37676.fb2 Das Buch Von Ascalon - читать онлайн бесплатно полную версию книги . Страница 39

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13.

In einer schmalen Senke, die von Felsen umgeben war und im Fall eines weiteren Angriffs gut zu verteidigen sein würde, hatten sie ihr Nachtlager aufgeschlagen – nicht nur die Kämpfer von Baldrics Spähtrupp, sondern auch die Reisenden der syrischen Karawane.

Den Kaufleuten war anzusehen gewesen, dass sie den Kreuzfahrern nicht über den Weg trauten, aber da ihre Furcht vor einem neuerlichen Überfall noch ungleich größer gewesen war, hatten sie eingewilligt, die Nacht in ihrer Obhut zu verbringen. Und Baldric wiederum hatte alles daran gesetzt, das von seinen Waffenbrüdern begangene Unrecht wiedergutzumachen und zu demonstrieren, dass nicht alle Streiter Christi blutrünstige Räuber waren.

Von den zwanzig Kämpfern, die seinem Trupp noch angehörten, ließ er jeweils zehn das Lager bewachen, um Mitternacht würde die Ablösung erfolgen. Das Kommando der ersten Wache übertrug er Bertrand, in der zweiten Nachthälfte würde Remy den Oberbefehl führen, auch Conn würde dieser Schicht angehören. Die meisten Männer nutzten die Zeit bis zum Wachantritt, um nach den Anstrengungen des Tages noch etwas Schlaf zu bekommen; Conn jedoch fand keine Ruhe.

Zu sehr beschäftigten ihn die Ereignisse des vergangenen Tages, zu lebhaft stand ihm der Tod des alten Isaac vor Augen; und zu überwältigt war er von der Macht des Geschicks, das ihn nach all den Monaten inmitten fernster Fremde wieder mit jener jungen Frau zusammengeführt hatte, der er die Rettung seines Armes und womöglich auch seines Lebens verdankte.

Irgendwann – bis Mitternacht mochte es noch eine Stunde sein – hielt er es nicht mehr auf seinem Lager aus. Conn verließ den Unterstand, den er sich mit Berengar und dem schnarchenden Remy teilte, und suchte jenen Teil der Senke auf, wo die Karawane ihre Zelte aufgeschlagen hatte. Chayas Behausung zu finden war nicht weiter schwierig – sie war kleiner als jene der Syrer und unbewacht. Ohne Verwunderung nahm Conn zur Kenntnis, dass noch Licht darin brannte.

Vorsichtig näherte er sich dem Zelt, wobei er sich keine Mühe gab, leise zu sein. Ein morscher Zweig, auf den er trat, knackte geräuschvoll, worauf eine Stimme aus dem Inneren drang und in einer fremden Sprache etwas fragte.

Conn erkannte Chayas Stimme kaum wieder. Nicht nur, weil sie den männlichen Besitzer vorzugaukeln suchte, sondern auch, weil sie brüchig und halb erstickt von Tränen war.

»Ich bin es«, sagte er leise. »Conwulf. Darf ich eintreten?«

Es gab keine Zustimmung, aber auch keinen Widerspruch, also fasste er sich ein Herz, schlug die Decke vor dem Eingang beiseite, bückte sich und trat ein. Das Innere des Zeltes, das gerade groß genug war, um zwei Menschen Platz zu bieten, wurde von einer spärlichen, von Öl genährten Flamme beleuchtet. Zwei Decken lagen auf dem Boden. Die eine war noch zusammengerollt. Auf der anderen kauerte Chaya, in sich zusammengesunken und das Gesicht in den Handflächen vergraben.

Sie so zu sehen versetzte Conn einen schmerzhaften Stich. Dennoch wagte er nicht, sich zu ihr zu setzen und sie zu trösten. Stattdessen ließ er sich einfach nur am Zelteingang nieder und wartete. Augenblicke verstrichen, die ihm wie eine Ewigkeit erschienen. Obwohl er Chaya kaum kannte, obwohl er nichts über sie wusste und sie noch nicht einmal denselben Glauben teilten, brachte es ihn halb um, sie derart leiden zu sehen. Ein himmelschreiendes Unrecht war geschehen, das ihren Vater das Leben gekostet hatte, und alles in ihm verlangte danach, ihr zu sagen, wie sehr er mit ihr fühlte und wie genau er wusste, welchen Schmerz sie empfand.

