123303.fb2 Harry Potter und der Halbblutprinz - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 9

Harry Potter und der Halbblutprinz - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 9

Der Halbblutprinz

Harry und Ron trafen Hermine am nächsten Morgen vor dem Frühstück im Gemeinschaftsraum. In der Hoffnung, dass Hermine seine Theorie ein wenig unterstützen würde, berichtete Harry ihr ohne Umschweife, was er Malfoy im Hogwarts-Express hatte sagen hören.

»Aber er wollte doch offensichtlich nur vor der Parkinson angeben, meinst du nicht?«, warf Ron rasch ein, noch ehe Hermine etwas erwidern konnte.

»Nun ja«, sagte sie unsicher, »ich weiß nicht … es würde Malfoy ähnlich sehen, sich wichtiger zu machen, als er eigentlich ist … Aber so was zu behaupten ist schon eine dicke Lüge …«

»Genau«, sagte Harry, doch er konnte nicht noch deutlicher werden, weil so viele ringsum bemüht waren, sein Gespräch zu belauschen, ganz zu schweigen davon, dass sie ihn anstarrten und hinter vorgehaltenen Händen flüsterten.

»Man zeigt nicht mit dem Finger auf Leute«, fauchte Ron einen besonders winzigen Erstklässler an, als sie sich in die Schlange einreihten, um aus dem Porträtloch zu klettern. Der Junge, der hinter seiner Hand seinem Freund etwas über Harry zugemurmelt hatte, wurde prompt scharlachrot und kippte verschreckt aus dem Porträtloch. Ron kicherte.

»Ich find es toll, Sechstklässler zu sein. Und wir kriegen dieses Jahr auch noch freie Zeit. Ganze Schulstunden, in denen wir einfach hier oben sitzen und uns entspannen können.«

»Diese Zeit werden wir zum Lernen brauchen, Ron!«, sagte Hermine, als sie sich auf den Weg durch den Korridor machten.

»Ja, aber nicht heute«, entgegnete Ron, »heute wird ein richtiger Schnarchtag, schätz ich.«

»Stopp mal!«, sagte Hermine, streckte den Arm aus und hielt einen vorbeikommenden Viertklässler an, der eine limonengrüne Scheibe umklammerte und sich an ihr vorbeizudrängen versuchte. »Fangzähnige Frisbees sind verboten, her damit«, erklärte sie ihm streng. Mit finsterer Miene überreichte ihr der Junge das knurrende Frisbee, tauchte unter Hermines Arm hindurch und lief seinen Freunden hinterher. Ron wartete, bis er verschwunden war, dann schnappte er Hermine das Frisbee aus der Hand.

»Spitze, so eins wollte ich schon immer haben.«

Hermines Protest ging in einem lauten Kichern unter; Lavender Brown fand Rons Bemerkung offenbar höchst amüsant. Sie lachte noch, als sie an ihnen vorbeiging, und warf Ron einen Blick über die Schulter zu. Ron wirkte recht zufrieden mit sich.

Die Decke der Großen Halle war von einem heiteren Blau und mit zarten Schleierwolken überzogen, genau wie die viereckigen Himmelsausschnitte, die durch die hohen Pfostenfenster zu sehen waren. Während sie sich über Haferschleim und Eier mit Speck hermachten, erzählten Harry und Ron Hermine von der peinlichen Unterhaltung mit Hagrid am Abend zuvor.

»Aber er kann doch nicht wirklich glauben, dass wir mit Pflege magischer Geschöpfe weitermachen!«, sagte sie mit bekümmerter Miene. »Ich meine, wann hat je einer von uns etwas … wie soll ich sagen … Begeisterung gezeigt?«

»Das ist es doch gerade, oder?«, sagte Ron, ein ganzes Spiegelei auf einmal verschlingend. »Wir waren diejenigen, die sich im Unterricht am meisten angestrengt haben, weil wir Hagrid mögen. Aber er denkt, dass wir das bescheuerte Fach mögen. Meint ihr, irgendjemand macht darin seinen UTZ?«

Weder Harry noch Hermine antworteten; es war nicht nötig. Sie wussten ganz genau, dass niemand in ihrem Jahrgang mit Pflege magischer Geschöpfe weitermachen wollte. Sie mieden Hagrids Blick, und als er zehn Minuten später den Lehrertisch verließ, erwiderten sie sein fröhliches Winken nur halbherzig.

Nachdem sie gegessen hatten, blieben sie auf ihren Plätzen und warteten darauf, dass Professor McGonagall vom Lehrertisch zu ihnen herunterkam. In diesem Jahr ging es bei der Verteilung der Stundenpläne komplizierter zu als sonst, denn Professor McGonagall musste sich zunächst vergewissern, dass alle die notwendigen ZAG-Noten erhalten hatten, um in ihren UTZ-Wahlfächern weitermachen zu dürfen.

Bei Hermine war sofort klar, dass sie Zauberkunst, Verteidigung gegen die dunklen Künste, Verwandlung, Kräuterkunde, Arithmantik, Alte Runen und Zaubertränke weiterbelegen durfte, und sie flitzte ohne weitere Umstände in die erste Stunde zu Alte Runen. Bei Neville dauerte es ein wenig länger, bis alles geklärt war. Sein rundes Gesicht wirkte besorgt, während Professor McGonagall seine Anmeldung durchging und dann seine ZAG-Ergebnisse prüfte.

»Kräuterkunde, schön«, sagte sie. »Professor Sprout wird erfreut sein, wenn Sie mit einem ›Ohnegleichen‹-ZAG wieder zu ihr kommen. Und Sie haben sich mit einem ›Erwartungen übertroffen‹ auch für Verteidigung gegen die dunklen Künste qualifiziert. Aber das Problem ist Verwandlung. Tut mir Leid, Longbottom, aber ein ›Annehmbar‹ ist wirklich nicht gut genug, als dass Sie bis zum UTZ-Abschluss weitermachen könnten, ich glaube einfach nicht, dass Sie in der Lage wären, das Kurspensum zu bewältigen.«

Neville ließ den Kopf hängen. Professor McGonagall musterte ihn durch ihre quadratischen Brillengläser.

