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Barsine sah ihm stumm in die Augen; ihr Blick war verzweifelt und ratlos zugleich. Zwei dicke Tränen, klar wie Quellwasser, blitzen zwischen ihren Wimpern auf, rollten langsam über ihre Wangen und blieben in ihren Mundwinkeln hängen. Alexander näherte sich ihr, bis er ihren streichelnden Atem auf dem Gesicht und ihren Busen auf seiner Brust fühlen konnte.
»Du wirst mir gehören«, flüsterte er. Dann drehte er sich mit einem Ruck um und eilte hinaus. Einen Moment später hörte man das Wiehern Bukephalos' und gleich darauf seinen donnernden Hufschlag, der die Stille der Nacht zerriß und sich in höllischem Tempo entfernte.
Am darauffolgenden Tag bekam Kallisthenes durch den Boten, der die Post aus Makedonien brachte, einen weiteren in Geheimschrift abgefaßten Brief von seinem Onkel Aristoteles. Darin stand:
»Ich habe herausgefunden, wo Nichandros, Pausanias' Komplize im Mord an König Philipp, seine Tochter versteckt hält. Das Mädchen steht unter dem Schutz der Priesterschaft eines Artemistempels an der Grenze nach Thrakien. Nun ist der oberste Priester jedoch ein Perser und Verwandter des Satrapen von Bithynien, der ihm in der Vergangenheit reichlich Geld und sonstige Gaben für den Tempel gesandt hat. Dies hat mich auf die Möglichkeit gebracht, daß König Dareios an Philipps Mord beteiligt gewesen sein könnte, und ein im Tempel aufbewahrter Brief, den ich heimlich lesen konnte, scheint mir diesen Verdacht zu bestätigen.«
Kallisthenes begab sich augenblicklich zu Alexander.
»Die Nachforschungen über den Tod deines Vaters machen Fortschritte«, verkündete er. »Ich habe wichtige Neuigkeiten -und zwar, was die Perser betrifft: Sie scheinen direkt in den Mord verwickelt zu sein und noch heute einen der Verschwörer zu decken.«
»Das würde natürlich einiges erklären«, sagte der König. »Und dann wagt Dareios es, mir so einen Brief zu schreiben!«
Er schob Kallisthenes ein Blatt hin, das eine Gesandtschaft des Großkönigs ihm soeben überreicht hatte.
»Dareios, König der Könige, Stern der Arier und Herr über alle vier Ecken der Welt, an Alexander, König von Makedonien, heil!
Dein Vater Philipp war es, der uns Perser unter König Arses als erster schwer gekränkt hat und dies, obwohl wir ihm keinerlei Unrecht zugefügt hatten. Und als später ich zum König gekrönt wurde, hast du uns keine Gesandtschaft geschickt, um die alte Freundschaft und Allianz mit dem Perserreich zu bekräftigen, im Gegenteil, du bist in Asien eingefallen und hast hier viel Schlimmes angerichtet. Mir blieb also gar nichts anderes übrig, als dir in einer Schlacht gegenüberzutreten, wenn ich mein Land verteidigen und meine alten Territorien zurückerobern wollte. Den Ausgang dieser Schlacht haben die Götter entschieden, und wenn ich mich heute von König zu König an dich wende, so nur, weil ich dich bitte, meine Kinder, meine Mutter und meine Gemahlin freizugeben. Ich bin bereit, einen Freundschafts- und Bündnispakt mit dir zu schließen, und bitte dich deshalb, meiner Gesandtschaft einen von deinen Boten mitzugeben, damit wir ausmachen können, wo und wann die Verhandlungen stattfinden sollen.«
Kallisthenes rollte den Brief wieder zusammen. »Er gibt also dir die Schuld an allem und beruft sich auf sein Notwehrrecht, gleichzeitig gesteht er seine Niederlage ein und zeigt sich bereit, dein Freund und Verbündeter zu werden, wenn du im Gegenzug seine Familie freigibst. Was gedenkst du zu tun?« In diesem Augenblick kam Eumenes mit der Kopie von Alexanders Antwortschreiben herein, und der König bat ihn, es vorzulesen. Der Sekretär räusperte sich und begann:
»Alexander, König von Makedonien, an Dareios, König der Perser. Heil!
