122182.fb2 Die Stadt unter dem Eis - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 4

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Trautman zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung«, sagte er. »Vielleicht weil wir auf dieses deutsche Kriegsschiff gestoßen sind ... Ich hatte gehofft, dass wir sie endgültig los wären.«

»Das sind wir auch«, behauptete Mike. »Es war bestimmt nur ein Zufall.« Er deutete zur Küste. »Was haben Sie jetzt vor? Wollen wir anlegen und die Eiswand hinaufsteigen?«

Die Worte waren natürlich nur scherzhaft gemeint. Die Eisküste war mehr als fünfzig Meter hoch und so glatt wie poliertes Glas. Selbst eine Fliege hätte Mühe gehabt, sie hinaufzuklettern.

»Das wäre zu gefährlich«, ging Trautman auf Mikes Bemerkung ein. »Diese Eisberge sind nicht so stabil, wie sie aussehen. Ich möchte nicht mit der NAUTILUS vor der Küste liegen, wenn gerade zehnoder zwanzigtausend Tonnen Eis davon abbrechen. Wir müssen einen anderen Weg suchen.« Sein Blick glitt über die gewaltige Barriere aus Eis, als suche er nach etwas ganz Bestimmtem.

»Senden sie den Notruf immer noch aus?«, fragte Serena.

Trautman nickte, ohne den Blick von der Eisküste zu nehmen. »Wir sind nicht sehr weit von seiner Quelle entfernt ... vielleicht fünfzig, sechzig Kilometer weit im Landesinneren. Genau in dieser Richtung.« Er hob den Arm und deutete in gerader Linie über den Bug der NAUTILUS hinaus. »Leider ist es unmöglich, in direkter Richtung dorthin zu gelangen.«

»Geht jetzt nach unten, ihr beiden«, fuhr Trautman nach einer Weile fort. »Wir tauchen bald wieder.«

»Wohin?«

»Es gibt eine kleine Siedlung, ungefähr hundert Meilen von hier entfernt«, erklärte Trautman. »Vielleicht finden wir dort einen Weg, an Land zu kommen.«

»Hier leben Menschen?«, fragte Serena überrascht.

»Eine kleine norwegische Handelsstation«, bestätigte Trautman. »Ich weiß nicht einmal ihren Namen. Hat auch keinen Zweck, ihn sich zu merken. Er wechselt nämlich alle paar Jahre.«

»Wieso?«

»Weil sich die Norweger, die Dänen und die Inuit noch immer nicht darüber einigen können, wem dieses Land nun eigentlich gehört«, seufzte Trautman. »Die Inuit sind die Eingeborenen hier, wisst ihr? Die meisten nennen sie Eskimos, aber sie selbst mögen diesen Namen eigentlich nicht. Sie sind ein sehr stolzes Volk.«

»Aber wenn es Eingeborene gibt«, sagte Serena, »dann ist doch ganz klar, wem das Land gehört!« Trautman seufzte erneut. »Leider sehen die Norweger und die Dänen das etwas anders«, sagte er. »Und einige andere Nationen auch. Grönland verfügt über ungeheure Bodenschätze. Das macht dieses Land sehr interessant. Wäre das Klima hier nicht so schlecht, hätte sich längst eine der großen Nationen entschlossen es sich unter den Nagel zu reißen. Aber das ist im Moment nicht unser Problem. Kommt.«

Er drehte sich um und ging mit steifen Schritten zum Turm zurück. Serena und Mike folgten ihm nach kurzem Zögern. Trautman wartete, bis sie an ihm vorbei in den Turm geklettert waren, dann stieg er über die kleine Leiter noch einmal nach oben und schloss die schwere Luke.

Mike trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen, als seine Zehen zu kribbeln begannen. Nach den schätzungsweise zwanzig Grad unter null, die draußen geherrscht hatten, kam es ihm hier drinnen nicht nur warm, sondern regelrecht heiß vor. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass sich seine Finger und Zehen in Eisklötze verwandelt hätten. Vorsichtig zog er mit den Zähnen die Handschuhe aus, rieb die Hände aneinander und blies hinein. Es half nicht viel. Seine Finger waren vollkommen gefühllos.

