122183.fb2 Die steinerne Pest - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 12

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»Es gibt keine andere Erklärung«, antwortete Trautman an Serenas Stelle. »Sie war es. « Er schüttelte den Kopf, ließ das Stück Stoff zu Boden fallen und stand auf. »Sie war die ganze Zeit dagegen, erinnert ihr euch? Aber ich hätte nicht gedacht, daß sie soweit geht. « »Aber warum?« murmelte Mike. »Warum hast du das getan, Serena?«

Serena antwortete auch jetzt nicht, sondern sah ihn nur aus tränenverschleierten Augen an. An ihrer Stelle sagte Ben: »Warum spielt ja jetzt wohl keine Rolle mehr. Wir hätten ihr nie trauen dürfen!«

»Sei still!« fuhr ihn Mike an. »Oder -« »Oder?« erkundigte sich Ben lauernd. »Oder was?« »Hört auf damit«, sagte Juan streng. »Das hat im Moment keinen Sinn. Wir müssen schnellstens zwei neue Torpedos bereitmachen. «

»Ich fürchte, das wird nicht gehen«, antwortete Trautman. »Wir brauchen Stunden, um die Torpedos für einen so genauen Schuß einzustellen. « Er deutete mit einer Kopfbewegung auf den Tisch. »Soviel Zeit haben wir nicht mehr. «

»Ganz davon abgesehen, daß die Männer auf der Insel jetzt gewarnt sind«, fügte Singh hinzu. »Ich fürchte«, bestätigte Trautman. »Sie würden uns erwarten, sobald wir auftauchen. « Er seufzte tief. »Uns bleibt jetzt nur noch eine Wahl. « »Welche?« fragte Ben.

Anstelle einer direkten Antwort sah Trautman auf und tauschte einen ernsten Blick mit Singh. Der Inder reagierte mit einem kaum sichtbaren Kopfnicken darauf, und Mike begriff, daß es zwischen den beiden wohl etwas gab, wovon er und die andern nichts wußten. »Was habt ihr vor?« fragte er geradeheraus. Trautman deutete auf den Kater. »Ihr könnt alle selbst sehen, was passiert, wenn man sich dieser Höllenmaschine auch nur nähert. Und ihr habt gehört, was Mike und Singh berichtet haben. Dieses Ding kann zu einer Gefahr für die gesamte Welt werden, wenn es in falsche Hände gerät. Wir müssen es vernichten. « »Und wie?« fragte Ben nervös.

Bevor Trautman antwortete konnte, erscholl vom Steuerpult her ein heller Glockenton. Trautman und Singh wandten sich gleichzeitig um, und Singh sagte: »Ich sehe nach. «

Während er zum Steuerpult ging, fuhr Trautman fort: »Es gibt noch eine Möglichkeit. Aber sie ist... nicht ganz ungefährlich. «

»Und wie gefährlich ist nicht ganz ungefährlich?« fragte Juan.

»Gefährlich genug, daß ich euch lieber von Bord hätte, wenn ich es versuche«, antwortete Trautman. »Wir werden auftauchen und euch auf der Insel absetzen. Es reicht, wenn Singh und ich allein an Bord zurückbleiben. «

Was hat er vor... ? dachte Mike. Ein ungutes Gefühl stieg in ihm auf. Aber es war Juan, der den Gedanken laut aussprach:

»Sie haben vor, ein Selbstmordunternehmen zu starten, nicht wahr? Sie wollen das Schiff rammen. Mit der NAUTILUS. «

»Aber das ist -« begann Mike.

