122182.fb2 Die Stadt unter dem Eis - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 5

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Mike nickte. Der Wagen war deutlich zu erkennen, obwohl er in einer schmalen Lücke zwischen zwei der einfachen Gebäude stand. Einem menschlichen Auge – noch dazu bei der momentan herrschenden Dunkelheit – wäre er vermutlich verborgen geblieben, aber die Restlichtverstärker der Kamera entrissen der Dämmerung jedes noch so winzige Detail. Es war ein sehr seltsames Fahrzeug: Ein dunkelgrün gespritzter Pritschenwagen, der vorne zwei Räder, hinten aber breite Ketten hatte, vermutlich, um sich auf Eis und Schnee besser fortbewegen zu können.

»Das ist ein Horch 34/4«, fuhr Trautman mit finsterem Gesicht fort. »Eine Spezialanfertigung, die nur von der deutschen Kriegsmarine benutzt wird. Da stimmt was nicht.«

»Die Deutschen?«, fragte Ben. »Hier? Steht Norwegen denn auf der Seite der Deutschen?«

»Nein«, antwortete Trautman. »Das ist es ja, was mir nicht gefällt. Norwegen gehört zu den neutralen Staaten, die sich aus dem Krieg heraushalten. Und dann auch noch dieser Zerstörer, der uns aufgelauert hat ...« Er schüttelte nachdenklich den Kopf, dann richtete er sich mit einem Ruck auf und fuhr lauter und in verändertem Tonfall fort: »Wir ändern unseren Plan. Singh, du bleibst hier und hältst Augen und Ohren auf. Wenn irgendetwas Seltsames passiert, dann bringst du die NAUTILUS von hier weg. Ich gehe allein an Land.«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage«, sagte Ben.

»Ich glaube nicht, dassdudas entscheidest«, antwortete Trautman kühl.

»Aber er hat Recht«, mischte sich Mike ein. »Warum soll Singh Sie nicht begleiten? Es ist viel zu gefährlich, allein zu gehen.«

»Ich will kein unnötiges Aufsehen erregen«, antwortete Trautman. »Wenn es hier wirklich deutsche Soldaten gibt, dann fällt Singh als Inder sofort auf.«

»Dann komme ich mit«, sagte Ben.

»Kannst du Deutsch?«, fragte Trautman. Er nickte, als Ben nicht antwortete. »Siehst du? Es ist wirklich das Beste, wenn ich allein gehe.«

»Dann begleiteichSie«, sagte Mike. »Wir hatten uns doch geeinigt, dass keiner von uns allein auf eine gefährliche Mission geht, oder?«

»Gefährlich wird es allerhöchstens, wenn mich einer von euch begleitet«, widersprach Trautman. Aber er war chancenlos. Mike hatte nämlich die Wahrheit gesagt: Es kam immer wieder einmal vor, dass einer von ihnen zu einer gefahrvollen Unternehmung aufbrechen musste, und sie hatten recht schnell begriffen, dass es dabei eine eiserne, überlebensnotwendige Grundregel gab: Niemals, unter gar keinen Umständen allein zu gehen.

»Also gut«, seufzte Trautman schließlich. »Mike kann mitkommen. Und Singh, ich meine es ernst: Wenn du auch nur einen Schatten siehst, der dir nicht geheuer vorkommt, dann verschwindest du von hier. Wir finden euch schon irgendwie wieder.«

»Wie kommen wir an Land?«, fragte Mike.

»Wie wohl?« Trautman zuckte mit den Achseln und sah ihn auf eine Weise an, die Mike sich mit einem Male unbehaglich fühlen ließ. Hätte er es nicht besser gewusst, hätte er geschworen, ein schadenfrohes Glitzern in seinen Augen zu sehen. »Wie man von einem getauchten Unterseeboot eben an Land geht. Glücklicherweise haben die Einheimischen ein paar Löcher ins Eis geschlagen, um zu angeln oder sonst was zu tun.«

Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Mike wirklich begriff, was Trautman meinte. Seine Augen wurden groß. »Schwimmen?«, krächzte er. »Sie wollen ... schwimmen?«

»Wir«,verbesserte ihn Trautman, während das schadenfrohe Grinsen auf seinem Gesicht breiter wurde. »Immerhin hast du darauf bestanden, mitzukommen.«

