123303.fb2 Harry Potter und der Halbblutprinz - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 12

Harry Potter und der Halbblutprinz - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 12

Silber und Opale

Wo war Dumbledore, und was machte er? Während der nächsten Wochen bekam Harry den Schulleiter nur zwei Mal zu Gesicht. Er erschien kaum noch zu den Mahlzeiten, und Harry gab Hermine völlig Recht, die glaubte, Dumbledore würde die Schule ganze Tage lang verlassen. Hatte Dumbledore vergessen, dass er Harry eigentlich unterrichten wollte? Er hatte behauptet, dieser Unterricht würde zu etwas hinführen, das mit der Prophezeiung zu tun habe; Harry hatte sich gestärkt und ermutigt gefühlt, und nun fühlte er sich ein wenig im Stich gelassen.

Mitte Oktober war es Zeit für ihren ersten Schuljahresausflug nach Hogsmeade. Harry hatte sich angesichts der immer schärferen Sicherheitsmaßnahmen rund um die Schule gefragt, ob diese Ausflüge noch erlaubt sein würden, doch nun freute er sich, als er hörte, dass sie stattfinden würden; es tat immer gut, für ein paar Stunden aus dem Schloss herauszukommen.

Harry erwachte früh am Morgen des Ausflugs, es war stürmisch draußen. Er vertrieb sich die Zeit bis zum Frühstück, indem er in seinem Exemplar von Zaubertränke für Fortgeschrittene las. Normalerweise las er im Bett keine Schulbücher, denn wie Ron ganz richtig gesagt hatte, war das peinlich für jeden, außer für Hermine, die in der Hinsicht einfach komisch war. Harry hatte aber das Gefühl, dass das Zaubertrankbuch des Halbblutprinzen kaum als Schulbuch gelten konnte. Je mehr er sich in die Lektüre vertiefte, desto deutlicher wurde ihm, wie viel in dem Buch steckte, nicht nur die praktischen Tipps und Tricks für Zaubertränke, die ihm einen so glänzenden Ruf bei Slughorn einbrachten, sondern auch die phantasievollen kleinen Zaubereien und Hexereien, die an die Ränder gekritzelt waren und die der Prinz sicher selbst erfunden hatte, wie Harry aus den durchgestrichenen und überarbeiteten Stellen schloss.

Harry hatte bereits einige von den selbst erfundenen Zaubern des Prinzen ausprobiert. Da gab es eine Verwünschung, die Zehennägel alarmierend schnell wachsen ließ (er hatte sie im Korridor an Crabbe getestet, mit sehr unterhaltsamen Ergebnissen); einen Fluch, der die Zunge an den Gaumen klebte (den er zweimal unter allgemeinem Beifall bei dem ahnungslosen Argus Filch eingesetzt hatte); und den vielleicht nützlichsten von allen, den Muffliato, einen Zauber, der die Ohren von jedem in der Nähe mit einem undefinierbaren Brummen erfüllte, so dass man sich im Unterricht ausgiebig unterhalten konnte, ohne dass jemand etwas mitbekam. Der einzige Mensch, der diese Zauber nicht witzig fand, war Hermine, die permanent eine strenge, missbilligende Miene machte und überhaupt kein Wort mehr reden wollte, wenn Harry den Muffliato gegen irgendjemanden in ihrer Nähe verwendet hatte.

Harry setzte sich im Bett auf und drehte das Buch seitlich, um sich die gekritzelten Anweisungen für einen Zauber näher anzuschauen, der dem Prinzen offenbar einige Schwierigkeiten bereitet hatte. Vieles war durchgestrichen und geändert worden, aber am Ende stand eng in eine Ecke gekritzelt:

Levicorpus (unges.)

Während Wind und Schneeregen unaufhörlich gegen die Fenster schlugen und Neville laut schnarchte, starrte Harry die Buchstaben in Klammern an. Unges… das musste ungesagt bedeuten. Harry hatte einige Zweifel, ob er gerade diesen Zauber schaffen würde; er hatte noch immer Schwierigkeiten mit ungesagten Zaubern, und Snape hatte in jeder VgdK-Stunde flugs eine Bemerkung dazu gemacht. Andererseits hatte er vom Prinzen bislang viel mehr gelernt als von Snape.

Harry richtete seinen Zauberstab irgendwohin, ließ ihn kurz nach oben schnippen und dachte Levicorpus!

»Aaaaaaaargh!«

Ein Lichtblitz leuchtete auf und der Raum war erfüllt von Stimmen: Alle waren aufgewacht, weil Ron einen lauten Schrei ausgestoßen hatte. Harry schleuderte Zaubertränke für Fortgeschrittene panisch beiseite; Ron baumelte kopfüber in der Luft, als ob ihn ein unsichtbarer Haken an den Fußgelenken hochgezogen hätte.

»'tschuldigung!«, schrie Harry, während Dean und Seamus vor Lachen brüllten und Neville, der aus dem Bett gefallen war, sich vom Boden aufrappelte. »Wart mal – ich lass dich runter – «

Er tastete nach dem Zaubertrankbuch und blätterte es auf der Suche nach der richtigen Seite hektisch durch; endlich fand er sie und entzifferte ein Wort, das in gedrängter Schrift unter der Zauberformel stand: Harry flehte insgeheim, dass es der Gegenfluch sein möge, und dachte mit aller Kraft Liberacorpus!

Wieder leuchtete ein Lichtblitz auf und Ron plumpste auf seine Matratze.

»'tschuldigung«, wiederholte Harry matt, während Dean und Seamus immer noch vor Lachen brüllten.

