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»Das schaffen wir nicht!«, flüsterte Ben. »Sie sind in zwei Minuten hier!«
»Abwarten«, sagte Trautman. »Singh?«
Der Inder nickte. Trautman und er betätigten ein paar Schalter. Die Maschinen tief im Rumpf der NAUTILUS heulten auf – und dann stürzte das Wasser regelrecht vor dem Fenster in die Höhe. Mike klammerte sich erschrocken an einem Regal fest und auch Ben wäre um ein Haar gestürzt, als die NAUTILUS plötzlich wie ein Stein in die Tiefe sank. Das Licht flackerte. Das ganze Schiff zitterte und stöhnte wie ein lebendes Wesen und auf Trautmans Pult wechselten etliche Lichter ihre Farbe von grün zu rot. Offensichtlich belastete Trautman das Schiff bis an seine Grenzen.
Doch so schlimm es auch war, es dauerte nur wenige Minuten. Mike konnte spüren, dass die NAUTILUS bereits langsamer wurde. Nach einer oder zwei weiteren Minuten hörten sie völlig auf zu sinken und das Schiff schwebte lautlos im Wasser. Vor dem Bullauge war jetzt nichts mehr als vollkommene Schwärze.
»Achtzig Meter«, seufzte Trautman. »Das sollte reichen. Himmel, das war verdammt knapp! Wie konnte das passieren?«
»Sie haben uns wahrscheinlich zufällig entdeckt«, sagte Ben. »Ich nehme an, dass sie auf Patrouillenfahrt waren und –«
»Das meine ich nicht!«, unterbrach ihn Trautman in ärgerlichem Ton. »Wieso hat sie niemand gesehen? Ich habe eindeutig angeordnet, dass immer jemand an den Ortungsgeräten Wache halten muss, solange die NAUTILUS aufgetaucht ist! Verdammt noch mal, wisst ihr eigentlich, was alles hätte passieren können? Wenn der Kapitän des Kreuzers uns für ein englisches U-Boot gehalten hätte, dann hätte er vermutlich zuerst geschossen und dann die Trümmer aus dem Wasser gefischt um nachzusehen, was er getroffen hat!« Sein Blick wanderte von einem zum anderen. »Also? Wer hatte Wache?«
Mike senkte betreten den Blick und auch Ben schien plötzlich etwas furchtbar Interessantes auf dem Boden zwischen seinen Schuhen entdeckt zu haben, während Chris, der noch immer am Funkgerät saß, nach Kräften versuchte unsichtbar zu werden.
»Also gut«, grollte Trautman. »Wir klären das später. Aber glaubt bloß nicht, die Sache wäre damit erledigt. Singh, wir gehen auf Nordkurs. Hundertfünfzig Meilen mit voller Kraft. Ich hoffe, unseren schießwütigen kaiserlichen Freunden ist es dort zu kalt!«
»Da ... stimmt etwas nicht«, sagte Singh plötzlich. »Etwas –«
Er kam nicht weiter. In der endlosen Dämmerung draußen glomm plötzlich ein winziger, gelboranger Funke auf, der im Bruchteil einer einzigen Sekunde zu einer brodelnden Feuerkugel heranwuchs, die unmittelbar neben der NAUTILUS zu lodern schien. Ein gewaltiger Donnerschlag erklang und nur einen Moment später erbebte das Schiff wie unter einem gewaltigen Hammerschlag. Abgesehen von Trautman und Singh, die sich am Kontrollpult festklammerten, wurden alle von den Füßen gerissen und kugelten haltlos durcheinander. Die gesamte NAUTILUS legte sich auf die Seite und richtete sich schwerfällig wieder auf.
»Mein Gott!«, keuchte Mike, während er sich wieder hochrappelte. »Was war das?«
»Eine Wasserbombe«, antwortete Trautman. »Die schießen auf uns! Sie müssen vollkommen wahnsinnig geworden sein!«
Wie um seine Worte noch zu bestätigen, flammte eine zweite Feuerkugel im Meer auf; diesmal aber so weit entfernt, dass die NAUTILUS nur sacht erzitterte.
»Wasserbomben?«, stammelte Ben. »Aber ... aber warum denn? Wir haben keinen Streit mit dem Kaiserreich!«
Trautman zog den Kopf zwischen die Schultern, als die NAUTILUS unter einer dritten, diesmal wieder näheren Explosion erzitterte. »Sag das denen da!«, antwortete er mit einer Kopfbewegung zur Decke. »Singh! Volle Kraft voraus!«
Die NAUTILUS nahm Fahrt auf. Noch zweimal erbebte das Schiff unter den Druckwellen explodierender Wasserbomben, dann waren sie aus der Gefahrenzone heraus und Trautman atmete erleichtert auf.
»Das war knapp«, sagte er noch einmal.
Die Tür flog auf und Serena und Juan stürzten herein. »Was ist passiert?«, keuchten beide wie mit einer Stimme.
»Jemand schießt auf uns«, antwortete Ben. »Offenbar sind wir in der Gegend hier nicht sehr beliebt.«
»Jemand schießt auf uns?«, wiederholte Juan ungläubig.
»Wer?«, fragte Serena.
Trautman machte eine rasche Handbewegung. »Jetzt nicht«, sagte er. »Wir müssen möglichst schnell von hier weg. Singh – Kurs Nordnordwest. Volle Kraft voraus!«
Sie brauchten vier Stunden, um die hundertfünfzig Seemeilen zurückzulegen, die Trautman als Sicherheitsabstand zu dem deutschen Kreuzer als nötig erachtete – ein Bruchteil der Zeit, die ihr Verfolger für dieselbe Strecke brauchen würde. Mike verbrachte fast die gesamte Zeit in seiner Kabine und irgendwann schlief er sogar ein.
