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3. Kapitel

Mit Ausnahme von einigen wenigen Gewalttätigkeiten gestalteten sich alle nachfolgenden Kontaktaufnahmen mit den Einheimischen, die ihren Planeten „Cromsag“ nannten, einfacher. Das war in erster Linie das Verdienst der Vespasian, deren Sender auf die Frequenzen der cromsaggischen Rundfunkkanäle eingestellt worden war, so daß ausführlich erklärt werden konnte, um wen es sich bei den fremden Außerplanetariern handelte, woher sie gekommen waren und weshalb sie sich hierherbegeben hatten. Und als das riesige Großkampfschiff schließlich landete und man sich daranmachte, Fertigteile auszuladen, um damit Krankenhäuser und Zentralstellen zur Verteilung von Nahrungsmitteln für die Überlebenden des Kriegs zu errichten, nahmen die bisher rein mündlich geäußerten Beteuerungen Form und konkrete Gestalt an, und jegliche Feindseligkeit gegenüber den fremden Eindringlingen wurde eingestellt.

Das bedeutete allerdings nicht, daß Einheimische und Außerplanetarier zu Freunden wurden.

Lioren war sich sicher, daß er alles über die Cromsaggi wußte, außer wie ihr Verstand funktionierte. Durch die Leichen erst kurz zuvor gefallener DCSLs, die in den Kriegsgebieten liegen gelassen worden waren, hatte er ein vollständiges und genaues Bild von der Physiologie und dem Metabolismus der Spezies gewonnen. Dadurch wiederum war es möglich geworden, die Wunden der Cromsaggi mit zuverlässigen Medikamenten zu behandeln und den Krieg unrühmlich mit Schwaden von Betäubungsgas zu beenden. Das Aufklärungsschiff Tenelphi war als schnelles Kurierschiff eingespannt worden und flog zwischen Cromsag und dem Orbit Hospital hin und her. In der einen Richtung beförderte es tote DCSLs, die eingehender untersucht werden mußten, und in der anderen die Ergebnisse des Leiters der Pathologie, Thornnastor, der Liorens Hypothesen häufiger bestätigte als widerlegte.

Doch selbst für den Diagnostiker Thornnastor stellte es sich als äußerst schwierige Aufgabe heraus, die cromsaggische Krankheit zu isolieren und zu identifizieren. Für die Untersuchung wurden eher lebende als tote DCSLs benötigt, die nach Möglichkeit das gesamte Spektrum der Symptome vom ersten Auftreten bis kurz vor dem tödlichen Ausgang des Leidens abdeckten, und darum entsandte man die Rhabwar, das spezielle Ambulanzschiff des Hospitals, um sich in diesen verschiedenen Stadien erkrankte Cromsaggi zu beschaffen. Aber noch verwirrender als die Seuche selbst, der die Opfer stets erlagen, bevor sie ein mittleres Alter erreicht hatten, war ihre innere Einstellung dazu.

Zwar hatte sich ein an der Seuche Erkrankter bereit erklärt, mit Lioren über sich selbst zu sprechen, aber durch seine Äußerungen war die Verwirrung des Oberstabsarztes nur noch größer geworden. Vom Patienten kannte Lioren nur die Nummer der Krankenakte, denn die Cromsaggi betrachteten sowohl die mündliche als auch schriftliche Bezeichnung ihrer Identität als das allerwichtigste persönliche Eigentum, und obwohl dieser DCSL nicht mehr lange zu leben hatte, hätte er seinen Namen einem Fremden niemals preisgegeben. Als ihn Lioren fragte, warum viele der Cromsaggi die Außerplanetarier mit jeder Waffe angegriffen hätten, die ihnen in die Finger gekommen sei, sich untereinander aber ausschließlich mit Zähnen, Händen und Füßen bekämpften, antwortete der DCSL, daß es einem weder Ehre mache noch Nutzen bringe, ein Mitglied der eigenen Spezies zu töten, sofern es nicht mit großer Anstrengung und höchster Gefahr für das eigene Leben verbunden sei. Aus demselben Grund würden sie grundsätzlich davor haltmachen, einen schwerkranken, stark geschwächten oder bereits sterbenden Gegner umzubringen.

Ein anderes intelligentes Lebewesen zu ermorden war nach Liorens fester Überzeugung die unehrenhafteste Tat, die man sich überhaupt vorstellen konnte. Eigentlich hätte er in seiner Position die Ansichten anderer respektieren müssen, egal, wie seltsam und schockierend sie auch für jemanden mit seiner strengen tarlanischen Erziehung sein mochten, aber diesen Standpunkt der Cromsaggi konnte und wollte er nicht respektieren.

Um schnell das Thema zu wechseln, fragte er: „Warum werden die Verwundeten nach einem Kampf weggebracht? Um sie zu pflegen,

während die Toten unangetastet dort liegen bleiben, wo sie gefallen sind? Wie wir wissen, besitzt Ihre Spezies einige Kenntnisse über Medizin und Heilung. Weshalb lassen Sie die Toten also unbegraben liegen und riskieren die Ausbreitung weiterer Seuchen in Ihrer schon von Krankheit geplagten Bevölkerung? Wieso setzen Sie sich dieser vollkommen unnötigen Gefahr aus?“

Aufgrund der verheerenden Auswirkungen der Krankheit, die die gesamte Haut mit den blaßgelben Flecken überzogen hatte, war der Patient sehr geschwächt, und einen Augenblick lang fragte sich Lioren, ob der DCSL imstande war, ihm zu antworten, oder ob er die Fragen überhaupt gehört hatte.

