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10. KAPITELABSTIEG IN DIE FINSTERNIS

Commander Norton fühlte eine große Versuchung in sich — doch als Kapitän hatte er zuallererst für sein Schiff zu sorgen. Wenn bei dieser ersten Sondierung irgend etwas Wichtiges schiefgehen sollte, würde er davonlaufen müssen.

So blieb also sein Zweiter Offizier, Kommandeurleutnant Mercer, als Alternative übrig.

Norton gab bereitwillig zu, daß Karl für die Mission auch geeigneter sei.

Mercer war die Kapazität auf dem Gebiet der Lebenserhaltungssysteme und hatte darüber einige Standardwerke verfaßt. Er hatte persönlich unzählige Ausrüstungstypen — oft unter gefährlichsten Bedingungen — erprobt, und seine Bio-Rückkoppelungskontrolle war berühmt.

Sekundenschnell konnte er seine Pulsfrequenz um fünfzig Prozent verringern und seine Atmung nahezu zehn Minuten lang auf fast Null reduzieren.

Diese nützlichen kleinen Tricks hatten ihm mehr als einmal das Leben gerettet.

Doch bei all seinen Fähigkeiten und seiner Intelligenz fehlte es ihm doch beinahe vollkommen an Fantasie. Für ihn waren die gefährlichsten Experimente oder Missionen einfach nur Jobs, die erledigt werden mußten. Er ging nie ein unnötiges Risiko ein, und von dem, was man gemeinhin als Tollkühnheit bezeichnet, hielt er überhaupt nichts.

Zwei Motti auf seinem Schreibtisch demonstrierten die Quintessenz seiner Lebensphilosophie.

Eine Notiz besagte: WAS HAST DU VERGESSEN?

Die andere: TRAGE ZUR AUSROTTUNG DER TOLLKÜHNHEIT BEI! Die Tatsache, daß man ihn vielfach als den tapfersten Mann der ganzen Raumflotte betrachtete, war das einzige, was ihn je in Zorn versetzt hatte.

Mit der Entscheidung für Mercer stand automatisch auch der nächste Mann fest: sein von ihm unzertrennlicher Gefährte Leutnant Joe Calvert. Man konnte nicht leicht begreifen, was die beiden verband: der zierliche, ziemlich empfindliche und reizbare Navigationsoffizier war zehn Jahre jünger als sein schwerfälliger, durch nichts aus der Ruhe zu bringender Freund, der Joes leidenschaftliches Interesse an der Kunst des primitiven Films durchaus nicht teilte.

Aber keiner weiß, wo der Blitz einschlägt, und so hatten Mercer und Calvert vor Jahren eine allem Anschein nach dauerhafte Freundschaftsbindung aufgebaut. Dies war keineswegs außergewöhnlich; bei weitem ungewöhnlicher war jedoch, daß beide auch zu Hause auf der Erde eine gemeinsame Frau hatten, die jedem von ihnen ein Kind geboren hatte. Commander Norton hoffte, sie eines Tages kennenzulernen.

Sie mußte eine sehr bemerkenswerte Frau sein. Das Dreiecksverhältnis dauerte nun schon mindestens fünf Jahre und schien immer noch störungsfrei zu funktionieren.

Aber zwei Mann waren für einen Erkundungstrupp zuwenig; vor langer Zeit hatte man herausgefunden, daß drei Mann die optimale Besetzung waren — denn wenn einer verlorenging, dann konnten zwei Mann möglicherweise immer noch durchkommen, während ein einzelner Überlebender zum Tode verurteilt wäre. Nach sorgfältiger Überlegung wählte Norton den Technical Sergeant Willard Myron aus. Myron war ein mechanisches Genie. Er konnte alles zum Funktionieren bringen — oder auch etwas Besseres entwerfen, wenn das eine nicht funktionierte. Er war der ideale Mann, fremde Ausrüstungsgegenstände zu erkennen.

Myron war für einen langen Forschungsurlaub von seiner normalen Aufgabe als außerordentlicher Professor am Astrotechnikum freigestellt worden, aber er hatte sich geweigert, ein Offizierspatent anzunehmen, weil er nicht die Beförderung verdienstvoller Berufsoffiziere blokkieren wollte. Niemand nahm diese Erklärung sonderlich ernst; man war vielmehr allgemein der Ansicht, daß Will nicht den mindesten Ehrgeiz besitze. Er würde es bis zum Raumsergeanten bringen, aber er würde niemals ordentlicher Professor werden. Myron, wie zahllose Offiziere ohne Patent vor ihm, hatte den idealen Kompromiß zwischen Macht und Verantwortung gefunden.

