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1
Freitag nachmittag. Das letzte Seminar war eben zu Ende gegangen, und die Studenten verließen den Hörsaal. Edward Lansing stand hinter dem Pult, sammelte seine Texte und Notizen ein und verstaute sie in der Aktentasche. Auf ihn wartete ein freies Wochenende, daran dachte er mit Wohlbehagen. Keine Unterrichtsvorbereitungen, keine kommunalpolitischen Verpflichtungen... noch hatte er nicht entschieden, was er mit den beiden Tagen anfangen wollte. Er könnte hinaus aufs Land fahren und die herbstliche Farbenpracht genießen. An diesem Wochenende würde sie sich in ihrer ganzen Schönheit entfalten. Er könnte Andy Spaulding anrufen, um mit ihm eine Wanderung zu planen. Alice Anderson könnte er fragen, ob sie mit ihm zu Abend essen wollte. Eventuell würde sich daraus etwas entwickeln. Er könnte aber auch gar nichts tun, sich in seinem Appartement verstecken, den Kamin anheizen, den Plattenspieler mit Mozart füttern und endlich all die Sachen lesen, die sich seit langem angesammelt hatten. Er klemmte die Aktentasche unter den Arm und ging durch die Tür. An der Korridorwand, ein paar Schritte vom Hörsaal entfernt, stand der Glücksspielautomat. Aus reiner Gewohnheit fuhr Lansing mit der Hand in die Hosentasche. Seine Finger betasteten die Münzen, die er dort fand. Am Spielautomaten blieb er stehen und schob ein Vierteldollarstück in den Schlitz. Dann drückte er den Hebel herunter. Die Maschine kicherte glucksend, ihre Walzen setzten sich in Bewegung. Ohne auf das Ergebnis zu warten, ging Lansing weiter. Es hatte keinen Sinn, bei der Maschine stehen zubleiben: niemand hatte je etwas gewonnen. Hin und wieder gingen Gerüchte von einem gewaltigen Jackpot um, aber Lansing war davon überzeugt, daß alle diese Geschichten von den Wohlfahrtsleuten in Umlauf gebracht wurden - aus Reklamezwecken.
Hinter ihm blieb die Maschine mit einem lauten Knacken stehen. Er drehte sich um und warf einen Blick auf die Walzen: eine Birne, eine Zitrone, eine Apfelsine. Die Maschine war im Stil der ersten Automaten gehalten. Damit wollte man sich die Nostalgiegefühle der Studenten zunutze machen. Also wieder einmal verloren! Aber das war nichts Ungewöhnliches. Er konnte sich nicht erinnern, jemals gewonnen zu haben. Es gab keine Gewinner. Vielleicht spielten die Leute nur aus einer Art patriotischem Pflichtgefühl an den Automaten. Lansing war sich in dieser Frage nicht sicher, aber es war durchaus möglich, daß die Spieler auf eine unbewußte Weise ihre Bürgerpflicht erfüllen wollten. Denn sie finanzierten damit den staatlichen Wohlfahrtsfonds. Das hatte dazu geführt, daß der schmerzhafte Druck der Einkommensteuer ein wenig gelockert werden konnte. Vom moralischen Standpunkt aus betrachtet erschien Lansing diese Regelung nicht ganz einwandfrei. Doch wie dem auch sein mochte, ob er das System schätzte oder nicht - es funktionierte. Er konnte es sich durchaus leisten, gelegentlich einen Vierteldollar für die Armen zu opfern, wenn er auf diesem Weg Steuern sparte. Der Automat hatte sich ausgeschaltet, seine Lichter waren erloschen. Lansing stand allein auf dem Gang. Er wandte sich ab und machte sich auf den Weg zu seinem Büro. Nun mußte er nur noch seine Tasche loswerden, dann stand dem freien Wochenende nichts mehr im Wege.
Als Lansing um die Ecke bog, sah er, daß jemand auf ihn wartete. Der junge Mann lehnte in einer provozierend schlaffen Haltung an der Wand neben Lansings Bürotür - die unvermeidliche Pose eines wartenden Studenten. Lansing ging an dem Burschen vorüber und zog seine Schlüssel aus der Tasche.
»Warten Sie auf mich?« fragte er.
