122183.fb2 Die steinerne Pest - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 8

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Singh hob die linke Hand und deutete auf den Strand hinunter. »Seht selbst!«

Mike gehorchte -was er sah, das ließ ihn erschrocken die Luft anhalten. Singhs Orientierungssinn mußte noch besser sein, als er bisher geglaubt hatte, denn sie waren tatsächlich beinahe unmittelbar über dem fremden Schiff herausgekommen und allerhöchstens noch zwanzig oder dreißig Schritte davon entfernt. Er konnte eine Anzahl dunkel gekleideter Gestalten erkennen, die sich an der silbernen Scheibe zu schaffen machten, sowie eine doppelte Reihe kniehoher Stäbe, die im Kreis rings um das Schiff in den Sand gesteckt und mit dünnen Drähten verbunden waren. Aber das war es nicht, was Singh gemeint hatte.

Es war auf dem Meer. Unweit des Strandes dümpelte ein schwerer, grauschwarz gestrichener Dampfer auf den Wellen, der am Morgen, als sie die Insel vom Meer aus beobachtet hatten, noch nicht dagewesen war. Dafür waren das deutsche Schlachtschiff und die beiden Zerstörer verschwunden. »Wo sind die Schiffe?« murmelte er. Singh zuckte mit den Schultern. Die drei deutschen Kriegsschiffe waren nicht mehr da, und an ihrer Stelle ankerte dieses sonderbare schwarze Dampfschiff vor der Insel. Es hatte keinerlei Flagge oder sonstige Nationalitätskennzeichen, und irgend etwas daran war... unheimlich. Mike konnte das Gefühl nicht in Worte kleiden, aber es war sehr deutlich. Mühsam löste er seinen Blick von den rostzerfressenen Flanken des schwarzen Frachters und konzentrierte sich wieder auf die Männer, die sich an dem Sternenschiff zu schaffen machten. »Was tun sie da?« murmelte er.

Wieder bestand Singhs Antwort nur in einem Achselzucken. Aber sein Gesichtsausdruck wurde noch besorgter. Obwohl sie nicht sehr weit von der silbernen Scheibe entfernt waren, konnten sie nicht genau erkennen, was die Männer dort eigentlich taten. Nach einer Weile sagte Singh: »Wir müssen näher heran. « Er überlegte einen weiteren Moment, dann drehte er sich herum und deutete mit einer entschlossenen Bewegung wieder in den Wald hinein. »Ihr bleibt hier, Herr. Ich werde versuchen, näher heranzukommen. « »Aber -« begann Mike, wurde aber sofort wieder von Singh unterbrochen.

»Mit ein bißchen Glück schaffe ich es. Es sind so viele, daß ein Mann mehr vielleicht gar nicht auffällt, und meine Kleider ähneln den ihren. Und ich gehe bestimmt kein Risiko ein. Keine Sorge. «»Meinetwegen«, murmelte Mike ohne rechte Überzeugung. Er bedauerte es mittlerweile zutiefst, nicht darauf bestanden zu haben, daß Astaroth sie begleitete. Der Kater mit seinen Fähigkeiten, die Gedanken der Menschen zu lesen, wäre in diesem Moment eine unschätzbare Hilfe gewesen.

Sie wichen wieder ein kleines Stück in den Wald zurück und bewegten sich ein Dutzend Schritte weit nach rechts, so daß sich Singh dem Schiff auf die kürzest mögliche Distanz nähern konnte. Mike suchte sich ein Versteck in einem gut mannshohen Farngestrüpp und sah mit klopfendem Herzen zu, wie der Inder auf den Strand hinaustrat und mit raschen, aber trotzdem sehr ruhigen Schritten auf das Sternenschiff zuging; ein Mann, der es eilig hatte, aber ganz genau wußte, was er tat und nicht im geringsten unsicher war. Dieses sichere Auftreten würde vielleicht dafür sorgen, daß keiner der Männer wirklich Notiz von Singh nahm. Mike sah, wie der Inder das Schiff halb umrundete und sich dann ganz selbstverständlich einer kleinen Gruppe von Männern anschloß, die auf eine Lücke in dem niedrigen Zaun zusteuerte. Einen Moment später waren sie und mit ihnen auch sein Freund und Leibwächter hinter der Scheibe und somit seinen Blicken entschwunden.