Doch plötzlich entgegnete der Patient: „Eine verwesende Leiche stellt tatsächlich ein großes Gesundheitsrisiko für diejenigen dar, die nahe an ihr vorbeikommen. Die Gefahr und die Angst sind notwendig.“

„Aber warum?“ hakte Lioren nach. „Welchen Nutzen bringt es Ihnen, wenn Sie sich absichtlich angst machen, Schmerzen zufügen und sich einer Gefahr aussetzen?“

„Das gibt uns Kraft“, antwortete der Cromsaggi. „Eine Zeitlang, eine sehr kurze Zeit lang, fühlen wir uns wieder stark.“

„Wir werden dafür sorgen, daß Sie sich in kürzester Zeit auch ohne diese Kämpfe kräftig und stark fühlen“, beteuerte Lioren mit der Zuversicht eines Arztes, dem sämtliche Hilfsmittel der ärztlichen Wissenschaft der Föderation zur Verfügung standen. „Sie würden doch bestimmt lieber auf einem Planeten leben, auf dem es weder Krieg noch Krankheiten gibt, oder?“

Aus irgendeinem Teil seines geschwächten Körpers schien der Patient Kräfte zu sammeln, dann antwortete er: „So weit sich die Lebenden oder deren Vorfahren zurückerinnern können, hat es nie eine Zeit ohne Krieg und die Krankheit gegeben. Bei den Geschichten, die aus solchen Zeiten erzählt werden, als die mittlerweile über den ganzen Planeten verteilten Ruinen von Groß- und Kleinstädten noch von gesunden und glücklichen Cromsaggi bewohnt wurden, handelt es sich um Märchen, die man erzählt, um hungrige Kleinkinder zu trösten, Kinder, die bald groß genug sein werden, um zu kämpfen und nicht mehr an diese Märchen zu glauben.

Sie sollten uns weiterhin auf die Art überleben lassen, auf die wir immer überlebt haben, Fremder“, fuhr der Patient fort, während er sich bis zum äußersten anstrengte, sich auf der Trage aufzurichten. „Die Vorstellung von einer Welt ohne Krieg ist zu furchtbar, um sich darüber Gedanken machen zu können.“

Lioren stellte noch mehr Fragen, aber der Patient wollte nicht mehr mit ihm sprechen, obwohl er bei vollem Bewußtsein war und sein Gesundheitszustand sogar Anzeichen einer leichten Besserung aufwies.

Der Oberstabsarzt hatte keinerlei Zweifel, daß für das Leiden, von denen die etwas über zehntausend überlebenden Cromsaggi befallen worden waren, rasch ein medizinisches Heilverfahren entdeckt werden würde. Doch ob eine Spezies es wert war, gerettet zu werden, die Kriege ausschließlich mit den natürlichen Waffen führte, die ihr die Evolution zur Verfügung gestellt hatte, weil sie sich dadurch eine Zeitlang wohler fühlte, dessen war er sich nicht sicher. Durch die strengen Regeln, nach denen sich die Kämpfe richteten, stellte sich die Situation nicht weniger barbarisch dar. Zwar kämpften die DCSLs nicht gegen schwächere Gegner oder Kinder und auch nicht gegen die wenigen Cromsaggi, die sich in einem fortgeschrittenen Alter befanden, aber nur deshalb nicht, weil das persönliche Gefahrenelement — und somit wahrscheinlich auch die emotionale Befriedigung — geringer war. Lioren war froh, daß er nur die Verantwortung dafür trug, die an der Seuche Erkrankten körperlich gesund zu machen, und nicht dafür, den offenbar noch stärker in Mitleidenschaft gezogenen Verstand zu kurieren, der in ihren Körpern steckte.

Und dennoch gab es hin und wieder Augenblicke, in denen er sich bemühte, die Gedanken seiner Patienten von ihrem besorgniserregenden Gesundheitszustand auf andere Dinge zu lenken und ihnen den interstellaren Raumflug und die galaktische Föderation zu erklären. Er beschrieb ihnen die verblüffende Vielfalt an Gestalten und Größen, die intelligentes Leben annehmen konnte, und versuchte ihnen klarzumachen, daß der Planet, auf dem sie lebten, nur einer von vielen Hunderten von bewohnten Planeten war. Wie er dabei immer wieder feststellen konnte, besaß der Verstand der Cromsaggi trotz dieser furchterregenden und unerklärlichen Einstellung zum Tod fast dieselbe Beweglichkeit und Intelligenz wie sein eigener, wenn auch nicht das gleiche Maß an Bildung und Wissen.

