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Wie Hermine vorausgesagt hatte, waren die Freistunden der Sechstklässler nicht die Zeiten seliger Entspannung, die Ron sich ersehnt hatte, sondern Arbeitsstunden, in denen sie versuchen mussten, ihren gewaltigen Berg an Hausaufgaben zu bewältigen. Sie lernten nicht nur, als hätten sie täglich Prüfungen, auch der Unterricht selbst war nun anspruchsvoller denn je. Harry verstand inzwischen kaum mehr die Hälfte von dem, was Professor McGonagall ihnen erzählte; sogar Hermine hatte die Lehrerin ein- oder zweimal bitten müssen, ihre Anweisungen zu wiederholen. Unglaublicherweise und zu Hermines wachsendem Unmut war Zaubertränke plötzlich Harrys bestes Fach geworden – dank dem Halbblutprinzen.
Ungesagte Zauber wurden inzwischen vorausgesetzt, nicht nur in Verteidigung gegen die dunklen Künste, sondern auch in Zauberkunst und Verwandlung. Wenn Harry im Gemeinschaftsraum oder während der Mahlzeiten zu seinen Klassenkameraden hinübersah, bemerkte er des Öfteren, dass sie puterrot waren und die Gesichter verzogen, als hätten sie eine Überdosis Du-scheißt-nie-mehr eingenommen; aber er wusste, dass sie sich in Wirklichkeit damit abmühten, zu zaubern, ohne die Zauberformeln laut auszusprechen. Es war eine angenehme Unterbrechung, nach draußen in die Gewächshäuser zu kommen; in Kräuterkunde beschäftigten sie sich zwar mit gefährlicheren Pflanzen denn je, aber wenigstens durften sie noch laut fluchen, wenn die Giftige Tentakula sie unerwartet von hinten packte.
Ihr enormes Arbeitspensum und die vielen hektischen Stunden, in denen sie ungesagte Zauber übten, waren Gründe dafür, dass Harry, Ron und Hermine bislang noch keine Zeit gehabt hatten, Hagrid besuchen zu gehen. Er kam nicht mehr zu den Mahlzeiten an den Lehrertisch, ein unheilvolles Zeichen, und bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen sie ihm in den Korridoren oder draußen auf dem Gelände begegnet waren, hatte er sie unbegreiflicherweise nicht bemerkt oder ihre Grüße nicht erwidert.
»Wir müssen hingehen und es ihm erklären«, sagte Hermine am folgenden Samstag beim Frühstück, als sie zu Hagrids riesigem leerem Stuhl am Lehrertisch hochblickte.
»Heute Morgen haben wir Quidditch-Auswahlspiele!«, sagte Ron. »Und wir sollen auch noch diesen Aguamenti-Zauber für Flitwick üben! Außerdem, was denn erklären? Wie sollen wir ihm erklären, dass wir sein blödes Fach gehasst haben?«
»Wir haben es nicht gehasst!«, erwiderte Hermine.
»Da kannst du nur für dich selbst sprechen, ich hab die Kröter jedenfalls nicht vergessen«, bemerkte Ron düster. »Und ich sag dir, wir sind um Haaresbreite davongekommen. Du hast nicht gehört, wie er sich über seinen bescheuerten Bruder ausgelassen hat – wenn wir geblieben wären, hätten wir Grawp noch beibringen müssen, wie man sich die Schuhe zubindet.«
»Ich hasse es, wenn wir nicht mit Hagrid sprechen«, sagte Hermine und sah verstimmt aus.
»Nach Quidditch gehen wir runter«, versicherte ihr Harry. Auch er vermisste Hagrid, obwohl er wie Ron glaubte, sie könnten auf Grawp in ihrem Leben ganz gut verzichten. »Aber die Testspiele dauern vielleicht den ganzen Morgen, bei den vielen Leuten, die sich beworben haben.« Er war ein wenig nervös angesichts der ersten Hürde, die er als Kapitän nehmen musste. »Keine Ahnung, warum alle plötzlich so scharf auf die Mannschaft sind.«
»Nun hör aber auf, Harry«, sagte Hermine, mit einem Mal ungehalten. »Die sind doch nicht scharf auf Quidditch, die sind scharf auf dich! Du warst nie interessanter und, ehrlich gesagt, du warst nie beliebter.«
Ron verschluckte sich an einem großen Stück Räucherhering. Hermine hatte nur einen geringschätzigen Blick für ihn übrig, ehe sie sich wieder Harry zuwandte.
»Alle wissen jetzt, dass du die Wahrheit gesagt hast, oder? Die ganze magische Gemeinschaft musste zugeben, dass du Recht hattest, dass Voldemort zurück ist, und dass du tatsächlich in den letzten beiden Jahren zweimal gegen ihn gekämpft hast und beide Male entkommen bist. Und jetzt nennen sie dich den ›Auserwählten‹ – also, hör mal, kannst du nicht verstehen, warum die Leute von dir fasziniert sind?«
Harry fand es in der Großen Halle plötzlich sehr heiß, obwohl die Decke immer noch kalt und regnerisch aussah.
