122183.fb2 Die steinerne Pest - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 9

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»Ich denke schon«, antwortete der Fremde. »Er hat ganz schön was abgekriegt, aber diese Eingeborenen sind recht zäh. « Er stand auf und streckte Mike die Hand entgegen, und nach kurzem Zögern griff dieser auch danach. »Vielen Dank, daß ihr ihm geholfen habt. Mein Name ist Weisser. Stefan Weisser. Ihr seid von dem Tauchboot, das draußen vor der Insel kreuzt?« Mike starrte Weisser aus aufgerissenen Augen an. »Woher... wissen Sie das?«

Der dunkelhaarige Mann mit den sonderbaren Augen lächelte. »Hier passiert nicht viel, wovon ich nichts weiß«, antwortete er geheimnisvoll. »Es ist eine kleine Insel.

Aber nun kommt, wir müssen fort, ehe sie doch noch auf die Idee kommen, nach uns zu suchen, oder kurzerhand den ganzen Wald niederbrennen. « Auf ein Zeichen Weissers hin erschien wie aus dem Boden gewachsen ein halbes Dutzend weiterer Eingeborener im Unterholz. Zwei von ihnen hoben ihren bewußtlosen Kameraden hoch, während die anderen eine Art Eskorte bildeten, die wohl zu ihrem Schutz dienen sollte. Zumindest versuchte sich Mike dies einzureden.

Während der nächsten halben Stunde kamen sie kaum dazu, etwas über ihren sonderbaren neuen Freund zu erfahren oder gar mit ihm zu reden, denn die Eingeborenen legten ein solches Tempo vor, daß sie ihre Mühe hatten, mit ihnen Schritt zu halten. Und Weisser ging auch jeder Möglichkeit, ihn etwa in ein Gespräch zu verwickeln, sehr geschickt aus dem Weg. Nach einer guten halben Stunde erreichten sie das Dorf der Eingeborenen, das auf einer Lichtung mitten im Dschungel lag. Knapp zwei Dutzend Hütten, in denen kaum mehr als hundert Menschen leben konnten. Die Eingeborenen kamen ihnen mit großem Hallo und aufgeregtem Geschnatter entgegen, von dem Mike und Singh natürlich kein Wort verstanden. Weisser jedoch antwortete zu Mikes nicht geringem Erstaunen in der gleichen Sprache darauf und das, wie es schien, sogar fließend. Wenn man bedachte, daß er erst seit einigen Tagen auf dieser Insel war, dann war das eigentlich unmöglich. Doch an dieser Insel -und vor allem an diesem Dorf -war sowieso einiges sonderbar. Mike fiel auf, daß einige der Hütten leerzustehen schienen und sich in ihrer Farbe von den anderen unterschieden. Außerdem machten die Eingeborenen einen großen Bogen um sie, denn obwohl auf dem Dorfplatz ein ziemliches Gedränge herrschte, kam doch niemand auch nur in die Nähe der betreffenden Gebäude. Mike wollte schon eine entsprechende Frage stellen, aber Weisser ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern deutete auf eine Hütte auf der anderen Seite des Platzes und sagte: »Wartet dort drüben auf mich. Ich komme so rasch zu euch, wie es mir möglich ist. « »Aber « begann Singh, doch Weisser unterbrach ihn mit einer befehlenden Geste:

»Sie haben wirklich nichts zu befürchten. Ich kann mir vorstellen, daß Ihnen tausend Fragen auf der Zunge brennen, Herr Singh, aber im Moment habe ich leider ein paar sehr wichtige Dinge zu erledigen.

