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In der letzten Ferienwoche sann Harry häufig darüber nach, was Malfoys Verhalten in der Nokturngasse wohl zu bedeuten hatte. Am meisten beunruhigte ihn der zufriedene Ausdruck auf Malfoys Gesicht, als er den Laden verlassen hatte. Was immer Malfoy so froh aussehen ließ, es konnte nichts Gutes verheißen. Harry ärgerte sich allerdings ein wenig, dass Ron und Hermine nicht genauso neugierig waren wie er herauszufinden, was es mit Malfoys Machenschaften auf sich hatte; zumindest schien es sie nach einigen Tagen zu langweilen, darüber zu sprechen.
»Ja, ich glaub doch auch, dass da irgendwas faul war, Harry«, sagte Hermine leicht ungeduldig. Sie saß auf dem Fenstersims in Freds und Georges Zimmer, die Füße auf einem der Kartons, und sah nur widerwillig von ihrem neuen Exemplar Runenübersetzung für Fortgeschrittene auf. »Aber waren wir uns nicht einig, dass es eine Menge Erklärungen dafür geben könnte?«
»Vielleicht ist ihm seine Hand des Ruhmes kaputtgegangen«, sagte Ron vage, während er versuchte, die gekrümmten Zweige seines Besenschweifs gerade zu biegen. »Erinnert ihr euch noch an den Schrumpfarm, den Malfoy mal hatte?«
»Aber was meinte er, als er sagte: ›Vergessen Sie nicht, geben Sie das hier bloß nicht weg‹?«, fragte Harry zum x-ten Mal. »Für mich klang das so, als hätte Borgin noch einen anderen von den kaputten Gegenständen, und Malfoy wollte beide haben.«
»Glaubst du?«, sagte Ron und begann jetzt, ein wenig Schmutz von seinem Besenstiel zu kratzen.
»Ja, allerdings«, sagte Harry. Als weder Ron noch Hermine antworteten, fuhr er fort: »Malfoys Vater sitzt in Askaban. Meint ihr nicht, dass Malfoy sich gerne rächen würde?«
Ron sah blinzelnd auf.
»Malfoy und sich rächen? Wie will er das hinkriegen?«
»Das ist genau mein Punkt, ich weiß es nicht!«, sagte Harry frustriert. »Aber er hat irgendwas vor und ich glaube, wir sollten es ernst nehmen. Sein Vater ist ein Todesser und – «
Harry hielt inne und starrte mit offenem Mund auf das Fenster hinter Hermine. Ihm war eben ein erschreckender Gedanke gekommen.
»Harry«, sagte Hermine mit besorgter Stimme. »Ist irgendwas nicht in Ordnung?«
»Deine Narbe tut nicht wieder weh, oder?«, fragte Ron nervös.
»Er ist ein Todesser«, sagte Harry langsam. »Er hat den Platz seines Vaters als Todesser eingenommen!«
Stille trat ein, dann brach Ron in Gelächter aus.
»Malfoy? Er ist sechzehn, Harry! Du glaubst, Du-weißt-schon-wer würde Malfoy bei sich aufnehmen?«
»Das ist sehr unwahrscheinlich, Harry«, sagte Hermine in strengem Ton. »Warum denkst du –?«
»Bei Madam Malkin. Sie hat ihn nicht berührt, aber er hat geschrien und seinen Arm von ihr weggezogen, als sie seinen Ärmel hochrollen wollte. Es war sein linker Arm. Das Dunkle Mal ist darin eingebrannt.«
Ron und Hermine sahen sich an.
»Also …«, sagte Ron, er klang keineswegs überzeugt.
»Ich glaube, er wollte einfach da raus, Harry«, sagte Hermine.
»Er hat Borgin etwas gezeigt, das wir nicht sehen konnten«, drängte Harry hartnäckig weiter. »Etwas, das Borgin richtig Angst gemacht hat. Es war das Mal, ich weiß es – er zeigte Borgin, mit wem er es zu tun hatte, ihr habt doch gesehen, dass Borgin ihn sehr ernst nahm!«
Ron und Hermine tauschten wieder einen Blick.
»Ich bin nicht sicher, Harry …«
»Ja, ich glaub immer noch nicht, dass Du-weißt-schon-wer Malfoy bei sich aufnehmen würde …«
Ärgerlich, aber vollkommen überzeugt davon, dass er Recht hatte, schnappte sich Harry einen Haufen schmutziger Quidditch-Umhänge und verließ das Zimmer; Mrs Weasley hatte sie schon seit Tagen dringend gebeten, das Waschen und Packen nicht bis zum letzten Moment hinauszuschieben. Auf dem Treppenabsatz stieß er mit Ginny zusammen, die mit einem Stapel frisch gewaschener Wäsche auf dem Weg zurück in ihr Zimmer war.
»Ich würde jetzt nicht in die Küche gehen«, warnte sie ihn. »Da ist alles voll geschleimt.«
»Ich pass auf, dass ich nicht drauf ausrutsche.« Harry lächelte.
Und tatsächlich, als er in die Küche kam, sah er Fleur am Tisch sitzen und begeistert Pläne für ihre Hochzeit mit Bill schmieden, während Mrs Weasley, offenbar schlecht gelaunt, einen Berg sich selbst putzenden Rosenkohl überwachte.
»… Bill und isch 'aben uns schon fast entschieden, dass wir nur swei Brautjungfern wollen, Ginny und Gabrielle werden susammen sehr süß ausse'en. Isch denke, isch werde sie in Mattgold kleiden – Rosa wäre bei Ginnys 'aaren natürlisch fürschterlisch – «
»Ah, Harry!«, platzte Mrs Weasley laut in Fleurs Monolog hinein. »Schön, ich wollte dir die Sicherheitsvorkehrungen für die morgige Reise nach Hogwarts erklären. Wir haben wieder Wagen vom Ministerium, und Auroren erwarten uns am Bahnhof – «
»Wird Tonks auch dort sein?«, fragte Harry und reichte ihr seine Quidditch-Sachen.
»Nein, ich glaube nicht, nach dem, was Arthur sagt, ist sie anderswo stationiert worden.«
»Sie 'at sisch ge'en lassen, diese Tonks«, sann Fleur vor sich hin, während sie ihr überwältigendes Spiegelbild auf der Rückseite eines Teelöffels begutachtete. »Ein großer Feeler, wenn ihr misch – «
»Ja, vielen Dank«, unterbrach Mrs Weasley Fleur noch einmal säuerlich. »Du solltest dich jetzt beeilen, Harry, ich will, dass die Koffer möglichst heute Abend fertig sind, damit wir nicht wieder das übliche Gehetze in letzter Minute haben.«
Und tatsächlich verlief ihre Abreise am nächsten Morgen glatter als sonst. Die Ministeriumswagen fuhren vor dem Eingang des Fuchsbaus vor, wo schon alle warteten: die Koffer gepackt, Hermines Katze Krummbein sicher in ihrem Reisekörbchen untergebracht und Hedwig, Rons Eule Pigwidgeon und Ginnys neuer lila Minimuff Arnold in Käfigen.
