37286.fb2
Eumolpos war am Ende und zog geräuschvoll die Nase hoch.
Alexander und seine Gefährten sahen sich an und wußten, daß keiner von ihnen den Mut haben würde, Eumolpos von Soloi schuldig zu sprechen.
»Ich sollte dich töten lassen«, sagte der König, »aber du hast recht: Was würde mir das nützen? Außerdem ...« Eumolpos hob den hängenden Kopf. »Außerdem ist mir klar, daß der Mut eine Tugend ist, die nur wenigen gegeben ist. Dir haben die Götter dafür andere Gaben geschenkt: Schlauheit, Intelligenz und vielleicht sogar Treue.«
»Willst du damit sagen, daß ich nicht sterben muß?« fragte Eumolpos.
»Nein, das mußt du nicht.«
»Nein?« wiederholte der Spitzel ungläubig.
»Nein«, bestätigte Alexander mit dem Anflug eines Lächelns.
»Und werde ich weiterhin für dich arbeiten dürfen?«
»Was meint ihr?« fragte Alexander seine Kameraden.
»Ich würde ihm noch eine Chance geben«, sagte Ptolemaios.
Seleukos war ebenfalls einverstanden: »Warum nicht? Im Grunde war er immer ein guter Spitzel - von dieser bedauerlichen Episode einmal abgesehen.«
»Dann sind wir uns einig«, schloß der König. »Aber dein ver-dammtes Losungswort mußt du endlich ändern - schon allein, weil unser Feind es jetzt kennt.«
»Oh, natürlich«, erwiderte Eumolpos sichtlich erleichtert.
»Was war das für ein Losungswort?« wollte Seleukos wissen.
»Schafshirn«, erwiderte Alexander, ohne eine Miene zu verziehen.
»Schafshirn?« meinte Seleukos. »Ein idiotischeres Losungswort habe ich noch nie gehört; das hätten wir so oder so ändern müssen.«
»Stimmt«, sagte Alexander und bedeutete Eumolpos, näher zu kommen. »Und jetzt sag mir das neue.«
Der Spitzel beugte sich zu seinem Ohr hinunter und flüsterte: »Drossel am Spieß.«
Dann verneigte er sich und grüßte respektvoll in die Runde. »Ich danke euch, meine Herren, mein König, für euer gutes Herz.« Und mit diesen Worten entfernte er sich, wenn auch auf wackligen Beinen, denn der Schreck saß ihm noch immer tief in den Knochen.
»Wie ist das neue Losungswort?« fragte Seleukos neugierig.
Alexander winkte ab: »Genauso idiotisch.«
53
Die Bewohner von Sidon, die Jahre brutaler Unterdrückung von Seiten der persischen Garnison hinter sich hatten, bejubelten den einziehenden Alexander und sein Versprechen, die alte Regierungsform wiederherzustellen. Allerdings war die ehemalige Dynastie seit geraumer Zeit erloschen, und so mußte ein neuer König gesucht werden.
»Warum kümmerst du dich nicht um die Sache?« fragte Alexander seinen Freund Hephaistion.
»Ich? Aber ich kenne hier doch keine Menschenseele, ich wüßte ja nicht einmal, wo ich suchen sollte ...«
»Abgemacht«, fiel der König ihm ins Wort, »du kümmerst dich darum. Ich muß mit den anderen Städten entlang der Küste verhandeln.«
Hephaistion nahm sich also einen Übersetzer und begann, inkognito durch Sidon zu streifen, sich auf den Märkten umzuhören, in volkstümlichen Schenken einzukehren und sich zu Festbanketten in den vornehmsten Häusern einladen zu lassen, aber er fand niemanden, der dem hohen Amt würdig gewesen wäre.
»Immer noch nichts?« fragte Alexander ihn bei jedem Kriegsrat aufs neue, und Hephaistion schüttelte jedesmal den Kopf.
Eines Tages gelangte er bei einem seiner Streifzüge mit dem Übersetzer an eine hübsche, halbhohe Steinmauer, die sich den Hügeln zu durch die Landschaft schlängelte. Hinter ihr wuchsen alle nur erdenklichen Arten von Bäumen und Pflanzen: majestätische Libanonzedern, jahrhundertealte Feigenbäume, die ungehindert ihre knotigen grauen Äste ausbreiteten, prachtvolle Pistazienbäume und ein ganzes Meer aus gelbem Honigklee. Hephaistion spähte durch ein Tor in der Mauer, und was er dort sah, kam ihm wahrhaft paradiesisch vor: Obstbäume aller Art, herrliche Sträucher, die zauberhaft angeordnet und beschnitten waren, Brünnlein und Bäche sowie Felsgärten mit hohen, stachligen Gewächsen, wie er sie noch nie gesehen hatte.
»Die kommen aus einer Stadt namens Lixos in Libyen«, erklärte ihm der Übersetzer.
Plötzlich erschien ein Mann mit einem Esel, der einen Karren voller Mist hinter sich herzog. Damit begann der Mann alle Pflanzen, Bäume und Sträucher, eine nach der anderen, zu düngen, und er tat es mit unglaublicher Hingabe und Liebe.
»Während der Revolte gegen den persischen Gouverneur wollten die Aufständischen diesen Garten hier anzünden«, erzählte der Übersetzer. »Aber der Mann dort hat sich vor dem Tor aufgepflanzt und gesagt, wenn sie ein solches Verbrechen begehen wollten, müßten sie sich vorher die Hände mit seinem Blut schmutzig machen.«
»Er soll der König werden«, sagte Hephaistion.
»Ein Gärtner?« fragte der Übersetzer erstaunt.
»Ja. Ein Mann, der bereit ist, für einen Garten zu sterben, der noch nicht einmal ihm gehört, was wird der erst tun, um seine eigenen Untergebenen zu beschützen und seine Stadt zur Blüte zu bringen?«
Und genau so kam es. Eines Tages erschien eine lange Prozession aus hohen Würdenträgern bei dem armen Gärtner, holte ihn ab und geleitete ihn mit großem Pomp in den Königspalast, wo er augenblicklich gekrönt wurde. Der Mann hatte schwielige Hände, die Alexander an die Hände Lysippos' erinnerten, und einen ruhigen, heiteren Blick. Er hieß Abdalonymos und wurde der beste König, den es seit Menschengedenken gegeben hatte.
Von Sidon zog das Heer in südlicher Richtung nach Tyros weiter, das einen grandiosen Tempel besaß; er war dem Gott Melqart - dem Herakles der Phönizier - geweiht. Die Stadt bestand aus zwei Teilen: einer Altstadt auf dem Festland und einer neuen Stadt, die gut ein Stadion von der Küste entfernt auf einer Insel errichtet worden war. Sie besaß zwei befestigte Häfen und einen einhundertfünfzig Fuß hohen Mauerring, den höchsten, der je von Menschenhand erbaut worden war. Allein der Anblick dieses ungeheuerlichen Bollwerks versetzte einen in Staunen.
»Hoffentlich werden wir hier wie in Byblos, Arados und Sidon empfangen«, meinte Seleukos. »Die Festung dort draußen wäre uneinnehmbar.«
»Was hast du vor?« fragte Hephaistion den König und betrachtete skeptisch den gewaltigen Mauerring, der sich im azurblauen Wasser des Meeresbusen spiegelte.
»Aristandros hat mir geraten, im Tempel meines Urahnen Herakles, den die Tyrer Melqart nennen, ein Opfer zu bringen«, erwiderte Alexander. »Da, sieh, unsere Gesandtschaft hat sich schon auf den Weg gemacht«, fügte er hinzu und deutete auf ein Ruderboot, das langsam die Meerenge zwischen der Insel und dem Festland überquerte.
Die Antwort traf am Nachmittag ein und versetzte den König in Rage.
»Sie sagen, wenn du Herakles opfern möchtest, sollst du das in seinem Tempel in der Altstadt machen.«
»Habe ich's doch geahnt«, meinte Hephaistion. »Die fühlen sich in ihrem Felsennest dort drüben verdammt sicher und machen allen eine lange Nase.«
»Mir nicht«, sagte Alexander. »Stellt eine zweite Gesandtschaft zusammen. Diesmal werde ich deutlicher sein.«
Die neuen Gesandten zogen am nächsten Tag mit einer Botschaft los, die mehr oder weniger so lautete: »Wenn ihr wollt, schließt König Alexander einen Friedens- und Bündnispakt mit euch. Wenn ihr ablehnt, wird der König euch als Verbündete der Perser bekriegen.«
Die Antwort war leider ebenso explizit: Sämtliche Mitglieder der makedonischen Gesandtschaft wurden kopfüber die Mauer hinuntergestürzt und blieben zerschmettert auf den Felsen darunter liegen. Unter ihnen waren Freunde Alexanders, ja sogar Spielkameraden aus Kindheitstagen; ihr Tod löste zuerst tiefe Bestürzung bei ihm aus und dann blinde Wut. Zwei Tage lang schloß er sich in seinem Quartier ein, ohne irgend jemanden sehen zu wollen, und nur Hephaistion wagte am Abend des zweiten Tages bei ihm anzuklopfen. Er traf ihn seltsam ruhig an.
Alexander saß im Schein einer Öllampe am Tisch und las. »Was liest du?« fragte Hephaistion. »Deinen geliebten Xe-nophon?«
»Nein. Von Xenophon können wir nichts mehr lernen, seit wir die Syrische Pforte hinter uns gelassen habe. Ich lese Philistos.«
»Ist das nicht ein sizilianischer Schriftsteller?« »Das ist der Historiker des Dionysios von Syrakus, und der hat vor siebzig Jahren eine phönizische Inselstadt namens Motya erobert - die genau wie Tyros auf einer Insel lag.« »Und wie hat er das geschafft?«