In solchen Augenblicken trat im Gesundheitszustand der Patienten eine leichte und vorübergehende Besserung ein, und das brachte Lioren auf die Frage, ob nicht eines Tages ihr heftiges Verlangen nach der Gefahr und der emotionalen Erregung des Krieges und des Zweikampfs durch die vielen und noch schwierigeren Herausforderungen des Friedens gestillt werden könnte. Aber die DCSLs weigerten sich — oder waren vielleicht aufgrund ihrer durch die Kultur bedingten geistig-seelischen Ausrichtung nicht dazu in der Lage — , persönliche Informationen über ihr Sozialverhalten, ihren Sittencodex oder ihre Ansichten zu irgendeinem Thema preiszugeben, es sei denn, der betreffende Patient war, wie im gegenwärtigen Fall, schwer erkrankt und verfügte nur noch über geringe geistige Widerstandskraft.

Die Wahrheit war, daß Lioren keine Ahnung hatte, was die Patienten empfanden, weder in bezug auf sich selbst noch auf jemanden anderen oder sonst irgend etwas, und die Standardfrage des behandelnden Arztes „Wie geht es Ihnen heute?“ wurde nie beantwortet.

In zwei Tagen wurde das Eintreffen der Rhabwar erwartet, und Lioren entschied, daß der Patient, mit dem er das persönliche Gespräch geführt hatte, zu denjenigen gehörte, die mit dem Ambulanzschiff zur Untersuchung und Behandlung ins Orbit Hospital geflogen werden sollten.

Als die Rhabwar schließlich eintraf, bat er den ranghöchsten medizinischen Offizier des Schiffs um eine Unterredung. Dabei handelte es sich um einen gewissen Doktor Prilicla, einen Cinrussker, der als Mitglied der einzigen empathischen Spezies der Föderation die Gefühle all der Wesen kannte, die sich in seiner näheren Umgebung aufhielten.

Sowohl aus praktischen als auch aus persönlichen Gründen wollte Lioren Prilicla nicht in das überfüllte Schiffslazarett der Vespasian kommen lassen, sondern bat darum, die Besprechung auf dem Unfalldeck der Rhabwar abzuhalten. Denn auf der Vespasian war die allgemeine emotionale Ausstrahlung durch die Patienten viel stärker und hätte dem Besucher zweifellos zu schaffen gemacht — einem Fachkollegen gegenüber rücksichtsvoll zu sein konnte ja nicht schaden. Außerdem bestand auf dem Ambulanzschiff eine geringere Wahrscheinlichkeit, daß Liorens Untergebene seine eigene Unsicherheit gegenüber den Cromsaggi bemerkten. Nach der festen Überzeugung des Oberstabsarztes mußte man nämlich in leitender Stellung stets einen sicheren und überzeugenden Eindruck machen, wenn einem die Untergebenen Respekt und unbedingten Gehorsam entgegenbringen sollten.

Vielleicht teilte der Empath diese Ansicht, aber es war wahrscheinlicher, daß Prilicla selbst aus der Ferne Liorens emotionale Ausstrahlung wahrgenommen und richtig gedeutet hatte und ihm deshalb versicherte, ihre Besprechung werde rein privat sein. Dafür war ihm der Oberstabsarzt zwar dankbar, aber es überraschte ihn nicht. Schließlich lag es im eigenen Interesse des kleinen Empathen, die Ausstrahlung unangenehmer Emotionen um sich herum auf ein Mindestmaß zu reduzieren, da er sich selbst sonst genauso starken Unannehmlichkeiten ausgesetzt hätte.

Der Cinrussker, ein riesiges, ungeheuer zerbrechlich wirkendes Fluginsekt, das erst durch Liorens noch gewaltigere Körpergröße klein erschien, flog über einen der Behandlungstische und schwebte dann in Augenhöhe darüber. An seinem röhrenförmigen Körper mit Ektoskelett befanden sich sechs bleistiftdünne Beine, vier noch feiner gebaute Greiforgane und zwei breite, schimmernde und fast durchsichtige Flügelpaare, mit denen er langsam schlug, um mit Hilfe des G-Gürtels, den er umgeschnallt hatte, ruhig in der Luft zu schweben. Nur auf seinem Heimatplaneten Cinruss, der eine dichte Atmosphäre besaß und auf dem weniger als ein Achtel der Erdanziehungskraft herrschte, hatte eine Insektenspezies Intelligenz, eine Zivilisation und die Fähigkeit zu Raumflügen entwickeln können, und Lioren kannte in der ganzen Föderation keine Spezies, die die Cinrussker nicht für die schönste aller intelligenten Lebensformen hielt.

Aus einer der engen Öffnungen im Kopf Priliclas, der — bildlich gesprochen — eine feine, spiralförmig gewundene Eierschale war, drang eine Folge von melodischen, rollenden Schnalzlauten, die der Translator als „Danke für die schmeichelhaften Ansichten, die Sie mir gegenüber hegen, Freund Lioren. Es ist mir ein Vergnügen, Sie endlich einmal persönlich kennenzulernen“ übersetzte. „Die Emotionen, die ich außerdem noch wahrnehme, deuten darauf hin, daß unser Treffen weniger ein geselliges Beisammensein darstellen soll, sondern vielmehr berufliche Gründe hat und überaus dringend ist.