Aber konnte er das?

Conn war weder ein Denker wie Baldric, noch verfügte er über Bertrands Redefluss. Musste er mit allem, was er sagte, nicht fürchten, Chaya noch mehr zu verletzen und ihren Schmerz zu vergrößern? Er schwieg lieber und wartete, lauschte ihrem leisen Wimmern. Conn ahnte, wie einsam sie sich fühlen musste, wie verloren und verlassen – und auch das konnte er ihr wohl besser nachfühlen als jeder andere im Lager.

Irgendwann fragte er sich, ob sie seine Anwesenheit überhaupt bewusst zur Kenntnis genommen hatte. Er wollte ihre Trauer nicht stören, sie aber auch nicht alleinlassen in ihrem Schmerz. Obwohl – was konnte er schon tun, außer dazusitzen, angewurzelt und stumm wie ein Stück Holz?

»Wir … wir mussten ihn begraben«, brach Chaya plötzlich ihr Schweigen. Ihr Antlitz hielt sie gesenkt und mit den Händen bedeckt, so als schämte sie sich ihrer Tränen. »Noch am Abend. Wegen der Hitze … und der Tiere.«

»Ich weiß«, sagte Conn beklommen. Er hatte selbst dabei geholfen, die Grube auszuheben, in die die Opfer des Überfalls gelegt worden waren, unter ihnen auch der alte Isaac, aber natürlich hatte sie in ihrem Schmerz davon nichts mitbekommen. Im Gegenteil hatte sie nach ihrem ersten Zusammenbruch alles darangesetzt, den Schein zu wahren und wieder die Rolle des Dieners zu spielen. Eines Dieners freilich, der seinen Herrn verloren hatte.

Conn wünschte sich, ein wenig von Berengars Gabe zu besitzen, in jedweder Situation den treffenden Ton zu finden. Hingegen kam ihm alles, was er selbst hervorbrachte, plump und bäuerisch vor. Wie konnte er hoffen, Chaya Trost zuzusprechen, wenn er nach Worten tasten musste wie ein Blinder nach dem Weg?

»In unserem Glauben«, fuhr sie schluchzend fort, »warten wir gewöhnlich drei Tage, bis wir die Toten bestatten. Aus Respekt. Und auch um ihrer Seelen willen.«

»Auch wir Christen halten es so«, sagte Conn. »Meistens jedenfalls«, fügte er in Erinnerung an Tostig und all die armen Teufel hinzu, die auf der Henkersweide von London ein unrühmliches Ende gefunden und die man noch am selben Tag verscharrt hatte.

Zum ersten Mal regte sich Chaya. Schließlich hob sie den Kopf und schaute auf. Ihre Züge, die seit ihrer Begegnung in Genua noch schmaler geworden waren, waren gerötet, ebenso wie ihre Augen, um die sich dunkle Ränder gebildet hatten. Der Fluss ihrer Tränen schien zu stocken. Womöglich, dachte Conn, hatte sie jenen dunklen Ort erreicht, der jenseits des Schmerzes und der Trauer lag und an dem selbst die Tränen versiegten. Auch er war dort gewesen.

»Conwulf«, hauchte sie.

»Ja?«

»Ich habe Euch noch nicht gedankt.«

»Das braucht Ihr nicht«, entgegnete er und hob demonstrativ die linke Hand. »Auch Ihr habt mich gerettet, wisst Ihr nicht mehr? Und anders als ich seid Ihr nicht zu spät gekommen«, fügte er hinzu und blickte zu Boden. Er brachte es nicht fertig, ihr weiter in die Augen zu schauen, schuldig, wie er sich fühlte.

