122183.fb2 Die steinerne Pest - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 7

Die steinerne Pest - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 7

Das Schiff war nicht allein auf dem Strand. Mindestens zwei, wenn nicht gar drei oder mehr Dutzend Menschen umstanden die Flugscheibe, und nicht wenige, selbst durch das starke Fernglas betrachtet winzige Gestalten krochen wie emsige Ameisen über seinen Rumpf, machten sich hier und da zu schaffen oder schienen gar in seinem Inneren zu verschwinden.

»Großer Gott!« flüsterte Mike entsetzt. »Sieh nach links«, sagte Trautman. Mike sah unsicher zu ihm hoch, setzte den Feldstecher dann wieder an und tat, wie Trautman ihn geheißen hatte. Im nächsten Moment machte sein Herz einen erschrockenen Sprung und schien direkt in seiner Kehle weiterzuklopfen, denn er gewahrte etwas, was ihn noch viel mehr erschreckte als der Anblick der menschlichen Gestalten, die über das Sternenschiff krochen: Ungefähr eine Meile vor der Küste der kleinen Insel lag ein gewaltiges Schlachtschiff, dessen Kanonen drohend auf das Meer hinaus gerichtet waren und scheinbar direkt auf Mike zu deuten schienen. Und es war nicht allein. Neben dem riesigen grauen Stahlkoloß ankerten zwei weitere Kriegsschiffe. »Aber wie... wie ist das nur möglich?« murmelte Mike.

»Wir sind zu spät gekommen«, antwortete Trautman. Seine Stimme klang bitter.

Langsam ließ Mike den Feldstecher sinken. »Aber das ist doch gar nicht möglich«, murmelte er kopfschüttelnd. »Ich meine... niemand hat gewußt, daß... « »Das Logbuch war anscheinend nicht vollständig«, unterbrach ihn Trautman. »Oder ich habe es nicht aufmerksam genug gelesen. Einige Seiten waren herausgerissen, einige sind unleserlich vom Wasser geworden. Sie müssen einen Funkspruch abgesetzt haben, ehe sie sanken. «

»Aber das... das darf nicht sein«, stammelte Mike. Plötzlich stieg hilfloser Zorn in ihm auf. »Es wird eine Katastrophe geben. Wir müssen irgend etwas tun!« Trautman antwortete nicht, aber es war gerade dieses Schweigen, das Mike noch mehr erschreckte. Hilflos drehte er sich vom Fenster weg, hob dann noch einmal den Feldstecher, führte die Bewegung aber nicht zu Ende. Es war so, wie Trautman sagte: Sie waren zu spät gekommen. Die Katastrophe ließ sich nun nicht mehr aufhalten.

Nach einer Weile seufzte Trautman tief, drehte sich herum und ging mit hängenden Schultern auf die Treppe zu. Er sagte nichts, sondern forderte Mike nur mit einer entsprechenden Handbewegung auf, ihm zu folgen, und er wirkte mit einem Mal sehr müde und zehn Jahre älter.

Als er die Hand nach dem Treppengeländer ausstrecken wollte, rief Mike ihn noch einmal zurück. »Trautman?«

»Jetzt nicht«, sagte Trautman, aber Mike folgte ihm mit zwei schnellen Schritten und ergriff ihn am Arm, um ihn zurückzuhalten. Trautman tat etwas völlig Unerwartetes: Er blieb tatsächlich stehen, fuhr jedoch mit einer blitzschnellen Bewegung herum und riß seinen Arm los in einer Art und Weise, die zweifellos der Ansatz dazu war, Mike von sich zu stoßen oder ihm eine schallende Ohrfeige zu versetzen. Im allerletzten Moment hielt er sich zurück, und auf seinem Gesicht erschien ein erschrockener, ja beinahe entsetzter Ausdruck. Eine Sekunde lang starrte er seine eigene Hand an, als wäre sie ein Fremdkörper oder als könne er einfach nicht glauben, was sie gerade fast im Begriff gewesen war, zu tun. Dann senkte er hastig den Arm, und auch Mike trat verlegen ein kleines Stück zurück.

Trautman räusperte sich. »Was... was ist denn noch?« fragte er. Der Moment war für sie beide sehr unangenehm. Mike wäre am liebsten davongerannt, aber er war schon viel zu weit gegangen, um noch einen Rückzieher machen zu können, und er spürte auch, daß er kein zweites Mal den Mut haben würde, Trautman auf das anzusprechen, was ihn schon seit dem vergangenen Abend quälte.