Unaufschiebbare Dinge. Ich verspreche Ihnen aber, bald zu Ihnen zu kommen. «

Singh sagte nichts, aber er wurde blaß, was vielleicht auch daran lag, daß bei Weissers Worten zwei Eingeborene hinter ihn traten und sich in ganz eindeutig drohender Haltung rechts und links von ihm aufbauten. »Sind wir Ihre Gefangenen?« fragte Mike. Weisser schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht«, antwortete er. »Aber die armen Leute hier haben in den letzten Tagen ziemlich schlechte Erfahrungen mit Fremden gemacht. Es ist nur zu eurem eigenen Schutz, wenn ihr die Hütte nicht verlaßt. Ich rede mit dem Häuptling, aber bis es soweit ist, lauft bitte nicht auf eigene Faust herum. Euch könnte etwas zustoßen. « Das ist deutlich, fand Mike. Sie waren Gefangene. Ohne ein weiteres Wort drehten Singh und er sich herum und folgten den beiden Eingeborenen zu der Hütte, die Weisser ihnen zugewiesen hatte. Sie war fast vollkommen leer. Es gab nur einige Bastmatten auf dem Boden sowie einen großen Holzkrug mit Wasser. Kein Fenster und vor allem keine weiteren Ausgänge. Ihre Begleiter folgten ihnen nicht in die Hütte hinein, sondern nahmen rechts und links vom Eingang Aufstellung. »Ich bin gar nicht mehr so sicher, daß wir einen guten Tausch gemacht haben«, sagte Mike. Singh antwortete nicht darauf, aber nach einer Weile sagte er: »Dieser Mann ist nicht das, was zu sein er scheint. « »Stell dir vor, das habe ich auch schon gemerkt«, sagte Mike spitz.

»Er hat mich mit meinem Namen angesprochen«, fuhr Singh fort. »Und?«

»Ich habe ihn nicht genannt«, erklärte Singh. »Und Ihr auch nicht. Nicht in seiner Gegenwart. « Mike starrte Singh einige Sekunden lang betroffen an, während er angestrengt nachdachte. Aber Singh hatte recht: Keiner von ihnen hatte seinen Namen genannt, als sie sich vorstellten, nur Weisser. »Und er wußte von der NAUTILUS«, fügte Singh nachdenklich hinzu.

»Du meinst, er ist... vielleicht gar nicht der Offizier, von dem im Logbuch des gesunkenen Schiffes die Rede war?«

Singh hob die Schultern. »Ich wollte, ich wüßte es«, sagte er. »Ich weiß nicht, wer er ist oder was. Aber wir können unmöglich hierbleiben und einfach abwarten, welche Pläne er mit uns hat. Trautman und die anderen werden sich Sorgen machen. « »Aber sie werden uns nicht so einfach gehen lassen«, erwiderte Mike.

Anstatt einer Antwort ging Singh zur Tür, aber es geschah genau das, was sie beide erwartet hatten: Kaum versuchte er die Hütte zu verlassen, vertraten ihm die beiden Eingeborenen den Weg. Singh wandte sich mit einem Seufzer um und kam wieder zu Mike zurück. »War das Antwort genug?« Er lächelte aufmunternd, als er Mikes Enttäuschung sah, und fügte in bewußt optimistischem Ton hinzu: »Keine Sorge. Spätestens wenn es dunkel ist, hole ich uns hier schon heraus. « Das bezweifelte Mike gar nicht, aber bis es dunkel wurde, vergingen noch Stunden, die sie einfach nicht hatten. Ihre Kameraden an Bord der NAUTILUS würden sich ihre Gedanken machen, und es war nur eine Frage der Zeit, bis einer von ihnen kam, um zu sehen, wo sie blieben -und vielleicht in die gleiche Falle tappte wie Singh und er. »Ich frage mich, was hier los ist«, murmelte er. »Diese Männer am Strand... ich habe gesehen, wie sie wieder aufgestanden sind. « »Und?« fragte Singh.

Mike machte eine heftige Geste mit beiden Händen. »Hast du nicht gehört, was Weisser über das Pfeilgift gesagt hat? Es tötet in Sekunden. Und sie sind nach ein paar Augenblicken einfach wieder aufgestanden, als wäre nichts passiert. Ganz davon abgesehen, wie komisch sie sich benommen haben. Ich hatte das Gefühl, es wären gar keine Menschen, sondern... Maschinen. « »Ich habe einen von ihnen niedergeschlagen«, wandte Singh ein. »Er hat geblutet. «

»Ich weiß«, seufzte Mike. »Ich meinte ja auch keine Maschinen aus Eisen und Gummi, sondern... « Er führte den Satz nicht zu Ende. Etwas mit diesen sonderbaren Männern stimmte nicht, das spürte er genau, aber er konnte das Gefühl nicht in Worte kleiden. Sie berieten noch eine geraume Zeit, wie sie am schnellsten hier heraus kämen, aber keiner ihrer Pläne war so, daß er Aussicht auf Erfolg gehabt hätte, so daß sie schließlich gar keine andere Wahl mehr hatten, als sich in Geduld zu fassen.

