37286.fb2 Alexander K?nig von Asien - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 61

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Der Streitwagen des Großkönigs war mittlerweile in weniger als hundert Fuß Entfernung in Sicht gekommen, und dies steigerte Alexanders Energie noch um ein vielfaches. Wie ein Wahnsinniger schlug er mit dem Schwert um sich und mähte alle nieder, die sich ihm in den Weg stellen wollten - ein beinahe übermenschlicher Kraftakt, aber dann hatte er ihn plötzlich vor sich.

Die beiden Könige starrten sich einen Moment lang in die Augen, als Alexander einen fürchterlichen Schmerz im Schenkel verspürte und sah, daß sich ihm - knapp oberhalb des Knies -ein Pfeil seitlich in den Schenkel gebohrt hatte. Er biß die Zähne zusammen und riß ihn heraus, aber als er wieder aufsah, war Dareios fast verschwunden: Sein Wagenlenker hatte die Pferde gewendet und peitschte wie ein Wilder auf sie ein, während sie auf die Hügel und den Weg zur Amanischen Pforte zuflogen.

Perdikkas, Ptolemaios und Leonnatos umringten den verwundeten König und verhinderten weitere Angriffe, aber Alexander schrie: »Dareios flieht! Ihm nach! Ihm nach!«

Unter dem Druck der von allen Seiten attackierenden makedonischen Schwadrone begannen die Perser allmählich zu wanken und auseinanderzulaufen. Nur die Unsterblichen blieben auf ihren Posten, rückten noch enger zusammen und gaben alle Angriffe Schlag auf Schlag zurück.

Alexander riß sich von seinem Mantel einen Streifen Stoff ab, verband damit notdürftig seinen Schenkel und nahm dann sofort die Verfolgungsjagd auf. Ein Reiter der persischen Königsgarde stellte sich ihm mit gezücktem Säbel in den Weg, aber Alexander zog seine zweischneidige Axt aus dem Sattelhalfter und spaltete mit einem Schlag die Waffe seines Gegners, der ihn einen Moment lang wehrlos und verdattert anstarrte. Schon holte der König zum zweitenmal aus, um diesmal seinen Kopf zu treffen, aber da erkannte er ihn.

Im roten Schein der untergehenden Sonne erkannte er das braune Gesicht und den pechschwarzen Bart des gigantischen Bogenschützen, der vor vielen Jahren aus hundert Fuß Entfernung und mit einem einzigen Pfeil die Löwin getötet hatte, die ihn hatte anspringen wollen. Das war an einem Festtag gewesen, auf einem Jagdausflug in der blühenden Ebene von Eordaia.

Auch der Perser erkannte ihn und starrte ihn wie vom Blitz getroffen an.

»Daß mir keiner diesem Mann etwas tut!« schrie Alexander und stürmte seinen Kameraden im Galopp hinterher.

Die Verfolgung des Dareios zog sich viele Stunden hin. Manchmal tauchte die königliche Quadriga in der Ferne kurz auf, doch nur, um sofort wieder auf einem der vielen verschlungenen Pfade zu verschwinden, die sich durch die dichte Vegetation der Hügel schlängelten. Und dann hatten Alexander und seine Gefährten den Wagen des Großkönigs mit einemmal vor sich: Er stand hinter einer Wegbiegung und war verlassen. In seinem Innern fanden sie nur das Gewand des Königs, seinen goldenen Köcher, die Lanze und den Bogen.

»Ich glaube, wir sollten aufgeben«, sagte Ptolemaios. »Dareios flieht bestimmt mit einem frischen Pferd, und in der Dunkelheit fassen wir ihn nie. Außerdem bist du verwundet«, meinte er mit einem Blick auf Alexanders blutigen Schenkel. »Laßt uns umkehren. Die Götter haben uns heute schon genug Gunst erwiesen.«

50

Es war tief in der Nacht, als Alexander die mit Menschenleichen und Tierkadavern übersäte Ebene im Schein von Lagerfeuern überquerte und ins Lager zurückkehrte. Er war schlammbedeckt und blutverschmiert vom Scheitel bis zur Sohle, und auch Bukephalos hatte eine dicke Schicht blutigen Schlamm auf dem Körper, die halb angetrocknet war und ihm das gespenstische Aussehen einer Geistermähre verlieh.