Mike blieb mit klopfendem Herzen in seinem Versteck zurück und wartete darauf, daß Singh wieder auftauchte. Natürlich wußte er, daß es unter Umständen lange dauern konnte. Singh würde sich umsehen, und er konnte schließlich nicht einfach irgendwann kehrtmachen und gemächlich in den Wald zurückmarschieren -das wäre aufgefallen, denn keiner der Fremden hatte sich dem Dschungel bisher auch nur genähert. Vermutlich, dachte Mike, wird Singh letzten Endes gar keine andere Wahl haben, als dieses Risiko einzugehen, und Mike tat wahrscheinlich gut daran, sich auf einen ziemlich überhasteten Rückzug vorzubereiten. Er löste seinen Blick für einen Moment vom Strand und sah den Wald in seinem Rücken an. Und plötzlich hatte er, genau wie vorhin auf der anderen Seite der Insel, das intensive Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Er sah nicht die geringste Bewegung, keinen Schatten, aber das Gefühl, angestarrt zu werden, war plötzlich so mächtig, daß er es fast wie eine körperliche Berührung empfand. Mike versuchte sich einzureden, daß es nur Einbildung war; eine Folge seiner eigenen Nervosität. Niemand war hier, der ihn beobachtete. Er mußte sich nur in Geduld fassen, bis Singh zurückkam. Die Zeit verging. Minute reihte sich an Minute, aber der Inder tauchte nicht wieder auf. Mike überlegte verzweifelt, was er nun tun sollte. Eigentlich war es klar: Sie hatten oft genug über Situationen wie diese gesprochen, und Trautman und auch Singh hatten ihnen immer wieder eingehämmert, daß niemandem damit gedient war, wenn einer von ihnen den Helden spielte. Das vernünftigste in dieser Situation wäre, zurück zur NAUTILUS zu gehen und gemeinsam mit Trautman und den anderen zu beraten, wie sie Singh am besten helfen konnten. Aber auch das war eine Eigenart von Situationen wie dieser: daß man selten das Vernünftigste tat. Mike mußte nicht lange überlegen, bis er wußte, was er zu tun hatte. Er würde Singh auf gar keinen Fall im Stich lassen, sondern entweder zusammen mit ihm oder gar nicht zurückkehren.

Aufmerksam beobachtete er den Strand und die riesige silberfarbene Scheibe, bis er glaubte, einen günstigen Moment abgepaßt zu haben, in dem keiner der Fremden in seine Richtung blickte. Rasch richtete er sich auf, trat aus dem Wald hervor und rannte geduckt auf das fremde Schiff zu.

Unbehelligt erreichte er die Scheibe und ließ sich unmittelbar vor dem niedrigen Zaun auf die Knie fallen. Für den Moment war er in Sicherheit. Die Rundung des gewaltigen Flugobjekts bildete einen zuverlässigen

Schutz, so daß ihn zumindest im Augenblick niemand sehen würde.

Mikes Herz klopfte bis zum Hals. Erfüllt von einem Gefühl banger Furcht, sah er sich noch einmal um und betrachtete dann das fremde Schiff aufmerksam aus unmittelbarer Nähe. Er war ihm noch nie so nahe gewesen wie jetzt, und ihm war noch nie zu Bewußtsein gekommen, wie... seltsam es war. Als er es das erste Mal gesehen hatte, damals, Tausende von Metern unter der Wasseroberfläche und wie ein vielzu groß geratener Bumerang in das Wrack der TITANIC verkeilt, war er starr vor Überraschung gewesen, daß er gar nicht richtig denken konnte.

Jetzt, als er unmittelbar vor ihm kniete, kam es ihm noch viel gewaltiger vor, aber er spürte auch, daß es weit mehr war als nur ein Fahrzeug. Mehr als eine Maschine. Irgend etwas ging von ihm aus, das er nicht in Worte fassen konnte: nicht einmal so sehr Gefahr oder Bedrohung, sondern vielmehr ein Gefühl von Fremdartigkeit. Es war etwas, was nicht von hier kam und vor allem nicht hierher gehörte. Da er, wie alle anderen, mit eigenen Augen erblickt hatte, welche Verheerung dieses gar nicht so gefährlich aussehende Fahrzeug anzurichten imstande war, empfand er natürlich Furcht davor, und er würde sich hüten, es zu berühren, ganz egal, was geschah. Aber viel stärker als diese erklärbare Angst war das andere Gefühl, das er hatte: das Gefühl, etwas vollkommen Fremdem gegenüberzustehen, dessen wahre Bedeutung er niemals wirklich begreifen konnte. Erst jetzt wurde ihm wirklich klar, was Serena gemeint hatte, als sie ihnen erzählte, daß alle Versuche ihres Volkes, mit den Erbauern dieser Schiffe Kontakt aufzunehmen, gescheitert waren oder in einer Katastrophe geendet hatten. Vielleicht waren sie gar nicht feindselig, vielleicht war es einfach nicht möglich, mit ihnen zu reden oder sich lange in ihrer Nähe aufzuhalten.