Während sie durch die letzte Luftschleuse und längs der gewichtslosen Achse von Rama schwebten, fühlte Leutnant Calvert sich wie so oft mitten in einer filmischen Rückblende.

Er fragte sich zuweilen, ob er nicht versuchen sollte, sich das abzugewöhnen, aber andererseits sah er keine Nachteile an dieser Sache.

Damit konnte man sogar die langweiligsten Situationen interessant machen, und — wer konnte es wissen — vielleicht würde ihm diese Angewohnheit eines Tages das Leben retten.

Er würde sich erinnern, was Fairbanks oder Connery oder Hiroshi in ähnlicher Lage getan hatten… Diesmal war er dabei, in einem der Kriege im frühen zwanzigsten Jahrhundert zum Sturm aus dem Schützengraben zu springen; Mercer war der Feldwebel, der eine Patrouille von drei Mann auf einem Nachtangriff ins Niemandsland anführte. Es fiel ihm nicht allzu schwer, sich vorzustellen, daß sie auf dem Boden eines gigantischen Bombentrichters stünden, allerdings eines Trichters, der irgendwie säuberlich zu einer Reihe ansteigender Terrassen zurechtgestutzt worden war. Der Krater war vom Licht der drei weit auseinanderliegenden Plasmabögen erhellt, wodurch sich das ganze Innere nahezu schattenlos ausleuchten ließ. Doch dahinter — jenseits der fernsten Terrasse — lagen Dunkelheit und Geheimnis.

In seiner Fantasie wußte Calvert ganz genau, was dort lag. Zuerst kam die flache kreisförmige Ebene von über einem Kilometer Ausdehnung.

Dann, wie breite Schienenstränge, die drei breiten Leitern, die die Ebene in drei gleich große Teile schnitten. Ihre Sprossen lagen vertieft, so daß sie kein Hindernis bildeten für hinuntergleitende Gegenstände. Da die Anordnung vollkommen symmetrisch war, bestand kein Grund, eine der Leitern zu bevorzugen; man hatte die der Luftschleuse Alpha am nächsten liegende nur der Bequemlichkeit halber gewählt.

Die Leitersprossen lagen zwar unangenehm weit auseinander, aber ein Problem war es nicht. Selbst hier am Rand der Nabe, einen halben Kilometer von der Achse entfernt, betrug die Schwerkraft kaum ein Dreißigstel von der der Erde. Und obgleich sie beinahe hundert Kilogramm an Ausrüstung und lebenswichtigen Geräten mit sich trugen, würden sie sich trotzdem mühelos weiterhanteln können.

Commander Norton und der Hilfstrupp begleiteten sie längs der Seilführungen, die man von der Luftschleuse Alpha bis zum Kraterrand gespannt hatte. Dann lag jenseits der Reichweite der Flutlichtstrahler die Dunkelheit Ramas vor ihnen. Alles, was sie in den tanzenden Strahlen der Helmlampen sehen konnten, waren die ersten paar hundert Meter der Leiter, die über die flache und sonst gestaltlose Ebene hin immer winziger wurde.

Und jetzt, sagte Mercer zu sich, jetzt muß ich meine erste Entscheidung treffen. Steige ich die Leiter rauf oder runter?

Dies war durchaus ein schwerwiegendes Problem.

Sie befanden sich praktisch noch unter Null-Schwerkraft, und so konnte sich das Gehirn jedes beliebige Bezugssystem aussuchen.

Durch einfache Willensanspannung konnte Mercer sich zu der Überzeugung bringen, daß er auf eine horizontale Fläche oder eine vertikale Wand hinauf oder über den Kamm einer steilen Klippe blicke. Nicht wenige Astronauten machten ernste psychische Störungen durch, wenn sie vor einer schwierigen Aufgabe das falsche Koordinatensystem wählten.

Mercer war entschlossen, mit dem Kopf voran loszugehen, da jede andere Fortbewegungsweise umständlicher gewesen wäre; überdies konnte er so leichter sehen, was vor ihm lag.