Als er erwachte, lag ein pelziges Gewicht auf seiner Brust und das Erste, was er sah, war Astaroths einziges gelb glühendes Auge, das ihn aus wenigen Zentimetern Abstand anstarrte.
»Was soll das?«, murmelte Mike schlaftrunken. »Willst du mich umbringen? Irgendwann werde ich aufwachen und feststellen, dass ich tot bin, weil du mich im Schlaf erstickt hast.«
Alles Verleumdung,erklang Astaroths Stimme in seinen Gedanken.Katzen tun so etwas nicht. Das ist nur ein Gerücht, das von katzenhassenden Hundeliebhabern in die Welt gesetzt wurde.
Mike war noch nicht wach genug, um einem so komplizierten Gedankengang zu folgen. Benommen setzte er sich auf und schwang die Beine vom Bett. Astaroth wurde mehr oder weniger unsanft von seiner Brust heruntergeschleudert und landete mit typischer Katzengeschicklichkeit auf allen vier Pfoten. Trotzdem schenkte er Mike einen beleidigten Blick. »Was willst du eigentlich?«, fragte Mike, während er ein Gähnen unterdrückte und sich mit beiden Händen über die Augen rieb.
Entschuldige, dass ich deinen Schönheitsschlaf gestört habe,antwortete Astaroth beleidigt.Obwohl du ihn weiß Gott nötig
genug hättest. Trautman schickt mich. Wir haben unser Ziel erreicht und tauchen gleich auf. Außerdem ist das Essen fertig.
»Essen?«,fragteMikemisstrauisch.»WerhatheuteKüchendienst?«Ben,antworteteAstaroth.Erklangjetzteindeutig
schadenfroh.Aber an deiner Stelle würde ich mich nicht zu laut beschweren. Trautman ist nicht besonders gut gelaunt.
Mike stand auf und begann sich anzuziehen. »Ist er immer noch sauer wegen der Wache?«
Sauer ist gar kein Ausdruck,antwortete Astaroth.Mit Recht. Ist dir eigentlich klar, dass wir alle um ein Haar in den Tang gebissen hätten?
»In den Tang gebissen?«
Sagt ihr Menschen das nicht so?Mike überlegte einen Augenblick, aber dann grinste er. »Ins Gras gebissen, meinst du.«Wir sind hier auf dem Meeresgrund,erwiderte Astaroth.Da gibt es kein Gras.Mike grinste. Er zog sich schnell an, verließ seine Kabine und steuerte den Salon an. Trautman, Singh, Serena, Ben und Chris saßen bereits an dem großen Tisch im Salon und stocherten in
dem herum, was sich auf ihren Tellern befand. Trautman begrüßte ihn mit einem wortlosen Nicken und deutete auf den einzigen noch freien Platz. Mike setzte sich, warf aber vorher noch einen raschen Blick aus dem Fenster. Die NAUTILUS war aufgetaucht und lag jetzt wieder reglos an der Wasseroberfläche. Trotzdem konnte er draußen nicht viel sehen.
Die Sonne war untergegangen und der Himmel war so bewölkt, dass so gut wie keine Sterne sichtbar waren. Eine Weile war nur das Klappern des Bestecks zu hören, dann räusperte sich Trautman vernehmlich. »Ich
möchte mich noch bei euch entschuldigen«, sagte er. »Ich war vorhin vielleicht ein bisschen heftig. Es tut mir Leid, dass ich die Beherrschung verloren habe. Aber seine Pflichten auf der Wache zu vernachlässigen ist wirklich eine der schlimmsten Verfehlungen an Bord eines Schiffes. Ihr habt ja gesehen, was passieren kann.«
Wieder kehrte für endlose Sekunden ein betretenes Schweigen ein. Dann räusperte sich Chris und sagte: »Ich war es.«
Trautman runzelte die Stirn. »Was?« »Es war meine Wache«, gestand Chris niedergeschlagen. »Wenn ich die Instrumente im Auge behalten hätte, hätte ich das Schiff bestimmt früh genug bemerkt. Aber ich war ... abgelenkt.«
Trautman schwieg, dann sagte er überraschend sanft: »Ich werde dir jetzt keine Standpauke halten, wenn du das erwartest. Du hast ja erlebt, was geschehen kann. Denk das nächste Mal daran.«
»Bestimmt«, versprach Chris. Plötzlich lächelte Trautman. Er griff nach seinem Löffel, schob sich eine gewaltige Portion Essen in seinen Mund und kaute.
Einmal.
Sein Lächeln gefror. Ganz langsam senkte er den Löffel, kaute noch einmal und schluckte die ganze Portion dann mit sichtlicher Mühe herunter. »Stimmt irgendetwas mit dem Essen nicht?«, fragte Ben. »Nein, nein«, antwortete Trautman hastig. »Es ist ganz ausgezeichnet. Wirklich. Wenn man bedenkt,
dass du erst seit fünf Jahren versuchst das Kochen zu lernen, ist es sogar hervorragend ... Chris, darf ich
fragen, was dich auf der Wache so sehr abgelenkt hat?« Chris hob seinen Löffel, roch daran und warf Ben einen schiefen Blick zu. »Ich habe versucht, das Morsealphabet zu lernen«, sagte er.
»Aber hast du das nicht schon vor Wochen?«, fragte Trautman interessiert. Er beugte sich vor und schob
dabei ganz zufällig seinen Teller so weit von sich, wie es ging. »Ich dachte, ein bisschen praktische Übung tut mir ganz gut«, antwortete Chris. »Deshalb habe ich einfach den Fernverkehr abgehört.«