Allerdings bin ich ein Empath, kein Telepath“, schloß er die Begrüßung freundlich. „Deshalb müssen Sie mir schon erzählen, was Sie beunruhigt, Freund Lioren.“

Über den dauernden Gebrauch des Wortes ̃̄„Freund“ durch seinen Gesprächspartner empfand Lioren auf einmal eine gewisse Verärgerung. Immerhin war er der medizinische und verwaltungstechnische Leiter des Einsatzes zur Katastrophenhilfe auf Cromsag und ein Oberstabsarzt im Monitorkorps, während Prilicla nur den zivilen Rang eines Chefarztes am Orbit Hospital bekleidete. Sein Ärger brachte den gesamten Körper des Empathen zum Zittern und ließ dessen Schwebeflug weniger ruhig und gleichmäßig werden. Plötzlich wurde Lioren bewußt, daß er soeben ein anderes Lebewesen mit einer Waffe, nämlich mit seinen Empfindungen, angegriffen hatte, gegen die es sich nicht schützen konnte.

Selbst die krankhaft kriegerischen Cromsaggi hätten es verschmäht, einen derart schwachen und schutzlosen Feind anzugreifen.

Folglich verwandelte sich Liorens Verärgerung rasch in Scham. Dies war einmal eine Gelegenheit, den berechtigten Stolz auf seinen hohen Rang, den er sich aufgrund seiner enormen fachlichen Fertigkeiten redlich verdient hatte, zu vergessen. So, wie er es in der Vergangenheit schon oft getan hatte, sollte er nun lieber versuchen, die eigenen Empfindungen unter Kontrolle zu bringen, um sich die Fähigkeiten eines Untergebenen, dessen Gefühle leicht verletzt werden konnten, möglichst wirkungsvoll zunutze zu machen.

„Danke für die innerliche Selbstdisziplin, die Sie gerade bewiesen haben, Freund Lioren“, fuhr Prilicla fort, bevor Lioren etwas sagen konnte. Dann ließ sich der Empath, der jetzt nicht mehr zitterte, wie eine Feder auf dem Untersuchungstisch nieder und fügte hinzu: „Aber ich nehme bei Ihnen noch weitere starke Emotionen im Hintergrund wahr, die Sie nicht so leicht unterdrücken können und die, da bin ich mir sicher, die Cromsaggi betreffen. Über die hiesige Lage bin auch ich höchst besorgt, vielleicht ebensosehr wie Sie, und Empfindungen gegenüber Lebewesen oder Situationen, die ich mit jemand anderem teile, bereiten mir sehr viel weniger Unbehagen. Falls es also eine Möglichkeit gibt, wie ich Ihnen helfen kann, dann zögern Sie nicht, mich davon in Kenntnis zu setzen.“

Erneut ärgerte sich Lioren, diesmal darüber, die Erlaubnis erhalten zu haben, über die Cromsaggi sprechen zu dürfen, wo gerade das ohnehin den einzigen Zweck seines Besuchs auf der Rhabwar darstellte, aber der Ärger war nur gering und verflog rasch. Als er zu sprechen begann, war dem Oberstabsarzt zwar klar, daß er nur eine kurze Zusammenfassung seines letzten Berichts vortrug, den er bereits für seine Vorgesetzten beim Monitorkorps und für Prilicla selbst vervielfältigt hatte und den die Rhabwar auch für Thornnastor mitnehmen würde, dennoch war es notwendig, den Empathen schon jetzt mit der gegenwärtigen Lage vertraut zu machen, wenn dieser die Bedeutung der späteren Fragen verstehen sollte.

Lioren berichtete von den ständig ausgeweiteten Untersuchungen der unbewohnten Gebiete des Planeten, die Ergebnisse geliefert hatten, die sich allenfalls für Industriearchäologen eigneten. Spuren von Leben, die aus jüngerer Zeit stammten, gab es nicht. Viele der verlassenen Städte, Bergwerksbetriebe und Produktionskomplexe in den klimatisch gemäßigten Zonen des Nordens und Südens waren viele Jahrhunderte alt und so gut gebaut, daß nur geringe Anstrengungen unternommen werden müßten, um sie wieder instand zu setzen; zumal dies lohnenswert wäre, da die großen Mineralvorkommen des Planeten noch lange nicht erschöpft waren. Aber diese Mühe hatten sich die Cromsaggi nie gemacht, weil sich diese Spezies mit ihrer ganzen Energie auf die Kämpfe konzentrierte, und zwar in einem Ausmaß, daß viele DCSLs keine Nahrungsmittel mehr angebaut oder nicht mehr die Kraft gehabt hatten, nach dem zu suchen, was wild wuchs. Zu guter Letzt hatte sich die zusammengeschrumpfte Bevölkerung in einer einzigen Region versammelt, damit man dort weiterkämpfen konnte, ohne erst weite Reisen unternehmen zu müssen, bevor man auf einen Gegner traf.