»Die einzige Möglichkeit«, fiel ihm Trautman ins Wort. »Das würde Ihren Tod bedeuten!« protestierte Ben. »Und den Singhs. Und den Untergang der NAUTILUS!« »Das ist nicht gesagt«, erwiderte Trautman. »Die NAUTILUS ist ein gewaltiges Schiff. Selbst im Vergleich zu der Flugscheibe. Wahrscheinlich wird sie sie einfach zermalmen. Das Schlimmste, was geschehen kann, ist, daß sie anschließend auf dem Strand liegt. « Er versuchte aufmunternd zu lächeln, aber sehr überzeugend wirkte es nicht. »Macht euch keine Sorgen. « »Und wenn Sie sich irren?« keuchte Mike. »Ich meine: Wenn dieses Ding einfach... explodiert oder so was? Ihr würdet sterben! Das lasse ich nicht zu!« Trautman lächelte traurig. Er deutete abermals auf den Kater. »In spätestens zwei oder drei Stunden sind wir sowieso tot«, sagte er ernst. »Wir alle. Und vielleicht sterben nicht Tausende von unschuldigen Menschen. Es ist die einzige Wahl, glaub mir. « »Das ist alles nur deine Schuld!« sagte Ben plötzlich. Er drehte sich zu Serena herum und ballte die Fäuste. Er zitterte am ganzen Leib. »Wenn du die Torpedos nicht sabotiert hättest... !«

»Da kommt irgend etwas auf uns zu«, sagte Singh vom Kommandopult aus. Mike konnte sehen, wie alle Farbe aus seinem Gesicht wich. »Was ist los?« fragte Trautman alarmiert. »Um Gottes willen«, murmelte Singh. »Das... das ist unser eigener Torpedo! Weg hier!« Die beiden letzten Worte hatte er geschrien, und plötzlich flogen seine Hände nur so über die Tasten und Schalter auf dem Pult. Binnen einer einzigen Sekunde erwachten die Maschinen zu dröhnendem Leben, und der Boden schwankte so heftig, daß Mike um ein Haar von den Füßen gerissen worden wäre und hastig nach einem Halt griff. Astaroth rollte vom Tisch und wäre zu Boden gestürzt, hätte Serena sich nicht mit einem Schrei vorgeworfen und ihn aufgefangen. Während Mike sich mit aller Macht an der Tischplatte festklammerte, eilte Trautman mit wild rudernden Armen zum Steuerpult, um Singh zu helfen. Er hatte alle Mühe, dabei auf den Beinen zu bleiben, denn die NAUTILUS schoß in jähem Winkel schräg nach oben. Mike konnte hören, wie das Wasser an dem geschlossenen Fenster vorbeirauschte und die Maschinen schriller und schriller heulten. Das Boot mußte mittlerweile mit der Schnelligkeit eines Pfeiles durch das Wasser schießen. Bei diesem Tempo konnte es nur Augenblicke dauern, bis die NAUTILUS die Wasseroberfläche durchbrach.

»Er ist es!« brüllte Trautman, als er das Steuerpult erreicht hatte. »Unser eigener Torpedo! Der zweite, der vorbeigegangen ist! Aber wie kann das sein?!« »Sie müssen ihn fernsteuern!« antwortete Singh ebenso laut und mit deutlicher Panik in der Stimme. »Er ist zu schnell für uns! Ich kann ihn nicht abschütteln. « Die NAUTILUS hatte jetzt offensichtlich die Wasseroberfläche erreicht, brach hindurch und schien tatsächlich eine halbe Sekunde lang schwerelos in der

Luft zu hängen, ehe sie mit einem ungeheuren Krachen wieder zurückfiel. Mike, Ben, Chris, Juan und Serena stürzten hilflos übereinander, und auch Trautman wurde von den Füßen gerissen und fiel. Einzig Singh brachte das Kunststück fertig, sich nicht nur irgendwie am Steuerpult festzuhalten, sondern dabei noch weiter auf den Kontrollinstrumenten des Schiffes herumzuhämmern. Die NAUTILUS schaukelte wild hin und her, legte sich auf die rechte Seite, kippte dann ebenso jäh nach links und richtete sich schließlich träge wieder auf, während sie weiter mit Höchstgeschwindigkeit durch das Wasser schoß. Trotzdem brüllte Singh: »Er holt auf! Noch zwei Minuten! Allerhöchstens!« Mikes Gedanken rasten. Die NAUTILUS war ein gewaltiges Schiff, aber er wußte auch, wie enorm die Sprengkraft der Torpedos war, die sie auf die Flugscheibe abgeschossen hatten. Sie würde zwar nicht ausreichen, die NAUTILUS in Stücke zu reißen, aber durchaus, um ein gewaltiges Loch in ihren Rumpf zu sprengen. Selbst wenn sie die unmittelbare Explosion überstanden, würde das Schiff sinken wie ein Stein! »Raus!« befahl Trautman. »Alle raus! Hoch in den Turm. Schnell!«