Auf den ersten paar hundert Metern würde er sich also vorstellen, daß er nach oben klettere; erst wenn der zunehmende Sog der Schwerkraft diese Illusion zerstörte, würde er seine geistige Orientierung um hundertachzig Grad verschieben.

Er packte die erste Sprosse und zog sich sacht die Leiter entlang. Die Bewegung war so mühelos wie das Schwimmen im Meer — noch leichter sogar, weil es hier nicht den Rücksog des Wassers gab. Es war so leicht, daß man in Versuchung geraten konnte, zu schnell voranzugehen, doch Mercer hatte zuviel Erfahrung, als daß er in einer derartig neuen Situation etwas überstürzt hätte.

Die Sprossen lagen gleichmäßig einen halben Meter auseinander, und während der ersten Phase seiner Kletteraktion übersprang Mercer jede zweite. Doch er zählte sie sorgfältig, und als er bei zweihundert angelangt war, begann er deutlich sein Gewicht zu spüren. Die Rotation von Rama begann sich bemerkbar zu machen.

Bei Sprosse vierhundert schätzte er sein scheinbares Gewicht auf etwa fünf Kilo. Das war kein Problem, doch würde es jetzt ein bißchen schwieriger, sich einzureden, daß er aufwärts klettere, da er doch kräftig nach oben gezerrt wurde.

Sprosse fünfhundert erschien ihm als ein geeigneter Platz für eine Ruhepause. Er spürte, daß seine Armmuskeln auf die ungewohnte Anstrengung reagierten, auch wenn jetzt Rama die ganze Arbeit tat und er sich nur zu lenken brauchte.

„Alles okay, Skipper“, berichtete er. „Haben gerade die Hälfte hinter uns. Joe, Will? Irgendwelche Probleme?“

„Mir geht’s gut — warum hältst du an?“ antwortete Joe Calbert.

„Hier gleichfalls alles okay“, setzte Sergeant Myron hinzu. „Aber paßt auf die Corioliskraft auf. Sie wird bald stärker werden.“

Das hatte Mercer auch schon bemerkt. Wenn er die Sprossen losließ, trieb er deutlich nach rechts ab. Er wußte selbstverständlich ganz genau, daß dies nur eine Folge der Umdrehung Ramas war, doch es wirkte, als schubste ihn eine geheimnisvolle Kraft sanft von der Leiter fort.

Möglicherweise war nun der Zeitpunkt gekommen, mit den Füßen voran weiterzugehen, jetzt, da ›unten‹ allmählich wieder eine physische Bedeutung gewann. Er würde das Risiko einer kurzfristigen Desorientierung eingehen.

„Achtung — ich dreh mich jetzt rum.“

Er klammerte sich an der Sprosse fest und drehte sich mit Hilfe seiner Arme um hundertachzig Grad herum. Die Lampen seiner Gefährten blendeten ihn einen Moment. Weit über ihnen — und nun war das wirklich über ihnen — konnte er ein schwaches Glimmen längs des steilen Klippenkamms erkennen. Als Silhouetten hoben sich davor die Gestalten Commander Nortons und des Rettungstrupps ab, die ihm angespannt zusahen. Sie wirkten winzig und sehr weit entfernt. Er winkte ihnen zuversichtlich zu.

Er löste seinen Griff und ließ die noch immer schwache Pseudoschwerkraft Ramas wirken.

Der Fall von einer Sprosse zur nächsten dauerte über zwei Sekunden; auf der Erde würde ein Mensch in der gleichen Zeit dreißig Meter gefallen sein.

Die Fallgeschwindigkeit war so ärgerlich gering, daß er die Geschichte ein wenig beschleunigte, indem er mit den Händen nachschob und über ein Dutzend Sprossen auf einmal hinwegglitt. Er bremste sich jeweils mit den Füßen ab, wenn er das Gefühl bekam, zu schnell abwärts zu gleiten.

Bei Sprosse siebenhundert machte er erneut halt und richtete den Strahl seiner Helmlampe nach unten. Wie er vorausberechnet hatte, befand sich der Fuß der Leiter nur noch fünfzig Meter unter ihm.

