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»Woher wissen Sie das?« fragte Singh scharf. Weisser sah ihn einen Moment lang verständnislos an. »Was?«
»Alles«, antwortete Singh und fuhr schnell und mit erhobener Stimme fort, ehe Weisser ihn unterbrechen konnte: »Sie behaupten, Erster Offizier auf einem deutschen Handelsschiff gewesen zu sein? Das ist lächerlich. Niemand außer uns sieben weiß von der Existenz der NAUTILUS -so wie niemand außer uns weiß, daß es sich bei dem Gefährt, das an den Strand gespült worden ist, um ein Sternenschiff handelt. « Weisser sah ihn ruhig an. Schließlich lächelte er. »Wie Sie sehen, mein lieber Freund, weiß ich es doch«, antwortete er. »So wie manches, von dem Sie glauben, daß ich es nicht wüßte. «
»Woher?« verlangte Singh zu wissen, doch Weisser schüttelte abermals den Kopf.
»Dies ist nicht der Moment für Erklärungen«, sagte er, »so gerne ich es auch täte. Wir werden uns wiedersehen, das verspreche ich, aber im Augenblick sollten Sie sich auf Ihre eigentliche Aufgabe besinnen und Ihren jungen Schützling sicher an Bord des Schiffes zurückgeleiten. Die Stimmung hier im Dorf ist schlecht. Noch kann ich die Männer beruhigen, aber ich weiß nicht, wie lange noch. Und sie sind nicht die einzige Gefahr. « Singh war mit dieser Erklärung ganz und gar nicht zufrieden, das sah Mike ihm an. Aber nachdem er Weisser ein paar Sekunden ruhig und herausfordernd angesehen hatte,schüttelte er zu Mikes Überraschung den Kopf, drehte sich zu ihm herum und sagte: »Er hat recht, Herr. Wir müssen zurück aufs Schiff. Trautman und die anderen werden sich sicher schon Sorgen machen. «
»He!« protestierte Mike. »Aber du kannst nicht -« Singh schnitt ihm das Wort ab, indem er ihn unsanft am Arm ergriff und herumdrehte. Und nur einen Moment später verließen sie, begleitet von Weisser, den Dorfplatz und wenige Augenblicke darauf das Dorf.
Wie Mike befürchtet hatte, erwies sich der Rückweg zur NAUTILUS als der schwierigere Teil ihrer Unternehmung. Sie mußten weit länger auf der Insel verbracht haben, als ihnen bisher schon bewußt gewesen war, denn es begann zu dämmern, ehe sie das Ufer erreichten -und natürlich war von der NAUTILUS weit und breit nichts zu sehen. Weisser hatte sie zwar nicht selbst bis ans Meer begleitet, ihnen aber eine Eskorte aus vier Eingeborenenkriegern mitgegeben; wie er gesagt hatte zu ihrem Schutz; wie Mike jedoch argwöhnte, eher deshalb, damit sie sich davon überzeugten, daß sie die Insel auch tatsächlich verließen. Die Männer sagten kein Wort, unterhielten sich auch nicht untereinander, aber sie blieben auch mit stoischer Ruhe stehen, als Mike ihnen mit Gesten klarzumachen versuchte, daß ihre Aufgabe erfüllt war und er und Singh nun hier warten würden, bis die NAUTILUS auftauchte. Es verging noch eine geraume Weile, ehe es endlich soweit war; offensichtlich hatten sie die vereinbarte Zeit zur vollen Stunde gerade um ein paar Minuten verpaßt, so daß sie noch einmal eine Stunde lang ausharren mußten und es mittlerweile vollkommen dunkel geworden war, ehe weit draußen auf dem Meer ein blasses Licht erschien und nach einigen Augenblicken zum Suchscheinwerfer der NAUTILUS wurde, der wie ein körperloser leuchtender Finger über das Meer und das Ufer tastete, rasch über Singh und ihn hinwegglitt und dann mit einer fast ruckartigen Bewegung zurückkehrte.
