebräuche! Ich möchte mich nicht herablassend äußern, Mr. Vahino, das liegt mir fern; ich halte diese Sitte sogar für bezaubernd, für uns Solarier geradezu nachahmenswert. Aber, bitte, nicht während der Arbeitszeit!“

„Nun — ich muß gestehen, Sie haben nicht ganz unrecht. Es paßt nicht zu einer modernen Industriegesellschaft. Und die bauen wir ja zur Zeit auf, nicht wahr?“ Vahino zog sich einen Sessel heran und bot seinem Gast eine Zigarette an. Das Rauchen war eines der charakteristischen Laster der Solarier — sicherlich eine Sitte, die sich hier leicht einführen ließ. Vahino zündete sich selbst einen Rauchzylinder an und inhalierte mit dem Behagen eines überzeugten Kultanhängers.

„Richtig. Genau das, was ich sagen wollte. Und deswegen bin ich auch gekommen, Mr. Vahino. Ich habe keine Beschwerden vorzubringen — nichts Spezifisches, verstehen Sie? Aber es haben sich unzählige kleine Schwierigkeiten ergeben, die nur ihr Cundaloaner selbst abstellen könnt. Wir Solarier können und dürfen uns nicht in eure inneren Angelegenheiten einmischen. Doch einiges muß anders werden, oder unsere Hilfe ist umsonst.“

Vahino hatte bereits eine Vorstellung von dem, was jetzt auf ihn zukam. Er hatte es seit einiger Zeit kommen sehen, dachte er voll Unbehagen. Man konnte der Zukunft eben nicht ausweichen. Er rauchte und hob die Augenbrauen in stummer, höflicher Frage. Dann erinnerte er sich daran, daß die Irdischen ja nicht in der Lage waren, Zeichen zu verstehen, und sagte deshalb: „Sprechen Sie sich ruhig aus. Äußern Sie Ihre Wünsche. Ich begreife, daß Sie nicht beleidigen wollen. Wir fassen es deshalb auch gar nicht so auf.“

„Gut.“ Lombard lehnte sich vor und knetete nervös seine von harter Arbeit gezeichneten Hände. „Ihre Kultur, Ihre psychologische Einstellung ist für eine moderne Zivilisation völlig ungeeignet. Das läßt sich ändern, aber nur, wenn es drastisch geschieht. Nur Sie können das erreichen, durch Gesetze, Propaganda, Änderung des Erziehungssystems und so weiter. Aber es muß geschehen!“ Lombard blickte auf den Boden und dachte kurz nach. „Zum Beispiel Ihre Siesta. Im Augenblick läuft im gesamten Datumsbereich dieses Planeten nicht ein Rad, nicht eine Maschine. Ihre Leute liegen alle in der Sonne, dichten Verse oder summen Melodien vor sich hin. Viele dösen auch nur. Wir müssen eine ganze Zivilisation neu aufbauen, Vahino! Plantagen müssen angelegt, Fabriken müssen gebaut, Städte müssen errichtet, Kanäle müssen gezogen werden! So etwas läßt sich nicht mit einem Vier-Stunden-Arbeitstag erreichen!“