»Warum wollen Sie überhaupt mit Verwandlung weitermachen? Ich hatte nie den Eindruck, dass Sie besondere Freude daran hatten.«

Mit trauriger Miene murmelte Neville etwas von wegen »meine Großmutter möchte es«.

»Umpff«, schnaubte Professor McGonagall. »Es ist höchste Zeit, dass Ihre Großmutter lernt, auf den Enkel stolz zu sein, den sie hat, und nicht auf den, den sie gerne hätte – vor allem nach dem, was im Ministerium geschehen ist.«

Neville lief tiefrosa an und blinzelte verwirrt; Professor McGonagall hatte ihm noch nie ein Kompliment gemacht.

»Tut mir Leid, Longbottom, aber ich kann Sie nicht in meinen UTZ-Kurs lassen. Wie ich jedoch sehe, haben Sie ein ›Erwartungen übertroffen‹ in Zauberkunst – warum bewerben Sie sich nicht um einen UTZ in Zauberkunst?«

»Meine Großmutter hält Zauberkunst für ein Laberfach«, murmelte Neville.

»Nehmen Sie Zauberkunst«, sagte Professor McGonagall, »ich werde Augusta ein paar Zeilen schreiben und sie daran erinnern, dass Zauberkunst, nur weil sie bei den ZAGs in diesem Fach durchgefallen ist, nicht unbedingt wertlos ist.« Professor McGonagall lächelte ein wenig, als sie Nevilles skeptische und erleichterte Miene sah, tippte mit der Spitze ihres Zauberstabs auf einen leeren Stundenplan und überreichte ihn, nun mit seinen neuen Unterrichtsstunden ausgefüllt, Neville.

Dann wandte sie sich Parvati Patil zu, deren erste Frage lautete, ob Firenze, der hübsche Zentaur, immer noch Wahrsagen unterrichte.

»Er und Professor Trelawney teilen sich dieses Jahr den Unterricht«, sagte Professor McGonagall mit einer Spur von Missfallen in der Stimme; es war allgemein bekannt, dass sie das Fach Wahrsagen verachtete. »Den sechsten Jahrgang übernimmt Professor Trelawney.«

Fünf Minuten später machte sich Parvati auf den Weg zu Wahrsagen, sie wirkte etwas niedergeschlagen.

»So, Potter, Potter …«, sagte Professor McGonagall und wandte sich, ihre Aufzeichnungen zu Rate ziehend, an Harry. »Zauberkunst, Verteidigung gegen die dunklen Künste, Kräuterkunde, Verwandlung … alles in Ordnung. Ich muss sagen, ich war über Ihre Note in Verwandlung erfreut, Potter, sehr erfreut. Nun, warum wollen Sie nicht mit Zaubertränke weitermachen? Ich dachte, sie hätten den Ehrgeiz, ein Auror zu werden?«

»Das stimmt, aber Sie haben mir gesagt, dass ich dafür ein ›Ohnegleichen‹ in der ZAG-Prüfung brauche, Professor.«

»Ja, das brauchten Sie, als Professor Snape das Fach noch unterrichtete. Professor Slughorn allerdings ist vollauf zufrieden, wenn seine UTZ-Schüler ›Erwartungen übertroffen‹ als ZAG-Note haben. Wollen Sie Zaubertränke weiterhin belegen?«

»Ja«, sagte Harry, »aber ich hab keine Bücher oder irgendwelche Zutaten oder sonst was gekauft – «

»Ich bin sicher, Professor Slughorn wird Ihnen etwas leihen können«, sagte Professor McGonagall. »Sehr schön, Potter, hier ist Ihr Stundenplan. Oh, übrigens – zwanzig viel versprechende Talente haben sich bereits für die Quidditch-Mannschaft von Gryffindor eingetragen. Ich werde Ihnen die Liste zu gegebener Zeit zukommen lassen, dann können Sie die Testspiele nach Gutdünken festlegen.«

Ein paar Minuten später stand fest, dass Ron dieselben Fächer wie Harry belegen würde, und die beiden verließen zusammen den Tisch.

»Schau mal«, sagte Ron hocherfreut und betrachtete seinen Stundenplan, »wir haben jetzt eine Freistunde … und nach der Pause noch eine … und nach dem Mittagessen … Spitze!«

Sie kehrten in den Gemeinschaftsraum zurück, der leer war bis auf ein halbes Dutzend Siebtklässler, darunter Katie Bell, die als Einzige noch vom alten Quidditch-Team von Gryffindor übrig war, in das Harry in seinem ersten Schuljahr eingetreten war.

»Ich hab mir schon gedacht, dass du das kriegst, prima«, rief sie herüber und deutete auf das Kapitänsabzeichen auf Harrys Brust. »Sag mir Bescheid, wann deine Testspiele stattfinden!«

»Red keinen Stuss«, sagte Harry, »du brauchst nicht zum Testspiel zu kommen, ich hab dich fünf Jahre lang spielen sehen …«

»So darfst du gar nicht erst anfangen«, ermahnte sie ihn. »Du weißt nie, ob da draußen nicht noch jemand Besseres ist als ich. Es sind schon gute Mannschaften ruiniert worden, weil die Kapitäne nur die altbekannten Gesichter aufgestellt oder ständig ihre Freunde aufgenommen haben …«

Ron schien sich ein wenig unbehaglich zu fühlen und begann mit dem Fangzähnigen Frisbee zu spielen, das Hermine dem Viertklässler abgenommen hatte. Es schwirrte im Gemeinschaftsraum umher, fletschte die Zähne und versuchte Stücke von den Wandbehängen abzubeißen. Krummbein folgte ihm mit seinen gelben Augen und fauchte, wenn es ihm zu nahe kam.

Eine Stunde später verließen sie widerstrebend den sonnigen Gemeinschaftsraum und machten sich auf den Weg zum Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste vier Stockwerke tiefer. Hermine stand bereits in einer Schlange vor der Tür, den Arm voller dicker Bücher und mit bedrückter Miene.

»Wir haben so viele Hausaufgaben für Runen«, sagte sie besorgt, als Harry und Ron zu ihr stießen. »Einen vierzig Zentimeter langen Aufsatz, zwei Übersetzungen, und die hier muss ich bis Mittwoch lesen!«

»Gemeinheit«, gähnte Ron.