Als sie losschwammen, war Mike fest davon überzeugt, daß Trautman einen der anderen mit dem Boot schicken würde, um sie aufzunehmen, aber alles, was geschah, war, daß der grelle Lichtkegel des Scheinwerfers unverwandt auf Singh und ihn gerichtet blieb und ihnen so zwar die Richtung wies, in die sie schwimmen mußten, sie zugleich aber auch blendete. Als sie die
NAUTILUS erreichten, war Mike so erschöpft, daß er es nicht mehr schaffte, sich aus eigener Kraft auf das Deck hinaufzuziehen, das nur eine knappe Handbreit aus dem Wasser ragte. Singh mußte ihm dabei helfen, danach sanken sie beide auf den nassen Eisenplatten nieder und rangen keuchend nach Atem. »Worauf zum Teufel wartet ihr? Daß die Deutschen kommen und uns hier entdecken?« Mike hob müde den Kopf hob und erkannte Ben, der sich aus der offenstehenden Turmluke gebeugt hatte. »Braucht ihr eine schriftliche Einladung, oder sollen wir den roten Teppich ausrollen?«
Mike war es nicht möglich zu antworten. Mühsam und mit kleinen, unsicheren Bewegungen stemmte er sich hoch, schleppte sich die wenigen Schritte bis zum Turm und raffte sein letztes bißchen Kraft zusammen, um die kurze Eisenleiter zur Luke hinaufzusteigen. Noch während er das tat, nahm die NAUTILUS wieder Fahrt auf und drehte den Bug mit dem gezackten Rammsporn auf die offene See, und zugleich schlugen die Wellen wieder über den Deckplanken zusammen - das Schiff begann zu tauchen. Und das, obwohl Singh und er nicht einmal ganz an Bord waren. Hastig kletterte Mike weiter, schwang sich mit einer Kraft, die er selbst kaum noch erwartet hätte, in die offenstehende Luke und kletterte rasch auf der anderen Seite hinunter. Singh tat es ihm gleich, und Mike konnte durch die großen Bullaugen sehen, daß das Wasser jetzt immer schneller stieg und die NAUTILUS somit schneller sank. Gerade als es wirklich gefährlich zu werden drohte, schloß Singh den Lukendeckel über sich und drehte das große Handrad, das ihn wasserdicht versiegelte. Mike sah sich zornig um. Von Ben war nichts mehr zu sehen, aber schließlich gab es nur eine Richtung, in der er verschwunden sein konnte.
Ohne auf Singh zu warten, eilte er die Wendeltreppe hinunter und stürmte in den Salon der NAUTILUS. Wie erwartet fand er Ben dort, aber auch alle anderen. Kaum hatte Mike den Raum betreten, fuhr er Ben wütend an: »Bist du wahnsinnig geworden? Was sollte das gerade? Wolltest du uns ersäufen, oder fandest du das besonders lustig?«
Den verständnislosen Blicken nach zu urteilen, die Trautman ihm und Ben zuwarf, schien außer ihnen beiden niemand hier drinnen zu wissen, wovon er überhaupt sprach. Ben grinste breit. »Wieso? Ihr habt es doch geschafft, oder?« »Was geschafft?« fragte Trautman. Mike deutete auf Ben. »Hat er Ihnen gesagt, Sie können tauchen?« Trautman nickte.
»Wir waren noch nicht einmal ganz die Leiter hoch«, fuhr Mike aufgebracht fort. »Eine Minute früher, und Singh und ich wären ertrunken. « »Seid ihr aber nicht«, sagte Ben feixend. »Und ich dachte mir, ein bißchen Bewegung tut euch ganz gut. « »Du verdammter -« begann Mike, wurde aber von Trautman mit einer herrischen Handbewegung unterbrochen. »Jetzt nicht. Wir haben keine Zeit für so etwas. Wo wart ihr den ganzen Tag? Wir sind acht- oder neunmal hierher gekommen. «
»Wahrscheinlich ist seine Uhr nicht wasserdicht«, erklärte Ben höhnisch. »Oder er hat ganz vergessen, auf die Zeit zu achten. « »Das reicht!« sagte Trautman, nahe daran zu schreien. »Wir beide unterhalten uns später -auch über deinen kleinen Scherz von soeben, über den ich gar nicht lachen kann!« Er wandte sich mit etwas ruhigerer Stimme erneut an Mike und dann an Singh, der in diesem Moment schwer atmend den Salon betrat: »Wo seid ihr so lange gewesen? Wir haben uns Sorgen gemacht. «
»Nicht ganz zu Unrecht«, sagte Singh, und Mike fügte hinzu:
»Wir wurden gefangengenommen, befreit, wieder gefangengenommen, noch einmal befreit und dann weggeschickt, bevor wir wieder in Gefangenschaft geraten konnten. «
Ben riß verblüfft die Augen auf, während Juan und Chris, die auf der anderen Seite des Tisches saßen und bisher kein Wort gesagt hatten, zu grinsen begannen. Nur Serena blieb ernst, und Trautman runzelte ärgerlich die Stirn. »Was soll dieser Unsinn?«
Nein, dachte Mike schaudernd, das ist nicht mehr der Trautman, den ich kenne. Aber im Grunde galt das für alle hier, vielleicht sogar für ihn selbst. Ben zum Beispiel: Es war bekannt, daß er manchmal zu derben Scherzen neigte, aber er hätte trotzdem niemals einen von ihnen dabei in Lebensgefahr gebracht, nur weil er es gerade lustig fand.
Bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, erklärte Singh mit wenigen, aber sehr präzisen Worten, was ihnen am Tag widerfahren war.
Trautman hörte schweigend zu und schien mit jedem Satz, den er hörte, besorgter zu werden, und auch Bens Grinsen erlosch und machte einem Ausdruck tiefen Erschreckens Platz. »Ein schwarzer Frachter ohne Hoheitskennzeichen?« vergewisserte er sich, nachdem Singh mit seinem Bericht zu Ende gekommen war. »In welcher Sprache war sein Name geschrieben?« Singh zuckte mit den Schultern. »Ich konnte es nicht entziffern«, gestand er.
»Ich bin nicht einmal sicher, ob er überhaupt einen Namen hatte«, fügte Mike hinzu. Er erinnerte sich jedenfalls nicht, eine Beschriftung auf dem Rumpf dieses sonderbaren Schiffes gesehen zu haben. »Das klingt alles sehr seltsam«, sagte Trautman kopfschüttelnd. »Wir haben die Insel drei- oder viermal umkreist, und wir sind den deutschen Kriegsschiffen sehr nahe gekommen, aber wir haben keinen solchen Frachter gesehen. «
Und wir keine deutschen Kriegsschiffe, dachte Mike schaudernd. Trotzdem antwortete er laut: »Vielleicht war er hinter den Kreuzern verborgen, so daß Sie ihn nicht sehen konnten. «
»Vielleicht«, antwortete Trautman. Es klang nicht sehr überzeugt. »Aber ganz gleich, was es nun mitdiesem Schiff auf sich hat, es bestärkt mich in meiner Überzeugung, daß wir die Flugscheibe unbedingt vernichten müssen. «
»Und wie?« fragte Mike.
Trautman seufzte. »Ich fürchte, nun bleibt uns keine andere Wahl mehr. Jetzt, wo sie gewarnt sind, wird es uns kaum gelingen, noch einmal in ihre Nähe zu kommen. Wir werden sie von See her zerstören müssen. «
Mike erschrak bis ins Mark. Die NAUTILUS verfügte durchaus über Torpedos von großer Sprengkraft, die sicherlich auch das Sternenschiff zerstören konnten und das aus großer Entfernung. Sie hatten über diese Möglichkeit ja schon gesprochen, aber da hatten sie nicht gewußt, wie viele Menschen sich in seiner unmittelbaren Nähe aufhielten, die bei einem solchen Angriff in Gefahr gerieten, verletzt, ja gar getötet zu werden. Wenn es überhaupt noch eines weiteren Beweises dafür bedurft hätte, daß auch mit Trautman eine unheimliche Veränderung vorgegangen war, dann wäre es dieser Vorschlag gewesen.
Empört sagte Mike: »Aber das können wir nicht tun!« »Ach?« fragte Ben. »Und warum nicht, Schlaumeier?« »Hast du mir überhaupt nicht zugehört?« fuhr Mike ihn an. »Sie arbeiten an dem Sternenschiff. Frag mich nicht, was, aber sie sind unmittelbar in seiner Nähe.
Wenn wir einen Torpedo abschießen, dann werden viele von ihnen verletzt und getötet. « Ben zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Und? Nachdem, was du gerade erzählt hast, halten sie es mit dem Leben anderer auch nicht so genau. « »Das ist doch kein Grund!« antwortete Mike wütend. Trautman hob besänftigend die Hand. »Mike, bitte. Ich verstehe und respektiere deine Gefühle durchaus. Du hast vollkommen recht. Daß sie euch angegriffen haben, gibt uns nicht das Recht, ihr Leben in Gefahr zu bringen. Aber hier steht mehr auf dem Spiel als das Leben dieser Männer oder unseres. Dieses Schiff muß zerstört werden, um jeden Preis. Wenn es in falsche Hände gerät, dann kann es unvorstellbaren Schaden anrichten.
«
»Und wer sagt das?« fragte Mike. »Dein Vater, Mike«, antwortete Trautman, plötzlich ruhig und mit einer unerwartet sanften, fast traurigen Stimme.
Mike starrte ihn an, sagte aber nichts. Und nach einigen Sekunden fuhr Trautman leise fort, wobei sein Blick auf einen imaginären Punkt irgendwo hinter Mike gerichtet zu sein schien: »Damals, als er mir die NAUTILUS übergeben hat, Mike, hat er mir ein Versprechen abgenommen. Das Versprechen, dieses Schiff mit meinem Leben zu beschützen und dafür zu sorgen, daß es nicht in falsche Hände gerät, koste es, was es auch wolle. Du weißt, was geschehen würde, wenn irgendeine Nation auf dieser Welt in den Besitz der NAUTILUS und ihrer Technik geriete. Der Krieg, vor dem wir alle geflohen sind, wäre nichts dagegen. Und dieses Sternenschiff dort draußen ist der NAUTILUS so weit überlegen, wie sie den Kriegsschiffen, die auf der anderen Seite der Insel liegen. Es muß zerstört werden. Ich würde einen anderen Weg wählen, wenn es einen gäbe, aber es bleibt dabei. « Er schüttelte entschieden den
Kopf, um jeden Widerspruch schon im vorhinein zu entkräften. »Ich habe lange darüber nachgedacht, und mein Entschluß steht fest: Wir werden tauchen und die Nacht in sicherer Entfernung unter Wasser verbringen, aber morgen früh bei Sonnenaufgang zerstören wir das Schiff. « Er atmete hörbar ein und wandte sich dann direkt an Singh: »Bis dahin sind noch eine Menge Vorbereitungen zu treffen. Ich weiß, wie müde du sein mußt, aber ich wäre dir trotzdem dankbar, wenn du mir dabei helfen könntest. Wir werden nur eine einzige Chance haben. «
»Selbstverständlich«, antwortete Singh. Mike wartete, bis Trautman an ihm vorbeigegangen war und den Salon verlassen hatte, dann folgte er ihm; wenige Augenblicke später ging auch Ben. Wahrscheinlich erschien es ihm im Moment klüger, nicht allein mit Mike zurückzubleiben. Mike hatte den kurzen Streit beinahe schon vergessen. Er starrte Trautman fassungslos hinterher und schüttelte immer wieder den Kopf. Noch vor kurzer Zeit hätte sich Trautman geweigert, einen solchen Gedanken auch nur zu fassen, geschweige denn, ihn laut auszusprechen. Keiner von ihnen hätte ein solches Vorgehen auch nur in Erwägung gezogen. Sie hätten ganz im Gegenteil so lange beraten, bis sie eine andere Lösung gefunden hätten. Nun aber hatte mit Ausnahme von Mike niemand auch nur widersprochen. Selbst Mike ertappte sich für einen Moment bei dem Gedanken, ob es vielleicht wirklich notwendig wäre, dieses Opfer zu bringen, um weiteres, schlimmeres Unglück zu vermeiden. Erschrocken vor sich selbst, scheuchte er den Gedanken fort und drehte sich zu Serena, Juan und Chris herum. Alle drei sahen ihn an, und er erblickte in den Augen der beiden Jungen und des Mädchens von Atlantis die gleiche Mischung aus Furcht, Entsetzen und grimmiger Entschlossenheit, die er zuvor in Trautmans Augen gelesen hatte. »Aber das... das ist doch Wahnsinn«, stammelte er. »Das dürfen wir nicht zulassen!« Chris sagte nichts, sondern senkte nur den Blick, und Juan antwortete ganz leise: »Ich weiß, aber ich fürchte, uns bleibt keine andere Wahl. Wir haben nicht mehr sehr viel Zeit. «
»Wir haben alle Zeit, die wir brauchen!« protestierte Mike. »Selbst wenn sie das Sternenschiff bergen und an Bord ihres Schiffes nehmen, dann folgen wir ihnen eben und versuchen, eine andere Lösung zu finden. Ihr könnt doch nicht damit einverstanden sein!« Juan sagte nichts, sondern wandte langsam den Kopf und sah Serena an. Serena erwiderte seinen Blick. Mike spürte deutlich, daß er Zeuge einer stummen Unterredung wurde. »Was ist los?« fragte er. »Ihr beiden verheimlicht mir doch etwas. «
Serena und Juan sahen sich noch einige Sekunden weiter auf diese stumme Art an, dann atmete Juan tief ein, deutete auf Mike, ohne Serena aus den Augen zu lassen, und sagte: »Zeig es ihm. «
»Was soll sie mir zeigen?« fragte Mike scharf. Er schrie es fast, aber sein grober Ton zeigte weder bei Serena noch bei Juan oder Chris irgendeine Wirkung. Chris senkte nur noch weiter den Kopf, und Mike fiel plötzlich auf, in welch verkrampfter Haltung er auf dem Stuhl hockte. Er hatte die Hände im Schoß gefaltet und preßte die Finger so fest zusammen, daß sie zitterten.