Es vergingen annähernd zwei Stunden, bis sie aus ihrem Gefängnis geholt wurden. Ein junger Eingeborener in Mikes Alter erschien vor dem Eingang und wechselte einige Worte mit den beiden Männern, die sie bewachten. Einer von ihnen wandte sich daraufhin um und winkte ihnen. »Er will, daß wir ihm folgen«, sagte Singh. Mike nickte. Kommentarlos folgten sie den beiden Kriegern aus der Hütte zu einem größeren Gebäude, das auf der anderen Seite des Dorfplatzes lag. Sie kamen dabei dicht an den anderen Hütten vorbei, die Mike schon vorhin aufgefallen waren. Er sah jetzt, daß sich ihre Farbe tatsächlich von der der übrigen Gebäude hier unterschied. Sie waren aus Holz, Palmblättern und anderen natürlichen Baustoffen errichtet, die die Insel bot, aber alle Farben waren blasser und wirkten irgendwie... grau. Mike wäre gerne stehengeblieben, um die Hütten genauer in Augenschein zu nehmen, aber ihre beiden Begleiter ließen das nicht zu. Sie wurden rasch weiter zu dem Haus am anderen Ende des Platzes hingeführt und unsanft durch die Tür gestoßen.

Die Hütte war wesentlich größer als die, in der sie die vergangenen Stunden verbracht hatten, wenn auch fast ebenso spartanisch eingerichtet. Auf dem Boden lagen auch hier kunstvoll geflochtene Bastmatten, auf denen Mike zwei reglos und offenbar schlafend ausgestreckte Gestalten gewahrte. Ein gutes Dutzend weiterer Eingeborener stand im Halbkreis um eine Art gewaltigen, aus Bambus und Palmblättern erbauten Thron, auf dem ein uralter Mann mit einem prachtvollen Federkopfschmuck saß. Als einziger hier war er nicht nur mit einem Lendenschurz bekleidet, sondern trug einen kunstvoll gewobenen Mantel.

Wahrscheinlich der Häuptling des Stammes, überlegte Mike. Allmählich wurde ihm doch etwas mulmig zumute. Er hatte damit gerechnet, zu Weisser gebracht zu werden, und fragte sich nun, was er hier sollte. Außerdem waren die Blicke, mit denen der alte Mann ihn und Singh musterte, nicht unbedingt freundlich. »Keine Angst«, sagte Singh. Mikes Besorgnis war ihm offensichtlich nicht entgangen. Aber auch seine Stimme klang nervös, als er fortfuhr: »Weisser hat gesagt, daß er mit dem Häuptling über uns reden würde. « »Ja«, murmelte Mike. »Aber er hat auch gesagt, daß diese Leute hier nicht besonders gut auf Fremde zu sprechen sind. Wo bleibt er nur?« Einer der Eingeborenen, die sie hergebracht hatten, versetzte Singh einen Stoß, der ihn mehr auf den Thron des Häuptlings zu stolpern ließ, als er ging. Mike beeilte sich, ihm zu folgen, bevor ihm einer der Männer die gleiche Behandlung zukommen ließ. Der alte Mann musterte ihn und Singh sehr lange, und Mike begann sich unter seinem Blick noch unwohler zu fühlen. Dabei hatte er eigentlich sehr freundliche Augen und ein nicht unbedingt unsympathisches Gesicht. Aber in seinem Blick war auch etwas Lauerndes und eine kaum verhohlene Feindseligkeit, so daß sich Mike innerlich zur Vorsicht gemahnte. Weisser hatte ganz offensichtlich noch nicht mit dem Häuptling über sie gesprochen; und wenn doch, so nicht mit dem erhofften Ergebnis.