Deine Vorfahren waren es, die grundlos und brutal über Makedonien und das restliche Griechenland hergefallen sind. Ich bin zum obersten Heerführer der Griechen ernannt worden und in Asien eingefallen, um eure Missetaten zu rächen. Vergiß auch nicht, daß ihr die Stadt Perinthos gegen meinen Vater unterstützt habt und in Thrakien einmarschiert seid, das zu unserem Herrschaftsgebiet gehört.«
Alexander unterbrach ihn mit einer Geste. »Moment«, sagte er. »Hier fügst du noch folgenden Satz ein:
Außerdem fiel König Philipp einer Verschwörung zum Opfer, die ihr angezettelt habt - Briefe, die ihr selbst geschrieben habt, beweisen das eindeutig.«
Eumenes sah Alexander und Kallisthenes überrascht an, aber der Geschichtsschreiber sagte: »Das erkläre ich dir später.« Also las Eumenes weiter:
»Dazu kommt, daß du nicht auf rechtmäßige, sondern auf gänzlich betrügerische Weise an deinen Königstitel gelangt bist, daß du die Griechen zum Krieg gegen mich aufgehetzt und überhaupt alles darangesetzt hast, den mühsam von mir und meinem Vater geschaffenen Frieden zu zerstören. Mit Hilfe der Götter habe ich deine Generäle und dich selbst auf offenem Feld geschlagen und kann deshalb frei über diejenigen unter deinen Soldaten verfügen, die zu mir übergelaufen sind, und ebenso über den Rest deines in meiner Macht befindlichen Gefolges. Du kannst mich persönlich oder durch Gesandte bitten, worum du willst, auch um die Herausgabe deiner Frau, deiner Kinder und deiner Mutter, aber ich werde deinen Bitten nur nachkommen, wenn es dir gelingt, mich zu überzeugen. Ab sofort wirst du mich als König von Asien und nicht als deinesgleichen anreden müssen, wenn du dich an mich wendest. Und wenn du etwas von mir willst, so hast du gnädigst darum zu bitten, denn alles Deinige ist nun mein. Wenn du dies nicht tust, werde ich entsprechende Maßnahmen gegen dich ergreifen als einen, der das
Völkerrecht verletzt hat. Wenn du aber weiterhin dein Anrecht auf den persischen Thron behaupten möchtest, dann zieh ins Feld und kämpfe dafür, anstatt zu fliehen.«
»Viele Alternativen läßt du ihm ja nicht gerade«, bemerkte Kallisthenes.
»Nein«, erwiderte Alexander, »und wenn er ein Mann und ein König ist, muß er reagieren.«
52
Das Heer setzte sich Anfang Winter in Bewegung - in südlicher Richtung, der phönizischen Küste entgegen. Alexander wollte sein altes Vorhaben zu Ende führen: sämtliche den Persern noch zur Verfügung stehenden Häfen zu erobern, um den Feind völlig aus der Ägäis zu verdrängen und jede Bedrohung von Makedonien und Griechenland abzuwenden.
Die Stadt Arados empfing ihn mit großem Pomp, und Sidon versprach sogar, seine fünfzig Schiffe aus der großköniglichen Flotte zurückzuziehen und ihm zur Verfügung zu stellen. Der Jubel unter den Makedonen kannte keine Grenzen mehr: Die Götter selbst schienen ihrem jungen Heerführer den Weg zu ebnen und die Eroberung Asiens war zu einer abenteuerlichen Reise geworden, auf der man neue Welten, fremde Völker und wundervolle Dinge entdeckte.
In Sidon stieß auch der Rest des großköniglichen Hofstaats zu ihnen, den Parmenion in Damaskos gefangengenommen hatte: ein langer Zug von Sklaven, Musikern, Köchen, Weinprüfern, Eunuchen, Zeremonienmeistern, Tänzerinnen, Flötenspielerinnen, Magiern, Hellsehern und Zauberern, über die Alexanders Soldaten und Offiziere sich lustig machten. Der König empfing sie jedoch mit Herzlichkeit, interessierte sich für ihre persönlichen Lebensläufe und Schicksale und verlangte, daß alle mit Respekt behandelt wurden.
Als die ganze lange Prozession vollständig an Alexander und seinen Gefährten vorübergezogen schien, kam noch eine kleine Nachzüglergruppe, die von agrianischen Soldaten eskortiert wurde.
»Diese Leute haben wir im Generalquartier des Satrapen von Syrien aufgestöbert«, erklärte der Anführer des Wachtrupps.
»Der dort - kennen wir den nicht?« fragte Seleukos, indem er auf einen korpulenten Mann mit grauem Haarkranz deutete.
»Das ist ja Eumolpos aus Soloi!« rief Ptolemaios aus. »Was für eine Überraschung!«
»König, meine Herren!« sagte der Spitzel, indem er sich vor ihnen niederwarf.
»Schau mal an ... Da kommt mir doch beinahe ein kleiner Verdacht«, spöttelte Perdikkas.