Mike richtete sich auf, musterte den sonderbaren, nur aus ein paar kniehohen Stäben und einem dazwischengespannten, hauchdünnen Draht bestehenden Zaun unmittelbar vor sich noch eine Sekunde lang spöttisch, hob dann den Fuß, um darüber hinwegzusteigen und sich so unmittelbar im Sichtschutz des Schiffes weiterzubewegen. Er konnte es nicht. Verwirrt senkte er den Fuß wieder, versuchte es noch einmal, mit demselben Ergebnis. Es war ihm nicht möglich, den Zaun zu übersteigen.

Mike ließ sich verwirrt zurücksinken. Zögernd streckte er die rechte Hand aus, und es geschah wieder: Sobald er versuchte, über den Zaun hinwegzugreifen, ging es einfach nicht, und er konnte nicht sagen, warum. Mike versuchte es noch ein paarmal, ehe er schließlich aufgab. Einige Augenblicke lang überlegte er, ob dieser Zaun vielleicht nur deshalb aufgestellt worden war, um die Grenze jener unsichtbaren, undurchdringlichen Barriere zu markieren, die das Schiff umgab. Mike stand auf, drehte sich herum -und hätte um ein Haar aufgeschrien. Hinter ihm stand ein Fremder. Es war einer der Männer, die Singh und er vom Waldrand aus beobachtet hatten. Er war sehr groß, dunkelhaarig und trug schwarze, grobe Hosen, gleichfarbige Stiefel und einen farblich dazu passenden Rollkragenpullover. Sein Gesicht war von seltsam fremdartigem Schnitt, und er hatte sehr dunkle, große Augen, die Mike an irgend etwas erinnerten, auch wenn er im ersten Moment nicht sagen konnte, was es war. Außerdem war er viel zu erschrocken, um darüber nachzudenken, denn der Blick dieser dunklen Augen war direkt auf ihn gerichtet.

Der Fremde war so lautlos näher gekommen, daß Mike ihn nicht gehört hatte. Mikes Gedanken rasten. Er zweifelte nicht daran, daß der Fremde ihn sofort packen oder ein lautes Alarmgebrüll anstimmen würde,und sah sich hastig nach der günstigsten Fluchtrichtung um -aber er erlebte eine Überraschung. Obwohl ihm der Mann direkt in die Augen blickte, schien er ihn gar nicht zu registrieren, sondern ging einfach an ihm vorbei; so dicht, daß seine Schulter Mike gestreift hätte, wäre dieser nicht hastig zur Seite getreten. Der Mann sah sich nicht einmal nach ihm um, sondern verschwand mit raschen Schritten um die Rundung des Schiffes.

Mike blickte ihm fassungslos nach. Träumte er? Wenn der Mann nicht blind war, dann mußte er ihn einfach gesehen haben. Die ganze Geschichte wurde immer rätselhafter.

Jetzt wurde es aber auch wirklich Zeit, daß er Singh fand und sie von hier verschwanden. Er wollte gar nicht mehr wissen, was hier wirklich vorging. Allmählich hatte er das Gefühl, in einen verrückten Traum geraten zu sein, in dem nichts mehr so war, wie es sein sollte.

Er wandte sich in die entgegengesetzte Richtung und begann die gewaltige Silberscheibe zu umkreisen. Ein zweiter, genauso gekleideter Mann wie der erste kam ihm entgegen, und als Mike mit klopfendem Herzen stehenblieb und ihn ansah, wiederholte sich das seltsame Geschehen. Auch dieser Mann blickte Mike einmal direkt in die Augen, und auch er schien ihn nicht wahrzunehmen, sondern ging an ihm vorbei. Mike sah ihm kopfschüttelnd nach, faßte zugleich aber auch neuen Mut. Wenn all diese Fremden so reagierten, dann war Singh vielleicht doch nichts zugestoßen. Möglicherweise hatte er etwas entdeckt, was ihn die Zeit vergessen ließ.