Mike bückte sich hastig, klemmte sich den versteinerten Kater unter den einen Arm und ergriff Serena mit der freien Hand. Ohne auf ihre wilde Gegenwehr zu achten, zerrte er sie in die Höhe und hinter sich her auf die Tür zu. Ben, Chris und Juan stürmten bereits voraus und polterten die Wendeltreppe zum Turm hinauf. Mikes Herz machte einen erschrockenen Sprung, als sie den Turm erreicht hatten und sein Blick aus dem mannsgroßen Bullauge fiel. Die NAUTILUS schoß mit solcher Geschwindigkeit durch die See, daß das Wasser aufspritzte wie hinter einem Schnellboot, und die Insel schien nur so auf sie zuzufliegen. Wenn Singh nicht bald den Kurs änderte oder wenigstens die Geschwindigkeit drosselte, dann würden sie weit genug auf den Strand hinaufschießen, daß sie die NAUTILUS hinterher aus dem Wald pflücken konnten. Aber so viel Zeit blieb ihnen nicht mehr. Juan und Ben waren bereits vorausgeklettert und versuchten mit vereinten Kräften, die Turmluke zu öffnen. Endlich schafften sie es, das schwere Rad zu drehen und den Deckel aufzustoßen -und im gleichen Moment traf ein unvorstellbarer Schlag die NAUTILUS.

Es war, als wäre der Himmel auf die Erde herabgestürzt; besser gesagt, auf das Schiff. Die NAUTILUS wurde wie von einem Faustschlag getroffen und in die Höhe gerissen, hob sich mehrere Meter weit aus dem Wasser und stürzte mit unvorstellbarer Wucht wieder zurück. Ben und Juan wurden von der Leiter geschleudert, während Mike, Serena und Chris übereinanderpurzelten, und nur einen Sekundenbruchteil später spülte eine schäumende Flutwelle durch die offenstehende Turmluke herein. Das Dröhnen, Krachen und Bersten hielt an, und Mike konnte darunter noch einen anderen, ungleich schrecklicheren Laut hören: das Kreischen von zerreißendem Metall und dann das furchtbare Geräusch von Wasser, das sich gurgelnd seinen Weg ins Schiff hinein bahnte. Allerdings nicht nur durch das Leck irgendwo im Rumpf, sondern auch von oben. Durch die Turmluke stürzte ein wahrer Wasserfall aus weißem Schaum. Die NAUTILUS war auf Grund gelaufen. Sie bewegte sich nicht mehr, aber sie lag nicht gerade, sondern so schräg auf der Seite, daß das Meer bei jeder Welle durch die Turmluke hereinspülte. Der Turm war bereits halb vollgelaufen, und das Wasser stieg immer schneller -Singh mußte die Notautomatik ausgelöst haben, die alle Sicherheitstüren an Bord des Schiffes schloß, so daß nicht nur der Turm, sondern auch alle anderen Gänge und Räume hermetisch abgeschlossen waren. Auf diese Weise konnte das Wasser wenigstens nicht das gesamte Schiff überfluten, sondern nur in die beschädigten Teile eindringen.

Diese an sich sehr sinnvolle Einrichtung drohte nun allerdings für Mike und die anderen zur Todesfalle zu werden, denn auch die Tür hinter ihnen hatte sich automatisch geschlossen. Das Wasser stand Mike bereits bis zur Brust, und es stieg immer schneller und schneller. Er konnte sich kaum noch auf den Füßen halten. Er hörte Serena neben sich schreien und wollte ihr zu Hilfe eilen, sah dann aber, daß sie selbst gar nicht in Gefahr war. Irgendwie hatte sie es geschafft, eine der eisernen Leitersprossen zu ergreifen und sich daran festzuklammern. Ihr ausgestreckter Arm deutete auf einen Punkt unmittelbar neben Mike, und als sein Blick der Bewegung folgte, sah er gerade noch, wie eine versteinerte graue Katzenpfote in den wirbelnden Fluten versank. Ohne auch nur einen Gedanken an die Gefahr zu verschwenden, in der er selbst schwebte, atmete er noch einmal tief ein und tauchte dann hinter dem Kater her.