»Aber das Wasser isteisig!«,protestierte Mike. Trautman nickte ungerührt. »Es wird wohl kaum mehr als vier oder fünf Grad haben«, sagte er. »Aber keine Sorge. Die Taucheranzüge leisten uns einen gewissen Schutz. Natürlich nicht für lange. Wir müssen uns eben beeilen.«

Wie sich herausstellte, boten die schweren Taucheranzüge mehr als nur einen gewissen Schutz. Tatsächlich spürte Mike die Kälte nicht einmal, während er zusammen mit Trautman die NAUTILUS verließ und über den steinigen Flussgrund marschierte. Die Lücke im Eis, von der Trautman gesprochen hatte, war einen knappen halben Kilometer vom Schiff entfernt, aber sie brauchten eine Weile, um sie zu finden. Sie konnten es nicht wagen, auch nur Taschenlampen zu benutzen, denn sie waren zu nahe an der Stadt. Hätte jemand auch nur zufällig in Richtung Fluss gesehen, hätte ihm der Lichtschein auffallen können, der unter dem Eis herumgeisterte. So brauchten sie – obwohl sie sich beeilten – eine gute halbe Stunde, um an Land zu kommen, und dann noch einmal zehn Minuten, um die schweren Anzüge auszuziehen und mit Schnee zu bedecken, damit sie nicht gefunden wurden.

Danach wurde die Kälte wirklich grausam. Schon bevor sie den halben Weg zur Stadt zurückgelegt hatten, wünschte Mike sich fast in den Fluss und seinen wärmenden Anzug zurück, und als sie sich endlich dem kleinen Hafen näherten, da war jedes Gefühl aus Mikes Fingern und Zehen gewichen. Sie hatten die wärmsten Kleider angezogen, die sie an Bord der NAUTILUS gefunden hatten, aber aufsolcheTemperaturen waren sie einfach nicht vorbereitet.

»Das da vorne scheint die Hafenkneipe zu sein«, sagte Trautman. »Oder das, was man hier dafür hält. Am besten gehen wir dorthin.«

Wohin auch sonst? dachte Mike. Sie konnten kaum an irgendeiner Tür klopfen und behaupten, sie hätten den Bus verpasst. Zitternd vor Kälte sah er sich um. Der Hafen bot einen beinahe unheimlichen Anblick. Die Häuser waren klein, ausnahmslos einstöckig und hatten winzige Fenster, die mit schweren hölzernen Läden gesichert waren. Mit Ausnahme dessen, was Trautman für die Hafenkneipe hielt, brannte nirgendwo Licht. Aber es war auch nicht richtig dunkel, denn sämtliche Gebäude waren mit einer dicken Eisschicht bedeckt, die das Licht von Mond und Sternen reflektierte. Und auch die wenigen Boote, die im Hafen lagen, boten ein unheimliches Bild: Sie waren festgefroren, Segel und Tauwerk weiß überzuckert, sodass manche wie bizarre Eisskulpturen aussahen, kaum noch etwas von Menschenhand Geschaffenes. Was die eigentliche Stadt anging, so war Mike auf Vermutungen angewiesen. In dem grauen Dämmerlicht verschmolzen die Gebäude zu einem einzigen, verschwommenen Umriss. Aber er glaubte nicht, dass der Ort mehr als tausend Einwohner hatte. Wahrscheinlich weniger. Und das war ein weiteres Problem. In einem Ort dieser Größe musste jeder Fremde auffallen wie ein bunter Hund. Aber sie hatten ja nicht vor, lange zu bleiben.

Gerade als Mike glaubte, in der nächsten Sekunde mitten im Schritt erstarren zu müssen, erreichten sie die Hafenkneipe und traten ein. Drinnen war es warm, düster und stickig, genau wie Mike erwartet hatte, aber nicht annähernd so voll, wie er angenommen hatte. Die Einrichtung des Raumes war einfach. Die Theke bestand aus einer Anzahl großer Fässer, über die ein langes Brett gelegt worden war, und dasselbe galt in kleinerem Maßstab für Tische und Stühle. Der Raum hätte Platz für dreißig oder vierzig Personen geboten, aber nur an zwei Tischen saßen einige Männer und tranken etwas. Hinter der Theke lungerte ein finster aussehender, mehr als zwei Meter großer Eskimo –Inuit,verbesserte sich Mike in Gedanken –, dessen Gesicht sich noch weiter verdüsterte, als er sie sah. Trautman nickte ihm flüchtig zu, aber er reagierte nicht darauf, sodass sie wortlos weitergingen und an einem der freien Tische Platz nahmen. Noch immer schweigend hob Trautman zwei Finger und winkte dem Wirt zu. Der Mann füllte zwei verbeulte Zinkbecher mit Bier und knallte sie so heftig vor ihnen auf den Tisch, dass der Schaum Mike bis ins Gesicht spritzte.