Sie folgten Trautman nach unten. Serena ging zu ihrer Kabine, um die schwere Pelzjacke auszuziehen, während Mike Trautman in den Salon folgte. Singhs Gesichtsausdruck nach zu schließen hatte der Inder bereits auf sie gewartet. Und er schien keine guten Neuigkeiten zu haben.

»Gut, dass ihr kommt«, sagte er. »Sind alle Luken dicht?«

Trautman nickte. »Warum?« »Wir müssen verschwinden«, antwortete Singh. »Sie sind schon wieder da.« »Das deutsche Kriegsschiff?«, fragte Trautman ungläubig. »Sie müssen gefahren sein, bis ihre Kessel geglüht haben«, bestätigte Singh. »Ich schätze, sie sind in

einer Stunde hier.« »Aber sie können unmöglich von uns wissen!«, protestierte Mike. »Warum sagst du das nicht ihnen?«, fragte Singh spöttisch. »Ich verstehe es ja auch nicht. Aber sie halten

genau auf uns zu. Sollen wir warten, bis sie hier sind, um sie zu fragen, wie sie es gemacht haben?« Trautman reagierte ungewohnt heftig auf Singhs kleinen Scherz. Er machte eine zornige Bewegung und

schnauzte den Inder regelrecht an: »Hör mit dem Unsinn auf. Wir tauchen auf zehn Meter ... oder besser auf zwanzig. Sofort.« Singh blinzelte überrascht und tauschte einen fragenden Blick mit Mike, aber der konnte nur wortlos mit

den Schultern zucken. Trautmans Benehmen passte immerhin zu seinem komischen Verhalten während

der letzten beiden Tage. Je mehr sie sich ihrem Ziel näherten, desto nervöser wurde er. Keiner von ihnen antwortete und so ging Trautman zum Tisch und begann eine Karte auszubreiten. »Hier ist die Handelsstation«, sagte er nach kurzem Suchen. »Ungefähr fünfzig Kilometer weit im Landesinneren. Sie liegt an einem Fluss.«

»Ein Fluss?« Mike trat neugierig näher und warf einen Blick auf die Karte. »Aber der ist doch bestimmt

zugefroren.« »Umso besser«, sagte Trautman. »Wir können zumindest unter dem Eis hindurchtauchen. Dem kaiserlichen Zerstörer

dürfte das schwer fallen. Genau so machen wir es.« »Genau so machen wirwas?«,erklang eine Stimme von der Tür her. Mike drehte flüchtig den Kopf und sah Juan und Ben, die nebeneinander hereinkamen. Astaroth wuselte zwischen ihren Beinen hindurch und

sprang mit einem Satz auf den Tisch hinauf, um sich auf Trautmans Karte zu einem pelzigen Ball zusammenzurollen. »Wir fahren mit der NAUTILUS den Fluss hinauf«, antwortete Trautman unwillig. »Singh und ich

werden von Bord gehen und im Ort eine Ausrüstung kaufen.« »Was für eine Ausrüstung?«, erkundigte sich Ben. Trautman verdrehte die Augen. »Was man eben so braucht«, antwortete er. »Schlitten, Hunde, ein Zelt ...

muss ich eigentlich alles zehnmal erklären?« Ben machte ein verwirrtes Gesicht. Trautman hatte bisher nochgar nichtserklärt. Mike war offenbar

nicht der Einzige, dem Trautmans verändertes Verhalten aufgefallen war. »Und wofür brauchen wir diese Ausrüstung?«, fragte Ben betont.

»Hast du vergessen, weshalb wir hier sind?«

»Keineswegs«, antwortete Ben. »Ich meine nur: Wenn Sie in die Stadt gehen, können Sie doch auch dort Bescheid geben, damit sie eine Rettungsaktion organisieren.«

»Ich verstehe sowieso nicht, wieso Sie nicht schon längst auf den SOS-Spruch reagiert haben«, fügte Juan hinzu.