»Wart's nur ab«, sagte sie gereizt. »Ich wette, Snape halst uns jede Menge auf.«

Noch während sie sprach, öffnete sich die Klassenzimmertür und Snape kam in den Korridor, das fahle Gesicht wie immer von zwei Vorhängen aus fettigem schwarzem Haar umrahmt. Die Schüler in der Schlange verstummten schlagartig.

»Eintreten«, sagte er.

Beim Hineingehen sah Harry sich um. Snape hatte dem Raum bereits seine persönliche Note aufgezwungen; er war düsterer als üblich, da Vorhänge vor die Fenster gezogen waren, und er wurde von Kerzen beleuchtet. Neue Bilder schmückten die Wände, viele davon zeigten Menschen, die offenbar unter Schmerzen litten, denn sie wiesen grässliche Verletzungen oder seltsam verrenkte Körperteile auf. Keiner der Schüler sprach, während sie ihre Plätze einnahmen und ihre Blicke über die dunklen, grausigen Bilder ringsumher glitten.

»Ich habe Sie nicht aufgefordert, die Bücher hervorzuholen«, sagte Snape, schloss die Tür, trat hinter sein Pult und wandte sich der Klasse zu; Hermine ließ ihr Exemplar von Im Angesicht des Gesichtslosen hastig wieder in ihre Tasche fallen und verstaute sie unter ihrem Stuhl. »Ich will Ihnen etwas sagen und ich erwarte Ihre volle Aufmerksamkeit.«

Seine schwarzen Augen schweiften über ihre erhobenen Gesichter und verharrten den Bruchteil einer Sekunde länger auf Harrys Gesicht als auf den anderen.

»Sie hatten bislang fünf Lehrer in diesem Fach, meine ich.«

Meinst du … als ob du nicht zugesehen hättest, wie sie alle kamen und gingen, Snape, in der Hoffnung, du wärst der Nächste, dachte Harry bissig.

»Natürlich haben all diese Lehrer ihre eigenen Methoden und Schwerpunkte gehabt. Ich bin überrascht, dass so viele von Ihnen trotz dieses Durcheinanders einen ZAG in diesem Fach geschafft haben. Noch mehr wird es mich überraschen, wenn Sie alle mit dem UTZ-Pensum zurechtkommen, das noch viel anspruchsvoller sein wird.«

Snape begann, das Zimmer an den Wänden entlang abzuschreiten, und sprach jetzt mit leiserer Stimme; die Schüler machten lange Hälse, um ihn im Blick zu behalten.

»Die dunklen Künste«, sagte Snape, »sind zahlreich, vielgestaltig, in ständigem Wandel begriffen und unvergänglich. Der Kampf gegen sie ist wie der Kampf gegen ein vielköpfiges Ungeheuer, dem jedes Mal, wenn ihm ein Hals durchschlagen wird, ein weiterer Kopf nachwächst, noch wilder und gerissener als der alte. Sie kämpfen gegen das Unberechenbare, das sich Wandelnde, das Unzerstörbare.«

Harry starrte Snape an. Sicher war es das eine, die dunklen Künste als gefährlichen Feind zu respektieren, etwas anderes jedoch, wie Snape mit einem liebevoll zärtlichen Ton in der Stimme von ihnen zu reden?

»Ihre Verteidigung«, sagte Snape ein wenig lauter, »muss daher so flexibel und erfindungsreich sein wie die Künste, deren Wirkung Sie zu zerstören suchen. Diese Bilder«, er wies auf einige von ihnen, während er daran vorbeirauschte, »vermitteln einen recht guten Eindruck davon, wie es jenen ergeht, die beispielsweise dem Cruciatus-Fluch unterliegen« (er winkte mit der Hand in Richtung einer Hexe, die offenbar unter Todesqualen schrie), »die den Kuss des Dementors zu spüren bekommen« (ein Zauberer, der zusammengesackt und mit leeren Augen an einer Mauer lag) »oder die Angriffslust des Inferius herausfordern« (eine blutige Masse am Boden).

»Ist etwa ein Inferius gesichtet worden?«, fragte Parvati Patil mit schriller Stimme. »Ist es sicher, setzt er sie ein?«

»Der Dunkle Lord hat in der Vergangenheit schon Inferi eingesetzt«, sagte Snape, »das heißt, Sie täten gut daran, wenn Sie davon ausgehen würden, dass er sie wieder einsetzen könnte. Nun …«

Er schritt jetzt mit wehendem dunklem Umhang die andere Seite des Klassenzimmers entlang auf sein Pult zu, und wieder folgten ihm die Schüler mit ihren Blicken.

»… Sie sind, denke ich, im Gebrauch von ungesagten Zaubern völlige Anfänger. Was ist der Vorteil eines ungesagten Zaubers?«

Hermines Hand schoss in die Höhe. Snape nahm sich Zeit und sah rundherum jeden Einzelnen an, um sich zu vergewissern, dass er keine andere Wahl hatte. Dann sagte er kurz angebunden: »Nun gut – Miss Granger?«

»Unser Gegner ist nicht gewarnt, welche Art von Zauber wir einsetzen werden«, sagte Hermine, »was uns einen Vorteil von einer knappen Sekunde einbringt.«

»Eine Antwort, die fast wortwörtlich aus dem Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 6, übernommen wurde«, erwiderte Snape geringschätzig (drüben in der Ecke kicherte Malfoy), »aber im Wesentlichen korrekt ist. Ja, wem es gelingt, Magie einzusetzen, ohne Beschwörungsformeln auszurufen, der gewinnt beim Zaubern ein Überraschungsmoment. Natürlich sind nicht alle Zauberer dazu in der Lage; es ist eine Frage der Konzentration und der mentalen Stärke, die manchen«, und sein Blick ruhte erneut feindselig auf Harry, »fehlt.«

Harry wusste, dass Snape an ihre katastrophalen Okklumentikstunden im letzten Jahr dachte. Er hielt dem Blick stand und funkelte Snape böse an, bis dieser schließlich wegsah.