»Wie freundlich«, murmelte Mike, fing dann aber einen warnenden Blick Trautmans auf und schluckte den Rest seiner Bemerkung hinunter. Es war wahrscheinlich auch klüger. Man musste nicht wie Astaroth Gedanken lesen können, um zu begreifen, dass hier irgendetwas nicht in Ordnung war. Der Wirt war nicht der Einzige, der sie ganz offensichtlich nicht gerne sah. Auch das halbe Dutzend Männer, das an den zwei Tischen saß, war still geworden; Mike konnte ihre feindseligen Blicke regelrecht spüren.

»Nicht so laut«, zischte Trautman. »Hier stimmt irgendetwas nicht. Ich will herausfinden, was es ist.« Mike probierte vorsichtig an seinem Bier und stellte überrascht fest, wie gut es schmeckte: süß und auf eine angenehme Weise kühl.

Trautman hob warnend die linke Augenbraue. »Pass mit dem Zeug auf«, murmelte er.

»Ichhabeschon einmal Bier getrunken«, antwortete Mike beleidigt.

»Ich weiß«, erwiderte Trautman. »Aber nicht dieses. Es schmeckt wie Fruchtsaft, aber es hat fast so viel Alkohol wie Schnaps. Also sei vorsichtig.« Wie um Mike zu verhöhnen, trank er selbst einen gewaltigen Schluck aus seinem Becher, verzog genießerisch das Gesicht und lehnte sich zurück. Er griff in die Tasche, förderte eine Pfeife zutage und begann sie umständlich zu stopfen. Mike war erstaunt. Er hatte Trautman seit Jahren nicht rauchen sehen.

Die Zeit verstrich träge. Mike nippte dann und wann vorsichtig an seinem Bier, während Trautman gemütlich seine Pfeife paffte und rasch hintereinander gleich drei Becher des hochprozentigen Getränks leerte. Nach vielleicht zehn Minuten stand einer der anderen Gäste auf und ging. Trautman blickte ihm nach, sagte aber nichts.

Als der Wirt den vierten Becher Bier brachte, sprach Trautman ihn an: »Auf ein Wort, guter Mann.«

Mike registrierte überrascht, dass Trautman nun die deutsche Sprache benutzte. Er selbst verstand Deutsch, sprach aber nicht fließend genug, um damit durchzukommen. An Bord der NAUTILUS redeten sie prinzipiell englisch, weil sich die Besatzung aus den unterschiedlichsten Nationalitäten zusammensetzte. So hatte Mike fast vergessen, dass Deutsch ja eigentlich Trautmans Muttersprache war.Zu seiner Überraschung antwortete der Inuit in derselben Sprache, wenn auch mit einem schweren Akzent.

»Was kann ich für Sie tun, mein Herr?«

Trautman lächelte. »Nicht so förmlich! Ich habe nur ein paar Fragen an Sie. Mein junger Freund hier und ich –«, er deutete mit dem Pfeifenstiel auf Mike, »– benötigen ein Quartier für die Nacht und das eine oder andere Ausrüstungsstück. Ich hatte gehofft, dass Sie uns dabei vielleicht behilflich sein könnten ... gegen entsprechende Bezahlung, versteht sich.«

Der Wirt blickte ihn zweifelnd an. Trautman lächelte noch breiter, griff in die Jackentasche und förderte eine weiße Perle zutage. »Ich nehme nicht an, dass Sie englische Pfund oder deutsche Mark akzeptieren, und mit einheimischer Währung kann ich nicht dienen. Wäre diese Perle als Bezahlung für unsere Getränke und ein Nachtlager angemessen?«

Der Inuit griff mit spitzen Fingern nach der Perle und tat so, als ob er sie abfällig begutachtete, hatte sich aber nicht weit genug in der Gewalt, um das Funkeln in seinen Augen zu unterdrücken. Die Perle, die Trautman ihm gegeben hatte, war vermutlich mehr wert als sein ganzer Laden. An Bord der NAUTILUS gab es ganze Kisten voll davon. Wenn man nur tief genug tauchte, konnte man sie vom Meeresboden aufheben wie Blätter nach einem Herbststurm im Wald. »Und natürlich für einen Schlitten samt Hunden, Ausrüstung und Lebensmittel für eine Woche«, fügte Trautman hinzu.

