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17.
Küste nördlich von St. Symeon
Zur selben Zeit
»Chaya?«
Conn hatte sich vorsichtig genähert. Nachdem sie den ganzen Tag über geritten waren und die vorletzte Etappe bewältigt hatten, lagerten sie unweit der Hafenstadt St. Symeon. Von hier aus waren es nur noch wenige Stunden bis Antiochia. Ihre gemeinsame Reise würde am folgenden Tag enden, doch Conn wollte Chaya nicht verlassen, ohne sich mit ihr ausgesprochen zu haben.
»Darf ich mich zu Euch setzen?«
Sie hatten ihr Lager in einem Pinienwald aufgeschlagen, der sowohl hinreichend Schutz als auch Feuerholz für die Nacht bot. Im Westen grenzte er an einen Strand, der zum Meer hin sanft abfiel. Hierher hatte sich Chaya zurückgezogen. Den Stoff ihres Mantels um die Schultern gehüllt, saß sie auf einem Felsen und blickte in die untergehende Sonne, von der nur noch ein letzter schmaler Rest am Horizont zu sehen war.
Einen Augenblick hatte es den Anschein, als hätte sie Conn nicht gehört. Dann jedoch wandte sie sich zu ihm um. »Setzt Euch«, forderte sie ihn auf und rückte ein wenig zur Seite.
Conn nickte dankbar und nahm ebenfalls auf dem Felsen Platz. Eine Weile lang blickten sie auf die glitzernde See, deren Widerschein Chayas Gesicht in goldfarbenes Licht tauchte und es geradezu überirdisch schön erscheinen ließ.
»Berengar bewacht das Lager«, sagte Conn schließlich, um das Schweigen zu brechen. »Und Bertrand ist losgezogen, um die Lage auszukundschaften. Der Schafhirte, dem wir heute Nachmittag begegneten, sagte, dass bereits Kreuzfahrer vor Antiochia eingetroffen seien. Wenn es so ist, müsst Ihr Euch beeilen.«
Sie nickte, und zu seiner Überraschung glitt ein Lächeln über ihre anmutigen Züge. »Habt Dank, Conwulf«, sagte sie. In diesem Moment versank auch der äußerste Rand der glühenden Sonnenscheibe hinter dem Horizont, und es wurde schlagartig kühler.
»Wir haben kaum gesprochen in den letzten Tagen.«
»Nein«, stimmte sie zu. »Das haben wir nicht.«
»Ich möchte mich entschuldigen«, sagte Conn leise. »Was ich getan habe, war plump und ungehörig. Ich bin ein Narr gewesen und möchte, dass …«
Ihr Blick ließ ihn verstummen. Zu seiner Überraschung las er keinen Zorn darin, sondern nur Bedauern. »Nein«, widersprach sie. »Das wart Ihr nicht.«
»Aber …«
»Ich habe nicht Euretwegen mit Zurückweisung reagiert«, erklärte Chaya sanft, »sondern meinetwegen, Conn. Um meines Vaters willen. Es gibt etwas, das ich tun muss, eine Aufgabe, die ich zu erfüllen habe, und ich darf mich durch nichts von meinem Weg abbringen lassen. So habe ich es meinem Vater versprochen.«
»Was ist das für eine Aufgabe?«
»Das kann ich Euch leider nicht sagen.«
»Ihr könnt es mir nicht sagen? Obschon ich Euch das Leben gerettet und Euch sicher durch das Feindesland geleitet habe?«
»Wofür ich Euch von Herzen dankbar bin«, versicherte sie. »Ich erwarte auch keineswegs, dass Ihr versteht, was mich bewegt, aber ich kann es Euch auch nicht erklären.«
»Weshalb nicht? Weil ich Christ bin und Ihr eine Jüdin?«
»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist keine Frage des Glaubens, Conwulf. Nicht in diesem Fall.«
»Was dann?«, bohrte Conn weiter. »Worum geht es bei dieser geheimnisvollen Mission, die Ihr zu erfüllen habt? Denkt Ihr nicht, dass ich ein Recht habe, es zu erfahren?«
»Ich sagte es Euch schon, Conwulf.« Äußerlich blieb Chaya gelassen, ihre Stimme jedoch begann zu beben. »Es ist das Vermächtnis meines Vaters.«
»Das sagtet Ihr. Aber worum genau handelt es sich dabei?«
»Das kann ich Euch nicht sagen, und ich bitte Euch inständig, mich nicht weiter danach zu fragen.« Die wachsende Verzweiflung in ihrer Stimme war nicht zu überhören. Chayas Augen glänzten feucht, und einmal mehr verwünschte Conn sich für seine Narrheit.
