37286.fb2 Alexander K?nig von Asien - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 54

Alexander K?nig von Asien - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 54

»Natürlich - unter den Leibwächtern des Großkönigs gibt es viele, die Dareios Treue bis in den Tod schwören. Mehr können wir im Augenblick zu dieser Geschichte nicht sagen, fürchte ich.«

Die Tage vergingen, und noch immer traf keine Nachricht von den Verstärkungstruppen ein, die man aus Makedonien angefordert hatte. Die Moral der Soldaten, die den lieben langen Tag müßig herumhingen und sich langweilten, begann spürbar nachzulassen. Eines Morgens beschloß Alexander, zum Tempel der Großen Mutter aller Götter in Gordion hinaufzusteigen, von dem es hieß, der mythische König Midas habe ihn erbaut.

Alexander und seine Kameraden wurden von der versammelten Priesterschaft des Tempels empfangen, die ihre prächtigsten Festgewänder angelegt hatte, kaum daß der hohe Besuch gemeldet worden war.

Der Tempel war ein uraltes Lokalheiligtum mit einer höl-zernen Statue der Göttin. Sie war völlig vom Holzwurm zerfressen, aber mit einer unglaublichen Menge an Schmuck und Talismanen behangen, die fromme Gläubige in Jahrhunderten zusammengetragen hatten. An den Wänden hingen Andenken und Votivgaben aller Art, darunter unzählige Abbildungen menschlicher Körperteile in Ton oder Holz, mit denen man für eine Heilung danken oder um Gesundung bitten wollte.

Es gab in lebhaften Farben bemalte Hände und Füße, die von Krätze befallen waren, Augen, Nasen und Ohren, aber auch Gebärmütter, mit denen sterile Frauen um Fruchtbarkeit flehten, und männliche Glieder, deren Besitzer dasselbe Anliegen hatten.

Jeder einzelne dieser Gegenstände kündete von dem Jammer und Leid, die das Menschengeschlecht seit Urzeiten verfolgten -seit dem Tag, an dem der törichte Epimetheus die Büchse der Göttin Pandora geöffnet und damit das Unglück über die Welt gebracht hatte.

»Nur die Hoffnung blieb zurück«, erinnerte sich Eumenes, während er den Blick im Tempel umherschweifen ließ. »Und was sind all diese Dinge anderes als Zeichen der Hoffnung -eine Hoffnung, ohne die wir Menschen nicht leben können, auch wenn sie letzten Endes fast immer enttäuscht wird.«

Seleukos, der neben ihm stand, sah ihn verwundert an: Mit einem derart tiefsinnigen philosophischen Erguß hatte er nicht gerechnet. Er konnte jedoch nichts darauf sagen, denn die Priester hatten sie unterdessen in einen Raum in der Mitte des Tempels geführt, in dem das Prunkstück des Heiligtums aufbewahrt wurde: der legendäre Streitwagen von König Midas.

Es handelte sich um ein seltsames, vierrädriges Gefährt sehr primitiver Machart mit einer halbrunden Brüstung im oberen

Teil. Das Lenksystem bestand aus einer Deichsel, die über eine Stange mit der Vorderachse des Wagens verbunden war, während das Joch mittels eines langen, zu einem kunstvollen Knoten verschlungenen Riemens an der Deichsel befestigt war. Auf den ersten Blick wirkte dieser Knoten tatsächlich unentwirrbar.

Einem antiken Orakel zufolge würde aber derjenige König von Asien werden, dem es gelang, diesen Knoten zu lösen, und Alexander hatte fest vor, sein Glück zu versuchen.

»Du kannst dich nicht darum drücken«, hatte Eumenes vor ein paar Tagen zu ihm gesagt. »Diesen Orakelspruch kennt jedes Kind. Du mußt die Probe wagen, sonst denken unsere Soldaten, du hättest kein Selbstvertrauen und würdest selbst nicht daran glauben, den Großkönig besiegen zu können.«

Seleukos war derselben Meinung gewesen: »Eumenes hat recht. Dieser Knoten ist ein Symbol: Er versinnbildlicht die unzähligen Wege und Karawanenstraßen aus allen Teilen des Reichs, die sich hier in Gordion kreuzen. Im Grunde kontrollierst du diesen Knoten ja bereits - du hast Gordion mit Waffengewalt besetzt, aber das ist nicht genug: Jetzt mußt du es auch noch mit dem Symbol aufnehmen.«

»Was sagst du dazu, Seher?« hatte der König daraufhin Ari-standros gefragt und folgende Antwort erhalten:

»Dieser Knoten steht für absolute Perfektion und vollendete Harmonie - auch für das komplizierte Zusammenspiel der Urkräfte, die das Leben auf der Erde hervorgebracht haben. Du wirst diesen Knoten lösen und damit Asien und die ganze Erde beherrschen.«

Der prophetische Spruch des Sehers hatte alle zuversichtlich gestimmt, aber Eumenes, der kein Risiko eingehen wollte, hatte einen von Admiral Nearchos' Offizieren kommen lassen, einen, der sich mit allen auf Kriegs- und Handelsschiffen üblichen Knoten auskannte und den König in die »hohe Kunst des Knotens« einweihte.

Derart vorbereitet, zweifelte Alexander keinen Moment daran, die Probe bestehen zu können - zumal man auch annehmen durfte, daß die Tempelpriester alles tun würden, um ihrem neuen Herrn die Sache zu erleichtern und ihn nicht der Schmach eines Versagens auszusetzen.

»Das ist er: der Wagen von König Midas«, verkündete einer von ihnen, während er den König zu dem wurmstichigen alten Gefährt begleitete. »Und dort ist der Knoten.« Und da er dies alles mit einem breiten Lächeln sagte, gingen die Anwesenden davon aus, daß die Sache glattgehen würde. Aus diesem Grund wurden nun auch die Offiziere niedrigeren Ranges hereingerufen, damit sie dem König bei seiner Ruhmestat zuschauen konnten.

Doch als Alexander sich niederbeugte und an dem Knoten herumzuhantieren begann, wurde ihm klar, daß er zu optimistisch gewesen war. Der Riemen war unglaublich fest verknotet, und außerdem war weder Anfang noch Ende zu entdecken, egal, aus welchem Blickwinkel man das komplizierte Knäuel auch betrachtete. Mittlerweile hatte sich der Raum derart gefüllt, daß keine Handbreit Platz mehr war. Selbst die schweißüberströmten Priester in ihren prunkvollen Festgewändern wurden von allen Seiten bedrängt.

Alexander schielte zu Eumenes hinauf, der ihm schulterzuckend zu verstehen gab, daß er diesmal keine Lösung parat hatte. Dann glitt sein Blick über das zu einer steinernen Maske erstarrte Antlitz des Sehers von Termessos, der einmal gesprochen hatte und es nicht ein zweites Mal tun würde.

Auch auf den Gesichtern von Seleukos und Ptolemaios, Krateros und Perdikkas las der König nur Ratlosigkeit und Betretenheit. Während er aber erneut vor dem unentwirrbaren Knoten niederkniete, bohrte sich ihm der Knauf seines Schwerts in die Seite, und er deutete dies augenblicklich als ein Zeichen der Götter. Im selben Moment drang durch eine kleine Öffnung in der Decke ein Sonnenstrahl herein, der sein dichtes Haar in eine goldene Wolke verwandelte und die Schweißperlen auf seiner Stirn zum Funkeln brachte.

Inmitten der Totenstille, die sich über den Raum gelegt hatte, hörte man plötzlich das Klirren eines Schwerts, das aus der Scheide gezogen wurde; dann blitzte im Lichtstrahl der Sonne eine Klinge auf und sauste mit unerhörter Gewalt auf den Gordischen Knoten hernieder. Er war mit einem Schlag durchtrennt, wie auch der dumpfe Aufprall des befreiten Jochs auf dem Boden verkündete.

Die Priester starrten sich verdattert an, während Alexander aufrecht dastand und sein Schwert in die Scheide zurücksteckte. Als er den Kopf hob, sahen alle, daß sein linkes Auge sich verdüstert hatte; es glänzte im Licht-Schattenspiel des von oben eindringenden Sonnenstrahls und war schwarz wie die Nacht.

»Der König hat den Gordischen Knoten gelöst!« schrie Ptolemaios. »Alexander ist der Herrscher von Asien!«

Alle seine Gefährten ließen ihn lautstark hochleben und ihr Freudengeschrei drang nach draußen, wo sich die Soldaten des Heers um den Tempel versammelt hatten. Auch sie begannen zu jubeln und machten der Begeisterung Luft, die sie aus Furcht und Aberglauben bis zu diesem Moment unterdrückt hatten. Wie immer in solch erhebenden Augenblicken schlugen sie mit ihren Lanzen gegen die Schilde und veranstalteten ein Getöse,

daß der alte Tempel bis in die Grundfesten erbebte.

Als der König in seiner glänzenden Silberrüstung heraustrat, hoben sie ihn auf ihre Schultern und trugen ihn wie eine Götterstatue im Triumphzug ins Lager zurück. Niemand beachtete Aristandros, der sich ganz alleine und mit bekümmerter Miene entfernte.

45

Wenige Tage später kam endlich die so dringend erwartete Verstärkung an, und zwar sowohl die neu ausgehobenen Truppen wie auch die jung vermählten Soldaten, die von Hali-karnassos aus nach Hause gezogen waren, um den Winter mit ihren Ehefrauen zu verbringen. Letztere wurden mit Pfiffen und Buhrufen von ihren Kameraden empfangen, die Kälte und Kriegsstrapazen hatten aushalten müssen und ihnen nun alle nur erdenklichen Obszönitäten ins Gesicht schrien. Einige schwenkten riesige Holzphalli und brüllten aus voller Kehle: »Na, habt ihr jetzt lange genug gevögelt? Aber wartet's ab, dafür werdet ihr zahlen!«

Ihr Anführer, ein Bataillonskommandant aus Orestis mit Namen Trasillos, meldete sich - kaum angekommen - zum Rapport beim König.

»Warum habt ihr so lange gebraucht?« fragte Alexander.

»Weil die persische Flotte die Meerengen abgeriegelt hatte und der Regent Antipatros unsere Truppe nicht gleich in einen offenen Kampf mit Memnon schicken wollte. Er war der Meinung, das sei zu riskant. Dann haben die gegnerischen Schiffe eines Tages völlig unerwartet die Anker gelichtet und sind bei günstigem Wind in Richtung Süden davongesegelt.«

»Eigenartig«, meinte Alexander. »Das läßt nichts Gutes ahnen. Memnon hätte niemals lockergelassen, wenn er nicht eine Möglichkeit sähe, uns an einer anderen, noch verwundbareren Stelle anzugreifen. Ich hoffe, Antipatros . . .«

»Es wird gemunkelt, Memnon sei tot, Herr«, unterbrach ihn der Offizier.

»Wie bitte?«

»Ja, unsere Informanten in Bythinien haben diese Gerücht in Umlauf gesetzt.«

»Und woran soll er gestorben sein?«

»Das weiß keiner. Angeblich an irgendeiner seltsamen Krankheit. . .«

»Einer Krankheit? Das kommt mir unwahrscheinlich vor . . .«

»Wie gesagt, Herr: Das ist ein Gerücht, keine sichere Nachricht, wir werden ihm nachgehen müssen.«

»Ja, natürlich. Geh jetzt zu deinen Männern zurück und erholt euch - ihr habt einen Tag Zeit dazu. Ich will so bald wie möglich aufbrechen, wir haben schon lange genug auf euch gewartet.«

Der Offizier ging, und Alexander blieb alleine in seinem Zelt zurück. Er dachte lange über die unerwartete Nachricht von Memnons Tod nach; sie bereitete ihm keinerlei Erleichterung oder Genugtuung - seiner Art zu denken und seinem Empfinden nach war Memnon der einzige Feind gewesen, der ihm das Wasser reichen konnte, der einzige Hektor, der es mit dem neuen Achill aufnehmen konnte. Seit langem hatte er sich innerlich darauf vorbereitet, ihm eines Tages wie ein homerischer Held im Zweikampf gegenüberzutreten. Nicht einmal der Gedanke eines Duells mit dem Großkönig hatte dieselbe Bedeutung für ihn.

Er erinnerte sich an die mächtige Gestalt des Kommandanten, an seinen korinthischen Vollvisierhelm, den metallenen Klang seiner Stimme und an das Gefühl dumpfer Bedrückung, das er ihm vermittelt hatte, er, der Unermüdliche, Unfaßbare, stets Wachsame. Und nun das: eine Krankheit. . . Nein, er hatte ihn sich wahrhaftig anders vorgestellt, den Ausgang dieses Heroenkampfes.

Irgendwann rief er Parmenion und Kleitos den »Schwarzen« zu sich, um den Abmarsch in zwei Tagen anzuordnen, und natürlich ließ er sie wissen, was er soeben erfahren hatte: »Der Anführer des Verstärkungskontingents hat mir von einem Gerücht berichtet, demzufolge Memnon gestorben sein soll.«

»Das wäre ein großer Vorteil«, erwiderte der alte General mit unverhohlener Freude. »Seine Flotte im Meer zwischen uns und Makedonien hat eine enorme Bedrohung dargestellt. Die Götter sind mit dir, Herr.«

»Die Götter haben mich um einen ehrlichen Kampf mit dem einzigen Mann gebracht, der meiner würdig ist«, erwiderte Alexander mit düsterer Miene. Doch in diesem Moment mußte er plötzlich an Barsine denken, an ihre verwirrende, dunkle Schönheit - womöglich hatte das Schicksal Memnon ja absichtlich an einer Krankheit sterben lassen, damit Barsine ihn nicht ewig haßte. Wenn er nur gewußt hätte, wo sie in diesem Augenblick war! Er hätte jedes Hindernis aus dem Weg geräumt, um zu ihr zu gelangen.

». . . hält sich irgendwo zwischen Damaskos und der Syrischen Pforte auf.« Kleitos' Stimme riß ihn jäh aus seinen Gedanken, und Alexander zuckte zusammen, als habe der »Schwarze« in seinen Gedanken gelesen. Dieser starrte ihn verwundert an.

»Wovon sprichst du, Kleitos?« fragte der König.

»Von der Nachricht, die Eumolpos von Soloi uns geschickt hat.«

»Eine mündliche Nachricht, die mit einem Boten gekommen ist«, setzte Parmenion hinzu.