122183.fb2 Die steinerne Pest - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 2

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Er hat Angst, wisperte die Stimme des Katers in seinen Gedanken.

Mike konnte im letzten Moment den Impuls unterdrücken, laut zu antworten, sah den Kater aber fragend an. Angst? antwortete er auf die gleiche, lautlose Art. Wovor?

Astaroth erwies sich als ein weitaus talentierterer Schauspieler, als Mike es war, denn er hockte seelenruhig auf seinem Hinterteil und schien voll und ganz damit beschäftigt zu sein, seine Vorderpfoten zu lecken. Da jedermann an Bord wußte, daß der Kater imstande war, Gedanken zu lesen, hatten sie Astaroth schon vor langer Zeit das Versprechen abgenommen, es nicht ohne ihr Einverständnis zu tun. Astaroth hatte zwar auf seine typische, überheblich-spöttische Art darauf geantwortet, schließlich aber doch eingesehen, daß Menschen es nun einmal nicht mochten, wenn man in ihren innersten Gedanken las wie in einem offenen Buch. Natürlich tat er es dann und wann trotzdem, und ebenso natürlich argwöhnten alle an Bord, daß es so war -alle außer Mike. Er wußte, daß der Kater nicht die geringste Absicht hatte, sein Versprechen einzuhalten. Wer hätte jemals von einer Katze gehört, die sich an eine Abmachung hielt -außer, es war zu ihrem Vorteil? Wovor hat er Angst? Doch nicht vor dieser uralten Geschichte?

Nein, antwortete der Kater. Gewiß nicht. Er hat Angst, daß dieses Sternenschiff gefunden werden könnte. Wieso?

Bist du so begriffsstutzig, oder tust du nur so? fragte Astaroth patzig. Deine Brüder und Schwestern führen seit drei Jahren einen Krieg gegeneinander, der allmählich die ganze Welt in Brand zu setzen beginnt. Was glaubst du wohl, würde passieren, wenn eine der beiden Seiten dieses Schiff in die Hände bekäme? Sie haben schon Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um der NAUTILUS habhaft zu werden. Was würden sie erst tun, um dieses Ding in ihren Besitz zu bekommen? Mike konnte ihm nicht widersprechen. Schlimmer noch: So, wie die politische Lage auf der Welt im Moment aussah, waren so ziemlich alle Hände die falschen. Da sie den größten Teil ihrer Zeit auf und unter dem Meer zubrachten, vergaßen sie nur allzu schnell, daß über ihren Köpfen seit drei Jahren eine Auseinandersetzung tobte, die unter dem Begriff Erster Weltkrieg in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Aber dieser Krieg hatte sie schon mehr als einmal eingeholt, und er hatte unter der Besatzung der NAUTILUS auch ein Opfer gefordert. Allein bei der Vorstellung, daß dieses Sternenschiff mit seiner um wahrscheinlich jahrtausendeweit fortgeschrittenen Technik einer der beiden Seiten -und ganz gleich, welcher! -in die Hände fallen könnte, lief Mike ein eisiger Schauer über den Rücken.

»Hast du alles verstanden? Mike? Mike!« Mike fuhr zusammen und sah zu Trautman hoch. Er begegnete einem mehr als ärgerlichen Blick und begriff, daß Trautman ihn wahrscheinlich schon zwei-oder dreimal angesprochen hatte, ohne daß er es auch nur hörte. »Wie?« fragte er kleinlaut. »Jetzt, wo ich deine geschätzte Aufmerksamkeit ebenfalls habe, können wir vielleicht aufbrechen«, sagte Trautman, wieder in scharfem Ton. »Du und ich sehen uns die Stelle an, wo das Sternenschiff gewesen ist. Die anderen bleiben hier und ruhen sich aus. Für den Fall, daß irgend jemand noch überschüssige Energie hat, kann er Serena helfen, die Bibliothek nach Hinweisen auf diese Legende zu durchsuchen. « Er deutete auf die dem Fenster gegenüberliegende Wand, die fast zur Gänze von einem gewaltigen Bücherregal eingenommen wurde. Keiner von ihnen hatte sich je die Mühe gemacht, sie zu zählen, aber es mußten Tausende sein. »Damit wirst du wohl hinreichend beschäftigt sein, bis wir zurückkommen. «

Mike riß erneut verblüfft die Augen auf. Das war kaum noch der Trautman, den sie alle kannten. Er konnte sich nicht erinnern, ihn jemals in einem solchen Ton reden gehört zu haben.

»Also, brechen wir auf«, sagte Trautman. »In einem stimme ich Ben nämlich zu: Ich habe keine Lust, länger als notwendig hierzubleiben. « Er stand auf, drehte sich auf der Stelle herum und verließ mit energischen Schritten den Raum. Mike warf einen fragenden Blick zu Serena hinüber, erntete aber nur ein ratloses Achselzucken. Keiner von ihnen hatte Trautman jemals so gereizt gesehen. Es war direkt unheimlich.

Und es sollte erst der Anfang sein.

Es war nicht das erste Mal, daß Mike an genau dieser Stelle stand und zu der gewaltigen Klippe aus muschelverkrustetem Stahl und Rost hinaufsah, aber das Gefühl, das er dabei hatte, hatte sich nicht verändert. Es schien sogar noch stärker geworden zu sein, er kam sich winzig und verloren vor, wie eine Ameise vor der Fassade eines Hauses. Die TITANIC hatte ihren Namen zu Recht, aber es war eben eine Sache, zu hören, daß es sich um den größten Passagierdampfer handelte, der jemals gebaut worden war, und eine ganz andere, diesem schwimmenden Koloß wirklich gegenüberzustehen.

Wie die TITANIC so auf dem Meeresboden lag, halb auf die Seite gesunken und mit aufgerissener Flanke, kam sie ihm sogar noch bedeutend größer und gewaltiger vor. Die TITANIC war tot, aber sie war immer noch ein Gigant.

Trautmans Gedanken schienen in eine ganz ähnliche Richtung zu gehen, denn er war wie Mike stehengeblieben und blickte eine ganze Weile wortlos nach oben. »Unglaublich«, sagte er schließlich. »Was?« fragte Mike. »Daß sie gesunken ist?« Trautman schüttelte den Kopf, aber der Helm seines Unterwasseranzuges, der fest mit den Schultern verbunden war, blieb starr. Mike sah nur, wie sich sein Gesicht hinter der Scheibe von rechts nach links und wieder zurück bewegte. »Auch«, sagte er. »Aber viel unglaublicher finde ich noch, daß Menschen in der Lage sind, so etwas zu bauen. «

Mike verstand sehr gut, was er meinte. Auch ihn hatte ein Gefühl von Ehrfurcht ergriffen, als er das Schiff zum ersten Mal gesehen hatte. Selbst die NAUTILUS mit ihren immerhin hundert Metern wirkte neben dem Wrack der TITANIC wie ein Zwerg.

»Komm«, sagte Trautman schließlich. »Gehen wir weiter. «

Etwas widerwillig setzte sich Mike in Bewegung. Durch die enorme Größe der TITANIC war ihm der Weg zum Bug nicht annähernd so weit vorgekommen, wie er in Wahrheit war -sie marschierten gute zehn Minuten nebeneinander durch den pulverfeinen Sand, der den Meeresboden hier bedeckte, ehe der Bug des Schiffes mit dem klaffenden Riß auch nur sichtbar näher kam. Mike drehte sich in dieser Zeit mehrmals herum und sah in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.

Der Anblick war bizarr und faszinierend zugleich. Ihre Schritte hatten den Sand aufgewirbelt, der sich in dem nahezu unbewegten Wasser nur ganz langsam wieder zu Boden senkte, aber die Bewegung der braungelben Wolken war weit und breit die einzige Bewegung, die er im Licht der starken Helmscheinwerfer sah. »Worauf wartest du?« erklang Trautmans Stimme plötzlich in seinem Helm. »Trödel nicht so herum! Unser Sauerstoffvorrat reicht schließlich nicht ewig. « Mike drehte sich hastig wieder herum und beeilte sich, Trautman zu folgen. Irgend etwas am Anblick der langsam auseinandertreibenden Sandwolken beunruhigte ihn, aber er konnte nicht sagen, was, und Trautman schien nicht unbedingt in der Stimmung zu sein, mit ihm darüber zu diskutieren. Der Eindruck von vorhin hatte ihn nicht getrogen: Trautman war wirklich miserabler Laune. Und das war seltsam. Trautman strahlte oft eine besänftigende Ruhe aus und zeigte sich manchmal auch übermäßig besorgt, aber Mike konnte sich eigentlich nicht erinnern, ihn jemals launisch erlebt zu haben...

Sie brauchten noch einmal fünf Minuten, um den überhängenden Bug des Riesenschiffes zu erreichen. Der klaffende Riß, breit genug, um einen kompletten Güterzug aufzunehmen, erhob sich scheinbar unendlich weit über ihnen, und Mike begann sich allmählich zu fragen, warum sie überhaupt noch einmal hergekommen waren. Daß das Sternenschiff nicht mehr da war, wußten sie auch so...

Trautman hob seinen Scheinwerfer und ließ den grellen Lichtkreis langsam über die Ränder des Risses gleiten. Er tat dies eine ganze Weile, und schließlich sagte er leise: »Ja. Das habe ich mir gedacht. « »Was?« fragte Mike.

Trautman drehte sich ganz zu ihm herum, ehe er antwortete. Mike konnte sein Gesicht hinter der Helmscheibe nur schemenhaft erkennen, aber seine Stimme klang sehr ernst. »Es ist alles noch viel schlimmer, als ich befürchtet hatte. Du sagst, daß es ungefähr dreißig Meter groß war?«

»Aber wirklich nur ungefähr«, beeilte sich Mike zu versichern. »Es können auch fünfzig gewesen sein. Oder nur zwanzig. Es ist ziemlich schwer, hier unten die richtige Größe zu schätzen. «

»Trotzdem... « Trautman hob den Scheinwerfer. »Ob nun dreißig oder fünfzig Meter, es muß das Schiff mit solcher Wucht getroffen haben, daß es sich fast bis zur Hälfte in den Rumpf gegraben hat. « »KeinWunder, daß sie untergegangen ist«, sagte Mike schaudernd. Über seinen Rücken lief ein eisiges Frösteln, als sein Blick dem Scheinwerferstrahl folgte und er sah, daß die zehn Zentimeter starken Stahlplatten des Rumpfes wie dünnes Stanniolpapier zerrissen waren.

»Aber wieso ist es schlimmer, als Sie befürchtet haben?«

»Sieh genau hin«, sagte Trautman. »Da. Und da. Und dort. « Jedesmal schwenkte er den Scheinwerferstrahl ein kleines Stückchen weiter, um Mike genau zu zeigen, was er entdeckt hatte. »Die Stahlplatten sind nach

innen gedrückt, wo es sich in den Rumpf gebohrt hat«, sagte er. »Aber an einigen Stellen sind sie auch nach außen gebogen. Siehst du?«

»Und?« fragte Mike. Er begriff nicht, worauf Trautman hinauswollte.

»Und?« erwiderte Trautman unwillig. »Seit wann bist du so begriffsstutzig? Kannst du dir ungefähr vorstellen, welche Kräfte nötig gewesen sein müssen, um das zu tun? Wir müssen unbedingt herausfinden, wo es ist. «

»Aber wie denn?« fragte Mike.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, gestand Trautman. »Vielleicht hat es Spuren hinterlassen. Ich weiß es nicht. « Er seufzte, dann drehte er sich langsam herum und ließ den Scheinwerferstrahl über den Meeresboden gleiten. Der Sand hatte sich noch nicht wieder vollständig zu Boden gesenkt; eine doppelte Reihe kleiner, langsam auseinanderdriftender Rauchsäulen schien den Weg zu markieren, den sie gekommen waren. »Unheimlich«, sagte Mike. Nun war es an Trautman, zu fragen: »Was?« Mike antwortete nicht. Es war das gleiche Gefühl wie vorhin, daß hier etwas nicht so war, wie es sein sollte. Dann wußte er es.

»Es ist viel zu ruhig«, sagte er. »Es müßte doch selbst in dieser Meerestiefe noch Fische geben. « »Vielleicht nicht ganz so viele wie weiter oben«, bestätigte Trautman. »Aber du hast recht. Es ist viel zu still hier... war das damals auch so, als Hasim und du hier draußen wart?«

Mike dachte einen Moment lang angestrengt nach, zuckte aber dann mit den Schultern. Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Er hatte auch wahrlich anderes zu tun gehabt, als darauf zu achten, ob es hier Fische gab. »Das gefällt mir nicht«, sagte Trautman. »Das alles gefällt mir ganz und gar nicht. « Er ließ den Scheinwerferstrahl einmal rundum kreisen, aber das Ergebnis war überall dasselbe: so weit der grelle Lichtstrahl auch reichte, es rührte sich nichts.