»Thomas Jackson«, stellte sich der Student vor. »Sie haben mir einen Zettel ins Fach gelegt.«
»Stimmt, Mr. Jackson, jetzt fällt es mir ein«, erwiderte Lansing. Er öffnete die Tür und ließ den jungen Mann ein. Dann trat er hinter seinen Schreibtisch und knipste das Tischlämpchen an. »Bitte, nehmen Sie Platz!« Dabei zeigte er auf einen Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand.
»Vielen Dank, Sir«, entgegnete der Student. Lansing ging um den Tisch herum und ließ sich in seinem Sessel nieder. Dann blätterte er in einem Papierstapel zu seiner Linken, bis er gefunden hatte, was er suchte.
Ein kurzer Blick auf Jackson sagte ihm, daß der Junge nervös war.
Lansing schaute aus dem Fenster. Unter ihm erstreckten sich die Parkanlagen der Universität. Es war ein typischer Herbstnachmittag in Neuengland. Eine milde Sonne verwandelte das Laub der alten Birken in warmes Gold.
Der Professor blätterte langsam in einem schmalen Hefter. Er gab sich den Anschein, als würde er die Seiten lesen. »Mr. Jackson«, sagte er, »ich würde gern mit Ihnen über Ihr Referat sprechen. Es ist in mancher Hinsicht eine hochinteressante Arbeit.«
Der Student schluckte, bevor er antwortete: »Ich freue mich, daß es Ihnen gefällt.«
»Ich habe selten eine bessere Literaturkritik gelesen«, begann Lansing. »Sie müssen sehr viel Zeit und Nachdenken darauf verwendet haben. Das ist ganz eindeutig. Für diese Szene im Hamlet haben Sie ein ungewöhnliches Gespür entwickelt, und Ihre Ableitungen sind brillant. Eine Sache allerdings bereitet mir Kopfzerbrechen: die Quellen, die Sie zitieren.« Er legte den Hefter auf den Tisch zurück und sah dem Studenten ins Gesicht. Dieser versuchte, den Blick zu erwidern, aber dann wurden seine Augen feucht, und er wandte den Kopf ab.
»Ich wüßte zum Beispiel gern, wer dieser Crawford ist«, erklärte Lansing. »Oder Wright. Oder Forbes. Es dürfte sich doch um anerkannte Shakespeare-Forscher handeln, aber ich habe noch nie von ihnen gehört.« Jackson gab keine Antwort.
»Was mich beschäftigt«, fuhr Lansing fort, »ist die Frage, warum Sie die Namen überhaupt ins Spiel gebracht haben. Ihr Referat käme gut ohne sie aus. Hätten Sie sie nicht erwähnt, hätte ich -obwohl der bisherige Verlauf Ihres Studiums dagegenspricht -angenommen, daß Sie sich endlich auf den Hosenboden gesetzt und zu arbeiten begonnen haben. Nach meinen Unterlagen über Sie wäre das zwar eine unwahrscheinliche Erklärung, aber ich hätte im Zweifel für Sie entschieden. Wenn das hier ein Streich sein soll, dann finde ich ihn nicht sehr spaßig. Vielleicht können Sie mir die Angelegenheit erläutern. Ich bin gern bereit, Sie anzuhören.« Der Student antwortete mit überraschender Bitterkeit in der Stimme: »Das war der verdammte Automat!« schimpfte er. »Ich glaube, ich kann Ihnen nicht ganz folgen. Was für ein Automat?«
»Ich brauchte unbedingt eine gute Note, verstehen Sie?« stotterte Jackson. »Wenn das Referat kein Erfolg würde, hätte ich das ganze Seminar abschreiben können, das war mir klar. Das aber durfte nicht passieren. Ich habe mir ernstlich Mühe mit dem Thema gegeben, aber ich habe es nicht in den Griff bekommen. Also bin ich zu dem Automaten gegangen und.« »Ich frage Sie noch einmal«, unterbrach ihn Lansing, »was hat der Automat mit der Angelegenheit zu tun?« »Es ist ein Glücksspielautomat«, erwiderte Jackson. »Oder vielmehr: Es sieht wie einer aus, aber ich glaube, es ist etwas anderes. Nur wenige Leute wissen von der Maschine. Es wäre auch nicht gut, wenn es allgemein publik würde.« Er warf Lansing einen bittenden Blick zu, und Lansing fragte: »Wenn dieser Automat ein Geheimnis bleiben soll, warum erzählen Sie mir dann von ihm? Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich doch nicht alles ausplaudern. Lieber würde ich es mit einem Bluff versuchen. Sie vermasseln ja den anderen die Tour.«
Natürlich glaubte Lansing nicht an die Geschichte von dem Glücksspielautomaten, nicht einen Augenblick lang hatte er daran geglaubt. Er versuchte, seinen Gesprächspartner unter Druck zu setzen, um auf diese Weise der Wahrheit auf die Spur zu kommen.