»Sie werden sich nun aufteilen«, fuhr Snape fort, »und paarweise zusammengehen. Der eine Partner wird versuchen, den anderen ohne zu sprechen zu verhexen. Der andere wird versuchen, den Fluch ebenso stumm abzuwehren. Nun los.«

Snape wusste nicht, dass Harry im Jahr zuvor mindestens der Hälfte der Klasse (allen DA-Mitgliedern) beigebracht hatte, wie man einen Schildzauber ausführte. Keiner von ihnen hatte den Zauber aber jemals ohne zu sprechen ausgeführt. Ein gehöriges Maß an Schummelei folgte; viele sprachen die Beschwörung zwar nicht laut aus, aber sie flüsterten sie doch. Wie nicht anders zu erwarten war, schaffte es Hermine zehn Minuten nach Beginn dieser Übung, Nevilles gemurmelten Wabbelbein-Fluch abzuwehren, ohne ein einziges Wort auszusprechen, eine Großtat, die ihr bei jedem vernünftigen Lehrer sicher zwanzig Punkte für Gryffindor eingebracht hätte, wie Harry verbittert dachte, die Snape aber ignorierte. Während sie übten, schritt er zwischen ihnen einher und ähnelte dabei wie eh und je einer zu groß geratenen Fledermaus.

Dann hielt er inne, um Harry und Ron dabei zu beobachten, wie sie sich mit der Aufgabe quälten.

Ron, der Harry einen Fluch aufhalsen sollte, war puterrot im Gesicht und hatte die Lippen fest zusammengepresst, um sich daran zu hindern, die Beschwörungsformel zu murmeln. Harry hatte seinen Zauberstab erhoben und wartete gespannt wie ein Flitzebogen darauf, einen Fluch abzuwehren, auf den er wohl noch lange warten konnte.

»Erbärmlich, Weasley«, sagte Snape nach einer Weile. »Hier – ich will es Ihnen zeigen – «

Er richtete seinen Zauberstab so schnell auf Harry, dass der instinktiv reagierte; er dachte nicht mehr an die ungesagten Zauber und schrie: »Protego!«

Sein Schildzauber war so stark, dass Snape aus dem Gleichgewicht gerissen wurde und gegen ein Pult prallte. Die ganze Klasse hatte sich umgedreht und beobachtete nun, wie Snape sich mit finsterem Blick aufrichtete.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass wir ungesagte Zauber üben, Potter?«

»Ja«, erwiderte Harry steif.

»Ja, Sir.«

»Sie brauchen mich nicht ›Sir‹ zu nennen, Professor.«

Die Worte waren ihm entschlüpft, ehe er wusste, was er da sagte. Einigen Schülern stockte der Atem, auch Hermine. Hinter Snape jedoch grinsten Ron, Dean und Seamus anerkennend.

»Nachsitzen, Samstagabend, mein Büro«, sagte Snape. »Ich lasse es nicht zu, dass mir einer frech kommt, Potter … nicht einmal der Auserwählte.«

»Das war genial, Harry!«, gluckste Ron, als sie kurze Zeit später sicher auf dem Weg in die Pause waren.

»Du hättest es wirklich nicht sagen dürfen«, wandte Hermine ein und sah Ron missbilligend an. »Was ist in dich gefahren?«

»Er hat versucht, mir einen Fluch aufzuhalsen, falls du das nicht bemerkt hast!«, schnaubte Harry. »Davon hatte ich schon bei diesen Okklumentikstunden genug! Warum benutzt er nicht mal jemand anderen als Versuchskaninchen? Was soll das überhaupt, dass Dumbledore ihn Verteidigung lehren lässt? Hast du gehört, wie er über die dunklen Künste gesprochen hat? Er liebt sie! Das ganze Gerede über das Unberechenbare, Unzerstörbare - «

»Nun ja«, sagte Hermine, »ich dachte, er klingt ein bisschen wie du.«

»Wie ich?«

»Ja, als du uns erzählt hast, wie es ist, Voldemort die Stirn zu bieten. Du hast gesagt, dass es nicht nur darum geht, ein paar Flüche auswendig zu lernen, du hast gesagt, es gibt da nur dich, dein Gehirn und deinen Mumm – also, hat Snape das nicht eben auch gesagt? Dass es im Grunde nur darauf ankommt, mutig und flink im Kopf zu sein?«

Harry fand es so entwaffnend, dass sie sich seine Worte genauso eingeprägt hatte wie die aus dem Lehrbuch der Zaubersprüche, dass er nicht widersprach.

»Harry! Hey, Harry!«

Harry sah sich um; Jack Sloper, einer der Treiber aus der letztjährigen Quidditch-Mannschaft der Gryffindors, rannte mit einer Pergamentrolle in der Hand auf ihn zu.

»Für dich«, japste Sloper. »Hör mal, ich hab gehört, du bist der neue Kapitän. Wann machst du die Testspiele?«

»Ich weiß noch nicht genau«, sagte Harry und dachte insgeheim, dass Sloper schon viel Glück haben musste, um noch einmal in die Mannschaft aufgenommen zu werden. »Ich geb dir Bescheid.«

»Oh, in Ordnung. Ich hatte gehofft, sie wären dieses Wochenende – «

Aber Harry hörte nicht zu; er hatte gerade die feine, schräge Schrift auf dem Pergament erkannt. Er ließ Sloper mitten im Satz stehen, hastete mit Ron und Hermine davon und entrollte beim Gehen das Pergament.

Lieber Harry,

ich würde gerne diesen Samstag mit unserem Einzelunterricht beginnen. Bitte komme um acht Uhr abends in mein Büro. Ich hoffe, du genießt deinen ersten Tag zurück an der Schule.

Mit herzlichem Gruß

Albus Dumbledore

PS: Ich mag Säuredrops.

»Er mag Säuredrops?«, sagte Ron, der über Harrys Schulter hinweg die Nachricht gelesen hatte und verdutzt dreinsah.

»Das ist das Passwort, um an dem Wasserspeier vor seinem Büro vorbeizukommen«, sagte Harry mit gedämpfter Stimme. »Ha! Snape wird sich nicht gerade freuen … dann kann ich nicht bei ihm nachsitzen!«

Er, Ron und Hermine überlegten während der gesamten Pause, was Dumbledore Harry wohl beibringen würde. Ron hielt es für am wahrscheinlichsten, dass es spektakuläre Flüche und Zauber sein würden, die Todesser nicht kannten. Hermine meinte, solche Dinge seien illegal, und glaubte eher, dass Dumbledore Harry in fortgeschrittener defensiver Magie unterrichten wolle. Nach der Pause ging sie zu Arithmantik, während Harry und Ron in den Gemeinschaftsraum zurückkehrten, wo sie sich widerwillig an Snapes Hausaufgaben machten. Die erwiesen sich als so kompliziert, dass die beiden noch immer nicht fertig waren, als Hermine sich für die Freistunde nach dem Mittagessen wieder zu ihnen gesellte (allerdings beschleunigte sie die Arbeit beträchtlich). Als es am Nachmittag zur Doppelstunde Zaubertränke läutete, waren sie gerade fertig und machten sich auf den vertrauten Weg hinunter in den Kerkerraum, der so lange Snapes Klassenzimmer gewesen war.