Einige Minuten später waren sie bei der ersten Sprosse angelangt. Es war ein seltsames Gefühl, nach monatelangem Aufenthalt im Weltraum nun wieder aufrecht auf festem Grund zu stehen und den Boden gegen die Füße drücken zu fühlen. Ihr Gewicht betrug noch immer weniger als zehn Kilo, doch dies reichte aus, ihnen ein Gefühl der Stabilität zu vermitteln. Wenn Mercer die Augen schloß, konnte er glauben, daß unter ihm wieder einmal eine wirkliche Welt lag.

Der Sims oder die Plattform, von der aus die Treppe hinabführte, war etwa zehn Meter breit und auf beiden Seiten gekrümmt, bis sie schließlich im Dunkel verschwand. Mercer wußte, daß sie einen vollkommenen Kreis bildete und daß er, wenn er fünf Kilometer auf ihr entlanggehen würde, wieder genau an seinem Ausgangspunkt anlangen würde, nachdem er Rama umkreist hatte.

Angesichts der minimalen Schwerkraft an diesem Punkt war jedoch richtiges Gehen unmöglich; man konnte nur in riesigen Sätzen vorwärtskommen. Und dies barg Gefahren.

Die Treppe, die sich in die Finsternis weit jenseits der Reichweite ihrer Lampen hinabschwang, würde trügerisch leicht hinunterzugehen sein. Aber es war lebenswichtig, daß man sich an den hohen Geländern zu beiden Seiten festhielt; ein zu kühner Schritt konnte einen unvorsichtigen Benutzer in weitem Bogen in den Raum hinausbefördern. Er würde einige hundert Meter weiter unten auf festen Grund gelangen; der Aufprall würde zwar harmlos sein, aber seine Folgen vielleicht nicht: denn die Rotation Ramas müßte die Treppe nach links abgedreht haben. Und darum würde ein fallender Körper auf der sanften Krümmung auftreffen, die in einer ungebrochenen Kurve zu der fast sieben Kilometer weiter unten liegenden Ebene hinabführte.

Das würde eine verdammt heiße Schlittenfahrt sein, dachte Mercer; die Endgeschwindigkeit konnte selbst bei diesen Schwerkraftverhältnissen gut mehrere hundert Stundenkilometer betragen. Vielleicht war es ja möglich, durch genügend Reibung einen derartigen Absturz abzubremsen; wenn das möglich war, dann könnte dies sogar der bequemste Weg sein, die innere Oberfläche Ramas zu erreichen. Doch zunächst würde man zwangsläufig ein paar sehr vorsichtige Experimente anstellen müssen.

„Skipper“, meldete sich Mercer, „keine Probleme beim Abstieg auf der Leiter. Wenn Sie zustimmen, würde ich gern zur nächsten Plattform weitergehen. Ich möchte unsere Abstiegszeit auf der Treppe messen.“

Norton antwortete sofort.

„Machen Sie weiter.“ Aber es war nicht nötig, daß er hinzufügte: „Seid vorsichtig.“

Es dauerte nicht lange, da machte Mercer eine fundamentale Entdeckung. Es war unmöglich — zumindest bei dieser Schwerkraft von nur einem Zwanzigstel —, die Treppe auf normale Weise hinabzusteigen. Jeder diesbezügliche Versuch führte zu einer traumhaften slowmotion- Bewegung, die unerträglich ermüdend war; das einzige praktikable Verfahren bestand darin, die Stufen zu ignorieren und sich an den Handgeländern nach unten zu ziehen.

Calvert war zu dem gleichen Resultat gekommen.

„Diese Treppe ist gebaut, um nach oben, nicht nach unten zu kommen!“ rief er aus. „Man kann die Stufen benutzen, wenn man sich gegen die Schwerkraft bewegt, aber in unserer Richtung sind sie einfach eine Plage. Es sieht ja vielleicht nicht sehr würdevoll aus, aber ich glaube, das einfachste ist, auf dem Geländer runterzurutschen.“

„Das ist lächerlich“, protestierte Sergeant Myron.

„Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Ramaner es so gemacht haben.“

„Ich bezweifle, daß sie diese Treppen jemals benutzt haben. Es sind offensichtlich Notausstiege.

Sie müssen über irgendein mechanisches Transportmittel verfügt haben, hier heraufzukommen.

Vielleicht eine Seilbahn. Das wäre eine Erklärung für die langen Schlitze, die von der Nabe herunterführen.“

„Ich habe immer gedacht, es handelt sich um Abflußgräben. Aber sie könnten ja beides sein.

