122183.fb2 Die steinerne Pest - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 6

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»Wenn sich mein Verdacht bestätigt«, sagte er schließlich, »dann war es ein deutsches Spionageschiff. Zwar getarnt als britischer Frachter und mit perfekt gefälschten Papieren, aber trotzdem ein Boot, das im Auftrag des Kaiserreiches unterwegs war. « »Hoppla«, sagte Ben. Sein Gesicht verdüsterte sich. Der Krieg, der nun schon seit Jahren tobte und ihnen allen die Heimat und sogar einen Freund genommen hatte, berührte die NAUTILUS und ihre Besatzung normalerweise nicht. Nur Ben konnte es manchmal nicht lassen, sie alle daran zu erinnern, daß er zu einer der beteiligten Parteien gehörte und der Meinung war, daß die Neutralität, die die Besatzung der NAUTILUS feierlich geschworen hatte, für ihn vielleicht nicht hundertprozentig galt. Aber zu Mikes Erleichterung enthielt er sich jeden weiteren Kommentars, sondern sah Trautman nur aufmerksam an und wartete darauf, daß er weitersprach. Trautman aber starrte nur mit finsterem Gesicht ins

Leere. Schließlich war es Serena, die das Schweigen brach. Sie räusperte sich und fragte: »Und was bedeutet das nun für uns?« »Nichts Gutes, fürchte ich«, antwortete Trautman mit einem tiefen Seufzen. Er versuchte zu lächeln, was ihm nicht wirklich gelang, aber als er weitersprach, klang seine Stimme wieder etwas kräftiger: »Ich werde euch einfach erzählen, was ich in dem Logbuch gefunden habe«, sagte er. »Immer vorausgesetzt, ich habe es richtig entziffert. Das Wasser hat die Seiten stark beschädigt, so daß ich etliches nur erraten konnte. Aber es scheint, als wäre der Frachter vor vier oder fünf Tagen mit dem fremden Schiff kollidiert. «

»Zusammengestoßen?« ächzte Chris. »Aber dann hätten sie doch auf der Stelle versteinert werden müssen!« Trautman machte eine verneinende Bewegung. »Sie haben es wohl nur gestreift«, sagte er. »Nicht heftig genug, um den Frachter zu beschädigen. Und vermutlich nicht lange genug, damit die unheilvolle Wirkung des fremden Schiffes sofort auf die Besatzung übergreifen konnte. «

»Aber stark genug, daß das fremde Schiff seinen Kurs geändert hat«, vermutete Juan.

Trautman nickte. Er schlug das Logbuch des Frachters an einer Stelle auf, die er mit einem weißen Papierstreifen markiert hatte. Es war nicht der einzige Streifen dieser Art. Mike sah, daß er mindestens ein Dutzend dieser weißen Zettel zwischen die Seiten geschoben hatte und einige vor der Stelle, auf die er nun deutete. Trautman mußte das Logbuch sehr gründlich studiert haben. »Ich werde es euch vorlesen«, sagte er. »Hier ist die erste Eintragung.

Dienstag, 5. März: In den frühen Vormittagsstunden sind wir mit einem schwimmenden Objekt zusammengestoßen, das unversehens auf dem Meer auftauchte. Der Erste Maat und der Küchenjunge trugen dabei leichte

Verletzungen davon, und es kam zu etlichen Beschädigungen durch umfallende Möbelstücke und losgerissene Gegenstände. Das fremde Objekt - ich werde es in Ermangelung einer besseren Bezeichnung bis auf weiteres als »Schiff« bezeichnen - ist sehr sonderbar; das schlechte Wetter und die nach dem Zusammenstoß an Bord ausgebrochene Panik machten eine genaue Inspektion im ersten Moment unmöglich, doch es ist zweifelsfrei, daß es sich nicht um ein Schiff gewöhnlicher Bauart handelt. Tatsächlich ähnelt es nichts, was ich oder irgendein Mitglied der Besatzung jemals zu Gesicht bekommen hätte. Es bewegt sich mit einer Geschwindigkeit, die nur wenig unter der unseren liegt, in südöstlicher Richtung. Wir nehmen die Verfolgung auf. «