Im Korridor angelangt, sahen sie, dass nur ein Dutzend Leute hier bis zum UTZ weitermachten. Crabbe und Goyle hatten den erforderlichen ZAG offensichtlich nicht geschafft, aber vier Slytherins waren durchgekommen, darunter Malfoy. Vier Ravenclaws waren da und ein Hufflepuff, Ernie Macmillan, den Harry trotz seiner recht wichtigtuerischen Art mochte.

»Harry«, sagte Ernie selbstgefällig und streckte ihm, als er sich näherte, die Hand entgegen, »wir hatten keine Gelegenheit, uns heute Morgen in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu unterhalten. Einwandfreie Stunde, fand ich, aber Schildzauber sind für uns alte DA-Hasen natürlich ein alter Hut … und wie geht's euch, Ron – Hermine?«

Ehe sie mehr als »gut« sagen konnten, ging die Kerkertür auf und Slughorns Bauch kam ihm voran durch die Tür. Während sie einer nach dem anderen den Raum betraten, strahlte Slughorn, dass sich der große Walrossbart über seinem Mund bog, und er begrüßte Harry und Zabini besonders entzückt.

Der Kerker war, ganz ungewohnt, bereits von Dämpfen und seltsamen Gerüchen erfüllt. Harry, Ron und Hermine schnupperten interessiert, während sie an großen, brodelnden Kesseln vorbeigingen. Die vier Slytherins setzten sich zusammen an einen Tisch, ebenso die vier Ravenclaws. So blieb Harry, Ron und Hermine nichts anderes übrig, als sich einen Tisch mit Ernie zu teilen. Sie wählten den, der einem goldfarbenen Kessel am nächsten stand, von dem einer der verführerischsten Düfte ausging, die Harry je eingeatmet hatte: Irgendwie erinnerte er ihn gleichzeitig an Siruptorte, den holzigen Geruch eines Besenstiels und etwas Blumenartiges, von dem er meinte, es vielleicht im Fuchsbau schon einmal gerochen zu haben. Er merkte, dass er ganz langsam und tief atmete und dass die Dämpfe der Mischung in ihn hineinzusickern schienen wie ein Getränk. Eine große Zufriedenheit breitete sich in ihm aus; er grinste zu Ron hinüber, der träge zurückgrinste.

»Nun denn, nun denn, nun denn«, sagte Slughorn, dessen gewaltige Umrisse durch die vielen schimmernden Dämpfe waberten. »Bitte alle die Waagen hervorholen und Trankzutaten, und vergessen Sie Zaubertränke für Fortgeschrittene nicht …«

»Sir?«, sagte Harry und hob die Hand.

»Harry, mein Junge?«

»Ich habe kein Buch und keine Waage oder sonst was – und Ron auch nicht – wir wussten nicht, dass wir den UTZ doch machen können, verstehen Sie – «

»Ah, ja, Professor McGonagall hat das erwähnt … kein Problem, mein lieber Junge, gar kein Problem. Sie können heute Zutaten aus dem Vorratsschrank nehmen, und wir können Ihnen sicher eine Waage leihen und haben auch einen kleinen Bestand an alten Büchern hier, das wird reichen, bis Sie an Flourish & Blotts schreiben können …«

Slughorn ging zügig hinüber zu einem Eckschrank und nach kurzem Stöbern tauchte er mit zwei sehr lädiert wirkenden Exemplaren Zaubertränke für Fortgeschrittene von Libatius Borage auf, die er Harry und Ron zusammen mit zwei angelaufenen Waagen überreichte.

»Nun denn«, sagte Slughorn, kehrte vor die Klasse zurück und blähte seine ohnehin schon gewölbte Brust, dass die Knöpfe an seiner Weste abzuspringen drohten, »ich habe ein paar Zaubertränke für Sie vorbereitet, nur mal zum Anschauen, rein aus Interesse, verstehen Sie? Diese Art von Tränken sollten Sie herstellen können, wenn Sie Ihren UTZ abgelegt haben. Auch wenn Sie sie noch nicht selbst gemacht haben, dürften Sie von ihnen gehört haben. Kann mir jemand sagen, was das hier für einer ist?«

Er zeigte auf den Kessel neben dem Slytherin-Tisch. Harry erhob sich ein wenig und sah etwas wie klares Wasser darin köcheln.

Hermines gut geübte Hand fuhr in die Höhe, noch ehe sonst jemand sich meldete; Slughorn deutete auf sie.

»Das ist Veritaserum, ein farbloser, geruchloser Zaubertrank, der den Trinkenden zwingt, die Wahrheit zu sagen«, erklärte Hermine.

»Sehr gut, sehr gut!«, erwiderte Slughorn hochzufrieden. »Nun«, fuhr er fort und wies auf den Kessel neben dem Ravenclaw-Tisch, »dieser hier ist recht bekannt … wurde kürzlich auch in einigen Merkblättern des Ministeriums erwähnt … wer kann –?«

Hermines Hand war wieder die schnellste.

»Es ist der Vielsaft-Trank, Sir«, sagte sie.

Auch Harry hatte die gemächlich blubbernde, schlammartige Substanz im zweiten Kessel erkannt, nahm es Hermine jedoch nicht übel, dass sie das Lob für die Beantwortung der Frage einheimste; immerhin war sie es gewesen, der es damals in ihrem zweiten Schuljahr gelungen war, ihn herzustellen.

»Ausgezeichnet, ausgezeichnet! Nun, dieser hier … Ja, meine Liebe?« Slughorn blickte nun leicht verwirrt, als Hermines Hand erneut in die Luft schoss.