»Morgen«, sagte Ron mit gedämpfter Stimme, »stell bitte lieber den Wecker.«

Als sie angezogen waren, dick eingemummelt in mehrere von Mrs Weasleys handgestrickten Pullovern und ausstaffiert mit Winterumhängen, Schals und Handschuhen, hatte Rons Schock sich gelegt, und Ron war zu dem Schluss gekommen, dass Harrys neuer Zauber unglaublich komisch sei; so komisch sogar, dass er die Geschichte ohne Umschweife Hermine zum Besten gab, sobald sie sich zum Frühstück setzten.

»… und dann blitzte es noch einmal und ich bin wieder auf dem Bett gelandet!« Ron grinste und tat sich Würstchen auf.

Hermine hatte während der ganzen Geschichte nicht ein einziges Mal gelächelt und wandte sich nun mit einem Ausdruck frostiger Missbilligung an Harry.

»War dieser Zauber ganz zufällig auch aus diesem Zaubertrankbuch von dir?«, fragte sie.

Harry sah sie stirnrunzelnd an.

»Du musst immer alles runtermachen, was?«

»War er aus dem Buch?«

»Nun … ja, schon, na und?«

»Du hast also beschlossen, eine unbekannte, handgeschriebene Zauberformel auszuprobieren und einfach mal zu sehen, was passiert?«

»Warum ist das wichtig, ob sie handgeschrieben ist?«, sagte Harry, den Rest der Frage beantwortete er lieber nicht.

»Weil sie wahrscheinlich nicht vom Zaubereiministerium genehmigt ist«, sagte Hermine. »Und außerdem«, fügte sie hinzu, als Harry und Ron die Augen verdrehten, »weil ich allmählich glaube, dass dieser komische Prinz ein bisschen zwielichtig war.«

Harry und Ron schrien sie sofort nieder.

»Das war doch nur ein Jux!«, sagte Ron und stülpte eine Ketchupflasche über seine Würstchen. »Nur ein Jux, Hermine, nichts weiter!«

»Jemand kopfüber in der Luft baumeln lassen?«, sagte Hermine. »Wer verwendet Zeit und Energie darauf, solche Zauber zu erfinden?«

»Fred und George«, sagte Ron achselzuckend, »das ist genau ihr Ding. Und, ähm – «

»Mein Dad«, sagte Harry. Es war ihm gerade wieder eingefallen.

»Was?«, kam es von Ron und Hermine gleichzeitig.

»Mein Dad hat diesen Zauber verwendet«, sagte Harry. »Ich – Lupin hat es mir gesagt.«

Der letzte Teil stimmte nicht; in Wirklichkeit hatte Harry gesehen, wie sein Vater den Zauber gegen Snape anwandte, doch er hatte Ron und Hermine nie von diesem merkwürdigen Ausflug ins Denkarium erzählt. Nun jedoch kam ihm eine wunderbare Möglichkeit in den Sinn. War der Halbblutprinz womöglich –?

»Dein Dad mag ihn vielleicht verwendet haben, Harry«, sagte Hermine, »aber nicht als Einziger. Wir haben eine ganze Menge Leute gesehen, die ihn eingesetzt haben, falls du das vergessen hast. Leute in der Luft baumeln lassen. Sie schweben lassen, im Schlaf, hilflos.«

Harry starrte sie an. Mit einem flauen Gefühl im Magen erinnerte nun auch er sich daran, wie sich die Todesser bei den Quidditch-Weltmeisterschaften verhalten hatten. Ron kam ihm zu Hilfe.

»Das war was anderes«, sagte er unverwüstlich. »Die haben ihn missbraucht. Harry und sein Dad haben nur einen Jux gemacht. Du magst den Prinzen nicht, Hermine«, fügte er hinzu und deutete streng mit einem Würstchen auf sie, »weil er in Zaubertränke besser ist als du – «

»Das hat damit nichts zu tun!«, erwiderte Hermine, und ihre Wangen röteten sich. »Ich finde nur, dass es sehr verantwortungslos ist, einfach irgendwelche Zauber auszuprobieren, wenn man nicht einmal weiß, wofür sie gedacht sind, und hör endlich auf, vom ›Prinzen‹ zu reden, als wär das sein Titel, ich wette, das ist nur ein bescheuerter Spitzname, und ich hab nicht den Eindruck, als wär er ein besonders netter Mensch gewesen!«

»Ich versteh nicht, wie du darauf kommst«, sagte Harry hitzig. »Wenn er ein angehender Todesser gewesen wäre, dann hätte er wohl nicht damit geprahlt, ein ›Halbblut‹ zu sein, oder?«

Während Harry das sagte, fiel ihm ein, dass sein Vater reinblütig gewesen war, aber er schob den Gedanken beiseite; damit würde er sich später beschäftigen …

»Die Todesser können nicht alle reinblütig sein, es gibt nicht mehr genügend reinblütige Zauberer«, sagte Hermine hartnäckig. »Ich schätze, die meisten von ihnen sind Halbblüter, die so tun, als wären sie Reinblüter. Die hassen nur Muggelstämmige, dich und Ron würden sie mit offenen Armen aufnehmen.«

»Die würden mich nie im Leben als Todesser nehmen!«, sagte Ron aufgebracht; ein Stück Wurst flog ihm von der Gabel, mit der er jetzt vor Hermine herumfuchtelte, und traf Ernie Macmillan am Kopf. »Meine ganze Familie besteht aus Blutsverrätern! Das ist für Todesser genauso schlimm wie Muggelstämmige!«

»Und mich hätten sie liebend gern!«, sagte Harry sarkastisch. »Wir wären die besten Kumpel, wenn sie mich nicht dauernd erledigen wollten.«

Darüber musste Ron lachen; selbst Hermine ließ sich zu einem widerwilligen Lächeln herab, und dann kam Ablenkung in Gestalt von Ginny.

»Hey, Harry, ich soll dir das hier geben.«

Es war eine Pergamentrolle, auf der in einer vertrauten feinen, schrägen Handschrift Harrys Name stand.

»Danke, Ginny … das ist Dumbledores nächste Stunde!«, erklärte Harry Ron und Hermine, zog das Pergament auseinander und las es rasch durch. »Montagabend!« Mit einem Mal war ihm leicht und froh zumute. »Wollen wir uns in Hogsmeade treffen, Ginny?«, fragte er.

»Ich bin mit Dean dort – vielleicht sehen wir uns ja«, antwortete sie und winkte ihnen, als sie ging.

Filch stand wie üblich am eichenen Schlossportal und hakte die Namen der Schüler ab, die die Erlaubnis hatten, nach Hogsmeade zu gehen. Die ganze Prozedur dauerte noch länger als sonst, da Filch jeden einzelnen mit seinem Geheimnis-Detektor dreimal überprüfte.

»Was spielt das für 'ne Rolle, wenn wir schwarzmagisches Zeug aus Hogwarts RAUSschmuggeln?«, fragte Ron und beäugte den langen dünnen Geheimnis-Detektor argwöhnisch. »Sie sollten doch eigentlich kontrollieren, was wir wieder hier REINbringen?«

Seine freche Bemerkung brachte ihm ein paar Extrastiche mit dem Detektor ein, und als sie in den Wind und den Schneeregen hinaustraten, zuckte er immer noch.

Es war kein schöner Spaziergang nach Hogsmeade. Harry wickelte sich den Schal über den Mund; der dem Wetter ausgesetzte Teil des Gesichts fühlte sich bald wund und taub an. Die Straße zum Dorf war voller Schüler, die sich gegen den bitterkalten Wind krümmten. Mehr als einmal fragte sich Harry, ob es ihnen im warmen Gemeinschaftsraum nicht besser ergangen wäre, und als sie endlich in Hogsmeade ankamen und feststellten, dass Zonkos Scherzartikelladen mit Brettern zugenagelt worden war, sah sich Harry bestätigt, dass dieser Ausflug keinen Spaß machen würde. Ron deutete mit einer dick behandschuhten Hand auf den Honigtopf, der gnädigerweise geöffnet hatte, und Harry und Hermine wankten hinter ihm her in den überfüllten Laden.

»Gott sei Dank!«, sagte Ron zitternd, als die warme, nach Karamell duftende Luft sie umhüllte. »Am besten, wir bleiben den ganzen Nachmittag hier.«

»Harry, mein Junge!«, rief eine dröhnende Stimme hinter ihnen.

»O nein«, murmelte Harry. Die drei drehten sich um und sahen Professor Slughorn, der einen gewaltigen Pelzhut und einen Mantel mit dazu passendem Pelzkragen trug, einen großen Beutel kandierte Ananas in der Hand hielt und mindestens ein Viertel des Ladens einnahm.

»Harry, jetzt haben Sie schon drei meiner kleinen Abendessen verpasst!«, sagte Slughorn und pikte ihn leutselig in die Brust. »So geht das nicht, mein Junge. Sie entkommen mir nicht! Miss Granger liebt diese Abende, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Hermine hilflos, »die sind wirklich – «

»Also, warum kommen Sie nicht vorbei, Harry?«, fragte Slughorn.

»Nun ja, ich hatte Quidditch-Training, Professor«, sagte Harry, der tatsächlich immer ein Training angesetzt hatte, wenn Slughorn ihm eine kleine, mit violettem Band verzierte Einladung geschickt hatte. Diese Strategie führte dazu, dass Ron nicht außen vor blieb, und sie lachten dann meistens gemeinsam mit Ginny bei der Vorstellung, dass Hermine mit McLaggen und Zabini zusammenhocken musste.

»Nun, ich hoffe doch, dass Sie nach so viel fleißiger Arbeit Ihr erstes Spiel gewinnen werden!«, sagte Slughorn. »Aber ein wenig Erholung hat noch niemandem geschadet. Also, wie wär's mit Montagabend, Sie können doch unmöglich vorhaben, bei diesem Wetter zu trainieren …«

»Ich kann nicht, Professor, ich hab – ähm – an diesem Abend einen Termin bei Professor Dumbledore.«

»Wieder kein Glück!«, rief Slughorn theatralisch. »Ah, nun … Sie können mir nicht ewig ausweichen, Harry!«

Er winkte majestätisch und watschelte aus dem Laden, wobei er so wenig Notiz von Ron nahm, als wäre der eine Schachtel voller getrockneter Kakerlaken.

»Ich fass es nicht, du hast dich schon wieder drumrum gemogelt«, sagte Hermine kopfschüttelnd. »So übel ist es da gar nicht, weißt du … manchmal macht es richtig Spaß …« Doch dann fiel ihr Blick auf Rons Miene. »Oh, seht mal – die haben Zuckerfederkiele de Luxe – die sollen stundenlang halten!«

Froh darüber, dass Hermine das Thema gewechselt hatte, zeigte Harry viel mehr Interesse an den neuen, extragroßen Zuckerfederkielen, als er es sonst getan hätte, aber Ron wirkte nach wie vor verstimmt und zuckte nur die Achseln, als Hermine ihn fragte, wo er als Nächstes hinwolle.

»Gehen wir in die Drei Besen«, sagte Harry. »Da ist es sicher warm.«

Sie wickelten sich die Schals wieder über die Gesichter und verließen den Süßigkeitenladen. Nach der zuckrigen Wärme des Honigtopfs schlug ihnen der bitterkalte Wind messerscharf ins Gesicht. Auf der Straße war nicht viel los; niemand blieb stehen, um ein Schwätzchen zu halten, alle beeilten sich, an ihr Ziel zu kommen. Die Ausnahme waren zwei Männer, die nicht weit entfernt von ihnen direkt vor den Drei Besen standen. Der eine war sehr groß und dünn; Harry spähte mit zusammengekniffenen Augen durch seine regennasse Brille und erkannte den Wirt, der im anderen Pub von Hogsmeade, dem Eberkopf, arbeitete. Als Harry, Ron und Hermine näher kamen, zog der Wirt seinen Umhang enger um den Hals, ging davon und ließ den kleineren Mann zurück, der ungeschickt etwas in seinen Armen hielt. Sie waren kaum ein paar Meter von ihm entfernt, als Harry den Mann erkannte.

»Mundungus!«

Der untersetzte, säbelbeinige Mann mit dem langen, widerspenstigen rotbraunen Haar fuhr zusammen und ließ einen uralten Koffer fallen, der aufsprang und scheinbar den gesamten Schaufensterinhalt eines Trödelladens auf dem Boden verteilte.

»Oh, 'allo, 'Arry«, sagte Mundungus Fletcher in einem ganz und gar nicht überzeugenden Versuch, lässig zu wirken. »Also dann, ich will euch nicht aufhalten.«

Und er fing an auf dem Boden herumzukrabbeln, um die Sachen aus seinem Koffer wieder einzusammeln, wie jemand, der es eilig hat, zu verschwinden.

»Verkaufst du diesen Kram?«, fragte Harry, während er beobachtete, wie Mundungus diverse schmutzig aussehende Gegenstände auflas.

»Na ja, man muss sich irgendwie durchschlagen, nicht?«, sagte Mundungus. »Gib das her!«

Ron hatte sich gebückt und etwas Silbernes aufgehoben.

»Augenblick mal«, sagte er langsam. »Das kommt mir bekannt vor – «

»Danke!«, sagte Mundungus, riss Ron den Kelch aus der Hand und stopfte ihn zurück in seinen Koffer. »Also, wir sehen uns dann – AUTSCH!«

Harry hatte Mundungus an der Gurgel gepackt und gegen die Wand des Pubs gedrückt. Er hielt ihn mit der einen Hand fest und zog mit der anderen seinen Zauberstab.

»Harry!«, rief Hermine schrill.

»Das hast du aus Sirius' Haus geholt«, sagte Harry, der Mundungus fast Nase an Nase gegenüberstand. Ein unangenehmer Geruch nach altem Tabak und Hochprozentigem schlug ihm entgegen. »Da war das Familienwappen der Blacks drauf.«

»Ich – nein – was –?«, stotterte Mundungus und wurde ganz langsam puterrot.

»Was hast du gemacht, bist du in der Nacht, als er gestorben ist, in sein Haus zurückgegangen und hast es ausgeräumt?«, knurrte Harry wütend.

»Ich – nein – «

»Gib es mir!«

»Harry, das darfst du nicht!«, schrie Hermine, während Mundungus allmählich blau anlief.

Ein Knall ertönte und Harry spürte, wie seine Hände von Mundungus' Gurgel weggerissen wurden. Keuchend und prustend ergriff Mundungus seinen Koffer am Boden, und dann – KNALL – disapparierte er.

Harry fluchte aus Leibeskräften und drehte sich auf der Stelle, um zu sehen, wohin Mundungus verschwunden war.

»KOMM ZURÜCK, DU DIEBISCHER –!«

»Es hat keinen Sinn, Harry.«

Tonks war aus dem Nichts erschienen, das mausbraune Haar nass vom Schneeregen.

»Mundungus ist jetzt wahrscheinlich schon in London. Es hat keinen Sinn zu schreien.«

»Er hat Sirius' Sachen geklaut! Geklaut!«

»Ja, aber trotzdem«, sagte Tonks, die diese Mitteilung offenbar nicht im Geringsten erschütterte, »solltest du raus aus dieser Kälte.«

Sie sah ihnen durch die Tür der Drei Besen nach. Sobald er drinnen war, platzte Harry los: »Er hat Sirius' Sachen geklaut!«

»Ich weiß, Harry, aber hör bitte auf zu schreien, die Leute gucken schon«, flüsterte Hermine. »Setzt euch schon mal, ich hol euch was zu trinken.«

Als Hermine wenige Minuten später mit drei Flaschen Butterbier an ihren Tisch kam, war Harry immer noch wütend.

»Kann der Orden Mundungus nicht unter Kontrolle halten?«, drang er zornig flüsternd auf die anderen beiden ein. »Können die nicht wenigstens dafür sorgen, dass er nicht mehr alles mitgehen lässt, was nicht niet- und nagelfest ist, wenn er im Hauptquartier ist?«

»Schhh!«, machte Hermine verzweifelt und blickte sich um, ob auch ja niemand zuhörte; ganz in der Nähe saßen ein paar Zauberer, die Harry mit großem Interesse anstarrten, und Zabini lümmelte sich nicht weit entfernt gegen eine Säule. »Harry, ich würde mich auch ärgern, ich weiß, das sind deine Sachen, die er klaut – «

Harry verschluckte sich an seinem Butterbier; er hatte zwischendurch ganz vergessen, dass Grimmauldplatz Nummer zwölf ihm gehörte.

»Ja, das sind meine Sachen!«, sagte er. »Kein Wunder, dass er sich nicht gefreut hat, mich zu sehen! Also, ich werde Dumbledore erzählen, was los ist; er ist der Einzige, vor dem Mundungus Angst hat.«

»Gute Idee«, flüsterte Hermine, offensichtlich froh darüber, dass Harry sich beruhigte. »Ron, wo schaust du eigentlich die ganze Zeit hin?«

»Nirgends«, sagte Ron und wandte hastig den Blick vom Tresen, aber Harry wusste, dass er immer versuchte, die kurvenreiche und attraktive Wirtin, Madam Rosmerta, auf sich aufmerksam zu machen, für die er schon länger eine Schwäche hatte.

»Ich vermute mal, ›nirgends‹ ist im Hinterzimmer und holt gerade Feuerwhisky-Nachschub«, sagte Hermine giftig.

Ron ignorierte diese spöttische Bemerkung, nippte an seinem Butterbier und bewahrte, was er offenbar für ein erhabenes Schweigen hielt. Harry dachte an Sirius und dass er diese Silberkelche sowieso gehasst hatte. Hermine trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, ihre Augen flackerten zwischen Ron und der Bar hin und her.

Kaum hatte Harry die letzten Tropfen seiner Flasche geleert, sagte sie: »Wie wär's, wollen wir's packen und zurück in die Schule gehen?«

Die anderen beiden nickten; der Ausflug hatte keinen Spaß gemacht und das Wetter wurde mit der Zeit nur noch schlechter. Sie wickelten sich wieder fest in ihre Umhänge, legten ihre Schals um, zogen ihre Handschuhe an; dann gingen sie hinter Katie Bell und einer Freundin aus dem Pub und die Hauptstraße entlang zurück. Während sie durch den gefrorenen Schneematsch die Straße nach Hogwarts hinaufstapften, schweiften Harrys Gedanken zu Ginny. Sie hatten sie nicht getroffen, überlegte er, weil sie und Dean mit Sicherheit in Madam Puddifoots Café gemütlich beieinander hockten, diesem Schlupfwinkel für glückliche Pärchen. Mit finsterer Miene senkte er den Kopf gegen den wirbelnden Schnee und stapfte weiter.

Es dauerte eine Weile, bis Harry auffiel, dass die Stimmen von Katie Bell und ihrer Freundin, die der Wind ihm zutrug, schriller und lauter geworden waren. Harry spähte zu ihren verschwommenen Gestalten. Die beiden Mädchen stritten sich über etwas, das Katie in der Hand hielt.

»Das hat nichts mit dir zu tun, Leanne!«, hörte Harry Katie sagen.

Sie bogen um eine Kurve, dichter Schneeregen blies ihnen heftig entgegen und verschmierte Harrys Brille. Gerade als er sie mit dem Handschuh abwischen wollte, griff Leanne nach dem Päckchen in Katies Händen; Katie riss es wieder an sich und das Päckchen fiel zu Boden.

Und plötzlich stieg Katie in die Höhe, nicht so komisch wie Ron, an den Knöcheln aufgehängt, sondern anmutig und mit ausgestreckten Armen, als wollte sie fliegen. Aber irgendetwas stimmte nicht, irgendetwas war unheimlich … ein scharfer Wind peitschte ihr die Haare um den Kopf, doch ihre Augen waren geschlossen und ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Harry, Ron, Hermine und Leanne waren abrupt stehen geblieben und sahen zu.

Dann, zwei Meter über dem Boden, stieß Katie einen fürchterlichen Schrei aus. Sie riss die Augen auf, aber was immer sie sehen konnte oder was immer sie empfand, machte ihr offenbar schreckliche Angst. Sie schrie und schrie; auch Leanne fing an zu schreien, fasste Katie an den Fußgelenken und versuchte sie auf den Boden herunterzuziehen. Harry, Ron und Hermine stürmten vor, um zu helfen, doch gerade als sie Katies Beine gepackt hatten, stürzte sie auf sie herab; Harry und Ron gelang es, sie aufzufangen, doch sie wand sich so heftig, dass sie sie kaum halten konnten. Deshalb ließen sie Katie auf den Boden hinunter, wo sie um sich schlug und schrie, offenbar außerstande, irgendeinen von ihnen zu erkennen.

Harry blickte sich um; weit und breit war niemand zu sehen.

»Bleibt hier!«, rief er den anderen durch den heulenden Wind zu. »Ich hole Hilfe!«

Er spurtete los in Richtung Schule; er hatte noch nie jemanden sich so aufführen sehen wie Katie eben, und er hatte keine Ahnung, was die Ursache war; er sauste um eine Kurve und stieß mit etwas zusammen, das ein riesiger Bär auf den Hinterbeinen zu sein schien.

»Hagrid!«, keuchte er und befreite sich aus der Hecke, in die er gestürzt war.

»Harry!«, sagte Hagrid, in dessen Augenbrauen und Bart sich Graupel verfangen hatte und der seinen großen, schäbigen Biberpelzmantel trug. »War grad bei Grawp, der entwickelt sich so was von gut, das hätt'st du nich – «

»Hagrid, dort hinten ist jemand verletzt oder hat einen Fluch abbekommen oder irgendwas – «

»Wa'?«, sagte Hagrid und bückte sich tiefer, um durch den tosenden Wind zu hören, was Harry sagte.

»Jemand hat einen Fluch abgekriegt!«, brüllte Harry.

»'nen Fluch? Wer hat 'nen Fluch – doch nicht Ron? Hermine?«

»Nein, nicht die, es ist Katie Bell – hier lang …«

Zusammen rannten sie den Weg zurück. Sie brauchten nicht lange, bis sie die kleine Gruppe von Menschen um Katie fanden, die sich immer noch schreiend am Boden wälzte; Ron, Hermine und Leanne versuchten gemeinsam, sie zu beruhigen.

»Macht Platz!«, rief Hagrid. »Ich will sie mir anschauen!«

»Irgendwas ist mit ihr passiert!«, schluchzte Leanne. »Ich weiß nicht, was – «

Hagrid starrte Katie eine Sekunde lang an, dann bückte er sich, ohne ein Wort zu sagen, hob sie hoch in seine Arme und rannte mit ihr zum Schloss davon. Innerhalb von wenigen Sekunden waren Katies gellende Schreie verklungen und nur noch der brausende Wind war zu hören.

Hermine ging schnell zu Katies wimmernder Freundin und legte ihr den Arm um die Schulter.

»Du heißt Leanne, nicht wahr?«

Das Mädchen nickte.

»Ist das einfach ganz plötzlich passiert, oder –?«

»Es war, als das Päckchen aufriss«, schluchzte Leanne und deutete auf das inzwischen durchweichte Paket in Packpapier auf dem Boden, das aufgeplatzt war und aus dem ein grünlicher Schimmer hervordrang. Ron streckte die Hand aus und bückte sich, aber Harry ergriff seinen Arm und zog ihn weg.

»Fass das nicht an!«

Er kauerte sich nieder. Ein reich verziertes Opalhalsband war zu sehen, das aus dem Papier hervorblitzte.

»Das hab ich schon mal gesehen«, sagte Harry und starrte auf das Ding. »Es war vor einer Ewigkeit mal bei Borgin und Burkes ausgestellt. Auf dem Schild stand, dass es verflucht ist. Katie muss es berührt haben.« Er blickte zu Leanne hoch, die haltlos zu zittern begonnen hatte. »Wie hat Katie das bekommen?«

»Also, deswegen haben wir uns gestritten. Als sie in den Drei Besen vom Klo zurückkam, hielt sie es in der Hand und sagte, dass es eine Überraschung für jemanden in Hogwarts ist und dass sie es überbringen muss. Sie hat ganz komisch geguckt, als sie das gesagt hat … o nein, o nein, ich wette, sie hat den Imperius abgekriegt, und ich hab's nicht gemerkt!«

Leanne wurde von neuen Schluchzern geschüttelt. Hermine klopfte ihr sanft auf die Schulter.

»Sie hat nicht gesagt, wer es ihr gegeben hat, Leanne?«

»Nein … das wollte sie mir nicht erzählen … und ich hab gesagt, dass sie bescheuert ist und dass sie es nicht mit hoch in die Schule nehmen soll, aber sie wollte einfach nicht hören und … und dann hab ich versucht, es ihr wegzureißen … und – und – « Leanne heulte verzweifelt auf.

»Am besten, wir gehen rauf in die Schule«, sagte Hermine, den Arm immer noch um Leanne, »dort können wir erfahren, wie es ihr geht. Komm …«

Harry zögerte einen Moment, dann nahm er sich den Schal vom Gesicht, und ohne auf Rons Keuchen zu achten, wickelte er das Halsband vorsichtig darin ein und hob es auf.

»Wir müssen das Madam Pomfrey zeigen«, sagte er.

Während sie Hermine und Leanne den Weg hinauf folgten, dachte Harry fieberhaft nach. Sobald sie das Schlossgelände betreten hatten, konnte er seine Gedanken nicht mehr für sich behalten und legte los.

»Malfoy weiß von diesem Halsband. Es war vor vier Jahren bei Borgin und Burkes in einer Vitrine, und während ich mich vor ihm und seinem Dad versteckt hielt, hab ich mitbekommen, wie er es sich genau ansah. Das hat er sich gekauft an dem Tag, als wir ihm gefolgt sind! Er hat es nicht vergessen und ist deswegen zurück in den Laden gegangen!«

»Ich – ich weiß nicht, Harry«, sagte Ron zögernd. »Eine Menge Leute gehen zu Borgin und Burkes … und hat dieses Mädchen nicht gesagt, dass Katie es im Mädchenklo bekommen hat?«

»Sie sagte, sie ist damit vom Klo zurückgekommen, sie muss es nicht unbedingt dort bekommen haben – «

»McGonagall!«, sagte Ron warnend.

Harry blickte auf. Und tatsächlich, Professor McGonagall kam durch den wirbelnden Schnee die Steintreppe herunter auf sie zugeeilt.

»Hagrid sagt, Sie hätten alle vier gesehen, was Katie Bell zugestoßen ist – bitte, sofort nach oben in mein Büro! Was haben Sie da in der Hand, Potter?«

»Das Ding, das sie berührt hat«, sagte Harry.

»Um Himmels willen«, sagte Professor McGonagall und sah entsetzt aus, als sie Harry das Halsband abnahm. »Nein, nein, Filch, die sind in meiner Begleitung!«, fügte sie hastig hinzu, als Filch mit erhobenem Geheimnis-Detektor eifrig durch die Eingangshalle geschlurft kam. »Bringen Sie dieses Halsband sofort zu Professor Snape, aber berühren Sie es auf keinen Fall, lassen Sie es im Schal eingewickelt!«

Harry und die anderen folgten Professor McGonagall nach oben in ihr Büro. Die Fenster waren nass gespritzt vom Schneeregen und klapperten in ihren Rahmen, und trotz des Feuers, das im Kamin knisterte, war es kalt im Zimmer. Professor McGonagall schloss die Tür, rauschte um ihren Schreibtisch herum und wandte sich Harry, Ron, Hermine und der immer noch schluchzenden Leanne zu.

»Nun?«, sagte sie scharf. »Was ist passiert?«

Zögernd und mit vielen Unterbrechungen, in denen sie versuchte, gegen ihre Tränen anzukämpfen, schilderte Leanne Professor McGonagall, wie Katie in den Drei Besen aufs Klo gegangen und mit dem unbeschrifteten Päckchen in der Hand zurückgekommen war; Katie sei ihr ein wenig merkwürdig vorgekommen, und sie hätten sich darüber gestritten, ob es ratsam sei, sich bereit zu erklären, unbekannte Gegenstände zu überbringen, der Streit habe dann zu einem Gerangel um das Paket geführt, das schließlich aufgerissen sei. An dieser Stelle war Leanne so erschüttert, dass kein weiteres Wort mehr aus ihr herauszubringen war.

»Nun gut«, sagte Professor McGonagall, nicht unfreundlich, »gehen Sie bitte hinauf in den Krankenflügel, Leanne, und lassen Sie sich von Madam Pomfrey etwas zur Beruhigung geben.«

Als sie hinausgegangen war, wandte sich Professor McGonagall wieder an Harry, Ron und Hermine.

»Was ist geschehen, als Katie das Halsband anfasste?«

»Sie ist in die Luft gestiegen«, sagte Harry, ehe Ron oder Hermine den Mund aufmachen konnten. »Und dann fing sie an zu schreien und ist zusammengebrochen. Professor, kann ich bitte Professor Dumbledore sprechen?«

»Der Schulleiter ist bis Montag außer Haus, Potter«, sagte Professor McGonagall mit überraschter Miene.

»Außer Haus?«, wiederholte Harry aufgebracht.

»Ja, Potter, außer Haus!«, entgegnete Professor McGonagall scharf. »Aber was immer Sie in dieser fürchterlichen Angelegenheit zu sagen haben, können Sie sicher auch mir sagen!«

Harry zögerte einen kurzen Augenblick. Professor McGonagall war jemand, dem man sich nicht gern anvertraute; obwohl Dumbledore in vielerlei Hinsicht einschüchternder wirkte, war es bei ihm weniger wahrscheinlich, dass er eine Theorie verspottete, egal wie haarsträubend sie auch sein mochte. Hier ging es jedoch um Leben und Tod, und es war der falsche Zeitpunkt, sich darüber Sorgen zu machen, ob man womöglich ausgelacht wurde.

»Ich glaube, Draco Malfoy hat Katie das Halsband gegeben, Professor.«

Auf der einen Seite von Harry rieb sich Ron offensichtlich betreten die Nase; auf der anderen scharrte Hermine mit den Füßen, als würde sie liebend gerne ein wenig Abstand zwischen sich und Harry bringen.

»Das ist eine sehr schwer wiegende Anschuldigung, Potter«, sagte Professor McGonagall nach einer erschrockenen Pause. »Haben Sie irgendeinen Beweis dafür?«

»Nein«, sagte Harry, »aber …« Und er erzählte ihr, dass sie Malfoy zu Borgin und Burkes gefolgt waren, und schilderte das Gespräch zwischen ihm und Borgin, das sie mitgehört hatten.

Als sein Bericht zu Ende war, wirkte Professor McGonagall leicht verwirrt.

»Malfoy hat etwas zum Reparieren zu Borgin und Burkes gebracht?«

»Nein, Professor, er wollte nur, dass Borgin ihm sagt, wie man etwas in Ordnung bringt, das er nicht bei sich hatte. Aber darum geht es nicht, der Punkt ist, dass er bei dieser Gelegenheit etwas gekauft hat, und ich glaube, es war dieses Halsband – «

»Sie haben Malfoy den Laden mit einem ähnlichen Päckchen verlassen sehen?«

»Nein, Professor, er hat Borgin gesagt, er soll es für ihn im Laden aufbewahren – «

»Aber, Harry«, unterbrach ihn Hermine, »Borgin hat ihn gefragt, ob er es nicht mitnehmen will, und Malfoy hat nein gesagt – «

»Weil er es nicht anfassen wollte, natürlich!«, fuhr Harry sie an.

»Er hat wörtlich gesagt: ›Wie würde das denn aussehen, wenn ich auf der Straße damit rumlaufen würde?‹«, erklärte Hermine.

»Also, mit einem Halsband würde er tatsächlich ein bisschen wie ein Armleuchter aussehen«, warf Ron ein.

»Oh, Ron«, sagte Hermine verzweifelnd, »es wäre doch verpackt gewesen, damit er es nicht hätte berühren müssen, und es wäre ganz leicht in einem Umhang zu verstecken gewesen, also hätte es niemand gesehen! Ich glaube, was auch immer er bei Borgin und Burkes für sich reserviert hat, war laut oder sperrig; etwas, das ganz sicher Aufmerksamkeit erregen würde, wenn er es die Straße entlangtragen würde – und, wie auch immer«, fuhr sie energisch fort, ehe Harry sie unterbrechen konnte, »ich habe Borgin nach dem Halsband gefragt, wisst ihr nicht mehr? Als ich reinging, um herauszufinden, was Malfoy bei ihm reserviert hatte, hab ich es dort gesehen. Und Borgin hat mir nur den Preis genannt, er hat nicht gesagt, dass es schon verkauft ist oder so was – «

»Na ja, du warst auch leicht zu durchschauen, er hatte nach fünf Sekunden schon begriffen, was du vorhattest, natürlich wollte er dir dann nicht sagen – jedenfalls hätte Malfoy es sich in der Zwischenzeit bringen lassen können – «

»Genug!«, sagte Professor McGonagall, als Hermine mit wütendem Blick den Mund aufmachte, um etwas zu erwidern. »Potter, ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir das erzählt haben, aber wir können Mr Malfoy nicht zum Sündenbock machen, nur weil er den Laden besucht hat, wo dieses Halsband möglicherweise gekauft wurde. Dasselbe trifft wahrscheinlich auf Hunderte von Personen zu …«

»… das hab ich doch gesagt …«, murmelte Ron.

»… und wir haben dieses Jahr sowieso strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen, ich glaube, dass dieses Halsband ohne unser Wissen unmöglich in diese Schule gelangt sein kann …«

»… aber …«

»… und außerdem«, sagte Professor McGonagall mit ganz entschiedener Miene, »war Mr Malfoy heute nicht in Hogsmeade.«

Harry starrte sie mit offenem Mund an und sank in sich zusammen.

»Woher wissen Sie das, Professor?«

»Weil er bei mir nachsitzen musste. Er hat inzwischen zwei Mal in Folge seine Hausaufgaben für Verwandlung nicht fertig gestellt. Also, danke, dass Sie mir Ihren Verdacht mitgeteilt haben, Potter«, sagte sie, während sie an ihnen vorbeimarschierte, »aber ich muss jetzt hoch in den Krankenflügel, um nach Katie Bell zu sehen. Einen guten Tag Ihnen allen.«

Sie hielt ihre Bürotür auf. Es blieb ihnen nichts übrig, als ohne ein weiteres Wort einer nach dem anderen an ihr vorbeizugehen.

Harry war zornig auf die beiden anderen, weil sie sich auf die Seite von McGonagall geschlagen hatten; trotzdem musste er einfach mitdiskutieren, als sie anfingen, über die ganze Geschichte zu reden.

»Also, was meinst du, wem sollte Katie das Halsband geben?«, fragte Ron, als sie die Treppe zum Gemeinschaftsraum hochstiegen.

»Weiß der Himmel«, sagte Hermine. »Aber wer auch immer es war, ist nur knapp davongekommen. Keiner hätte dieses Päckchen öffnen können, ohne das Halsband zu berühren.«

»Es hätte für eine Menge Leute bestimmt sein können«, sagte Harry. »Dumbledore – die Todesser würden ihn nur zu gern loswerden, er steht bestimmt ganz oben auf ihrer Abschussliste. Oder Slughorn – Dumbledore vermutet, dass Voldemort ihn eigentlich haben wollte, und es wird ihnen nicht gefallen, dass er sich mit Dumbledore verbündet hat. Oder – «

»Oder du«, sagte Hermine mit besorgtem Blick.

»Ich kann's nicht gewesen sein«, sagte Harry, »sonst hätte Katie sich doch einfach unterwegs umgedreht und es mir gegeben, stimmt's? Ich war den ganzen Weg von den Drei Besen an hinter ihr. Es wäre viel sinnvoller gewesen, das Päckchen außerhalb von Hogwarts zu übergeben, wo doch Filch jeden filzt, der rein- und rausgeht. Ich frage mich, warum Malfoy ihr gesagt hat, sie soll es ins Schloss mitnehmen.«

»Harry, Malfoy war nicht in Hogsmeade!«, erwiderte Hermine und stampfte tatsächlich genervt mit dem Fuß auf.

»Dann muss er einen Komplizen gehabt haben«, sagte Harry. »Crabbe oder Goyle – oder, wenn ich's mir recht überlege, einen anderen Todesser, er wird jede Menge bessere Spießgesellen haben als Crabbe und Goyle, jetzt, wo er bei denen mitmacht – «

Ron und Hermine tauschten Blicke, die unmissverständlich nur eines bedeuteten: »Es hat keinen Zweck, mit ihm zu streiten.«

»Krönungsmahl«, sagte Hermine nachdrücklich, als sie zur fetten Dame gelangten.

Das Porträt schwang auf und ließ sie in den Gemeinschaftsraum. Er war ziemlich voll und roch nach feuchter Kleidung; offenbar waren viele Schüler wegen des schlechten Wetters schon früh aus Hogsmeade zurückgekehrt. Doch kein ängstliches Stimmengewirr oder wilde Spekulationen waren zu hören: Die Nachricht von Katies Schicksal hatte sich offensichtlich noch nicht herumgesprochen.

»Das war wirklich kein besonders raffinierter Angriff, wenn man mal in Ruhe drüber nachdenkt«, sagte Ron und warf beiläufig einen Erstklässler aus einem der guten Sessel am Feuer, damit er sich setzen konnte. »Der Fluch hat es nicht mal ins Schloss reingeschafft. Nicht gerade das, was man narrensicher nennen würde.«

»Da hast du Recht«, sagte Hermine, stupste Ron mit dem Fuß aus dem Sessel und bot ihn wieder dem Erstklässler an. »Das war überhaupt nicht gründlich durchdacht.«

»Aber seit wann ist Malfoy einer der großen Denker der Welt?«, fragte Harry.

Weder Ron noch Hermine antworteten ihm.