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Im selben Moment stand, weit weg, im Palast von Pella, Königin Olympias auf einem anderen Turm und spürte die tödliche Gefahr.
»Alexandre!« schrie sie, aber die Ungunst der Götter verhinderte, daß ihr Schrei den Äther durchdrang, und der Pfeil schoß los. Zischend flog er durch die Luft, durchschlug Alexanders Schild und Panzer und bohrte sich ihm in die Schulter. Der König sank mit einem Aufschrei zu Boden, und augenblicklich stürzte eine ganze Horde von Gegnern auf ihn los, um ihm den Gnadenstoß zu versetzen und seine Waffen an sich zu reißen, aber Perdikkas, Krateros und Leonnatos bildeten eine Mauer um ihn herum, ließen die Feinde gegen ihre Schilde rennen und durchbohrten viele von ihnen mir ihren Lanzen.
Alexander krümmte sich vor Schmerz und brüllte: »Holt mir Philipp!«
Der Arzt war sofort zur Stelle. »Schnell! Aus dem Weg! Aus dem Weg!« Zwei Träger legten Alexander auf eine Bahre und entfernten ihn rennend aus dem Schlachtgetümmel.
Viele seiner Soldaten sahen, wie er totenbleich, den dicken Pfeil in der Schulter abtransportiert wurde, und so verbreitete sich sehr schnell das Gerücht, er sei gestorben. Die Folge davon war, daß die Makedonen dem Ansturm des Feindes zu weichen begannen.
Alexander merkte an den verzweifelten Schreien und Zurufen seiner Leute, was da vor sich ging. Er griff nach der Hand des Arztes, der neben seiner Bahre herrannte, und sagte: »Philipp, ich muß sofort wieder an die Front zurück. Hol mir den Pfeil raus und verätze die Wunde.«
»Das ist nicht genug, Herr!« rief der Arzt aus. »Du kannst unmöglich zurück, sonst stirbst du!«
»Nein. Ich bin verwundet worden, damit hat sich der erste Teil der Prophezeiung erfüllt. Jetzt kommt der zweite: Ich werde in
Gaza einziehen.«
Sie waren mittlerweile im königlichen Zelt angekommen. »Hol mir sofort den Pfeil raus!« wiederholte Alexander. »Das ist ein Befehl.«
Philipp gehorchte, und während der König auf seinen Ledergürtel biß, um nicht laut zu brüllen, schnitt Philipp ihm mit einem Skalpell die Rückenhaut auf und operierte die Pfeilspitze heraus. Die Wunde blutete stark, aber Philipp kauterisierte sie mit einem glühenden Eisen. Ein bestialischer Geruch nach verbranntem Fleisch verbreitete sich im ganzen Zelt, und jetzt konnte der König nicht mehr verhindern, daß sich ein langgezogener Schmerzensschrei seiner Kehle entrang.
»Nähen!« befahl er mit zusammengebissenen Zähnen.
Der Arzt nähte und tamponierte die Wunde und legte Alexander einen straffen Schulterverband an.
»Und jetzt zieht mir meine Rüstung wieder an.«
»Herr, ich bitte dich .. .«, flehte Philipp.
»Zieht mir meine Rüstung an!«
Die Männer gehorchten, und Alexander kehrte aufs Schlachtfeld zurück, wo sein Heer in größten Schwierigkeiten war und dem Druck des Feindes immer mehr nachgab, obwohl Parmenion zwei weitere Phalanxbataillone aus der Reserve geholt hatte.
»Der König lebt!« schrie Leonnatos mit Donnerstimme. »Der König lebt! Alalalai«
»Alalalai!« schrien die Krieger zurück und warfen sich mit neuem Elan in die Schlacht.
Alexander hatte höllische Schmerzen, aber er griff auch jetzt wieder in vorderster Linie an, und das Heer, das seine wundersame Heilung noch kaum fassen konnte, folgte seinem An-führer, als wäre er kein Mensch, sondern ein unverwundbarer, unbesiegbarer Gott.
Die Gegner wurden förmlich überrannt und zum Stadttor von Gaza zurückgetrieben. Viele von ihnen starben, weil sie sich nicht mehr rechtzeitig hinter die Mauern retten konnten.