Nachdem er sie hinlänglich gemustert hatte, deutete der Alte mit einer fordernden Geste auf Singh und begann sehr schnell und mit schriller Stimme in seiner unverständlichen Sprache auf ihn einzureden. Dabei wies er immer wieder auf die schlafenden Gestalten am Boden, und als Singh und Mike seiner Aufforderung offenbar nicht schnell genug nachkamen, packte einer der Männer Singh grob bei der Schulter und stieß ihn neben einer der Bastmatten auf die Knie herab. Gleichzeitig erhob sich der alte Mann von seinem Thron und kam mit kleinen, mühsam trippelnden Schritten näher. Er redete ununterbrochen und mit immer schriller werdender Stimme, wobei er abwechselnd auf Singh, Mike und die schlafende Gestalt auf der Bastmatte deutete.

»Seht Euch das an!« flüsterte Singh plötzlich. Obwohl er sehr leise sprach, klang seine Stimme so entsetzt, daß Mike ein eisiger Schauer über den Rücken lief und er rasch näher trat. Sein Herz begann heftig zu pochen, und ein zweites, noch eisigeres Prickeln lief sein Rückgrat entlang, als er auf die reglose Gestalt vor Singh hinabblickte.

Der Mann lag auf der Seite und war an Händen und Füßen gefesselt, und in seinem Gesicht prankte eine große, sehr häßlich verheilte Narbe. Er schlief nicht, wie Mike anfangs vermutet hatte, sondern schien hohes Fieber zu haben, denn er bewegte sich leicht, und manchmal kam ein leises Stöhnen über seine Lippen. Das alles aber war es nicht, was Mike so erschreckte:

Es war der Anblick seiner Arme. Seine schweißnasse Haut hatte überall den goldbraunen Farbton der Eingeborenen, seine Arme jedoch waren vom Bizeps an abwärts bis zu den Fingerspitzen hin grau. Die Arme des Mannes waren versteinert! »Der arme Kerl muß der Flugscheibe zu nahe gekommen sein«, murmelte Singh. »Wahrscheinlich hat er sie berührt. «

»Aber wie kann das sein?« wunderte sich Mike. »Die Männer am Strand haben sie doch auch angefaßt. Sie sind sogar hineingegangen!«

Singh kam nicht zu einer Antwort, denn in diesem Moment versetzte ihm der Häuptling einen weiteren Stoß und begann wieder mit schriller Stimme auf ihn einzureden. Gleichzeitig deutete er erneut auf den fiebernden Mann und auch auf den anderen, der auf der Bastmatte daneben lag.

Mike betrachtete auch ihn. Sein Anblick war fast noch schlimmer, doch ihm fiel auf, daß auch er an Händen und Füßen gefesselt war und seine Haut dort, wo sie noch nicht zu grauem Stein erstarrt war, eine Anzahl kleiner, aber offensichtlich frischer Verletzungen aufwies.

Die Stimme des Häuptlings wurde immer schriller und fordernder, und die Gesten, mit denen er sie begleitete, immer herrischer. Die Krieger in seiner Umgebung begannen allmählich zu murren und sich unruhig zu bewegen.

Mike und Singh tauschten einen nervösen Blick. »Ich verstehe nicht, was er von uns will«, sagte Mike. »Ich glaube, ich schon«, antwortete Singh. »Offenbar erwartet er, daß wir ihnen irgendwie helfen. « »Aber wie?« murmelte Mike hilflos. Wie konnte er jemandem helfen, wenn er nicht einmal wußte, was wirklich mit ihm los war? »Wir können nichts für deine Brüder tun«, sagte Singh langsam und sehr betont und mit einer übertrieben ausgeführten Gestik, mit der er versuchte, dem Häuptling die Bedeutung seiner Worte irgendwie klarzumachen. Offenbar erreichte er jedoch eher das Gegenteil damit, denn der alte Mann wurde immer zorniger und ballte nun die Hand zur Faust, um sie drohend zu schütteln. Einer der Krieger in seiner Begleitung hob seine Keule.

In diesem Moment erschien wie ein rettender Engel Weisser unter der Tür der Hütte. Er wirkte sehr aufgebracht, und er fuhr den Häuptling in scharfem Ton an, offenbar hatte er bereits gewußt, was hier vorging, noch ehe er die Hütte betrat.

Der Häuptling drehte sich zu ihm herum und antwortete im gleichen, schrillen Tonfall. Seine Augen sprühten vor Zorn, und seine ganze Haltung verriet, daß er sich am liebsten auf den Offizier gestürzt hätte. Auch einige seiner Krieger scharten sich drohend um ihn, aber Mike fiel auch auf, daß es längst nicht alle waren: Eine fast ebenso große Anzahl von Männern stellte sich auf Weissers Seite, und etliche schienen noch unentschlossen und sahen immer wieder verwirrt von dem alten Mann zu Weisser und zurück.