Er ging weiter - und blieb nach ein paar Schritten abrupt wieder stehen. Er hatte das Schiff zur Hälfte umkreist und sah nun den Strand, das offene Meer dahinter und den Frachter wieder vor sich.

Aber er sah auch Singh und begriff, daß seine Hoffnung verfrüht gewesen war. Singh war entdeckt worden. Zwei der dunkel gekleideten Männer standen hinter ihm und hielten seine Arme gepackt, ein dritter Mann stand unmittelbar vor ihm und redete aufgeregt auf ihn ein. Der eine der Männer, die Singh hielten, blutete aus der Nase, der andere hatte ein dunkles Auge, das bereits zuzuschwellen begann, und ein Stück abseits standen zwei weitere, die sich die offenbar schmerzenden Rippen rieben.

Singh hatte sich sichtlich nach Kräften gewehrt, war aber der Übermacht am Ende nicht gewachsen gewesen. Er selbst war nicht verletzt, und er sah auch nicht besonders eingeschüchtert oder erschrocken drein, dafür aber sehr wütend.

Mike wich hastig wieder ein paar Schritte zurück, denn er war keineswegs sicher, daß auch die Männer, die Singh überwältigt hatten, durch ihn hindurchsehen würden, wenn sie sich zufällig in seine Richtung drehten. Und er war ziemlich ratlos. Er hatte nicht einmal eine Ahnung, wie er Singh helfen sollte. Sein Vater hatte den jungen Sikh-Krieger nicht von ungefähr zu seinem Leibwächter gemacht. Singh war zwar schlank und sah täuschend harmlos aus, aber Mike hatte einmal miterlebt, wie er ganz allein und waffenlos mit gleich vier Gegnern fertig geworden war. Wenn es diesen Männern gelungen war, ihn zu überwältigen, dann hatte er nicht die geringste Aussicht, Singh zu befreien. Sosehr ihm der Gedanke auch widerstrebte -er würde wohl doch allein an Bord der NAUTILUS zurückkehren müssen, um zusammen mit Trautman und den anderen einen Plan zur Befreiung des Inders auszuarbeiten.

Mike sah sich noch einmal nach allen Seiten um, dann huschte er geduckt zum Waldrand zurück, obwohl es wahrscheinlich gar nicht notwendig war, vorsichtig zu sein. Die schwarzgekleideten Männer nahmen immer noch keine Notiz von ihm.

Als er in das Unterholz eindrang, stand plötzlich wie aus dem Boden gewachsen eine Gestalt vor ihm. Sie gehörte ganz eindeutig nicht zu den schwarzgekleideten Männern, sondern es war einer der Eingeborenen, von denen sie im Logbuch gelesen hatten. Er war sehr groß, hatte schulterlanges schwarzes Haar und war nackt bis auf einen buntbestickten Lendenschurz. Sein Gesicht war von edlem Schnitt und wirkte sehr kraftvoll, aber der Ausdruck darauf war eher besorgt als wirklich drohend.

»Wer... wer sind Sie?« fragte Mike zögernd. Der Eingeborene sagte etwas in einer sonderbar dunkel klingenden, vollkommen unverständlichen Sprache, und einen Augenblick später traten zwei weitere Eingeborene aus dem Gebüsch hinter Mike heraus. Dann noch einmal drei, so daß er sich schließlich von einem halben Dutzend der hochgewachsenen, dunkelhäutigen Gestalten umringt sah. Also hatte er sich doch nicht getäuscht. Er war die ganze Zeit beobachtet worden. Der Mann, auf den Mike zuerst gestoßen war, begann schnell und in seiner unverständlichen Sprache auf ihn einzureden. Er zeigte dabei immer wieder zum Strand und auch zu dem schwarzen Frachter dahinter. Offenbar brachte er Mike mit diesem Schiff und den Männern in Verbindung. Und Mike hatte das Gefühl, daß die Schwarzgekleideten nicht unbedingt die Freunde der Eingeborenen waren.

»Ich nehme an, daß von euch keiner meine Sprache spricht«, sagte er, sehr langsam und mit übermäßiger Betonung, aber ohne große Hoffnung, irgendeine Antwort zu bekommen. Er bekam Antwort - allerdings keine, mit der er etwas anfangen konnte. Plötzlich redeten alle wild durcheinander auf ihn ein, und ihre Gesten wurden drohender.

