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Im buchstäblich allerletzten Moment wurde der Krake von seinem Helm heruntergerissen. Mike rang keuchend nach Luft, griff nach oben und löste mit zitternden Fingern die Verschlüsse seines Helmes. Kühle, unendlich süße Luft füllte seine Lungen. Ein paar Sekunden lang saß er einfach da und genoß das Gefühl, wieder atmen zu können. Erst dann öffnete er die Augen und sah sich nach seinem Lebensretter um. Er hatte erwartet, Singh oder vielleicht auch Trautman zu erblicken, aber er war allein in der Tauchkammer, jedenfalls auf den ersten Blick. Neben ihm spritzte das Wasser hoch. Zuerst erkannte er nichts außer einem Gewirr peitschender, sich windender Arme und schwarzem Fell.
Mike sank keuchend in sich zusammen. Ihm wurde schwarz vor den Augen, während Astaroth neben ihm den Kraken in Stücke riß.
»Ein Krake?« Bens Tonfall machte deutlich, daß es ihm schwerfiel, Mikes Worten Glauben zu schenken. »Bist du sicher?«
»Natürlich bin ich sicher«, antwortete Mike giftig. »Das Vieh hätte mir fast die Nase abgebissen. Wäre Astaroth nicht aufgetaucht, dann hätte mich dieses Biest vielleicht umgebracht!«
»Schluß!« sagte Trautman scharf. Ben funkelte Mike wütend an, aber er war klug genug, den Mund zu halten, und auch Mike zog es vor, den Rest dessen, was er sagen wollte, hinunterzuschlucken. »Immerhin bin ich nicht so blöd, daß mich die Fische beißen«, grollte Ben.
Trautman warf Ben und Mike noch einen warnenden Blick zu, ehe er sich umwandte und zum Tisch ging, auf dem Mike den demolierten Taucherhelm abgelegt hatte. »Unglaublich«, murmelte er, während er den Helm hochnahm und ein paarmal in den Händen hin und her drehte. »Wenn ich es nicht mit eigenen Augen sehen würde, ich würde es nicht glauben. «
»Kraken greifen keine Menschen an«, sagte Chris überzeugt. Er meldete sich zwar selten zu Wort, aber wenn er etwas sagte, dann hatte es meistens Hand und Fuß. »Nicht einmal die ganz großen. Und solche Winzlinge schon gar nicht. «
»Vielleicht hättest du das dem Kraken sagen sollen«, erwiderte Mike giftig. »Ich hatte nämlich das Gefühl, daß er nichts davon wußte. «
»Wahrscheinlich war er krank«, mutmaßte Singh. »Oder er hat sich erschreckt und dich aus reiner Panik angegriffen. «
»Vielleicht hat er sich einfach geirrt und gedacht, da käme sein Dosenfutter«, witzelte Juan. Und außerdem hat er miserabel geschmeckt, fügte Astaroth hinzu, der wie üblich mitten auf dem Tisch saß und sich ausgiebig putzte.
Mike sah den Kater erschrocken an. Trotz allem war Astaroth in einem Punkt eine ganz normale Katze: Er liebte Fisch. Wenn er sagte, daß das Fleisch des Kraken nicht geschmeckt hatte, dann konnte das durchaus bedeuten, daß das Tier wirklich krank gewesen war. Und das wiederum konnte bedeuten, daß... Nein, Mike wollte nicht darüber nachdenken. Er hatte wahrlich schon genug andere Sorgen; auch ohne die Vorstellung, sich möglicherweise mit irgendeiner exotischen Krankheit infiziert zu haben. Trautman ließ den Helm wieder sinken und nahm statt dessen die beiden versteinerten Fische in die Hand, die er mitgebracht hatte. Sein Blick glitt zwischen dem verbeulten Helm und den beiden Fischen hin und her, und Mike konnte geradezu sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Schließlich sagte er: »Ich frage mich, ob es da irgendeinen Zusammenhang gibt. « »Zwischen den toten Fischen und dem Kraken?« fragte Juan stirnrunzelnd. Trautman nickte zögernd. »Es ist schon eigenartig«, sagte er. »Alles Leben hier unten scheint versteinert zu sein. Und das einzige lebende Wesen, auf das wir stoßen, benimmt sich wie toll. «
»Diese Fische können schon seit Millionen Jahren hier liegen«, sagte Chris. »Vielleicht hat die TITANIC sie aufgewirbelt. Sie muß -zigtausend Tonnen wiegen. Ich wette, hier unten hat es ganz schön gewackelt, als sie runtergekracht ist. «
»Wahrscheinlich werden wir dieses Rätsel nie lösen«, sagte Trautman seufzend. »Wir haben andere Probleme. Wir müssen das Sternenschiff finden. Nach dem, was ich am Wrack der TITANIC gesehen habe, bin ich sicher, daß es sich aus eigener Kraft befreit hat. « »Wahrscheinlich ist es längst wieder auf dem Weg zum Mars«, sagte Ben. »Oder wo immer es auch hergekommen sein mag. «
»Wahrscheinlich«, bestätigte Trautman. »Aber wahrscheinlich genügt mir in diesem Fall nicht. Ich will mich davon überzeugen, daß es wirklich fort ist. « »Und wie?« fragte Ben. »Sollen wir vielleicht hinterherfliegen?«
In Trautmans Augen blitzte es auf, aber er schluckte die wütende Antwort, die ihm sichtlich auf der Zunge lag, hinunter. »Die NAUTILUS verfügt über gewisse technische Möglichkeiten«, sagte er gepreßt.
»Ich werde darüber nachdenken. Heute abend. « Er wechselte den Tonfall. »Jetzt sollten wir uns alle ein bißchen Ruhe gönnen. Ich schlage vor, wir treffen uns zum Abendessen wieder und besprechen dann alles. « Er sah zuerst Ben, dann Mike an. »Vor allem euch beiden würde es guttun, wenn ihr in eure Kabinen geht und euch ein bißchen beruhigt. « Mike widersprach nicht, sondern stand wortlos auf und wandte sich zur Tür. Als er den Salon verließ, hörte er wieder Astaroths lautlose Gedankenstimme: Dann bis nach dem Abendessen. Bei mir steht heute frischer Krake auf der Speisekarte.
Ich dachte, er schmeckt so scheußlich? antwortete Mike auf dieselbe lautlose Art.
Stimmt, sagte Astaroth. Aber du hast anscheinend vergessen, wer heute Küchendienst hat. Und wer?
Ben, antwortete Astaroth. Unser Freund Ben kocht heute.
Oh, antwortete Mike. Nach ein paar Sekunden fügte er hinzu: Was glaubst du? Reicht der Krake für zwei?
Mike erwachte erst, als der helle Pfeifton durchs Schiff schrillte, der sie alle zum Essen rief. Tatsächlich war er auch hungrig, aber bevor er sich noch richtig darauf freuen konnte, seinen knurrenden Magen zu beruhigen, erinnerte er sich wieder an sein Gespräch mit Astaroth und daran, wer heute den Küchendienst versah. Bens Kochkünste waren unter der gesamten Besatzung der NAUTILUS gefürchtet. Du hättest meine Einladung annehmen sollen. Der Krake hätte auch für zwei gereicht.
Mike sah sich aus noch halb verschlafenen Augen um und entdeckte ein schwarzes Fellbündel, das am Fußende seines Bettes saß und ihn aus einem einzelnen, gelbglühenden Auge anstarrte. Seltsam -er war ganz sicher, die Tür seiner Kabine abgeschlossen zu haben.
Aber es war auch nicht das erste Mal, daß er sich ganz ernsthaft fragte, ob es vielleicht auch zu Astaroths geheimnivollen Fähigkeiten gehörte, durch Wände zu gehen.
Mike stand auf, reckte sich ausgiebig und gähnte hinter vorgehaltener Hand. Wenn es jetzt Zeit zum Essen war, dann hatte er mit Sicherheit drei, wenn nicht vier Stunden geschlafen -aber er fühlte sich kein bißchen ausgeruht, sondern ganz im Gegenteil fast noch müder als zuvor.
Warte, bis du Bens Essen kostest, witzelte Astaroth. Das macht dich schlagartig wach, jede Wette. »Ich finde das nicht komisch«, sagte Mike laut. Astaroth gähnte. Du findest heute anscheinend gar nichts komisch, sagte er. Genau wie alle anderen hier. Was ist eigentlich mit euch los? Habt ihr alle was Schlechtes gefrühstückt?
Mike antwortete nicht darauf, aber Astaroths Worte beunruhigten ihn doch mehr, als er zugeben wollte. Er konnte sich tatsächlich nicht erinnern, jemals eine so gereizte Stimmung an Bord erlebt zu haben. Da hast du verdammt recht, sagte Astaroth. Noch zwei Tage weiter so, und sie gehen sich gegenseitig an die Kehle.
Mike starrte den Kater nachdenklich an. »Glaubst du, es hat etwas mit... mit dem Sternenschiff zu tun?« fragte er.
Dem Sternenschiff? Astaroth legte den Kopf schief. Ich weiß nicht mehr darüber als du. »Und Serena?«
Woher soll ich das wissen? fragte Astaroth scheinheilig. Schließlich hast du mir doch ausdrücklich verboten, die Gedanken der anderen zu lesen.
»Und du willst mir erzählen, daß du dich daran hältst?« Astaroth antwortete nicht. »Also los«, sagte Mike. »Was weiß sie wirklich?« Nicht viel, gestand Astaroth. Kaum mehr als das, was sie euch schon erzählt hat. Es ist nur eine alte Legende. Aber sie macht ihr viel mehr angst, als sie zugibt. »Und warum? «
Keine Ahnung, sagte Astaroth. Wenn sie es weiß, dann denkt sie ganz bewußt nicht daran. Vielleicht, weil ihr das, woran sie sich erinnern würde, einfach zu viel angst macht, dachte Mike. Ja, vielleicht, bestätigte Astaroth. Aber vielleicht weiß sie auch wirklich nichts. Er sprang vom Bett herunter und lief mit steil aufgestelltem Schwanz zur Tür. Komm mit. Bens Festmahl ist fertig, und ich glaube, Trautman hat Neuigkeiten.
Mike öffnete die Tür und folgte Astaroth in den Salon.
Er war der letzte, der sich zum Essen setzte, was von Ben und auch Serena mit spöttischen Bemerkungen kommentiert wurde. Mike verbiß sich jede Antwort; schon, um nicht erneut einen Streit zu provozieren. Das Essen war tatsächlich so schlecht, wie Astaroth ihm prophezeit hatte, aber Mike würgte es tapfer hinunter, und er faßte sich sogar noch weiter in Geduld, obwohl ihm dies angesichts dessen, was Astaroth über Trautman erzählt hatte, nicht besonders leicht fiel. Aber schließlich war es auch Trautman, der das allgemeine Schweigen brach.
»Ich glaube, ich habe einen Weg gefunden, das Schiff der Fremden zu finden«, sagte er. Alle blickten ihn neugierig an, aber er ließ etliche Sekunden verstreichen, ehe er fortfuhr: »Ich bin nicht sicher, daß es funktioniert, aber es ist einen Versuch wert. « Mike ließ seine Gabel sinken. »Und wie?« Statt direkt zu antworten, stand Trautman auf und kam mit einem der versteinerten Fische zurück. »Das hat mich auf die Idee gebracht«, sagte er. »Das und Mikes Krake. «
»Es war nicht mein Krake«, sagte Mike. Trautman ignorierte ihn.
»Ich bin ziemlich sicher, daß es da einen Zusammenhang gibt«, fuhr er fort. »Es gibt hier weit und breit kein lebendes Wesen mehr, und ich halte jede Wette, daß dieser Umstand etwas mit dem Sternenschiff zu tun hat. «
»Wieso?« wollte Ben wissen.
»Ich war noch einmal draußen, während ihr geschlafen habt«, sagte Trautman. »Allein?« Mike riß erstaunt die Augen auf. »Sie selbst haben uns doch eingeschärft, wie gefahrlich es ist, allein nach draußen zu gehen!«
Trautman schenkte ihm einen bösen Blick, ging aber ansonsten nicht auf seine Bemerkung ein. »Ich habe noch sehr viel mehr von diesen versteinerten Fischen gefunden, überall rings um die TITANIC herum. Aber nicht nur dort. Es gibt eine Art Spur, die nach Süden führt. «
»Eine Spur aus versteinerten Fischen?« fragte Ben zweifelnd.
»Es sieht so aus«, bestätigte Trautman. »Ich wollte mich nicht zu weit von der NAUTILUS entfernen, aber so, wie es aussieht, führt sie direkt in südliche Richtung. Wenn wir ihr mit der NAUTILUS folgen, finden wir das fremde Schiff vielleicht. Falls es noch hier ist. « »Dann sollten wir uns am besten gleich an die Arbeit machen«, schlug Chris vor.
»Ich bin müde«, nörgelte Ben. »Warum warten wir nicht bis morgen früh?«
»Weil sein Vorsprung dann einen weiteren halben Tag mehr beträgt«, antwortete Juan an Chris' Stelle. »Und?« fragte Ben. »Es ist wahrscheinlich seit zwei Wochen weg. Ein paar Stunden mehr oder weniger machen da doch nichts aus. «
»Ich übernehme deine Arbeit gerne mit«, sagte Juan spitz, »damit du deinen Schönheitsschlaf halten kannst. «
Ben sagte nichts mehr, aber Mike sah, wie sich für eine Sekunde alle seine Muskeln spannten, und in seinen Augen blitzte es so wütend auf, daß er sich nicht gewundert hätte, wäre Ben auf der Stelle hochgesprungen und hätte sich auf Juan gestürzt. »Wir sind alle müde«, sagte Trautman besänftigend. »Aber Juan hat recht -jede Stunde vergrößert den Vorsprung des Schiffes. Und wenn das da -« Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die versteinerten Fische auf dem Tisch. »-wirklich etwas mit dem fremden Schiff zu tun hat, wie ich annehme, dann zählt jetzt jede Minute. «
Er drehte sich herum und begann eine Seekarte zu entrollen. Nachdem sie alle zu ihm getreten waren, nahm er ein Lineal auf und deutete mit der anderen Hand auf einen Punkt irgendwo im nördlichen Atlantik. »Hier haben wir die TITANIC gefunden«, sagte er. »Und genau hier sind wir jetzt. « Er deutete auf einen anderen Punkt, dann legte er das Lineal auf die Karte, so daß es die beiden Positionen verband. »Und jetzt seht euch mal die Karte an. Wenn das Schiff seinen Kurs fortsetzt, dann sind wir in spätestens fünf Tagen... « Er sprach nicht weiter, sondern schob das Lineal über die Karte, so daß es in gerader Linie eine Verlängerung des Weges bildete, den sie bisher genommen hatten, und Mike sog erschrocken die Luft ein. »Die karibischen Inseln!« keuchte er. Auch Juan riß die Augen auf, und Chris wurde sichtlich blaß. Nur Ben runzelte verständnislos die Stirn. »Und?« fragte er. »Was ist daran so schlimm?« »Es gibt unzählige Inseln dort«, sagte Trautman ernst. »Kuba, Jamaika, Haiti, aber auch viele kleine Inseln und Atolle, die zum Teil noch nicht einmal auf dieser Karte eingezeichnet sind. Aber sie haben fast alle eines gemeinsam. «
»Sie ragen aus dem Wasser?« fragte Ben. Juan verdrehte die Augen, während Chris und Mike Ben nur fassungslos anstarrten, aber Trautman sagte sehr ernst: »Sie sind bewohnt, Ben. « »Oh«, sagte Ben. Er wurde ebenfalls blaß. »Sie meinen, daß... daß man es finden könnte. « »Was er meint, ist, daß wir vielleicht demnächst nicht nur versteinerte Fische finden, du Idiot«, sagte Juan böse. Zu Mikes Erstaunen nahm Ben die Beleidigung hin, ohne mit der Wimper zu zucken. Er wirkte sehr erschrocken.
»Ich fürchte, Juan hat recht«, sagte Trautman düster. »Offenbar reicht schon eine flüchtige Berührung des Schiffes aus, um die Versteinerung auszulösen. Mike hatte großes Glück, daß er es damals nur von weitem gesehen hat. Wäre er ihm nahe gekommen oder hätte er es gar berührt... «
Ein eisiger Schauer lief über Mikes Rücken, als ihm die ganze Konsequenz dessen bewußt wurde, was Trautman sagte. Hätte ihn Hasim vor zwei Wochen nicht daran gehindert, sich dem Sternenschiff zu nähern, das sich in den Bug der TITANIC gebohrt hatte, dann wäre ihm wohl dasselbe Schicksal zuteil geworden wie den zahllosen versteinerten Fischen. Möglicherweise hätten sich die Forscher einer späteren Zeit, die irgendwann einmal zum Wrack der TITANIC hinuntertauchen mochten, sehr über die steinerne Statue eines jungen Mannes in einem Taucheranzug gewundert, die neben dem gesunkenen Schiff auf dem Meeresgrund stand und mit einem Ausdruck ewiger Verblüffung auf den Zügen ins Nichts starrte...