Der Offizier trat mit ein paar raschen Schritten zwischen Mike, Singh und den Häuptling. Ohne den Alten aus den Augen zu lassen, sagte er, nun wieder auf englisch: »Keine Sorge, ich lasse nicht zu, daß er euch etwas antut. «

»Ich... ich verstehe nicht, was er will«, sagte Mike hilflos. »Wir können nichts für diese Leute tun. « »Ich weiß«, antwortete Weisser. Er machte eine befehlende Geste, still zu sein, und wandte sich dann wieder an den Häuptling.

Der alter Mann wurde immer zorniger. Er schüttelte wütend die Fäuste und deutete immer wieder auf Mike, Singh und die beiden reglosen Gestalten am Boden, und Weisser antwortete in ebenso scharfem, trotzdem aber merklich ruhigerem Ton. Obwohl Mike kein Wort verstand, begriff er doch sehr wohl, daß zwischen den beiden ein Streit im Gange war, der möglicherweise über ihr Leben entscheiden konnte. Nachdem sie sich eine geraume Weile gegenseitig angriffen hatten, beendete Weisser die Auseinandersetzung, indem er auf eine Gruppe von Eingeborenenkriegern vor der Tür wies und dann auf die beiden Männer am Boden.

Die Eingeborenen setzten sich gehorsam in Bewegung, blieben aber sofort wieder stehen, als der Häuptling sie anfuhr. Weisser wiederholte seinen Befehl, und sie kamen zögernd wieder näher. Das Spielchen wiederholte sich noch drei- oder viermal, bis die Männer schließlich die beiden Kranken hochhoben und rasch aus der Hütte trugen. Mike fiel auf, daß sie sorgsam darauf achteten, ihre zu Stein gewordenen Körperteile nicht zu berühren.

»Kommt mit«, sagte Weisser ohne jede Hast. »Und ganz ruhig. Zeigt auf keinen Fall Unsicherheit oder Angst. « Das war leichter gesagt als getan. Mike konnte fast körperlich fühlen, wie angespannt die Atmosphäre war. Ein einziges falsches Wort, vielleicht nur ein falscher Blick, und es würde zu einer Katastrophe kommen. Aber irgendwie gelang es ihm, sich seine Furcht nicht anmerken zu lassen und ganz ruhig hinter Weisser und Singh aus der Hütte zu treten.

Als sie sich einige Schritte entfernt hatten, atmete Weisser hörbar auf, und ein erleichterter Ausdruck erschien auf seinem bisher so scheinbar ruhig gebliebenen Gesicht. »Das war knapp«, sagte er. »Wenn ich nur einen Moment später gekommen wäre... « Er führte nicht aus, was dann vielleicht passiert wäre, aber das war auch nicht nötig, Mikes Phantasie reichte durchaus, es sich auszumalen.

»Was war denn da drinnen los?« wollte Singh wissen. »Wieso war der Häuptling so aufgebracht?« »Er ist nicht der Häuptling«, erwiderte Weisser. »Der Häuptling war einer der ersten, der der Steinpest zum Opfer fiel. Der Alte ist der Medizinmann des Stammes. « »Er macht nicht unbedingt den Eindruck, als ob er Ihr bester Freund wäre«, sagte Mike. Weisser lächelte flüchtig. »Er hat Angst vor mir«, sagte er. »Und er haßt mich. Ich bringe seine Position in Gefahr. Bisher war er der unumstrittene Herrscher über den ganzen Stamm. Selbst der Häuptling beugte sich seinem Willen. Aber seit das Unglück diese armen Leute getroffen hat, schwindet seine Macht. « »Weil er ihnen nicht helfen kann«, vermutete Singh.

Weisser nickte, und Singh fügte hinzu: »Können Sie es?«

»Nicht annähernd so, wie ich es gerne täte«, antwortete Weisser. »Aber doch ein bißchen besser als er. « »Ich verstehe«, sagte Mike. »Er hat gehofft, daß wir diese Krankheit heilen können... «

»... damit er mich auf diese Weise los wird, ja«, bestätigte Weisser. Er schüttelte den Kopf. »Als ob es mir darum ginge, ihn zu entmachten und seine Stellung einzunehmen!«

»Warum sagen Sie ihm das nicht?« wollte Mike wissen. »Das habe ich, aber er glaubt mir nicht. Ich weiß noch nicht alles über diese Leute, aber in einem bin ich mir ganz sicher -sie fürchten den Alten und würden ihn wohl lieber heute als morgen loswerden. « Mittlerweile hatten sie den Dorfplatz überquert und waren vor den Hütten angekommen, die sich in ihrer Farbe so sonderbar von den restlichen Gebäuden unterschieden. Die Männer luden die beiden Kranken vor dem Eingang einer der Hütten ab und traten hastig zurück, und als Mike und Singh ihm folgen wollten, schüttelte Weisser den Kopf und machte eine abwehrende Geste. »Nein. Es ist besser für euch, wenn ihr nicht dort hineingeht. Ich werde mich um die beiden kümmern. Wartet bitte hier auf mich. « Mike und Singh sahen verblüfft zu, wie Weisser die beiden Eingeborenen ganz allein in eine der Hütten trug. »Wer ist dieser Mann?« murmelte Mike. »Ich verwette Astaroths Halsband, wenn er wirklich nur Offizier der deutschen Handelsmarine ist. « »Seine Uniform stimmt jedenfalls«, sagte Singh. Mike schnaubte. »Ja«, sagte er grimmig. »Aber das ist auch schon das einzige, was stimmt. « Etwas Seltsames geschah: Für einen ganz kurzen Moment hatte er das sichere Gefühl, die Antwort auf seine Frage zu kennen. Er hatte irgend etwas gesehen oder gehört, das alle Fragen beantwortete, aber es gelang ihm einfach nicht, dieses Wissen festzuhalten. Es verschwand wieder, ehe er es in Worte kleiden konnte, und hinterließ ein Gefühl tiefer Enttäuschung und leiser, nagender Furcht. Auf dieser Insel geschah etwas Unheimliches, das viel bedeutungsvoller war und viel weitreichendere Folgen haben mochte, als sie alle jetzt schon begriffen. Sie warteten darauf, daß Weisser zurückkam, aber in der Hütte rührte sich nichts.

Statt dessen jedoch begann am anderen Ende des Dorfplatzes mit einem Male Unruhe aufzukommen. Mike hörte einen zornigen Ruf, und als er sich herumdrehte und in die entsprechende Richtung blickte, sah er, daß zwei der Eingeborenen offensichtlich miteinander in Streit geraten waren. Sie schrien sich an, stießen sich gegenseitig mit den flachen Händen vor die Brust und versuchten sich an den Haaren zu ziehen. Schließlich stürzte sich der eine auf den anderen, und beide begannen mit den Fäusten aufeinander einzuschlagen. Mike wollte sofort hingehen, aber Singh legte ihm rasch die Hand auf den Arm und schüttelte wortlos den Kopf. Mike gehorchte. Es war wirklich besser, wenn er sich nicht in einen Streit einmischte, von dem er nicht einmal wußte, weshalb er ausgebrochen war. Außerdem bemühte sich bereits fast ein Dutzend Männer, die beiden Kampfhähne voneinander zu trennen. Jedenfalls dachte Mike das im ersten Moment. Dann jedoch sah er zu seinem Schrecken, daß sie nichts dergleichen taten, sondern die Partei des einen oder anderen ergriffen und ebenfalls aufeinander loszugehen begannen. Schon nach wenigen Augenblicken war die wüsteste Rauferei im Gange, und aus der Menge, die ringsum einen Kreis gebildet hatte und die Kämpfenden mit schrillen Rufen anfeuerte, warfen sich immer wieder weitere Männer ins Gewühl.

Mike sah mit einer Mischung aus Verblüffung und Fassungslosigkeit zu, wie sich nach und nach nicht nur Männer, sondern auch Kinder und selbst Frauen und Alte an der allgemeinen Massenkeilerei zu beteiligen begannen, wobei es mittlerweile völlig egal zu sein schien, worum es ging. Möglicherweise wäre am Ende tatsächlich der ganze Ort in diesen Kampf hineingezogen worden, wäre nicht endlich Weisser wieder aus der Hütte hervorgetreten.