»Nun, Sir, ich will versuchen, Ihnen zu erklären, wie ich die Sache sehe«, sagte Jackson. »Sie könnten denken, ich will mir einen Jux machen, oder ich hätte jemanden dafür bezahlt, daß er die Arbeit für mich schreibt. Sie könnten viele Dinge annehmen. Was Sie auch denken mögen, Sie werden mich durchfallen lassen, und das kann ich mir nicht leisten. Ich bin wirklich am Ende. Und da habe ich mir gesagt, wenn ich es mit der Wahrheit probiere. Es ist ein Versuch, verstehen Sie? Ich hatte einfach gehofft, Sie würden mich nicht durchfallen lassen, wenn ich Ihnen die Wahrheit sage.«
»Das ist sehr anständig von Ihnen«, entgegnete Lansing. »Wirklich sehr anständig. Aber ein Spielautomat.« »Er steht im Ausschußgebäude, Sir. Im Haus des Studentenausschusses.«
»Ja, ich weiß, welches Gebäude Sie meinen.« »Unten im Souterrain«, sagte Jackson. »Im Ratskeller. Neben der Theke ist eine Tür. Sie wird nie benutzt, fast nie. Dahinter ist eine Art Abstellkammer, aber niemand geht dort hinein. Vielleicht wurde der Raum früher einmal als Abstellkammer verwendet. Es stehen nur ein paar Dinge darin. Man hat sie vor langer Zeit dort untergebracht und dann vergessen. In einer finsteren Ecke steht der Spielautomat oder etwas, das wie ein Automat aussieht. Wenn jemand die Kammer zufällig betritt, wird er sich den Kasten kaum ansehen. Man hat den Automaten absichtlich in diese Ecke geschoben. Jeder, der ihn sieht, muß denken, daß er defekt ist.« »Es sei denn«, stellte Lansing fest, »man weiß, was es mit ihm auf sich hat.«
»Genau, Sir. Soll das heißen, daß Sie mir glauben?«
»Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Lansing. »Ich wollte Ihnen nur weiterhelfen. Sie waren vom eigentlichen Thema abgekommen, und ich wollte Sie wieder auf das richtige Gleis bringen.«
»Vielen Dank, Sir. Das war sehr freundlich von Ihnen. Ich bin tatsächlich ein wenig abgeschweift. Man geht also zu dem Automaten und steckt einen Vierteldollar hinein. Dann wacht der Kasten auf und beginnt zu sprechen. Er fragt, was man von ihm wünsche.«
»Soll das etwa heißen, daß der Automat sprechen kann?« »So ist es, Sir. Der Automat fragt einen, was man von ihm will, und man sagt es ihm. Dann meldet er, was es kosten wird. Wenn man ihn bezahlt hat, liefert er das Gewünschte. Er kann zu fast jedem Thema ein Referat auswerfen. Man sagt ihm einfach, was.«
»Das also haben Sie getan. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu sagen, wieviel Sie bezahlen mußten?« »Nein, natürlich nicht. Zwei Dollar, das war alles.« »Verdammt billig«, murmelte Lansing.
»Ja, da haben Sie recht, Sir. Das war wirklich ein Schnäppchen.« »Wenn ich mir die Sache recht überlege«, bemerkte Lansing, »dann muß ich feststellen, ich finde es sehr ungerecht, daß nur ein paar ausgewählte Leute von der Wundermaschine wissen. Stellen Sie sich doch nur die Hunderte von Studenten vor, die eben jetzt über ihren Tischen hocken und sich die Köpfe zerbrechen, nur um einen Satz niederzuschreiben, der wenigstens eine Spur von Sinn ergibt. Die brauchten doch nur ins Studentengebäude zu gehen, und sie fänden eine Antwort auf alle ihre Fragen.«
Jackson saß wie erstarrt. »Sie glauben mir nicht, Sir. Sie denken, ich tische Ihnen ein Lügenmärchen auf.« »Haben Sie tatsächlich erwartet, daß ich Ihnen Ihre Geschichte abkaufe?«
»Ich weiß es nicht, Sir. Mir erschien alles so einfach, weil es sich tatsächlich um die Wahrheit handelt. Wenn Sie mir die Wahrheit nicht glauben wollen, hätte ich vielleicht doch besser lügen sollen.«
»Ja, Mr. Jackson, vielleicht wäre das besser gewesen.« »Was werden Sie nun tun, Sir?«
»Im Augenblick gar nichts. Ich werde mir die Sache während des Wochenendes durch den Kopf gehen lassen. Wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, werde ich es Sie wissen lassen.« Jackson stand unbeholfen auf und verließ das Büro. Lansing lauschte seinen Schritten, bis sie sich in der Ferne verloren. Dann legte er Jacksons Arbeit in eine Schublade und verschloß seinen Schreibtisch. Er nahm seine Aktentasche auf und ging zur Tür.