Aber während das Stadttor unter größter Anstrengung verschlossen wurde und die Makedonen ihrem Siegesjubel freien Lauf ließen, warf ein scheinbar tot auf dem Boden liegender Krieger den Schild weg, der ihn bedeckte, und bohrte Alexander sein Schwert in den linken Schenkel.
Der König erstach ihn zwar noch mit seiner Lanze, brach dann aber ebenfalls zusammen und hielt sich stöhnend das Bein.
Drei Tage und drei Nächte lag er delirierend im Wundfieber, während seine Männer fortfuhren, die Mauer von Gaza zu untertunneln.
Barsine besuchte ihn am vierten Tag und betrachtete ihn lange, gerührt vom Löwenmut dieses jungen Mannes, der so viele Schmerzen auf sich genommen hatte, um seinem Heer ein Vorbild zu sein. Sie sah Leptine, die in einer Ecke leise vor sich hin weinte, dann trat sie einen Schritt vor, küßte Alexander auf die Stirn und verließ das Zelt so leise, wie sie gekommen war.
Gegen Abend gelangte Alexander wieder zu Bewußtsein, aber die Schmerzen waren unerträglich. Philipp, der Arzt, saß neben seinem Bett und mußte - den geröteten Augen nach - viele Stunden durchgewacht haben.
»Gib mir was gegen die Schmerzen«, stöhnte Alexander, »sonst werde ich verrückt.. .«
Der Arzt zögerte, aber die schmerzverzerrten Züge des Königs, dessen Gesicht eine einzige Fratze des Leidens war, überzeug-ten ihn davon, daß er tatsächlich einschreiten mußte. »Bei dem Mittel, das ich dir jetzt verabreiche, handelt es sich um eine sehr starke Droge; ich kenne ihre Wirkung nur teilweise, aber wir müssen das Risiko eingehen - lange hältst du diese Schmerzen nicht mehr aus, ohne den Verstand zu verlieren.«
In der Ferne hörte man in diesem Moment ein fürchterliches Donnern und gleich darauf das Gebrüll von Soldaten: Die unterhöhlte Mauer von Gaza war eingestürzt, Angreifer und Verteidiger lieferten sich ein erbittertes Gefecht. »Ich muß gehen .. . Ich muß gehen .. .«, murmelte der König wie in Trance. »Gib mir was gegen den Schmerz!«
Philipp verschwand und kehrte kurz darauf mit einem kleinen Krug zurück, der ein dunkles, stark riechendes Pulver enthielt. Er schüttete sich ein wenig davon auf die Hand und reichte es dem König. »Hier, nimm das«, sagte er mit leicht besorgtem Blick.
Alexander nahm das Mittel ein und wartete sehnsüchtig auf seine Wirkung. Der Schlachtenlärm, der von der Mauer zu ihnen herein drang, versetzte ihn in eine seltsame, immer stärker werdende Erregung; nach und nach bevölkerten sich seine Gedanken mit den gespensterhaften Kriegshelden des homerischen Epos, in dem er seit seiner Jugend jeden Abend las. Mit einemmal erhob er sich von seinem Bett. Der Schmerz war noch da, aber er war jetzt anders, irgendwie gedämpft. In seiner Brust hingegen fühlte er plötzlich ein seltsames Brausen und Toben, einen übermächtigen Zorn, den er nicht mehr zügeln konnte. Es war der Zorn des Achilleus.
Wie im Traum stand er auf und verließ sein Zelt. In seinen Ohren klangen die Worte des Arztes, der ihm flehend nachrief: »Nicht, Herr ... Es geht dir nicht gut. Warte, ich bitte dich!« Aber es waren Worte ohne Sinn. Er war Achill, und er mußte schleunigst aufs Schlachtfeld zurück, wo seine Kameraden verzweifelt auf ihn warteten.
»Bringt mir meinen Wagen!« befahl er, und die verblüfften Adjutanten gehorchten. Sein Blick war starr und gläsern, seine Stimme klang fremd und hohl. Er bestieg den Wagen, und der Lenker trieb die Pferde peitschend zur Stadtmauer von Gaza. Alles, was dann folgte, erlebte er wie in einem Alptraum; er wußte nur, daß er Achill war, der in seinem Wagen die Mauer von Troja ein-, zwei-, dreimal umrundete und Hektors Leiche dabei im Staub hinter sich herschleifte.