Verdammter Berengar!
Die Reden des Mönchs hatten ihm den Verstand verwirrt und ihn misstrauisch gemacht. Warum nur konnte der Benediktiner seinen Argwohn nicht einfach für sich behalten?
»Verzeiht«, erwiderte Conn und blickte betreten zu Boden, wo er mit der Stiefelspitze im Sand stocherte. »Ich wollte Euch nicht bedrängen, Chaya. Es ist nur …« Er brach ab und suchte nach passenden Worten. »Ich würde Euch gerne helfen, aber das kann ich nicht, wenn Ihr Euch mir nicht anvertraut.«
Sie benutzte einen Zipfel ihres Kopftuchs dazu, sich die Augen zu wischen. Dabei kehrte ein zaghaftes Lächeln auf Ihre Züge zurück. »Das ist sehr fürsorglich von Euch.«
»Aber Euer Vertrauen zu mir geht nicht weit genug, als dass Ihr mir Euer Geheimnis offenbaren würdet«, fügte er ohne Bitterkeit hinzu. »Das verstehe ich.«
»Nein. Mein Vertrauen zu Euch hat nichts damit zu tun, Conwulf, das müsst Ihr mir glauben.«
»Ich kann es Euch nicht verdenken, Chaya – denn auch ich habe Euch nicht alles anvertraut«, gestand Conn. Fast flüsternd fügte er hinzu: »Andernfalls hätte ich Euch erzählt, was damals in London wirklich geschehen ist.«
»Das müsst Ihr nicht«, wandte sie ein.
»Ich habe Euch von Nia berichtet«, sagte er rasch, ehe er es sich anders überlegen konnte, »aber ich habe Euch nicht erzählt, wie sie gestorben ist. Sie wurde ermordet. Brutal vergewaltigt von einem Ritter, der ebenfalls unter dem Banner des Kreuzes reitet.«
»Conwulf!« Chayas Entsetzen war spürbar. »Ist das wahr?«
Er nickte, brachte es jedoch nicht fertig, ihr in die schreckgeweiteten Augen zu sehen. »Als ich sie fand, war sie nur noch ein blutiges Bündel, und das Leben war dabei, aus ihr zu entweichen wie Wasser aus einem löchrigen Gefäß.«
»Wie entsetzlich! Und der diese grässliche Untat verübt hat …«
»… ist ein Ritter des Kreuzes mit Namen Guillaume de Rein«, vervollständigte Conn grimmig. Es kostete ihn Überwindung, den Namen des Mörders auszusprechen. Aber es lag auch etwas Befreiendes darin.
»Aber warum habt Ihr …?«
»Ihr wollt wissen, warum ich mich dem Feldzug dennoch angeschlossen habe?«, erriet Conn ihre Gedanken.
»Nicht um Eures Glaubens willen, oder?«
»Kaum.« Conn hob den Blick. Seine Züge waren hart geworden, seine Kieferknochen mahlten. »Nias Mörder ist ebenfalls in diesem Heer, Chaya. Und er wird büßen für das, was er getan hat, das habe ich geschworen.«
»Ihr wollt Rache? Das ist der Grund Eures Hierseins?«
Conn nickte schweigend.
»Aber hat Jesus Euch nicht gelehrt, Euren Feinden zu vergeben?«
»Das hat er. Aber auch Ihr habt schon bemerkt, dass die Menschen oft nicht das sind, was sie sein wollen. Das gilt für Christen wie für Juden.«
»Das ist wahr.« Nachdenklich schaute sie hinaus auf das Meer, das in Dunkelheit versank. Der feurige Himmel war verblasst, nur noch hier und dort kündete ein Funkeln auf dem Wasser von der vergangenen Pracht. Wellen brandeten mit ruhiger Gleichmäßigkeit an den Strand, weiße Schaumkronen tragend, die im Mondschein leuchteten. Sterne traten glitzernd hervor, ihnen gehörte die Nacht.
»Also hatte Baldric recht«, folgerte Chaya schließlich. »Auch Ihr sehnt Euch danach, Euren Frieden zu finden.«
Conn betrachtete sie von der Seite.
Ihre kleine Nase und die weich geformten Wangen.
Die sanfte Stirn und den Ansatz ihres glänzenden Haars.
Ihre dunkle, vom Mondlicht beschienene Haut.
Und wie schon vor wenigen Tagen konnte er nicht anders, als sie zu berühren.