Chaya nickte, und trotz ihres Schmerzes brachte sie ein sanftes Lächeln zustande. »Dennoch möchte ich mich Euch erkenntlich zeigen«, sagte sie, griff unter die Falten des gestreiften Überwurfs, den sie als Diener des alten Isaac zu tragen pflegte, und zog etwas hervor, das sie Conn entgegenhielt.

Es war eine Halskette, aus Silber gefertigt und mit bunten Edelsteinen besetzt, die kunstvoll eingefasst waren. Conn kannte ihre Namen nicht, aber er nahm an, dass sie von beträchtlichem Wert sein mussten. Als Dieb in den Straßen Londons hätte er fraglos zugegriffen, in diesem Augenblick jedoch überwog seine Überraschung.

»Was ist das?«, wollte er wissen.

»Die Halskette meiner Mutter. Sie ist alles, was mir von ihr geblieben ist. Ich wollte sie nicht zurücklassen, deshalb nahm ich sie mit, als wir die Heimat verließen. Ich ahnte immer, dass sie einem besonderen Zweck dienen würde.«

»Und nun wollt Ihr sie mir geben?«, fragte Conn zweifelnd.

»Zum Zeichen meines Dankes. Auch mein Vater hätte gewollt, dass Ihr sie bekommt.« Wieder rannen Tränen über ihre zarten Wangen.

Er räusperte sich und suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. »Chaya, bitte steckt sie wieder ein.«

»Warum?«

»Weil ich das Erbstück Eurer Mutter niemals von Euch annehmen könnte, ohne dabei vor Scham zu erröten.«

»So sehr beschämt es Euch, ein Geschenk von einer Jüdin anzunehmen?«, fragte sie. Ihre Gesichtszüge wurden noch trauriger, während sie die Hand mit der Kette sinken ließ. »Natürlich, ich hätte es wissen müssen. Verzeiht einer armen Närrin, Conwulf …«

»Was?« Er starrte sie verständnislos an, während sein Verstand stolpernd Schritt zu halten versuchte. »Aber nein«, versicherte er rasch, »Ihr versteht nicht, Chaya.«

»Was gibt es daran nicht zu verstehen?«

»Ich lehne Euer Geschenk nicht ab, weil Ihr jüdischen Glaubens seid, sondern weil es nicht recht wäre, es anzunehmen. Waren es nicht Kreuzfahrer, die Euch überfallen und Euren Vater getötet haben?«, fragte er und deutete auf das Zeichen auf seiner eigenen Schulter. »Kreuzfahrer, wie ich selbst einer bin? Und bin ich nicht zu spät gekommen, um dieses Unrecht zu verhindern?«

»Dennoch gebührt Euch mein Dank«, beharrte sie.

»Den habt Ihr mir bereits übermittelt. Wenn Ihr mir darüber hinaus noch danken wollt, dann fasst Euch wieder, denn es ist schrecklich, Euch so zu sehen. Ich weiß, wie schwer der Verlust wiegt, den Ihr erlitten habt, aber …«

»Wie könnt Ihr das wissen?«, fiel sie ihm ins Wort. »Habt Ihr meinen Vater gekannt? Habt Ihr eine Ahnung von dem Schmerz, den ich empfinde? Von der Bürde, die er mir hinterlässt?«

Conn sah Zorn in ihren von Tränen geröteten Augen blitzen – oder vielleicht war es auch nur die nackte Verzweiflung. »Nein«, gab er zu, »das habe ich nicht. Aber ich weiß genau, was es bedeutet, einen geliebten Menschen zu verlieren. Dabei zu sein, wenn er durch Mörderhand aus dem Leben gerissen wird, seinen sterbenden Körper bis zuletzt in den Armen zu halten und zu fühlen, wie …«

Seine Stimme war zuletzt immer dünner geworden, bis sie schließlich ganz abbrach. Mit aller Kraft kämpfte Conn gegen die Tränen an, die ihm in die Augen steigen wollten. Als es ihm nicht gelang, sprang er auf und wollte das Zelt verlassen.

»Conwulf!«, rief Chaya.

»Ja?« Er verharrte halb gebückt im Eingang.

