122170.fb2 Die Mondmotte - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 1

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Das Hausboot war genau nach dem Standard der sirenischen Handwerkskunst gebaut, und das heißt, so vollkommen, wie es vom menschlichen Auge zu erfassen war. Die Planken aus dunklem, poliertem Holz ließen nicht einmal erkennen, wo sie zusammengefügt waren, und alle Verschraubungen bestanden aus Platin, waren versenkt und mit der Oberfläche plan verschliffen. Dem Stil nach war das Boot massiv, breit in der Mitte und so sicher wie die Küste selbst, ohne jedoch schwerfällig zu wirken. Der Bug wölbte sich wie eine Schwanenbrust, der Steven stieg hoch hinauf und bog sich nach vorwärts, um eine Eisenlaterne zu tragen. Die Türen waren aus Bohlen eines schwarz-grün gefleckten Holzes geschnitzt, die Fenster reichlich unterteilt und mit Glimmer eingesetzt, der rote, blaue, blaßgrüne und violette Muster aufwies. Im Bug waren die Serviceräume und die Sklavenquartiere untergebracht, mittschiffs befanden sich ein paar Schlafkabinen, ein Speisesalon und ein Gesellschaftsraum, von dem aus das Beobachtungsdeck im Heck zugänglich war.

Das war also Edwer Thissells Hausboot, doch der Besitz brachte ihm kein Vergnügen, er war auch nicht stolz darauf, denn es war schon ein wenig schäbig. Die Teppiche hatten die weiche Fülle eingebüßt, die Schnitzereien waren beschädigt, die Buglaterne wies dicken Rost auf. Vor siebzig Jahren hatte der erste Besitzer den Bootsbauer geehrt und sich selbst geehrt gefühlt, und da der ganze Prozeß mehr war als ein Geben und Nehmen, hatte er zum Prestige beider beigetragen. Diese Zeit war längst vorbei, und nun war mit dem Boot kein Prestige mehr verbunden. Edwer Thissell lebte erst seit drei Monaten auf Sirene; die Mängel sah er, konnte sie aber nicht abstellen.

Dieses Boot war das beste, was er bekommen konnte. Er saß auf dem hinteren Deck und übte auf der ganga, einem zitherähnlichen Instrument, kaum größer als seine Handfläche.

Hundert Meter landeinwärts schäumte ein Brandungsstreifen auf den weißen Strand, dahinter war Dschungel vor dem Hintergrund dunkler Felsberge. Mireille hing weiß und etwas vernebelt über ihm, als scheine sie durch dichtes Spinnengewebe. Der Ozean schimmerte wie Perlmutt. Die Szene war ihm schon bis zur Langeweile vertraut, wenn er ihrer auch nicht ganz so überdrüssig war wie der ganga, auf der er nun seit zwei Stunden übte und die sirenischen Tonleitern malträtierte. Jetzt legte er dieses Instrument weg und nahm das zachinko auf, ein kleines Tonkästchen, das mit Tasten versehen war und mit der rechten Hand gespielt wurde.

Drückte man auf diese Tasten, so wurde Luft durch hohle Halme in die Tasten selbst gepreßt, so daß ein Ton wie bei einer Konzertina entstand. Thissell spielte ein halbes Dutzend schneller Tonleitern und machte dabei ein paar Fehler. Von den sechs Instrumenten, die zu lernen er sich zum Ziel gesetzt hatte, erwies sich das zachinko als am wenigsten widerspenstig, mit der einen Ausnahme, des hymerkins natürlich, dieses klatschenden, klappernden Geräts aus Holz und Stein, das jedoch ausschließlich für die Sklaven benutzt wurde.

Thissell übte noch weitere zehn Minuten, dann legte er das zachinko weg, streckte die Arme und knetete seine schmerzenden Finger. Seit seiner Ankunft hatte er jeden wachen Moment mit den Instrumenten verbracht: das hymerkin, die ganga, das zachinko, der kiv, der strapan, das gomapard — auf jedem Instrument hatte er zahllose Akkorde, neunzehn Tonleitern und vier Tonarten und Intervalle geprobt, von denen er auf seinen Heimatwelten noch nie gehört hatte, Triller, Arpeggien, Schleifer, Klickpausen und Nasalisation; dazu kamen noch Dämpfen und Erhöhen von Obertönen, Vibratos und Heuler, die sogenannten Wolfstöne, konkave und konvexe Akkorde. Er übte wie besessen und mit einem fast tödlichen Eifer, in dem sein angeborenes Vergnügen an der Musik längst ertrunken war. Wenn er diese Instrumente ansah, hätte er sie am liebsten in hohem Bogen in den Titanic geschleudert.