Mike ließ sie eine Weile gewähren und beschloß dann, alles auf eine Karte zu setzen. Wenn die Eingeborenen mit den Männern auf dem Schiff gemeinsame Sache machten, dann war er ohnehin verloren. Also hob er den Arm, deutete erst auf die gewaltige Silberscheibe am Strand und schüttelte deutlich den Kopf, dann wies er auf den Frachter und wiederholte sein Kopfschütteln. »Ich weiß nicht, wer diese Männer sind«, sagte er, »aber ich glaube nicht, daß sie unsere Freunde sind. «

Wenn die Eingeborenen die Worte auch sicher nicht verstanden, die Bedeutung der Geste schien ihnen klar zu sein. Der drohende Ausdruck verschwand von den meisten Gesichtern, und ihre Stimmen klangen jetzt aufgeregter, wenn auch nicht unbedingt freundlicher -was aber möglicherweise einzig daran lag, daß ihre Sprache einen für europäische Ohren ungewohnt harten Klang hatte.

»Ihr müßt mich gehen lassen«, sagte Mike. »Ich muß Hilfe holen. Sie haben meinen Freund gefangen. « Er versuchte, die Worte mit entsprechenden Gesten und Handbewegungen auf den Strand und den Wald hin zu untermalen, zweifelte aber daran, daß es ihm gelang, diese komplizierte Botschaft durch reines Deuten und Gestikulieren zu übersetzen. Und als er einen Schritt tiefer in den Wald hinein machen wollte, da vertraten ihm zwei der Eingeborenen auch sofort den Weg. Mike stellte voller Unbehagen fest, daß er eines bisher übersehen hatte: Die Männer waren zwar ausnahmslos nackt bis auf ihren Lendenschurz oder eine bunte Vogelfeder, die sich der eine oder andere ins Haar gesteckt hatte, aber ebenso ausnahmslos bewaffnet: mit dünnen, fast mannslangen Blasrohren und wuchtigen Keulen aus Holz. Einer von ihnen deutete zum Strand hinab, und als Mikes Blick der Bewegung folgte, erkannte er, daß sich ein kleines Ruderboot vom Rumpf des großen Schiffes draußen gelöst hatte und nun auf die Insel zukam.

Zugleich traten Singh und seine fünf Bewacher aus dem Sichtschutz des fremden Schiffes heraus. Singh sträubte sich nach Kräften, wurde von den vier Männern aber einfach mitgezerrt. »Sie wollen ihn auf das Schiff bringen!« sagte Mike erschrocken. »Das darf nicht geschehen! Wenn sie ihn auf das Schiff bringen, können wir ihn bestimmt nicht mehr befreien!« Seine Aufregung entging den Eingeborenen keineswegs. Sie begannen wild durcheinanderzureden, und schließlich war es wieder der, den Mike als ersten gesehen hatte, der die Vermittlung übernahm. Schon nach kurzer Zeit glaubte Mike zu begreifen, was der Mann ihm klarmachen wollte: Er deutete immer wieder auf Singh und die fünf Fremden, schlug sich mit der geballten Faust in die geöffnete Linke und wies dazwischen auf das Schiff, wobei er heftig den Kopf schüttelte und eine Grimasse zog.

»Ihr wollt ihn befreien?« fragte Mike vorsichtig. Er versuchte die Frage mit Gesten zu begleiten, aber ihm fiel nichts ein. Schließlich deutete er auf Singh, dann auf sich, auf die sechs Eingeborenen und tat dann so, als würde er auf der Stelle laufen, und das schien der Mann zu verstehen. Er nickte heftig und schüttelte sein Blasrohr.

Der Anblick der Waffe erschreckte Mike. Er hatte davon gehört, wie vortrefflich viele südamerikanische Indianer mit diesen Blasrohren umzugehen wußten, aber auch, daß es sich um Waffen von absolut tödlicher Wirkung handelte. Und er wollte nicht, daß die Eingeborenen die Männer dort unten umbrachten. Das aber konnte er ihnen unmöglich begreiflich machen -davon einmal abgesehen, daß er ziemlich sicher war, daß sie darauf ohnehin keine Rücksicht genommen hätten. Trotzdem schüttelte er den Kopf, legte die flache Hand auf das Blasrohr des Mannes und wiederholte sein Kopfschütteln. Dann fuhr er sich mit dem Zeigefinger an der Kehle entlang und schüttelte ein drittes Mal den Kopf.

