122170.fb2 Die Mondmotte - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 5

Die Mondmotte - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 5

„Hm! In alten Tagen besuchte er den Exo Cambian Cycle, und ich glaube, er benutzte damals eine ganze Serie von niederen Meeresbewohnern. Sein Geschmack kann sich natürlich geändert haben.“

„Genau“, beklagte sich Thissell. „Er ist vielleicht nur zwanzig Schritte entfernt, und ich ahne es nicht einmal. Und keiner will mir etwas sagen. Ich glaube, denen ist es egal, ob ein Meuchelmörder frei unter ihnen herumläuft.“

„Richtig“, pflichtete ihm Kershaul bei. „Die Sirener denken ganz anders als wir.“

„Sie kennen keine Verantwortung. Ich zweifle, ob sie einem Ertrinkenden ein Tau zuwerfen würden.“

„Es ist richtig, sie lieben keine Einmischung“, erklärte Kershaul. „Sie betonen die Verantwortung des Individuums und ihre Unabhängigkeit.“

„Interessant, aber ich weiß noch immer nicht, wo Angmark ist.“

Kershaul musterte ihn ernst. „Was willst du tun, wenn du ihn findest?“

„Ich führe den Befehl meiner Vorgesetzten aus.“

„Angmark ist gefährlich. Er hat dir gegenüber viele Vorteile.“

„Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Es ist meine Pflicht, ihn nach Polypolis zurückzuschicken. Aber hier ist er vermutlich sicher, denn ich habe keine Ahnung, wie und wo ich ihn finden soll.“

Kershaul überlegte. „Ein Außenweltler kann sich vor den Sirenern nicht hinter einer Maske verstecken. Wir sind zu viert hier, Rolver, Welibus, du und ich. Wenn ein anderer Außenweltler einen Haushalt zu errichten versucht, macht die Neuigkeit sehr schnell die Runde.“

„Und wenn er nach Zundar reist?“

Kershaul zuckte die Schultern. „Ich glaube nicht, daß er das wagt. Jedoch…“ Dann bemerkte er, daß Thissell anderswohin schaute, und er folgte seinem Blick.

Ein Mann in einer Waldschratmaske taumelte die Esplanade entlang. Kershaul legte eine Hand auf Thissells Arm, doch dieser trat dem Waldschrat in den Weg und hielt die geborgte Pistole in der Hand. „Haxo Angmark“, rief er, „keine Bewegung, sonst erschieße ich dich. Du bist verhaftet.“

„Bist du auch sicher, daß dies Angmark ist?“ fragte Kershaul.

„Das finde ich schon heraus. Angmark, dreh dich um, und heb die Hände hoch.“

Der Waldschrat stand verblüfft da und rührte sich nicht. Dann griff er nach seinem zachinko und spielte ein fragendes Arpeggio. „Warum belästigst du mich, Mondmotte?“ fragte er.

Kershaul spielte beruhigend auf seinem slobo ein paar Töne.

„Ich fürchte, das hier ist ein Fall von verwechselter Persönlichkeit, Ser Waldkobold. Ser Mondmotte sucht einen Außenweltler in einer Waldkoboldmaske.“ Der Schrat spielte ein paar gereizte Akkorde und ging zum stimic über. „Er glaubt also, ich sei ein Außenweltler? Soll er es doch beweisen, oder er hat meine Vergeltung zu fürchten.“

Kershaul musterte verlegen die Menge, die sich angesammelt hatte. Er zupfte eine beruhigende Weise. „Ich bin sicher, Ser Mondmotte hat…“

Der Waldschrat unterbrach mit einer skaranyi-Fanfare. „Soll er doch seinen Fall beweisen oder sich für das Duell bereit machen.“

„Na, schön, ich beweise meinen Fall“, erklärte Thissell, trat vor und griff nach der Waldkoboldmaske. „Laß dein Gesicht sehen, damit ich dich erkennen kann!“

Der Waldschrat sprang entsetzt zurück, die Menge stöhnte, dann begann ein allgemeines Geklimper.

Der Waldkobold zupfte am Nacken die Saite seines Duellgongs, mit der anderen Hand wirbelte er sein Krummschwert.

Kershaul trat vor und spielte aufgeregt sein slobo. Thissell trat verlegen zur Seite, denn die Reaktion der Menge gefiel ihm nicht.

Kershaul sang Erklärungen und Entschuldigungen, der Waldschrat antwortete, und Kershaul sagte über die Schulter zu Thissell, er solle schleunigst verschwinden, denn der andere werde ihn töten.

Und da schob auch schon der Kobold seinen Freund zur Seite, stampfte mit den Füßen und streckte die Hand aus.

„Lauf!“ rief Kershaul, „lauf zu Welibus’ Büro und sperr dich dort ein!“

Jetzt rannte Thissell aber, der Waldschrat verfolgte ihn ein Stück und schickte ihm ein paar böse Hornstöße nach, während die Menge verächtlich das hymerkin schlug.

Da ihn niemand mehr verfolgte, suchte Thissell auch nicht Zuflucht in Welibus’ Büro, sondern ging weiter zum Dock, wo sein Hausboot lag. Kurz vor Einbruch der Dämmerung war er an Bord. Toby und Rex hockten auf dem Vordeck, umgeben von den eingekauften Vorräten: Binsenkörbe voll Obst und Getreidekorn, Krüge aus blauem Glas, die Wein enthielten, Öl und scharfriechende Säfte, und in einem Weidenställchen hatten sie drei junge Schweine. Sie knackten Nüsse mit den Zähnen und spuckten die Schalen zur Seite. Als sie Thissell sahen, standen sie beiläufiger als sonst auf; Toby murmelte etwas, Rex unterdrückte ein Kichern.