Auf halbem Wege blieb er stehen, drehte sich um und warf die Tasche auf den Tisch. Heute brauchte er nichts mit nach Hause zu nehmen. Am Wochenende hatte er frei, und das sollte auch so bleiben.
Während er durch die Eingangshalle des Gebäudes schlenderte, bereitete ihm das Fehlen der Aktentasche Unbehagen. Sie ist ein Teil von mir geworden, dachte er, so wie die Hosen und die Schuhe. Sie war ein Teil seiner Uniform. Seit Jahren trug er sie nun mit sich herum, ohne sie kam er sich fast nackt vor. Es erschien ihm irgendwie unanständig, sich ohne seine Tasche in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Als er gerade die breite Freitreppe vor dem Gebäude hinunterging, rief jemand seinen Namen. Er sah sich suchend um und entdeckte Andy Spaulding, der den Bürgersteig entlanghastete. Andy war ein alter Vertrauter und guter Freund, aber gelegentlich erwies er sich als aufgeblasene Nervensäge. Er war Soziologe, ein fähiger Kopf. Sein Verstand brodelte vor Einfällen geradezu über. Das Problem war nur, daß er seine Gedanken und Ideen nie für sich behalten konnte. Sobald er jemanden zu fassen bekam, fiel er über ihn her und goß einen Sturzbach von Gedanken über ihm aus. Dabei hielt er den andern an den Jackenaufschlägen fest, damit er nicht entkommen konnte. Die Gegenargumente zu seinen Thesen lieferte Andy gleich mit, in einem nie versiegenden Strom. Doch von alldem abgesehen war er ein zuverlässiger und aufrichtiger Kamerad. Im Grunde seines Herzens sah Lansing ihn gern.
Er wartete am Fuß der Treppe, bis Andy ihn eingeholt hatte. »Wie wäre es, wenn wir einen Spaziergang zum Club machten«, schlug Spaulding vor. »Ich werde einen ausgeben.«
2
Der Fakultätsclub war im Stockwerk über dem Studentenausschuß untergebracht. Seine Außenwand war vom Boden bis zur Decke verglast und bot einen schönen Ausblick auf einen kleinen See, der von Fichten und Birken gesäumt war. Lansing und Andy wählten einen Tisch direkt am Fenster. Spaulding hob sein Glas und sah Lansing über den Rand hinweg auffordernd an.
»Weißt du«, begann er, »in letzter Zeit habe ich oft darüber nachgedacht, ob es nicht ein Glück für uns wäre, wenn wir noch einmal von einer mittelalterlichen Plage heimgesucht würden. Zum Beispiel von der Pest, die im vierzehnten Jahrhundert ein Viertel der Bevölkerung Europas ausgelöscht hat. Meinetwegen auch von einem neuen Weltkrieg oder gar der Sintflut - von irgend etwas, das uns zu einem neuen Anfang zwingen würde. So könnten wir die Fehler auslöschen, die in den letzten tausend Jahren gemacht wurden. Wir erhielten die Gelegenheit, uns auf andere ökonomische und soziale Prinzipien zu besinnen. Eine Chance, der Mittelmäßigkeit zu entrinnen, eine Chance, die Gesellschaft auf eine weniger unheilvolle Weise zu organisieren. Das Arbeit-Lohn-System hat sich überlebt, es hat sich selbst vernichtet, aber dennoch halten wir immer noch daran fest.« » Meinst du nicht, daß die Methoden, die du vorschlägst, ein wenig drastisch sind?« wandte Lansing ein.