„Als wir den Krieg beendet haben, oder richtiger, als unsere Betäubungsgranaten einen Schlußstrich unter die vielen hundert Auseinandersetzungen zwischen kleinen Gruppen und einzelnen Cromsaggi gezogen haben, bestand die noch lebende Bevölkerung nach unseren Schätzungen aus etwas weniger als zehntausend DCSLs, eine Zahl, die bereits sämtliche Erwachsenen sowie deren Kinder und einige Neugeborene umfaßt“, fuhr Lioren verbittert fort. „Aber seit kurzem liegt die Sterblichkeit der Cromsaggi bei etwa einhundert Toten pro Tag.“

Wieder hatte Prilicla angefangen zu zittern. Lioren war sich nicht sicher, ob das eine Folge seiner eigenen emotionalen Ausstrahlung war oder die Reaktion des Empathen auf die Nachricht von der wachsenden Zahl von Todesfällen. Als er fortfuhr, bemühte sich der Oberstabsarzt, sowohl ruhige und sachliche Gedanken zu fassen, als auch in einem ebensolchen Ton zu sprechen.

„Obwohl wir den Cromsaggi helfen, indem wir ihnen Unterkunft bieten, sie mit Kleidung und synthetischen Nährstoffen versorgen und sogar so weit gehen, für sie Vorräte von Nahrungsmitteln anzulegen, die vor Ort wachsen und die sie, weil sie zu schwach waren, nicht selbst einbringen konnten, setzen sich die Sterbefälle unvermindert fort. Der Tod von Erwachsenen ist ausnahmslos auf die Seuche zurückzuführen, auch wenn er manchmal durch Kriegsverletzungen beschleunigt wird, die den Körper zusätzlich schwächen. Die Kinder und Jugendlichen sterben allerdings an anderen Krankheiten, für die wir bisher noch keine spezifischen Heilmittel besitzen. Zwar nehmen die Cromsaggi unsere Hilfe und die Lebensmittel an, aber nur ihre Kinder scheinen dafür auch dankbar zu sein. Für das, was wir für sie zu tun versuchen, zeigen sie keinerlei Interesse. Ich glaube, die Erwachsenen dulden uns lediglich als eine zusätzliche und unwillkommene Last, gegen die sie sowieso nichts unternehmen können. Meinem Eindruck nach haben sie an ihrem Überleben kein Interesse und wollen schlichtweg in Ruhe gelassen werden, um auf die blutigste Art, die man sich überhaupt vorstellen kann, den Selbstmord ihrer Spezies zu betreiben. Manchmal gibt es sogar Augenblicke, in denen ich finde, daß eine dermaßen kriegerische und bis zum letzten Mitglied durch und durch gewalttätige Spezies davon nicht abgehalten werden sollte. Welche Gedanken und Gefühle die Cromsaggi zu irgendwelchen Anlässen empfinden, weiß ich nicht.“

„Und jetzt möchten Sie, daß ich meine empathischen Fähigkeiten gebrauche, um Ihnen zu sagen, was die Cromsaggi empfinden, nicht wahr?“ erkundigte sich Prilicla.

„Ganz genau“, bestätigte Lioren mit solch innerer Anteilnahme, daß der Cinrussker einen Moment lang zittern mußte. „Ich habe gehofft, daß Sie, Doktor, bei den DCSLs vielleicht Triebe, Instinkte und Empfindungen bezüglich der eigenen Person, der Kinder oder der momentanen Situation wahrgenommen haben. Von den Gedanken und den Motivationen der DCSLs habe ich überhaupt keine Ahnung. Ich würde gerne etwas sagen oder tun, das bei ihnen — wie bei jemandem, der aus dem seelischen Gleichgewicht geraten ist und im Begriff steht, von einem hohen Gebäude zu springen — den Willen wachruft zu leben, anstatt zu sterben. Was ist es, das die DCSLs fürchten oder brauchen und das bei ihnen den Wunsch wachrufen würde, weiterleben zu wollen?“

„Die DCSLs fürchten sich, wie jedes andere Lebewesen, das sich selbst bewußt ist, durchaus vor dem Tod und wollen sehr wohl weiterleben, Freund Lioren“, antwortete Prilicla, ohne zu zögern. „Selbst bei den ernsthaftesten Fällen hat es keine Anzeichen für den Wunsch gegeben, zu sterben oder die eigene Spezies auszurotten, und man sollte die Cromsaggi nicht wegen ihrer.“

„Meine Bemerkung von vorhin tut mir aufrichtig leid“, fiel ihm Lioren ins Wort. „Ich meine, daß ich manchmal angeblich das Gefühl habe, man sollte die DCSLs nicht am Selbstmord ihrer Spezies hindern.“

„Das haben Sie ja nur aus Hilflosigkeit und Frustration heraus gesagt, Freund Lioren, und es hat in völligem Widerspruch zu Ihrer gleichzeitigen emotionalen Ausstrahlung gestanden“, unterbrach ihn Prilicla, wie es liebenswürdiger gar nicht möglich war. „Weder die Entschuldigung für Ihre Bemerkung von vorhin noch Ihre jetzige Verlegenheit wäre nötig gewesen.