»Mir auch«, erwiderte Seleukos. »Jetzt ist mir natürlich klar, wie Dareios es geschafft hat, uns bei Issos in den Rücken zu fallen. Sag schon, Eumolpos, wieviel haben sie dir dafür bezahlt, uns zu verraten?«
Der Mann war kreideweiß im Gesicht und versuchte vergeblich, ein Lächeln zustande zu bringen. »Aber, König, meine Herren, ihr glaubt doch nicht wirklich, daß ich in der Lage gewesen wäre ...«
»Und ob er das war!« rief einer der begleitenden Offiziere Alexander zu. »Das hat mir der Satrap von Syrien höchstpersönlich erzählt - er ist übrigens im Anzug, um dir die Treue zu schwören.«
»Bringt ihn rein!« befahl der König. »Er soll augenblicklich verurteilt werden.«
Der König setzte sich nieder, und seine Kameraden umringten ihn.
»Möchtest du noch etwas sagen, bevor du stirbst?« fragte er den Spitzel.
Eumolpos schlug die Augen nieder und schwieg, doch gerade das verlieh ihm eine unerwartete Würde, machte ihn - den al-bernen Possenreißer - zu einem ganz anderen Menschen.
»Hast du nichts zu sagen?« hakte Eumenes nach. »Wie konntest du das tun? Sie hätten uns zermalmen können vom ersten bis zum letzten! Die Nachricht deines Boten hat uns in eine Falle gelockt.«
»Ein schönes Schwein bist du!« fluchte Leonnatos. »Wenn es nach mir ginge, kämst du nicht mit einem schnellen Tod davon. Vorher würde ich dir alle Nägel einzeln ausreißen lassen und dann . . .«
Eumolpos hob die Augen und richtete den wäßrigen Blick auf seine Richter.
»Also?« sagte Alexander.
»Herr ... ich war mein Leben lang ein Spitzel. Schon als kleiner Junge habe ich mir meinen Lebensunterhalt damit verdient, untreue Frauen im Auftrag ihrer Ehemänner auszuspionieren. Etwas anderes kann ich nicht. Und ich bin immer dem Geld hinterhergelaufen, immer demjenigen, der mich am besten bezahlt hat. Aber ...«
»Aber was?« herrschte Eumenes ihn an, die Rolle des Verhörers übernehmend.
»Aber seit dem Tag, an dem ich in die Dienste deines Vaters, König Philipp, trat, habe ich ausschließlich für ihn gearbeitet, das schwöre ich. Und weißt du warum, Herr? Weil dein Vater ein großartiger Mensch war. Oh, sicher, er hat mich auch gut bezahlt, aber es war nicht nur das. Wenn ich ihn besuchte, um meine Berichte abzuliefern, hat er mich immer wie einen alten Freund behandelt - er hat mir einen Platz angeboten, er hat mir eigenhändig zu trinken eingeschenkt, er erkundigte sich nach meiner Gesundheit und vieles mehr, verstehst du?«
»Hab ich dich etwa schlecht behandelt?« fragte Alexander.
»Warst du für mich nicht auch mehr ein alter Bekannter als ein bezahlter Spitzel?«
»Doch«, gab Eumolpos zu, »und aus diesem Grund bin ich dir auch treu geblieben - das wäre ich aber auch so, allein, weil du der Sohn deines Vaters bist.«
»Warum hast du mich dann verraten? Einen Freund verrät man nicht einfach so, ohne Grund . . .«
»Es war die Angst, mein Herr. Der Satrap, der dir jetzt die Treue schwören möchte, indem er seinem König abtrünnig wird, dieser Satrap hat mich zu Tode erschreckt, indem er einer gebratenen Drossel den Flügel ausriß und mich dabei ansah, als wolle er sagen: >Siehst du, genau so wird es dir ergehen: wir werden dich in viele kleine Stücke zerreißen, genau wie diese Drossel.< Und dann ließ er mich ans Fenster treten und in seinen Hof hinunterschauen.
Dort hing mein Bote, der gute Junge, den ich immer zu dir geschickt habe - sie hatten ihn bei lebendigem Leibe gehäutet, sie hatten ihn kastriert und ihm seine Hoden an einer Schnur um den Hals gehängt.« Eumolpos' Stimme zitterte und in seinen wäßrigen Fischaugen schwammen nun echte Tränen. »Sie hatten ihm das Fleisch bis auf die Knochen abgerissen. . . Und damit nicht genug. In der Nähe stand ein Barbar, der einen Akazienast zuspitzte und mit Bimsstein abschmirgelte. Der war für mich gedacht, falls ich nicht tat, was sie von mir verlangten. Hast du je gesehen, wie ein Mann gepfählt wird, Herr? Ich ja. Sie bohren ihm den Pfahl in den Hintern, aber ohne ihn gleich zu töten - oft quälen sie den Ärmsten stunden-, ja tagelang. Ich habe dich verraten, weil ich Angst hatte, Herr, weil niemand je soviel Mut von mir verlangt hat.