»Au revoir, 'Arry«, sagte Fleur kehlig und küsste ihn zum Abschied. Ron stürmte mit hoffnungsvoller Miene hinterher, aber Ginny streckte ihren Fuß aus und Ron landete der Länge nach im Staub zu Fleurs Füßen. Wutentbrannt, mit rotem Gesicht und voller Dreck hastete er in den Wagen, ohne sich zu verabschieden.
Am Bahnhof King's Cross wartete kein gut gelaunter Hagrid auf sie. Stattdessen traten zwei bärtige Auroren mit grimmigen Gesichtern und in dunklen Muggelanzügen vor, als die Wagen hielten; sie nahmen die Gruppe zwischen sich und geleiteten sie wortlos in den Bahnhof.
»Schnell, schnell, durch die Absperrung«, sagte Mrs Weasley, die angesichts dieser nüchternen Effizienz anscheinend etwas nervös geworden war. »Harry soll am besten zuerst gehen, mit – «
Sie blickte fragend einen der Auroren an, der kurz nickte, Harry am Oberarm packte und versuchte, ihn zur Absperrung zwischen Bahnsteig neun und zehn zu bugsieren.
»Ich kann alleine gehen, danke«, sagte Harry gereizt und riss seinen Arm aus dem Griff des Auroren. Er schob seinen Gepäckwagen direkt auf die feste Absperrung zu, ohne auf seinen stummen Begleiter zu achten, und fand sich eine Sekunde später auf Bahnsteig neundreiviertel wieder, wo der scharlachrote Hogwarts-Express stand und Dampf über die Menge blies.
Hermine und die Weasleys stießen Sekunden später zu ihm. Harry hielt sich nicht damit auf, seinen Auroren mit dem grimmigen Gesicht um Erlaubnis zu fragen, sondern gab Ron und Hermine ein Zeichen, ihm über den Bahnsteig zu folgen und ein leeres Abteil zu suchen.
»Wir können nicht, Harry«, sagte Hermine mit bedauernder Miene. »Ron und ich müssen erst in den Waggon mit den Vertrauensschülern und dann eine Weile die Gänge kontrollieren.«
»Ach ja, hab ich ganz vergessen«, erwiderte Harry.
»Ihr steigt jetzt am besten gleich in den Zug, und zwar alle, ihr habt nur noch ein paar Minuten Zeit«, sagte Mrs Weasley, während sie auf ihre Uhr sah. »Also dann, viel Spaß in der Schule, Ron …«
»Mr Weasley, kann ich einen Augenblick mit Ihnen reden?«, sagte Harry kurz entschlossen.
»Natürlich«, sagte Mr Weasley; er wirkte ein wenig überrascht, folgte Harry aber trotzdem, bis sie außer Hörweite der anderen waren.
Harry hatte alles gründlich durchdacht und war zu dem Schluss gekommen, dass, wenn er es jemandem sagen müsste, Mr Weasley der Richtige wäre. Erstens, weil er im Ministerium arbeitete und deshalb am besten in der Lage war, weitere Nachforschungen anzustellen, und zweitens, weil Harry das Risiko für nicht allzu groß hielt, dass Mr Weasley vor Zorn explodierte.
Während sie sich entfernten, konnte er sehen, wie Mrs Weasley und der grimmig dreinschauende Auror ihnen beiden argwöhnische Blicke zuwarfen.
»Als wir in der Winkelgasse waren –«, fing Harry an, aber Mr Weasley unterbrach ihn mit einer Grimasse.
»Jetzt erfahre ich wohl gleich, wohin du, Ron und Hermine verschwunden seid, während ihr angeblich im Hinterzimmer von Freds und Georges Laden wart?«
»Wie haben Sie das –?«
»Harry, bitte. Du sprichst mit dem Mann, der Fred und George großgezogen hat.«
»Ähm … ja, na gut, wir waren nicht im Hinterzimmer.«
»Also schön, dann leg los, ich bin auf das Schlimmste gefasst.«
»Nun, wir sind Draco Malfoy gefolgt. Wir haben meinen Tarnumhang benutzt.«
»Hattet ihr irgendeinen bestimmten Grund dafür, oder war es nur aus einer Laune heraus?«
»Ich dachte, Malfoy führt irgendwas im Schilde«, sagte Harry und achtete nicht weiter auf Mr Weasleys Gesicht, auf dem sich eine Mischung aus Wut und Belustigung abzeichnete. »Er war seiner Mutter entwischt und ich wollte wissen, warum.«
»Natürlich wolltest du das«, sagte Mr Weasley mit resignierter Stimme. »Und? Hast du herausgefunden, warum?«
»Er ist zu Borgin und Burkes gegangen«, sagte Harry, »und hat Borgin, den Typen dort, drangsaliert, damit er ihm hilft, etwas zu reparieren. Und Borgin sollte etwas anderes für ihn zurückbehalten. Es hörte sich an, als wäre es das Gleiche wie das, was repariert werden musste. Als ob beide zusammengehören würden. Und …«
Harry holte tief Luft.
»Da ist noch was. Wir haben gesehen, wie Malfoy fast an die Decke ging, als Madam Malkin seinen linken Arm anfassen wollte. Ich glaube, ihm wurde das Dunkle Mal eingebrannt. Ich glaube, er hat den Platz seines Vaters als Todesser eingenommen.«
Mr Weasley wirkte überrascht. Nach einer Weile sagte er: »Harry, ich bezweifle, dass Du-weißt-schon-wer es einem Sechzehnjährigen erlauben würde – «
»Weiß eigentlich irgendjemand genau, was Du-weißt-schon-wer tun oder lassen würde?«, fragte Harry zornig. »Mr Weasley, tut mir Leid, aber würde es sich nicht lohnen, der Sache nachzugehen? Wenn Malfoy etwas repariert haben will und er deswegen Borgin bedrohen muss, ist es wahrscheinlich etwas Schwarzmagisches oder Gefährliches, oder?«
»Ehrlich gesagt, bezweifle ich das, Harry«, sagte Mr Weasley langsam. »Sieh mal, als Lucius Malfoy festgenommen wurde, haben wir sein Haus durchsucht. Wir haben alles mitgenommen, was möglicherweise gefährlich war.«
»Ich glaube, Sie haben etwas übersehen«, sagte Harry stur.
»Nun ja, vielleicht«, sagte Mr Weasley, aber Harry spürte, dass er ihm nur nicht widersprechen wollte.
Hinter ihnen war ein Pfiff zu hören; fast alle waren in den Zug gestiegen und die Türen schlossen sich.
»Du solltest dich beeilen«, sagte Mr Weasley, und Mrs Weasley rief: »Schnell, Harry!«
Er stürzte los, und Mr und Mrs Weasley halfen ihm, seinen Koffer in den Zug zu laden.
»Nun, mein Lieber, über Weihnachten kommst du zu uns, es ist alles mit Dumbledore besprochen, wir sehen uns also ziemlich bald wieder«, sagte Mrs Weasley durchs Fenster, als Harry die Tür hinter sich zuschlug und der Zug sich in Bewegung setzte. »Pass gut auf dich auf und …«
Der Zug wurde schneller.
»… sei brav und …«
Sie lief jetzt neben dem Zug her.
»… bring dich nicht in Gefahr!«
Harry winkte, bis der Zug eine Kurve genommen hatte und Mr und Mrs Weasley nicht mehr zu sehen waren, dann ging er nachschauen, wo die anderen geblieben waren. Vermutlich hatten sich Ron und Hermine in den Waggon mit den Vertrauensschülern verzogen, aber Ginny stand etwas weiter hinten im Gang und plauderte mit ein paar Freunden. Er ging auf sie zu und schleifte dabei seinen Koffer hinter sich her.
Die Leute starrten ihn schamlos an, als er näher kam. Sie drückten sogar die Gesichter gegen die Scheiben ihrer Abteiltüren, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Nach all den Gerüchten im Tagespropheten über den »Auserwählten« hatte er damit gerechnet, dass er in diesem Schuljahr noch mehr Gestaune und Gegaffe würde ertragen müssen, doch das Gefühl, in hellstem Scheinwerferlicht zu stehen, behagte ihm nicht. Er klopfte Ginny auf die Schulter.
»Wollen wir ein Abteil zusammen suchen?«
»Ich kann nicht, Harry, ich bin mit Dean verabredet«, sagte Ginny munter. »Bis später!«
»Okay«, sagte Harry. Er spürte einen merkwürdigen Anflug von Unmut, als Ginny davonging und ihr langes rotes Haar hinter ihr hertanzte. Er hatte sich den Sommer über so an ihre Gegenwart gewöhnt, dass er fast vergessen hatte, dass sie in der Schule nicht mit ihm, Ron und Hermine zusammen herumhing. Dann blinzelte er und schaute sich um: Er war von begeisterten Mädchen umringt.
»Hi, Harry!«, sagte eine vertraute Stimme hinter ihm.
»Neville!«, antwortete Harry erleichtert, drehte sich um und sah, wie ein Junge mit rundem Gesicht sich zu ihm durchkämpfte.
»Hallo, Harry«, sagte ein Mädchen mit langen Haaren und großen, verschleierten Augen dicht hinter Neville.
»Luna, hi, wie geht's?«
»Sehr gut, danke«, sagte Luna. Sie hielt ein Magazin an die Brust gedrückt; große Buchstaben auf der Titelseite verkündeten, dass als Gratisbeilage eine Gespensterbrille darin enthalten war.
»Der Klitterer läuft also immer noch gut?«, fragte Harry, der das Magazin irgendwie mochte, seit er ihm im vorigen Jahr ein Exklusivinterview gegeben hatte.
»O ja, die Auflage ist ganz schön hochgegangen«, sagte Luna glücklich.
»Lasst uns Plätze suchen«, sagte Harry, und die drei machten sich auf den Weg den Zug entlang, mitten durch Horden stumm starrender Schüler. Schließlich fanden sie ein leeres Abteil, und Harry schlüpfte erleichtert hinein.
»Die starren sogar uns an«, sagte Neville und deutete auf sich und Luna, »weil wir mit dir zusammen sind!«
»Die starren euch an, weil ihr auch im Ministerium wart«, sagte Harry, während er seinen Koffer auf die Gepäckablage wuchtete. »Unser kleines Abenteuer war ganz groß im Tagespropheten, wie du sicher gesehen hast.«
»Ja, ich dachte, Oma würde wegen all dem Trubel sauer sein«, erwiderte Neville, »aber sie hat sich richtig gefreut. Sie sagte, dass ich meinem Vater endlich Ehre machen würde. Sie hat mir einen neuen Zauberstab gekauft, sieh mal!«
Er zog ihn hervor und zeigte ihn Harry.
»Kirsche und Einhornhaar«, sagte er stolz. »Wir glauben, dass es einer der letzten war, die Ollivander verkauft hat, am nächsten Tag ist er verschwunden – hey, komm zurück, Trevor!«
Und er tauchte unter dem Sitz ab, um seine Kröte zurückzuholen, die gerade einen ihrer häufigen Versuche unternahm, in die Freiheit zu gelangen.
»Machen wir dieses Jahr wieder DA-Treffen, Harry?«, fragte Luna, die gerade eine psychedelische Brille aus dem Mittelteil des Klitterers herauslöste.
»Hat jetzt keinen Sinn mehr, weil wir Umbridge losgeworden sind, oder?«, sagte Harry und setzte sich. Neville stieß mit dem Kopf gegen den Sitz, als er darunter hervorkam. Er sah schwer enttäuscht aus.
»Ich mochte die DA! Ich hab eine Menge bei dir gelernt!«
»Mir haben die Treffen auch gefallen«, sagte Luna heiter. »Es war, als ob ich Freunde hätte.«
Das war eine jener unangenehmen Äußerungen, die oft von Luna zu hören waren und bei denen Harry eine qualvolle Mischung aus Mitleid und Verlegenheit empfand. Doch ehe er antworten konnte, gab es draußen vor ihrer Abteiltür einen Tumult; hinter der Scheibe steckte eine Schar Viertklässlerinnen tuschelnd und kichernd die Köpfe zusammen.
»Du fragst ihn!«
»Nein, du!«
»Ich mach's!«
Und eine von ihnen, ein wagemutig aussehendes Mädchen mit großen dunklen Augen, einem markanten Kinn und langem schwarzem Haar, schob sich durch die Tür.
»Hi, Harry, ich bin Romilda, Romilda Vane«, sagte sie laut und selbstsicher. »Warum kommst du nicht zu uns ins Abteil? Du brauchst nicht bei denen hier zu sitzen«, fügte sie unüberhörbar flüsternd hinzu und deutete auf Nevilles Hintern, der wieder unter dem Sitz hervorragte, während Neville nach Trevor herumtastete, und auf Luna, die jetzt ihre Gratis-Gespensterbrille trug, die ihr das Aussehen einer durchgeknallten bunten Eule verlieh.
»Das sind Freunde von mir«, sagte Harry kühl.
»Oh«, sagte das Mädchen äußerst überrascht. »Oh. Okay.«
Und sie ging wieder und schob die Tür hinter sich zu.
»Die andern erwarten von dir, dass du coolere Freunde als uns hast«, sagte Luna und bewies damit erneut ihr Talent, unangenehm ehrlich zu sein.
»Ihr seid cool«, sagte Harry kurz angebunden. »Keiner von denen war im Ministerium. Die haben nicht mit mir gekämpft.«
»Das ist sehr nett, dass du das sagst.« Luna strahlte, schob ihre Gespensterbrille ein Stück weiter die Nase hoch und widmete sich der Lektüre des Klitterers.
»Wir haben aber nicht ihm die Stirn geboten«, sagte Neville, der mit Fusseln und Staub in den Haaren und einem resigniert wirkenden Trevor in der Hand unter dem Sitz hervorkam. »Du schon. Du solltest mal hören, wie meine Oma über dich redet. ›Dieser Harry Potter hat mehr Rückgrat als das ganze Zaubereiministerium zusammen.‹ Sie würde alles dafür geben, dich als Enkel zu haben …«
Harry lachte verlegen und wechselte sobald er konnte zum Thema ZAG-Resultate. Während Neville seine Noten aufzählte und laut darüber nachdachte, ob er wohl einen UTZ-Kurs in Verwandlung belegen dürfe, wo er doch nur ein »Annehmbar« habe, beobachtete ihn Harry, ohne ihm wirklich zuzuhören.
Nevilles Kindheit war von Voldemort zerstört worden, genau wie die Harrys, aber Neville ahnte nicht, dass er beinahe Harrys Schicksal gehabt hätte. Die Prophezeiung hätte sich sowohl auf Harry als auch auf Neville beziehen können, doch Voldemort hatte es aus eigenen, unerforschlichen Gründen vorgezogen, zu glauben, dass Harry derjenige war, den sie betraf.
Hätte Voldemort Neville gewählt, dann würde Neville jetzt Harry gegenübersitzen und trüge eine blitzförmige Narbe und die Last der Prophezeiung … oder etwa nicht? Wäre Nevilles Mutter etwa gestorben, um ihn zu retten, wie Lily für Harry gestorben war? Bestimmt wäre sie das … aber was, wenn sie nicht in der Lage gewesen wäre, sich zwischen ihren Sohn und Voldemort zu stellen? Hätte es dann überhaupt keinen »Auserwählten« gegeben? Ein leerer Sitz dort, wo Neville jetzt saß, und ein narbenloser Harry, dem seine eigene Mutter, und nicht die von Ron, einen Abschiedskuss gegeben hätte?
»Alles okay mit dir, Harry? Du siehst so seltsam aus«, sagte Neville.
Harry schreckte hoch.
»'tschuldigung – ich – «
»Hast du 'nen Schlickschlupf abgekriegt?«, fragte Luna mitfühlend und starrte Harry durch ihre gewaltige bunte Brille an.
»Ich – was?«
»Einen Schlickschlupf… die sind unsichtbar, sausen dir durch die Ohren rein und machen dich ganz wuschig im Kopf«, sagte sie. »Irgendwie hab ich das Gefühl, dass einer hier rumfliegt.«
Sie klatschte mit den Händen in die Luft, als ob sie große unsichtbare Motten verscheuchen wollte. Harry und Neville sahen sich kurz an und begannen hastig über Quidditch zu reden.
Das Wetter draußen vor den Zugfenstern war so durchwachsen, wie es den ganzen Sommer über gewesen war; sie fuhren streckenweise durch kalten Nebel, dann wieder in schwaches klares Sonnenlicht. Während einer solchen klaren Phase, als die Sonne fast direkt über ihnen zu sehen war, betraten endlich Ron und Hermine das Abteil.
»Wenn der Imbisswagen sich nur mal beeilen würde, ich verhungere noch«, sagte Ron sehnsüchtig, ließ sich auf den Sitz neben Harry fallen und rieb sich den Bauch. »Hi, Neville, hi, Luna. Weißt du was?«, fügte er an Harry gewandt hinzu. »Malfoy macht keinen Vertrauensschülerdienst. Er sitzt bloß in seinem Abteil mit den anderen Slytherins rum, wir haben ihn im Vorbeigehen gesehen.«
Harry richtete sich interessiert auf. Es sah Malfoy überhaupt nicht ähnlich, dass er sich die Chance entgehen ließ, seine Macht als Vertrauensschüler zu demonstrieren, die er das ganze vorige Jahr über genüsslich missbraucht hatte.
»Was hat er getan, als er euch gesehen hat?«
»Das Übliche«, sagte Ron gleichgültig und machte Malfoys rüde Geste mit der Hand nach. »Sieht ihm aber gar nicht ähnlich, oder? Also – das schon«, und er wiederholte die Geste, »aber warum ist er nicht da draußen und schikaniert Erstklässler?«
»Weiß nicht«, sagte Harry, doch seine Gedanken überschlugen sich. Machte das nicht den Eindruck, als hätte Malfoy wichtigere Dinge im Kopf, als jüngere Schüler zu schikanieren?
»Vielleicht war ihm das Inquisitionskommando lieber«, sagte Hermine. »Vielleicht kommt ihm das Vertrauensschülerleben danach ein wenig lasch vor.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Harry. »Ich glaube, er ist – «
Doch ehe er seine Theorie erläutern konnte, glitt die Abteiltür erneut auf und ein Mädchen aus der dritten Klasse trat atemlos herein.
»Ich soll das hier Neville Longbottom und Harry P-Potter überbringen.« Sie stockte, als sie Harrys Blick begegnete, und lief scharlachrot an. Sie streckte ihnen zwei Pergamentrollen entgegen, die mit violettem Band zugeschnürt waren. Verdutzt nahmen Harry und Neville jeder die an sie adressierte Rolle entgegen und das Mädchen stolperte wieder aus dem Abteil.
»Was ist es?«, wollte Ron wissen, als Harry sein Pergament auseinander rollte.
»Eine Einladung«, sagte Harry.
»Harry,
ich würde mich freuen, wenn Sie mir bei einem kleinen Mittagsimbiss in Abteil C Gesellschaft leisten würden.
Mit freundlichem Gruß
Professor H. E. F. Slughorn«
»Wer ist Professor Slughorn?«, fragte Neville, der ratlos auf seine eigene Einladung blickte.
»Ein neuer Lehrer«, sagte Harry. »Also, ich schätze, da müssen wir hin, oder?«
»Aber warum will er mich dabeihaben?«, fragte Neville nervös, als schwante ihm Nachsitzen.
»Keine Ahnung«, sagte Harry, was nicht ganz zutraf, auch wenn er noch keinen Beweis dafür hatte, dass sein Verdacht richtig war. »Hör mal«, fügte er hinzu, einer plötzlichen Eingebung folgend, »lass uns unter dem Tarnumhang gehen, dann können wir unterwegs vielleicht einen ausgiebigen Blick auf Malfoy werfen und sehen, was er treibt.«
Aus dieser Idee wurde jedoch nichts: Die Gänge waren überfüllt mit Leuten, die nach dem Imbisswagen Ausschau hielten, und mit einem Tarnumhang war absolut kein Durchkommen. Harry verstaute ihn mit Bedauern wieder in seiner Tasche – es wäre schön gewesen, ihn zu tragen, schon um all das Gegaffe zu vermeiden, das offenbar seit seinem letzten Gang durch den Zug sogar noch schlimmer geworden war. Alle naselang stürzten Schüler aus ihren Abteilen, um Harry besser anschauen zu können. Die Ausnahme war Cho Chang, sie verschwand schnell in ihrem Abteil, als sie Harry kommen sah. Als Harry an ihrem Fenster vorbeiging, sah er sie in ein intensives Gespräch mit ihrer Freundin Marietta versunken. Marietta trug eine sehr dicke Schicht Make-up, die das sonderbare Pickelmuster nicht ganz verbarg, das sich immer noch über ihr Gesicht zog. Mit einem leichten Grinsen schob sich Harry weiter.
Als sie Abteil C erreichten, sahen sie sofort, dass sie nicht die Einzigen waren, die Slughorn eingeladen hatte, auch wenn Harry, wie der begeisterte Empfang durch Slughorn vermuten ließ, am sehnlichsten erwartet wurde.
»Harry, mein Junge!«, sagte Slughorn und sprang bei seinem Anblick auf, so dass sein großer, in Samt gehüllter Bauch den ganzen restlichen Abteilraum auszufüllen schien. Sein glänzender Glatzkopf und sein großer silberner Schnurrbart schimmerten so hell im Sonnenlicht wie die Goldknöpfe an seiner Weste. »Schön, dass Sie da sind, schön, dass Sie da sind! Und Sie müssen Mr Longbottom sein!«
Neville nickte mit ängstlicher Miene. Auf einen Wink von Slughorn hin setzten sie sich einander gegenüber auf die einzigen beiden leeren Plätze, gleich neben der Tür. Harry warf einen kurzen Blick auf die anderen Gäste. Er erkannte einen Slytherin aus ihrem Jahrgang, einen großen schwarzen Jungen mit hohen Wangenknochen und länglichen, schräg stehenden Augen; auch zwei Jungen aus der siebten Klasse waren da, die Harry nicht kannte, und neben Slughorn in die Ecke gequetscht, mit einem Gesichtsausdruck, als wüsste sie nicht recht, wie sie eigentlich hierher gekommen war, saß Ginny.
»Nun, Sie kennen hier alle?«, fragte Slughorn Harry und Neville. »Blaise Zabini ist ja in Ihrem Jahrgang – «
Zabini gab kein Zeichen von sich, dass er sie wiedererkannte oder grüßen wollte, auch Harry und Neville nicht: Gryffindor- und Slytherin-Schüler hassten einander grundsätzlich.
»Das hier ist Cormac McLaggen, vielleicht sind Sie sich schon mal über den Weg gelaufen –? Nein?«
McLaggen, ein mächtiger, drahthaariger Junge, hob die Hand, und Harry und Neville nickten ihm zu.
» und das ist Marcus Belby, ich weiß nicht, ob –?«
Belby, der dünn und nervös wirkte, zeigte ein gezwungenes Lächeln.
» und diese reizende junge Dame sagt, dass sie Sie kennt!«, schloss Slughorn.
Ginny schnitt Harry und Neville hinter Slughorns Rücken eine Grimasse.
»Wunderbar, das ist höchst erfreulich«, sagte Slughorn mit Behagen. »Eine günstige Gelegenheit, Sie alle ein wenig besser kennen zu lernen. Hier, nehmen Sie sich eine Serviette. Ich habe mein eigenes Mittagessen mitgebracht, wie ich mich erinnere, ist der Imbisswagen etwas lakritzzauberstablastig, und der Verdauungstrakt eines armen alten Mannes kommt damit nicht besonders gut zurecht … Fasan, Belby?«
Belby schreckte hoch und nahm etwas entgegen, das wie ein halber kalter Fasan aussah.
»Ich erzählte gerade unserem jungen Marcus hier, dass ich das Vergnügen hatte, seinen Onkel Damocles zu unterrichten«, sagte Slughorn zu Harry und Neville und reichte nun einen Korb Brötchen herum. »Ein exzellenter Zauberer, exzellent, und sein Merlinorden war höchst verdient. Sehen Sie Ihren Onkel häufig, Marcus?«
Unglücklicherweise hatte Belby gerade einen großen Bissen Fasan im Mund; in seiner Hast, Slughorn zu antworten, schluckte er zu schnell hinunter, wurde puterrot und begann zu würgen.
»Anapneo«, sagte Slughorn gelassen und richtete seinen Zauberstab auf Belby, dessen Luftröhre offenbar sofort wieder frei wurde.
»Nicht … nicht allzu häufig, nein«, keuchte Belby mit tränenden Augen.
»Ja, natürlich, ich vermute, er ist sehr beschäftigt«, sagte Slughorn und sah Belby fragend an. »Den Wolfsbann-Trank hat er gewiss nicht ohne ein beträchtliches Maß an harter Arbeit entwickelt!«
»Ich denk nicht …«, sagte Belby, der anscheinend Angst hatte, einen weiteren Bissen Fasan zu nehmen, ehe er sicher war, dass Slughorn mit ihm durch war. »Ähm … er und mein Dad kommen nicht sehr gut miteinander klar, verstehen Sie, deshalb weiß ich eigentlich nicht viel über …«
Seine Stimme erstarb, während Slughorn ihm ein kühles Lächeln schenkte und sich stattdessen an McLaggen wandte.
»Nun zu Ihnen, Cormac«, sagte Slughorn, »zufällig weiß ich, dass Sie sich oft mit Ihrem Onkel Tiberius treffen, denn er hat ein ganz prächtiges Bild von Ihnen beiden auf der Jagd nach Nogschwänzen, in – war das nicht Norfolk?«
»Oh, ja, das war lustig, wirklich«, sagte McLaggen. »Wir sind zusammen mit Bertie Higgs und Rufus Scrimgeour losgezogen – natürlich, bevor er Minister wurde – «
»Ach, Bertie und Rufus kennen Sie auch?« Slughorn strahlte und gab nun ein kleines Tablett mit Pasteten herum; Belby wurde irgendwie übergangen. »Nun sagen Sie mir doch mal …«
Es war, wie Harry vermutet hatte. Alle waren hier offenbar eingeladen worden, weil sie mit irgendeinem Prominenten oder Einflussreichen zu tun hatten – alle außer Ginny. Zabini, der nach McLaggen ausgefragt wurde, hatte, wie sich herausstellte, eine Hexe als Mutter, die berühmt war für ihre Schönheit (nach dem, was Harry heraushörte, war sie siebenmal verheiratet gewesen, jeder ihrer Ehemänner war unter mysteriösen Umständen gestorben und hatte ihr bergeweise Gold hinterlassen). Dann war Neville an der Reihe: Es wurden zehn äußerst unbehagliche Minuten, denn Nevilles Eltern, weithin bekannte Auroren, waren von Bellatrix Lestrange und von einigen ihrer Todessergefährten bis zum Wahnsinn gefoltert worden. Als Nevilles Befragung zu Ende war, hatte Harry den Eindruck, Slughorn würde sein Urteil über Neville noch zurückhalten, bis sich herausstellte, ob er etwas von der Begabung seiner Eltern geerbt hatte.
