37286.fb2
Was soviel bedeutete wie »Lehrer, Lehrer, Lehrer«. Als der alte Leonidas sich angerufen hörte wie damals, als sie ihn des Morgens mit ihren Holztäfelchen auf den Knien im Klassenraum erwartet hatten, kamen ihm beinahe die Tränen, aber er ließ sich nichts anmerken, sondern begann gleich wieder mit ihnen zu schimpfen:
»Ruhe! Ruhe!« zischte es aus seinem zahnlosen Mund. »Ihr seid doch immer noch die alten Lausbuben! Möchte wetten, daß ihr kein einziges Buch zur Hand genommen habt, seit ihr von zu Hause weggegangen seid.«
»Aber Meister!« schrie Leonnatos. »Du wirst uns doch jetzt nicht abfragen wollen! Siehst du nicht, daß wir alle Hände voll zu tun haben?«
»Wie bist du bloß auf die Idee gekommen, hierherzureisen -mitten im Winter und bei diesem Wetter?« fragte Ptolemaios.
»Ich habe von den Heldentaten meines Schülers gehört und wollte ihn noch einmal sehen, bevor ich krepiere.«
»Und was ist mit uns?« schrie Hephaistion. »Wir waren doch auch Musterschüler!« »Das Krepieren eilt nicht, Meister. Du hättest diese Reise besser im Frühling unternommen«, meinte Ptolemaios.
»Ach, hört doch auf!« knurrte Leonidas. »Ich weiß schon, was ich mache. Wo ist Alexander?«
»Im Gebirge«, erwiderte Hephaistion. »Er kämpft gegen die libanesischen Stämme, die Dareios treu geblieben sind.«
»Dann bringt mich ins Gebirge!«
»Was um alles in der Welt...«, begann Ptolemaios.
»Im Gebirge liegt Schnee, Meister«, sagte Leonnatos grinsend. »Du wirst dir einen Schnupfen holen.«
Doch Leonidas blieb fest: »Das Schiff fährt in fünf Tagen wieder ab, und ich will diese Reise nicht umsonst gemacht haben. Bringt mich zu Alexander. Das ist ein Befehl.«
Leonnatos schüttelte den Lockenkopf und zuckte mir der Schulter.
»Immer noch der alte«, brummte er. »Er hat sich kein Haar verändert.«
»Still, du Halunke! Deine Frösche in meiner Suppe habe ich bis heute nicht vergessen«, krächzte der Alte.
»In Ordnung«, sagte Lysimachos. »Ich bringe ihn zum König, und die eingetroffenen Botschaften nehme ich auch gleich mit.«
Sie ritten am darauffolgenden Tag unter dem Geleitschutz einiger Hetairoi los und erreichten Alexander gegen Abend. Der König war maßlos überrascht und zutiefst gerührt von dem unerwarteten Besuch. Er nahm den Alten in Empfang und verabschiedete Lysimachos, der gleich wieder ins Lager am Meer zurückkehrte.
»Es war sehr unvorsichtig von dir, bis hier herauf zu kommen, Didaskale. Diese Gegend ist sehr gefährlich - und wir sind noch gar nicht am Ziel. Jetzt müssen wir noch höher hinauf, um zu unseren agrianischen Hilfstruppen zu stoßen, die den Paß besetzt halten.«
»Ich habe vor nichts Angst. Und heute abend unterhalten wir uns ein bißchen - du hast mir bestimmt viel zu erzählen.«
Sie machten sich auf den Weg, aber Leonidas' Maulesel konnte mit den Pferden der anderen Soldaten nicht Schritt halten, und so ließ Alexander sie vorausziehen und blieb mit seinem alten Lehrer zurück. Mit Einbruch der Dunkelheit gelangten sie an eine Weggabelung. In beiden Richtungen waren Hufspuren auf dem Boden zu erkennen, und Alexander schlug auf Gutdünken einen der beiden Wege ein. Bald kamen sie jedoch in eine öde, völlig verlassene Gegend, die er noch nie gesehen hatte.