»Das Ganze wird mir allmählich unheimlich«, sagte Mike. »Lassen Sie uns zu den anderen zurückgehen. « »Stell dich nicht so an«, antwortete Trautman unwirsch. »Hier ist absolut nichts, was uns gefährlich werden könnte. «

Mike wollte auffahren, biß sich aber dann im letzten Moment auf die Zunge und schluckte die wütende Antwort hinunter, die ihm auf der Zunge lag. Trotzdem: Lange würde er sich Trautmans Benehmen nicht mehr bieten lassen.

»Aber wir sollten trotzdem zurückgehen«, fuhr Trautman nach einer Weile fort. »Unsere Atemluft reicht nicht ewig, und der Weg ist weit. « Damit wandte er sich um und begann langsam in die Richtung zurückzugehen, aus der sie gekommen waren. Er bewegte sich allerdings nur wenige Schritte weit, ehe er wieder stehenblieb und seine Lampe senkte, so daß der Lichtkreis einen kleinen, scharf abgegrenzten Bereich genau vor seinen Füßen beleuchtete. »Was ist los?« fragte Mike.

Er bekam keine Antwort. Nach ein paar Sekunden begann sich Trautman umständlich zu bücken, was in dem Unterwasseranzug nicht gerade leicht war, hob etwas vom Boden auf und richtete sich dann schwerfällig wieder auf.

»Sieh dir das an!« sagte Trautman jetzt. Seine Stimme klang sehr aufgeregt. Mike trat einen Schritt näher heran und riß erstaunt die Augen auf, als er sah, was Trautman da gefunden hatte. Es war ein Fisch.

Jedenfalls sah es aus wie ein Fisch... Trautman drehte sein Fundstück einen Moment lang in den Händen -und brach den vermeintlichen Fisch dann mit einer entschlossenen Bewegung in zwei Teile. Er bestand aus nichts anderem als aus porösem Stein! »Aber da kann doch... das kann doch gar nicht sein!« ächzte Mike. »Das ist doch unmöglich!« Trautman antwortete nicht, aber er bückte sich und grub einen zweiten Fisch aus dem Sand zu seinen Füßen aus. Diesmal zerbrach er ihn nicht, sondern schob ihn vorsichtig unter den Gürtel seines Tauchanzuges. Dann schwenkte er die Lampe ganz langsam im Halbkreis vor sich über den Boden. »Da hast du deine Fische«, flüsterte er erschüttert. Bisher hatte Mike nicht darauf geachtet, aber nun sah er sie überall: versteinerte Fische, die unter ihrem eigenen Gewicht halb in den feinen Sand am Meeresboden eingesunken waren. Es war ein unheimlicher, angstmachender Anblick. »Was ist hier nur geschehen?« murmelte er. »Ich weiß es nicht«, antwortete Trautman. Er hob noch einen Fisch auf und steckte ihn ebenfalls in den Gürtel, dann drehte er sich herum und setzte seinen Weg fort. Der Scheinwerferstrahl bewegte sich dabei von links nach rechts über den Boden vor ihnen, und wohin er auch leuchtete, überall glitzerten versteinerte Schuppen im Sand, starrten sie Augen aus Fels an und schnappten für alle Zeiten erstarrte offene Fischmäuler vergeblich nach Luft. Erst als sie sich schon ein gutes Stück vom Bug der TITANIC entfernt hatten, wurde es ein wenig besser. Sie sahen noch immer versteinerte Fische, aber es waren nicht mehr ganz so viele, und schließlich gab es keine mehr.

Sie gingen direkt zur NAUTILUS zurück, und als Mike auf das Meßgerät blickte, das an seinem linkenHandgelenk befestigt war, stellte er zu seiner Überraschung fest, daß sein Sauerstoffvorrat tatsächlich bereits auf

knapp zehn Minuten zusammengeschrumpft war. Er hatte gar nicht gemerkt, daß sie schon so lange hier draußen waren.

Die Tür der Tauchkammer öffnete sich, und Trautman trat ein. Mike warf noch einen Blick um sich und fuhr erschrocken zusammen, als er eine Bewegung im Licht seines Scheinwerfers gewahrte. Es war kein Ungeheuer, sondern nur ein harmloser Bewohner der Tiefsee -ein kleiner Krake mit ungefähr halbmeterlangen Armen, der in raschem Tempo auf ihn zugeschwommen kam.

Mike wunderte sich ein wenig über sein Verhalten. Wenn schon nicht er, so hätte ihn doch eigentlich der Scheinwerfer erschrecken müssen, denn hier unten, in der Welt, in der der Krake lebte, herrschte immerwährende Nacht.

Doch das Tier zeigte keine Scheu, sondern bewegte sich sehr zielsicher auf Mike zu. Noch ehe Mike richtig mitbekam, wie ihm geschah, hatte er ihn erreicht -und griff ihn unverzüglich an!

Der Krake prallte wie ein weicher Gummiball gegen seinen Helm. Mike taumelte unter dem Ansturm zurück und wäre um ein Haar gestürzt. Als er seine Balance endlich wiedergefunden hatte, hatte der Krake seinen Helm bereits mit allen acht Fangarmen umschlungen.

»He!« rief Mike. »Was soll denn der Quatsch? Ich bin doch keine Garnele!«

Er versuchte den Kraken abzuschütteln, aber das Tier erwies sich als erstaunlich stark. Die Saugnäpfe an seinen Fangarmen hingen wie festgeklebt an der Sichtscheibe des Helmes, und Mike konnte fühlen, wie sich die biegsamen Arme um den ganzen Helm und die Luftschläuche schlangen, die zu den Sauerstoffflaschen auf seinem Rücken führten. Mike hob die Hände, tastete nach dem Kraken und versuchte ihn abzustreifen.

In der nächsten Sekunde schrie er vor Schmerz auf. Irgend etwas hatte nach seinem Handschuh geschnappt und so heftig zugebissen, daß nicht einmal mehr der zähe Leinenstoff dem Angriff standgehalten hatte. Der Krake hatte ihn gebissen!

Mike geriet in Panik. Sein Anzug war beschädigt. Jetzt spürte er, wie eiskaltes Wasser in seinen Anzug drang und gleichzeitig seine kostbare Atemluft entwich. Er konnte nichts mehr sehen. Was als beinahe komischer Zwischenfall begonnen hatte, das war plötzlich zu einer lebensgefährlichen Bedrohung geworden. Mikes Herz machte einen entsetzten Sprung, als er hörte, wie sich einer der Luftschläuche löste und der Sauerstoff sprudelnd ins Meer entwich. Seine Hände griffen wild um sich. Er mußte die Tür der Tauchkammer finden!

Endlich berührte er das massive Rad, mit dem die Tür der Tauchkammer geöffnet wurde. Mit verzweifelter Kraft drehte er daran. Sein Anzug füllte sich immer rascher mit eisigem Wasser, und die Luft, die aus den beiden Flaschen auf seinem Rücken strömte, schien immer dünner zu werden. Sein Herz hämmerte, und es fiel ihm immer schwerer, zu atmen. Er öffnete die Tür gerade weit genug, um sich hindurchzuquetschen, taumelte in die Tauchkammer und zog die Stahltür in verzweifelter Hast hinter sich zu. Seine Faust krachte auf den großen Schalter neben der Tür, der die Pumpen aktivierte, mit denen das Wasser aus der Tauchkammer hinausgepumpt wurde.

Im selben Moment zerplatzte seine Helmscheibe. Mikes Augen weiteten sich ungläubig, als er den gezackten Riß sah, der sich plötzlich quer über die angeblich so gut wie unzerbrechliche Scheibe zog. Er griff mit verzweifelter Kraft zu, tastete blind nach den Fangarmen des Tieres und versuchte seine tödliche Umklammerung zu lösen.

Ein zweiter Riß erschien in seiner Helmscheibe, und ein dünner Sprühnebel aus eiskaltem Wasser benetzte sein Gesicht. Mike konnte zwar spüren, wie der Wasserspiegel in der Tauchkammer ganz allmählich sank, aber es geschah mit quälender Langsamkeit. Er hörte auf, an den Armen des Kraken zu zerren, sondern schlug statt dessen mit beiden Fäusten auf das Tier ein. Es war, als schlüge er auf einen Gummiball, den jemand über seinen Helm gestreift hatte, aber die erhoffte Wirkung blieb aus. Der Krake verdoppelte seine Anstrengungen nur noch.

Mikes Helmscheibe platzte endgültig auseinander. Ein Regen scharfkantiger Glasscherben überschüttete sein Gesicht, gefolgt von einem weiteren, eiskalten Wasserguß. Der einzige Grund, aus dem sich sein Anzug nicht sofort mit Wasser füllte, war der Krake, dessen Körper die zerborstene Helmscheibe fast vollkommen bedeckte.