Aber ich wollte gerade sagen, daß man die Cromsaggi nicht wegen ihrer mangelnden Bereitschaft zur Mitarbeit und ihrer großen Undankbarkeit kritisieren sollte, bevor man nicht den Grund für ihre undankbaren Gefühle kennt“, fuhr er fort. „Bei allen erwachsenen Patienten, deren emotionale Ausstrahlung ich auf dem Transport zum Orbit Hospital und während meiner Anwesenheit bei den darauffolgenden Befragungsversuchen überwacht habe, waren diese Undankbarkeitsgefühle sehr stark ausgeprägt. Zwar wissen die DCSLs, daß wir versuchen, ihnen zu helfen, aber sie werden uns dabei nicht mit medizinischen oder persönlichen Auskünften über sich selbst unterstützen. Sobald man immer weiter mit Fragen nachgebohrt hat, wurden die DCSLs aufgeregt und bekamen Angst, und in solchen Momenten wurde stets ein deutliches, wenn auch nur vorübergehendes Abklingen der Symptome bemerkt.“

„Dieselbe Beobachtung habe ich auch gemacht“, meinte Lioren. „Allerdings hatte ich angenommen, das sei darauf zurückzuführen, daß für die DCSLs statt physischer plötzlich seelische Probleme in den Mittelpunkt gerückt sind, also praktisch jener psychologische Mechanismus eingesetzt hat, der manchmal körperliche Leiden allein durch vertrauensvolles Zureden, gedankliche Ablenkung oder auch durch schockhafte Erlebnisse lindern kann“, sagte Lioren. „Für ein wichtiges Faktum habe ich es nicht gehalten.“

„Wahrscheinlich haben Sie recht“, sagte Prilicla. „Aber Chefpsychologe O'Mara ist der Ansicht, das deutliche Abklingen der Symptome, das auf die Stimulierung durch Angst zurückzuführen ist, deute zusammen mit der geradezu fanatischen Weigerung der DCSLs, über den Wechsel einiger weniger Worte hinaus mit uns zu kommunizieren, auf das Vorhandensein einer äußerst starken und tief verwurzelten geistig-seelischen Ausrichtung hin, deren sich die Cromsaggi, als Individuen, womöglich gar nicht bewußt sind. Diesen Zustand vergleicht Freund O'Mara mit der Rassenpsychose, an der auch die Gogleskaner leiden. Wie er sagte, bemühe er sich darum, in diesen äußerst sensiblen Bereich der Cromsaggi vorzudringen, um den die seelischen Narben praktisch eine sehr dicke Mauer aus geistigem Bindegewebe gebildet hätten. Schon deshalb rät er jedem, der sich mit diesem Problem beschäftigt, äußerst behutsam und vorsichtig vorzugehen.“

Durch ihre Psychose waren die Gogleskaner gezwungen, für den Großteil ihres Lebens als Erwachsene den direkten Körperkontakt untereinander zu vermeiden, was ganz sicher nicht das Problem bei den Cromsaggi war. Lioren bemühte sich redlich, seine Ungeduld zu unterdrücken, und sagte: „Wenn wir nicht schnellstens eine Heilmethode für diese Seuche finden, werden Ihrem Chefpsychologen wegen seiner langsamen und vorsichtigen Untersuchungsweise noch die Patienten ausgehen. Welche Fortschritte sind denn seit Ihrem letzten Besuch im Orbit Hospital erzielt worden?“

„Seitdem sind bedeutende Fortschritte gemacht worden, Freund Lioren“, antwortete Prilicla freundlich. „Aber ich spüre Ihr Bedürfnis, jede Zeitverschwendung zu vermeiden, und stimme Ihnen in diesem Punkt voll und ganz zu. Deshalb schlage ich vor, daß Sie sich die Ergebnisse nicht nur durch mich ausrichten lassen, sondern Ihnen Pathologin Murchison persönlich Bericht erstattet, da Sie zweifellos Fragen haben werden und ich aufgrund meines egoistischen Bedürfnisses, mich mit angenehmer emotionaler Ausstrahlung zu umgeben, die bedauerliche Angewohnheit habe, immer die positiven Seiten der Umstände hervorzuheben.“

Jetzt schien Liorens ursprünglicher Grund, eine private Unterredung mit Prilicla zu wünschen, nicht mehr stichhaltig zu sein, und ohne sowohl sich selbst als auch den Empathen in große Verlegenheit zu bringen, konnte er den Vorschlag seines Gesprächspartners nicht zurückweisen. Er hatte das Gefühl, das der Empath zweifellos teilte, irgendwie die Entschlußkraft verloren zu haben.

Pathologin Murchison war eine warmblütige Sauerstoffatmerin der physiologischen Klassifikation DBDG mit einem Körper, der die weichen, runden und kopflastigen Formen vieler terrestrischer Frauen aufwies, obwohl sie erheblich kleiner und weniger massiv als Lioren war. Wenn sie nicht für Sonderaufgaben auf dem Ambulanzschiff gebraucht wurde, war sie Thornnastors erste Assistentin. Sie drückte sich klar und präzise aus und verhielt sich respektvoll, ohne unterwürfig zu sein. Zudem hatte sie die etwas ärgerliche Angewohnheit, Fragen zu beantworten, bevor Lioren sie stellen konnte.