Wieder starrte der Wirt ihn sekundenlang durchdringend an. Nach Trautmans ersten Worten hatte er ihn vermutlich für einen Dummkopf gehalten, den er leicht übers Ohr hauen konnte. Jetzt tat er das nicht mehr. Aber vermutlich witterte er immer noch ein verdammt gutes Geschäft, denn schließlich nickte er.

»Ich habe ein Zimmer, aber es ist einfach.«

»Wir sind nicht anspruchsvoll«, antwortete Trautman. »Was ist mit der Ausrüstung?«

»Mein Cousin vermietet manchmal seinen Schlitten«, antwortete der Wirt. »Ich könnte ihn fragen.«

»Es wäre mir lieber, wenn wir ein Gespann kaufen könnten«, erwiderte Trautman, erntete aber nur ein entschiedenes Kopfschütteln.

»Niemand hier verkauft seinen Schlitten«, sagte der Wirt. »Und noch weniger seine Tiere. Aber mein Cousin ist ein guter Hundeführer. Er bringt Sie sicher ans Ziel. Wohin wollen Sie denn?«

»Das ... weiß ich selbst noch nicht genau«, antwortete Trautman ausweichend. »Lassen Sie mich mit Ihrem Cousin reden. Wo finden wir ihn?«

»Ich lasse ihn holen, gleich morgen früh. Heute ist es zu spät. Sie können morgen mit ihm frühstücken, wenn Sie wollen.«

»Also gut«, seufzte Trautman. »Dann bringen Sie uns noch einen letzten Schlummertrunk und danach zeigen Sie uns das Zimmer.«

»Das würde ich mir an Ihrer Stelle dreimal überlegen«, sagte eine Stimme hinter Mike. Trautman und er drehten sich gleichzeitig herum und blickten in ein rundliches, vor Kälte gerötetes Gesicht, das sie unter einer schwarzen Schirmmütze hervor anlächelte. Keiner von ihnen hatte auch nur gehört, dass ein weiterer Gast das Lokal betreten hatte. Dafür schien der Neuankömmling zumindest einen Teil ihrer Unterhaltung mitbekommen zu haben, wie seine Worte bewiesen.

»Sie wollen nicht wirklich in dieser verwanzten Bude schlafen, oder?«, fuhr er fort. Er jagte den Wirt mit einer Handbewegung davon, setzte sich unaufgefordert und streckte Trautman die Hand über den Tisch entgegen. »Gestatten: Vom Dorff. Freiherr Ludeger Vom Dorff.«

Trautman ignorierte seine Hand und sah ihn nur misstrauisch an. Vom Dorff lächelte unerschütterlich weiter, zog die Hand aber nach ein paar Sekunden wieder zurück. »Ich muss mich wohl für meine Unhöflichkeit entschuldigen«, sagte er. »Ich war einfach zu überrascht, endlich wieder einmal Worte in meiner Muttersprache zu hören, dass ich darüber wohl meine gute Erziehung vergessen habe. Aber ich konnte es nicht zulassen, dass Sie diesem Halsabschneider auf den Leim gehen, Herr ...?« »Trautstein«, antwortete Trautman. »Kapitän Trautstein. Das ist Mike. Er arbeitet für mich.«

»Mike? Das ist kein deutscher Name.«

»Er kommt aus Neuseeland«, antwortete Trautman. »Ich habe ihn in einer Kaschemme in Hongkong aufgelesen«, sagte Trautman. »Damals konnte er nicht einmal lesen und schreiben, geschweige denn sich daran erinnern, wo er herkommt und wer seine Eltern sind.«

»Und da haben Sie sich seiner angenommen«, stellte Vom Dorff fest. »Nun, das ist genau die Gesinnung, die man von einem deutschen Kapitän erwarten sollte. Apropos Kapitän ... Ich habe Ihr Schiff gar nicht im Hafen gesehen.«