122170.fb2 Die Mondmotte - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 8

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Von rückwärts her stieß ihn etwas Hartes, Schweres nach vorne, er stürzte zu Boden, die Waffe wurde ihm geschickt entwunden. Hinter ihm klimperte das hymerkin. Eine Stimme sang: „Bindet die Arme des Narren!“

Der am Tisch sitzende Mann stand auf, nahm die rot- schwarz-grüne Maske ab und enthüllte die schwarze Stoffmaske eines Sklaven. Thissell verdrehte den Kopf. Über ihm stand Haxo Angmark mit der Maske eines Drachenzähmers, die aus schwarzem Metall bestand, eine messerscharfe Nase und dicke Augenlider hatte, und über den ganzen Skalp liefen drei Kammwülste.

Der Ausdruck der Maske war unbestimmbar, doch Angmarks Stimme klang triumphierend: „Ah, ich lockte dich leicht in die Falle!“

„Ja, das ist richtig“, gab Thissell zu. Der Sklave knotete seine Handgelenke zusammen. Angmarks hymerkin schickte ihn mit Geklapper weg. „Steh auf und setz dich in diesen Stuhl“, sagte Angmark.

„Worauf wartest du noch?“ fragte Thissell.

„Zwei von unseren Leuten bleiben draußen auf dem Wasser.

Wir brauchen sie nicht für das, was wir vorhaben.“

„Und das ist was?“

„Du wirst es rechtzeitig erfahren. Wir haben noch etwa eine Stunde Zeit.“

Thissell probierte seine Fesseln, doch die waren sicher.

Angmark setzte sich. „Wie bist du auf mich gekommen?“

fragte er. „Ich bin neugierig… Komm, komm… Willst du nicht anerkennen, daß ich dich übertölpelt habe? Du machst die Sache nur viel unangenehmer für dich selbst.“

Thissell zuckte die Schultern. „Ich arbeitete nach einem Grundprinzip. Ein Mann kann sein Gesicht maskieren, jedoch nicht seine Persönlichkeit.“

„Aha. Wie interessant. Nun, sprich weiter.“

„Ich borgte mir einen Sklaven von dir und den beiden anderen Außenweltlern und fragte sie sorgfältig aus. Welche Masken hatten ihre Herren getragen in dem Monat vor deiner Ankunft? Ich legte eine Karte an und notierte ihre Antworten.

Rolver trug den Tarnvogel zu achtzig Prozent der Zeit, den Rest teilte er auf zwischen der Sophisten-Abstraktion und der Schwarzen Intrikation. Welibus hatte mehr Geschmack für die Helden des Kan-Dachan-Kreises. Er trug den Chalekun, den Prinzen Intrepid, den Seavain an sechs von acht Tagen. Die anderen beiden Tage wählte er Südwind oder seinen Fröhlichen Gesellen. Kershaul war konservativer, er zog die Höhleneule oder den Sternenwanderer vor, und gelegentlich trug er noch zwei oder drei andere Masken.

Diese Informationen erhielt ich von den Sklaven, der genauesten Quelle. Mein nächster Schritt war der, euch drei genau zu beobachten. Täglich notierte ich, welche Masken ihr trugt, und verglich alles mit meiner Karte. Rolver trug den Tarnvogel sechsmal, die Schwarze Intrikation zweimal.

Kershaul fünfmal seine Höhleneule, den Sternenwanderer einmal, den Quincunx auch einmal, und sein Ideal der Perfektion einmal. Welibus hatte zweimal den Smaragdberg, dreimal den Dreifachen Phönix, den Prinzen Intrepid einmal, den Haigott zweimal.“

Angmark nickte nachdenklich. „Ich sehe meinen Fehler. Ich wählte eine von Welibus’ Masken, aber nach meinem eigenen Geschmack, und damit verriet ich mich, doch nur dir gegenüber.“ Er ging zum Fenster. „Kershaul und Rolver kommen nun an die Küste. Bald gehen sie ihren Geschäften nach, wenn ich auch daran zweifle, daß sie sich einmischen werden. Beide sind gute Sirener geworden.“

Thissell wartete schweigend. Zehn Minuten vergingen. Dann nahm Angmark ein Messer von einem Brett und sah Thissell an. „Steh auf!“ befahl er.

Langsam erhob sich Thissell. Angmark kam von der Seite her und hob Thissells Mondmottenmaske vom Gesicht. Thissell machte den vergeblichen Versuch, sie festzuhalten. Zu spät.

Sein Gesicht war nackt und kahl.

Angmark drehte sich weg, nahm seine eigene Maske ab und setzte die Mondmotte auf. Er schlug einen Ruf auf seinem hymerkin. Zwei Sklaven traten ein und blieben geschockt stehen, als sie Thissell sahen. Angmark spielte einen scharfen Wirbel. „Tragt diesen Mann zum Dock hinauf.“

„Angmark, ich habe doch keine Maske auf!“ rief Thissell.

Die Sklaven ergriffen ihn, und trotz heftiger Gegenwehr schleppten sie ihn auf Deck hinauf und weiter zum Dock.