Der Eingeborene wirkte verwirrt und fast ein bißchen enttäuscht, ließ das Blasrohr dann aber zu MikesÜberraschung sinken und hob statt dessen die Keule. Nicht daß diese Waffe wesentlich ungefährlicher gewesen wäre als die Blasrohre, aber zumindest würden sie die Männer dort unten nicht gleich damit umbringen. Und irgendeine Art von Waffen würden sie vermutlich dringend brauchen, wollten sie Singh befreien. Mittlerweile hatte sich das Ruderboot der Küste schon mehr als zur Hälfte genähert, so daß ihnen nun ohnehin keine Zeit mehr für lange Diskussionen blieb. Mike signalisierte den Männern schweren Herzens mit einem Nicken seine Zustimmung, und alle sechs wandten sich auf der Stelle um und traten aus dem Wald hervor. Mike folgte ihnen.

Schon nach wenigen Schritten fiel ihm auf, daß sich das unheimliche Geschehen von vorhin zu wiederholen schien: Obwohl etliche der ganz in Schwarz gekleideten Männer, die sich an der Flugscheibe zu schaffen machten, auch auf dieser Seite des Gefährtes waren und zwei oder drei von ihnen direkt in ihre Richtung blickten, als Mike und seine Begleiter aus dem Wald heraustraten, schienen sie auch diesmal keinerlei Notiz von ihnen zu nehmen. Es war, als existierten Mike und die Eingeborenen für diese seltsamen Männer gar nicht. Unbehelligt legten sie gut die Hälfte der Distanz bis zum Strand und damit auch zu Singh und seinen Bewachern zurück. Auch die Männer, die den Inder gepackt hielten, bemerkten nichts von ihrer Annäherung -wohl aber die Besatzung des kleinen Bootes, das sich in raschem Tempo dem Strand näherte.

Einer der Männer an Bord begann plötzlich heftig mit beiden Armen zu winken, woraufhin sich der Fremde, der mit Singh gesprochen hatte, herumdrehte. Als er Mike und seine Begleiter sah, hob er in einer befehlenden Geste die Hand und deutete auf sie, und in der gleichen Sekunde drehten sich auch die anderen Männer zu ihnen herum, und diesmal nahmen sie Notiz von den so plötzlich aufgetauchten Eingeborenen. Von einer Sekunde auf die andere schien der Strand von schwarzgekleideten, dunkelhaarigen Männern nur so zu wimmeln. Es mußten mindestens zwei, wenn nicht drei Dutzend Gestalten sein, die urplötzlich hinter der Flugscheibe auftauchten und sich Mike und seinen neugewonnenen Freunden entgegenwarfen.

Sie waren nicht bewaffnet, und der erste, der das Pech hatte, den Weg eines der Eingeborenen zukreuzen, machte eine recht unsanfte Bekanntschaft mit dessen Keule, aber die Übermacht war erdrückend. Binnen Sekunden brach rings um Mike ein wildes Handgemenge aus, in dem die Eingeborenen einzig deshalb nicht sofort überwältigt wurden, weil ihre Gegner vollkommen unbewaffnet waren, während sie ihre Keulen mit großer Geschicklichkeit schwangen -und, wie Mike mit einem Gefühl von Unbehaglichkeit registrierte, noch größerer Wut. Er fragte sich, was zwischen den Ureinwohnern dieser Insel und den Männern in Schwarz vorgefallen sein mochte, um bei den Eingeborenen einen solchen Zorn auszulösen. Der Kapitän des gesunkenen deutschen Frachters hatte sie in seinem Logbuch als friedlich und kontaktscheu beschrieben. Aber von friedlich konnte keine Rede sein. Obwohl sich die Eingeborenen mit erstaunlicher Tapferkeit hielten, waren sie binnen Sekunden vonder gewaltigen Übermacht der