»Und nun«, sagte Slughorn und rutschte wie ein Conférencier, der seinen Stargast vorstellt, gewichtig auf seinem Platz hin und her, »Harry Potter! Wo fangen wir an? Ich habe das Gefühl, dass ich nur ein wenig an der Oberfläche gekratzt habe, als wir uns im Sommer trafen!«
Er betrachtete Harry einen Moment lang gedankenverloren, als ob er ein besonders großes und saftiges Stück Fasan wäre, dann sagte er: »Der ›Auserwählte‹ werden Sie jetzt genannt!«
Harry sagte nichts. Belby, McLaggen und Zabini starrten ihn an.
»Natürlich«, fuhr Slughorn fort, während er Harry genau musterte, »gibt es seit Jahren Gerüchte … Ich erinnere mich noch, als – nun – nach dieser schrecklichen Nacht – Lily – James – und Sie überlebten – und es hieß, dass Sie Kräfte haben müssen, die über die gewöhnlichen – «
Zabini hüstelte leise, was offensichtlich amüsierte Skepsis andeuten sollte. Eine zornige Stimme brach hinter Slughorn hervor.
»Ja, Zabini, weil du ja so begabt bist … im Schöntun …«
»Ach je!«, gluckste Slughorn wohlig und drehte sich zu Ginny um, die um Slughorns dicken Bauch herum Zabini böse anfunkelte. »Seien Sie lieber vorsichtig, Blaise! Ich hab gesehen, wie diese junge Dame den herrlichsten Flederwichtfluch ausführte, als ich durch ihren Waggon ging! Ich würde ihr nicht in die Quere kommen!«
Zabini blickte nur verächtlich.
»Wie auch immer«, sagte Slughorn und wandte sich wieder Harry zu. »Solche Gerüchte diesen Sommer. Natürlich weiß man nicht, was man glauben soll, der Prophet hat bekanntlich immer wieder mal ungenau berichtet und Fehler gemacht – aber angesichts der vielen Zeugen ist wohl kaum zu bezweifeln, dass es einen ziemlichen Tumult im Ministerium gab und dass Sie mittendrin steckten!«
Harry, dem kein Ausweg aus dem Ganzen einfiel ohne eindeutig zu lügen, nickte, sagte aber immer noch nichts. Slughorn sah ihn strahlend an.
»So bescheiden, so bescheiden, kein Wunder, dass Dumbledore so angetan ist – Sie waren also da? Aber die anderen Geschichten – so sensationell, dass man ja gar nicht recht weiß, was man glauben soll – diese sagenhafte Prophezeiung beispielsweise – «
»Wir haben nie eine Prophezeiung gehört«, sagte Neville und lief dabei geranienrosa an.
»Das stimmt«, sagte Ginny nachdrücklich. »Neville und ich, wir waren beide auch da, und der ganze Unsinn mit dem ›Auserwählten‹ kommt nur vom Propheten, der wie immer Sachen erfindet.«
»Sie waren beide auch da, tatsächlich?«, sagte Slughorn mit großem Interesse und blickte von Ginny zu Neville, doch beide blieben stumm wie Fische angesichts seines ermunternden Lächelns. »Ja … nun … es ist wahr, dass der Prophet häufig übertreibt, selbstverständlich …«, fuhr Slughorn in leicht enttäuschtem Ton fort. »Ich weiß noch, wie die liebe Gwenog zu mir gesagt hat – ich meine natürlich Gwenog Jones, die Kapitänin der Holyhead Harpies – «
Er driftete ab in weitschweifige Erinnerungen, doch Harry spürte deutlich, dass Slughorn mit ihm noch nicht fertig war und dass Neville und Ginny ihn nicht überzeugt hatten.
Der Nachmittag schleppte sich dahin mit weiteren Anekdoten über illustre Zauberer, die Slughorn unterrichtet hatte und die sich in Hogwarts alle begeistert dem »Slug-Klub«, wie er ihn nannte, angeschlossen hatten. Harry wäre am liebsten gegangen, aber er hatte keine Ahnung, wie er es anstellen sollte, ohne unhöflich zu wirken. Schließlich fuhr der Zug aus einer weiteren breiten Nebelfront in einen roten Sonnenuntergang hinein, und Slughorn sah sich blinzelnd im Zwielicht um.
»Du meine Güte, es wird ja schon dunkel! Ich habe gar nicht bemerkt, dass sie die Lampen angemacht haben! Sie sollten jetzt besser alle gehen und Ihre Umhänge anziehen. McLaggen, Sie müssen unbedingt noch mal vorbeischauen und sich das Buch über Nogschwänze ausleihen. Harry, Blaise – wann immer Sie in der Nähe sind … Das gilt auch für Sie, Miss.« Er zwinkerte Ginny zu. »So, jetzt aber fort mit Ihnen, fort mit Ihnen!«
Als Zabini sich an Harry vorbei in den immer dunkler werdenden Gang hinausdrängte, warf er ihm einen gehässigen Blick zu, den Harry noch gehässiger erwiderte. Er, Ginny und Neville folgten Zabini durch den Zug zurück.
»Ich bin froh, dass es vorbei ist«, murmelte Neville. »Komischer Kerl, oder?«
»Ja, schon ein wenig«, sagte Harry, den Blick auf Zabini geheftet. »Wie bist du eigentlich da gelandet, Ginny?«
»Er hat gesehen, wie ich Zacharias Smith verhext hab«, sagte Ginny, »du weißt doch, dieser Blödmann aus Hufflepuff, der in der DA war. Der hat die ganze Zeit gefragt, was im Ministerium los war, und am Ende war ich so genervt, dass ich ihn verhext hab – als Slughorn reinkam, dachte ich, jetzt krieg ich Nachsitzen, aber er hat nur gesagt, dass das richtig gut gehext war, und mich zum Mittagessen eingeladen! Verrückt, was?«
»Besserer Grund, als jemanden einzuladen, weil seine Mutter berühmt ist«, sagte Harry und starrte finster auf Zabinis Hinterkopf, »oder weil sein Onkel – «
Doch er verstummte. Ihm war gerade eine Idee gekommen, eine verwegene, aber möglicherweise wunderbare Idee … in einer Minute würde Zabini wieder das Abteil der Slytherin-Sechstklässler betreten, und dort würde Malfoy sitzen und denken, dass niemand ihn hörte außer den anderen Slytherins … wenn Harry ihm doch nur ins Abteil folgen könnte, unbemerkt, was könnte er dann nicht alles sehen oder hören? Sie hatten zwar nur noch eine kurze Strecke vor sich – der Bahnhof Hogsmeade konnte kaum eine halbe Stunde entfernt sein, wie die wilde Landschaft vermuten ließ, die an den Fenstern vorbeijagte –, aber niemand sonst schien Harrys Vermutungen ernst nehmen zu wollen, also lag es an ihm, sie zu bestätigen.
»Wir sehen uns später«, raunte Harry den anderen beiden zu, zog seinen Tarnumhang heraus und warf ihn sich über.
»Aber was hast du –?«, fragte Neville.
»Später!«, flüsterte Harry und huschte so leise wie möglich Zabini hinterher, obwohl das Rattern des Zuges eine solche Vorsicht beinahe überflüssig machte.
Die Gänge waren jetzt fast leer. Die meisten Schüler waren in ihre Abteile zurückgekehrt, um ihre Schulumhänge anzuziehen und ihre Habseligkeiten einzupacken. Obwohl Harry Zabini so nahe war, wie er nur konnte, ohne ihn zu berühren, gelang es ihm nicht, schnell genug ins Abteil zu schlüpfen, als Zabini die Tür öffnete. Zabini schob sie schon wieder zu, da streckte Harry hastig den Fuß aus, um sie offen zu halten.
»Was ist los mit dem Ding?«, sagte Zabini wütend und rammte die Schiebetür ein paarmal gegen Harrys Fuß.
Harry packte die Tür und drückte sie kräftig auf; Zabini, der immer noch den Griff festhielt, kippte zur Seite in Gregory Goyles Schoß, und in dem folgenden Durcheinander schoss Harry ins Abteil, sprang auf Zabinis vorläufig leeren Platz und hievte sich hinauf auf die Gepäckablage. Zum Glück schnauzten sich Goyle und Zabini gerade wütend an und zogen alle Blicke auf sich, denn Harry war ziemlich sicher, dass seine Füße und Knöchel zu sehen gewesen waren, als der Umhang um sie herumgeflattert war. Einen schrecklichen Moment lang bildete er sich sogar ein, dass Malfoys Augen seinem Turnschuh folgten, als er ihn blitzschnell außer Sicht nach oben riss. Doch dann schmetterte Goyle die Tür zu und stieß Zabini von sich weg, Zabini sackte verärgert auf seinen eigenen Platz, Vincent Crabbe widmete sich erneut seinem Comic und Malfoy legte sich kichernd wieder über zwei Sitze, den Kopf in Pansy Parkinsons Schoß. Harry hatte sich unbequem unter seinem Tarnumhang zusammengerollt, um sicherzugehen, dass kein Stück von ihm zu sehen war. Er beobachtete, wie Pansy das glatte blonde Haar aus Malfoys Stirn strich und dabei affektiert lächelte, als würde die ganze Welt liebend gern mit ihr tauschen. Die Lampen, die von der Wagendecke baumelten, tauchten die Szene in helles Licht: Harry konnte jedes Wort von Crabbes Comic direkt unter sich lesen.
»Also, Zabini«, sagte Malfoy, »was wollte Slughorn?«
»Sich einfach nur bei Leuten mit guten Beziehungen einschleimen«, erwiderte Zabini, der Goyle immer noch finster anblickte. »Hat aber nicht viele gefunden.«
Diese Nachricht schien Malfoy nicht zu gefallen.
»Wen hat er sonst noch eingeladen?«, wollte er wissen.
»McLaggen aus Gryffindor«, sagte Zabini.
»Ach ja, sein Onkel ist ein hohes Tier im Ministerium«, sagte Malfoy.
»… noch einen namens Belby, aus Ravenclaw …«
»Nicht der, der ist 'n Trottel!«, warf Pansy ein.
»… und Longbottom, Potter und dieses Weasley-Mädchen«, schloss Zabini.
Malfoy setzte sich abrupt auf und stieß Pansys Hand weg. »Er hat Longbottom eingeladen?«
»Tja, ich schätze schon, Longbottom war ja schließlich dabei«, sagte Zabini gleichmütig.
»Was hat Longbottom, dass Slughorn sich für ihn interessiert?«
Zabini zuckte die Achseln.
»Potter, der edle Potter, klar wollte er sich mal den Auserwählten ansehen«, höhnte Malfoy, »aber dieses Weasley-Mädchen! Was ist so Besonderes an der?«
»'ne Menge Jungs mögen sie«, sagte Pansy und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie Malfoy reagierte. »Sogar du findest, dass sie gut aussieht, stimmt's, Blaise? Und wir wissen alle, wie anspruchsvoll du bist!«
»Ich würde eine dreckige kleine Blutsverräterin wie die nie anrühren, egal wie sie aussieht«, sagte Zabini kühl, und Pansy schien erfreut. Malfoy ließ sich erneut auf ihren Schoß sinken und erlaubte ihr wieder, sein Haar zu streicheln.
»Also, ich finde Slughorns Geschmack erbärmlich. Vielleicht wird er ein bisschen senil. Schade, mein Vater hat immer gesagt, dass er zu seiner Zeit ein guter Zauberer war. Mein Vater war mal so was wie ein Liebling von ihm. Slughorn weiß wahrscheinlich nicht, dass ich im Zug bin, sonst – «
»Ich würd nicht mit einer Einladung rechnen«, sagte Zabini. »Er hat mich nach Notts Vater gefragt, gleich als ich dort war. Anscheinend waren sie früher mal gut befreundet, aber als er hörte, dass Nott im Ministerium gefangen genommen wurde, sah er gar nicht glücklich aus, und Nott bekam ja auch keine Einladung. Ich glaube nicht, dass Slughorn an Todessern interessiert ist.«
Malfoy blickte zornig, zwang sich jedoch zu einem außergewöhnlich humorlosen Lachen.
»Na ja, wen kümmert's, für was er sich interessiert? Was ist er denn, wenn man's genau betrachtet? Nur irgendein blöder Lehrer.« Malfoy gähnte demonstrativ. »Ich meine, vielleicht bin ich nächstes Jahr nicht mal in Hogwarts, mir ist ziemlich egal, ob ein fetter alter Ehemaliger mich mag oder nicht!«
»Was soll das heißen, du bist nächstes Jahr vielleicht nicht in Hogwarts?«, sagte Pansy entrüstet und hörte schlagartig auf, Malfoy zu betütteln.
»Tja, man weiß ja nie«, sagte Malfoy mit dem Anflug eines Grinsens. »Vielleicht habe ich mich – ähm – dann schon größeren und besseren Dingen zugewandt.«
Harry kauerte auf der Gepäckablage unter seinem Tarnumhang und sein Herz fing an zu rasen. Was würden Ron und Hermine dazu sagen? Crabbe und Goyle glotzten Malfoy an; offenbar hatten sie keinen Schimmer von irgendwelchen Plänen, sich größeren und besseren Dingen zuzuwenden. Selbst Zabini stand die Neugier ins Gesicht geschrieben und verunstaltete seine edlen Züge. Pansy wirkte verdattert und machte sich wieder daran, bedächtig Malfoys Haare zu streicheln.
»Du meinst – Ihn?«
Malfoy zuckte die Achseln.
»Mutter will, dass ich meine Ausbildung zu Ende mache, aber ich persönlich finde, dass das heutzutage nicht so wichtig ist. Ich meine, denkt mal drüber nach … wenn der Dunkle Lord die Macht übernimmt, wird er sich dann darum scheren, wie viele ZAGs oder UTZe jemand hat? Natürlich nicht … Dann geht es nur noch darum, welchen Dienst man ihm erwiesen hat, wie groß die Ergebenheit war, die man ihm gezeigt hat.«
»Und du glaubst, du kannst irgendetwas für ihn tun?«, fragte Zabini wegwerfend. »Sechzehn Jahre alt und noch nicht einmal fertig ausgebildet?«
»Hab ich das nicht eben gesagt? Vielleicht ist es ihm egal, ob ich einen Abschluss habe. Vielleicht braucht man für die Aufgabe, die ich für ihn erledigen soll, keinen Abschluss«, sagte Malfoy leise.
Crabbe und Goyle saßen beide mit offenem Mund da wie Wasserspeier. Pansy starrte auf Malfoy hinab, als ob sie noch nie etwas so Ehrfurchtgebietendes gesehen hätte.
»Ich kann Hogwarts erkennen«, sagte Malfoy, genoss offensichtlich die Wirkung, die er erzeugt hatte, und deutete aus dem dunklen Fenster. »Wir sollten besser die Umhänge anziehen.«
Harry stierte Malfoy so gebannt an, dass er nicht bemerkte, wie Goyle die Hand nach oben streckte, um nach seinem Koffer zu greifen; als er ihn herunterschwang, schlug er Harry hart seitlich gegen den Kopf. Harry keuchte unwillkürlich vor Schmerz und Malfoy blickte stirnrunzelnd zur Gepäckablage hoch.
Harry hatte keine Angst vor Malfoy, dennoch war er nicht sonderlich angetan von dem Gedanken, eine Gruppe feindseliger Slytherins könnte ihn entdecken, wie er da unter seinem Tarnumhang verborgen lag. Mit nach wie vor tränenden Augen und pochendem Kopf zog er seinen Zauberstab, sorgsam darauf bedacht, seinen Umhang nicht aufzudecken, und wartete mit angehaltenem Atem. Zu seiner Erleichterung kam Malfoy offenbar zu dem Schluss, dass er sich das Geräusch eingebildet hatte; er zog sich wie die anderen den Umhang über, schloss seinen Koffer und legte sich einen dicken neuen Reiseumhang um, während der Zug immer langsamer wurde und schließlich im Schneckentempo dahinruckelte.
Harry konnte sehen, wie sich die Gänge wieder füllten, und hoffte, dass Hermine und Ron seine Sachen für ihn mit hinaus auf den Bahnsteig nehmen würden; er steckte hier fest, bis sich das Abteil völlig geleert haben würde. Endlich, mit einem letzten Ruck, kam der Zug ganz zum Stehen. Goyle riss die Tür auf, drängte sich hinaus in eine Gruppe von Zweitklässlern und stieß sie beiseite; Crabbe und Zabini folgten ihm.
»Geh schon mal vor«, sagte Malfoy zu Pansy, die mit ausgestreckter Hand auf ihn wartete, als hoffte sie, er würde sie halten. »Ich will nur was nachschauen.«
Pansy ging hinaus. Jetzt waren Harry und Malfoy allein im Abteil. Leute liefen vorbei und stiegen hinunter auf den dunklen Bahnsteig. Malfoy trat zur Abteiltür und ließ das Rollo hinunter, damit niemand von draußen auf dem Gang hereinspähen konnte. Dann beugte er sich über seinen Koffer und öffnete ihn wieder.
Harry lugte über den Rand der Gepäckablage, und sein Herz schlug ein wenig schneller. Was hatte Malfoy vor Pansy verbergen wollen? Würde er gleich das geheimnisvolle kaputte Ding sehen, das so unbedingt repariert werden musste?
»Petrificus Totalus!«
Ohne Vorwarnung richtete Malfoy seinen Zauberstab auf Harry, der augenblicklich gelähmt war. Wie in Zeitlupe kippte er aus der Gepäckablage, fiel Malfoy mit einer äußerst schmerzhaften Bruchlandung zu Füßen, die den Boden erschütterte, und begrub dabei den Tarnumhang unter sich. Nun war sein ganzer Körper sichtbar, die Beine immer noch unsinnig angewinkelt in einer verkrampften knienden Haltung. Er konnte keinen Muskel rühren; er konnte nur zu Malfoy hochstarren, der breit grinste.
»Hab ich's mir doch gedacht«, sagte er hochbeglückt. »Ich hab gehört, wie Goyles Koffer dich erwischt hat. Und ich dachte, ich hätte was Weißes durch die Luft blitzen sehen, als Zabini zurückkam …« Sein Blick blieb kurz an Harrys Turnschuhen hängen. »Du warst das also, der die Tür blockiert hat, als Zabini hereinkam?«
Er taxierte Harry einen Moment lang.
»Du hast nichts gehört, was mir wichtig ist, Potter. Aber wenn ich dich schon mal hier hab …«
Und er stampfte Harry mit voller Wucht aufs Gesicht. Harry spürte, wie seine Nase brach; Blut spritzte umher.
»Das ist von meinem Vater. Und jetzt, schauen wir mal …«
Malfoy zerrte den Tarnumhang unter Harrys gelähmtem Körper hervor und warf ihn über Harry.
»Ich glaub nicht, dass sie dich finden, ehe der Zug wieder in London ist«, sagte er leise. »Wir sehen uns dann, Potter … oder auch nicht.«
Und nachdem er noch einmal absichtlich auf Harrys Finger getreten war, verließ Malfoy das Abteil.