Er stand auf, ging durch Salon und Speisesalon, an der Kombüse vorbei und kam zum Vorderdeck. Dort beugte er sich über die Reling und schaute hinab in die Unterwasserställe, wo Toby und Rex, die Sklaven, die Drachenfische für die wöchentliche Reise nach Fan anschirrten. Es waren nur acht Meilen. Der jüngste Fisch schien ziemlich verspielt zu sein und duckte sich immer vom Geschirr weg. Sein schwarzes Maul stieß durch das Wasser, und Thissell sah bestürzt in das Gesicht: der Fisch trug keine Maske!

Thissell lachte ein wenig unbehaglich und fingerte an seiner eigenen Maske herum, der Mondmotte. Kein Zweifel, er paßte sich den Sitten auf Sirene an. Es war bezeichnend, daß er sich beim Anblick des nackten Fischgesichts erschüttert fühlte.

Endlich waren alle Fische angeschirrt. Toby und Rex kletterten an Bord. Ihre roten Körper schimmerten, ihre schwarzen Stoffmasken klebten an ihren Gesichtern. Sie verschlossen den Stall und hoben den Anker. Die Drachenfische legten sich ins Geschirr, das Hausboot bewegte sich vorwärts.

Thissell kehrte zum Achterdeck zurück und nahm den strapan wieder auf. Das war ein rundes Instrument von etwa einer Spanne Durchmesser, und von einem Mittelzapfen aus spannten sich sechsundvierzig Saiten zum Rand, wo sie entweder an einem Glöckchen oder einem Klirrstab befestigt waren. Riß man die Saiten an, so klingelten die Glöckchen und klirrten die Stäbe. Wurde das Instrument mit einiger Meisterschaft gespielt, so erzeugte es eine schwirrende und klingelnde Melodie. Die Wirkung der kühlen Dissonanzen war recht eindrucksvoll. Malträtierte das Instrument ein Ungeschickter, so erzeugte es schlicht und einfach nur Lärm.

Der strapan war Thissells schwächstes Instrument, und er übte während der ganzen Reise nach dem Norden, wenn auch unkonzentriert.

In angemessener Zeit näherte sich das Hausboot der schwimmenden Stadt. Die Drachenfische wurden gezügelt, das Boot an den Ankerplatz geschleppt. Am Dock standen viele Müßiggänger, die das Boot, die Sklaven und Thissell selbst ungeniert kritisierten, wie es auf Sirene Sitte war. Thissell hatte sich daran noch nicht ganz gewöhnt und war leicht aus der Fassung zu bringen, besonders wegen der Unbeweglichkeit der Masken. Verlegen rückte er seine Mondmotte zurecht und kletterte die Leiter zum Dock hoch.

Ein Sklave erhob sich aus der Hocke und berührte den schwarzen Stoff an seiner Stirn. „Die Mondmotte vor mir drückt vielleicht die Identität von Ser Edwer Thissell aus?“ sang er in der Dreitonweise der Frage.

Thissells Finger glitten über das hymerkin an seiner Seite und sang: „Ich bin Ser Thissell.“

„Ich fühle mich geehrt“, erwiderte singend der Sklave. „Drei Tage warte ich vom Morgen bis zum Abend am Dock, drei Nächte vom Abend bis zum Morgen lauschte ich auf einem Balken unter diesem Dock den Füßen der Nachtmänner.

Endlich erkenne ich die Maske von Ser Thissell.“

Ungeduldig klimperte Thissell auf seinem hymerkin. „Was soll dein Warten?“

„Ich habe eine Botschaft, Ser Thissell, sie ist für Euch bestimmt.“

Thissell streckte die linke Hand aus und spielte mit der rechten das hymerkin. „Gib mir die Botschaft.“

Sie trug eine dicke Überschrift:

DRINGENDE MITTEILUNG! SEHR EILIG!