Er erfaßte die Lage mit einem einzigen Blick, griff rasch unter seine Jacke und zog eine Pistole hervor, um einen einzelnen Schuß in die Luft abzugeben. Die Wirkung war erstaunlich. Der Kampf endete sofort. Die Eingeborenen ließen auf der Stelle voneinander ab und sprangen erschrocken auf, und selbst die, die noch nicht an dem Handgemenge beteiligt gewesen waren, wichen erschrocken beiseite, als Weisser mit weit ausgreifenden, zornigen Schritten auf die Kampfhähne zu eilte. Er hatte seine Waffe wieder eingesteckt, was Mike nicht sofort verstand. Aber dann wurde ihm klar, daß diese Pistole Weisser ohnehin nichts genutzt hätte. Aber allein sein Auftauchen erfüllte die Eingeborenen mit einer Mischung aus Respekt und Furcht, die viel nachhaltiger war, als es die bloße Angst vor einer Waffe hätte sein können.

Weisser erreichte den Kampfplatz, fand zielsicher die beiden Männer heraus, die mit dem Streit angefangen hatten, und begann in ihrer Sprache auf sie einzureden. Anders als sie schrie er nicht, aber seine Stimme war so scharf, daß Mike sie trotz der großen Entfernung deutlich hören konnte. Obwohl die beiden Eingeborenen ein gutes Stück größer waren als Weisser, duckten sie sich unter seinen Worten wie geprügelte Hunde, und als er schließlich eine herrische Handbewegung machte, fuhren sie herum und hatten es sehr eilig, in entgegengesetzter Richtung in der Menschenmenge zu verschwinden.

Was Weisser auch wirklich sein mochte -jetzt hatte Mike begriffen, daß er alles andere als ein Gast wie sie war und über gewaltigen Einfluß bei den Eingeborenen hier verfügte.

Als Mike sich zu Singh herumdrehte, sah er, daß die Aufmerksamkeit des Inders nicht auf Weisser gerichtet war, sondern auf einen Punkt am jenseitigen Rand des Dorfplatzes. Mike sah in die gleiche Richtung und erblickte die Hütte des Medizinmannes, in der sie gerade gewesen waren.

Der Alte war ein Stück weit aus der Tür getreten und hatte die Szene ganz offenbar mit angesehen. Sein Gesicht hatte sich vor Zorn verdüstert. Er stand in angespannter Haltung da und hatte die Hände zu Fäusten geballt, und die beiden hünenhaften Krieger, die ihn flankierten, wirkten kaum weniger bedrohlich. Mike war allerdings sicher, daß dieser Zorn nicht den Männern galt, die den Streit angefangen hatten, sondern niemand anderem als Weisser.

Der angebliche deutsche Schiffskapitän kam in diesem Moment zu ihnen zurück. Er bemerkte sofort, wohin Singh und Mike sahen, denn auch er blickte flüchtig zur Hütte des Medizinmanns hinüber, und für einen Augenblick huschte ein Schatten über sein Gesicht. Doch er hatte sich ganz ausgezeichnet in der Gewalt. Schon eine halbe Sekunde später lächelte er wieder, und als er sich an Mike wandte, klang seine Stimme ganz unbeteiligt.

»Es tut mir leid, daß ihr Zeugen dieser häßlichen Szene geworden seid«, sagte er.

»Was war da los?« wollte Mike wissen. »Das war doch kein... normaler Streit?«

»Die Menschen hier sind normalerweise sehr friedlich, glaub mir«, antwortete Weisser. »Es ist das freundlichste Volk, dem ich begegnet bin -abgesehen von einem oder zweien vielleicht«, fügte er mit einem Seitenblick auf den Medizinmann hinzu, fuhr dann aber wieder in ernsterem Ton fort: »Aber seit das Sternenschiff hier gestrandet ist, hat sich leider einiges verändert. Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht, und sie sind alle sehr nervös. « »Das ist mir nicht entgangen«, antwortete Mike. Er deutete mit einer Kopfbewegung auf die Hütte hinter sich. »Was ist dort drinnen? Wieso dürfen wir nicht hinein?«