Nach den Worten der Pathologin war die Identifikation, Isolierung und Neutralisierung von Krankheitserregern fremder Spezies für Thornnastors Abteilung ein Routineverfahren, aber die Verhaltensmerkmale des cromsaggischen Virus — wie es übertragen wurde, wie es den Körper infizierte und sich in ihm festsetzte und wie es sich vermehrte — waren mit keiner der herkömmlichen Untersuchungsmethoden zu bestimmen. Erst vor kurzer Zeit, als man herausgefunden hatte, daß die Viren entweder bei der Empfängnis oder vor der Geburt durch die Mutter übertragen wurden, waren einige Fortschritte erzielt worden.

„Die Auswirkungen auf die erwachsenen Cromsaggi sind Ihnen ja bekannt, und so, wie es im Moment aussieht, ist jedes einzelne Mitglied der Spezies infiziert“, fuhr Murchison fort. „Bevor die Krankheit ins Endstadium tritt, ist der größte Teil des Körpers von einem blassen Ausschlag und von Entzündungen bedeckt, die von einer zunehmenden, schweren Entkräftung und Mattigkeit begleitet werden, die nur manchmal für einen gewissen Zeitraum durch starke psychische Reize wie Angst und Gefahr überwunden werden können. Die Auswirkungen auf die Kinder sind nicht so offensichtlich, und das hat uns anfänglich zu der Annahme verleitet, sie seien immun, was sich aber als Irrtum herausstellte.

Inzwischen haben wir nämlich festgestellt, daß auch die Kinder und Jugendlichen an Entkräftung und Mattigkeit leiden, obwohl es schwierig ist, dazu Genaues zu sagen, weil wir keine Ahnung haben, wie lebhaft ein junger, nicht infizierter Cromsaggi sein sollte“, setzte Murchison ihren Bericht fort. „Auch zum Alter dieser jungen Patienten können wir — so unglaublich es auch erscheinen mag — keine exakten Angaben machen. Allerdings gibt es physiologische und sprachliche Hinweise, nach denen viele der Kinder nicht annähernd so jung sind, wie sie erscheinen, und nach denen das Alter, das wir anfänglich geschätzt hatten, mit zwei oder drei multipliziert werden müßte, weil die Seuche, außer der allgemeinen Schwächung, die sie hervorruft, die physiologische Entwicklung insgesamt hemmt und den Beginn der Pubertät stark verzögert. Wahrscheinlich hat sie außerdem noch psychologische Auswirkungen, die eine Erklärung für das extrem asoziale Verhalten der Erwachsenen sein könnten, aber auch das bleibt wiederum nichts als reine Spekulation, weil ein normaler und gesunder Cromsaggi von uns erst noch gefunden werden muß.“

„Daß es so einen DCSL gibt, bezweifle ich“, sagte Lioren. „Aber Sie haben davon gesprochen, sowohl auf sprachliche als auch auf physiologische Anhaltspunkte gestoßen zu sein. Wo es die Cromsaggi doch strikt ablehnen, Auskünfte über sich zu erteilen, wie haben Sie denn diese Anzeichen entdecken können?“

„Ein Großteil der Patienten, die Sie zu uns geschickt haben, war jung oder, soweit wir wissen, körperlich noch nicht voll entwickelt“, antwortete Murchison. „Zwar verweigern die Erwachsenen nach wie vor jegliche Zusammenarbeit, aber dafür ist es O'Mara gelungen, mit einigen der jungen Patienten ins Gespräch zu kommen, die in bezug auf sich selbst weniger zurückhaltend waren. Weil der Standpunkt dieser DCSLs jedoch sehr unreif ist, bleiben die Motivationen der Erwachsenen weiterhin unklar, und das Bild, das sich allmählich von der cromsaggischen Zivilisation entwickelt, ist verwirrend und voller.“

„Pathologin Murchison“, schnitt ihr Lioren das Wort ab, „mich interessiert mehr das klinische als das kulturelle Bild, also beschränken Sie sich bitte darauf. Der Grund, warum ich die Rhabwar gebeten habe, so viele junge — oder anscheinend nicht mehr so junge — Patienten ins Orbit Hospital zu bringen, war der, daß sie zu der großen Zahl Cromsaggi gehörten, die entweder ihre Eltern verloren hatten oder von keinem Erwachsenen versorgt worden sind. Sie haben nicht nur an Unterernährung und unter dem ständigen Leben im Freien gelitten — unter Zuständen also, die man erfolgreich behandeln kann — , sondern auch Symptome einer Infektion der Atemwege gezeigt, zu denen auch erhöhte Körpertemperatur zählte, sowie einer Auszehrung, die das äußere Gefäß- und das Nervensystem angegriffen hatte. Wenn Thornnastors Untersuchung der Seuche zu keinen Ergebnissen führt, was ist dann mit diesen anderen und — wie ich doch meinen möchte — medizinisch weniger komplizierten Krankheiten, die anscheinend nur die jungen DCSLs bekommen?“

„Oberstabsarzt Lioren“, sagte die Pathologin in bestimmtem, aber höflichem Ton, wobei sie Liorens Rang und Namen zum erstenmal aussprach, „ich habe nicht behauptet, daß wir keine Fortschritte machen.