Trautman sah einen Moment lang regelrecht bestürzt drein. Dann sagte er: »Vielleicht hören sie diese Frequenzen nicht regelmäßig ab. Oder sie haben sie nicht verstanden, genau wie Chris.«

Das klang nicht nur nach einer Ausrede, dachte Mike, es war

eine; und nicht einmal eine besonders originelle. Mike war sicher, dass sie Trautman erst genau in diesem Augenblick eingefallen war. Chris hatte den norwegischen Dialekt für Kauderwelsch gehalten. Das war noch verständlich. Aber die Stadt, über die sie sprachen, war einenorwegischeStadt. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Die NAUTILUS glitt unter einem Himmel aus erstarrtem Weiß dahin. Singh hatte die Leistung der Motoren so weit gedrosselt, dass das Schiff praktisch im Schritttempo den Fluss hinauffuhr. Trotzdem lag auf dem Gesicht des Inders ein Ausdruck allerhöchster Konzentration.

Mike beneidete ihn nicht um seine Aufgabe. Dank der hoch entwickelten Technik der alten Atlanter ließ sich die NAUTILUS viel leichter navigieren als ein herkömmliches Schiff, aber der zugefrorene Fluss, unter dessen Oberfläche sie entlangfuhren, war kaum tief genug, um dem Schiff Platz zu bieten. Unter dem Kiel war manchmal buchstäblich nur noch eine Handbreit Wasser und der Turm kollidierte immer wieder mit dem fast meterdicken Eispanzer, der den Fluss bedeckte. Wenn das geschah, dann hallten dumpfe Schläge durch den Schiffsrumpf, fast als hätte sich das ganze Boot in eine gewaltige Glocke verwandelt, und Mike fuhr jedes Mal erschrocken zusammen. Er wusste zwar, dass dem Schiff keine Gefahr drohte. Trotzdem machte ihn das anhaltende Dröhnen und Hämmern in zunehmendem Maße nervös. Und offensichtlich nicht nur ihn. Sie alle waren im Salon zusammengekommen und sie alle waren schweigsam und sehr unruhig. Plötzlich veränderte sich das Motorengeräusch: Es wurde leiser und verstummte schließlich ganz. Die NAUTILUS zitterte noch einmal, dann ertönte ein fast unheimliches Knirschen, als das Schiff auf den Flussgrund hinabsank und zur Ruhe kam.

»Sind wir da?«, fragte Ben überflüssigerweise.

Singh nickte knapp. »Wenn der Fluss nicht zugefroren wäre, könntest du erkennen, was in der Hafenkneipe auf der Speisekarte steht.«

Ben lachte leise, aber Trautman sagte: »Das ist gar keine schlechte Idee, Singh – das Periskop.«

Der Inder zögerte einen Moment, in dem er Trautman mehr als nur zweifelnd anblickte, dann aber zuckte er nur schweigend mit den Schultern und führte seinen Befehl aus. Es vergingen nur einige Sekunden, dann ertönte ein dumpfes Krachen, als das Periskop gegen die Eisdecke über ihnen krachte.

»Noch einmal«, sagte Trautman.

»Aber –«

»Noch einmal, habe ich gesagt!«

Diesmal zögerte Singh spürbar länger, seinen Worten Folge zu leisten, aber schließlich führte er den Befehl aus. Das dumpfe Krachen ertönte ein zweites, drittes und viertes Mal, ehe es dem Periskop endlich gelang, die Eisdecke auf dem Fluss zu durchstoßen. Auf einem winzigen Bildschirm unmittelbar vor Singh erschien ein Abbild dessen, was die kleine Kamera oben am Periskopende auffing; und das nicht nur in Farbe und dreidimensional, sondern auch noch weitaus detaillierter, als ein menschliches Auge es gesehen hätte. Nicht zum ersten Mal empfand Mike einen heftigen Schauer von Ehrfurcht, während er das Wirken atlantischer Technik betrachtete.

»Das habe ich mir gedacht«, sagte Trautman düster.

»Was?«

Trautman tippte mit dem Zeigefinger auf einen Punkt auf dem Bildschirm. »Der Wagen da – seht ihr ihn?«