»Es tut mir leid«, flüsterte sie. »Ich hatte kein Recht, so etwas zu sagen. Ich kenne Euch ebenso wenig, wie Ihr mich kennt.«

Er schloss die Augen.

Die Tränen brannten heiß darin. Ein Teil von ihm wäre am liebsten hinausgerannt in die Nacht, um den Gefühlen zu entgehen, die er hinter sich zu haben glaubte. Ein anderer Teil jedoch wollte, dass er blieb – und dieser Teil war stärker. Conn kehrte um und ließ sich wieder nieder.

»Danke«, sagte Chaya sanft.

»Was werdet Ihr nun tun? Wohin wollt Ihr gehen?«

»Das Ziel unserer Reise ist Antiochia gewesen. Ich habe einen Onkel dort, den ich allerdings kaum kenne. Er ging ins Land der Väter, als ich noch ein kleines Mädchen war.«

»Und dorthin wollt Ihr?«

»Es sind meine nächsten Verwandten.« Sie zögerte einen Moment, ehe sie fortfuhr. »Außerdem gibt es etwas, das sich im Besitz meines Vaters befand und das ich meinem Onkel übergeben muss.«

»Sprecht Ihr von jenem Gegenstand, den Euer Vater Euch gab, bevor er …?« Conn biss sich auf die Lippen. Chayas entsetzter Blick machte ihm klar, dass er besser geschwiegen hätte, und er verwünschte sich für seine vorlaute Zunge.

»Warum wollt Ihr das wissen?«, erkundigte sie sich. Unverhohlenes Misstrauen gesellte sich zu ihrer Trauer.

»Aus keinem bestimmten Grund«, beeilte sich Conn zu versichern. »Ich wollte Euch keinesfalls verletzen oder …«

»Schon gut.« Ihre schmerzgezeichneten Züge entspannten sich ein wenig. »Verzeiht meine Vorsicht. Aber jener Gegenstand war für meinen Vater von großer Wichtigkeit, also ist er es auch für mich.«

»Das verstehe ich«, antwortete Conn. »Aber ich muss Euch warnen. Auch das Heer der Kreuzfahrer ist auf dem Weg nach Antiochien, und wenn es dort eintrifft …«

Er überließ es ihrer Vorstellungskraft, sich auszumalen, was geschehen würde, wenn das christliche Heer die Stadt am Orontes erreichte. Der Blick ihrer Augen verriet, dass sie genau wusste, wovon er sprach. »Dennoch muss ich dorthin«, beharrte sie.

»Wie wollt Ihr das bewerkstelligen? Es ist noch ein weiter Weg, wie Ihr wisst, und Ihr seid jetzt ganz auf Euch gestellt.«

»Glaubt Ihr, das wüsste ich nicht?« Ihre Stimme wurde wieder brüchig. »Ich bin ein Diener, der seinen Herrn verloren hat, und da die lange Reise unser Vermögen aufgezehrt hat, bin ich mittellos, entsprechend wird man mich behandeln. Wenn ich Glück habe und meine Tarnung fortbesteht, wird man mir vielleicht gestatten, mich als Kameltreiber zu verdingen. Wenn nicht …«

Conn nickte. Wenn man herausfand, dass sie eine Frau war, die noch dazu allein reiste, würde sie Antiochia vermutlich nie zu sehen bekommen, sondern auf dem Sklavenmarkt von Alexandretta oder Marash enden. »Ihr dürft nicht gehen«, sagte er deshalb schnell.