»Und du hast diese ganzen Schikanen des Ministeriums überstanden, als sie versucht haben, dich als unzuverlässig und als Lügner darzustellen. Man kann immer noch die Narben sehen, wo diese niederträchtige Frau dich gezwungen hat, mit deinem eigenen Blut zu schreiben, aber du bist trotzdem bei deiner Geschichte geblieben.«
»Man kann immer noch sehen, wo mich diese Gehirne im Ministerium gepackt haben, schau mal«, sagte Ron und schüttelte sich die Ärmel hoch.
»Und dabei schadet es auch nicht, dass du im Sommer gut dreißig Zentimeter gewachsen bist«, schloss Hermine, ohne Ron zu beachten.
»Ich bin groß«, quatschte Ron dazwischen.
Die Posteulen trafen ein, stießen durch regengesprenkelte Fenster herab und bespritzten alle mit Wassertröpfchen. Die meisten Schüler erhielten mehr Post als üblich; besorgte Eltern wollten unbedingt von ihren Kindern hören und ihnen umgekehrt versichern, dass zu Hause alles in Ordnung war. Harry hatte seit Beginn des Schuljahrs keine Post erhalten; sein einziger regelmäßiger Briefpartner war jetzt tot, und obwohl er gehofft hatte, dass Lupin gelegentlich schreiben würde, war er bislang enttäuscht worden. Daher überraschte es ihn sehr, als er die schneeweiße Hedwig zwischen all den braunen und grauen Eulen ihre Kreise ziehen sah. Sie landete vor ihm mit einem großen, rechteckigen Päckchen. Einen Augenblick später landete ein gleiches Päckchen vor Ron und begrub seine winzige und erschöpfte Eule Pigwidgeon unter sich.
»Ha!«, sagte Harry, als er das Paket aufgemacht hatte und ein neues Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene, frisch von Flourish & Blotts, zum Vorschein kam.
»Oh, gut«, sagte Hermine erfreut. »Jetzt kannst du dieses voll gekritzelte Buch zurückgeben.«
»Bist du verrückt?«, sagte Harry. »Das behalte ich! Sieh mal, ich hab mir was überlegt – «
Er zog das alte Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene aus seiner Tasche, tippte mit seinem Zauberstab auf den Buchumschlag und murmelte »Diffindo!«. Der Umschlag fiel ab. Das Gleiche tat er mit dem nagelneuen Buch (Hermine machte ein entsetztes Gesicht). Dann tauschte er die Umschläge aus, tippte auf beide und sagte »Reparo!«.
Da lag das Exemplar des Prinzen, verkleidet als neues Buch, und dort das druckfrische Exemplar von Flourish & Blotts, das vollkommen gebraucht aussah.
»Ich geb Slughorn das neue zurück. Er kann sich nicht beschweren, es hat neun Galleonen gekostet.«
Hermine presste die Lippen zusammen und sah wütend und missbilligend drein, wurde jedoch von einer dritten Eule abgelenkt, die mit der aktuellen Ausgabe des Tagespropheten vor ihr landete. Sie breitete ihn hastig aus und überflog die Titelseite.
»Jemand gestorben, den wir kennen?«, fragte Ron in betont beiläufigem Ton; er stellte diese Frage immer, wenn Hermine ihre Zeitung aufschlug.
»Nein, aber es gab noch mehr Dementorenangriffe«, sagte sie. »Und eine Festnahme.«
»Klasse, wer?«, fragte Harry und dachte an Bellatrix Lestrange.
»Stan Shunpike«, antwortete Hermine.
»Was?«, gab Harry verdutzt zurück.
»›Stanley Shunpike, Schaffner des beliebten magischen Transportmittels Der Fahrende Ritter, wurde wegen Verdacht auf Betätigung als Todesser festgenommen. Mr Shunpike, 21, wurde gestern spät in der Nacht nach einer Razzia in seiner Wohnung in Clapham verhaftet …‹«
»Stan Shunpike, ein Todesser?«, sagte Harry und erinnerte sich an den pickeligen jungen Mann, den er vor drei Jahren zum ersten Mal getroffen hatte. »Unmöglich!«
»Vielleicht stand er unter dem Imperius-Fluch«, sagte Ron nachdenklich. »Das weiß man nie.«
»Sieht nicht danach aus«, sagte Hermine, die immer noch las. »Hier heißt es, er sei verhaftet worden, nachdem jemand zufällig mitbekam, wie er in einem Pub über die geheimen Pläne der Todesser sprach.« Sie blickte mit sorgenvoller Miene auf. »Wenn er unter dem Imperius-Fluch war, hätte er wohl kaum irgendwo rumgestanden und über ihre Pläne getratscht, oder?«
»Hört sich an, als wollte er vortäuschen, dass er mehr weiß, als er tatsächlich wusste«, sagte Ron. »Ist das nicht der, der auch behauptet hat, er würde Zaubereiminister werden, als er diese Veela angraben wollte?«
»Ja, genau der«, sagte Harry. »Keine Ahnung, was die vorhaben, wenn sie Stan tatsächlich ernst nehmen.«
»Die wollen wahrscheinlich den Eindruck erwecken, als würden sie durchgreifen«, sagte Hermine stirnrunzelnd. »Die Leute haben schreckliche Angst – habt ihr gehört, dass die Eltern der Patil-Zwillinge möchten, dass sie nach Hause kommen? Und Eloise Midgeon hat man schon von der Schule genommen. Ihr Vater hat sie gestern Abend abgeholt.«
»Wie bitte?«, sagte Ron und stierte Hermine an. »Aber Hogwarts ist sicherer als ihre Häuser, garantiert! Wir haben Auroren, und die ganzen zusätzlichen Schutzzauber, und wir haben Dumbledore!«
»Ich glaub nicht, dass wir ihn die ganze Zeit über haben!«, sagte Hermine sehr leise und warf über den Rand des Propheten einen Blick zum Lehrertisch. »Ist es euch nicht aufgefallen? Sein Platz war diese Woche so oft leer wie der von Hagrid.«
Harry und Ron sahen hoch zum Lehrertisch. Der Stuhl des Schulleiters war tatsächlich leer. Nun, da Harry darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass er Dumbledore seit ihrem Einzelunterricht vor einer Woche nicht mehr gesehen hatte.
»Ich glaube, er hat die Schule verlassen, um irgendwas mit dem Orden zu machen«, sagte Hermine mit gedämpfter Stimme. »Ich meine … das sieht doch alles ernst aus, oder?«
Harry und Ron antworteten nicht, aber Harry wusste, dass sie alle denselben Gedanken hatten. Am Tag zuvor hatte es einen schrecklichen Zwischenfall gegeben, Hannah Abbott war aus Kräuterkunde geholt worden, und man hatte ihr mitgeteilt, dass ihre Mutter tot aufgefunden worden war. Seither hatten sie Hannah nicht mehr gesehen.
Als sie fünf Minuten später den Gryffindor-Tisch verließen und sich auf den Weg hinunter zum Quidditch-Feld machten, kamen sie an Lavender Brown und Parvati Patil vorbei. Harry erinnerte sich daran, dass Hermine gesagt hatte, die Eltern der Patil-Zwillinge wollten, dass sie Hogwarts verließen, und war deshalb nicht überrascht, dass die beiden unzertrennlichen Freundinnen miteinander tuschelten und einen bekümmerten Eindruck machten. Was ihn allerdings überraschte, war, dass Parvati, als Ron auf ihrer Höhe war, Lavender plötzlich anstupste, die sich daraufhin umblickte und Ron ein breites Lächeln schenkte. Ron zwinkerte ihr zu, dann erwiderte er das Lächeln unsicher. Prompt verfiel er in eine Art Stolzieren. Harry verkniff sich das Lachen, denn er dachte daran, dass Ron auch nicht gelacht hatte, nachdem Malfoy Harrys Nase gebrochen hatte. Hermine jedoch wirkte den ganzen Weg zum Stadion hinunter durch den kühlen, nebligen Niesel kalt und abweisend und ließ die beiden dann stehen, ohne Ron Glück zu wünschen, um sich einen Platz auf der Tribüne zu suchen.
Wie Harry erwartet hatte, nahm die Auswahl der Spieler fast den ganzen Morgen in Anspruch. Das halbe Haus Gryffindor war offenbar gekommen, von Erstklässlern, die sich nervös an ein paar von den miserablen alten Schulbesen klammerten, bis zu Siebtklässlern, die alle anderen überragten und coole, einschüchternde Mienen aufgesetzt hatten. Zu ihnen gehörte auch ein mächtiger, drahthaariger Junge, den Harry sofort vom Hogwarts-Express wiedererkannte.
»Wir haben uns im Zug getroffen, im Abteil vom alten Sluggy«, sagte er selbstbewusst und trat aus der Menge hervor, um Harry die Hand zu schütteln. »Cormac McLaggen, Hüter.«
»Du hast dich letztes Jahr nicht beworben, oder?«, fragte Harry, indem er zur Kenntnis nahm, wie breit McLaggen war, und überlegte, dass er wahrscheinlich alle drei Torringe decken könnte, ohne sich auch nur zu bewegen.
»Ich war im Krankenflügel, als die Testspiele stattfanden«, sagte McLaggen etwas großspurig. »Hatte 'ne Wette, dass ich ein Pfund Doxyeier esse.«
»Alles klar«, sagte Harry. »Also … warte einfach dort drüben …«
Er deutete hinüber zum Spielfeldrand, ganz in die Nähe von Hermines Platz. Es sah aus, als huschte ein Anflug von Ärger über McLaggens Gesicht, und Harry fragte sich, ob er wohl eine Vorzugsbehandlung von ihm erwartete, weil sie beide Lieblinge vom »alten Sluggy« waren.
Harry beschloss, zunächst die Grundkenntnisse zu testen, und bat alle Bewerber für die Mannschaft, sich in Zehnergruppen aufzuteilen und einmal ums Feld zu fliegen. Das war eine gute Entscheidung: Die erste Zehnergruppe bestand aus lauter Erstklässlern, und es war eindeutig zu sehen, dass sie vorher kaum jemals geflogen waren. Nur einem Jungen gelang es, länger als ein paar Sekunden in der Luft zu bleiben, was ihn selbst so überraschte, dass er prompt gegen einen der Torpfosten knallte.
In der zweiten Gruppe waren zehn der albernsten Mädchen, die Harry je erlebt hatte; auf seinen Pfiff hin kugelten sie sich nur vor lauter Kichern und klammerten sich aneinander fest. Unter ihnen war auch Romilda Vane. Als er sie aufforderte, das Feld zu verlassen, gehorchten sie mit dem größten Vergnügen und setzten sich auf die Tribüne, um allen anderen auf die Nerven zu gehen.
Die dritte Gruppe hatte auf halbem Weg um das Feld eine Massenkarambolage. Die meisten aus der vierten Gruppe waren ohne Besen gekommen. Die fünfte Gruppe bestand aus Hufflepuffs.
»Wenn noch wer hier ist, der nicht aus Gryffindor kommt«, brüllte Harry, der allmählich ernsthaft genervt war, »dann geht der jetzt bitte!«
Stille trat ein, dann stürmten ein paar kleine Ravenclaws schnaubend vor Lachen vom Feld.
Nach zwei Stunden, vielen Beschwerden und mehreren Wutanfällen – darunter einer wegen eines demolierten Kometen Zwei-Sechzig und mehrerer kaputter Zähne – hatte Harry drei Jäger ausgesucht: Katie Bell, die nach einem glänzenden Testspiel in die Mannschaft zurückkehrte, eine Neuentdeckung namens Demelza Robins, die besonders gut Klatschern ausweichen konnte, und Ginny Weasley, die die gesamte Konkurrenz in den Schatten geflogen und obendrein noch siebzehn Tore geschossen hatte. So zufrieden Harry mit seiner Auswahl auch war, hatte er sich wegen der vielen Nörgler doch heiser geschrien und musste nun einen ähnlichen Kampf mit den abgelehnten Treibern durchstehen.
»Das ist meine endgültige Entscheidung, und wenn ihr jetzt nicht Platz macht für die Hüter, hex ich euch was auf den Hals«, brüllte er.
Keiner der Treiber in seiner Auswahl war so brillant wie einst Fred und George, aber er war trotzdem leidlich zufrieden mit ihnen: Jimmy Peakes, ein kleiner, aber breitbrüstiger Drittklässler, der wie ein Berserker auf einen Klatscher eingedroschen und damit Harrys Hinterkopf eine hühnereigroße Beule verpasst hatte, und Richie Coote, der schwächlich aussah, aber ein guter Schütze war. Sie hatten sich nun zu Katie, Demelza und Ginny auf die Tribüne gesetzt, um bei der Auswahl ihres letzten Mannschaftsmitglieds zuzusehen.
Harry hatte das Testspiel der Hüter absichtlich ganz an den Schluss gestellt, in der Hoffnung, das Stadion wäre dann nicht mehr so voll und der Druck für alle Beteiligten geringer. Doch leider hatten sich inzwischen sämtliche abgelehnten Spieler zu den Zuschauern gesellt, außerdem eine Anzahl von Schülern, die nach einem ausgedehnten Frühstück zum Zusehen heruntergekommen waren, und die Menge war nun größer denn je. Jedes Mal, wenn ein Hüter zu den Torringen hochflog, brüllte und höhnte das Publikum gleichermaßen. Harry warf einen Blick zu Ron hinüber, der immer schon ein Problem mit den Nerven gehabt hatte; Harry hatte gehofft, der Sieg im letztjährigen Endspiel wäre vielleicht heilsam für ihn gewesen, doch offenbar vergeblich: Ron hatte eine zartgrüne Farbe.
Keiner der ersten fünf Bewerber hielt mehr als zwei Torschüsse. Zu Harrys großer Enttäuschung hielt Cormac McLaggen vier von fünf Strafschüssen. Beim letzten stürzte er jedoch in die völlig falsche Richtung; die Menge lachte und buhte, und McLaggen kehrte zähneknirschend zum Boden zurück.
Ron war offenbar kurz davor, in Ohnmacht zu fallen, als er auf seinen Sauberwisch Elf stieg.
»Viel Glück!«, rief eine Stimme von der Tribüne her. Harry blickte sich um, in der Erwartung, Hermine zu sehen, aber es war Lavender Brown. Er hätte gern sein Gesicht in den Händen verborgen, wie sie es einen Moment später tat, dachte aber, dass er als Kapitän eher kühlen Kopf beweisen musste, und wandte den Blick, um Ron bei seinem Testspiel zuzusehen.
Doch seine Sorgen waren unbegründet: Ron hielt einen, zwei, drei, vier, fünf Strafschüsse hintereinander. Harry war hocherfreut und konnte sich nur mühsam davon abhalten, in die Jubelrufe der Menge einzustimmen. Er drehte sich zu McLaggen, um ihm zu sagen, dass Ron ihn, zu seinem größten Bedauern, geschlagen hatte, als er auch schon McLaggens rotes Gesicht ein paar Zentimeter vor seinem eigenen sah. Hastig trat er einen Schritt zurück.
»Seine Schwester hat es nicht richtig versucht«, sagte McLaggen drohend. Eine Ader pulsierte an seiner Schläfe, wie die von Onkel Vernon, die Harry so oft bewundert hatte. »Sie hat ihm praktisch einen geschenkt.«
»Unsinn«, sagte Harry kühl. »Das war gerade der, den er fast nicht gekriegt hätte.«
McLaggen ging einen Schritt auf Harry zu, der diesmal fest stehen blieb.
»Gib mir noch einen Versuch.«
»Nein«, sagte Harry. »Du hattest deinen Versuch. Du hast vier gehalten. Ron hat fünf gehalten. Ron ist der Hüter, er hat fair und ehrlich gewonnen. Geh mir aus dem Weg.«
Einen Moment lang dachte er, McLaggen würde ihn schlagen, doch er begnügte sich mit einer fiesen Grimasse und stürmte davon, und sein Knurren hörte sich an wie Drohungen ins Leere hinein.
Als Harry sich umdrehte, stand seine neue Mannschaft vor ihm und strahlte ihn an.
»Gut gemacht«, krächzte er. »Ihr seid echt gut geflogen – «
»Du warst klasse, Ron!«
Diesmal war es wirklich Hermine, die von der Tribüne her auf sie zurannte; Harry sah, wie Lavender das Feld verließ, Arm in Arm mit Parvati und mit ziemlich mürrischer Miene. Ron schien sehr zufrieden mit sich und wirkte sogar noch größer als sonst, als er reihum der Mannschaft und Hermine zugrinste.
Sie vereinbarten eine Zeit für ihr erstes richtiges Training am kommenden Donnerstag, dann verabschiedeten sich Harry, Ron und Hermine vom Rest der Mannschaft und machten sich auf den Weg zu Hagrid. Eine blasse Sonne versuchte eben durch die Wolken zu brechen, und es hatte endlich aufgehört zu nieseln. Harry war furchtbar hungrig; er hoffte, bei Hagrid würde es etwas zu essen geben.
»Ich dachte schon, diesen vierten Strafschuss würd ich verpassen«, sagte Ron glücklich. »War 'n raffinierter Schuss von Demelza, habt ihr den gesehen, der hatte so 'nen leichten Drall – «
»Ja, ja, du warst großartig«, erwiderte Hermine und schaute belustigt drein.
»Jedenfalls war ich besser als dieser McLaggen«, sagte Ron voller Genugtuung. »Hast du gesehen, wie er bei seinem fünften in die falsche Richtung gerumpelt ist? Sah aus, als hätte ihm jemand einen Verwechslungszauber …«
Zu Harrys Überraschung wurde Hermine bei diesen Worten ganz dunkelrosa im Gesicht. Ron bemerkte nichts; er war zu sehr damit beschäftigt, jeden seiner vier anderen Strafschüsse liebevoll in allen Einzelheiten zu schildern.
Der große graue Hippogreif Seidenschnabel war vor Hagrids Hütte angeleint. Als sie näher kamen, klackerte er mit seinem rasiermesserscharfen Schnabel und wandte ihnen seinen gewaltigen Kopf zu.
»Meine Güte«, sagte Hermine nervös. »Er macht einem immer noch ein bisschen Angst, stimmt's?«
»Nun hör aber auf, du bist doch auf ihm geritten, oder?«, sagte Ron.
Harry trat vor und verbeugte sich tief vor dem Hippogreif, ohne den Augenkontakt mit ihm zu verlieren oder zu blinzeln. Nach einigen Sekunden machte auch Seidenschnabel eine Verbeugung.
»Wie geht es dir?«, fragte Harry ihn mit leiser Stimme und näherte sich, um den fedrigen Kopf zu streicheln. »Du vermisst ihn? Aber hier bei Hagrid geht's dir doch gut, nicht wahr?«
»He«, sagte eine laute Stimme.
Hagrid war hinter seiner Hütte hervorgekommen, in einer großen geblümten Schürze und mit einem Sack Kartoffeln in der Hand. Sein riesiger Saurüde Fang folgte ihm auf den Fersen; Fang ließ ein freudiges Bellen hören und stürmte vorwärts.
»Weg da von dem! Der beißt euch noch die Finger – oh. Ihr seid das.«
Fang sprang an Hermine und Ron hoch und versuchte, ihnen die Ohren abzuschlecken. Hagrid stand kurz da und blickte sie alle an, dann drehte er sich um, marschierte in seine Hütte und schlug die Tür hinter sich zu.
»Ach je!«, sagte Hermine mit verzweifeltem Blick.
»Mach dir deswegen keine Sorgen«, sagte Harry grimmig. Er ging hinüber zur Tür und klopfte laut.
»Hagrid! Mach auf, wir wollen mit dir reden!«
Von drinnen kam kein Laut.
»Wenn du die Tür nicht aufmachst, sprengen wir sie auf!«, rief Harry, während er seinen Zauberstab zog.
»Harry!«, sagte Hermine und klang schockiert. »Du kannst doch unmöglich – «
»Ich kann sehr wohl!«, erwiderte Harry. »Geht zurück – «
Aber noch ehe er irgendetwas anderes sagen konnte, flog die Tür wieder auf, wie Harry geahnt hatte, und da stand Hagrid, blickte finster auf ihn hinunter und machte trotz seines geblümten Schürzchens einen ausgesprochen beunruhigenden Eindruck.
»Ich bin ein Lehrer!«, brüllte er Harry an. »Ein Lehrer, Potter! Wie kannst du's wagen, meine Tür aufzubrech'n!«
»Tut mir Leid, Sir«, sagte Harry mit Betonung auf dem letzten Wort und steckte seinen Zauberstab in den Umhang.
Hagrid blickte verdutzt.
»Seit wann nenns' du mich ›Sir‹?«
»Seit wann nennst du mich ›Potter‹?«
»Oh, sehr schlau«, knurrte Hagrid. »Sehr witzig. Da haste mich aber ausgetrickst, was? Na gut, dann kommt halt rein, ihr undankbaren kleinen …«
Düster vor sich hin murmelnd, trat er beiseite und ließ sie vorbei. Hermine, die recht ängstlich aussah, huschte nach Harry hinein.
»Nu?«, sagte Hagrid grantig, als Harry, Ron und Hermine sich um seinen riesigen Holztisch setzten, Fang seinen Kopf sofort auf Harrys Knie legte und seinen ganzen Umhang voll sabberte. »Was soll das? Schlechtes Gewissen weg'n mir? Denkt wohl, ich wär einsam oder was?«
»Nein«, erwiderte Harry schnell. »Wir wollten dich sehen.«
»Wir haben dich vermisst!«, sagte Hermine mit bebender Stimme.
»Mich vermisst, ach so?«, schnaubte Hagrid. »Ja. Klar.«
Er drehte sich stampfend um und kochte Tee in seinem gewaltigen Kupferkessel, unaufhörlich vor sich hin murrend. Schließlich knallte er drei eimergroße Becher mahagonibraunen Tee und einen Teller mit seinen Felsenkeksen vor sie hin. Harry war so hungrig, dass er sogar Hagrids Backkünste nicht verschmähte, und nahm sich rasch einen.
»Hagrid«, sagte Hermine zaghaft, als er sich zu ihnen an den Tisch setzte und anfing, seine Kartoffeln so brutal zu schälen, dass man meinen konnte, jede Knolle hätte ihm ein großes persönliches Unrecht angetan. »Wir wollten wirklich mit Pflege magischer Geschöpfe weitermachen, weißt du?«
Hagrid schnaubte noch einmal heftig. Harry meinte zu sehen, wie ein paar Popel auf den Kartoffeln landeten, und war insgeheim dankbar, dass sie nicht zum Abendessen blieben.
»Ja, wollten wir!«, sagte Hermine. »Aber keiner von uns hat es mehr in seinem Stundenplan untergekriegt!«
»Ja. Klar«, sagte Hagrid noch einmal.
Ein komisches Glucksen ertönte und alle blickten sich um: Hermine stieß einen spitzen Schrei aus, und Ron sprang von seinem Stuhl auf und rannte um den Tisch, weit weg von dem großen Fass in der Ecke, das sie eben erst bemerkt hatten. Es war gefüllt mit etwas, das aussah wie dreißig Zentimeter lange Maden; glitschig, weiß und wuselig.
»Was ist das, Hagrid?«, fragte Harry und versuchte dabei, interessiert zu klingen und nicht angewidert, legte aber trotzdem seinen Felsenkeks beiseite.
»Nur Riesenraupen«, sagte Hagrid.
»Und aus denen werden mal …?«, sagte Ron mit besorgter Miene.
»Gar nix wird aus denen mal«, erwiderte Hagrid. »Ich hab die nur als Futter für Aragog.«
Und urplötzlich brach er in Tränen aus.
»Hagrid!«, rief Hermine, sprang auf, rannte den längeren Weg um den Tisch herum, um nicht an dem Raupenfass vorbeizukommen, und legte ihm den Arm um die schlotternden Schultern. »Was ist denn?«
»Es is' … wegen ihm …«, schluchzte Hagrid mit tränenden, käferschwarzen Augen und wischte sich mit seiner Schürze das Gesicht ab. »Es is' … Aragog … ich glaub, er stirbt … Er is' im Sommer krank geworden und's wird nich besser mit ihm … Ich weiß nich, was ich tun soll, wenn er … wenn er … wir sin' so lang zusammen gewesen …«
Hermine tätschelte Hagrids Schulter, offenbar vollkommen ratlos, was sie dazu sagen sollte. Harry wusste, was in ihr vorging. Er hatte miterlebt, wie Hagrid einem bösartigen Drachenbaby einen Teddybären geschenkt hatte, wie er Riesenskorpione mit Saugnäpfen und Stacheln angeschmachtet hatte und wie er versucht hatte, mit seinem Halbbruder, einem brutalen Riesen, vernünftig zu reden, aber das war vielleicht die unverständlichste seiner ganzen Monsterliebhabereien: die gigantische sprechende Spinne Aragog, die tief im Verbotenen Wald hauste und der er und Ron vier Jahre zuvor nur knapp entronnen waren.
»Können wir – können wir irgendwas tun?«, fragte Hermine, sie ignorierte Ron, der hektisch Grimassen schnitt und den Kopf schüttelte.
»Ich glaub nich, Hermine«, würgte Hagrid hervor und versuchte, gegen den Tränenstrom anzukämpfen. »Weißt du, der Rest vom Stamm … die Familie von Aragog … die werden 'n bisschen komisch, jetzt wo er krank is' … bisschen zapplig …«
»Ja, ich glaub, von der Seite haben wir sie schon ein bisschen kennen gelernt«, sagte Ron halblaut.
»… ich glaub, es wär im Moment nich sicher, wenn jemand außer mir in die Nähe von der Kolonie geht«, schloss Hagrid, schnäuzte sich heftig in seine Schürze und blickte auf. »Aber danke fürs Angebot, Hermine … weiß ich zu schätzen …«
Danach wurde die Stimmung erheblich lockerer, denn obwohl weder Harry noch Ron irgendein Interesse gezeigt hatten, zu einer mörderischen, monströsen Spinne zu gehen und sie mit Riesenraupen zu füttern, schien es für Hagrid selbstverständlich, dass sie das gerne getan hätten, und er wurde wieder ganz der Alte.
»Ah, ich hab immer gewusst, 's wird schwierig für euch, mich in euern Stundenplan zu quetschen«, sagte er brummig und schenkte ihnen Tee nach. »Selbst wenn ihr Zeitumkehrer beantragt hättet – «
»Das wär nicht gegangen«, sagte Hermine. »Wir haben den ganzen Ministeriumsbestand an Zeitumkehrern demoliert, als wir im Sommer dort waren. Es stand im Tagespropheten.«
»Ah, na denn«, sagte Hagrid, »hättet ihr's gar nich machen können … 'tschuldigung, dass ich – ihr wisst schon – hab mir nur Sorgen gemacht wegen Aragog … und ich hab mich gefragt, ob ihr, wenn Professor Raue-Pritsche euch unterrichtet hätt' – «
Worauf alle drei entschieden und wahrheitswidrig verkündeten, dass Professor Raue-Pritsche, die Hagrid einige Male vertreten hatte, eine schreckliche Lehrerin sei, mit der Folge, dass Hagrid, als er sie bei Einbruch der Dämmerung winkend aus der Hütte verabschiedete, ziemlich vergnügt aussah.
»Ich verhungere gleich«, sagte Harry, sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte und sie über das dunkle und verlassene Gelände eilten; er hatte den Felsenkeks nach einem Unheil verkündenden Knacken eines seiner Backenzähne weggelegt. »Und ich hab heute Abend dieses Nachsitzen bei Snape, also nicht viel Zeit zum Abendessen …«
Als sie ins Schloss kamen, sahen sie, wie Cormac McLaggen die Große Halle betrat. Er brauchte zwei Anläufe, um durch die Tür zu gelangen; beim ersten Versuch prallte er gegen den Türrahmen. Ron lachte nur schadenfroh und stolzierte nach ihm in die Halle, aber Harry packte Hermine am Arm und hielt sie zurück.
»Was ist?«, sagte Hermine abwehrend.
»Wenn du mich fragst«, sagte Harry leise, »dann sieht McLaggen tatsächlich so aus, als hätte ihn jemand mit einem Verwechslungszauber belegt. Und er stand genau vor dem Platz, auf dem du gesessen hast.«
Hermine errötete.
»Okay, na schön, ich hab's getan«, flüsterte sie. »Aber du hättest hören sollen, wie der über Ron und Ginny hergezogen ist! Jedenfalls hat er eine fiese Art, du hast ja gesehen, wie er reagiert hat, als er nicht aufgenommen wurde – so einen hättest du doch nicht in der Mannschaft haben wollen.«
»Nein«, sagte Harry. »Nein, da hast du wohl Recht. Aber war das nicht unfair, Hermine? Ich meine, du bist doch Vertrauensschülerin, oder?«
»Ach, hör doch auf«, fauchte sie, als er grinste.
»Was macht ihr zwei denn da?«, wollte Ron wissen, der wieder im Eingang zur Großen Halle auftauchte und sie argwöhnisch anblickte.
»Nichts«, sagten Harry und Hermine gleichzeitig und eilten ihm hinterher. Beim Roastbeefgeruch tat Harrys Magen weh vor lauter Hunger, doch kaum waren sie drei Schritte auf den Gryffindor-Tisch zugegangen, da tauchte Professor Slughorn vor ihnen auf und versperrte ihnen den Weg.
»Harry, Harry, genau der Mann, auf den ich gewartet habe!«, dröhnte er leutselig, zwirbelte die Spitzen seines Walrossbarts und blähte seinen gewaltigen Wanst. »Ich hatte gehofft, Sie noch vor dem Essen zu erwischen! Wie wäre es stattdessen mit einem Imbiss heute Abend in meinen Räumen? Wir geben eine kleine Party, nur ein paar von den künftigen Stars. McLaggen wird kommen, und Zabini, die reizende Melinda Bobbin – ich weiß nicht, ob Sie die kennen. Ihre Familie besitzt eine große Apothekenkette – und natürlich hoffe ich sehr, dass auch Miss Granger mich mit ihrer Anwesenheit beehren wird.«
Bei diesen Worten machte Slughorn eine kleine Verbeugung vor Hermine. Es war, als ob Ron Luft wäre; Slughorn sah ihn kein einziges Mal an.
»Ich kann nicht kommen, Professor«, sagte Harry sofort. »Ich hab Nachsitzen bei Professor Snape.«
»Oje!«, sagte Slughorn mit komisch wirkender Trauermiene. »Oje, oje, ich hatte mit Ihnen gerechnet, Harry! Nun ja, ich werde einfach ein Wörtchen mit Severus reden und ihm die Sache erklären müssen, sicher kann ich ihn davon überzeugen, Ihr Nachsitzen zu verschieben. Ja, ich sehe Sie beide später!«
Er hastete geschäftig aus der Halle hinaus.
»Der hat keine Chance, Snape zu überreden«, sagte Harry, sobald Slughorn außer Hörweite war. »Dieses Nachsitzen wurde schon einmal verschoben; Snape hat es für Dumbledore getan, aber er wird es für niemand sonst tun.«
»Oh, mir wär's lieber, wenn du mitkommen könntest, ich will nicht allein dahin!«, sagte Hermine besorgt; Harry wusste, dass sie an McLaggen dachte.
»Du wirst bestimmt nicht allein sein, Ginny wird wahrscheinlich auch eingeladen«, fauchte Ron, der es offenbar gar nicht gut aufnahm, dass Slughorn ihn wie Luft behandelt hatte.
Nach dem Abendessen gingen sie zurück in den Gryffindor-Turm. Der Gemeinschaftsraum war voller Leute, da die meisten inzwischen mit dem Essen fertig waren, doch es gelang ihnen, einen freien Tisch zu finden, und sie setzten sich. Ron, der seit der Begegnung mit Slughorn schlechter Laune war, verschränkte die Arme und starrte finster zur Decke. Hermine langte nach einer Ausgabe des Abendpropheten, die jemand auf einem Stuhl liegen gelassen hatte.
»Irgendwas Neues?«, sagte Harry.
»Eigentlich nicht …« Hermine hatte die Zeitung aufgeschlagen und überflog die Seiten im Innenteil. »Oh, sieh mal, Ron, da ist dein Dad – alles in Ordnung mit ihm!«, fügte sie rasch hinzu, denn Ron hatte sich erschrocken umgedreht. »Es heißt hier nur, dass er dem Haus der Malfoys einen Besuch abstatten musste. ›Diese zweite Hausdurchsuchung bei dem Todesser verlief offenbar ergebnislos. Arthur Weasley vom Büro zur Ermittlung und Beschlagnahme Gefälschter Verteidigungszauber und Schutzgegenstände erklärte, sein Team habe auf einen vertraulichen Hinweis hin gehandelt.‹«
»Ja, auf meinen!«, sagte Harry. »Ich hab ihm in King's Cross von Malfoy und dem Ding erzählt, das Borgin für ihn reparieren soll! Also, wenn es nicht in ihrem Haus ist, dann muss er es, was immer es ist, mit nach Hogwarts gebracht haben – «
»Aber wie kann er das geschafft haben, Harry?«, erwiderte Hermine und legte die Zeitung mit einem überraschten Blick beiseite.
»Wir wurden alle durchsucht, als wir ankamen, oder?«
»Wurdet ihr?«, sagte Harry verblüfft. »Ich nicht!«
»O nein, natürlich nicht, ich hab ganz vergessen, dass du zu spät kamst … Also, Filch hat uns alle mit Geheimnis-Detektoren abgesucht, als wir in die Eingangshalle kamen. Da wäre jedes schwarzmagische Objekt gefunden worden, ich weiß ganz sicher, dass bei Crabbe ein Schrumpfkopf beschlagnahmt wurde. Du siehst also, Malfoy kann nichts Gefährliches reingebracht haben!«
Harry gab sich vorübergehend geschlagen und sah eine Weile zu, wie Ginny Weasley mit Arnold dem Minimuff spielte, bis ihm einfiel, wie er diesen Einwand entkräften konnte.
»Dann hat es ihm jemand per Eule geschickt«, sagte er. »Seine Mutter oder sonst wer.«
»Die Eulen werden auch alle überprüft«, erwiderte Hermine. »Das hat uns Filch gesagt, als er diese Geheimnis-Detektoren überall hingesteckt hat, wo er hinkam.«
Diesmal war Harry wirklich mit seiner Weisheit am Ende, ihm fiel nichts weiter zu sagen ein. Offenbar gab es keinen Weg, wie Malfoy ein gefährliches oder schwarzmagisches Objekt in die Schule hätte bringen können. Harry blickte hoffnungsvoll zu Ron, der mit verschränkten Armen dasaß und zu Lavender Brown hinüberstarrte.
»Kannst du dir vorstellen, wie Malfoy –?«
»Ach, hör schon auf damit, Harry«, sagte Ron.
»Hör mal, es ist nicht meine Schuld, dass Slughorn Hermine und mich zu seiner blöden Party eingeladen hat, wir wollten beide nicht hin, klar?«, sagte Harry wütend.
»Also, da ich nicht zu irgendwelchen Partys eingeladen bin«, sagte Ron und stand wieder auf, »geh ich jetzt am besten ins Bett.«
Er stampfte zur Tür, die zu den Jungenschlafsälen führte, und ließ Harry und Hermine zurück, die ihm nachstarrten.
»Harry?«, sagte die neue Jägerin, Demelza Robins, die plötzlich an seiner Seite auftauchte. »Ich hab eine Nachricht für dich.«
»Von Professor Slughorn?«, fragte Harry und setzte sich hoffnungsvoll auf.
»Nein … von Professor Snape«, sagte Demelza. Harry wurde schwer ums Herz. »Er meint, du sollst heute Abend um halb neun in sein Büro kommen zum Nachsitzen – ähm – egal, zu wie vielen Partys du eingeladen bist. Und ich soll dir ausrichten, dass du verfaulte Flubberwürmer aussortieren wirst, als Zutat für Zaubertränke, und – und er sagt, dass du keine Schutzhandschuhe mitzubringen brauchst.«
»Okay«, sagte Harry grimmig. »Vielen Dank, Demelza.«