37286.fb2 Alexander K?nig von Asien - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 71

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In dieser Nacht hatte der König einen sehr schönen Traum. Er träumte davon, durch das fertige Alexandreia zu spazieren, durch Straßen und Gassen, die von prächtigen Häusern und Palästen mit wundervollen Gärten gesäumt wurden. Die Bucht mit ihrer schützend vorgelagerten Insel war voll von Schiffen, die alle nur erdenklichen Waren aus der ganzen Welt brachten. Ein Damm führte zu der Insel hinüber, und auf der Insel stand ein hoher Turm, der die ganze Nacht hindurch Leuchtsignale an vorübergleitende oder einfahrende Schiffe sandte. Und dann hörte er im Traum eine Stimme, seine eigene Stimme, die fragte: »Werde ich das alles je erleben? Wann kehre ich in meine Stadt zurück?«

Später erzählte er Aristandros den Traum und stellte auch ihm die Frage: »Wann kehre ich in meine Stadt zurück?«

Aristandros wandte ihm in diesem Augenblick den Rücken zu, denn sein Herz kämpfte mit einer bösen Vorahnung, dann drehte er sich jedoch mit heiterem Gesicht um und sagte: »Bald, Herr, das schwöre ich dir. Ich kann dir nicht sagen, wann, aber ich weiß, daß du zurückkehren wirst. . .«

59

Der Vormarsch in Richtung Westen wurde wieder aufgenommen - zur Rechten das Meer, zur Linken die grenzenlose Wüste. Nach fünf Tagen erreichte man Paraitonion, eine Stadt am Rand der Wüste, die als Verbindungsglied zwischen ihren Bewohnern - teils Ägypter, teils aus Kyrene stammende Griechen - und den Nomadenstämmen des Landesinnern, Nasa-mones und Garamantes, diente.

Letztere hatten die Küste abschnittsweise unter sich aufgeteilt, und wenn ein Schiff Schiffbruch erlitt und unterging, wurde sein Wrack augenblicklich von dem Stamm geplündert, in dessen Gebiet es strandete; die Schiffbrüchigen wurden auf dem Markt von Paraitonion als Sklaven verkauft. Es hieß, die Na-samones hätten vor rund zweihundert Jahren das große Sandmeer überquert und seien auf der anderen Seite auf einen riesigen See gestoßen, in dem es vor Krokodilen und Flußpferden nur so gewimmelt habe und an dessen Ufer Obstbäume aller Art gewachsen seien. Man erzählte sich auch, Proteus habe dort seine Höhle, jener vielgestaltige Gott, der in Gesellschaft von Seehunden lebte und dem Menschen die Zukunft vorhersagen konnte.

Alexander ließ einen Teil des Heeres in Paraitonion zurück, und zwar unter dem Kommando Parmenions, dem er auch den Schutz Barsines anvertraute. Am Abend vor seinem Aufbruch in die Wüste besuchte er sie, um sich von ihr zu verabschieden und ihr ein Geschenk zu bringen - eine wundervolle Goldkette, die einer Königin des Nils gehört hatte.

»Deine Schönheit stellt jedes Schmuckstück in den Schatten«, sagte er und legte ihr das prächtige Geschmeide um den Hals. »Das Licht deiner Augen überstrahlt allen Glanz, und ich kenne keinen Edelstein, der herrlicher wäre als dein Lächeln. Ich gäbe sämtliche Reichtümer dafür hin, einfach nur vor dir sitzen und dein Lächeln bewundern zu dürfen. Das wäre mir ein größerer Genuß, als deine Lippen zu küssen, als deinen Bauch und deine Brust zu streicheln.«

»Die Gabe des Lächelns hat Ahura Mazda mir seit langem genommen, Alexander«, erwiderte Barsine. »Doch jetzt, wo du mich verläßt und eine lange, gefahrvolle Reise antrittst, fühle ich, daß ich während deiner Abwesenheit in Sorge um dich sein werde und daß ich lächeln werde, wenn ich dich zurückkommen sehe .. . Komm zu mir zurück, Alexandre«, sagte sie und hauchte ihm einen Kuß auf die Lippen.

Der Marsch in die Wüste, zum Tempel des Zeus Ammon in der Oase Siwa, wurde mit einem reduzierten Kontingent von Soldaten fortgesetzt. Hundert Kamele, die mit reichlich Wasser und Proviant beladen waren, begleiteten die Karawane.

Wohl war dem König von allen Seiten davon abgeraten worden, diese Reise im Hochsommer zu unternehmen, wenn die sengende Wüstensonne senkrecht am Himmel stand, aber Alexander war längst davon überzeugt, jedes Hindernis überwinden zu können, von jeder Wunde geheilt zu werden, jeder Gefahr trotzen zu können, und er erwartete von seinen Männern, daß sie diese Überzeugung teilten. Leider war die Hitze schon nach zwei Tagesmärschen kaum noch zu ertragen; die Männer und die Tiere tranken so viel Wasser, daß ernsthaft zu befürchten stand, der Vorrat würde lange vor dem Ziel erschöpft sein.