Schwarzgekleideten eingekreist. Drei, vier, schließlich fünf der Angreifer sanken reglos zu Boden, als die Eingeborenen ihre Keulen kreisen ließen, aber die anderen rückten mit einer Verbissenheit weiter vor, die Mike an das seelenlose Tun von Maschinen erinnerte. Die Eingeborenen wurden einer nach dem anderen niedergerungen und überwältigt, und schließlich streckten sich auch nach Mike starke Hände aus, um ihn zu packen und festzuhalten. Etwas Winziges, Dunkles sirrte an Mikes Ohr vorbei und traf den vordersten Angreifer in die Brust. So abrupt, als wäre er vor ein unsichtbares Hindernis gelaufen, blieb er stehen, erstarrte für einen Moment zur Reglosigkeit und sah dann mit fast verblüfftem Gesichtsausdruck auf den winzigen, gefiederten Pfeil herab, der aus seiner Brust ragte. Dann brach er ganz langsam in die Knie, schwankte noch einen Moment hin und her und fiel schließlich zur Seite. Und diesem ersten Blasrohrpfeil folgten weitere. Plötzlich erhob sich aus dem Waldrand hinter Mike und den anderen ein wahrer Hagel von kleinen gefiederten Geschossen, die mit fast unheimlicher Sicherheit ihr Ziel fanden. Schon nach wenigen Augenblicken waren die meisten Angreifer niedergestreckt, und die wenigen Davongekommenen suchten ihr Heil in der Flucht. Auch die Situation am Strand hatte sich grundlegend geändert: Singh hatte seine Chance natürlich sofort erkannt und bereits zwei seiner Bewacher überwältigt. Die anderen versuchten ihn zu packen und erneut festzuhalten, doch auch auf sie regneten plötzlich Blasrohrgeschosse herab. Mike hielt den Atem an, denn er rechnete fest damit, daß auch Singh von einem der tödlichen Geschosse getroffen werden mußte: Doch obwohl es vollkommen unmöglich erschien, bekam Singh nicht einmal einen Kratzer ab,

sondern stand inmitten Dutzender der winzigen Pfeile, die rings um ihn herumschwirrten, vollkommen unbeschadet da. Aber die Gefahr war noch keinesfalls vorüber: Vom Meer her näherte sich das Boot. Singh fuhr auf der Stelle herum und hetzte mit gewaltigen Sprüngen auf Mike zu, während sich ringsum die Eingeborenen benommen erhoben und sich die schmerzenden Schädel rieben. Alle bis auf einen. Jener Eingeborene, den Mike als ersten im Wald getroffen hatte, lag noch immer reglos im Sand. Er lebte, doch als Mike neben ihm niederkniete, stellte er fest, daß er aus einer üblen Platzwunde an der Stirn blutete und ohne Bewußtsein war. »Herr!« Singh langte schweratmend neben ihm an, deutete hastig zum Waldrand hin und dann zum Strand zurück. Mike sah, daß sich zwischen den Bäumen am Waldrand über ein Dutzend weiterer halbnackter Gestalten aufgerichtet hatten, die aufmerksam zu ihnen her sahen, aber keine Anstalten machten, ihnen oder wenigstens ihrem verwundeten Kameraden zu Hilfe zu kommen.

In der Zwischenzeit hatte das Boot den Strand beinahe erreicht, und die Männer an Bord machten sich bereit, an Land zu gehen. Mike sah, daß jeder von ihnen einen kleinen, glitzernden Gegenstand in der Hand hielt. Er vermutete, daß es sich dabei um Waffen handelte. »Hilf mir!« keuchte er. Er versuchte verzweifelt, den bewußtlosen Eingeborenen in die Höhe zu zerren, aber der Mann war viel zu schwer für ihn. Und Singh zögerte, mit zuzupacken. »Verdammt noch mal, Singh!« schrie Mike. »Ohne ihn wärest du jetzt vielleicht schon tot!«

Das wirkte. Kurz entschlossen hob Singh den bewußtlosen Eingeborenen hoch, warf ihn sich über die Schulter und begann auf den Waldrand zuzulaufen. Mike folgte ihm, allerdings nicht, bevor er noch einen letzten Blick zum Strand zurückgeworfen hatte. Das schwarze Boot war ein gutes Stück auf den Sand hinaufgeglitten, und seine Besatzung kletterte hastig von Bord. Mike war jetzt sicher, daß die winzigen silbernen Stäbe, die sie in den Händen hielten, Waffen waren.

Als sie noch zehn Meter vom Waldrand entfernt waren, wurde aus dieser Vermutung Gewißheit. Ein dünner Faden aus weißem Licht zuckte plötzlich zwischen Singh und ihm hindurch und schlug in den Waldrand ein, und seine Wirkung war verheerend. Eine der gewaltigen Palmen loderte auf und zerfiel in einem Sekundenbruchteil zu Asche, und das Unterholz ringsum ging in einem Bereich von sicherlich fünf oder auch sechs Metern schlagartig in Flammen auf. Singh fluchte lauthals in seiner Muttersprache, schlug einen Haken nach links und schrie Mike zu, in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Eine Sekunde später züngelte ein zweiter Lichtblitz in Singhs Richtung, der ihn diesmal nur um Haaresbreite verfehlte und einen weiteren Bereich des Waldrandes in ein Flammenmeer verwandelte.