Die Gefährten ritten neben Alexander und zogen den Streitwagen des Großkönigs hinter sich her, den sie am Sattelzeug ihrer Rösser befestigt hatten.

Das persische Lager war von den makedonischen Soldaten bereits völlig geplündert worden, nur den königlichen Pavillon hatten sie nicht angerührt, denn der stand Alexander zu.

Das Zelt des Dareios war riesig, es bestand ganz aus feinem, reich gemustertem Leder und hatte gold- und purpurfarbene Tücher vor den Eingängen. Die Zeltstützen waren aus kunstvoll geschnitztem und mit purem Gold verkleidetem Zedernholz. Auf dem Boden lagen die schönsten und prächtigsten Teppiche, die man sich nur vorstellen konnte. Schwere Vorhänge aus weißem, rotem und himmelblauem Byssus unterteilten das Zelt in verschiedene Räume; wie in einem richtigen Palast gab es einen Thronsaal für Empfänge, einen Speisesaal, ein Schlafgemach mit einem geradezu monumentalen Himmelbett und ein riesiges Badezimmer.

Alexander sah sich mit großen Augen um und konnte es noch kaum fassen, daß all dieser Reichtum, all dieser unglaubliche Luxus ab sofort ihm allein zur Verfügung stand. Die Badewanne, die Wasseramphoren und die Schöpfgefäße waren aus massivem Gold, und Dareios' Mägde und jungen Eunuchen, die alle bildhübsch waren, hatten dem neuen Herrn bereits das Bad bereitet und harrten, vor Angst zitternd, auf seine Order.

Er ließ noch einmal staunend den Blick umherschweifen und murmelte dann: »Das heißt es also, König zu sein.« An die strenge Schlichtheit des Palasts von Pella gewöhnt, kam ihm dieses Zelt vor wie die Residenz eines Gottes.

Aber er hatte nicht lange Zeit, die Pracht zu genießen, denn die Schmerzen in seinem verwundeten Bein wurden immer heftiger. Er humpelte auf die Badewanne zu und war augenblicklich von Frauen umringt, die ihm beim Ablegen der Rüstung behilflich waren. Inzwischen war auch der eilends gerufene Arzt Philipp eingetroffen. Er untersuchte ihn gründlich, wies die Mägde an, wie sie ihn zu baden hatten, ohne daß sein Bein erneut zu bluten begann, legte ihn dann auf einen Tisch und operierte ihn mit Hilfe seiner Assistenten. Zuerst reinigte und drainierte er die Wunde, dann nähte er sie und legte einen sauberen Verband an. Alexander kam während der ganzen Zeit kein Laut über die Lippen, aber es kostete ihn sehr viel Kraft sich zu beherrschen, und dies, zusammen mit den ungeheuerlichen Anstrengungen des ganzen Tages, bewirkte, daß er in bleiernen Tiefschlaf verfiel, kaum daß der Arzt mit seiner Behandlung fertig war.

Leptine schickte alle weg, steckte ihn ins Bett und schmiegte sich nackt an ihn, damit er in der kalten Herbstnacht nicht fror.

Am nächsten Morgen wurde er von verzweifeltem Wehklagen geweckt, das aus dem Zelt nebenan kam. Er wollte instinktiv aufspringen, aber kaum daß er die Füße auf den Boden gestellt hatte, verzog sich sein Gesicht zu einer schmerzvollen Grimasse. Sein Bein tat immer noch weh. Dank Philipp, der ihm zur

Drainage eine dünne Silberkanüle angelegt hatte, war es allerdings überhaupt nicht geschwollen. Alexander fühlte sich schwach, aber durchaus in der Lage, aufzustehen und den Anweisungen des Arztes zuwiderzuhandeln, der ihm eine Woche strenge Bettruhe verordnet hatte.