Sofort wurde er von dem wirbelnden Wasser ergriffen und herumgeschleudert. Mehrmals prallte er schmerzhaft gegen unsichtbare Hindernisse, ehe seine tastenden Hände endlich Astaroths Schwanz erfaßten. Er griff mit aller Kraft zu, betete, daß er nicht abbrach (was angesichts des unheimlichen Zustandes, in dem sich Astaroth befand, gar nicht so unmöglich und ganz und gar nicht komisch war), und versuchte die Wasseroberfläche zu erreichen. Da war keine Wasseroberfläche mehr. Sein Kopf stieß schmerzhaft gegen Metall, als er nach oben schwamm. In den wenigen Augenblicken, die er nach Astaroth gesucht hatte, mußte der Turm endgültig vollgelaufen sein.

Panik drohte ihn zu übermannen. Mit aller Macht zwang er sich zur Ruhe, tastete mit den Händen blind um sich und fühlte plötzlich eine Leitersprosse unter den Fingern. Er wußte, daß er der Leiter nur zu folgen brauchte, um die offenstehende Luke zu erreichen und damit die Wasseroberfläche. Der Sog war immer noch enorm, aber wenn er sich von Sprosse zu Sprosse zog, konnte er es schaffen.

Er versuchte es, doch seine Hände verweigerten ihm den Dienst, und als er sie in dem trüben Wasser dicht vor das Gesicht hielt, begriff er auch, warum. Seine Finger waren zu Stein geworden. Und das unheimliche Geschehen setzte sich rasend schnell fort. Mikes Lungen brannten bereits vor Atemnot, und sein Herz hämmerte so schnell und schwer, als wollte es in seiner Brust auseinanderspringen. Aus entsetzt aufgerissenen Augen sah er zu, wie sich die graue Färbung in seinen Händen ausbreitete, die Gelenke erreichte und weiter seine Arme hinaufkroch; wie graue Tinte, die sich in einem Stück Löschpapier ausbreitete. Gleichzeitig wich alles Gefühl aus seinen Händen, den Armen und schließlich den Schultern. Seine Lungen schrien vor Schmerz. Wäre er in der Lage dazu gewesen, hätte er in diesem Moment vielleicht den Mund geöffnet und das tödliche Wasser eingeatmet.

Doch das konnte er nicht mehr. Die Lähmung hatte bereits seinen Hals erreicht und wanderte schnell und unaufhaltsam weiter nach oben, in sein Gesicht und seinen Kopf und hinab zu seinem Herzen. Als die Dunkelheit schließlich kam, war es fast wie eine Erlösung. Er ertrank nicht.

Seine Lungen brauchten keinen Sauerstoff mehr, denn sie waren zu Stein geworden.

Als Mike die Augen aufschlug, hatte er das gleiche Gefühl, das man manchmal nach einem sehr langen, sehr entspannenden Schlaf hatte: Er wußte, daß viel Zeit vergangen war, und irgendwie erinnerte er sich auch an alles, was in dieser Zeit gewesen war; wenn auch nicht so, daß er es tatsächlich jemandem hätte erzählen können. Es war, als wäre er tot, aber in Wirklichkeit doch nicht, oder als schliefe er, ohne wirklich eingeschlafen zu sein. Es war ein sehr unangenehmes Gefühl, gepaart mit dem sicheren Wissen, daß er entsetzlich lange in diesem düsteren Zwischenreich zwischen Leben und Tod geschwebt hatte. Doch was eigentlich zählte, war, daß er überhaupt imstande war, diesen Gedanken zu denken. Die bloße Tatsache allein nämlich bewies, daß er noch lebte. Dabei hätte er tot sein müssen - und sozusagen zweifach, hatte er doch die Wahl zwischen Ertrinken und Versteinern gehabt, und -