Ich möchte wissen, ob es hier je Regen gab?“

„Wahrscheinlich“, sagte Mercer. „Aber ich denke, Joe hat recht. Zum Teufel mit der Würde.

Auf geht’s.“

Das Handgeländer — angenommen, es war für so etwas wie Hände geformt worden — war eine glatte flache Metallschiene auf weit auseinanderliegenden meterhohen Pfeilern. Commander Mercer setzte sich rittlings darauf, überprüfte vorsichtig, wieviel Bremskraft er mit den Händen ausüben konnte, und begann hinabzurutschen.

Sehr gleichmäßig mit langsam wachsender Geschwindigkeit glitt er in das Dunkel hinunter, nur sein Helmscheinwerfer verbreitete einen Lichthof um ihn. Er war etwa fünfzig Meter vorangekommen, als er die beiden anderen aufforderte nachzukommen.

Keiner gab es zu, aber sie fühlten sich alle drei wieder wie Lausejungs, die ein Treppengeländer hinunterrutschen. In weniger als zwei Minuten waren sie sicher und bequem einen ganzen Kilometer tief ›hinuntergestiegen‹.

Wenn immer sie das Gefühl hatten, daß es zu schnell wurde, genügte ein fester Griff um das Geländer, und sie hatten genug Bremskraft.

„Ich hoffe, es hat euch Spaß gemacht“, rief Commander Norton, als sie die zweite Plattform betraten. „Die Kletterei zurück wird nicht ganz so leicht sein.“

„Das möchte ich gern überprüfen“, antwortete Mercer, der gerade probehalber auf- und abging, um die erhöhte Schwerkraft zu testen.

„Es ist hier bereits ein Zehntel G — man merkt wirklich den Unterschied.“

Er ging — oder, genauer, er glitt — an den Rand der Plattform und richtete seine Helmstrahler auf die nächstniedere Sektion der Treppe.

Soweit sein Lichtstrahl reichte, schien es sich um die genaue Wiederholung der bereits über ihnen liegenden Treppe zu handeln — obgleich die sorgfältige Auswertung der Fotos gezeigt hatte, daß die Stufenhöhe mit wachsender Schwerkraft stetig abnahm. Die Treppe war offenbar so konstruiert, daß die zu ihrer Benutzung nötige Anstrengung an jedem Punkt ihrer langen geschwungenen Kurve in etwa konstant blieb.

Mercer blinzelte zu der Nabe von Rama hinauf.

Sie lag nun fast zwei Kilometer über ihm.

Der schwache Lichtschimmer und die winzigen Schattengestalten davor wirkten erschrekkend weit entfernt. Zum erstenmal war er froh darüber, daß er diese gigantische Treppenkonstruktion nicht in ihrer gesamten Länge sehen konnte. Trotz seiner guten Nerven und seiner Fantasielosigkeit war er sich doch nicht sicher, wie er reagieren würde, wenn er sich wie ein Insekt vorkommen müßte, das auf der Oberfläche eines vertikalen Tellers von über sechzehn Kilometern Höhe herumkroch — wobei die obere Tellerhälfte über ihn herüberhing. Bisher hatte er sich über die Dunkelheit geärgert; in diesem Augenblick jedoch begrüßte er sie fast.

„Keine Temperaturveränderung“, berichtete er Commander Norton. „Immer noch knapp unter Gefrierpunkt. Aber der Luftdruck ist gestiegen, wie wir erwartet haben: ungefähr dreihundert Millibar. Selbst bei diesem geringen Sauerstoffgehalt kann man fast darin atmen.

Weiter unten wird es überhaupt keine Schwierigkeiten machen. Das wird uns die Exploration enorm erleichtern. Was für eine Entdeckung: die erste Welt, auf der wir uns ohne Sauerstoffgeräte bewegen können! Übrigens, ich werde da jetzt mal reinschnuppern.“

Auf der Nabe machte Commander Norton eine leicht beunruhigte Bewegung. Aber wenn überhaupt einer seiner Männer, dann wußte Mercer ganz genau, was er tat. Er hatte bestimmt genügend Tests vorgenommen, um sicherzugehen.

Mercer nahm den Druckausgleich vor, legte den Sicherheitshebel an seinem Helm herum und öffnete diesen einen Spalt weit. Er atmete vorsichtig ein, dann nahm er einen tieferen Atemzug.