»Was soll ich stattdessen tun?«

»Kommt mit uns. Im Lager der Kreuzfahrer sind Frauen, die sich Eurer annehmen werden.«

»Ist das Euer Ernst?« Leiser Spott schwang in ihrer Stimme mit. »Ich soll mit Euch kommen in das Lager derer, die meinen Vater ermordet haben? Wie sicher wäre ich wohl dort?«

»Jedenfalls sehr viel sicherer als hier. Immerhin bräuchtet Ihr Euch nicht zu verstellen.«

»Glaubt Ihr das wirklich?« Sie schaute ihn zweifelnd an. »Wisst Ihr, warum mein Vater und ich die alte Heimat verlassen haben, Conwulf? Weil wir dort unseres Glaubens wegen ausgegrenzt, verfolgt und sogar mit dem Tod bedroht wurden – und wollt Ihr behaupten, diese dunklen Schatten wären uns nicht bis hierher gefolgt? Sicher wäre ich unter Euresgleichen doch nur, solange niemand wüsste, dass ich eine Jüdin bin. Mein Geschlecht bräuchte ich vielleicht nicht zu verbergen, wohl aber meine Religion. Folglich müsste ich mich auch unter Euresgleichen unentwegt vor Entdeckung fürchten, und es wäre nichts gewonnen.«

»Dennoch wärt Ihr nicht allein.«

»Würdet Ihr Euch für mich einsetzen, wenn ich entlarvt würde und von allen angefeindet?« Ihre geröteten Augen musterten ihn aufmerksam. »Ja«, sagte sie dann, »ich glaube, das würdet Ihr. Dennoch darf ich Euer Angebot nicht annehmen, Conwulf. Die Liebe zu meinem Vater gebietet es mir, den Auftrag zu Ende zu bringen, den er mir erteilt hat.«

»Euer Vater ist tot, Chaya. Ihr jedoch seid noch am Leben.«

»Und wenn dieses Leben einen Sinn haben und Gottes Gefallen finden soll, so muss ich zu Ende bringen, was mein Vater begonnen hat.«

»Und wenn ich es nicht erlaube?«

Chaya schaute ihn befremdet an. »Wollt Ihr es mir verbieten?« Sie presste die Handwurzeln aneinander und streckte ihm die Arme entgegen. »Dann müsst Ihr mich fesseln und als Gefangene in Euer Lager schleppen.«

»Ihr wisst, dass ich das niemals tun würde.« Conn schüttelte den Kopf, allein die Vorstellung widerte ihn an. »Aber ich kann mir nicht denken, dass es im Sinn Eures Vaters wäre, wenn Ihr Euch derart in Gefahr begebt.«

»Mein Vater, Conwulf, hätte alles getan, um jenen Gegenstand nach Antiochia zu bringen. Sogar sein Leben hat er dafür geopfert!«

»Aber nicht das Eure«, widersprach Conn entschieden. »Allein und ohne Schutz habt Ihr nicht die geringste Chance, Antiochia lebend zu erreichen. Und wenn es Euch doch gelingt, seid Ihr in einer Stadt, die vermutlich dem Untergang geweiht ist.«

»Dennoch muss ich es versuchen, denn ich habe es meinem Vater versprochen. Wisst Ihr, wie es ist, einem Sterbenden in die Augen zu sehen und seinen letzten Willen aufgetragen zu bekommen, Conwulf? Wisst Ihr das?«

Seufzend ließ Conn Kopf und Schultern sinken.

Er wusste es.

Und er gab es auf, Chaya ihr waghalsiges Vorhaben ausreden zu wollen. Er konnte sehen, wie verpflichtet sie sich ihrem Vater noch immer fühlte und dass Argumente sie nicht überzeugen würden.

»Männer«, fügte sie hinzu, leiser jetzt und sanfter, »führen oft das Wort Ehre im Mund, wenn es darum geht, ihre Taten zu rechtfertigen. Aber was ist mit der Ehre einer Frau? Gilt ein Versprechen, das eine Frau gegeben hat, nichts in Euren Augen?«

Conn erwiderte nichts, aber er nickte als Zeichen, dass er verstanden hatte und ihre Entscheidung akzeptierte, auch wenn sie ihm nicht gefiel.

Ein Ruf erklang von draußen – die Wachschicht wurde gewechselt.

Conn erhob sich und verabschiedete sich von Chaya mit einem knappen Nicken. Dann verließ er ihr Zelt.

Weder bemerkte er den Schatten, der hinter der gedrungenen Behausung kauerte, noch ahnte er, dass ihr Gespräch belauscht worden war.

»Nein, nein und nochmals nein! Warum kannst du nicht hören, was ich sage? Hat der Allmächtige dir keine Ohren gegeben?«

Die Sonne war aufgegangen und ließ die die Senke umgebenden Felsen wie die Gemmen einer Krone erstrahlen. In Baldrics Züge jedoch drang keine Helligkeit. Düster hatten sie sich zusammengezogen, das eine Auge starrte Conn finster an.

»Ich höre, was du sagst«, versicherte dieser. »Aber ich bitte dich auch, mich anzuhören.«

»Wozu?«, schnaubte Baldric ungerührt. »Was du sagst, ergibt keinen Sinn! Warum willst du den Diener des ermordeten Kaufmanns unbedingt nach Antiochia begleiten?«

Conn schaute betreten zu Boden. Der Plan, Chaya auf ihrer gefahrvollen Reise zu begleiten, war während der zweiten Nachthälfte in seinem Kopf gereift, während er auf einem der Felsblöcke gestanden und in die von Mondlicht beschienene Ebene geblickt hatte. Fieberhaft hatte er darüber nachgedacht, was er tun, was er unternehmen konnte, um die Jüdin vor Schaden zu bewahren. Gegen Morgen, als der neue Tag bereits heraufdämmerte, war ihm die Lösung eingefallen. Vorausgesetzt, es gelang ihm, seinen Adoptivvater und Vorgesetzten von der Notwendigkeit dieses Schrittes zu überzeugen.

»Weil ich in Ilans Schuld stehe. Er war es, der in Genua meine Hand gerettet hat.«

»Und dafür hast du ihm das Leben gerettet, damals ebenso wie am gestrigen Tag.«

»Das sehe ich ebenso«, pflichtete Bertrand bei, der ebenfalls dabeistand, die Haare wirr wie immer. »Du hast deine Schuld mehr als beglichen, mein Freund.«

Conn seufzte und schüttelte den Kopf. Ihm dämmerte, dass nur die Wahrheit Baldric überzeugen konnte. »Isaac Ben Salomons Diener ist eine Frau«, sagte er leise.

»Was?«, fragten Baldric und Bertrand wie aus einem Munde.

»Ihr Name ist Chaya, und sie ist Ben Salomons Tochter«, fuhr Conn mit gedämpfter Stimme fort. Die Soldaten des Spähtrupps, die in einiger Entfernung ihre Pferde sattelten und sich bereit zum Aufbruch machten, brauchten dies nicht zu hören. »Sie reist als Mann verkleidet, um sich zu schützen.«

»Wie lange weißt du das schon?«, wollte Baldric wissen.

»Seit Genua.«

»Und du hast nichts gesagt?«

»War es denn von Belang?«

»Vermutlich nicht«, schnaubte der Normanne, »aber nun ist es von Belang, denn ein Krieger von Ehre ist verpflichtet, wehrlose Frauen und Kinder zu schützen …«

»… und deshalb muss ich Chaya nach Antiochien begleiten«, kam Conn auf sein ursprüngliches Anliegen zurück.

»Warum ausgerechnet Antiochia?«, wollte Bertrand wissen, dem die Sache ebenfalls nicht zu gefallen schien.

»Weil sie dort Verwandte hat«, erwiderte Conn. »Und weil es etwas gibt, das sie dem Bruder ihres Vaters übergeben muss.«

»Und danach?«

»Werde ich zurückkehren und mich erneut dem Heer Christi anschließen. Bitte zwing mich nicht dazu, ohne deine Erlaubnis zu gehen.«

»Das würdest du tun?«, fragte Baldric mit hochgezogener Braue.

»Ja«, antwortete Conn ohne Zögern, worauf Bertrand ein leises Kichern vernehmen ließ.

»Oha! Ich fürchte, unser angelsächsischer Freund wurde einmal mehr von einem Pfeil getroffen. Diesmal allerdings kam er von Amors Bogen.«

»Was soll das heißen?«, fragte Conn, der die Anspielung nicht verstand.

»Liebst du diese Jüdin?«, drückte Baldric es weniger poetisch, dafür aber umso deutlicher aus.

»Nein!«, widersprach Conn voller Entrüstung. »Ich bin nur der Ansicht, dass wir ihr das schuldig sind. Schließlich waren es unsere Leute, die ihren Vater getötet haben. Und sagtest du nicht selbst, Baldric, dass jeder von uns etwas zu sühnen hat?«

»Das ist wahr.« Der Normanne nickte. »Aber Antiochien ist weit, Junge. Ich habe dich schon einmal verloren, und ich möchte nicht, dass es wieder geschieht. Du magst gelernt haben, zu reiten und ein Schwert halbwegs zu gebrauchen, aber das macht dich noch längst nicht zum Ritter. Und dort im Süden ist Feindesland, das von Heiden bevölkert wird, deren Sprache du noch nicht einmal verstehst …«

»Darf ich etwas dazu sagen, Herr?«, brachte sich zum ersten Mal Berengar ein, der schweigend neben Conn gestanden und den Wortwechsel verfolgt hatte. Als Einzigen hatte Conn ihn schon vorab in seinen Plan sowie in Chayas wahre Identität eingeweiht, und der Mönch war es gewesen, der ihm dringend geraten hatte, sich Baldrics Erlaubnis und Segen einzuholen.

»Was wollt Ihr?«

»Ich möchte Euch raten, Conwulfs Ersuchen nachzugeben«, erwiderte der Mönch. Gelassenheit sprach aus seinen blassen Zügen und den kleinen Augen, die auch auf Baldric überzugreifen schien.

»So? Und warum sollte ich das tun?«

»Weil Ihr damit nicht nur seinen Wunsch erfüllt, sondern auch einen strategischen Vorteil gewinnt. Antiochien ist auch das Ziel des Feldzugs, wie Ihr wisst, und jede Information, die wir über die Stadt und ihr Umland gewinnen, kann der Sache nur dienlich sein. Zudem«, fügte der Benediktiner hinzu und verbeugte sich leicht, sodass seine Tonsur sichtbar wurde, »würde ich mich erbieten, Conwulf zu begleiten. Als friedliche Pilger würden wir wohl kaum Aufsehen erregen, des Weiteren beherrsche ich die Landessprache, wie Ihr wisst.«

»Hm«, ließ Baldric sich vernehmen. Sein Widerstand schien nachzulassen, wie Conn erleichtert zur Kenntnis nahm.

»Bitte, Baldric«, drängte er, um wie bei einem Sturmangriff in die geschlagene Bresche nachzusetzen. »Ich kann es nicht erklären, aber ich habe das Gefühl, ihr helfen zu müssen. Mehr noch, dass es meine Bestimmung ist, ihr zu helfen. Könnt ihr das verstehen?«

»Nein«, erwiderte Bertrand an Baldrics Stelle und schüttelte das Lockenhaupt, »aber es spielt auch keine Rolle, denn ich werde dich ebenfalls begleiten. In diesen Zeiten werden auch friedliche Pilger angegriffen, und dann sind zwei Klingen besser als eine.«

Baldrics Kieferknochen mahlten, während er eingehend nachdachte. Die Aussicht, einen erfahrenen Kämpfer an der Seite seines Adoptivsohnes zu wissen, schien ihn noch ein Stück weiter zu beruhigen. »Einverstanden«, erklärte er endlich. »Aber ihr verliert unterwegs keine Zeit, habt ihr verstanden? Ich gebe euch unsere besten Pferde mit, und ich will, dass ihr, sobald ihr die Jüdin nach Antiochia gebracht habt, unverzüglich ins Lager zurückkehrt und Bericht erstattet.«

»Das werden wir«, versprach Conn ohne Zögern.

»Dann geh und tu, was du tun musst«, seufzte der Normanne. Der strenge Blick seines einen Auges wurde ein wenig milder, und die Andeutung eines Lächelns spielte um seine Lippen. »Und sieh dich dabei vor, hörst du?«

»Da werde ich«, sagte Conn. Und leiser fügte er hinzu: »Danke … Vater