Thissell riß den Umschlag auf. Unterzeichnet war die Mitteilung von Castel Cromartin, Leiter des Verwaltungsrats der Interworld Polizei. Nach der formellen Anrede las er:

ABSOLUT DRINGEND sind die folgenden Befehle auszuführen: An Bord der Carina Cruzeiro, Bestimmungsort Fan, Ankunft 10. Januar U. Z. ist der berüchtigte Meuchelmörder Haxo Angmark. Sei mit angemessener Autorität am Landeort, sorge für Festnahme und Inhaftierung dieses Mannes. Der Befehl ist erfolgreich auszuführen.

Mißerfolg nicht akzeptabel.

ACHTUNG! Haxo Angmark ist überaus gefährlich. Töte ihn ohne Zögern, wenn er Widerstand leistet.

Angewidert musterte Thissell die Mitteilung. Er war als Konsularvertreter nach Fan gekommen und hatte nicht mit solchen Aufträgen gerechnet; auch konnte er mit gefährlichen Meuchelmördern nicht umgehen, mochte es auch nicht.

Nachdenklich rieb er die grauhaarige Wange seiner Maske.

Nun ja, Esteban Rolver, Direktor des Raumhafens, würde ihm sicherlich helfen und ihm vielleicht einen Trupp Sklaven zur Verfügung stellen.

10. Januar, Universal-Zeit. Er zog seinen Umrechnungskalender zu Rate. Heute, der 40. in der Jahreszeit des Bitteren Nektars… Sein Finger ging die Liste entlang. 10.

Januar. Heute. In der Ferne rumpelte es. Aus dem Dunst tauchte ein dunkler Umriß auf. Der Leichter kehrte zurück vom Kontakt mit der Carina Cruzeiro.

Thissell las noch einmal die Mitteilung durch und schaute dem sich senkenden Leichter entgegen. In fünf Minuten würde ihm Haxo Angmark entsteigen. Die Landeformalitäten hielten ihn vielleicht zwanzig Minuten auf, doch das Landefeld selbst war eineinhalb Meilen entfernt und nur über eine gewundene schmale Straße durch die Berge zu erreichen.

„Wann kam diese Mitteilung?“ fragte Thissell den Sklaven.

Der gab vor, nicht verstanden zu haben. Das tat er erst, als Thissell zum Klang des hymerkins die Frage sang. „Wie lange erfreust du dich schon der Ehre, den Brief in Händen zu halten?“

„Lange Tage habe ich gewartet am Dock“, sang der Sklave, „und nur beim Anbruch der Nacht zog ich mich zurück. Endlich wurde mein Warten belohnt. Ich sehe vor mir Ser Thissell.“

Zornig lief Thissell weg. Diese umständlichen, unfähigen Sirener! Warum hatte man die Botschaft nicht an seinem Hausboot abgeliefert? Noch zweiundzwanzig Minuten… Auf der Esplanade hielt Thissell an und hoffte auf ein Wunder: auf einen Lufttransport, der ihn im Nu zum Raumhafen brachte, wo mit Rolvers Hilfe Haxo Angmark aufgehalten werden konnte. Oder noch besser, ein zweiter Befehl, der den ersten aufhob. Irgend etwas. Aber auf Sirene gab es keine Luftwagen, ein zweiter Bote kam nicht.

Gegenüber an der Esplanade gab es eine dünne Reihe von Dauerbauten aus Stein und Eisen, errichtet gegen die Nachtmenschen. Eines dieser Gebäude bewohnte ein Stallknecht, und Thissell sah auch einen Mann in reicher Silbermaske mit Perlen, der auf einem der eidechsenähnlichen Reittiere von Sirene herauskam. Noch hatte Thissell etwas Zeit, und mit einigem Glück konnte er Haxo Angmark festnehmen. Er eilte also über die Esplanade.

Der Stallknecht stand vor seinen Tieren und musterte sie, polierte dann und wann eine Schuppe oder verscheuchte ein Insekt. Fünf ausgezeichnete Tiere, alle fast mannshoch, standen da; sie hatten massive Beine und dicke Körper, und ihre Köpfe waren schwer und keilförmig. Die Fangzähne waren künstlich verlängert und zu Kreisen geformt; an ihnen hingen goldene Ringe. Die Schuppen waren mit purpurfarbenen, grünen, orangefarbenen, roten, blauen, braunen, rosa, gelben und silbernen Dreiecken bemalt.

Atemlos stand Thissell schließlich vor dem Stallknecht, griff nach seinem kiv und zögerte. War dies eine gelegentliche persönliche Begegnung? Oder gehörte sich hier das zachinko?