Als er wieder zu sich kam, brachte sein Wagenlenker die Pferde gerade vor dem zum Appell angetretenen Heer zum Stehen. Hinter sich sah er, mit zwei Riemen an seinem Streitwagen befestigt, einen blutigen Klumpen Fleisch. Irgend jemand erklärte ihm, dies sei die Leiche des Eunuchen Batis, des heldenhaften Verteidigers von Gaza, der ihm als Gefangener vorgeführt worden war.
Alexander schlug voller Entsetzen die Augen nieder und floh weit weg, ans Meer, wo seine Schmerzen heftiger denn je erwachten. Spät in der Nacht kehrte er in sein Zelt zurück, zutiefst beschämt, voller Gewissensbisse und mit fürchterlichen Schmerzen in Schulter, Brust und Beinen.
Barsine hörte ihn so verzweifelt stöhnen, daß sie nicht umhinkonnte, zu ihm zu gehen. Als sie sein Zelt betrat, zog Philipp sich zurück und bedeutete Leptine, dasselbe zu tun.
Barsine setzte sich auf sein Bett, strich ihm sanft über die schweißnasse Stirn und benetzte ihm die Lippen mit frischem Wasser. Als er sie umarmte und im Fieberwahn an sich drückte, wagte sie nicht, ihn abzuweisen.
57
Philipp wusch sich die Hände und begann, Alexanders Wundverbände zu wechseln. Fünf Tage waren seit der brutalen Massakrierung des Eunuchen Batis vergangen, aber der König war noch immer zutiefst entsetzt über seine eigene Schandtat.
»Ich glaube, daß du unter Einwirkung der Droge gehandelt hast, die ich dir verabreicht hatte«, sagte Philipp zu ihm. »Sie hat deine Schmerzen betäubt, gleichzeitig aber unkontrollierbare Kräfte in deinem Innern entfesselt. Ich konnte das nicht vorhersehen, keiner konnte das vorhersehen.«
»Ich habe mich an einem wehrlosen Menschen vergangen, einem Mann, der eigentlich nichts als Respekt für seine Tapferkeit und Treue verdient hätte. Eines Tages werde ich für diesen Frevel bestraft werden ...«
Eumenes, der wie Ptolemaios auf einem Hocker neben Alexanders Bett saß, erhob sich und beugte sich über den König. »Du kannst nicht wie ein gewöhnlicher Mensch verurteilt und bestraft werden«, sagte er mit eindringlicher Stimme. »Du hast alle Grenzen überschritten, fürchterliche Wunden davongetragen und Schmerzen ausgehalten, an denen jeder andere zu Grunde gegangen wäre. Du hast Schlachten gewonnen, die von vornherein verloren schienen!«
»Nein, du bist nicht wie die anderen Menschen«, pflichtete Ptolemaios dem Gefährten bei. »Du bist wie Herakles und Achilleus. Du hast die Gesetze überwunden, die das Leben eines normalen Sterblichen regeln. Quäle dich nicht länger, Alexander - wenn Batis dich in seiner Gewalt gehabt hätte, wäre es dir mit Sicherheit noch schlimmer ergangen als ihm.«
Philipp hatte unterdessen die Wunden des Königs gereinigt und frisch verbunden und flößte ihm nun einen schmerzlindernden Beruhigungstee ein. Kaum daß Alexander etwas eingedöst war, setzte Ptolemaios sich wieder neben sein Bett, während Eumenes den Arzt zum Zelt hinausbegleitete. Philipp merkte sofort, daß der Sekretär ihm etwas zu sagen hatte.
»Ist was?« fragte er, als sie im Freien waren.
»Ja, wir haben eine sehr schlechte Nachricht erhalten«, erwiderte Eumenes. »König Alexander von Epeiros ist in Italien in einen Hinterhalt geraten und getötet worden. Königin Kleopa-tra ist am Boden zerstört. Ich weiß nicht, ob ich Alexander ihren Brief aushändigen soll.«
»Hast du ihn gelesen?«
»Nein, ich würde einen versiegelten Brief an den König niemals öffnen, aber der Bote, der ihn gebracht hat, wußte mehr oder weniger, was drinsteht, und hat es mir gesagt.«
Philipp dachte kurz nach. »Besser nicht«, sagte er dann. »Seine geistige und körperliche Verfassung ist noch sehr kritisch. Eine so schlechte Nachricht würde ihn sicher in tiefste Verzweiflung stürzen. Nein, wir warten lieber noch . . .«