Ärgerlich ließ Thissell sein hymerkin erklingen. „Nehmt das Boot vom Strand, heute bleiben wir in Fan“, sang er.

In seiner Kabine nahm er die Mondmotte ab und schaute in den Spiegel. Er kannte sich fast selber nicht mehr. Er mochte diese Maske nicht, die pelzige graue Haut, die bläulichen Adern darin, die lächerlichen Spitzenflügel. Nein, das war keine würdige Maske für einen Konsularvertreter der Heimatplaneten. Falls er diese Stellung überhaupt noch hatte, wenn man zu Hause hörte, daß Angmark noch immer frei herumlief!

Thissell warf sich in einen Sessel und starrte düster ins Weite.

Er hatte heute viel Rückschläge erlitten, doch entmutigt war er nicht. Morgen würde er Kershaul besuchen und mit ihm besprechen, wie sie am besten Angmark finden könnten. Ein Außenweltlerhaushalt konnte sich, wie Kershaul richtig bemerkte, nicht so leicht verstecken. Haxo Angmarks Identität würde sich bald erweisen. Und morgen mußte er sich eine andere Maske besorgen. Nichts Glorreiches oder Außergewöhnliches, aber eine Maske, die der Würde seines Amtes und seiner Selbstachtung entsprach.

Früh am nächsten Morgen, als noch halbe Dämmerung herrschte, ruderten die Sklaven das Hausboot zurück an den Dockabschnitt, der für Außenweltler reserviert war. Rolver, Welibus oder Kershaul waren noch nicht da, und Thissell wartete ungeduldig. Nach einer Stunde kam endlich Welibus, doch mit dem wollte er nicht sprechen, und so blieb Thissell in seiner Kabine.

Dann war Rolvers Boot da, der gleich darauf in seiner üblichen Tarnvogelmaske auf das Dock kletterte. Dort traf er sich mit einem Mann in einer gelbfelligen Sandtigermaske, der auf seinem gomapard eine Begleitung spielte zu dem, was er Rolver zu melden hatte.

Rolver schien erstaunt und besorgt zu sein. Nach kurzem Überlegen zupfte er selbst an seinem gomapard herum, und als er sang, deutete er auf Thissells Hausboot. Dann verbeugte er sich und ging.

Der Sandtigermaskenmann kletterte voll Würde auf ein Floß und klopfte am Schanzkleid von Thissells Hausboot. Die sirenische Etikette forderte nicht, daß Thissell diesen Besucher an Bord bat, also stellte er nur eine Frage mit seinem zachinko.

Der Sandtiger antwortete mit dem gomapard und sang:

„Die Dämmerung über der Bucht von Fan ist eine blendende Gelegenheit. Der Himmel ist weiß mit gelben und grünen Farben, und wenn Mireille aufgeht, so verbrennen die Nebel und züngeln wie Flammen. Der Sänger zieht großes Vergnügen aus dieser Stunde, wenn die schwimmende Leiche eines Außenweltlers nicht erscheint und die schöne Aussicht verdirbt.“

Thissells zachinko stellte eine verblüffte Frage aus sich selbst heraus, der Sandtiger verbeugte sich voll Würde. „Der Sänger bestätigt, daß er nicht am Stehvermögen zweifelt, jedoch er will sich nicht peinigen lassen von einem unzufriedenen Geist.

Deshalb hat er seine Sklaven angewiesen, einen Lederriemen am Fußknöchel der Leiche zu befestigen, und während die Unterhaltung fortging, wurde die Leiche festgemacht am Heck des Hausboots. Du willst sicher gewisse Riten vollziehen, wie sie in deiner Außenwelt gebräuchlich sind. Jener, der singt, wünscht dir einen guten Morgen und scheidet nun von dir.“

Thissell rannte zum Heck seines Hausboots und entdeckte die maskenlose, fast nackte Leiche eines ausgewachsenen Mannes, die oben schwamm, weil seine Hosen mit Luft gefüllt waren.

Thissell musterte das tote Gesicht, das ihm ausdruckslos erschien; vielleicht war dies eine Folge des Maskentragens.

Der Körper war von mittlerer Größe und angemessenem Gewicht, er mochte zwischen fünfundvierzig und fünfzig Jahre alt sein. Das Haar war unansehnlich braun, das Gesicht vom Wasser aufgedunsen. Nichts wies darauf hin, wie der Mann gestorben war.

Das war wohl Haxo Angmark, meinte Thissell. Wer sonst könnte es sein? Mathew Kershaul? Warum nicht? Rolver und Welibus hatten bereits ihre Boote verlassen und gingen ihren Geschäften nach. Er suchte die Bucht nach Kershauls Hausboot ab und entdeckte es, als es am Dock anlegte.

Kershaul sprang heraus und trug seine Höhleneulenmaske.

Er schien sehr in Gedanken versunken zu sein, denn er ging an Thissells Hausboot vorbei, ohne aufzuschauen.

Thissell wandte sich wieder der Leiche zu. Also wohl Angmark. Von den Hausbooten waren doch Rolver, Welibus und Kershaul in ihren charakteristischen Masken gekommen… Also Angmark… Aber diese Lösung erschien Thissell als zu einfach. Kershaul hatte gesagt, jeder Außenweltler sei schnell zu identifizieren. Wie sollte Angmark sich selbst… Thissell schob den Gedanken von sich, denn die Leiche war offensichtlich Angmark.

Und doch… Er rief seine Sklaven und erteilte den Befehl, ein geeigneter Behälter sei zum Dock zu bringen, damit die Leiche zu einem passenden Ruheplatz gebracht werden könne. Begeistert waren die Sklaven darüber nicht, und Thissell mußte gewaltig donnern und das hymerkin schlagen.