Die Eingeborenen waren längst im Dickicht verschwunden. Mike hoffte, daß sie bereits in Sicherheit gewesen waren, als der Blitz den Waldrand traf. Hakenschlagend erreichte auch er den Waldrand, brach rücksichtslos durch das Geäst und stolperte noch ein halbes Dutzend Schritte weiter, ehe er stehenblieb und sich schweratmend umsah. Singh kämpfte sich ein gutes Stückweit links von ihm ins Gebüsch, und von den Eingeborenen war keine Spur mehr zu sehen. Vom Strand her zuckten keine weiteren Blitze mehr zu ihnen herauf, so daß Mike allmählich die Hoffnung zu fassen begann, daß sie in Sicherheit waren. Die Männer, die mit dem Boot gekommen waren, hatten nicht nur das Feuer eingestellt, sondern unternahmen auch keinen Versuch, sie zu verfolgen. Allerdings auch keinen, ihren Kameraden zu Hilfe zu eilen. Nach einigen Augenblicken sah Mike auch, warum das so war: Die Männer, die von den Blasrohrgeschossen getroffen worden waren, begannen sich langsam wieder zu rühren. Sie waren nicht tot, stellte er erleichtert fest, sondern offenbar nur kurz bewußtlos gewesen. Die Pfeile hatten kein Gift enthalten, sondern nur ein Betäubungsmittel.

Er ging weiter und traf nach einigen Augenblicken auf Singh, der soeben den reglosen Eingeborenen zu Boden sinken ließ. Während er versuchte, ihn wachzurütteln, fragte er: »Verfolgen sie uns?«

Mike schüttelte den Kopf: »Nein. Anscheinend wollten sie uns nur in die Flucht schlagen. Was waren das für Männer?«

»Keine Ahnung«, gestand Singh. »Und ich glaube fast, ich will es auch gar nicht wissen. Sie waren... unheimlich. «

»Die Männer, die von den Eingeborenen niedergeschlagen wurden«, fügte Mike hinzu, »sind nicht tot, weißt du? Ich konnte sehen, daß sie wieder aufstehen. « Er beugte sich herab und zog nachdenklich einen der winzigen gefiederten Pfeile aus dem kleinen Köcher, den der Bewußtlose am Gürtel trug. »Ich dachte immer, diese Dinger wären gefährlicher. «

»Das sind sie auch«, sagte eine Stimme hinter ihm. »Die Spitzen sind in Curare getaucht, das tödlichste Gift der Welt. «

Mike und Singh fuhren im gleichen Moment herum und sahen sich einem mittelgroßen, sehr schlanken Mann gegenüber, der vollkommen lautlos aus dem Dickicht herausgetreten war. Er ähnelte ein wenig den Gestalten, auf die sie am Strand getroffen waren; auch er hatte dunkles Haar und ein scharf geschnittenes Gesicht und vor allem die gleichen dunklen und großen Augen. Aber der Mann gehörte nicht zu den Fremden am Strand. Er trug die dunkelblaue Uniform der deutschen Handelsmarine, die schon ein bißchen mitgenommen aussah. Das mußte wohl der Offizier sein, von dem sie im Logbuch des untergegangenen Schiffes gelesen hatten.

Mit einer raschen Bewegung trat er näher, nahm Mike sehr behutsam den Pfeil aus der Hand und fuhr fort: »Schon ein winziger Kratzer, und du bist tot, bevor du auch nur deinen Namen buchstabieren kannst. Also sei besser vorsichtig damit. «

Mike trat einen Schritt zurück und sah erschrocken auf seine Hände herab, während der Offizier den Pfeil wieder in den Köcher zurückschob. Dann begann er den bewußtlosen Eingeborenen zu untersuchen: Er hob seine Lider an, tastete nach seinem Puls und befühlte seine Stirn. Obwohl seine Bewegungen sehr schnell waren, hatte Mike das Gefühl, daß er ganz genau wußte, was er da tat. »Kommt er wieder in Ordnung?« fragte er.