»Sie verschweigen uns etwas«, sagte er. Der Blick, mit dem Trautman ihn maß, was fast schon Antwort genug. Trotzdem schüttelte Trautman den

Kopf und versuchte zu lächeln. »Wie kommst du auf diese Idee?« fragte er.

»Ich weiß es«, behauptete Mike. »Sie sind kein besonders guter Lügner. «

Trautman preßte die Lippen zusammen. Wieder huschte ein Ausdruck von Zorn über sein Gesicht, und Mike spürte ganz genau, wie schwer es ihm fiel, sich zu beherrschen. Doch dann schüttelte er nur den Kopf. »Du täuschst dich«, sagte er. »Was sollte ich euch verschweigen? Wir haben keine Geheimnisse voreinander. «

»Das war vielleicht bis jetzt so«, antwortete Mike. »Aber irgend etwas stimmt hier doch nicht. «

»Unsinn«, sagte Trautman. »Was soll hier nicht stimmen? Und mit wem?«

»Mit uns allen«, erwiderte Mike. »Mit dem Schiff, mit mir, mit den anderen, mit Ihnen... Was ist es?« »Selbst wenn du recht hättest -was du nicht hast -, woher sollte ich es wissen?«

Mike machte eine ärgerliche Handbewegung. »Das weiß ich nicht. Aber ich spüre genau, daß Sie uns etwas verheimlichen. Sie haben Angst. Und ich bin ziemlich sicher, nicht vor diesen Kriegsschiffen dort draußen. « Trautman antwortete nicht gleich. Er sah ihn mit einer Mischung aus Schrecken und Trauer an, und Mike war mit einem Mal ganz sicher, daß er ihm nun die Wahrheit sagen würde. Mit großer Wahrscheinlichkeit hätte er es auch getan, doch genau in diesem Moment polterten unter ihnen Schritte die metallenen Stufen herauf, und Ben und Juan erschienen hintereinander auf der Treppe.

Mike hätte vor Enttäuschung am liebsten laut aufgeschrien. Trautman wirkte regelrecht erleichtert, und Mike wußte, daß er ihm seine Frage nun nicht mehr beantworten würde. Der Augenblick der Schwäche war vorbei und würde auch nicht wiederkommen.

»Was ist los?« fragte Ben aufgeregt. »Was habt ihr entdeckt?«

Trautman drehte sich vollends zu ihm und Juan herum und machte eine abwehrende Bewegung, die die beiden daran hinderte, die Treppe ganz hinaufzukommen und sich auch noch in die kleine Turmkammer zu quetschen. »Schlechte Neuigkeiten«, sagte er. »Aber geht wieder hinunter in den Salon. Dort erkläre ich euch alles. « Mit einem verlegen wirkenden Lächeln fügte er hinzu: »Ich habe keine Lust, alles mehrmals zu erzählen. «

»Das sind wirklich schlechte Neuigkeiten«, sagte Ben zehn Minuten später, nachdem sie sich alle im Salon zusammengefunden und Trautman berichtet hatte, was es oben zu sehen gab. »Ich verstehe nicht, wo diese Schiffe herkommen. Europa ist Tausende von Meilen entfernt. Sie würden Wochen brauchen, um diesen Weg zurückzulegen. « »Es spielt überhaupt keine Rolle, wo sie hergekommen sind«, sagte Juan. »Sie sind nun einmal hier, und wir müssen sehen, wie wir mit ihnen fertig werden. « »Es spielt sehr wohl eine Rolle«, antwortete Ben scharf. »Das da oben sind deutsche Kriegsschiffe, und wir befinden uns nahezu am anderen Ende der Welt. Niemand kann mir erzählen, daß sie zufällig hier sind. Und ganz bestimmt hat sie kein Funkspruch hergelockt. Nicht in zwei Tagen. «

Juan setzte zu einer wütenden Antwort an, aber Trautman brachte die beiden Kampfhähne mit einer energischen Bewegung zum Verstummen. »Genug«, sagte er. »Keinen Streit. Ich fürchte, ihr habt beide recht. « »Beide?« Serena schüttelte verwirrt den Kopf. »Was meinen Sie damit?« »Daß ich derselben Meinung bin wie Ben«, antwortete

Trautman mit einem leichten Seufzen. »Auch ich glaube nicht, daß diese Schiffe zufällig hier sind. Aber auch Juan hat recht: Ob Zufall oder nicht, sie sind nun einmal hier, und wir müssen sehen, wie wir mit ihnen fertig werden. «

Serena riß die Augen auf. »Fertig werden? Aber es sind Kriegsschiffe!. Sie sind schwer bewaffnet, und wenn sie tatsächlich wissen, was auf dieser Insel ist -« »-dann werden sie zweifellos auf alles schießen, was sie sehen«, führte Ben den Satz zu Ende. »Und einem ausgewachsenen Schlachtkreuzer sind wir bestimmt nicht gewachsen. «

»Niemand hat davon gesprochen, die Schiffe anzugreifen«, sagte Mike.