Indem er das sagte, wollte er Andy keineswegs zu einer Diskussion herausfordern. Niemand ließ sich auf ein Streitgespräch mit Andy ein. Wer es versuchte, wurde einfach überrollt. Andy redete weiter und weiter. Seine Stimme war von einer gewissen Eintönigkeit. Spaulding ging seine Gedanken der Reihe nach durch, er faßte sie in Worte und breitete sie - fast wie ein Kartenspiel - vor seinem Zuhörer aus. Wie gesagt, Lansing wollte nicht diskutieren. Es gehörte einfach zum Spiel, daß Andys Opfer an den geeigneten Stellen einen kleinen Einwand murmelten.
»Eines Tages«, fuhr Andy fort, »werden wir plötzlich feststellen wie es zu der Erkenntnis kommen wird, kann ich noch nicht sagen -, daß alle Mühen der Menschheit vergeblich waren, denn die Anstrengungen zielten in die falsche Richtung. Seit Jahrhunderten haben wir nach Wissen gestrebt. Im Namen der Vernunft haben wir uns abgemüht. Auf die gleiche vernunftvolle Weise, mit der die Alchimisten einst eine Methode suchten, um aus gewöhnlichem Metall Gold zu machen. Wir werden erkennen, daß unsere Wissenssuche in eine Sackgasse führt. Wenn man einen bestimmten Punkt überschreitet, bekommt man auf die Frage nach der Bedeutung keine Antwort mehr. In der Astrophysik haben wir diesen Punkt fast erreicht. Es müssen nur noch ein paar Jahre verstreichen, dann werden die alten und soliden Theorien über Raum und Zeit in sich zusammenfallen. Wir werden mitten in den Trümmern dieser Theorien stehen und erkennen, daß sie wertlos sind und immer wertlos waren. Dann könnte es keinen Sinn mehr haben, das Universum weiterhin zu erforschen. Wir könnten feststellen, daß es keine universellen Gesetze gibt und das Universum vom Zufall oder etwas Schlimmerem regiert wird. All das eifrige Forschen über die Natur des Weltalls und vieler anderer Dinge ist doch nur begonnen worden, weil wir uns einen Vorteil davon versprochen haben. Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir das Recht haben, unseren Vorteil zu suchen. Es gibt nichts, was wir vom Universum fordern könnten.«
Lansing hielt sich an die Spielregeln. »Heute nachmittag scheint mir deine Stimmungslage pessimistischer als sonst«, warf er ein. »Ich bin keineswegs der erste, der von diesem Pessimismus erfaßt wird«, entgegnete Andy. »Ich betrachte die Lage nur von einem besonderen Standpunkt. Vor Jahren gab es eine Schule von Philosophen, die auf eine ähnliche Art argumentierten. Zu jener Zeit waren die Kosmologen noch davon überzeugt, daß wir in einem endlichen Universum lebten. Heute wird diese Auffassung nicht mehr streng vertreten. Wir können nicht entscheiden, in welcher Art Universum wir leben. Es mag endlich sein, es mag unendlich sein - niemand kann das mit Bestimmtheit sagen. Es hängt alles davon ab, wieviel Materie es im Universum gibt, aber die Schätzungen schwanken. Es werden jedes Jahr, ja jeden Monat neue Werte angegeben. In jenen Tagen, als man noch allgemein an ein endliches Universum glaubte, gab es die Theorie, daß unser Wissen, da es ja in einem endlichen Raum wurzelt, notwendigerweise auch endlich sein muß. Irgendwo müsse es eine Grenze des Universums geben und folglich auch eine Grenze des Wissens. Es gebe soundso viel zu lernen, und wenn wir das erst einmal gelernt beziehungsweise erfahren hätten, dann wäre der Prozeß beendet. Das Wissen schritt zwar weiter fort, es akkumulierte und verdoppelte sich alle fünfzehn Jahre, wie man damals schätzte, aber man sagte einfach, daß man in gar nicht allzu langer Zeit, vielleicht in ein paar Jahrhunderten, an einen Punkt gelangt sein würde, wo die begrenzenden Faktoren eines endlichen Universums dem Wissenszuwachs Einhalt gebieten würden. Die Menschen, die diese Denkweise vertraten, gingen sogar so weit, Kurven und Diagramme zu entwerfen, auf denen man ablesen konnte, an welchem Punkt Forschung und technisches Wissen an ihr Ende gelangt sein würden.« »Aber du sagst doch«, entgegnete Lansing, »das endliche Universum wird heute nicht mehr als Tatsache anerkannt. Es kann durchaus unendlich sein.«
»Du hast nicht bemerkt, worauf ich hinaus will«, erwiderte Spaulding. »Es geht nicht darum, ob das Universum endlich oder unendlich ist. Ich habe die Frage nur als Beispiel verwendet. Damit wollte ich deinem Einwand begegnen, ich sei zu pessimistisch. Ich wollte erklären, daß es auch unter anderen Bedingungen Leute gegeben hat, die eine pessimistische Einstellung vertreten haben.
Ganz zu Anfang habe ich von den Segnungen, die eine Katastrophe für uns bringen könnte, gesprochen. Von einem Ereignis, das uns zum Umdenken, zur Suche nach einer neuen Lebensweise zwingen würde. Denn wir bewegen uns in einer Sackgasse, und -das ist besonders schlimm - wir bewegen uns mit Höchstgeschwindigkeit. Wenn wir das Ende der Sackgasse erreichen, gibt es einen großen Knall. Dann werden wir auf allen vieren zurückkriechen und uns immer wieder fragen, ob es nicht einen besseren Weg gegeben hätte. Mir geht es darum, daß wir uns jetzt - bevor wir das Ende der Gasse erreicht haben -besinnen und uns ebendiese Frage stellen.« Andy plapperte weiter, aber Lansing verschloß seine Ohren gegen das Geräusch; er hörte nur noch ein fernes, monotones Gemurmel.
Dies war also der Mann, dachte er, dem er fast eine Wochenendwanderung vorgeschlagen hätte. Wenn er den Vorschlag machte, würde Andy höchstwahrscheinlich zustimmen, denn seine Frau war an den nächsten beiden Tagen zu Besuch bei ihren Eltern in Michigan. Während sie wanderten, würde Andy das Sperrfeuer seiner Worte vermutlich nicht so dicht halten können wie im Augenblick, aber reden würde er allemal. Endlos würde er auf ihn einreden. Ein normaler Mensch mochte auf einer Wanderung ein gewisses Maß an Ruhe und Frieden genießen, aber bei Andy war das nicht der Fall. Für Andy gab es so etwas wie Ruhe und Frieden gar nicht, für ihn gab es nur nervtötendes Geplapper.
Lansing hatte auch darüber nachgedacht, ob er das Wochenende mit Alice Anderson verbringen sollte, aber auch diese Möglichkeit hatte ihre Tücken. Bei den letzten Gelegenheiten, wo er mit Alice zusammengewesen war, hatte er aus ihren Augen ein gewisses hoffnungsvolles Hochzeitsfunkeln herauslesen können. Wenn diese Entwicklung weiter kulminierte, konnte sie verhängnisvoller als Andys Nonstopgeschwätz werden.
Also lassen wir beides fallen, sagte sich Lansing. Er konnte auch allein aufs Land fahren. Oder er konnte das Wochenende in seinem Wohnzimmer bei Kaminfeuer, Musik und Lektüre verbringen. Sicher gab es noch zahlreiche andere Möglichkeiten, das Wochenende angenehm zu gestalten. Er ließ Andys Worte wieder an sich herankommen. »Hast du jemals über historische Krisenpunkte nachgedacht?« fragte dieser gerade.
»Nein, ich glaube nicht«, antwortete Lansing.
»Die Geschichte ist voll von solchen Punkten«, erklärte Andy.
»Und auf ihnen, auf der Summe aus ihnen, ruht die Welt, in der wir heute leben. Manchmal stelle ich mir die Frage, ob es nicht eine Anzahl alternativer Welten geben könnte.«
»Da bin ich mir sicher«, sagte Lansing, der wiederum nicht zugehört hatte. Er hatte den Ausflügen des Freundes ins Reich der Phantasie nicht folgen können. Draußen vor dem Fenster lag der See jetzt im Halbschatten, die Dunkelheit senkte sich herab.
Während Lansing aus dem Fenster starrte, spürte er, daß etwas nicht stimmte. Er konnte nicht sagen, was es war, aber es hatte sich etwas verändert. Dann dämmerte es ihm allmählich: Andy hatte aufgehört zu sprechen.
Lansing drehte den Kopf und sah seinen Freund über den Tisch hinweg an. Andy grinste ihm zu. »Ich habe eine Idee«, sagte er. »Und zwar?«