Langsam hob er die Hand und legte sie an das Tuch, das ihr Haupt wie eine Kapuze bedeckte, streifte es vorsichtig ab und entblößte ihr glattes schwarzes Haar, das nachgewachsen war und ihr Gesicht vollendet umrahmte. Sie ließ ihn gewähren, und als sie sich ihm diesmal zuwandte, sah er kein Entsetzen in ihren dunklen Augen, sondern nur Zuneigung.
Obschon sie Seite an Seite auf dem Felsen saßen, kam es Conn vor, als wären sie unendlich weit voneinander entfernt. Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, während sich ihre Lippen aufeinander zubewegten, gehemmt von dem, was zwischen ihnen stand, ihrer Religion, ihrer Herkunft und den Eiden, die sie geleistet hatten. Doch die Zuneigung war stärker.
Ihre Münder begegneten sich, nur zaghaft zunächst, so als fürchtete jeder, den anderen zu verletzen. Gehauchte Küsse waren es, sanfte Berührungen, die Conn dennoch den Atem raubten. Er schmeckte Chayas weiche Lippen, spürte ihre Wärme, roch den Duft ihres Haars, und zu der Zuneigung, die er empfand, gesellte sich Verlangen.
Als er merkte, dass Chaya sich diesmal nicht zurückzog, ja, dass sie seine Liebkosungen erwiderte, wurden seine Küsse inniger. Seine rechte Hand wanderte an ihrem zarten Rücken empor und legte sich um sie, seine Linke strich zärtlich über ihren Hals und ihren Nacken. Ein Schauer durchrieselte ihn dabei, gepaart mit dem Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, aber er scherte sich nicht darum. Ihre Zungen berührten sich, und ihr Begehren steigerte sich in Leidenschaft. Nicht länger hielt es sie auf dem Felsen, in enger Umarmung glitten sie daran herab und fanden sich im feinen Sand wieder, umgeben vom sanften Rauschen des Meeres.
Es schien nicht wirklich zu geschehen, sondern wie in jenem Traum, den Conn seit ihrer ersten Begegnung immer wieder gehabt hatte. Er sah ihr Gesicht über sich, umgeben vom Leuchten der Sterne, und er sah atemlos zu, wie sie aus ihrer Robe schlüpfte, unter der sie nichts als ein dünnes Hemd aus Baumwolle trug, durch das sich die Knospen ihrer Brüste abzeichneten. Ein Lächeln huschte über ihr engelsgleiches Antlitz, nicht mehr zaghaft und schüchtern, sondern voller Entschlossenheit. Im nächsten Moment wanderten ihre schlanken Hände bereits unter seine Kleider und halfen ihm, seine Männlichkeit zu befreien.
Es ging so schnell, dass Conn kaum wusste, wie ihm geschah. Rasch hob Chaya ihr Hemd und ließ sich auf ihn herab, und er glitt in sie. Von der Wucht des Augenblicks bezwungen, fand seine Begierde jähe Erfüllung. Überwältigt von Leidenschaft, zog er sie an sich heran und küsste sie lange, während sie sich am Boden wälzten, noch immer eins. Als sie wieder voneinander abließen und sie auf dem Rücken liegen blieb, konnte er sich nicht sattsehen an ihrem auf wirrem Haar gebetteten Gesicht und ihren dunklen Augen.
Er holte Atem, um ihr seine Liebe zu gestehen, aber ehe er auch nur ein Wort sagen konnte, legte sie ihre Fingerspitzen auf seinen Mund und versiegelte seine Lippen.
»Nicht«, hauchte sie nur.
»Aber ich …«
»Schhhh. Du würdest es nur zerstören.«
Conn ahnte, dass sie recht hatte, auch wenn es ihm nicht gefiel. Er schaute sie an, weidete sich an ihrer ruhigen Schönheit. Dann erhob er sich und fasste sie an der Hand.
»Was ist?«, wollte sie wissen.
»Komm mit«, sagte er und zog sie zum Wasser.
Chaya kicherte, eine Ausgelassenheit, die er nie zuvor an ihr festgestellt hatte, und sie half ihm dabei, sich auf dem Weg seines Kaftans und seiner Stiefel zu entledigen. Endlich erreichten sie die Brandung, die rauschend gegen das Ufer rollte, und ohne Zögern setzten sie in das von der Hitze des Tages noch immer warme Wasser. Eine Woge rollte über sie hinweg, und als sie wieder daraus auftauchten, waren nicht nur ihre Haare durchnässt, sondern auch die wenigen Kleider, die sie noch am Leibe trugen. Der dünne Stoff von Chayas Hemd war durchsichtig geworden, und das Mondlicht enthüllte alles, was darunter lag, ihre festen Brüste und ihre Weiblichkeit.