Trautman schlug die Seite um und las an einer anderen Stelle weiter: »Wir sind dem unbekannten Objekt heute nahe genug gekommen, um es einigermaßen beschreiben zu können. Mein erster Eindruck, daß es sich um eine Art Schiff handelt, war vollkommen falsch. Ich kann jedoch nicht sagen, was es ist. Wenn seine Form unter der Wasseroberfläche der gleicht, die sichtbar aus dem Meer ragt, so scheint es sich um eine Art flacher Scheibe mit einem Durchmesser von dreißig oder fünfunddreißig Metern zu handeln. « Trautman sah für einen Moment auf. »Fällt euch auf, daß die Angaben in Metern gemacht sind? Wäre der Kapitän tatsächlich ein Engländer oder Amerikaner, wären die Angaben in Fuß oder Yard. « Alle nickten, nur Serena sah ein bißchen verwirrt drein, so daß Mike sagte: »Die Deutschen haben ein anderes Maßeinheitssystem. Sie rechnen in Metern. Die Engländer in Yard. « Trautman bestätigte seine Worte mit einem Nicken und wandte sich dann wieder dem Logbuch zu: »Auf seiner Oberfläche sind weder Bullaugen, Fenster oder irgendeine Einstiegsmöglichkeit zu entdecken. Es scheint aus einem uns unbekannten Metall zu bestehen, denn es weist keinerlei Spuren des Salzwassers oder anderer Witterungseinflüsse auf. Ebenso konnten wir keine Antriebsmöglichkeit gewahren, die es jedoch geben muß, denn das Objekt bewegt sich, zwar mit der Strömung, aber weitaus schneller, als dies allein mit der Kraft der Gezeiten zu erklären wäre. Wir behalten die Verfolgung bei. « Er blätterte weiter. »So geht es zwei oder drei Tage lang. Sie sind offenbar nie nahe genug an das fremde Schiff herangekommen, um es zu betreten, oder haben es nicht gewagt. «

»Aber irgendwann müssen sie doch... « begann Chris, wurde jedoch von Trautman mit einer raschen Handbewegung zum Schweigen gebracht. »Warte«, sagte er. Dann las er weiter: »Freitag, 8. März: Das fremde Objekt ist nicht mehr im Meer. Heute im Morgengrauen erreichten wir eine kleine Inselgruppe -« Er sah auf, blickte in die Runde und fügte mit veränderter Stimme hinzu: »Hier ist nun die genaue Positionsangabe in Längen- und Breitengraden. -auf die es genau zuhielt. Wir konnten einige kleinere Kurskorrekturen beobachten, die eindeutig auf das Wirken einer vernunftbegabten Kraft hinweisen. Das Objekt scheint also bemannt zu sein, auch wenn seine Besatzung bisher keine Anstalten gemacht hat, mit uns in Kontakt zu treten. Die Gruppe besteht aus fünf großen Inseln und etlichen Dutzend kleinerer Eilande und Atolle. Das Objekt steuerte die größte dieser Inseln an und lief gegen Mittag auf dem Strand auf. Es liegt nunmehr nur noch zu einem Viertel im Wasser, so daß wir seine äußere Form genauer erkennen können. Unsere erste

Einschätzung war richtig; es hat tatsächlich die Form einer flachen Scheibe und scheint weder Ruder noch Schrauben oder irgendeinen anderen Antrieb zu haben. Wie es sich im Wasser halten und gar Geschwindigkeit und Kurs bestimmen kann, ist mir ein völliges Rätsel. « »Ich kürze hier ein wenig ab«, sagte Trautman und blätterte weiter, wobei er einige der mit Zetteln markierten Stellen überschlug. »Der Kapitän beschreibt genau, wie sie sich der entsprechenden Insel genähert haben und in einiger Entfernung an Land gegangen sind. Was folgt, ist eine Beschreibung des Bootes, wie wir sie bereits kennen. Der Mann hatte ein sehr scharfes Auge und eine genaue Beobachtungsgabe. Aber nun wird es interessant: Mein Erster Offizier und ich haben uns dem Objekt genähert. Die Insel scheint bewohnt zu sein, denn wir fanden zahlreiche menschliche Fußabdrücke im Sand. Keine dieser Spuren kam dem Objekt jedoch näher als fünf Meter, und auch wir behielten diesen Abstand bei. Es scheint keinen konkreten Anlaß dazu zu geben, doch ich hatte das sehr sichere Gefühl, daß es besser ist, den Gegenstand nicht zu berühren. Auch mein Erster Offizier, den ich normalerweise als sehr pragmatischen und nahezu phantasielosen Menschen kenne, bestätigte mir, das gleiche Empfinden zu haben. Wir untersuchten den Gegenstand also nur aus besagter Distanz, ohne jedoch weitere Einzelheiten zu entdecken. Nach wie vor gibt es keinerlei sichtbareÖffnungen, wenn uns auch das Material, aus dem der Gegenstand besteht, in höchstes Erstaunen versetzt: Obwohl er nahezu so groß ist wie ein Kanonenboot, weist der Rumpf nicht eine einzige Schweißnaht auf; ebensowenig wie Nieten oder Verschraubungen. Wüßte ich nicht, daß es unmöglich ist, ich hätte mein Kapitänspatent darauf verwettet, daß er aus

