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»Haben Sie Mr. Zachary schon gesagt, um was es geht, Grant?«
»Nein, Marshal. Ich dachte, das tun Sie lieber selbst.«
»Das muß ich wohl«, meinte Webb mit finsterer Miene und winkte den anderen, ihm zu folgen, während er den Saloon verließ und eine enge Gasse neben dem Saloongebäude ansteuerte.
Der Eingang zu dieser Gasse wurde von einem Deputy bewacht, der niemanden durchließ außer dem Marshal und seinen Begleitern. In der dunklen Gasse stank es nach Abfällen und Unrat. Ein paar eiserne Treppen rankten sich von hier an den steinernen Außenwänden der benachbarten Gebäude empor und führten zu Wohnungen, in denen Angestellte des Trading Centers lebten.
Sie mußten nicht weit gehen, bis ihnen etwas Großes, das auf dem Boden lag, den Weg versperrte. Es war der Körper eines Mannes, groß gebaut mit breiten Schultern, jetzt aber seltsam verrenkt. Er lag auf der Seite. Unter seinem Oberkörper hatte sich ein großer dunkler Fleck auf dem staubigen Boden gebildet. Wie auch auf seiner Brust. Hier erkannte man die rote Färbung des Blutes, das aus einem Loch dicht bei seinem Herzen ausgetreten war. Die Augen in dem glatten Gesicht des dunkelhaarigen Mannes blickten starr in eine imaginäre Ferne; vielleicht sahen sie das Gelobte Land, wo immer es auch liegen mochte.
»Adam!« schrie Abner Zachary auf, fiel neben seinem toten Sohn auf die Knie und rüttelte an seinem Oberkörper, als könnte er ihn damit aus seinem tiefen Schlaf erwecken. »Adam, antworte mir! So sag doch etwas, mein Sohn!«
»Er ist tot, Mr. Zachary, seit vielen Stunden schon«, sagte Marshal Webb. »Er war es schon, als er am frühen Morgen von Buck Saunders gefunden wurde.«
»Tot«, flüsterte Abner Zachary und dachte an den Verlust seiner Frau. »Schon wieder einer. tot.«
Sein Sohn Aaron faßte ihn unter die Schultern und half seinem Vater, sich zu erheben. Kaum stand der Prediger wieder auf seinen Füßen, da straffte sich sein Körper. In seinen eisgrauen Augen blitzte es auf, als er Webb anschaute.
»Wie ist das passiert, Marshal?«
»Er wurde erstochen«, antwortete Webb und sah Begley an. »Haben Sie das Messer, Grant?«
»Klar, Marshal«, meinte der Deputy und zog ein Messer aus seiner Jackentasche, dessen Schneide mit einem Tuch umwickelt war. Als er es aus dem Tuch zog, war dieses blutig. Es war ein langschneidiges Arkansasmesser mit Ebenholzgriff und Sägerücken.
»Das Messer paßt in eine Scheide am Gürtel Ihres Sohns, Mr. Zachary«, erläuterte der Marshal. »Hat es ihm gehört?«
»Ja«, antwortete der Prediger leise. »Ich habe es Adam zu seinem vierzehnten Geburtstag geschenkt. Vierzehn Jahre hat er es getragen, und jetzt.«
Seine Stimme verebbte, und er dachte einen Moment nach, bevor er murmelte: »Man hat Adam also mit seinem eigenen Messer ermordet, Marshal?«
Webb nickte.
»Wer hat das getan?«
»Wir wissen es nicht.«
»Doch«, sagte da Begley und zeigte mit der Messerspitze auf Martin. »Der German war es!«
Aller Augen richteten sich überrascht auf den Deputy und auf Martin.
»Wie kommen Sie darauf, Grant?« fragte Webb.
»Die Mütze, die wir bei der Leiche gefunden haben, gehört ihm. Er hat es mir gegenüber zugegeben, unter Zeugen.«
»Wenn Sie die Mütze meinen, die Sie mir gezeigt haben, ist es wirklich meine«, sagte Martin. »Aber ich habe Adam Zachary nicht getötet. Ich war noch niemals zuvor in dieser Gasse.«
»Wie kommt dann Ihre Mütze dahin?« forschte Webb nach.
»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich sie gestern abend im Saloon verloren habe.«
»Haben Sie Adam Zachary im Saloon getroffen?«
»Nein.«
»Das ist nicht wahr!« brauste der Prediger auf. »Sie haben vorhin zu mir gesagt, daß Sie ihn im Saloon getroffen haben.«
Martin schüttelte seinen Kopf. »Das stimmt nicht, Mr. Zachary. Ich habe nur gesagt, daß ich ihn da gesehen habe. Aber ich habe kein einziges Wort mit ihm gesprochen. Und als ich zum Lager zurückging, war Ihr Sohn noch im Saloon, quicklebendig. Fragen Sie Miß Anderson. Sie war bei ihm.«
Die Gruppe ging in den Saloon, und Frenchie holte Urilla aus ihrem Zimmer im Obergeschoß. Die junge Frau im bunten Morgenmantel hatte ein verweintes Gesicht, und noch immer flossen Tränen aus ihren hellgrünen Augen. Allen war klar, daß sie die Tränen wegen Adam Zacharys Tod vergoß. Webb rückte ihr einen Stuhl an dem Tisch zurecht, an dem er zuvor gefrühstückt hatte. Dankbar ließ sie sich darauf sinken.
Der Marshal wiederholte Martins Aussage und fragte die Frau, ob sie das bestätigten könne.
»Ich habe Mr. Bauer gestern abend hier gesehen, das stimmt. Ob Adam mit ihm gesprochen hat, weiß ich nicht. Ich selbst habe mich nur kurz mit Mr. Bauer unterhalten. Wann er gegangen ist, weiß ich auch nicht. Irgendwann war er nicht mehr da.«
»War zu diesem Zeitpunkt Adam noch bei Ihnen?«
Sie überlegte kurz und nickte dann.
»Ja, Marshal.«
»Da hören Sie es!« triumphierte Martin. »Ich kann es also nicht gewesen sein.«
»Warum nicht?« fragte Webb. »Sie können Adam Zachary vor dem Saloon aufgelauert und ihn in die Gasse gelockt haben.«
»Aber ich sage Ihnen doch, daß ich noch nie in dieser Gasse war!«
»Das ist eine Behauptung von Ihnen, die nichts beweist. Sie müßten beweisen können, daß Sie ins Lager zurückgekehrt sind, als Adam Zachary noch lebte.«
»Wie kann ich das?«
»Jemand müßte Sie bei Ihrer Rückkehr bemerkt haben.«
Hoffnungsvoll schaute Martin seinen Freund an. Aber Jacob konnte nur sagen, daß Martin sehr spät aus der Stadt zurückgekehrt war. Martin war leise genug gewesen, daß Jacob nicht richtig wach geworden war. Jetzt bedauerte der Bauernsohn seine Rücksichtnahme.
»Wie lange war Adam Zacharys bei Ihnen, Miß Anderson?« fragte der Marshal.
»Genau weiß ich es nicht.«
»So ungefähr.«
»Bis etwa eine halbe Stunde nach Mitternacht, würde ich sagen. Dann hat sich Adam verabschiedet, weil er zurück ins Lager wollte.«
»Was haben Sie dann getan?«
»Gearbeitet, noch etwa zwei Stunden, bis Frenchie den Laden zugemacht hat.«
»Über was haben Sie und Adam gesprochen.«