Nein, so formell brauchte er nicht zu tun. Der kiv erschien ihm besser. Er schlug einen Akkord an, doch er entdeckte, daß er dies auf der ganga getan hatte. Unter seiner Maske grinste Thissell verlegen. Seine Beziehung zu dem Stallknecht war keineswegs intim. Er hoffte, der Mann möge von heiterer Gemütsart sein, und die Dringlichkeit seiner Sache ließ außerdem eine sorgfältige Wahl des Instruments nicht zu. Er zupfte einen zweiten Akkord, tat das so gefühlvoll, wie seine mangelnde Geschicklichkeit dies erlaubte, und sang dazu:

„Ich brauche sofort ein schnelles Reittier. Erlaube mir, eines aus deiner Herde auszuwählen.“

Der Stallknecht trug eine recht komplizierte Maske, die Thissell nicht identifizieren konnte, ein Gebilde aus poliertem braunem Metall, gefälteltem grauem Leder und zwei große grüne und scharlachrote Kugeln hoch auf der Stirn; sie waren wie Insektenaugen unterteilt. Er musterte Thissell ziemlich lange, dann wählte er sein stimic, das Instrument der Ablehnung, entlockte ihm eine brillante Reihe von Trillern und sich wiederholender Tonfolgen, die Thissell nicht verstand.

Der Stallknecht sang: „Ser Mondmotte, ich fürchte, daß meine Tiere einem Mann von deiner Würde nicht genügen.“

Thissell zupfte seine ganga. „Absolut nicht, sie erscheinen mir gut. Ich bin in großer Eile und nehme gerne jedes Tier der Gruppe an.“

Der Stallknecht spielte ein brüchiges Kreszendo. „Ser Mondmotte, die Tiere sind krank und schmutzig. Es schmeichelt mir, daß du sie für geeignet hältst, doch ich kann soviel Ehre nicht annehmen.“ Er wechselte die Instrumente.

„Ich erkenne leider nicht den Zechbruder und Handwerksgefährten, der mich so vertraut mit seiner ganga anklimpert“, sang er und spielte dazu den krodatch, das Instrument der Beleidigung.

Es war klar: Thissell würde kein Reittier bekommen. Er drehte sich also um und begab sich auf einen Dauerlauf zum Raumhafen. Hinter ihm tönte des Stallknechtes hymerkin, doch Thissell wußte nicht, war dies nun gegen dessen Sklaven gerichtet oder gegen ihn.

Der frühere Konsularvertreter der Heimatplaneten war in Zundar ermordet worden. Als Tavernenheld maskiert, hatte er ein bebändertes Mädchen, geschmückt für die Äquinoktialfeiern, angesprochen und war sofort von einem Roten Demiurgen, einem Sonnenkobold und einem Zauberhorn enthauptet worden. Edwer Thissell hatte erst vor kurzem seine Studien abgeschlossen und war sofort zu seinem Nachfolger ernannt worden. Drei Tage hatte er Zeit gehabt für seine Vorbereitungen. Normalerweise war er übervorsichtig, doch diese Ernennung hatte Thissell als große Aufgabe angesehen. Mittels subzerebraler Techniken lernte er die sirenische Sprache und fand sie unkompliziert. Im Journal der Universal Anthropologie las er: „Die Bevölkerung der titanischen Küstenländer ist überaus individualistisch, möglicherweise als Reaktion auf eine sehr reiche Umwelt, die keine Gruppenaktivität erzwingt. Die Sprache drückt diesen Wesenszug aus, also auch die Stimmung der Person, seine gefühlsmäßige Haltung einer gegebenen Situation gegenüber. Informationen über Tatsachen gelten als zweitrangig. Außerdem wird die Sprache gesungen, charakteristischerweise zur Begleitung kleiner Instrumente.

Demgemäß ist es äußerst schwierig, von einem Eingeborenen aus Fan oder der verbotenen Stadt Zundar Tatsachen zu erfahren. Man erhält elegante Arien vorgesungen und Demonstrationen einer wahrhaft erstaunlichen Virtuosität auf einem oder mehreren der zahlreichen Musikinstrumente. Der Besucher dieser faszinierenden Welt muß deshalb, will er nicht mit der größten Verachtung behandelt werden, nach lokaler Sitte sich auszudrücken lernen.“

Thissell machte in seinem Notizbuch einen entsprechenden Vermerk: Kleine Musikinstrumente mit Anleitungen für deren Gebrauch besorgen. Dann las er weiter: