122183.fb2 Die steinerne Pest - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 11

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»Trautman wird das nicht zulassen«, sagte Serena traurig.

Mike deutete auf das Buch. »Weiß Trautman, daß du es hast?«

»Nein. « Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht gewagt, es ihm zu sagen. Er ist so... zornig geworden. Er macht mir angst. Alle hier machen mir angst. «

»Mir auch«, bestätigte Mike. »Aber wir müssen es ihm sagen. Vielleicht gibt es ja doch eine andere Möglichkeit. «

»Nein«, antwortete Serena leise. »Ich habe es nachgerechnet, weißt du? Es hat angefangen, nachdem wir das Wrack der TITANIC verlassen haben, und es wird jeden Tag schlimmer. Wenn uns ebensoviel Zeit bleibt wie den Männern an Bord des Frachters, dann ist unsere Frist morgen mittag abgelaufen. « »Woher willst du das wissen?« fragte Mike. Sein Herz klopfte immer noch vor Angst, und er hatte Mühe, Serena nicht anzuschreien. Plötzlich mußte er sich mit aller Macht beherrschen, um nicht ihr die Schuld an alledem zu geben. »Sie sind ihm viel näher gekommen als wir. Es gibt keinen Beweis, daß es uns überhaupt so ergeht wie ihnen oder genauso schnell. « »Doch«, antwortete Serena leise und sehr ernst. »Es gibt einen Beweis. Ich habe ihn heute morgen erst entdeckt. Bis jetzt weiß niemand davon. Und es ist besser, wenn auch du schweigst. «

Sie wies auf ihr Bett, und als Mike sie nur fragend anblickte, trat sie mit ein paar raschen Schritten darauf zu und schlug die Decke zurück. Etwas Schwarzes, Pelziges kam zum Vorschein, das reglos auf dem Kissen lag und Mike aus einem gelben Auge anblickte. »Astaroth!« Mike eilte zu ihm. »Was ist... ?« Er brach ab, als er sah, daß das eine Bein des Katers in einem unnatürlichen Winkel vom Körper abstand.

»Bist du verletzt? Was ist geschehen?«

Wie lautet eines eurer dämlichen Sprichwörter? erklang Astaroths lautlose Stimme in Mikes Kopf. Es bleibt kein Stein auf dem anderen. So wird es wohl bald auch an Bord der NAUTILUS sein.

Seine Stimme hatte grimmig geklungen, aber Mike konnte die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in Astaroths Auge genau erkennen. Seine Hand zitterte, als er sie langsam nach dem Kater ausstreckte. Astaroths Bein war zu Stein erstarrt.

Im Turm der NAUTILUS herrschte atemlose Stille. Trautman stand hinter einem der beiden mannshohen Bullaugen und hatte den Feldstecher angesetzt, um die Insel zu beobachten, die sich nur als schwarzer Schattenriß gegen den noch grauen Morgenhimmel abzeichnete. Es begann schon hell zu werden, und trotz der schlechten Sicht konnten Mike und die anderen die beiden gewaltigen deutschen Kriegsschiffe deutlich ausmachen, die wie schwimmende Berge aus Eisen vor der Insel lagen.

Obwohl sie seit gut zehn Minuten hier standen und darauf warteten, daß es richtig Tag wurde, hatte Mike den Anblick immer noch nicht wirklich verdaut. Es war noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden her, da hatten Singh und er auf der Insel dort drüben gestanden und genau in die Richtung, in der sich die NAUTILUS nun befand, aufs Meer hinausgeblickt, und sie hatten keine Spur des gewaltigen Schlachtschiffes und seines kaum weniger großen Begleiters gesehen -und das war schlichtweg unmöglich. Und als wäre dies noch nicht genug, war der schwarze Frachter mit seiner unheimlichen Besatzung dafür nun nicht mehr zu sehen. Irgend etwas stimmte hier nicht.

»Noch ein Strich Backbord«, sagte Trautman. Die Worte galten Ben, der hinter dem großen Steuerrad stand und die Aufgabe übernommen hatte, die NAUTILUS auf Trautmans Anweisungen hin genau in Schußposition zu bringen. Er gehorchte dem Befehl, und Mike konnte spüren, wie der eiserne Boden unter ihren Füßen sacht zu zittern begann, als sich das Schiff um wenige Grade nach rechts bewegte. Sein Herz klopfte schneller. Er hätte in diesem Moment selbst nicht in Worte fassen können, was er wirklich empfand, aber es war ein Gefühl, das an Verzweiflung grenzte. Er hatte vorhin nochmals versucht, Trautman von seiner Entscheidung abzubringen, aber es war umsonst gewesen.

»Und noch ein Strich Backbord, Ben«, sagte Trautman, ohne den Feldstecher abzusetzen, »und dann die Position halten... so, perfekt. «

Mikes Blick irrte nervös zwischen Trautman und den Umrissen der beiden Kriegsschiffe draußen auf dem Meer hin und her. Neben allem anderen war das, was sie vorhatten, auch für sie nicht ganz ungefährlich. Das Meer war an dieser Stelle nicht sehr tief, und die beiden Kriegsschiffe lagen so vor der Küste, daß zwischen ihnen nur ein schmaler Spalt blieb, durch den man den Strand und die darauf liegende riesige Flugscheibe erkennen konnte. Anstatt aus der sicheren Tiefe des Meeres herauszufeuern, hatte die NAUTILUS auftauchen müssen, und obwohl es niemand laut ausgesprochen hatte, war doch jedem an Bord klar, daß man sie spätestens in dem Moment entdecken würde, in dem sie ihre Torpedos auf das Sternenschiff abschössen. Singh stand unten an den Kontrollen bereit, die NAUTILUS sofort tauchen und einen Weg ins offene Meer einschlagen zu lassen, aber es würde trotzdem knapp werden. Die Schiffe der kaiserlich deutschen Kriegsmarine waren bekannt dafür, daß ihre Besatzung perfekt ausgebildet und ihre Waffen auf dem neuesten Stand waren. Und der Kommandant dieser Expedition würde mit Sicherheit nicht besonders erfreut sein, wenn er seine Beute in Rauch und Flammen aufgehen sah. Mike hatte auch dieses Argument vorgebracht, und Trautman hatte auch darauf nicht gehört. Jetzt hob Trautman die linke Hand und gab Juan damit das vereinbarte Zeichen, an einen roten Schalter direkt an der Wand hinter Mike zu treten und die Hand danach auszustrecken. »Noch nicht«, sagte Trautman. In seiner Stimme lag ein angespannter, scharfer Ton. »Warte... Achtung... Jetzt!«

Juan zog den Hebel mit einem Ruck nach unten, und Mike konnte spüren, wie eine kurze, aber heftige Erschütterung durch den Rumpf der NAUTILUS ging. Nur einen winzigen Augenblick später erschienen zwei schnurgerade Spuren aus sprudelnden Luftblasen vor dem Bug des Unterseebootes und bewegten sich rasend schnell auf die Lücke zwischen den beiden Kriegsschiffen zu.

Mike sah unwillkürlich zu den Aufbauten des Schlachtkreuzers hinauf. Es war zwar unwahrscheinlich, aber mit ein wenig Pech waren die Kielspuren der Torpedos bereits entdeckt worden und gellten jetzt schon die Alarmsirenen durch das große Kriegsschiff. »Da stimmt was nicht«, sagte Trautman plötzlich. Mike sah irritiert zu ihm hinüber, aber Trautman beobachtete weder die Insel noch die beiden Kriegsschiffe, sondern verfolgte mit dem Feldstecher die Spur der beiden Torpedos. Mit bloßem Auge hatte Mike Mühe, sie überhaupt zu entdecken, aber als es ihm schließlich gelungen war, begriff er sofort, was Trautman meinte: Die beiden Torpedos lagen nicht mehr auf Kurs. Ihre Spuren verliefen nicht mehr parallel, sondern begannen immer weiter auseinander zu weichen. Der rechte würde die Insel ganz verfehlen, wenn sich die Krümmung seiner Bahn weiter so fortsetzte, während der linke nicht weit vom Kurs abgewichen war, aber immerhin weit genug, um jetzt nicht mehr auf den Strand und die Flugscheibe zu zielen, sondern direkt auf den deutschen Schlachtkreuzer.

»Aber das ist doch nicht möglich«, murmelte Ben. Trautman hob erneut die Hand und hieß ihn mit einer ungeduldigen Bewegung zu schweigen. Und auch Mike verfolgte die Spur der beiden tödlichen Geschosse mit klopfendem Herzen weiter. Das eine wich tatsächlich immer weiter von seiner ursprünglichen Bahn ab und verschwand schließlich auf hoher See, während sich das andere unaufhaltsam dem Schlachtkreuzer näherte -und hindurchglitt!

Mike riß ungläubig die Augen auf, während Trautman den Feldstecher sinken ließ und einen keuchenden Laut von sich gab. »Was... ?« murmelte Ben.

Einen Moment später blitzte es drüben bei der Insel grell und orangefarben auf. Eine gewaltige Stichflamme schoß in den Himmel, gefolgt von einer brodelnden Rauchsäule, als der Torpedo fast eine halbe Meile neben dem Sternenschiff auf die Küste traf und explodierte. Das Licht war so grell, daß die Silhouetten der beiden deutschen Kriegsschiffe vor Mikes Augen zu flackern schienen, und er glaubte, dahinter tatsächlich die Küste und den Umriß eines dritten, kleineren und bis jetzt unsichtbar gebliebenen Schiffes auszumachen, aber natürlich war das nur eine optische Täuschung; er hatte direkt in den Explosionsblitz gesehen, und das war wohl mehr, als seine Sehnerven verkrafteten. »Nichts wie weg hier!« sagte Trautman. Er fuhr herum, trat mit einem Schritt an das Sprechgerät an der Wand und schaltete es ein. »Singh! Eine Drehung um hundertachtzig Grad und dann volle Kraft voraus aufs offene Meer! Raus hier!« Die beiden letzten Worte hatte er geschrien, und sie galten nicht mehr Singh, sondern Mike und den anderen. Dicht hintereinander polterten sie die Wendeltreppe hinunter, wobei Trautman den Abschluß bildete. Kaum daß er den Turm verlassen hatte, schloß er das wuchtige Sicherheitsschott über sich und verriegelte es. Normalerweise blieb der Zugang zum Turm immer offen. Daß Trautman ihn trotz seiner Eile jetzt verschloß, machte Mike erst richtig klar, wie ernst er ihre Situation einschätzte, denn diese

Luke hatte, wie zahlreiche andere Sicherheitstüren, die es an Bord der NAUTILUS gab und die eigentlich so gut wie nie benutzt wurden, nur den einen Zweck, den Schaden bei einem Wassereinbruch möglichst gering zu halten. Wenn alle wasserdichten Türen an Bord des Schiffes geschlossen waren, konnte selbst ein größeres Leck die NAUTILUS nicht in ernsthafte Gefahr bringen. Aber Mike blieb nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken, denn Trautman scheuchte sie rasch vor sich her in den Salon. Er schloß auch hier die Sicherheitstür, und bevor er irgend etwas sagte oder tat, eilte er zu dem riesigen Bullauge auf der rechten Seite und betätigte den Schalter, der die gewaltige Irisblende davor schloß. »Tauchen, Singh«, befahl er, »so schnell und so tief wie möglich!«

Singhs Finger flogen über die Armaturen, und das Maschinengeräusch der NAUTILUS änderte sich abermals. »Was ist passiert?« fragte er. »Folgen sie uns?« »Ich weiß es nicht«, erwiderte Trautman. »Aber die Torpedos haben ihr Ziel verfehlt. Einer ist im offenen Meer verschwunden, der andere harmlos am Strand explodiert. «

Singhs Gesicht bot für einen Moment einen Ausdruck vollkommener Fassungslosigkeit. »Aber wie kann das sein?« wunderte er sich. »Wir haben doch die halbe Nacht... «

»... die beiden Torpedos sorgsam vorbereitet und jede Einstellung dreimal überprüft, ich weiß«, unterbrach ihn Trautman. Sein Gesicht verfinsterte sich. »Ich verstehe es nicht. Ich kenne diese Torpedos genau. Sie verfehlen niemals ihr Ziel, wenn sie richtig eingestellt sind. «

»Vielleicht gibt es eine Strömung hier«, vermutete Juan, »oder die NAUTILUS lag nicht genau an der richtigen Stelle. « »He!« protestierte Ben. »Ich habe die Position -«

»Hört auf!« sagte Trautman scharf. »So war es bestimmt nicht. Aber darum kümmern wir uns später. Jetzt müssen wir weg hier. « Er wandte sich wieder an Singh: »Folgen sie uns?«

Singh blickte kurz, aber sehr konzentriert auf die Vielzahl von Instrumenten vor sich und zuckte dann mit den Schultern. »Ich kann nichts feststellen«, sagte er, allerdings in einem Ton, der nicht nur Mike aufhorchen ließ.

Trautmans Augen wurden schmal. »Was heißt das nun, Singh?« fragte er ungeduldig. »Ja oder nein?« Singh zuckte unglücklich mit den Achseln. »Irgend etwas... scheint da zu sein, aber ich kann nicht sagen, was. «

Trautman sah für einen Moment fast zornig drein, schien aber dann einzusehen, daß Zorn sie im Augenblick am allerwenigsten weiterbrachte. »Also gut«, entschied er. »Nichts wie runter. Wie tief ist das Meer hier?« »Zweihundert Meter«, antwortete Singh. »Das reicht«, sagte Trautman. »So tief reichen ihre Wasserbomben nicht. Ab nach unten. « Er deutete mit dem Zeigefinger auf den Boden, und Singhs Hände begannen wieder über die Instrumente zu gleiten. Das Schiffsdeck neigte sich spürbar unter ihren Füßen, und irgendwo fiel etwas um und zerbrach klirrend, als die NAUTILUS in steuern Winkel und mit voller Kraft in die Tiefe des Meeres hinabzutauchen begann. Mike hätte erleichtert sein müssen, denn zumindest vor ihren Verfolgern waren sie nun in Sicherheit. Mit Ausnahme der NAUTILUS konnte kein Tauchboot der Welt in eine solche Wassertiefe hinab gelangen -ganz davon abgesehen, daß es außer der NAUTILUS vermutlich auch kein anderes Tauchboot im Umkreis von fünfhundert Seemeilen gab -, und selbst die gefährlichen Wasserbomben, die der Schlachtkreuzer höchstwahrscheinlich an Bord hatte, würden unter dem enormen Druck in dieser Tiefe explodieren, lange, ehe sie auch nur in die Nähe der NAUTILUS gelangen konnten. Trotzdem fühlte sich Mike kein bißchen erleichtert, sondern immer nervöser, vor allem, als er Trautmans Blick auf sich spürte. »Du hast nicht zufällig etwas zu sagen?« fragte Trautman.

Mike blinzelte ihn verwirrt an. »Ich? Wieso? Was?« »Nun, immerhin hast du oft genug versucht, mich von meinem Vorhaben abzubringen«, erwiderte Trautman in so scharfem, mißtrauischem Ton, daß er allein Mike beinahe mehr verletzte als die noch halb unausgesprochene Verdächtigung, die hinter dieser Frage stand. Er antwortete gar nicht, aber er sah aus den Augenwinkeln, wie auch Ben ihn verblüfft anstarrte und sich sein Gesicht dann verdüsterte. »Sie meinen... «

Trautman machte eine rasche Handbewegung. »Ich meine gar nichts«, sagte er. »Ich werde jetzt nach vorne in den Torpedoraum gehen und ein paar Dinge überprüfen. Ihr bleibt hier, bis ich zurück bin. Niemand verläßt diesen Raum. « Und damit drehte er sich auf dem Absatz herum und ging.

Mike starrte ihm fassungslos hinterher. Glaubte Trautman tatsächlich, daß er etwas damit zu tun hatte, daß die beiden Torpedos ihr Ziel verfehlten? Allein der Verdacht war einfach absurd! Es mußte eine andere Erklärung geben. Vielleicht ein technischer Fehler; eine Kleinigkeit, die Trautman und Singh übersehen hatten. Es mußte einfach so sein!

Die NAUTILUS richtete sich nun allmählich wieder auf. Der Boden stand nicht mehr schräg, und er zitterte auch nicht mehr so heftig wie noch vor ein paar Augenblicken, und schließlich ging eine dumpfe, lang anhaltende Erschütterung durch den Rumpf des Schiffes; wie ein mächtiger Glockenton, der aus weiter Entfernung zu hören war. Sie hatten auf dem Meeresgrund aufgesetzt.

Mike starrte auf das Fenster, obwohl er dort im Moment gar nichts anderes sehen konnte als den matten Stahl der geschlossenen Irisblende. Er bewegte sich nicht, und auch die anderen verhielten sich ruhig. Alle warteten darauf, daß Trautman wiederkommen und ihnen berichten würde, ob er im Torpedoraum etwas entdeckt hatte.

Nach überraschend kurzer Zeit wurden draußen auf dem Korridor wieder Schritte laut, und sie alle wandten sich zur Tür. Aber es war nicht Trautman, der hereinkam. Es war Serena -und als Mike sah, was sie in den Armen trug, hatte er das Gefühl, von einem Blitz getroffen zu werden.

Es war Astaroth. Der Kater lag reglos auf ihren ausgestreckten Armen, mit weit geöffnetem, starrem Auge und gebleckten Zähnen, die Vorderläufe weit ausgestreckt und die Krallen gespreizt, als wäre er mitten im Sprung versteinert worden. Der furchtbare Prozeß, der in der vergangenen Nacht seinen Anfang genommen hatte, hatte seinen Abschluß erreicht. Astaroth war zu Stein erstarrt.

Für ein, zwei Sekunden fühlte sich auch Mike wie versteinert. Die anderen schrien erschrocken auf und eilten auf Serena zu, die den Kater langsam zum Kartentisch trug und ihn darauf ablud; mit einem Geräusch, als ließe sie tatsächlich einen zentnerschweren Steinbrocken auf die Tischplatte fallen, aber Mike selbst war nicht fähig, sich zu rühren. Erst als Serena ihre furchtbare Last abgeladen hatte und schluchzend in Juans Arme sank, fiel die Lähmung von Mike ab. Mit einem einzigen Satz war er am Tisch und beugte sich über den Kater.

Er wagte es nicht, ihn zu berühren. Der Anblick brach ihm schier das Herz. Astaroth lag da, als schliefe er; wie es Katzen manchmal tun, mit offenen Augen und im Traum irgendeine Beute jagend, aber er schlief nicht. Sein Fell war grau geworden, und das Leben war aus seinem Auge gewichen.

Was vor ihm lag, das war kein lebendes Wesen aus Fleisch und Blut mehr, sondern eine perfekte Nachbildung aus granithartem Stein. »Astaroth!« keuchte er. »Nein. Nicht... nicht du!« Er bekam keine Antwort, und so wiederholte er seine Worte in Gedanken, auf die lautlose Art, auf die Astaroth und er sich über so lange Zeit hin verständigt hatten, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Astaroth! So antworte doch! Sag etwas! IRGEND ETWAS! DU DARFST NICHT TOT SEIN! Aber Astaroth schwieg. Wenn er seine Worte hörte, wenn noch irgend etwas in ihm war, das fähig gewesen wäre, sie zu registrieren, so war er auf jeden Fall nicht mehr in der Lage, darauf zu reagieren. »Es... es tut mir so leid«, flüsterte Ben hinter ihm. Von einem plötzlichen Zorn ergriffen, fuhr Mike herum und wollte Ben anschreien und ihm sagen, wohin er sich sein Mitleid stecken konnte. Doch als er herumfuhr, erkannte er, daß die Worte gar nicht ihm gegolten hatten, sondern Serena, die noch immer in Juans Armen lag und heftig schluchzte.

»Mir auch«, sagte Juan. »Wirklich. Ich... ich wollte, ich könnte etwas für ihn tun. «

»Was tut euch leid?« fragte eine Stimme von der Tür her.

Mike sah auf und gewahrte Trautman, der aus dem Torpedoraum zurückgekehrt war und offenbar etwas gefunden hatte, was er triumphierend in der rechten Hand hielt. Als er näher kam, schloß er jedoch rasch die Faust darum und verbarg sie hinter dem Rücken. »Was tut euch leid?« wiederholte er seine Frage. Niemand antwortete, doch Ben und Juan traten beiseite, um Trautman einen freien Blick auf den Tisch zu gewähren. Als Trautman sah, was darauf lag, verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck noch mehr. Doch er sagte nichts, sondern musterte den Kater nur einen Moment lang stirnrunzelnd und sah sie dann alle der Reihe nach düster an.

»Das ist furchtbar«, sagte er, »aber zugleich auch eine deutliche Warnung. Nur für die, die mir bisher nicht geglaubt zu haben scheinen, wie ernst die Lage ist. « Mike zweifelte für eine Sekunde an seinem Verstand. Das mußte er sich einbilden. So... so herzlos konnte Trautman einfach nicht sein. Nicht einmal jetzt. Und trotzdem fuhr Trautman, in fast unverändertem Tonfall, jetzt aber direkt an Serena gewandt, fort: »Siehst du es nun ein?«

Serena sah nicht zu ihm auf, aber Mike konnte sich nun nicht mehr beherrschen. Nur noch wenig davon entfernt, Trautman wirklich anzuschreien, sagte er: »Was soll das? Glauben Sie, Sie leidet noch nicht genug?«

Erstaunlicherweise schien ihm Trautman seinen Ton nicht übelzunehmen. Er wandte sich langsam zu ihm um und sah ihn auf die gleiche, sonderbare Art an, auf die er gerade Serena gemustert hatte. Dann sagte er: »Ich weiß jetzt, warum die Torpedos nicht getroffen haben. «

»Was hat das -« begann Mike, wurde aber sofort wieder von Trautman unterbrochen, der mit leicht erhobener Stimme fortfuhr: »Jemand hatte sie sabotiert. Die Einstellungen wurden verändert. « »Was?« keuchte Ben.

»Unmöglich!« fügte Juan hinzu, und Chris stammelte: »Aber... aber wer sollte denn... « »Zeig mir dein Kleid, Serena«, verlangte Trautman. Das Mädchen reagierte auch jetzt nicht auf seine Worte, und Trautman wiederholte seine Aufforderung auch kein zweites Mal, sondern ergriff sie an den Schultern und drehte sie fast gewaltsam herum. Serena wehrte sich nicht. Mike hatte das Gefühl, daß sie gar nicht richtig mitbekam, was mit ihr geschah. Trautman ließ sich vor ihr in die Hocke sinken und musterteaufmerksam das weiße Kleid, das sie trug. Der große Ölfleck, der den weißen Stoff verunzierte, war deutlich zu erkennen. »Aber was... « murmelte Chris.

Trautman brachte ihn mit einer Handbewegung zum Verstummen und öffnete die linke Faust. Was er darin verborgen hatte, das entpuppte sich als ölverschmierter weißer Stoffetzen. Trautman zog die Falten von Serenas Kleid auseinander, und Mike sah überrascht, daß ein genau gleich großes Stück aus dem Saum von Serenas Kleid fehlte.

»Ich habe dieses Stück Stoff vorne im Torpedoraum gefunden«, erklärte Trautman. »Es steckte im Verschluß eines der Rohre. «

»Aber das... das kann doch gar nicht sein!« stammelte Mike. »Serena, sag, daß... daß das nicht wahr ist. « Serena schwieg. Sie hatte sich wieder halb herumgedreht und starrte den Tisch an, auf dem der versteinerte Kater lag. Sie schien Trautmans Worte gar nicht zu hören.

»Du?« murmelte Ben ungläubig. »Du hast die Torpedos sabotiert?«