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»Ja«, pflichtete Ptolemaios ihm bei. »Eine solche Herrlichkeit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht untergekommen -das reinste Wunder!«
»Und es ist nicht das einzige hier in der Gegend«, schaltete Aristandros sich ein. »Ein Stück weiter werden wir auf den Berg Argeios stoßen, dessen Gipfel Feuer und Flammen spuckt und ganze Regionen mit Asche bedeckt. Es heißt, der Riese Typhon sei unter seinen Felsmassen angekettet.«
Ptolemaios gab Seleukos ein Zeichen, ihm zu folgen, und spornte sein Pferd an, als wolle er die lange Soldatenkolonne abreiten. Nachdem er eine Strecke von ungefähr einem halben Stadion zurückgelegt hatte, zügelte er sein Pferd jedoch und ließ es wieder im Schrittempo gehen.
»Weißt du, was Alexander hat?« fragte er den Freund.
Seleukos schüttelte den Kopf. »Nein, keine Ahnung. So ist er,
seit er mit diesem Ägypter gesprochen hat.«
»Ich mochte die Ägypter noch nie«, meinte Ptolemaios.
»Wer weiß, was für einen Floh der ihm ins Ohr gesetzt hat. Als hätten wir mit diesem Seher, diesem Aristandros, nicht schon genug . . .«
»Ich glaube, Hephaistion weiß mehr als wir. Aber er läßt nichts raus.«
»Klar, der ist Alexander ergeben wie ein Hund.«
»Wem sagst du das«, Ptolemaios grinste. »Worum könnte es bloß gehen? Eine schlechte Nachricht ist es auf alle Fälle. Ob wir deshalb so schnell vorrücken? Womöglich ist Parmenion etwas zugestoßen . . .«
Ptolemaios warf einen Blick zu Alexander, der nicht weit von ihnen entfernt an der Spitze des Heeres ritt.
»Nein, das hätte er uns gesagt. Außerdem ist Parmenion nicht alleine: Kleitos, Philotas, Krateros und Alexanders Vetter Amyntas sind bei ihm. Meinst du, keiner von denen hätte überlebt?«
»Wer weiß? Sie brauchen bloß in einen Hinterhalt geraten sein . . .« Seleukos dachte einen Augenblick nach. »Vielleicht denkt er an Memnon - dieser Mensch ist zu allem fähig. Während wir uns hier unterhalten, ist der vielleicht schon in Piräus oder gar in Makedonien gelandet.«
»Was machen wir? Fragen wir Alexander heute abend, wenn er uns zum Essen einlädt?«
»Das kommt auf seine Stimmung an. Vielleicht wäre es besser, mit Hephaistion zu sprechen.«
»Ja, wahrscheinlich. Machen wir's so.«
Die Sonne war inzwischen am Horizont versunken, und die beiden jungen Männer dachten wehmütig an die Mädchen, die sie weinend in Pieria und Eordaia zurückgelassen hatten - vielleicht dachten sie in diesem Moment ja auch an sie.
»Ist dir je in den Sinn gekommen zu heiraten?« fragte Pto-lemaios plötzlich.
»Nein. Und dir?«
»Mir auch nicht. Obwohl Kleopatra mir gefallen hätte . . .«
»Mir auch.«
»Von Perdikkas ganz zu schweigen . . .«
In diesem Augenblick ertönte ein Schrei an der Spitze des Spähtrupps, der mit Einbruch der Dunkelheit von seinem Erkundungsritt zurückkam: »Kelainai! Kelainai!«
»Wo?« fragte Eumenes und schickte sich an, nach vorn zu reiten.
»Dort, in fünf Stadien Entfernung«, erwiderte einer der Späher und deutete auf einen Hügel in der Ferne, auf dem Myriaden von kleinen Lichtern blinkten. Er glich einem gigantischen Ameisenhaufen, den Tausende von Glühwürmchen beleuchteten - ein phantastischer Anblick.
Alexander schien plötzlich aus seinen Träumereien aufzuwachen. Er hob die Hand und brachte die Kolonne zum Stehen. »Wir schlagen unser Lager hier auf«, befahl er. »Morgen nähern wir uns der Stadt. Kelainai ist die Hauptstadt von Phrygien und der Sitz des persischen Satrapen der Provinz. Wenn Parmenion es noch nicht eingenommen hat, tun wir es. In einer so gut befestigten Stadt muß es viel Geld geben.«
»Seine Laune hat sich anscheinend gebessert«, meinte Ptole-maios.
»Ja.« Seleukos nickte. »Vielleicht hat er sich an den Satz von Aristoteles erinnert: >Entweder es gibt eine Lösung für das Problem, und dann ist es sinnlos, sich Sorgen zu machen, oder es gibt keine Lösung, und dann ist es genauso sinnlos, sich Sorgen zu machen.< Ich denke, wir werden heute abend doch noch zum Essen eingeladen.«
38
Aristoteles nahm eines der letzten Schiffe, die vor Wintereinbruch noch den Hafen von Piräus verließen, und ließ sich von ihm nach Methone bringen. Der Kapitän hatte beschlossen, eine anhaltend steife Brise aus Süd auszunützen, um eine Fracht Olivenöl, Wein und Bienenwachs nach Makedonien zu liefern; sie hätte andernfalls in Lagerhäusern überwintert und erst im Frühling verkauft werden können, und da sanken für gewöhnlich die Preise.
Kaum an Land gegangen, ließ sich Aristoteles von einem Mauleselgespann nach Mieza bringen. Er besaß immer noch die Schlüssel zu dem großen Forschungsanwesen und hatte Erlaubnis, jederzeit davon Gebrauch zu machen. Soweit er wußte, hielt sich in Mieza derzeit ein Mann auf, mit dem er unbedingt sprechen wollte, ein Mann, der ihm von Alexander berichten konnte - es war kein anderer als der Bildhauer Lysippos.
Tatsächlich traf Aristoteles ihn bei der Arbeit in der Gießerei an. Lysipp war gerade dabei, ein Tonmodell der grandiosen Figurengruppe anzufertigen, die die Alexanderschar am Gra-nikos darstellen sollte und später in Bronze gegossen würde. Bei Aristoteles' Ankunft war es beinahe Abend; sowohl in der Werkstatt als auch im Speisesaal und in einigen Gästezimmern brannten Öllampen.
»Herzlich willkommen, Aristoteles!« rief Lysippos erfreut aus. »Tut mir leid, ich kann dir nicht einmal die Hand geben: Du siehst ja, wie schmutzig ich bin. Warte bitte einen Augenblick, dann stehe ich dir zur Verfügung.«
Aristoteles nickte und trat vor das Tonmodell. Er zählte sechsundzwanzig Figuren auf einer Plattform von etwa acht bis zehn Fuß Länge. Man konnte die schäumenden Wasser des Flusses erkennen und glaubte fast zu hören, wie die Reiter in wildem Galopp durch die Furt preschten, allen voraus, mit wehendem Haar, Alexander auf Bukephalos.
Lysippos hatte sich inzwischen die Hände in einem Tonbecken gewaschen und trat jetzt neben Aristoteles. »Wie findest du den Entwurf?«
»Herrlich. Was mich an deinen Figuren immer am meisten beeindruckt, ist die unglaubliche Energie, die sie ausströmen -wie in einer Art panischem Orgasmus.«
Lysippos lächelte. »Die Gruppe wird hinter einer kleinen Anhöhe aufgestellt werden und dadurch völlig unerwartet vor dem Betrachter auftauchen«, erklärte er dem Philosophen mit verklärtem Gesicht, während er die Szene mit seinen riesigen Händen beschrieb. »Man soll den Eindruck haben, die Reiter kämen direkt auf einen zugesprengt und würden einen jeden Moment unter sich begraben. Alexander hat mich gebeten, sie unsterblich zu machen; ich arbeite bis zur Erschöpfung, um seinem Wunsch gerecht zu werden, und ich möchte auch die Eltern dieser jungen Gefallenen wenigstens ein klein wenig für ihren schmerzlichen Verlust entschädigen.«
»Gleichzeitig machst du ihn, Alexander, noch bei Lebzeiten zur Legende«, meinte Aristoteles.
»Ich glaube, das würde er auch ohne mich, meinst du nicht?«
Lysippos zog seinen Lederschurz aus und hängte ihn an einen Nagel. »Das Abendessen ist beinahe fertig. Du ißt doch mit uns, oder?«
»Gerne«, erwiderte Aristoteles. »Wer ist außer mir denn noch da?« »Mein Assistent Karetes«, sagte der Bildhauer und deutete auf den mageren jungen Mann mit dem schütteren Haar, der in der anderen Ecke der Werkstatt Holz mit einem Hohleisen bearbeitete und nun respektvoll den Kopf neigte. »Und außerdem noch ein Gast aus der Stadt Tarentos in Italien: Euhemeros von Kallipolis. Ein netter Mann, der uns möglicherweise auch Nachricht von König Alexander von Epeiros bringt.«
Sie verließen die Gießerei und gingen den inneren Wandelgang entlang zum Refektorium. Aristoteles erinnerte sich voller Wehmut an das letzte Mal, als er dort mit König Philipp zu Abend gegessen hatte.
»Bleibst du länger?« fragte Lysipp.
»Nein, eigentlich nicht. Ich habe Kallisthenes in meinem letzten Brief gebeten, mir nach Mieza zu antworten, und ich bin sehr gespannt auf seinen Bericht. Aber wenn ich ihn erhalten habe, breche ich so früh wie möglich nach Aigai auf.«
»Du willst in den alten Königspalast?«
»Ja, ich möchte auf dem Altar vor Philipps Grab ein Opfer bringen, und außerdem muß ich ein paar Personen treffen.«
Lysippos zögerte einen Moment. »Ich habe gehört, daß du Nachforschungen über Philipps Tod angestellt hast, aber das sind vielleicht nur Gerüchte . . .«
»Nein, das ist wahr«, entgegnete Aristoteles scheinbar gelassen.
»Weiß Alexander das?«