Mittlerweile war es rabenschwarze Nacht, und nun kam auch noch ein eisiger Nordwind auf. Leonidas zitterte vor Kälte und zog seinen Wollmantel immer enger um sich. Alexander sah ihn mitleidig an - er war ganz blau im Gesicht und hatte müde Augen, die unentwegt tränten. Bei diesem Wind würde der Ärmste, der das Meer überquerte hatte, nur um ihn zu treffen, die Nacht nicht überstehen. Sie hatten ganz offensichtlich den falschen Weg eingeschlagen, aber zum Umkehren war es jetzt zu spät, und außerdem konnte man kaum noch etwas sehen. Er mußte unbedingt ein Feuer entfachen, aber wie? Glut war keine da, und trockenes Holz konnte er weit und breit nicht entdecken -es war ja alles verschneit. Und das Wetter wurde laufend schlechter.
Plötzlich sah Alexander nicht weit von ihnen entfernt ein Feuer in der Finsternis aufleuchten, dann noch eins und noch eins. »Warte hier, Meister, und rühr dich nicht vom Fleck«, sagte er. »Ich bin gleich zurück. Und Bukephalos lasse ich auch bei dir.«
Das Pferd protestierte zwar mit einem ärgerlichen Schnauben, blieb aber trotzdem bei Leonidas zurück, während der König im Schutze der Dunkelheit zu den Feuern schlich. Wie sich herausstellen sollte, waren sie von feindlichen Kriegern angezündet worden, die hier ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten.
Leise wie eine Katze näherte Alexander sich einem Koch, der Fleischstücke auf einen Ast spießte, und kaum daß dieser sich einen Moment umdrehte, huschte er zu dem Feuer, angelte sich ein Stück glühende Holzkohle, versteckte es unter seinem Umhang und verschwand wieder im Wald, aber diesmal konnte er nicht verhindern, daß knackende Äste ihn verrieten. »Wer da?« schrie einer der Krieger, indem er mit gezücktem Schwert auf Alexander zukam, der sich hinter einem Baumstamm versteckt hatte; der unter seinem Mantel aufsteigende Rauch trieb ihm Tränen in die Augen, und er hielt mühsam den Atem an, um nicht husten oder niesen zu müssen. Zum Glück stapfte just in diesem Moment ein anderer Soldat, der pinkeln gegangen war, aus dem Wald ans Feuer zurück.
»Ach, du warst das«, sagte der Mann mit dem Schwert, als er nur noch wenige Schritte von Alexander entfernt war. »Komm schon, das Essen ist fast fertig.«
Der König zog sich vorsichtig zurück und schlich Schritt um Schritt zu dem Weg zurück, wobei er das rauchende Kohlestück immer unter seinem Mantel verbarg. Nun begann es auch noch zu schneien, der eisige Wind schnitt ihm wie ein Messer ins Gesicht - der alte Leonidas mußte kurz vor dem Erfrieren sein.
Wenig später war er bei ihm. »Da bin ich, Didaskale. Schau, ich hab dir ein Geschenk mitgebracht«, sagte er und zeigte ihm die glühende Holzkohle. Dann suchte er einen geschützten Ort unter einem überhängenden Felsen und blies so lange auf das
Kohlestück, bis es wieder in Flammen aufging. Als nächstes schichtete er Äste und anderes Holz darüber, bis sie mehr Glut als Rauch und ausreichend Wärme hatten.
Leonidas nahm wieder Farbe an und wurde gleich viel lebendiger. Alexander ging zu seinem Quersack, der an Buke-phalos' Sattel befestigt war, holte Brot heraus, zerbröckelte es für seinen zahnlosen Lehrer und setzte sich dann neben ihn ans Feuer.
»Also, mein Sohn«, begann Leonidas, während er auf seinem Brot herumkaute, »stimmt es, daß du die Rüstung des Achill geraubt hast? Wie sieht der Schild aus? So, wie Homer ihn beschrieben hat? Und Halikarnassos ? Ich habe gehört, das Mausoleum sei so hoch wie der Parthenon und der Heratempel von Argos zusammen - ist das denn überhaupt möglich? Und der Halys? Ich kann immer noch nicht recht glauben, daß dieser Fluß dreimal so breit ist wie unser Haliakmon - aber du hast ihn gesehen, mein Junge, du wirst mir sagen könne, ob es wahr ist. Und die Amazonen? Stimmt es, daß die Amazone Penthesileia am Ufer des Halys begraben liegt? Und was mich auch immer brennend interessiert hat: Ist die Kilikische Pforte wirklich so schmal, wie behauptet wird, und .. .«
»Didaskale«, unterbrach Alexander ihn, »du willst sehr viel wissen. Besser, ich beantworte dir eine Frage nach der andern.