Schließlich stand Serena auf, ging zur Tür und deutete ihm mit einem Handzeichen, ihr nachzukommen. Mike erwartete unwillkürlich, daß auch Juan und Chris ihnen folgen würden, aber die beiden rührten sich nicht von der Stelle, so daß er allein hinter Serena herging.
Irgend etwas war an Bord der NAUTILUS geschehen, während Singh und er auf der Insel gewesen waren, und was immer es auch war, er hatte das sehr sichere Gefühl, daß es ihm nicht gefallen würde. Serena führte ihn zu ihrer Kabine, öffnete die Tür und schloß sie sorgfältig wieder hinter ihm, nachdem er den Raum betreten hatte. Dann legte sie den Riegel vor, was sehr ungewöhnlich war, denn sosehr jeder an Bord auch die Privatsphäre des anderen respektierte, gab es doch auf der NAUTILUS so gut wie keine verschlossenen Türen; schon aus Sicherheitsgründen. »Also?« fragte Mike. »Was ist los?« Serena antwortete nicht. Sie wich sogar seinem Blick aus, ging zu ihrer Kommode, zog die oberste Schublade auf und nahm ein großes, in ein grobes Leinentuch eingeschlagenes Buch heraus. Als sie es öffnete, erkannte Mike es sofort.
Er starrte Serena ebenso erstaunt wie erschrocken an. Was sie da vor seinen Augen aus der Schublade genommen hatte, das war nichts anderes als das Logbuch des untergegangenen deutschen Spionageschiffes. »Aber wie kommst du denn dazu?« fragte er ungläubig. »Ich habe es gestohlen«, antwortete Serena. »Wie?!«
»Du hast mich doch selbst aus Trautmans Kabine kommen sehen«, bestätigte sie. »Ich war dort, um nach diesem Buch zu suchen. « Mike blickte Serena verständnislos an. »Aber warum denn nur?« murmelte er kopfschüttelnd. Serena wandte sich wieder dem Buch zu und schlug es auf; nicht willkürlich, sondern an einer Stelle, die Trautman mit einem seiner kleinen Zettel markiert hatte. »Er hat uns nicht die Wahrheit gesagt«, sagte sie. »Hier. Lies selbst!«
Mike trat näher. Plötzlich erinnerte er sich wieder an damals, als Trautman ihnen einige Passagen aus dem Buch vorgelesen hatte. Er hatte gesehen, daß der alte Mann immer wieder die eine oder andere Stelle, die er mit einem Zettel angemerkt hatte, überschlug. Aber er war von dem Gehörten so erschrocken gewesen, daß er dem nicht so viel Bedeutung zugemessen hatte. Es fiel ihm allerdings schwer, das Geschriebene zu entziffern. Die Schrift war vom langen Liegen im Salzwasser zum Großteil aufgelöst und fast unleserlich, und dazu kam, daß das Buch in deutscher Sprache abgefaßt war; eine Sprache, die Mike zwar weit genug beherrschte, um sich mehr schlecht als recht darin verständlich machen zu können, aber nicht gut genug, um das Buch -noch dazu in diesem Zustand -zu entziffern. Er erkannte nur einige Worte, die einen Sinn zu ergeben schienen, zum allergrößten Teil aber blieb ihm der Text unverständlich. Enttäuscht schüttelte er den Kopf. »Ich fürchte, das kann ich nicht lesen«, sagte er. »So ging es mir anfangs auch«, antwortete Serena. »Aber wenn man es eine Weile versucht, dann klappt es ganz gut. Was du da liest, ist der Bericht über die Ereignisse an Bord in den letzten beiden Tagen, bevor das Schiff unterging. Der Kapitän schreibt, daß die Stimmung an Bord immer schlechter wurde. Die Mannschaft war gereizt und aggressiv, und es kam immer wieder zu Streitigkeiten und Kämpfen unter der Besatzung. « Sie schlug eine andere von Trautmans Markierungen auf und legte die flache Hand mit gespreizten Fingern auf die Seite. »Die Eintragungen des letzten Tages sind besonders schlimm. Einige Leute gingen aufeinander los. Zwei oder drei sogar mit Waffen, und es gab einen Toten und mehrere Verletzte. « Sie blätterte weiter. »Und hier schreibt er, daß sich einer der Männer plötzlich nicht mehr bewegen konnte. Er sei von einer sonderbaren Lähmung befallen, die seine Muskeln hart wie Stein werden ließ. « Serena trat einen Schritt zurück und sah ihn durchdringend an. »Das paßt, nicht wahr?« Mike nickte erschrocken. »Genau wie auf der Insel«, flüsterte er. »Man konnte regelrecht spüren, wie gereizt die Menschen dort waren. «
»Und ihr habt zwei Männer gesehen, bei denen es schon angefangen hat«, fügte Serena mit tonloser Stimme hinzu.
»Also werden sie... alle davon befallen?« fragte Mike erschrocken. »Die ganze Insel?« Serena schüttelte den Kopf. »Ich rede nicht von der Insel, Mike«, sagte sie. Wieder deutete sie auf das Buch. »Was dort beschrieben ist, ist dasselbe, was hier passiert. Seit wir auf dieses Schiff gestoßen sind, haben wir uns alle zum Schlechten verändert. In den ganzen Jahren, die wir nun zusammen sind, habe ich nicht soviel Streit und Zorn erlebt wie in den letzten Tagen. « Deshalb also waren Serena, Juan und Chris so erschrocken gewesen.
Mike fiel plötzlich der Krake ein, der ihn vor dem Wrack der TITANIC attackiert hatte: ein an sich harmloses, eher scheues Tier, das unter normalen Umständen niemals einen so großen Gegner wie einen Menschen angreifen würde und das sich doch wie toll gebärdet hatte. Und die Stimmung an Bord war von jenem Moment an, in dem sie die Spur des Sternenschiffes aufnahmen, praktisch minütlich schlechter geworden. Er hatte sich ja schon die ganze Zeit über immer wieder Gedanken deswegen gemacht. Und er hatte die beginnende Veränderung auch an sich selbst bemerkt. »Aber das würde bedeuten, daß... « »... daß es uns auch trifft, ja«, führte Serena den Satz zu Ende.
»Du meinst, wir... wir werden auch zu Stein?« flüsterte Mike.
Serena antwortete nicht.
»Vielleicht... vielleicht ist es nur... nur eine Art Nebenwirkung«, fuhr Mike stockend fort. »Es muß uns nicht auch so ergehen wie den Eingeborenen und den
Männern an Bord des Schiffes. Vielleicht ist es das, was man am Anfang spürt, wenn man ihm zu nahe kommt. Niemand sagt, daß wir so enden müssen wie die anderen. «
»0 doch«, flüsterte Serena. »Und Trautman weiß das. Er hat es die ganze Zeit über gewußt und wahrscheinlich nur nichts gesagt, um uns nicht zu ängstigen. Deshalb will er das Sternenschiff um jeden Preis zerstören. Vielleicht hört es auf, wenn es nicht mehr da ist. « »Und wenn nicht?« fragte Mike leise. »Dann sind wir verloren«, antwortete Serena. Für einen Moment drohte Mike in Panik zu geraten. Es war nicht einmal die Angst vor dem Tod. Natürlich spürte er auch sie, aber es war nicht das erste Mal, daß sie sich in einer gefährlichen Situation befanden, und trotz seiner Jugend auch nicht das erste Mal, daß er ernsthaft über die Möglichkeit nachdachte, sterben zu müssen. Und trotzdem war ihm eine Gefahr nie so furchtbar erschienen. Der steinernen Pest zu erliegen, die die Männer an Bord des Frachters dahingerafft und auch unter den Bewohnern der Insel schon die ersten Opfer gefordert hatte, war eine solch schreckliche Vorstellung, daß sich alles in ihm einfach weigerte, sie auch nur als bloße Möglichkeit zu akzeptieren.
»Weisser«, sagte er plötzlich. »Dieser Mann, der sich Weisser nennt, er weiß etwas darüber. Vielleicht kann er uns helfen. Wir müssen noch einmal zurück auf die Insel. «