Am dritten Tag gerieten sie auch noch in einen fürchterlichen

Sandsturm, und als sich nach vielen qualvollen Stunden endlich die dichte Staubwolke lichtete, sähen die Männer um sich herum nichts als ein endloses, eintöniges Sandmeer - die Piste war verschwunden, weit und breit kein einziger Markierungsstein mehr zu entdecken. Nun versanken die Soldaten beim Gehen bis zu den Knien im glühenden Sand, so daß sie Streifen von ihren Tuniken und Mänteln abreißen und sich die Beine damit umwickeln mußten, um sich überhaupt weiterschleppen zu können.

Am vierten Tag machte sich Verzweiflung breit, und nur das Beispiel des Königs, der allen zu Fuß voranging, wie der einfachste unter seinen Männern, der immer als letzter trank und sich am Abend mit einer Handvoll Datteln zufriedengab, flößte den Soldaten die nötige Kraft und Entschlossenheit ein, um weiterzuziehen.

Am fünften Tag war das Wasser endgültig aufgebraucht und bis zum Horizont noch immer kein Lebenszeichen, kein Grashalm, kein Mensch zu entdecken.

»Und trotzdem sind wir von unsichtbaren Gestalten umgeben«, behauptete der Führer, ein pechschwarzer Grieche aus Kyrene, dessen Mutter vermutlich eine Libyerin oder Äthiopierin war. »Wenn wir hier sterben sollten, würde sich die ganze Gegend wie durch Zauberhand beleben, von überallher würden Männer und Frauen angelaufen kommen, unsere Leichen plündern und an der Sonne vertrocknen lassen.«

»Keine sehr verlockende Aussicht«, meinte Seleukos, der sich mit einem breitkrempigen makedonischen Hut auf dem Kopf keuchend dahinschleppte.

»Schaut mal, dort oben!« schrie plötzlich Hephaistion und deutete zum Himmel.

»Sieht aus wie Vögel«, sagte Perdikkas.

»Ja, das sind Raben«, erklärte der Führer.

»Unglücksraben . . .« brummte Seleukos resigniert.

»Nein, im Gegenteil, sie sind ein gutes Zeichen«, entgegnete der Führer.

»So hat wenigstens noch jemand was von unseren Leichen, bevor sie völlig austrocknen, nicht?« meinte Seleukos lakonisch.

»Nein. Diese Raben deuten an, daß sich hier in der Nähe eine menschliche Ansiedlung befinden muß.«

»Hier in der Nähe für jemanden, der Flügel hat, aber für uns, zu Fuß und ohne einen Tropfen Wasser . . .«

Aristandros, der etwas abseits von den anderen alleine vor sich hin stapfte, hielt plötzlich inne. »Stehenbleiben!« befahl er.

»Was ist?« fragte Perdikkas, und auch Alexander drehte sich nach dem Seher um, der auf dem Boden hockte und sich seinen Mantel über den Kopf gezogen hatte. Plötzlich zog ein sanfter Windhauch durch die Dünen, die schimmerten wie geschmolzene Bronze.

»Das Wetter ändert sich«, verkündete Aristandros.

»Bei Zeus! Einen zweiten Sandsturm stehe ich nicht durch«, stöhnte Seleukos. Aber der Windhauch wurde stärker, kühlte nach und nach die brütendheiße Luft etwas ab und brachte sogar einen vagen Meeresduft mit sich.

»Wolken«, sagte Aristandros. »Es kommen Wolken.«

Seleukos warf Perdikkas einen Blick zu, der soviel bedeuten sollte wie: Der Alte ist nicht mehr bei Sinnen. Aber der Seher fühlte wirklich Wolken näher kommen, und etwa eine Stunde später brauten sich am nördlichen Horizont tatsächlich schwarze Gewitterwolken zusammen.

»Freut euch nicht zu früh«, riet der Führer. »Hier regnet es,

soweit ich weiß, nie. Laßt uns weitergehen.«

Der lange Zug setzte sich erneut in Bewegung, aber die Männer drehten sich immer wieder nach der schwarzen Wolkenwand um, die langsam näher rückte.

»Mag ja sein, daß es hier nie regnet«, meinte Seleukos, »aber donnern tut es.«

»Du mußt gute Ohren haben«, erwiderte Perdikkas. »Ich höre nichts.«

»Doch, stimmt«, sagte der Führer. »Es donnert. Und selbst wenn es nicht regnet, werden uns die Wolken ein bißchen Abkühlung bringen.«

Eine Stunde später plumpsten die ersten Regentropfen in den heißen Sand, und die Luft roch angenehm nach feuchtem Staub. Die total erschöpften Soldaten gerieten vor Freude außer sich: Sie jubelten, warfen ihre Hüte in die Luft und starrten mit offenem Mund nach oben, um das wertvolle Naß aufzufangen, bevor es sich im glühenden Sand verlor.