einem einzigen Stück gegossen worden ist. « Trautman blätterte weiter. »Sonntag, 9. März. Die Insel ist bewohnt. Wir haben heute in den frühen Morgenstunden Kontakt mit den Eingeborenen aufgenommen, die sehr freundlich, aber auch sehr scheu zu sein scheinen. Da weder sie unserer noch wir ihrer Sprache mächtig sind, sind wir auf primitive Zeichen und Symbole angewiesen, um uns mit ihnen zu verständigen. Ich vermute, daß ich mit ihrem Häuptling oder Medizinmann geredet habe, auf jeden Fall aber mit einer Person, die im Stamm hohes Ansehen zu genießen scheint. Ich konnte nicht viel in Erfahrung bringen, doch genug, um zu sagen, daß das fremde Objekt vor zwei Nächten aus dem Meer gekommen ist. Dann noch eine sonderbare Geste, deren Bedeutung mir erst nach einer Weile klar wurde: Es scheint nicht nur von der Brandung angespült worden zu sein, sondern ist angeblich mit einem Satz wie ein springender Fisch auf den Strand hinaufgesprungen. Dies bestätigt unseren Verdacht, daß das Objekt bewußt angetrieben und gesteuert wird, also eine Besatzung haben muß. Wenn das so ist, wieso nimmt sie keinen Kontakt zu uns oder den Eingeborenen auf?«

Die nächste Seite. Mike fiel auf, daß Trautman diesmal gleich drei oder vier der kleinen Zettel überblätterte. Er fragte sich, was der alte Mann an diesen Stellen entdeckt haben mochte, das er ihnen jetzt nicht mitteilte. Vielleicht nur eine bedeutungslose Kleinigkeit, vielleicht aber auch das genaue Gegenteil. »Immer noch Sonntag, der 9., später Nachmittag«, fuhr Trautman fort. »Etwas höchst Bemerkenswertes ist heute geschehen: Einer der beiden Posten, die ich zur Bewachung des Objektes zurückließ, kam vor einer Stunde in höchster Aufregung angerannt und erklärte, daß sich eine Tür geöffnet habe. Mein Erster Offizier, ich selbst und drei weitere Besatzungsmitglieder, die sofort zum Ort des Geschehens eilten, konnten diese Beobachtung bestätigen. Es handelt sich jedoch um eine Tür, die so seltsam und verwirrend ist wie der ganze Gegenstand, denn ich bin zweifelsfrei sicher, an dieser Stellezuvor keinerlei Öffnung bemerkt zu haben. Weder einen Spalt noch Angeln, noch irgendeinen Verschlußmechanismus. Auch jetzt ist nichts dergleichen zu sehen, aber im Rumpf des Objektes befindetsich eine ungefähr anderthalb Meter hohe Öffnung, hinter der flache Stufen zu sehen sind, die jedoch zu schmal und zu klein für die Füße von Erwachsenen sind.

Mein Erster Offizier hat mit einem Scheinwerfer hineingeleuchtet, doch das Licht reichte nur wenige Schritte weit und offenbarte uns nichts Neues. Das ungute Gefühl, daß es besser wäre, sich dem Objekt nicht weiter zu nähern, plagt uns noch immer alle. « »Er hätte besser darauf gehört«, sagte Juan leise. »Dann wären er und seine Männer jetzt vielleicht noch am Leben. «

»Sie sind dann reingegangen, nicht wahr?« murmelte Chris.

Trautman nickte. »Ja, später. Hier: Gegen meine innere Überzeugung, aber eingedenk meines Auftrages und meiner Pflicht als Kapitän der Kaiserlichen Kriegsmarine, habe ich den Maat beauftragt, das Innere des Objektes zu erkunden. Dem Mann schien dabei nicht so wohl zu sein, und im nachhinein mache auch ich mir schwere Vorwürfe, denn ich bezweifle, daß er noch am Leben ist. Bewaffnet mit einem gutenGewehr und einer starken Lampe trat er durch die Öffnung und entschwand nach einigen Schritten aus unserem Sichtfeld. Wir konnten ihn noch eine Weile hören, dann brach das Geräusch seiner Schritte ab, und seither haben wir nichts mehr von ihm gesehen oder gehört. Unsere Rufe und einige Steine, die wirgegen den Rumpf und in die Öffnung warfen, um die Aufmerksamkeit des Matrosen zu erregen, blieben ohne Antwort.