Er zog sich in aller Eile an, wies das Frühstück zurück und verließ humpelnd das Zelt, um herauszufinden, woher das Wehklagen kam. Hephaistion, der mit Peritas im Vorraum geschlafen hatte, trat auf ihn zu und reichte ihm den Arm, doch Alexander lehnte ab. »Was ist da draußen los?« fragte er ihn. »Wer weint da?«

»In dem Zelt dort drüben sind Dareios' Gemahlin, die Königinmutter und einige seiner dreihundertfünfundsechzig Konkubinen untergebracht; der Rest ist in Damaskos geblieben. Die Frauen haben Dareios' Streitwagen gesehen, seinen Mantel und Köcher und glauben, er sei gefallen.«

»Dann gehen wir sie doch beruhigen!« sagte der König.

Um peinliche Situationen zu vermeiden, ließen sie sich von einem Eunuchen ankündigen und betraten gemeinsam das Zelt der Frauen. Die Königinmutter, deren Gesicht tränenüberströmt und mit schwarzem Bister verschmiert war, zögerte einen Moment und sah verwirrt vom einen zum anderen, dann warf sie sich Hephaistion vor die Füße in der Annahme, er als der größere und stattlichere der beiden sei der König. Der Eunuch, der die Situation blitzschnell erkannte, erbleichte und flüsterte ihr auf persisch zu, daß nicht dieser, sondern der andere der König sei.

Die Königin schüttelte verzweifelt den Kopf und warf sich daraufhin vor Alexander nieder, indem sie noch lauter klagte und ihn anflehte, ihr zu verzeihen, aber der König beugte sich zu ihr hinunter und half ihr aufzustehen, während der Eunuch seine Worte übersetzte: »Du irrst dich nicht: Auch jener ist Alexander.« Und als er sah, daß die Frau sich daraufhin etwas beruhigte, fügte er hinzu: »Hör auf zu weinen und verzweifle nicht. Dareios lebt. Er hat nur seine Quadriga mit Mantel und Köcher am Straßenrand stehenlassen und ist auf ein Pferd umgestiegen, um schneller fliehen zu können. Inzwischen ist er sicher längst in Sicherheit.«

Die Königinmutter fiel erneut auf die Knie, griff nach seiner Hand und hörte nicht auf, sie zu küssen. Nun näherte sich auch die Gemahlin des Großkönigs, um ihm zu huldigen, und beim Anblick ihrer Schönheit verschlug es ihm fast den Atem. Als er jedoch den Blick ein wenig umherschweifen ließ, stellte er fest, daß auch die anderen Frauen alle miteinander bildhübsch waren. »Bei Zeus, soviel Schönheit blendet ja geradezu«, flüsterte er Hephaistion ins Ohr, aber man merkte ihm deutlich an, daß sein Blick ein ganz bestimmtes Gesicht suchte.

»Gibt es noch andere Frauen im Lager?« fragte er.

»Nein«, antwortete Hephaistion.

»Bist du sicher?«

»Ja, absolut sicher«, erwiderte der Gefragte. Als er aber daraufhin einen Anflug von Enttäuschung in Alexanders Gesicht las, fügte er noch hinzu: »Der Rest des königlichen Hofstaats befindet sich in Damaskos. Vielleicht findest du dort, wen du suchst.«

»Ich suche niemanden«, entgegnete Alexander barsch, dann wandte er sich an den Eunuchen: »Sag der Königinmutter, der Gemahlin von Dareios und den anderen Frauen, daß ich sie mit allem Respekt behandeln werde und daß sie nichts zu fürchten haben. Sie sollen keine Scheu haben, mir ihre Wünsche mitzu-teilen - wir werden sie nach Möglichkeit erfüllen.«

»Die Königin und die Königinmutter danken dir für deine Gnade und Großmut und bitten Ahura Mazda, er möge dich segnen, Herr«, übersetzte der Eunuch.

Alexander nickte mit dem Kopf, dann verließ er mit He-phaistion das Zelt und ordnete an, die Gefallenen einzusammeln und eine feierliche Begräbniszeremonie vorzubereiten.