Der Führer schüttelte den Kopf. »Ihr sagt ihnen besser, sie sollen ihre Kräfte sparen. Die Hitze wird den Regen auflösen, bevor er richtig die Erde berührt - wahrscheinlich erleben wir nicht mehr als einen leichten Dunst, der gleich wieder zum Himmel aufsteigt.« Er hatte seinen Satz kaum zu Ende gesprochen, als sich die vereinzelten Tropfen zuerst in Nieselregen und dann in einen regelrechten Wolkenbruch verwandelten, der mit Blitz und Donner einherging.

Die Männer bohrten ihre Lanzen in den Sand und spannten ihre Mäntel dazwischen auf, um soviel Wasser wie möglich aufzufangen; auch Helme und Schilde legten sie umgekehrt auf den Boden, und schon bald konnten sie daraus trinken. Auch als das Gewitter vorüber war und die dicksten Wolken sich ausge-regnet hatten, blieb der Himmel verhangen und schützte die marschierenden Soldaten vor der sengenden Sonne.

Alexander, der die ganze Zeit über nichts gesagt hatte, stapfte auch jetzt still und gedankenverloren vor sich hin -man hätte meinen können, er lausche einer geheimnisvollen Stimme in seinem Innern. Die Männer richteten den Blick auf ihn, mittlerweile felsenfest überzeugt, von einem übermenschlichen Wesen geführt zu werden. Wie anders wäre es möglich gewesen, daß ihr König Verwundungen und Krankheiten überstand, die jeden anderen umgebracht hätten? Damit nicht genug, jetzt hatte er es sogar in der Wüste regnen lassen, und Blumen würde er dort bestimmt auch wachsen lassen können, wenn er nur wollte.

Die Oase Siwa tauchte zwei Tage später im Morgengrauen vor ihnen auf: Wie eine saftig grüne Insel schwamm sie am Horizont auf den Wellen des immensen Sandmeers. Bei ihrem Anblick brachen die Männer in lautes Jubelgeschrei aus, viele von ihnen weinten vor Ergriffenheit, andere schickten Dankgebete zu den Göttern hinauf, und kaum einer konnte fassen, daß selbst hier, in dieser trostlosen Einöde, noch ein Leben möglich war. Alexander aber setzte seinen Weg unbeirrt fort, als habe er nie daran gezweifelt, an sein Ziel zu gelangen.

Die Oase war sehr groß und völlig mit Dattelpalmen bedeckt. In ihrer Mitte sprudelte eine wundervolle Quelle aus dem Boden, in deren kristallklarem Wasser sich die dunkelgrünen Palmen spiegelten und die Jahrtausende alten Monumente ihrer geheimnisumwobenen Kultur. Die Männer stürzten wie die Wilden auf sie zu, aber der Arzt Philipp schrie: »Halt! Anhalten! Das Wasser ist eiskalt. Ihr müßt langsam trinken, langsam und in winzigen Schlucken.« Und Alexander gehorchte als erster und ging mit gutem Beispiel voran.

Was die meisten überhaupt nicht begreifen konnten, war der Umstand, daß sie in der Oase bereits erwartet wurden. Auf den Stufen, die zu dem Heiligtum hinaufführten, hatte sich nämlich die gesamte Priesterschaft des Tempels versammelt, einschließlich zahlreicher Ministranten, die Weihrauchfässer schwenkten. Aber in diesem märchenhaften Land war offensichtlich nichts unmöglich.

Der Führer, der auch als Dolmetscher fungierte, übersetzte Alexander die Worte des obersten Priesters, der ihn mit einem Becher frischen Wassers und einem Korb voll reifer Datteln empfing. »Was möchtest du, Gast, der du aus der Wüste kommst? Wenn du Wasser und Speise verlangst, so wirst du sie bekommen, denn die Gastfreundschaft ist an diesem Ort heilig.«

»Ich möchte die Wahrheit erfahren«, erwiderte Alexander.

»Und von wem möchtest du sie erfahren?« fragte der Priester weiter.

»Vom größten aller Götter, von Zeus Ammon, der in diesem feierlichen Tempel wohnt.«

»Dann kehre heute abend zurück, und du wirst erfahren, was du wissen willst.«

Alexander verneigte sich und kehrte zu seinen Gefährten zurück, die sich um den Quellbrunnen herum niedergelassen hatten. Kallisthenes tauchte in diesem Moment die Hände ins Wasser und erfrischte sich die Stirn.

»Ich habe gehört, daß dieses Wasser am Abend wärmer wird und um Mitternacht sogar lauwarm ist. Stimmt das?« fragte Alexander ihn.