Da gäbe es schon noch eine dritte Möglichkeit, flüsterte eine wohlbekannte Stimme in spöttischherablassendem Tonfall in seinen Gedanken. Du könntest dir zum Beispiel einen Knoten ins Gehirn machen und auch noch dein letztes bißchen Verstand verlieren. »Astaroth?« murmelte Mike. Und dann schlug er mit einem Ruck die Augen auf, setzte sich hoch und schrie mit vollem Stimmaufwand: »Astaroth?!« Alles in der gleichen Sekunde, und das war zu schnell, denn ihm wurde auf der Stelle schwindelig, und er stürzte hilflos zur Seite. Leicht benommen registrierte er, daß er in weichen Sand fiel, nicht auf harten Stahl, und daß das Licht, das durch seine hastig wieder geschlossenen Lider drang, offenbar das der Sonne sein mußte, nicht mehr die künstliche Beleuchtung, wie sie an Bord der NAUTILUS herrschte.

Ganz recht. Das ist dieser dämliche Name, den du mir verpaßt hast. Zumindest scheinst du dich noch an deine

Schandtaten zu erinnern. Das gibt mir Hoffnung, daß noch nicht alles zu spät ist.

Mike öffnete behutsam ein zweites Mal die Augen und blickte direkt in ein schwarzes, einäugiges Katergesicht, das nur noch Zentimeter von seiner Nasenspitze entfernt war.

Und aus dem im nächsten Moment eine rauhe Katzenzunge herausschnellte, die quer über sein Gesicht schleckte.

»He!« protestierte Mike. »Laß das gefälligst!« Er schob Astaroth mit sanfter Gewalt von sich, setzte sich vorsichtig wieder auf und sah sich um. Er befand sich auf dem Strand, nur wenige Meter vom Meer entfernt, aber doch in Sicherheit. Und er war ebensowenig tot und versteinert wie Astaroth. Nicht daß er auch nur im entferntesten verstand, warum das so war...

Hätte mich auch gewundert, wenn du irgend etwas verstanden hättest, flüsterte Astaroths telepathische Stimme in seinen Gedanken.

»Aber wieso... stammelte Mike. »Was... wo... ich meine... «

Astaroth seufzte. Gib's auf, sagte er. Sonst machst du dir nachher wirklich noch einen Knoten ins Gehirn. »Hör mit dem Quatsch auf«, sagte Mike ein wenig verärgert. »Was ist hier passiert? Wieso bin ich hier? Und wieso lebe ich noch - und du?«

Welche von den vier Fragen soll ich zuerst beantworten? erkundigte sich Astaroth.

Mike nahm ihm die Antwort ab, indem er eine Handvoll Sand nach dem Kater schleuderte. Astaroth wich dem Sandregen mit einer geschickten Bewegung aus, und Mike glaubte so etwas wie ein gedankliches Lachen hinter seiner Stirn zu hören. Aber in der nächsten Sekunde hörte er ein wirkliches Lachen, nicht weit entfernt. Rasch drehte er sich herum und sah etwas, was ihn im ersten Moment kaum weniger überraschte, als es der Anblick Astaroths getan hatte. Er war nicht allein auf dem Strand. Nur ein paar Schritte entfernt hielten sich Ben, Chris, Juan und Serena auf - doch nicht nur sie. Mindestens zwei Dutzend der hochgewachsenen, bronzehäutigen Eingeborenen umstanden seine Freunde, schnatterten aufgeregt und gestikulierten dabei heftig mit den Händen, und bei ihnen war auch Weisser, der vermeintliche deutsche Marineoffizier.

Nur daß er kein Marineoffizier war. Und auch kein Deutscher.

Vielleicht war er nicht einmal ein Mensch, im herkömmlichen Sinne.