Die Luft in Rama wirkte tot und muffig, als käme sie aus einem so uralten Grab, daß die letzten Spuren des körperlichen Zerfalls bereits vor Äonen verschwunden waren. Selbst die überempfindliche Nase Mercers, die in jahrelanger Erprobung von Lebenserhaltungssystemen bis zum Katastrophenpunkt und darüber hinaus geeicht war, konnte keinerlei feststellbare Gerüche entdecken. Es gab einen schwachen metallischen Beigeschmack, und Mercer erinnerte sich plötzlich daran, daß die ersten Menschen auf dem Mond von einem Hauch von verbranntem Schießpulver gesprochen hatten, als sie das Mondmodul wieder unter Druck gesetzt hatten. Mercer stellte sich vor, daß die von Mondstaub geschwängerte Raumkapsel der Eagle in etwa so wie Rama gerochen haben müsse.

Er schloß seinen Helm wieder und entließ die fremde Luft aus seinen Lungen. Sie hatte ihm keine lebenswichtige Hilfe bringen können: selbst ein Bergsteiger, der dem Gipfel des Mount Everest akklimatisiert gewesen wäre, hätte hier sehr schnell sterben müssen. Doch ein paar Kilometer weiter unten würde die Sache völlig anders aussehen.

Was gab es hier sonst noch zu tun? Ihm fiel nichts ein. Er genoß einfach die leichte ungewohnte Schwerkraft. Aber es hatte keinen Sinn, sich an sie zu gewöhnen, denn sie würden gleich in die Gewichtslosigkeit an der Nabe zurückkehren.

„Wir kommen zurück, Skipper“, meldete er.

„Kein Grund, noch weiter abzusteigen — bevor wir ganz runtergehen können.“

„Einverstanden. Wir werden eure Zeit stoppen, aber macht langsam.“

Während er die Stufen hinaufhüpfte, wobei er drei oder vier mit einem Satz nahm, mußte Mercer Calvert recht geben: diese Treppe war gebaut worden, um hinauf-, nicht hinabzusteigen.

Solange man sich nicht umschaute und die schwindelerregende Steilheit der Krümmung ignorierte, war der Anstieg eine erfrischende Erfahrung. Nach etwa zweihundert Stufen begann er allerdings ein leichtes Zukken in seinen Wadenmuskeln zu verspüren und beschloß, langsamer weiterzumachen. Die anderen beiden taten es ihm nach. Als er einen raschen Blick über die Schulter zurückwarf, sah er, daß sie ein gutes Stück weiter unten am Hang waren.

Der Aufstieg verlief gänzlich ereignislos — es war nur eine scheinbar endlose Abfolge von Stufen. Als sie erneut auf der obersten Plattform standen, direkt unter der Leiter, waren sie kaum außer Atem, und sie hatten knapp zehn Minuten gebraucht. Sie machten noch einmal zehn Minuten Pause, dann nahmen sie den letzten senkrechten Kilometer des Aufstiegs in Angriff.

Springen, eine Sprosse packen — Springen- Packen-Springen-Packen… es war leicht, aber auch so anödend gleichförmig, daß die Gefahr bestand, leichtsinnig zu werden. Auf halbem Weg machten sie fünf Minuten Pause: inzwischen hatten außer den Beinen auch die Arme zu schmerzen begonnen. Wieder war Mercer froh darüber, daß sie so wenig von dieser senkrechten Oberfläche erkennen konnten, an der sie sich hocharbeiteten; so konnte man sich leicht einreden, daß die Leiter nur ein paar Meter über den erleuchteten Bereich hinausragte und bald zu Ende sein werde.

Springen-Packen, Festhalten an der Sprosse, Springen — und dann war die Leiter ganz plötzlich wirklich zu Ende. Die ganze Exkursion hatte etwas weniger als eine Stunde gedauert, und jetzt waren sie wieder zurück in jener gewichtslosen Welt an der Rama-Achse und inmitten ihrer besorgten Freunde. Sie verspürten durchaus einen gewissen Stolz.

Doch war es bei weitem noch zu früh für eine bequeme Selbstzufriedenheit. Trotz all ihrer Anstrengungen hatten sie erst weniger als ein Achtel des gesamten gigantischen Treppensystems hinter sich gebracht.