Ben maß ihn mit einem fast abfälligen Blick. »Natürlich nicht«, sagte er höhnisch. »Wir werden uns ganz höflich vorstellen und sie um Erlaubnis bitten, uns ihren Fund einmal aus der Nähe betrachten zu dürfen. Sicher werden sie es uns erlauben. « Er tippte sich wütend mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. »Du spinnst ja. «

Serena wollte auffahren, aber wieder sorgte Trautman sofort für Ruhe. »Bitte, keinen Streit jetzt«, sagte er. »Das können wir uns wahrlich nicht erlauben. Wir haben genug andere Probleme. «

»Was denn für Probleme?« fragte Serena. »Wir können gar nichts mehr tun. Diese Kriegsschiffe werden auf uns schießen! Nicht einmal die NAUTILUS ist ihnen gewachsen. «

»Natürlich nicht«, antwortete Trautman. »Aber ich habe auch nicht vor, mich auf einen Kampf mit ihnen einzulassen. « Seine Stimme wurde etwas sanfter. »Du hast es nicht gesehen, aber Mike kann es dir bestätigen: Sie sind dabei, das Sternenschiff zu untersuchen. Ich fürchte sogar, einige von ihnen haben es betreten. Du weißt, was mit jedem geschieht, der dieses Schiff auch nur berührt. «

Serena schwieg einen Moment. Ihr Blick suchte den Mikes, und für einen Moment war etwas fast Verzweifeltes darin, ein Flehen um Beistand, das er nicht begriff. »Ich weiß«, sagte sie schließlich. »Aber auch daran können wir nichts ändern. Außerdem... erzählt ihr mir nicht seit zwei Jahren, daß die Deutschen unsere Feinde sind und die ganze Welt in den Krieg und ins Verderben stürzen wollen?«

Mike war regelrecht schockiert, und auch die anderen starrten Serena erschrocken an. Natürlich war das, was Serena sagte, zumindest zum Teil, die Wahrheit. Gerade sie war es ja gewesen, die immer wieder erklärt hatte, wie schrecklich und sinnlos Krieg war und wie wenig Recht sie hatten, über andere zu urteilen. Selbst aus Bens Mund hätten diese Worte Mike empört -aus dem Serenas entsetzten sie ihn regelrecht. Trautman mußte es wohl ganz ähnlich ergehen, denn wie sie alle schwieg er endlose Sekunden lang, und als er weitersprach, war seine Stimme hörbar kälter und befehlend: »Selbst wenn es so wäre«, sagte er, »ändert das nichts an den Tatsachen. Dieses Sternenschiff stellt eine ungeheure Gefahr dar, die wir nicht ignorieren dürfen und die weder in die Hände des Deutschen Kaiserreiches noch irgendeiner anderen Nation auf dieser Welt fallen darf. Ich halte es für unwahrscheinlich, aber immerhin möglich, daß sie der Gefahr irgendwie Herr werden und dieses Schiff fortbringen. Das darf nicht geschehen. Wir müssen es zerstören. « »Aber wie denn?« fragte Serena. »Wir kommen ja nicht einmal an die Insel heran!«

»Das weiß ich noch nicht«, erwiderte Trautman. »Aber wir werden einen Weg finden. Ich bin sicher, daß wir die Blockade nach Einbruch der Dunkelheit irgendwie durchbrechen können. Bis es soweit ist, werden wir die Insel aus sicherer Entfernung genau beobachten. «

Serena schien abermals widersprechen zu wollen, und sie hätte es zweifellos auch getan, hätte Trautman sie nicht so scharf und fast wütend angeblickt, daß es ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlug.

Einige Sekunden lang saß sie einfach da und starrte ihn an. Ihre Hände umschlossen die Tischkante so fest, daß das Blut aus ihren Fingern wich, dann stand sie mit einem Ruck auf, fuhr auf dem Absatz herum und rannte aus dem Salon.

»Was ist denn in die gefahren?« murmelte Ben. Mike erhob sich ebenfalls und wollte zur Tür gehen, aber Trautman sagte in diesem Moment: »Laß sie gehen. Etwas Ruhe wird ihr sicher guttun. Irgend etwas stimmt nicht mit ihr. « Wie mit uns allen, fügte Mike in Gedanken hinzu. Aber er sprach es nicht aus, sondern setzte sich wieder.

Sie waren getaucht und hatten die Inselgruppe unter Wasser umrundet, um sich ihr ungesehen von der Rückseite her zu nähern, was sich als gar nicht so einfach erwiesen hatte. Trautman, Singh, Mike und Chris waren erneut in den Turm hinaufgegangen, während Ben und Juan die Aufgabe übernommen hatten, an den Kontrollinstrumenten zu bleiben und die NAUTILUS auf ihrer Position zu halten -was sich leichter anhörte, als es war, denn durch die Vielzahl unterseeischer Riffe Und Klippen herrschte unter der trügerisch ruhigen Meeresoberfläche ein Gewirr von Unterströmungen und Sogen, das beständig versuchte, die NAUTILUS gegen eine Klippe zu drücken oder in die Tiefe hinabzuzerren.

Trautman stand auf der Leiter, die zur Turmluke hinaufführte, und hatte wieder das Fernglas angesetzt. Nur Kopf und Schultern ragten aus dem Turm, der seinerseits gerade eine Handbreit aus der Meeresoberfläche hinausragte, so daß immer wieder etwas Wasser in das Schiff eindrang. Singh, Mike und Chris standen unter ihm und blickten gebannt zu ihm hoch und warteten darauf, von ihm zu erfahren, was sich draußen abspielte.

Trautman ließ sich jedoch gehörig Zeit, bevor er endlich den Feldstecher absetzte und dann vorsichtig über die nassen Metallsprossen zu ihnen in die Tiefe kletterte.

»Also?« fragte Mike aufgeregt.

»Es ist kein Schiff zu sehen. « Trautman schüttelte ein paarmal den Kopf, um seine Worte zu bekräftigen. »Aber das bedeutet nicht, daß keine Gefahr besteht«, fuhr er fort. »Die Insel ist dicht bewaldet. Wenn jemand im Unterholz steht und das Meer beobachtet, dann wird er uns sehen, sobald wir auftauchen. « »Warum sollten sie so etwas tun?« fragte Chris. Trautman seufzte. »Weißt du, ich wollte es vorhin nicht sagen, damit Juan und Ben nicht gleich wieder aufeinander losgehen, aber ich teile Bens Ansichten durchaus. Diese drei Schiffe sind ganz bestimmt nicht zufällig hier. Sie müssen in unmittelbarer Nähe gewesen sein, um auf den Funkspruch des Frachters zu reagieren und so schnell hierher zu gelangen. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie wissen, daß wir in der Nähe sind -oder es zumindest ahnen - und nur auf uns warten. Wenn ich der Kapitän des Schlachtschiffes wäre, würde ich jedenfalls an allen Ecken dieser Insel Wachen aufstellen, die Tag und Nacht das Meer beobachten. «

»Aber das würde ja bedeuten, daß sie wissen, daß wir hier sind«, sagte Mike kopfschüttelnd. »Das kann doch gar nicht sein. Niemand weiß von unserer Existenz. « »Vielleicht doch«, antwortete Trautman. »Vielleicht sind sie uns schon von Kairo aus gefolgt. Ich hatte ein paarmal das Gefühl, beobachtet zu werden, aber ich glaubte dann, es wären Hasim und seine Brüder gewesen. Schließlich hatten wir genug andere Dinge im Kopf. Doch wer weiß... vielleicht haben wir uns nach Winterfelds Tod einfach zu sicher gefühlt. « Er unterbrach sich, indem er sich in einer erschöpften Geste mit beiden Händen über das Gesicht fuhr und die Augen rieb. »So oder so«, fuhr er dann fort, »wir müssen auf diese Insel und uns überzeugen. Aber wir werden schwimmen müssen. Ich wage es nicht, weit genug aufzutauchen, um das Boot abzusetzen. Singh -ich bin müde, würdest du mir den Gefallen erweisen und hinuntergehen und einen Taucheranzug für mich -« »Ich gehe«, sagte Mike. Trautman blinzelte. Er widersprach nicht gleich, war aber von Mikes Vorschlag sichtlich nicht begeistert. »Es sind nur hundert oder zweihundert Meter bis zum Strand«, fuhr Mike fort. »Ich kann da sein, noch bevor Singh den Anzug geholt und Sie ihn angezogen haben. « »Das ist viel zu gefährlich«, widersprach Trautman. »Stimmt«, antwortete Mike. »Und für Sie noch viel gefährlicher als für mich. Sie haben es selbst gesagt: Sie sind müde, und... ich möchte Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber ich glaube doch, daß jemand meines Alters für ein solches Abenteuer besser geeignet ist -« »-als ein alter Tattergreis wie ich?« fiel ihm Trautman ins Wort. Er gab sich Mühe, möglichst grimmig dreinzublicken, aber zum ersten Mal seit vielen Tagen wieder erkannte Mike auch ein Lächeln in seinen Augen, so daß er mit einem breiten Grinsen antwortete: »Wenn Sie den Deutschen in die Hände fallen, dann wird es übel für Sie enden. Nach allem, was ich gehört habe, machen sie kurzen Prozeß mit Spionen. « »Das stimmt«, antwortete Trautman. »Aber das gilt auch für dich. «

»Sie kriegen mich nicht«, sagte Mike zuversichtlich. »Und wenn doch, dann spiele ich das arme, verstörte

Kind, das seine ganze Familie bei einem Schiffbruch verloren hat und sich gar nicht so richtig erinnert, wie es hierher kommt. «

Trautman blickte ihn immer noch zweifelnd an, aber es war ihm zugleich auch deutlich anzusehen, wie sehr ihn der Gedanke erleichterte, nicht zu der Insel hinüberschwimmen zu müssen. »Also gut«, sagte er schließlich. »Aber du gehst nicht allem. Singh begleitet dich. Versucht herauszufinden, wie viele Soldaten sich auf der Insel aufhalten, wo sie sind und was sie tun. Aber nähert euch auf gar keinen Fall dem Sternenschiff. Ist das klar?«

»Ich bin doch nicht verrückt«, antwortete Mike. »Und auch nicht lebensmüde. «

»Das will ich hoffen«, erwiderte Trautman ernst. »Das ist nicht der richtige Moment für Heldentaten oder Abenteuer. Schaut euch um, und dann kommt wieder zurück. Redet mit niemandem und rührt nichts an, auch wenn die Gelegenheit vielleicht noch so verlockend erscheint. Wir werden wieder tauchen, um nicht zufällig entdeckt zu werden, aber jeweils genau zur vollen Stunde hierher zurückkehren. « Mike überlegte einen Moment, ob es nicht eine gute Idee wäre, Astaroth mitzunehmen. Der Kater mit seinen telepathischen Fähigkeiten wäre ihnen sicherlich eine unschätzbare Hilfe auf der Insel, aber er hatte ihn den ganzen Tag über noch nicht gesehen. Doch Mike zweifelte nicht daran, daß Astaroth in diesem Moment seine Gedanken und die Trautmans las und so ganz genau wußte, was vorging. Wenn er sie hätte begleiten wollen, dann wäre er längst hier. Stimmt! sagte eine wohlbekannte Stimme in seinen Gedanken. Sonst nichts.

Mike seufzte leise, trat an Trautman vorbei und begann, die Leiter hinaufzuklettern. Das Metall war glitschig vor Nässe, und als er oben angekommen war, verhielt er noch ein paar Sekunden und tat ein paar tiefe Atemzüge. Dann zog er sich mit einer entschlossenen Bewegung über den Rand der Turmluke und stieß sich von der oberen Leitersprosse ab. Die Strömung ergriff ihn sofort und trug ihn mit erstaunlicher Kraft von der NAUTILUS weg. Mike war ein geschickter Schwimmer, aber jetzt mußte er sich ganz darauf konzentrieren, die Richtung zur Insel einzuhalten. So verschwendete er keine Energie darauf, sich nach Singh herumzudrehen, sondern griff kräftig aus. Als Mike die Insel endlich erreichte und auf den schmalen Sandstreifen hinaufkroch, der das Meer vom Dschungel trennte, fühlte er sich sehr erschöpft. Unmittelbar hinter ihm richtete sich Singh in der Brandung auf und trat neben ihn. Der Dschungel war an dieser Stelle bis auf knappe zwei Meter ans Meer herangewachsen und trotz der Nähe des Salzwassers so dicht, daß man nur wenige Schritte weit in ihn hineinblicken konnte. Die Schatten zwischen den fünfzehn Meter hohen Palmen wirkten fast schwarz, vor allem, da Mikes Augen an das grelle Sonnenlicht gewöhnt waren und ein wenig vom Salzwasser brannten. Wenn irgendwo dort drin jemand stand und sie beobachtete, dann würde er ihn wahrscheinlich nicht einmal bemerken. SinghsÜberlegungen schienen wohl in dieselbe Richtung zu gehen, denn er ließ Mike keine Zeit, sich auszuruhen, sondern zog ihn unsanft auf die Füße und hinter sich her, in den Wald hinein. Mike protestierte schwach und versuchte, Singhs Hand abzustreifen, aber der Inder achtete nicht auf ihn. Er zerrte Mike noch ein gutes Stück weiter hinter sich her, obwohl sie bereits im Schutz des Unterholzes angelangt waren. »He!« protestierte Mike. »Nicht so schnell!« »Jemand beobachtet uns«, sagte Singh leise. Mike fuhr erschrocken zusammen und drehte den Kopf nach rechts und links, aber alles, was er sah, waren nachtschwarze Schatten und grüne Dunkelheit. Er hörte eine Vielzahl von Geräuschen, die jedoch in einem Dschungel durchaus normal waren. »Bist du sicher?« fragte er. Instinktiv hatte er die Stimme zu einem Flüstern gesenkt, bevor ihm klar wurde, wie lächerlich das war. Wenn sie tatsächlich beobachtet wurden, dann war es auch nicht mehr nötig, zu flüstern. Singh nickte zögernd. »Ich glaube, ja«, sagte er. »Aber jetzt... « Er schüttelte den Kopf, drehte sich einmal im Kreis und sah dabei aus zusammengekniffenen Augen in den Wald hinein. Schließlich deutete er ein Achselzucken an. »Jedenfalls glaubte ich, sicher zu sein«, fuhr er nach einigen Sekunden fort.

Mike sah ihn verwirrt an. Normalerweise konnte man sich auf Singhs scharfes Gehör und seine noch schärferen Augen unbedingt verlassen; ebenso, wie er eigentlich niemals etwas aussprach, wenn er sich seiner Sache nicht vollkommen sicher war. Auch Singh benahm sich ungewöhnlich -wie sie alle. Mikeverscheuchte den Gedanken. »Kommt weiter, Herr«, sagte er -ein Überbleibsel aus der Anfangszeit ihrer Bekanntschaft, als er tatsächlich Mikes Diener gewesen war. Mike hatte ihm schon tausendmal gesagt, daß er diese Anrede nicht mochte, und Singh hatte es ebensooft ignoriert. »Wir müssen auf die andere Seite der Insel. Und wir brauchen bestimmt eine Stunde dazu. « Die Insel war zwar mehrere Meilen lang, aber nicht besonders breit. Dafür jedoch sehr gebirgig, und der Dschungel, der schon am Ufer dicht gewesen war, erwies sich als nahezu undurchdringlich, je tiefer sie ins Landesinnere vorstießen. Dazu kam, daß Singh immer wieder stehenblieb und sich nervös umsah und seine Nervosität natürlich auch Mike ansteckte. Sie brauchten so nicht eine, sondern mehr als zwei Stunden, bis sie den Strand auf der gegenüberliegenden Seite der Insel sahen.

Das Gelände lag hier etwas höher als drüben, und der Strand war sehr viel breiter, so daß sie ihn aus demSchutz des Unterholzes heraus gut überblicken konnten. Übervorsichtig, wie er nun einmal war, hatte Singh Mike befohlen, ein Stück zurückzubleiben, und war allein zum Waldrand gegangen. Er blieb sehr lange fort. Mike konnte ihn als dunklen Umriß am Waldrand erkennen, und er beobachtete ihn sicher zwei, drei Minuten lang, wie er einfach reglos dastand und auf das Meer hinausstarrte.

Schließlich hielt er die Untätigkeit nicht mehr aus, beschloß, Singhs Warnung in den Wind zu schlagen, und trat mit vorsichtigen Schritten neben ihn. Singh wandte nur flüchtig den Kopf und blickte dann weiter konzentriert auf den Strand und das Meer hinaus, doch obwohl Mike nur einen kurzen Blick auf sein Gesicht erhaschte, sah er sofort, daß irgend etwas nicht in Ordnung war. Singh wirkte sehr angespannt, ja, alarmiert. »Was ist los?« fragte Mike.