Was die Rüstung meines Vorfahren Achill betrifft, so ist die Sache mehr oder weniger so gelaufen . . .«
Alexander unterhielt sich mit seinem alten Lehrer die ganze Nacht hindurch und teilte mit ihm den Mantel, nachdem er sein Leben für ihn riskiert hatte, um ihn vor der Eiseskälte des Gebirges zu beschützen. Am nächsten Morgen stießen sie wohlbehalten zu den anderen, und Alexander bat Leonidas, länger als geplant zu bleiben. Er wollte ihn nicht noch einmal den Strapazen einer winterlichen Seereise ausgesetzt wissen. Im Frühling würde es genügend Schiffe geben, die ihn nach Makedonien zurückbringen konnten.
55
Gegen Ende des Winters war der neue Damm fertig und wurde mit gestampfter Erde eingeebnet, so daß die beiden neuen Angriffstürme, die Diades in unwahrscheinlich kurzer Zeit hatte bauen lassen, mühelos an die Stadtmauer herangeführt werden konnten. Auf den Stockwerken in Höhe der Mauer hatte der Kriegsbaumeister ganze Batterien von Torsionsgeschützen aufgestellt, die schwere Eisenpfeile in horizontaler Richtung abschießen konnten, auf dem obersten Turmabsatz hingegen Wurfgeschütze, die in hohem Bogen Felsbrocken und mit Pech, Öl und Naphthalin getränkte Brandkugeln auf die Mauer und in die Stadt schleuderten.
Damit nicht genug: Auf schwimmenden Plattformen wurden weitere, mit Rammböcken ausgestattete Türme an die tyrische Mauer herangerudert, auch sie sollten versuchen, eine Bresche in das Bollwerk zu legen; von anderen Schiffen wurden unterdessen mehrere tausend Mann starke Sturmabteilungen vor eins der Stadttore gebracht, um dort einen Brückenkopf zu errichten.
Die Reaktion der Belagerten ließ nicht lange auf sich warten und fiel alles andere als harmlos aus. Auf den Mauerzinnen wimmelte es von Kriegern wie in einem aufgescheuchten Ameisenhaufen; auch sie hatten Dutzende von Katapulten in Stellung gebracht und bombardierten die Angreifer mit einem Hagel von Geschossen. Als sie merkten, daß die makedonischen Sturmtruppen ihr Stadttor in Brand stecken wollten, schütteten sie glühenden Sand von der Mauer herab, den sie vorsorglich in bronzenen Schilden über dem Feuer »geröstet« hatten.
Der heiße Sand drang in die Kleider und Rüstungen der An-greifer ein, viele von ihnen sprangen unter lautem Schmerzgebrüll ins Meer, andere rissen sich die Panzer vom Leib, um den Höllenqualen zu entgehen, wurden jedoch sofort von Pfeilen durchbohrt, und wieder andere fielen Widerhaken zum Opfer, die noch nie gesehene Maschinen von den Mauerzinnen herabließen - sie bohrten sich in das Fleisch der Unglückseligen und hievten sie in die Höhe, wo man sie strampeln und schreien ließ, bis sie starben. Ihr entsetzliches Gebrüll drang dem König durch Mark und Bein und ließ ihn weder bei Tag noch bei Nacht zur Ruhe kommen. Rastlos wanderte er umher und betrachtete die widerspenstige Insel wie ein Löwe einen Schafstall. Auch seine Soldaten gerieten beim Anblick dieser Greuel immer mehr in Rage.
Trotzdem scheute Alexander noch vor einer Großoffensive zurück, die nur in einem Blutbad enden konnte, und sann über andere, weniger drastische Lösungen nach. Er wollte seine Ehre retten, gleichzeitig aber auch den Tyrern, deren Mut und Widerspenstigkeit er insgeheim bewunderte, ein Hintertürchen offenlassen.
Also beriet er sich mit Nearchos, der ihm in dieser Lage als der geeignete Mann erschien; keiner konnte so gut wie er als Seemann die Mentalität einer Stadt von Seeleuten verstehen.
»Wenn du mich fragst«, sagte der Admiral, »ich finde, du solltest mit dem Heer weiterziehen und mich die Stadt alleine weiterbelagern lassen - wir haben hier schon beinahe sieben Monate verloren, von unseren Verlusten ganz zu schweigen. Ich verfüge jetzt über hundert Kriegsschiffe, und aus Makedonien erwarten wir noch mehr. Damit kann ich Tyros abriegeln, bis es die Waffen streckt - und dann werde ich ihm einen ehrenvollen Friedensvertrag anbieten.
Tyros ist eine wundervolle Stadt; seine Seeleute sind bis an die Herkulessäulen und darüber hinaus vorgedrungen; es heißt, sie kennen Länder, die vor ihnen noch kein menschliches Auge gesehen hat - sie sollen sogar die Route zu den Inseln der Seligen kennen, die jenseits des Ozeans liegen. Überleg mal, Alexander: Früher oder später wird diese Stadt auf alle Fälle zu deinem Reich gehören; ist es da nicht besser, sie zu erhalten als zu zerstören?«
Der König dachte über die Worte seines Flottenführers nach, aber dann erinnerte er sich wieder an andere Nachrichten, die er während der letzten Tage erhalten hatte: »Eumolpos von Soloi läßt mich wissen, daß die Karthager den Tyrern Unterstützung angeboten haben - ihre Flotte könnte jeden Moment hier aufkreuzen. Und vergessen wir eins nicht: Die Perser befinden sich auch noch in der Ägäis und könnten ebenfalls jeden Augenblick über dich herfallen, wenn ich das Heer von Tyros abziehe. Nein, die Stadt muß sich ergeben. Aber ich gebe ihr eine letzte Chance, mit heiler Haut davonzukommen.«
Noch am selben Tag beschloß er, eine Gesandtschaft aus den ältesten und weisesten seiner Männer auf die Insel hinüberzuschicken. Als der alte Leonidas davon hörte, eilte er augenblicklich zu ihm.
»Laß mich auch mit, mein Junge«, sagte er zu Alexander. »Du weißt das vielleicht nicht, aber dein Vater Philipp hat mich mehrmals mit höchst delikaten Geheimmissionen betraut, und bei aller Bescheidenheit: Ich glaube nicht, daß ich ihn je enttäuscht habe.«
Der König schüttelte den Kopf. »Kommt nicht in Frage, Di-daskale. Dies ist ein sehr riskantes Unternehmen, und ich möchte dich keinen unnötigen Gefahren aussetzen . ..«
»Unnötige Gefahren?« polterte Leonidas und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Du weißt nicht, was du sagst, mein Sohn! Ohne deinen alten Leonidas kann diese Mission niemals gelingen, ich bin der erfahrenste und fähigste Mann, der dir zur Verfügung steht! Ich habe schon Gesandtschaften angeführt, als du noch ins Bett gemacht hast! Einmal hat mich dein Vater, dessen Name ewig währe, sogar zu den wilden Tri-ballern geschickt, die ich ohne einen einzigen Schwertstreich zur Vernunft bringen konnte . . . Liest du eigentlich noch in der Ilias?«
»Aber sicher, Didaskale. Jeden Abend«, erwiderte der König.
»Dann weißt du ja, wen Achilleus als Gesandten zu den A-chaiern geschickt hat, oder? War das etwa nicht sein alter Lehrer Phoinix? Und wenn du der neue Achill bist, dann ist doch klar, daß ich der neue Phoinix bin. Laß mich mitgehen, und ich verspreche dir, daß ich diese verdammten Dickköpfe überzeuge.«
Leonidas war so entschlossen, daß Alexander nicht den Mut hatte, ihm diesen Augenblick des Ruhmes zu verweigern, und so schickte er ihn schweren Herzens mit den anderen Gesandten los, die Übergabe von Tyros auszuhandeln. Als das Schiff mit gehißter Friedensfahne die Meerenge zur Insel überquerte, zog der König sich in sein Zelt am Ende des Damms zurück und wartete gespannt und besorgt auf den Ausgang der Mission. Aber die Stunden vergingen, ohne daß etwas geschah.