»Das ist Amortentia!«

»In der Tat. Es scheint fast töricht zu fragen«, sagte Slughorn, der schwer beeindruckt aussah, »aber ich nehme an, Sie wissen, was er bewirkt?«

»Er ist der mächtigste Liebestrank der Welt!«, antwortete Hermine.

»Völlig richtig! Wie ich annehme, haben Sie ihn aufgrund seines charakteristischen Perlmuttschimmers erkannt?«

»Und wegen des Dampfes, der ganz typisch in Spiralen aufsteigt«, sagte Hermine schwärmerisch, »und der angeblich für jeden von uns anders riecht, je nachdem, was wir anziehend finden – ich kann frisch gemähtes Gras und ein neues Pergament und …«

Aber sie lief leicht rosa an und beendete den Satz nicht.

»Darf ich Ihren Namen erfahren, meine Liebe?«, fragte Slughorn, ohne Hermines Verlegenheit zu beachten.

»Hermine Granger, Sir.«

»Granger? Granger? Sind Sie womöglich verwandt mit Hector Dagworth-Granger, der die Extraordinäre Zunft der Trankmeister gegründet hat?«

»Nein, ich glaube nicht, Sir. Ich stamme von Muggeln ab, wissen Sie.«

Harry sah, wie Malfoy sich dicht zu Nott beugte und etwas flüsterte; beide kicherten, aber Slughorn war kein Entsetzen anzumerken; im Gegenteil, er strahlte und blickte von Hermine zu Harry, der neben ihr saß.

»Oho! Eine sehr gute Freundin von mir ist muggelstämmig und sie ist die Beste in unserem Jahrgang! Ich nehme an, das ist diese Freundin, von der Sie sprachen, Harry?«

»Ja, Sir«, sagte Harry.

»Schön, schön, nehmen Sie zwanzig wohlverdiente Punkte für Gryffindor, Miss Granger«, sagte Slughorn liebenswürdig.

Malfoy schaute ungefähr so drein wie damals, als Hermine ihm ins Gesicht geschlagen hatte. Hermine drehte sich freudestrahlend zu Harry um und flüsterte: »Hast du wirklich zu ihm gesagt, dass ich die Beste in unserem Jahrgang bin? Oh, Harry!«

»Na und, was ist so beeindruckend daran?«, flüsterte Ron, der aus irgendeinem Grund verärgert aussah. »Du bist die Beste im Jahrgang – ich hätte es ihm auch gesagt, wenn er mich gefragt hätte!«

Hermine lächelte, legte jedoch den Finger an den Mund und machte »Schh!«, damit sie hören konnten, was Slughorn sagte. Ron schien leicht verstimmt.

»Amortentia erzeugt natürlich nicht wirklich Liebe. Es ist unmöglich, Liebe herzustellen oder nachzubilden. Nein, er verursacht nur starke Schwärmerei oder Besessenheit. Es ist der wohl gefährlichste und stärkste Zaubertrank in diesem Raum – o ja«, sagte er und nickte ernst zu Malfoy und Nott hinüber, die beide skeptisch grinsten. »Wenn Sie so viel vom Leben gesehen haben wie ich, werden Sie die Macht besessener Liebe nicht unterschätzen … Und nun«, fuhr Slughorn fort, »ist es an der Zeit, dass wir mit der Arbeit beginnen.«

»Sir, Sie haben uns nicht gesagt, was in dem dort drin ist«, bemerkte Ernie Macmillan und deutete auf einen kleinen schwarzen Kessel, der auf Slughorns Pult stand. Der Trank darin spritzte munter umher; er hatte die Farbe von geschmolzenem Gold und große Tropfen hüpften wie Goldfische über die Oberfläche, aber kein bisschen war bisher verschüttet worden.

»Oho«, sagte Slughorn erneut. Harry war sicher, dass Slughorn den Zaubertrank gar nicht vergessen, sondern wegen der dramatischen Wirkung gewartet hatte, bis man ihn danach fragte. »Ja. Dieser. Nun, dieser hier, meine Damen und Herren, ist ein höchst kurioser kleiner Trank namens Felix Felicis. Ich nehme an«, und er wandte sich lächelnd Hermine zu, die hörbar nach Luft schnappte, »dass Sie wissen, was Felix Felicis bewirkt, Miss Granger?«

»Es ist flüssiges Glück«, sagte Hermine aufgeregt. »Es bewirkt, dass man Glück hat!«

Die ganze Klasse schien sich ein wenig aufzurichten. Da Malfoy nun Slughorn endlich seine volle und ungeteilte Aufmerksamkeit widmete, konnte Harry von ihm nur noch den glatten blonden Hinterkopf sehen.

»Völlig richtig, nehmen Sie weitere zehn Punkte für Gryffindor. Ja, das ist ein merkwürdiger kleiner Trank, Felix Felicis«, sagte Slughorn. »Furchtbar kompliziert, ihn herzustellen, und eine Katastrophe, wenn er nicht gelingt. Wenn er allerdings richtig gebraut wird, wie dieser hier, dann werden Sie feststellen, dass alle Ihre Unternehmungen dazu neigen, zu gelingen … zumindest, bis die Wirkung nachlässt.«

»Warum trinken die Leute ihn nicht die ganze Zeit?«, fragte Terry Boot begierig.

»Weil er, wenn man ihn im Übermaß zu sich nimmt, ein Schwindelgefühl, Leichtsinn und gefährlich übersteigertes Selbstvertrauen verursacht«, sagte Slughorn. »Zu viel des Guten, verstehen Sie … höchst giftig in großen Mengen. Aber in Maßen eingenommen, und ganz selten …«

»Haben Sie ihn jemals genommen, Sir?«, fragte Michael Corner äußerst interessiert.

»Zweimal in meinem Leben«, sagte Slughorn. »Einmal, als ich vierundzwanzig war, und das andere Mal mit siebenundfünfzig. Zwei Esslöffel zum Frühstück. Zwei perfekte Tage.«

Er blickte träumerisch ins Leere. Ob er hier nun schauspielerte oder nicht, dachte Harry, die Wirkung war gut.

»Und das«, sagte Slughorn und kehrte offensichtlich wieder auf den Boden der Wirklichkeit zurück, »setze ich in der heutigen Stunde als Preis aus.«

Eine Stille trat ein, in der jedes Blubbern und Glucksen der Zaubertränke rundum zehnfach verstärkt wirkte.

»Ein Fläschchen Felix Felicis«, sagte Slughorn, nahm eine winzige verkorkte Glasflasche aus seiner Tasche und zeigte sie überall herum. »Genug für zwölf Stunden Glück. Von morgens bis abends wird Ihnen alles, was Sie unternehmen, gelingen.

Allerdings muss ich Sie warnen, Felix Felicis ist bei Wettbewerbsveranstaltungen eine verbotene Substanz … bei Sportereignissen zum Beispiel, Prüfungen oder Wahlen. Der Gewinner darf es also nur an einem gewöhnlichen Tag benutzen … und wird erleben, wie ein gewöhnlicher Tag zu einem außergewöhnlichen wird!

Also«, sagte Slughorn auf einmal energisch, »wie können Sie meinen sagenhaften Preis gewinnen? Nun, indem Sie die Seite zehn von Zaubertränke für Fortgeschrittene aufschlagen. Wir haben noch eine gute Stunde, das sollte Ihnen genügen, einen ordentlichen Versuch zu machen, den Sud des lebenden Todes hinzubekommen. Ich weiß, dass er komplizierter ist als alles, was Sie bisher in Angriff genommen haben, und ich erwarte von keinem einen perfekten Trank. Wer sich aber am geschicktesten anstellt, wird den kleinen Felix hier gewinnen. Und los geht's!«

Ein Scharren ertönte, als alle ihre Kessel heranzogen, und hier und da ein lautes Klappern, als sie ihre Waagen mit Gewichten beschwerten, doch niemand redete. Die Konzentration im Raum war fast greifbar. Harry sah Malfoy fieberhaft sein Zaubertränke für Fortgeschrittene durchblättern. Es hätte nicht deutlicher sein können, dass Malfoy diesen glücklichen Tag auf jeden Fall haben wollte. Harry beugte sich rasch über das ramponierte Buch, das Slughorn ihm geliehen hatte.

Genervt stellte er fest, dass der vorige Besitzer die Seiten voll gekritzelt hatte, so dass die Ränder genauso schwarz waren wie die bedruckten Stellen. Harry beugte sich tief hinunter, um die Zutatenliste zu entziffern (sogar hier hatte der Vorbesitzer Anmerkungen gemacht und Dinge durchgestrichen), dann hastete er hinüber zum Vorratsschrank, um sich zu holen, was er brauchte. Als er zu seinem Kessel zurückeilte, sah er, wie Malfoy so schnell er konnte Baldrianwurzeln klein schnitt.

Alle warfen andauernd Blicke umher, um zu sehen, was die anderen taten; es war ein Vorteil und zugleich ein Nachteil des Zaubertrankunterrichts, dass man seine Arbeit kaum geheim halten konnte. Nach zehn Minuten stand der ganze Raum unter bläulichem Dampf. Hermine schien natürlich am weitesten vorangekommen zu sein. Ihr Trank ähnelte bereits der »glatten Flüssigkeit von der Farbe Schwarzer Johannisbeeren«, die als wünschenswertes Zwischenergebnis im Buch vermerkt war.

Als Harry seine Wurzeln zerhackt hatte, beugte er sich wieder tief über sein Buch. Es war wirklich sehr ärgerlich, dass er sich auch noch damit abmühen musste, die Rezeptanweisungen unter all den dummen Kritzeleien des Vorbesitzers zu entziffern, dem aus irgendeinem Grund die Anordnung nicht gefallen hatte, dass die Schlafbohne klein geschnitten werden müsse, und der stattdessen eine andere Anweisung hineingeschrieben hatte:

Mit der stumpfen Seite eines silbernen Dolchs zerdrücken, holt den Saft besser heraus als Kleinschneiden.

»Sir, ich glaube, Sie kannten meinen Großvater, Abraxas Malfoy?«

Harry sah auf; Slughorn ging gerade am Slytherin-Tisch vorbei.

»Ja«, sagte Slughorn, ohne Malfoy anzublicken, »zu meinem Bedauern hörte ich, dass er verstorben ist, auch wenn es natürlich nicht unerwartet kam, Drachenpocken in seinem Alter …«

Und er ging weiter. Harry beugte sich feixend wieder über seinen Kessel. Ihm war klar, dass Malfoy erwartet hatte, wie Harry oder wie Zabini behandelt zu werden; vielleicht hatte er sogar auf eine kleine Vorzugsbehandlung gehofft, von der Art, wie er sie inzwischen von Snape gewohnt war. Es sah ganz so aus, als müsste Malfoy sich auf nichts als seine Fähigkeiten verlassen, um das Fläschchen Felix Felicis zu gewinnen.

Die Schlafbohne klein zu schneiden erwies sich als äußerst schwierig. Harry drehte sich zu Hermine um.

»Kann ich mir mal dein silbernes Messer ausleihen?«

Sie nickte ungeduldig, ohne die Augen von ihrem Zaubertrank abzuwenden, der immer noch tiefpurpurrot war, obwohl er dem Buch nach mittlerweile einen leichten Lilastich hätte annehmen müssen.

Harry zerdrückte seine Bohne mit der stumpfen Seite des Dolchs. Zu seinem Erstaunen sonderte sie unverzüglich so viel Saft ab, wie er der schrumpeligen Bohne gar nicht zugetraut hätte. Hastig schöpfte er alles in den Kessel und stellte überrascht fest, dass der Trank sofort genau den Lilaton annahm, der im Lehrbuch beschrieben war.

Harrys Ärger über den Vorbesitzer verflog auf der Stelle, und er spähte nun auf die nächste Zeile der Anweisungen. Laut Buch musste er den Sud gegen den Uhrzeigersinn umrühren, bis er klar wie Wasser wurde. Laut Anmerkung jedoch, die der Vorbesitzer hinzugefügt hatte, sollte er, immer wenn er siebenmal gegen den Uhrzeigersinn gerührt hatte, einmal in die andere Richtung rühren.

Konnte der alte Besitzer auch ein zweites Mal Recht haben?

Harry rührte gegen den Uhrzeigersinn, hielt den Atem an und rührte einmal im Uhrzeigersinn. Die Wirkung folgte unmittelbar. Der Trank nahm ein blässliches Rosa an.

»Wie machst du das?«, wollte Hermine wissen. Ihr Gesicht war gerötet und ihre Haare wurden in den Dämpfen ihres Kessels immer buschiger; ihr Trank blieb beharrlich bei seiner purpurnen Farbe.

»Rühr zusätzlich einmal im Uhrzeigersinn – «

»Nein, nein, im Buch steht, gegen den Uhrzeigersinn!«, fuhr sie ihn an.

Harry zuckte die Achseln und rührte weiter. Siebenmal gegen den Uhrzeigersinn, einmal im Uhrzeigersinn, Pause … siebenmal gegen den Uhrzeigersinn, einmal im Uhrzeigersinn …

Auf der anderen Seite des Tisches fluchte Ron leise vor sich hin; sein Gebräu sah aus wie flüssige Lakritze. Harry blickte sich um. Soweit er sehen konnte, war kein anderer Zaubertrank so blass geworden wie seiner. Er geriet in Hochstimmung, etwas, das ihm in diesem Kerker wahrlich noch nie passiert war.

»Und die Zeit ist … um!«, rief Slughorn. »Nicht mehr rühren, bitte!«

Slughorn ging langsam zwischen den Tischen durch und lugte in die Kessel. Er gab keine Kommentare ab, rührte nur hin und wieder in einem Trank oder schnupperte daran. Schließlich kam er zu dem Tisch, an dem Harry, Ron, Hermine und Ernie saßen. Er lächelte mitleidig über die teerartige Substanz in Rons Kessel. Ernies marineblaues Gebräu überging er. Hermines Zaubertrank bedachte er mit einem anerkennenden Nicken. Dann sah er Harrys Trank, und auf seinem Gesicht breitete sich ein Ausdruck ungläubiger Freude aus.

»Der klare Sieger!«, rief er durch den Kerker. »Ausgezeichnet, ausgezeichnet, Harry! Mein Gott, Sie haben eindeutig das Talent Ihrer Mutter geerbt, sie war ein richtiges Ass in Zaubertränke, unsere Lily! Also, hier, bitte sehr, bitte sehr – eine Flasche Felix Felicis, wie versprochen, und verwenden Sie es mit Bedacht!«

Harry ließ das Fläschchen mit der goldenen Flüssigkeit in seine Innentasche gleiten, und er empfand eine seltsame Mischung von Genugtuung angesichts der wütenden Blicke auf den Slytherin-Gesichtern und von schlechtem Gewissen wegen Hermines enttäuschter Miene. Ron wirkte schlichtweg verdattert.

»Wie hast du das gemacht?«, flüsterte er Harry zu, als sie den Kerker verließen.

»Hab einfach Glück gehabt, schätze ich«, erwiderte Harry, weil Malfoy in Hörweite war.

Doch sobald sie bequem und geschützt am Gryffindor-Tisch beim Abendessen saßen, fühlte sich Harry sicher genug, um es ihnen zu erzählen. Hermines Gesicht wurde mit jedem seiner Worte starrer.

»Ich vermute, du denkst, ich hätte geschummelt?«, schloss er, verärgert darüber, was sie für ein Gesicht machte.

»Also, das war eigentlich gar nicht deine Arbeit, oder?«, sagte sie steif.

»Er hat sich nur an andere Anweisungen gehalten als wir«, sagte Ron. »Hätte auch 'ne Katastrophe werden können, oder? Aber er hat was riskiert und es hat sich gelohnt.« Er seufzte. »Slughorn hätte auch mir dieses Buch geben können, aber nein, ich krieg eins, in das nie jemand reingeschrieben hat. Höchstens drübergekotzt, so, wie Seite zweiundfünfzig aussieht, aber – «

»Warte mal«, sagte eine Stimme dicht an Harrys linkem Ohr, und plötzlich wehte dieser Blumenduft zu ihm herüber, den er in Slughorns Kerker wahrgenommen hatte. Er wandte sich um und sah, dass Ginny zu ihnen gekommen war. »Hab ich richtig gehört? Du hast Anweisungen befolgt, die jemand in ein Buch geschrieben hat, Harry?«

Sie schien beunruhigt und wütend. Harry wusste sofort, was sie beschäftigte.

»Das hat nichts zu bedeuten«, sagte er beschwichtigend und senkte die Stimme. »Es ist nicht wie, du weißt schon, Riddles Tagebuch. Es ist nur ein altes Schulbuch, in das jemand reingekritzelt hat.«

»Aber du tust, was es sagt?«

»Ich hab nur ein paar von den Tipps ausprobiert, die an den Seitenrändern stehen, ehrlich, Ginny, da ist nichts Merkwürdiges – «

»Ginny hat Recht«, sagte Hermine, die sofort wieder munter wurde. »Wir sollten nachsehen, ob damit alles in Ordnung ist. Ich meine, diese ganzen komischen Anweisungen, wer weiß?«

»Hey!«, sagte Harry empört, als sie ihm sein Exemplar Zaubertränke für Fortgeschrittene aus der Tasche zog und ihren Zauberstab hob.

»Specialis revelio!«, sagte sie und versetzte dem Buch einen heftigen Schlag auf den vorderen Deckel.

Es geschah überhaupt nichts. Das Buch lag einfach da, alt und schmutzig und mit Eselsohren.

»Fertig?«, sagte Harry genervt. »Oder willst du warten, ob es ein paar Saltos rückwärts macht?«

»Es scheint okay zu sein«, erwiderte Hermine, die immer noch argwöhnisch auf das Buch starrte. »Ich meine, es scheint tatsächlich … einfach nur ein Schulbuch zu sein.«

»Gut. Dann will ich es wiederhaben«, sagte Harry und schnappte es sich vom Tisch, doch es glitt ihm aus der Hand und landete aufgeschlagen auf dem Boden.

Niemand sonst achtete darauf. Harry bückte sich, um das Buch aufzuheben, und dabei sah er, dass am unteren Rand des hinteren Buchdeckels etwas in derselben kleinen, gedrängten Handschrift hingekritzelt war wie die Anweisungen, die ihm sein Fläschchen Felix Felicis eingebracht hatten, das jetzt sicher in einem Paar Socken in seinem Koffer oben versteckt lag.

Dieses Buch ist Eigentum des Halbblutprinzen.