Weisser stand direkt neben Serena. Die beiden unterhielten sich angeregt, und als Mike sie nebeneinander sah, da fragte er sich verblüfft, wie um alles in der Welt er es auch nur für eine Sekunde nicht hatte merken können.

Weisser ähnelte Serena wie ein älterer Bruder. Seine Gestalt war ebenso feingliedrig wie die des Mädchens, die Wangenknochen hatten den gleichen, exotischen Schnitt, und das Verblüffendste überhaupt waren seine Augen, die Mike die ganze Zeit über so irritiert hatten. Es waren Serenas Augen. Die Augen eines Atlanters.

Ganz langsam stand Mike auf und ging zu der Gruppe hinüber. Juan und die anderen begrüßten ihn mit großem Hallo, und Serena unterbrach sofort ihr Gespräch mit Weisser, eilte ihm entgegen und schloß ihn so stürmisch in die Arme, als hätten sie sich tagelang nicht mehr gesehen. Mike ließ ihre Begrüßung einige Sekunden lang über sich ergehen, dann aber löste er ihre Arme von seinem Hals und schob sie sanft von sich. »Was ist hier los?« fragte er.

»Wie... wie komme ich hierher, und was... was ist überhaupt passiert? Was macht dieser Kerl hier?« Er deutete auf Weisser, aber Serena hob beruhigend die Hand. »Langsam, Mike«, sagte sie. »Ich erkläre dir alles, aber bitte beruhige dich erst einmal. Weisser ist nicht unser Feind. Das war er niemals, weißt du?« »Nein«, maulte Mike. »Das weiß ich nicht! Wo -« Er brach verblüfft ab, als sein Blick in das Gesicht eines der Eingeborenen hinter Serena fiel. Es war das Gesicht des Mannes mit der Narbe, den Singh und er in der Hütte des Medizinmannes gesehen hatten. Aber er war jetzt wieder vollkommen gesund. Sein Arm, der sich in Stein verwandelt gehabt hatte, bestand wieder aus Fleisch und Blut. Als er Mikes Verblüffung bemerkte, grinste er breit und sagte ein einzelnes Wort in seiner Muttersprache, das Mike zwar nicht verstand, auf das die anderen Eingeborenen aber mit grölendem Gelächter reagierten.

»Wo sind Trautman und Singh?« fragte Mike. »Und wo sind die Fremden?«

Serena wollte antworten, doch Weisser machte eine rasche Handbewegung. »Kapitän Trautman und Singh sind noch an Bord der NAUTILUS. Mach dir keine Sorgen um sie. «

»Keine Sorgen?« keuchte Mike. »Aber die NAUTILUS ist gesunken. Sie werden ertrinken, wenn wir sie nicht herausholen. « »So wie du?« fragte Weisser. Mike blinzelte verwirrt. Er sagte nichts. »Und... die anderen?« murmelte er nach einer Weile. »Die Fremden?«

»Sie sind fort«, antwortete Serena. »Nachdem sie die NAUTILUS versenkt hatten, hatten sie es plötzlich sehr eilig. Das Schiff ist noch am gleichen Abend verschwunden. « Ihre Stimme wurde etwas leiser, und ein bedauernder Ton klang darin mit. »Sie haben die Flugscheibe mitgenommen. «

»Sind wir... deshalb wieder aufgewacht?« fragte Mike stockend.

Serena verneinte und deutete auf Weisser. »Nein. Er hat Astaroth und dich aufgeweckt. Und er wird auch Trautman und Sing wieder wecken, sobald wir sie aus dem Schiff geholt haben. « »Du meinst, sie sind auch... versteinert?« »Ein interessantes Wort«, sagte Weisser. »Es trifft es nicht ganz, aber... ja, ich denke, das sind sie. Sie waren dem Sternenschiff nahe genug, damit es sie auch beschützen konnte. «

»Beschützen?« keuchte Mike. »Wie bitte?« »Du bist nicht durch Zufall in dem Moment erstarrt, in dem dir der Tod drohte«, sagte Weisser ernst. »Es ist die Aufgabe dieses Schiffes, Leben zu retten. Nicht, es zu zerstören. «