Der Erste Offizier schlug vor, einen zweiten Mann hinterher zu schicken oder diese Aufgabe auch selbst zu übernehmen, aber ich habe mich dagegen entschieden. Wir gehören nicht zur kämpfenden Truppe, und meine Männer, für deren Leben ich die Verantwortung trage, sind keine Soldaten, sondern einfache Matrosen, die sich freiwillig für diesen Auftrag im Dienste des Kaiserreiches gemeldet haben. Ich habe nicht das Recht, ihre Gesundheit oder gar ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Nach eingehender Beratung mit meinem Ersten Offizier habe ich entschieden, die Insel zu verlassen und so rasch wie möglich Kontakt mit einem Offizier der Kriegsmarine aufzunehmen. Wir werden mit der ersten Flut auslaufen.

Mein Erster Offizier und ein weiteres Besatzungsmitglied haben sich freiwillig anerboten, auf der Insel zurückzubleiben und das Objekt zu bewachen. Ich habe diesem Vorschlag zugestimmt, den beiden jedoch strengstens verboten, sich dem Schiff weiter als bis auf zehn Meter zu nähern oder es gar zu betreten. Trautman schlug das Buch zu. »Damit enden die Logbuchaufzeichnungen. Jedenfalls der Teil, der die Insel und das fremde Schiff betrifft. Sie sind wenige Stunden später ausgelaufen und haben Kurs nach Westen gesetzt. Ich vermute, daß der Kapitän Panama oder vielleicht auch Mexiko erreichen wollte, um dort mit einem Abgesandten des Deutschen Kaiserreiches zusammenzutreffen. «

»Und dann ist das Schiff genau an dieser Stelle gesunken?« fragte Juan zweifelnd. »Fast auf den Meter genau dort, wo es mit dem Sternenschiff zusammengestoßen ist?« Er schüttelte heftig den Kopf. »Das ist doch kein Zufall!«

»Nein«, bestätigte Trautman. »Natürlich nicht. Jedenfalls nicht ausschließlich. Sie sind auf ihrem eigenen Kurs zurückgefahren. Wie ich gewissen Andeutungen aus dem Logbuch entnehme, in der Hoffnung, etwas über die Herkunft des fremden Objektes zu erfahren. Aber das ist im Moment nicht mehr wichtig. Was zählt, ist, daß wir nun die Position des Schiffes kennen. Jedenfalls den Ort, an dem es vor ein paar Tagen noch war. Wir müssen unbedingt dorthin. « »Sie haben die Insel auf der Karte gefunden«, vermutete Juan.

Trautman nickte düster. »Das ist es ja, was mir Sorgen bereitet«, sagte er. »Es ist eine kleine Inselgruppe abseits der bekannten Schiffahrtslinien, aber nicht so weit abseits, wie gut wäre. Wir sind schon beinahe in der Karibik. Jamaika, Haiti, Kuba... All diese Inseln werden von zahlreichen Schiffen angefahren, und sie alle sind nicht sehr weit entfernt. Die Gefahr, daß das fremde Schiff von einem weiteren Kapitän entdeckt wird, ist sehr groß. «

»Das muß auf jeden Fall verhindert werden«, sagte Ben entschlossen. »Unvorstellbar, wenn dieses Schiff den Deutschen in die Hände fiele!«

»Es wäre unvorstellbar, wenn es in die Hände irgendeiner Macht auf dieser Welt fiele«, sagte Trautman in scharfem Ton. »Wir müssen es finden und irgendwie unschädlich machen. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie. Und ich will euch nichts vormachen: Unsere Aussichten, das Geheimnis dieses fremden Schiffes zu lüften, sind nicht besonders groß. Ihr alle habt gesehen, was mit Tieren und Menschen geschieht, die ihm zu nahe kommen. Sich ihm zu nähern ist lebensgefährlich. Deshalb habe ich auch noch nicht Kurs auf die Position gesetzt, die ich aus dem Logbuch erfahren habe, sondern euch hier zusammengerufen, damit wir darüber abstimmen können. «

»Was gibt es da abzustimmen?« fragte Ben. »Das Ding muß weg. So oder so. «

»Wenn das deine Meinung ist, dann ist es ja gut«, sagte Trautman, »aber ich will auch die der anderen hören. Die NAUTILUS wird sich dieser Insel nicht nähern, wenn auch nur einer an Bord nicht hundertprozentig damit einverstanden ist. In diesem Punkt stimme ich völlig mit dem Kapitän des Frachters überein: Ich habe nicht das Recht, eure Gesundheit oder gar eure Leben aufs Spiel zu setzen. « Trautman sah aufmerksam in die Runde. Wie erwartet, nickte Singh sofort und nach einem kurzen Zögern auch Chris. Mike, Juan und Serena antworteten nicht gleich.

»Angenommen, wir entscheiden uns jetzt dafür«, sagte Juan nach einiger Zeit. »Was werden wir dann tun?« »Mit Sicherheit nicht das gleiche wie der Kapitän oder dieser arme Bursche, den er ins Innere des Schiffes geschickt hat«, antwortete Trautman. »Ich bin dafür, kein Risiko einzugehen und das Schiff zu zerstören. Ich weiß nicht, ob es uns gelingt, aber es ist nicht sehr groß. Zwei oder drei Torpedos sollten ausreichen, es in die Luft zu jagen. «

»Zerstören?« fragte Serena. Sie klang beinahe erschrocken. »Aber... warum denn?« »Was für eine blöde Frage«, sagte Ben. Trautman jedoch fuhr in sanftem, sehr verständnisvollem Ton fort: »Weil es eine gewaltige Gefahr darstellt. Sich ihm nur zu nähern bedeutet den Tod, und keiner von uns weiß, welche Gefahren und Geheimnisse noch in seinem Inneren lauern. Es hat seine Aufgabe erfüllt; die Sternenwesen, die in den Laderäumen der TITANIC waren, sind nach Hause zurückgekehrt. Ich nehme an, daß auch dieses Schiff nach Hause zurückkehren wollte, es aber nicht mehr konnte. Wir müssen es zerstören. Also... Juan - Mike?«

Mike nickte und schließlich auch Juan, dem man deutlich seinen Widerwillen ansah. Nur Serena schwieg. »Wir werden es nicht tun, wenn du dagegen bist«, sagte Trautman.

Mike lauschte vergeblich auf einen Unterton von Vorwurf oder Zorn in seiner Stimme. Er hörte nichts dergleichen. Was er sagte, war ehrlich gemeint. Serena wand sich, als bereite es ihr körperliches Unbehagen, antworten zu müssen. »Ich... habe hier nichts zu bestimmen«, sagte sie schließlich. »Ich gehöre nicht -« »Papperlapapp«, unterbrach sie Trautman zornig. »Du bist ein vollwertiges Mitglied der Besatzung, und deine Stimme zählt ebenso wie die aller anderen. Die Entscheidung wird einstimmig getroffen oder gar nicht. «

Serena überlegte schweigend, und Mike konnte deutlich sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Ihre Hände bewegten sich unbewußt, und sie zog die Unterlippe zwischen die Zähne und begann darauf herumzukauen. Sie wirkte sehr erschrocken und sehr unsicher. Und als sie schließlich mit einem wortlosen Nicken antwortete, da war Mike nicht der einzige, der ganz genau spürte, daß dies nicht das war, was sie im Grunde ihres Herzens wollte.

Die NAUTILUS nahm Kurs auf die bezeichnete Position. Sie war ein gutes Stück entfernt. Obwohl sie mit Höchstgeschwindigkeit liefen, würden sie den Rest des Tages und auch noch die gesamte darauffolgende Nacht brauchen, um die kleine Inselgruppe zu erreichen, so daß sich alle in ihre Kabinen zurückzogen, um die verbleibende Zeit zu nutzen und sich noch einmal gründlich auszuschlafen und Kraft zu schöpfen. Mike fühlte sich einsam. Vielleicht zum ersten Mal in all den Jahren, die er

jetzt an Bord des Schiffes war. Vollkommen allein und vor allem allein gelassen. Und er wußte, daß es nicht nur ihm so ging. Irgend etwas stimmte nicht mit ihnen. Seit sie das Wrack der TITANIC verlassen und die Spur des Sternenschiffes aufgenommen hatten, schien eine leise, aber sehr bedrohliche Veränderung mit allen Besatzungsmitgliedern der NAUTILUS vor sich gegangen zu sein. Sie begannen ihren Zusammenhalt zu verlieren, und wenn er daran dachte, wie oft sie sich in den letzten Tagen gestritten hatten, wie viele böse Blicke und gehässige Bemerkungen es gegeben hatte, so fragte er sich, ob aus Freunden nicht bereits Fremde geworden waren und ob vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft aus diesen Fremden Feinde werden würden. Der Gedanke war so schrecklich, daß er plötzlich das Gefühl hatte, es in seiner Kabine nicht mehr auszuhalten. Er mußte mit jemandem reden. Mike rief in Gedanken nach Astaroth, bekam aber keine Antwort, obwohl er sicher war, daß der Kater ihn ganz genau hörte. Allein bei dieser Vorstellung empfand er bereits wieder einen Zorn, den er vor wenigen Tagen nicht einmal gekannt hatte und der ihn erschreckte. Und den er trotzdem nicht zu unterdrücken vermochte. Dieses Gefühl bereitete ihm ein schlechtes Gewissen. Er mußte mit jemandem reden! Am besten mit Astaroth oder Serena; den beiden an Bord, zu denen er -wenngleich auf völlig unterschiedliche Weise das größte Vertrauen hatte. Er verließ seine Unterkunft und ging zu Serenas Kabine, trat jedoch diesmal nicht einfach ein, sondern klopfte und wartete auf eine Antwort. Vergeblich. Er geduldete sich eine Weile, klopfte erneut, wartete noch einmal vergeblich und öffnete die Tür schließlich doch. Vielleicht schlief Serena ja; immerhin war es tiefste Nacht, und er konnte nicht davon ausgehen, daß sie wie er keine Ruhe fand.

Aber ganz offenbar erging es zumindest Serena wie ihm, denn sie war nicht da. Mike trat wieder auf den Gang hinaus, sah sich einen Moment lang unschlüssig um und machte sich schließlich auf den Weg zum Salon.

Er hörte die Stimmen Trautmans und Singhs, die sich am Ruder der NAUTILUS abwechselten, schon von weitem. Unwillkürlich wurden seine Schritte langsamer. Die beiden sprachen in scharfem Ton miteinander, und Mike fragte sich voller Schrecken, ob es vielleicht schon soweit war: daß aus Freunden mittlerweile nicht nur Fremde, sondern schon Feinde geworden waren. Es wäre ganz leicht gewesen, diese Frage zu verneinen; er hätte nur weitergehen und in den Salon treten müssen, und zweifellos hätte ihn Trautman mit einem Lächeln oder einer gutmütigen Bemerkung vom Gegenteil überzeugt.

Aber Mike tat nichts dergleichen. Statt dessen bewegte er sich noch leiser weiter und legte die letzten Schritte auf Zehenspitzen zurück, um von Trautman und Singh nicht bemerkt zu werden. Behutsam lugte er durch die offenstehende Salontür.

Die NAUTILUS bewegte sich zwar getaucht fort, befand sich jedoch offenbar nur ganz dicht unter der Meeresoberfläche, so daß er sehen konnte, mit welchem Tempo das Wasser an dem großen Aussichtsfenster vorüberströmte. Ein weiteres Indiz dafür, wie ernst Trautman die Situation nahm, denn normalerweise war er strikt dagegen, die NAUTILUS mit Höchstgeschwindigkeit laufen zu lassen. Beieinem Schiff, dessen Maschinen bei aller technischen Überlegenheit immerhin die Kleinigkeit von zehntausend Jahren auf dem Buckel hatten, eine verständliche Vorsichtsmaßnahme. Nun aber jagte das Schiff nur so dahin. Trautman und Singh standen am Steuer. Trautmans Hände lagen auf dem großen hölzernen Rad, das angesichts der komplizierten Kontrollinstrumente, die es umgaben, allerdings eher symbolischen Charakter hatte, und redete in aufgeregtem und zugleich sehr ernstem Ton auf Singh ein. Der Inder seinerseits sah ebenfalls ernst und eindeutig bedrückt aus, und er antwortete nur manchmal, dann allerdings ebenfalls in demselben ernsten Tonfall. Und erst jetzt fiel Mike auf, warum er die Unterhaltung der beiden nicht verstand: Sie sprachen indisch. Daß Trautman Singhs Muttersprache beherrschte, überraschte ihn kaum. Aber daß er es tat, obwohl die beiden doch glaubten, allein zu sein, verstärkte Mikes Sorge. Offenbar war das, was die beiden zu besprechen hatten, nicht für die Ohren irgendeines anderen an Bord gedacht. Und das war nun wirklich etwas Ungewöhnliches. Normalerweise gab es so etwas wie Geheimnisse an Bord der NAUTILUS nicht. Was ging hier nur vor? Nach einer Weile erinnerte er sich wieder an den

Grund, aus dem er eigentlich hergekommen war. Ebenso lautlos, wie er gekommen war, schlich er wieder ein kleines Stück von der Tür fort, ehe er sich umwandte und mit raschen Schritten zu seiner Kabine zurückging. Jedenfalls wollte er es. Auf halbem Weg jedoch hörte er ein Geräusch und blieb stehen. Im ersten Moment hatte er Schwierigkeiten, die Richtung zu identifizieren, aus der es erscholl, aber dann war es ganz deutlich: Es war ein gedämpftes Rumoren, das aus Trautmans Kabine drang.

Die Tür war einen Spaltbreit geöffnet, so daß er erkennen konnte, daß dahinter kein Licht brannte. Außerdem wußte er ja, daß Trautman zusammen mit Singh im Salon war. Mike schlich auf Zehenspitzen weiter, erreichte die Tür und blieb noch einmal stehen, um zu lauschen. Er konnte jetzt ganz deutlich Geräusche vernehmen, die aus der Kabine drangen, die doch eigentlich hätte leer stehen müssen. Niemand an Bord betrat die Kabine eines anderen, wenn er nicht da war. Das war ein ungeschriebenes Gesetz vom ersten Tag an, seit sie zusammen auf der NAUTILUS lebten, und niemand hatte es bisher gebrochen. Mike trat mit einem entschlossenen Schritt in die Kabine, streckte die Hand nach dem Lichtschalter gleich neben der Tür aus -und wäre um ein Haar gegen Serena geprallt, die sich genau in diesem Moment anschickte, die Kabine zu verlassen. Sie schien ebenso erschrocken zu sein wie er, denn er sah trotz des schwachen Lichtes, das vom Gang aus hereinfiel, daß alle Farbe aus ihrem Gesicht wich.

»Was tust du hier?« fragte Mike. »Ich... ich wollte... ich dachte... « Serena begann zu stammeln, brach schließlich vollends ab und fuhr sich nervös mit der Hand über das Gesicht. »Ja?« sagte Mike. Er hörte selbst, daß seine Stimme lauernd und sehr gespannt klang.

»Ich habe... Trautman gesucht«, sagte Serena schließlich.

Es war eine Lüge. Man mußte nicht wie Astaroth Gedanken lesen können, um das zu erkennen. Es stand überdeutlich in Serenas Augen geschrieben. »Trautman?« vergewisserte er sich, nun in verändertem, fast höhnischem Ton. »Im Dunkeln?« Serena wandte hastig den Blick und sah in die Kabine zurück. Dann begann sie nervös von einem Fuß auf den anderen zu treten und versuchte zu lächeln. Es gelang ihr nicht. »Ich... ich wollte ihn nicht wecken, falls... falls er schläft«, sagte sie stotternd. Diesmal machte sich Mike nicht einmal die Mühe, darauf zu antworten. Was Serena wirklich in der Kabine getan hatte, das war sonnenklar: Sie hatte sie durchsucht.

»Trautman ist im Salon«, sagte Mike, anstatt auf ihre Worte einzugehen. »Zusammen mit Singh. Soll ich ihn holen?«

Serena schüttelte beinahe entsetzt den Kopf. »Nein!« sagte sie hastig und viel zu laut. »Ich... ich gehe schon selbst. Aber was tust du denn hier? Es ist mitten in der Nacht?«

»Ich bin aufgewacht, weil ich ein Geräusch gehört habe«, log Mike. »Und ich wollte nachsehen, wer da so spät noch unterwegs war. Aber wo ich schon einmal wach bin, kann ich dich genausogut zu Trautman begleiten. «

»Das ist wirklich nicht nötig«, sagte Serena. »Geh lieber wieder ins Bett und schlaf ein bißchen. Morgen früh erreichen wir die Insel, und es wird bestimmt ein anstrengender Tag. « »Bestimmt«, sagte Mike.

Serena schien noch etwas anmerken zu wollen, aber dann sah sie wohl selbst ein, daß sie sich sowieso nur mit jedem Wort tiefer in Widersprüche verwickelte, und beließ es bei einem Achselzucken. Ohne ein weiteres Wort ging sie an ihm vorbei und wandte sich nach links, zum Salon hin.

Einen Moment überlegte Mike ganz ernsthaft, ihr nachzugehen -natürlich nicht, weil er glaubte, daß sie tatsächlich etwas mit Trautman zu besprechen hatte, das war nichts als eine Ausrede gewesen und nicht einmal eine besonders kluge, sondern einfach, um zu sehen, wie sie sich aus der Situation herauswand. Aber dann drehte er sich statt dessen in die entgegengesetzte Richtung und ging in seine eigene Kabine zurück. Er tat tatsächlich, was Serena ihm geraten hatte, und ging wieder zu Bett.

»Was ist passiert?« Mike fuhr sich verschlafen mit den Fingerknöcheln über die Augen und versuchte vergeblich, ein Gähnen zu unterdrücken. Er hatte nicht besonders gut geschlafen, und was ihn schließlich so früh wieder geweckt hatte, das war keine Störung gewesen, sondern etwas, was nicht mehr da war: das Geräusch der Motoren, die die NAUTILUS während der letzten anderthalb Tage mit voller Kraft vorwärtsgetrieben hatten.