Angmark legte ein Seil um Thissells Hals. „Du bist jetzt Haxo Angmark, und ich bin Edwer Thissell“, sagte er.

„Welibus ist tot, und du wirst auch bald tot sein. Ich kann deinen Job leicht tun. Ich spiele die Musikinstrumente wie ein Nachtmensch und singe wie eine Krähe. Ich trage die Mondmotte, bis sie mir vom Gesicht fällt, und dann erwerbe ich eine neue. Der Bericht geht nach Polypolis, daß Haxo Angmark tot ist. Alles wird in bester Ordnung sein.“

Thissell hörte es kaum. „Das kannst du nicht tun“, flüsterte er. „Meine Maske… mein Gesicht…“ Eine große, dicke Frau mit einer blau-rosa Blumenmaske kam das Dock entlang, sah Thissell und tat einen schrillen Schrei, gleichzeitig warf sie sich der Länge nach zu Boden.

„Komm nur mit“, forderte ihn Angmark heiter auf, zerrte am Seil und schleppte Thissell das Dock entlang. Ein Mann mit der Maske eines Piratenkapitäns kam aus seinem Hausboot und stand starr vor Staunen da.

Angmark spielte das zachinko und sang: „Sieh dir den berüchtigten Verbrecher Haxo Angmark an! Sein Name ist auf allen Außenwelten verhaßt, doch jetzt ist er gefangen und wird in Schande zu seinem Tod geführt. Das hier ist Haxo Angmark!“

Sie bogen in die Esplanade ein. Ein Kind schrie vor Angst, ein Mann rief heiser etwas, Thissell stolperte, und Tränen stürzten aus seinen Augen. Er konnte nur noch undeutliche Umrisse und verzerrte Farben erkennen. Angmarks Stimme bellte: „Jeder schaue her, der Verbrecher der Außenwelten Haxo Angmark! Kommt und seht zu, wie er hingerichtet wird!“

„Ich bin nicht Angmark, ich bin Edwer Thissell“, rief Thissell mit schwacher Stimme. „Er ist Angmark!“ Aber niemand hörte auf ihn. Alle schrien vor Ekel, Schock und Zorn, als sie sein Gesicht sahen. „Gib mir meine Maske oder wenigstens ein Sklaventuch!“ jammerte er.

„In Schande hat er gelebt!“ jubelte Angmark, „in maskenloser Scham stirbt er.“

Ein Waldkobold stand vor Angmark. „Mondmotte, wir treffen uns wieder.“

„Geh weg, Freund Kobold“, sang Angmark, „ich muß diesen Verbrecher zu Tode bringen. In Schande gelebt, in Schande gestorben!“

Um die Gruppe hatte sich nun eine Menge angesammelt. In morbider Faszination starrten die Masken Thissell an. Der Waldschrat entriß Angmark das Seil und warf es zu Boden.

Die Menge kreischte. „Nein, kein Duell, bringt das Monster um!“ schrien ein paar.

Über Thissells Kopf wurde ein Tuch geworfen, und nun erwartete er einen Schwertstreich. Aber seine Fesseln wurden aufgeschnitten. Hastig zog er das Tuch zurecht, so daß es sein Gesicht verhüllte.

Vier Männer hielten Haxo Angmark fest. Der Waldschrat spielte auf seinem skaranyi und pflanzte sich vor Angmark auf.

„Vor einer Woche versuchtest du, mich meiner Maske zu entkleiden, nun hast du dein perverses Ziel erreicht.“

„Aber er ist doch ein Verbrecher!“ schrie Angmark. „Er ist berüchtigt. Sehr sogar.“

„Welches sind seine Untaten?“ sang der Waldschrat.

„Er hat gemordet und betrogen, er hat Schiffe zerstört, er hat gefoltert, erpreßt, geraubt und Kinder in die Sklaverei verkauft.

Er hat…“ Der Waldkobold gebot Einhalt. „Deine religiösen Differenzen sind unwichtig. Wir können aber deine jetzigen Verbrechen beschwören.“

Der Stallknecht trat vor. Wild sang er: „Diese freche Mondmotte versuchte vor neun Tagen, mein bestes Reittier zu stehlen.“

Ein anderer Mann drängte sich durch. Er trug einen Universal-Experten und sang: „Ich bin ein Maskenmachermeister. Ich erkenne diesen Außenweltler, die Mondmotte. Erst kürzlich kam er in meinen Laden und zweifelte an meiner Meisterschaft. Er verdient den Tod!“

„Tod dem Außenweltmonster!“ schrie die Menge. Viele Männer drängten heran. Klingen hoben und senkten sich, es war geschehen.

Thissell sah zu und konnte sich nicht bewegen. Der Waldschrat näherte sich ihm und spielte das stimic. „Für dich haben wir Mitleid“, sang er streng, „aber auch Verachtung. Ein wahrer Mann hätte nie eine solche Würdelosigkeit ertragen!“

Thissell holte tief Atem. Er griff an seinen Gürtel und fand sein zachinko. „Mein Freund, du tust mir unrecht!“ sang er.

„Erkennst du nicht den wahren Mut? Wäre es dir nicht lieber, im Kampf zu sterben, als maskenlos über die Esplanade zu gehen?“