37286.fb2 Alexander K?nig von Asien - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 53

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Als Memnon merkte, was los war, verlangte er, augenblicklich auf dem Festland abgesetzt zu werden, wogegen Tigranes nicht das Geringste einzuwenden hatte. Memnon bat auch, vier seiner treuesten Söldner mitnehmen zu dürfen, damit sie ihm bei der Überlandreise behilflich sein konnten. Der neue Admiral warf ihm einen mitleidigen Blick zu, als wolle er sagen: »Weit kommst du in diesem Zustand sowieso nicht.« Aber er erfüllte ihm auch diese Bitte, wünschte ihm auf persisch alles Gute und verabschiedete sich.

Und so wurde mitten in der Nacht vom Admiralsschiff ein Boot mit fünf Mann zu Wasser gelassen, das unter kräftigen Ruderschlägen wenig später eine verlassene Bucht an der Ostküste des Hellespont erreichte. Noch in derselben Nacht begannen die fünf Männer ihre Reise nach Susa - Memnon wollte zu seiner Familie gebracht werden.

»Ich will Barsine und die Kinder noch einmal sehen, bevor ich sterbe«, sagte er, kaum daß sie an Land waren.

»Du hast schon Schlimmeres überstanden, Kommandant«, erwiderte einer der Söldner, »du wirst nicht sterben. Aber befiehl, was du willst - wir bringen dich überallhin, und sei es ans Ende der Welt oder in den Hades. Und wenn nötig, tragen wir dich auf unseren Schultern.«

Memnon dankte ihm mit einem matten Lächeln, aber der Gedanke, seine Familie wiederzusehen, richtete ihn auf und flößte ihm ungeahnte Kräfte ein. Einer seiner Männer machte sich sofort auf die Suche nach einem geeigneten Gefährt, denn reiten konnte der Kranke nicht, das war klar. Am nächsten Tag standen ein Maultiergespann und vier Pferde zur Verfügung, die auf einem Bauernhof gekauft worden waren.

Unterwegs hielten die Söldner Rat und beschlossen, daß einer von ihnen bis zur Königsstraße vorausreiten und von dort eine Eildepesche an Barsine aufgeben würde, damit sie ihnen ein

Stück entgegenkommen konnte. Denn daß Memnon es bis nach Susa schaffen würde, wagten sie kaum zu hoffen - bis dorthin waren sie mindestens einen Monat unterwegs.

Zeitweilig schien es dem Kommandanten besserzugehen, dann aß er sogar ein bißchen, aber abends stieg das Fieber meistens so hoch an, daß er im Delirium versank. In diesem Zustand redete er dann völlig irres Zeug, und seiner Kehle entrangen sich die Schreie eines ganzen Lebens voller Kämpfe und entsetzlicher Schmerzen, die er anderen zugefügt oder selbst erlitten hatte; immer wieder stöhnte und weinte er, wie über eine enttäuschte Hoffnung, einen zerstörten Traum.

Der Anführer seines kleinen Geleitschutzes, ein Mann aus Tegea, der immer an seiner Seite gekämpft hatte, betrachtete ihn in diesen Momenten ratlos und bestürzt, legte ihm ein feuchtes Tuch auf die Stirn und murmelte: »Nur ruhig, Kommandant, es passiert dir nichts. Memnon von Rhodos läßt sich nicht von einem dummen Fieberanfall umwerfen, das ist unmöglich .. .« Und er sprach so eindringlich, als müsse er sich selbst überzeugen.

Der vorausreitende Söldner erreichte die Königsstraße in Höhe der Brücke über den Halys, die angeblich Krösus von Lydien erbaut hatte. Dort erfuhr der Mann, daß er gar nicht ganz bis nach Susa reiten mußte. König Dareios hatte sich nämlich endlich dazu durchgerungen, diesem aufmüpfigen kleinen Yauna, der es gewagt hatte, seine westlichen Provinzen zu besetzen und an der Spitze eines Heers von fünftausend Soldaten, Hunderten von Kriegswagen und Zehntausenden von Reitern auf die Syrische Pforte zuzumarschieren, eine Lektion zu erteilen. Dareios ließ sich von seinem gesamten Hofstaat begleiten, und da war Barsine sicher auch dabei. Und so wurde Memnons

Wunsch vom Schein vieler Feuer und vom Widerschein bronzener Spiegel von Berg zu Berg getragen und flog auf dem Rücken nisäischer Rösser dahin, bis er den Großkönig in seinem rotgoldenen Pavillon erreichte. Und der ließ sofort Barsine zu sich rufen.

»Dein Gemahl ist schwer krank und verlangt nach dir«, sagte er zu ihr. »Er ist auf unserer Königsstraße hierher unterwegs in der Hoffnung, dich ein letztes Mal zu sehen. Ich weiß nicht, ob du es schaffst, ihn noch lebend anzutreffen, aber du kannst es wenigstens versuchen. Ich gebe dir zehn Unsterbliche aus meiner Leibwache als Geleitschutz mit.«

Barsine fühlte, wie ihr Herz vor Trauer fast zu schlagen aufhörte, aber sie zuckte nicht mit der Wimper und vergoß keine einzige Träne. »Edler Großkönig, ich danke dir, daß du mich benachrichtigt hast und mir erlaubst, an die Seite meines Gemahls zu eilen. Ich werde sofort aufbrechen und weder ruhen noch rasten, bis ich ihn erreicht habe und in meine Arme schließen kann.«

Nach diesen Worten kehrte sie in ihr Zelt zurück, zog Reiterkleidung an - ein Filzkorsett und eine Lederhose -, holte sich das beste Pferd aus dem Stall und stob im Galopp davon. Die Leibwächter, die Dareios ihr zum Schutz bestimmt hatte, konnten kaum mit ihr mithalten.

Barsine ritt drei Tage und drei Nächte und ruhte nur dann und wann ein paar Stunden aus, wenn sie vor Müdigkeit kaum noch die Augen aufhalten konnte oder das Pferd wechseln mußte. Am Abend des dritten Tages - die Sonne ging gerade unter - sah sie in der Ferne einen kleinen Konvoi auf der verlassenen Straße entgegenkommen: ein von zwei Maultieren gezogenes Fuhrwerk, das von vier bewaffneten Reitern eskortiert wurde.

Sie gab ihrem Pferd die Sporen und preschte dem Wagen entgegen. Als sie bei ihm angekommen war, sprang sie vom Pferd, lüftete die Plane des Fuhrwerks und sah hinein: Auf Schaffelle gebettet lag sterbend ihr Gemahl. Er hatte einen langen Bart und aufgesprungene Lippen, sein Haar war schmutzig und zerzaust. Kommandant Memnon, der bis vor kurzem als der mächtigste Mann der Welt nach König Dareios gegolten hatte, war nur noch ein Häufchen Elend.

Aber er lebte noch.

Barsine streichelte ihn und küßte ihn zärtlich auf Mund und Augen, ohne zu wissen, ob er sie überhaupt wahrnahm. Dann sah sie sich verzweifelt nach irgendeiner Unterkunft um. In der Ferne gewahrte sie auf einem Hügel ein großes Steinhaus, es mochte einem Großgrundbesitzer gehören. Sie beauftragte die Männer ihrer Leibwache, den Hausherrn um Aufnahme zu bitten, ob für ein paar Tage oder wenige Stunde wußte sie selbst nicht zu sagen.

»Ich möchte ein Bett für meinen Mann, ich möchte ihn waschen und umziehen; Memnon soll wie ein Mensch sterben, nicht wie ein Tier«, sagte sie.

Die Leibwächter nickten, und wenig später wurde Memnon in das Haus gebracht und mit allen Ehren von dem persischen Hausherrn empfangen. Man bereitete das Bad vor, und Barsine zog ihren Mann aus, wusch ihn und zog ihm frische Kleider an. Die Diener schnitten ihm das Haar, Barsine parfümierte es und rieb ihm die Stirn mit einer erfrischenden Salbe ein. Dann legte sie ihn ins Bett, setzte sich neben ihn und hielt ihm die Hand.

Es war inzwischen spät geworden; irgendwann erschien der Hausherr, um zu fragen, ob die vornehme Frau nicht nach unten kommen und mit ihren Begleitern zu Abend essen wolle, aber

Barsine lehnte dankend ab.

»Ich bin Tag und Nacht geritten, um zu ihm zu gelangen; solange er lebt, werde ich keinen Augenblick von seiner Seite weichen.«

Der Mann zog sich mit einer Verneigung zurück, und Barsine setzte sich wieder an Memnons Bett, streichelte sein Gesicht und benetzte ihm von Zeit zu Zeit die Lippen mit etwas Wasser. Irgendwann nach Mitternacht nickte sie, von Schlaf und Erschöpfung übermannt, auf ihrem Stuhl ein.

Sie hätte nicht zu sagen gewußt, wie lange sie so gesessen hatte, als sie plötzlich die Stimme ihres Mannes hörte. Zunächst glaubte sie, es sei ein Traum, aber die Stimme fuhr fort, ein ums andere Mal ihren Namen zu wiederholen: »Bar. . . si. . . ne . . .« Sie öffnete die Augen und setzte sich mit einem Ruck auf: Memnon war aus seinem Dämmerzustand erwacht und sah sie mit seinen großen blauen Augen an, die vor Fieber glänzten.

»Liebster«, flüsterte sie und fuhr ihm zärtlich mit der Hand übers Gesicht.

Memnons eindringlicher Blick verriet ihr, daß er ihr etwas sagen wollte.

»Was möchtest du? So sprich doch, bitte.«

Memnon öffnete die Lippen, und einen Moment lang schien neuer Lebenssaft in seinen todkranken, ausgemergelten Körper zu fließen; das magere Gesicht hatte fast wieder die männliche Schönheit von einst. Barsine beugte sich zu ihm hinunter und legte das Ohr an seine Lippen, um sich keine Silbe entgehen zu lassen.

»Ich möchte . . .«

»Was möchtest, mein Liebster? Sag es mir, versuch es wenigstens, Liebling.«

»Ich möchte . . . dich . . . sehen.«

Barsine erinnerte sich an die letzte Nacht, die sie zusammen verbracht hatten, und begriff. Sie stand auf, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, trat ein paar Schritte zurück, um sich in den Schein der beiden Lampen zu stellen, die von der Decke hingen, und begann sich auszuziehen - zuerst das Korsett, dann die lederne Reithose, bis sie nackt und herrlich vor ihm stand.

Sie sah, daß seine Augen feucht wurden und zwei dicke Tränen über die eingefallenen Wangen kullerten - da wußte sie, daß sie seinen Wunsch erraten hatte. Und sie spürte, daß er sie mit den Augen zärtlich liebkoste, zuerst das Gesicht, dann ihren ganzen Körper - es war seine Art, ein letztes Mal bei ihr zu liegen.

Später hauchte er mit kaum noch vernehmbarer Stimme: »Meine Jungen . . .«, und suchte noch einmal ihre Augen, um ihr mit einem letzten glühenden und verzweifelten Blick seine Leidenschaft und Liebe auszudrücken, dann sank er ins Kissen zurück und starb.

Barsine schlüpfte in einen Mantel und warf sich schluchzend auf seinen leblosen Körper, um ihn mit Küssen zu bedecken. Ihr herzzerreißendes Weinen erfüllte das ganze Haus, und da begriffen die Söldner, die draußen am Feuer wachten, was los war. Sie standen auf und erwiesen Memnon von Rhodos schweigend die letzte Ehre, ihrem geliebten Kommandanten, dem das launische Schicksal verwehrt hatte, als Soldat mit dem Schwert in der Faust zu sterben.

Sie warteten bis zum Morgenrot, um in sein Zimmer hinaufzugehen und den Leichnam für die Bestattung abzuholen.

»Erlaube, daß wir ihn nach unserem Brauch auf einen Scheiterhaufen legen«, sagte der Älteste unter ihnen, der Mann aus

Tegea, zu Barsine. »Für uns wäre es eine fürchterliche Schmach, seinen Körper einfach den Hunden und Vögeln zum Fräße zu überlassen; da sind wir Griechen nun mal ganz anders als ihr.« Und Barsine begriff. Sie begriff, daß sie in dieser hohen Stunde zur Seite treten und erlauben mußte, daß Memnon unter seine Leute zurückkehrte und nach griechischem Brauch bestattet wurde.

Auf einem mit glitzerndem Rauhreif überzogenen Feld errichteten die Männer den Scheiterhaufen, zogen ihrem toten Kommandanten zum letztenmal seine Rüstung an, setzten ihm den Helm mit der silbernen Rose von Rhodos auf und legten ihn auf den Holzstoß.

Dann übergaben sie ihn den Flammen.

Der Wind, der über die Hochebene fegte, schürte das Feuer, und binnen kurzem war von dem großen Krieger nur noch ein Häufchen Asche übriggeblieben. Seine Soldaten, die - ihre Lanzen in der Faust - strammstanden, schrien zehnmal Memnons Namen in den kalten, bleiernen Himmel hinauf, der wie ein Schweißtuch über der öden Landschaft lag, und als das Echo ihres letzten Schreis verklungen war, kam ihnen plötzlich zu Bewußtsein, daß sie ja nun ganz alleine auf der Welt waren -ohne Vater und Mutter, ohne Geschwister und Frau, ohne einen Ort, an den sie sich zurückziehen konnten.

»Ich habe geschworen, ihm überallhin zu folgen«, sagte da der Älteste von ihnen. »Selbst in den Hades.« Und mit diesen Worten kniete er nieder, zog sein Schwert aus der Scheide, richtete sich die Spitze gegen die Brust und warf sich darauf.

»Ich auch«, sagte sein Gefährte, indem er gleichfalls die Waffe zückte.

»Und wir auch«, sagten die anderen beiden.

Und während der erste Hahnenschrei die gespenstische Stille der Morgendämmerung zerriß wie ein gellender Trompetenstoß, sackte einer nach dem andern in seinem Blut zusammen.

44

Nachdem Philipp, der Arzt, die Leiche des persischen Boten obduziert hatte, bei dem das Schreiben des Großkönigs an Prinz Amyntas gefunden worden war, berichtete er Alexander von seinen Untersuchungsergebnissen.

»Der Mann ist vergiftet worden, das steht fest, allerdings mit einer Art von Gift, die ich nicht kenne. Den Koch brauchen wir erst gar nicht zu verhören: Der ist ein guter, einfacher Mann - er wäre niemals in der Lage, so etwas zusammenzubrauen; das brächte nicht einmal ich fertig.«

»Ist es denkbar, daß der Perser das Gift bei sich hatte und sich selbst umgebracht hat?« fragte Alexander.