Er war wohl auch nicht der einzige, dem dies aufgefallen war: Auf dem Weg in den Salon kamen ihm Ben und Juan entgegen, und als er den großen Raum betrat, stieß er um ein Haar mit Serena zusammen, die im letzten Moment erschrocken beiseite trat. Ihr Anblick erinnerte ihn wieder an den kurzen Zwischenfall vom vergangenen Abend und sie wohl auch, denn sie senkte hastig den Blick und wandte sich um, so daß ihm gar keine Gelegenheit blieb, noch einmal die Sprache darauf zu bringen. Er hatte es ohnehin nicht vorgehabt. »Trautman hat mir befohlen, das Schiff anzuhalten«, antwortete Singh, der hinter den Kontrollinstrumenten stand. »Er ist oben im Turm, aber er -« Den Rest des Satzes hörte Mike schon gar nicht mehr. Er war auf der Stelle herumgefahren und lief auf die metallene Wendeltreppe zu, die nach oben führte. Singh rief ihm nach, er solle dableiben, aber das ignorierte er. Immer noch ein bißchen schlaftrunken, trotzdem aber so schnell er konnte, lief er die Metallstufen zum Turm der NAUTILUS hinauf. Er fand Trautman genau dort, wo Singh gesagt hatte: hoch aufgerichtet hinter einem der großen, runden Bullaugen, die den Turm an beiden Seiten flankierten und nicht zuletzt mit dazu beigetragen hatten, daß das Unterseeboot dort, wo immer es auftauchte, Legenden von Seeungeheuern und glotzäugigen Monstern hervorrief.

Trautman hatte ein Fernglas an die Augen gesetzt und blickte angestrengt hinaus. Mike sah in dieselbe Richtung, kniff jedoch sofort geblendet die Augen zusammen, denn die Sonne war gerade erst aufgegangen und stand als grellweißer, schier unerträglich heller Ball am Horizont, so daß Mike sich fragte, wie Trautman überhaupt in der Lage war, etwas zu sehen. Er mußte Mike bemerkt haben, denn er hatte sich keinerlei Mühe gegeben, leise heraufzukommen, wandte sich jedoch nicht zu ihm um und setzte auch den Feldstecher nicht ab. Trotzdem konnte Mike den besorgten Ausdruck auf seinem Gesicht deutlich erkennen und auch die angespannte Haltung, in der er dastand und nach Osten blickte. »Was ist los?« fragte er. Trautman setzte nun doch den Feldstecher ab, aber nur für einen ganz kurzen Moment, um hastig den Kopf in seine Richtung zu drehen und dann wieder aus dem Fenster zu blicken. »Ihr solltet unten auf mich warten«, sagte er in ungewohnt ungeduldigem, tadelndem Ton. Mike war jedoch viel zu aufgeregt, um das überhaupt richtig zu registrieren. Unaufgefordert trat er an dem großen Steuerruder in der Mitte des runden Raumes vorbei, stellte sich direkt neben Trautman und versuchte erneut, draußen mehr als blendende Helligkeit und spiegelndes Wasser zu erkennen. Nach einigen Augenblicken gelang es ihm sogar. Vor dem Horizont zeichneten sich zwei oder drei, vielleicht auch noch mehr verschwommene dunkle Umrisse ab; das mußte die Inselgruppe sein, die ihr Ziel war. Dies allein beantwortete jedoch nicht die Frage, warum Trautman so sichtlich beunruhigt war. »Was ist passiert?« fragte Mike noch einmal. Trautman setzte nach einem Augenblick das Fernglas ab, fuhr sich mit der Hand über das Kinn und reichte ihm den Feldstecher. »Sieh selbst«, sagte er.

Mike griff zögernd nach dem Glas, setzte es an und blinzelte in Erwartung des sicherlich noch grellerenSonnenlichtes. Überrascht stellte er fest, daß er nicht im mindesten geblendet wurde. Offenbar handelte es sich bei dem Feldstecher um ein weiteres Wunderwerk aus den schier unergründlichen Lagern der NAUTILUS, das jedem herkömmlichen Gerät um Jahrzehnte voraus war. So nahe, daß man glaubte, nur den Arm ausstrecken zu brauchen, sah er den weißen Sandstrand einer bewaldeten kleinen Insel vor sich. Und er entdeckte fast auf Anhieb das, weshalb sie hergekommen waren: Wie ein umgedrehter silberfarbener Teller lag das fremde Schiff auf diesem Strand, nur noch zu einem Drittel von der Brandung umspült. Aber er sah auch noch mehr. Und das jagte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken.