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Die Antwort traf gegen Abend mit Nearchos' Admiralsschiff ein. Die Mannschaft hatte um ihr Leben gerudert, um dem König so schnell wie möglich die erwartete Nachricht zu bringen. Kaum daß das Schiff in Sicht kam, stürzte Alexander zum Strand hinunter und empfing den Admiral, der sich mit einem kleinen Boot an Land setzen ließ.
»Und?« fragte er ihn gespannt.
»Der Bote hat leider die Wahrheit gesagt. Sie befinden sich in unserem Rücken - Hunderttausende von Mann mit Pferden, Kriegswagen, Bogenschützen, Schleuderern, Speerwerfern . . .«
»Wie ist das möglich?« donnerte der König.
»Es gibt noch einen anderen Paß, fünfzig Stadien weiter nördlich: die Amanische Pforte.«
»Eumolpos hat uns reingelegt!« knirschte Alexander. »Er hat uns in diesen Schlauch zwischen Meer und Gebirge gelockt, während Dareios hinter unserem Rücken vorgerückt ist und sich zwischen uns und Makedonien geschoben hat.«
»Es ist nicht gesagt, daß er das absichtlich getan hat«, bemerkte Parmenion. »Vielleicht war er dazu gezwungen, weil ihn irgend jemand entdeckt hat. Oder er dachte, du liegst noch krank in
Tarsos und wollte uns dort überraschen.« »Das ändert nichts an unserer Lage«, erwiderte Ptolemaios. »Genau«, bekräftigte Seleukos. »Wir sitzen im Dreck.« »Was machen wir?« fragte Leonnatos, indem er das sommersprossige Gesicht hob.
Alexander dachte eine Weile schweigend nach, dann sagte er: »An diesem Punkt weiß Dareios, wo wir sind. Wenn wir hierbleiben, macht er uns fertig.«
49
Alexander hielt noch vor Sonnenaufgang einen Kriegsrat in seinem Zelt ab. Obwohl er kaum geschlafen hatte, war er hellwach und in bester körperlicher Verfassung.
In wenigen Worten erläuterte er seinen Plan: »Freunde, das persische Heer ist uns zahlenmäßig weit überlegen, und deshalb müssen wir von hier weg. Diese Gegend bietet keinerlei Schutz: Hinter uns haben wir eine ausgedehnte Ebene und vor uns das Gebirge. Dareios bräuchte uns nur zu umzingeln, und wir wären erledigt. Wir müssen also umkehren und ihm auf einem engen Gelände gegenübertreten, wo er seine Überlegenheit nicht ausnützen kann.
Da er bestimmt nicht damit rechnet, daß wir zurückkommen, werden wir ihn überraschen. Erinnert ihr euch noch an die Stelle, wo der Pinaros ins Meer mündet? Ich denke, das ist der richtige Ort. Zwischen Hügeln und Meer sind es zwar an die zehn, zwölf Stadien, aber ebenes Gelände ohne größere Hindernisse gibt es dort kaum - bestenfalls drei Stadien, und das genügt uns. Wir greifen mit der sichersten Schlachtordnung an: im Zentrum die Phalanxbataillone und unsere griechischen Verbündeten; auf dem rechten Flügel, den Hügeln zu, bezieht die Reiterei Aufstellung, sie wird von mir und der Königsschwadron angeführt; vom Meer her, also auf dem linken Flügel, deckt uns General Parmenion mit dem Rest des schwerbewaffneten Fußvolks und der thessalischen Kavallerie. Die Thraker und Agrianer kämpfen mit mir, und zwar als Reserve in zweiter Reihe.
Die Phalanx wird frontal angreifen und die Reiterei von den
Flanken - genau wie in Chaironeia und am Granikos.
Mehr habe ich euch nicht zu sagen. Die Götter mögen uns beistehen! Geht jetzt und laßt das Heer in Schlachtordnung aufmarschieren.«
Es war noch dunkel, als der König auf Bukephalos seine Soldaten abritt. Er trug eine Rüstung, deren eisernen Brustpanzer feine Silberornamente und ein bronzenes Gorgonenhaupt schmückten. Auf beiden Seiten wurde er von Gardisten und seinen Gefährten flankiert: Hephaistion, Lysimachos, Seleukos, Leonnatos, Perdikkas, Ptolemaios und Krateros; auch sie waren von Kopf bis Fuß mit Eisen und Bronze bedeckt und trugen Helme mit hohen Helmzierden, die in der kalten Brise des Herbstmorgens wehten.
»Männer!« schrie Alexander. »Heute stehen wir zum erstenmal dem persischen Heer gegenüber. Der Großkönig in Person führt es an. Er ist uns in den Rücken gefallen und hat uns von unserem Nachschub abgeschnitten. Bestimmt will er entlang der Küste vorrücken und uns dann, im Vertrauen auf seine zahlenmäßige Überlegenheit, gegen diese Berge drängen und fertigmachen. Aber wir bleiben nicht einfach hier und warten auf ihn, wir ziehen ihm entgegen! Wir überraschen ihn auf einem engen Gelände und schlagen ihn! Wir haben keine andere Wahl, Männer! Entweder wir siegen, oder sie vernichten uns. Denkt an eins! Der Großkönig kämpft immer im Zentrum seines Heers. Wenn wir es schaffen, ihn zu töten oder gefangenzunehmen, haben wir an einem Tag den Krieg gewonnen und sein ganzes Reich erobert. Und jetzt, laßt mich eure Stimmen hören, Männer! Laßt mich den Klang eurer Waffen vernehmen!«
Das Heer antwortete mit einem donnernden Schrei, dann zückten alle Offiziere und Soldaten ihre Schwerter und be-gannen, rhythmisch gegen ihre Schilde zu trommeln. Bald bebte die ganze Ebene unter dem ohrenbetäubenden Lärm. Alexander reckte seine Lanze in die Luft und gab Bukephalos die Sporen; in majestätischem Gang trabte das Pferd los und führte zusammen mit seinem Reiter die Kavallerie auf ihrem Vormarsch an. Und bald mischte sich in das Hufgetrappel der Pferde der dumpfe Klang Tausender marschierender Füße.
Mehrere Stunden zogen sie in Richtung Norden, ohne daß etwas geschah, aber im Verlauf des Vormittags kam plötzlich einer der ausgesandten Spähtrupps in mörderischem Tempo zurückgaloppiert.
»König«, schrie ihr Anführer mit grauenverzerrtem Gesicht, »die Barbaren haben uns unsere Männer zurückgeschickt, die Kranken, die wir in Issos zurückgelassen haben ...«
Alexander starrte ihn verständnislos an.
»Sie haben sie verstümmelt, Herr! Sie haben ihnen die Hände abgehackt! Viele von ihnen sind verblutet, andere schleppen sich vor Schmerzen brüllend auf der Straße dahin. Es ist entsetzlich!«
Der König ritt weiter, bis er auf seine massakrierten Soldaten stieß. Als sie ihn sahen, streckte sie die blutüberströmten Arme nach ihm aus; die Stümpfe waren notdürftig mit schmutzigen Lappen umwickelt.
Das Gesicht des Königs verwandelte sich in eine Maske des Grauens; er weinte und schrie wie von Sinnen, während er vom Pferd sprang und einen nach dem anderen umarmte.
Ein Veteran kroch bis vor seine Füße, um ihm etwas zu sagen, aber er hatte nicht mehr die Kraft dazu und sackte leblos in den Matsch der Straße.
»Holt Philipp!« brüllte Alexander. »Holt die Ärzte, schnell!
Schnell! Sie sollen sich um diese Männer kümmern.« Dann wandte er sich an seine Truppen: »Da seht ihr, was sie mit euren Kameraden gemacht haben! Jetzt wißt ihr, was uns im Falle einer Niederlage droht. Keiner von uns soll Frieden finden, bis dieses Gemetzel nicht gerächt ist!«
Philipp ließ die Verletzten auf Karren ins Lager zurückbringen und versorgen, dann schloß er sich wieder dem Heereszug an, denn er ahnte, daß man ihn dort noch vor Sonnenuntergang dringend brauchen würde.
Das Heer des Dareios kam gegen Mittag in Sicht. Es hatte sich am nördlichen Ufer des Flusses Pinaros über eine breite Front hinweg postiert. Sein Anblick hätte nicht eindrucksvoller sein können: Mindestens zweihunderttausend Krieger hatten sich mehrreihig in Schlachtordnung aufgestellt; sie wurden von Kriegswagen angeführt, von deren Naben gefährliche Sicheln abstanden. Auf den Flanken befanden sich die medischen, hyr-kanischen, sakischen und sazesinischen Reiter, im Zentrum, hinter den Sichelwagen, das Fußvolk der Unsterblichen - Da-reios' persönliche Leibwache, mit den silbernen Köchern, den Lanzen mit den vergoldeten Spitzen und den langen, zusammengesetzen Bogen.
»Götter des Olymp, sind das aber viele!« rief Lysimachos aus.
Alexander sagte nichts. Wortlos suchte er das Zentrum der feindlichen Linien nach dem Streitwagen des Großkönigs ab.
»Schau!« schrie plötzlich Ptolemaios. »Die Perser wollen uns von der rechten Seite her umzingeln!«
Der König wandte den Kopf und sah eine Schwadron Reiter in weitem Bogen die Hügel erklimmen.
»Aus dieser Entfernung können wir nichts gegen sie unternehmen. Die Thraker und Agrianer sollen sie aufhalten, schickt sie sofort los. Diese Reiter dürfen um nichts in der Welt durchbrechen. Gebt das Zeichen, wir greifen an!«
Ptolemaios preschte im Galopp zu den thrakischen und agria-nischen Kontingenten und schickte sie die Hügel hinauf, und Hephaistion nickte den Trompetern zu, worauf diese mit vollen Backen in ihre Instrumente stießen. Als vom linken Flügel die entsprechenden Antwortsignale zurückkamen, setzte sich das gesamte Heer in Bewegung: Reiterei und Fußvolk, alles im Schrittempo.
»Schaut mal da!« rief Hephaistion. »Schwerbewaffnete griechische Infanteristen! Sie haben sie im Zentrum aufgestellt.«
»Und dort hinten schlagen sie Pfähle für eine Palisade in die Erde«, bemerkte Perdikkas.
»Mehr Wasser könnte der Fluß nicht mit sich führen«, brummte Lysimachos. »Klar, so wie es letzte Nacht geschüttet hat. . .«
Alexander beobachtete schweigend die Agrianer und Thraker, die mittlerweile auf die Perser gestoßen waren und sie zurücktrieben. Es war nicht mehr weit bis zum Ufer des Pinaros. Der Fluß war normalerweise nicht tief, nach den nächtlichen Regenfällen aber ziemlich stark angeschwollen, und seine Ufer waren aufgeweicht und glitschig. Der König hob zum zweitenmal die Hand und ließ zum Angriff blasen.
Die Phalanx stürmte mit gesenkten Sarissen los, ebenso die thessalische Reiterei auf dem linken Flügel, und Alexander gab seinem Pferd die Sporen, damit es den Pezetairoi voraus auf den Feind zupreschte. Er holte so weit wie möglich nach rechts aus, trieb Bukephalos an der schmalsten Stelle in den Fluß und durchquerte ihn mit der gesamten Reiterschwadron so schnell, daß die Perser gar keine Zeit hatten zu reagieren. Am anderen
Ufer angekommen, ließ er eine Wendung vollführen und galoppierte mit gereckter Lanze auf die Flanke des feindlichen Heeres zu.
Im selben Moment durchquerte hinter ihm die Phalanx den Pinaros, doch sie stieß am gegenüberliegenden Ufer auf das griechische Söldnerfußvolk, das ihr kompakt entgegentrat. Leider war der Boden so uneben und schlüpfrig, waren Flußbett und Ufer so mit kantigen Felsbrocken übersät, daß die Griechen es nicht schwer hatten, tief in die makedonischen Reihen einzudringen und die nachfolgenden Pezetairoi in erbitterte Nahkämpfe zu verwickeln.
Krateros, der zu Fuß auf dem rechten Flügel der Phalanx kämpfte, erkannte die tödliche Gefahr und ließ in die Trompeten stoßen, um eine Verstärkung aus schildtragenden Gardisten anzufordern, von denen die Lücken gefüllt werden konnten. Tatsächlich waren viele der Hetairoi gezwungen, ihre Sarissen wegzuwerfen und die Kurzschwerter zu zücken, um sich die blindwütig angreifenden griechischen Söldner vom Leibe zu halten - was in den wenigsten Fällen gelang. Die Lage war äußerst kritisch.
Links hatte Parmenion seine thessalischen Reiter auf den rechten Flügel der Perser angesetzt - in mehreren Angriffswellen stürmte eine Schwadron um die andere nach vorn, ließ einen Hagel von Speeren über dem Feind niedergehen und kehrte um, während bereits die nächste Schwadron im Ansturm war. Die Hyrkaner und Saker setzten sich mit heftigen Gegenangriffen zur Wehr, gedeckt von dem dichten Pfeilregen der sazesinischen Bogenschützen; selbst eine Schwadron Kriegswagen hatte ins Kampfgeschehen eingegriffen, aber auf dem holprigen Gelände kamen sie kaum zu Zuge; viele von ihnen kippten sogar um, worauf die Pferde in panischer Angst flohen und die Wagenlenker, die sich ihre Zügel um die Handgelenke geschlungen hatten, mit sich rissen und auf dem felsigen Boden zu Tode schleiften.
Die Schlacht tobte stundenlang, denn die Perser schickten aus ihren schier unerschöpflichen Reserven ständig neue Truppen nach vorn. Irgendwann gelang es jedoch einer von Krateros angeführten Gardistenbrigade, dem griechischen Söldnerfußvolk in den Rücken zu fallen, es vom Rest des persischen Heers abzuschneiden und seine strenge Schlachtordnung aufzulösen.
Als die ohnehin schon erschöpften Griechen, die es in ihren schweren Eisenrüstungen kaum noch aushielten, sich zudem vom Feind in die Zange genommen sahen, versuchten sie, zurückzuweichen und sich zu zerstreuen, wurden jedoch von der thessalischen Reiterei ausnahmslos niedergemetzelt. An diesem Punkt zogen die Gardisten an den Seiten auf, die Phalanx der Pezetairoi fand zu ihrer Kompaktheit zurück, senkte die Sarissen und rückte gegen die breite Front der zehntausend Unsterblichen vor, die sich donnernden Schritts, Schild an Schild und mit vorgereckten Lanzen näherten. Plötzlich ertönte von hinten ein greller Trompetenstoß und dann rollte ein Donner über den infernalischen Schlachtenlärm, über die Schreie der Soldaten, das Wiehern der Pferde und das Klirren der Waffen hinweg: der Donner von Chaironeia!
Die riesige Trommel war von acht Pferden zur Frontlinie geschleppt worden und unterstützte nun mit ihrer mächtigen Stimme das Kriegsgeschrei der Soldaten.
»Alalalai!« brüllten die Pezetairoi und rannten nach vorn, ohne der Erschöpfung nachzugeben und ohne sich um Schmerz und Wun-den zu kümmern. Bis zur Brust mit Schlamm und Blut bespritzt, boten sie den Anblick von Höllenfurien, aber die Unsterblichen des Großkönigs ließen sich nicht beeindrucken und griffen ihrerseits mit unverbrauchten Kräften an. Die beiden Lager prallten zusammen und bildeten bald eine einzige riesige Woge, die immer wieder vor- und zurückschwappte, wobei sich die Kampflinie bald zur einen, bald zur andern Seite hin verschob.
Auf dem rechten Flügel sah man den Fähnrich das rote Banner mit dem sechzehnstrahligen Argeadenstern in den Himmel recken. Dort ritt Alexander - immer in vorderster Linie kämpfend - eine Attacke nach der anderen, doch die arabischen und syrischen Reiterschwadrone, unterstützt vom unablässigen Pfeilhagel der medischen und armenischen Bogenschützen, schlugen jedesmal aufs vehementeste zurück. Als sich die Sonne bereits zum Meer neigte, war es den Thrakern und Agrianern endlich gelungen, die persische Kavallerie definitiv zurückzuschlagen, so daß sie sich sammeln und den Fußsoldaten zu Hilfe eilen konnten, die nach wie vor erbitterte Nahkämpfe austrugen. Ihr Erscheinen flößte den völlig erschöpften Pezetairoi neue Kraft ein, und Alexander feuerte seine Königsschwadron mit wilden Schreien zu einem neuen Angriff an. Bukephalos, der seine Glut und seine Sporen spürte, bäumte sich wiehernd auf und fegte mit der Gewalt eines Wirbelsturms mitten in die feindliche Formation hinein.