Sämtliche junge DCSLs werden untersucht, und dabei erzielen wir sogar bedeutende Fortschritte“, fuhr sie schnell fort. „Einer unserer jungen Patienten, der Symptome dieser typischen Infektion der Atemwege aufweist, hat zwar vorerst nur schwach, aber durchaus positiv auf die Behandlung angesprochen. Doch unsere Hauptbemühungen sind darauf gerichtet, ein spezifisches Heilmittel für das Leiden der Erwachsenen zu finden, weil deutlich geworden ist, daß die Krankheiten, von denen die jungen Cromsaggi derzeit befallen sind, von den natürlichen Abwehrkräften ihres Körpers bekämpft werden und nicht länger lebensbedrohend sein würden, wenn man die starke Schwächung und die Hemmung des Wachstums durch die Seuche beseitigen könnte.“

Wenn man schon so viel wußte, dann waren wirklich Fortschritte erzielt worden, dachte Lioren anerkennend.

„Allerdings sind die bisher durchgeführten Versuche erfolglos gewesen“, fuhr Murchison fort. „Anfangs ist das Medikament in winzigen Mengen verabreicht und der Zustand der Patienten die üblichen fünfzig Stunden lang laufend überwacht worden, bevor die Dosis erhöht wurde, bis beide Patienten am neunten Tag innerhalb weniger Augenblicke nach der Injektion das Bewußtsein verloren haben.“

Sie machte eine kurze Pause, um Prilicla einen Blick zuzuwerfen, und setzte dann, nachdem sie offenbar ein Zeichen bekommen hatte, das Lioren nicht wahrnehmen konnte, ihre Ausführungen fort. „Daraufhin sind beide Patienten in einiger Entfernung von den übrigen und auch voneinander isoliert worden, um auf diese Weise die Überlagerung ihrer emotionalen Ausstrahlung durch die der anderen DCSLs auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Nach Doktor Priliclas Bericht ist die Bewußtlosigkeit der beiden Patienten außerordentlich tief gewesen, aber es hat keine Anzeichen für eine unterbewußte Verzweiflung gegeben, die vorhanden gewesen wäre, wenn sie im Sterben gelegen hätten. Doktor Prilicla hat die Ansicht geäußert, daß diese Bewußtlosigkeit die Patienten vielleicht stärke, da sie alle Merkmale des Schlafs nach einer langen körperlichen Belastungsphase aufweise, und hat deshalb eine intravenöse Ernährung vorgeschlagen. Wenige Tage nachdem man diesen Vorschlag in die Tat umgesetzt hatte, ist bei den Patienten ein geringfügiges Abklingen der Symptome und Anzeichen für eine leichte Geweberegeneration festzustellen gewesen, obwohl sich beide weiterhin in tiefer Bewußtlosigkeit und kritischem Zustand befunden haben.“

„Das bedeutet doch bestimmt.!“ begann Lioren, brach den Satz jedoch ab, als Murchison die Hand hob, als bekleidete sie den höheren Rang und nicht er. Aber auf einmal war er zu aufgeregt, um ihr durch die entsprechenden Worte den aufsässigen Kopf zu waschen, wie er es eigentlich hätte tun sollen.

„Das bedeutet, Oberstabsarzt, daß wir sehr vorsichtig vorgehen müssen und den klinischen und psychologischen Zustand der beiden Testpersonen, falls sie nicht sterben, sondern das Bewußtsein wiedererlangen, ganz genau zu überwachen haben, bevor wir den Versuch auf die anderen Patienten ausweiten können“, sagte Murchison. „Diagnostiker Thornnastor glaubt — genau wie alle anderen in seiner Abteilung — , daß wir uns auf dem besten Weg befinden, ein Heilverfahren zu entdecken, und Doktor Prilicla ist sich dessen sogar sicher. Aber bis wir Gewißheit haben, müssen wir uns eine Zeitlang in Geduld üben, erst dann.“

„Wie lange, Murchison?“ verlangte Lioren in rüdem Ton zu wissen.

Priliclas zerbrechlich wirkender Körper wurde geschüttelt, als ob ein starker Wind über das Unfalldeck fegte, aber Lioren hätte den Gefühlssturm aus Ungeduld, Eifer und Aufgeregtheit, der in ihm tobte, genausowenig unterdrücken können, wie er in der Lage gewesen wäre, mit den zarten Flügeln des Empathen zu fliegen. Bei Prilicla wollte er sich später entschuldigen, doch im Moment konnte er an nichts anderes denken als an die ständig abnehmende Zahl von Cromsaggi, die sich immer noch an das Leben auf diesem von der Seuche geplagten Planeten klammerten und jetzt vielleicht eine Überlebenschance hatten. Leiser fragte er: „Wie lange muß ich warten?“

„Das weiß ich nicht, Sir“, antwortete die Pathologin. „Ich weiß nur, daß die Tenelphi angewiesen worden ist, beim Orbit Hospital zu bleiben und sich startbereit zu halten, bis das Medikament für den allgemeinen Gebrauch zugelassen worden ist, um Ihnen unverzüglich den ersten Schub, den wir hergestellt haben, hierherzubringen.“