An diesem Abend schrieb Kallisthenes in sein Tagebuch, die Makedonen hätten nach der Schlacht von Issos nicht mehr als dreihundertneun Tote zu beklagen gehabt, in Wirklichkeit war die Bilanz jedoch sehr viel düsterer. Der König humpelte lange zwischen den fürchterlich entstellten und verstümmelten Leichen umher und begriff, daß es Tausende waren. Die schwersten Verluste waren unter den im Zentrum kämpfenden Soldaten zu beklagen, die es mit den griechischen Söldnern zu tun gehabt hatten.

Man schlug Dutzende von Bäumen in den umliegenden Hügeln und türmte ihr Holz zu riesigen Scheiterhaufen auf, auf denen die Toten vor versammeltem Heer verbrannt wurden. Und als die Bestattungsfeier zu Ende war, ritt Alexander mit dem roten Banner - rot wie der dicke Verband um seinen Schenkel - die Truppe ab. Für jede Abteilung hatte er ein lobendes oder aufmunterndes Wort und ebenso für alle Männer, deren Tapferkeit er selbst miterlebt hatte. Vielen machte er sogar ein persönliches Geschenk, irgendeinen Gegenstand als Andenken an die Schlacht von Issos.

Am Ende schrie er: »Ich bin stolz auf euch, Männer! Ihr habt das gewaltigste Heer der Erde geschlagen. Kein Grieche und kein Makedone hat vor uns je ein so großes Gebiet erobert! Ihr seid die Besten, ihr seid unbesiegbar: Im Augenblick gibt es keine Macht auf der Welt, die euch widerstehen könnte!«

Die Soldaten antworteten mit einem Chor frenetischer Jubelschreie, während der Wind die Asche ihrer gefallenen Kameraden zerstreute und einen Wirbel aus Funken in den grauen Herbsthimmel hinauftrieb.

Nach Einbruch der Abenddämmerung ließ Alexander sich zu dem gefangenen persischen Krieger begleiten, den er auf dem Schlachtfeld zu verschonen befohlen hatte. Der Mann hockte mit gebundenen Händen und Füßen auf dem Boden, aber der König kniete augenblicklich neben ihm nieder und löste eigenhändig seine Fesseln. »Erinnerst du dich an mich?« fragte er ihn dann mehr mit Gesten als mit Worten.

Der Mann verstand und nickte.

»Du hast mir das Leben gerettet.«

Der Krieger lächelte und drückte - ebenfalls durch Handzeichen - aus, daß dies nicht allein sein Verdienst gewesen sei, daß auch noch ein anderer junger Mann damals, bei der Löwenjagd, dabeigewesen sei.

»Ja, Hephaistion«, erwiderte der König. »Er läuft irgendwo draußen im Lager herum.«

Der Perser lächelte erneut.

»Du bist frei«, sagte Alexander und begleitete seine Worte mit einer vielsagenden Geste. »Du kannst zu deinem Volk und deinem König zurückkehren.«

Der Krieger schien nicht recht zu verstehen, da ließ der König ein Pferd bringen und drückte ihm die Zügel in die Hand. »Du kannst gehen. Zu Hause wartet doch bestimmt jemand auf dich. Hast du Kinder?« fragte er, indem er mit nach unten gewandter Handfläche tat, als streichle er den Kopf eines Kindes.

Der Perser deutete mit der eigenen Handfläche die Größe eines

Erwachsenen an, und Alexander lächelte. »Tja, wie die Zeit vergeht. . .«

Der Mann sah ihn ernst und eindringlich an, und seine pechschwarzen Augen glänzten vor Rührung, während er sich eine Hand aufs Herz legte, um sie danach Alexander auf die Brust zu drücken.

»Geh, solange es noch nicht ganz Nacht ist«, sagte der König zu ihm, »sonst siehst du überhaupt nichts mehr.«

Der Krieger murmelte etwas auf persisch, schwang sich auf das Pferd und galoppierte davon.