Sie betrachteten einander, dann umarmten sie sich und sanken im seichten Wasser nieder, das sie schäumend umbrandete. Als Conn diesmal in sie eindrang, liebten sie sich im Gleichklang der Wellen lange und innig.
Berengar hatte gewartet.
Er hatte sie nebeneinander sitzen sehen, dort auf dem Felsen, und sich innerlich beglückwünscht. Die alte Weisheit, dass eine in aller Deutlichkeit ausgesprochene Warnung das beste Mittel war, um jemanden das genaue Gegenteil tun zu lassen, hatte sich einmal mehr bewahrheitet. Der Mönch hatte beobachtet, wie ihre Lippen miteinander verschmolzen und ihre Leiber hinter dem Felsen verschwunden waren. Dennoch war er geblieben. Nicht, weil er einen Blick auf Dinge zu erhaschen hoffte, die ihm als Ordensmann verwehrt waren, sondern weil er etwas zu erledigen hatte.
Berengar hatte ausgeharrt, lauernd wie ein Aasfresser, der seine Beute umkreiste, und genau wie dieser hatte er auf eine Situation gehofft, die es ihm ermöglichen würde, auf ungefährliche Weise an seine Beute zu kommen.
Begonnen hatte es an jenem Tag, da sie in der Ebene von Tarsus auf die syrische Karawane getroffen waren.
Der Blick, den der Mönch auf jenen geheimnisvollen Gegenstand erhascht hatte, war nur kurz gewesen. Aber was er zu sehen glaubte, hatte ihn derart in Erstaunen versetzt, dass er seinen flüchtigen Eindruck unbedingt überprüfen wollte. Nur aus diesem Grund war er dafür gewesen, die Jüdin nach Antiochia zu begleiten, und nur aus diesem Grund hatte er sich der Gruppe so bereitwillig angeschlossen.
Anfangs hatte Berengar geglaubt, alle Zeit der Welt zu haben. Der Weg nach Antiochia, so hatte er sich eingeredet, war weit, und die Gelegenheit, auf die er wartete, würde sich früher oder später ergeben. Doch das war nicht der Fall gewesen, und mit jedem Tag, der ungenutzt verstrich, wuchs der Druck, der auf dem Mönch lastete.
Was, wenn ihre Wege sich trennten, ohne dass er einen Blick auf das Kleinod geworfen und eine Möglichkeit erhalten hatte, das Geheimnis zu ergründen?
Berengars anfängliche Gelassenheit hatte sich in Unruhe verkehrt, die sich in den letzten Tagen in schiere Verzweiflung gesteigert hatte, namentlich nach dem Gespräch, das er belauscht hatte – nicht so absichtlich, dass es eine Sünde gewesen wäre, aber auch nicht so zufällig, wie er vorgegeben hatte.
Die Jüdin hatte gesagt, dass sie ihrem Vater ein Versprechen gegeben und einen Auftrag zu erfüllen hatte. Gesetzt den Fall, seine Augen hatten ihn an jenem Tag nicht getäuscht, so hätte Berengar seine unsterbliche Seele darauf verwettet, dass dieser Auftrag mit dem geheimnisvollen Gegenstand zusammenhing, den sie Tag und Nacht bei sich trug.
Der Mönch hatte alle Möglichkeiten durchgespielt, die sich ihm boten, hatte Szenarien ent- und wieder verworfen, aber ihm war klar gewesen, dass etwas geschehen musste, ehe sie die Stadt am Orontes erreichten. Die Schwärmerei des jungen Angelsachsen für das jüdische Mädchen hatte schließlich die ersehnte Lösung gebracht, wenn auch anders als zunächst vorgesehen. Berengars Plan war es gewesen, Conwulf gegen das Mädchen aufzubringen und ihn auf diese Weise dazu zu bewegen, ihr das Geheimnis zu entlocken. Dass das genaue Gegenteil geschehen war, hatte der Mönch zwar nicht voraussehen können – was verstand er schon von derlei Dingen? –, aber es diente seinen Zwecken nicht weniger trefflich.
Die Gelegenheit, auf die er seit Wochen gewartet hatte, kam, als die beiden Liebenden ihren Platz am Felsen verließen und in jugendlicher Tollheit zum Wasser eilten, um ihr sündhaftes Treiben dort fortzusetzen. Ihre Kleider jedoch blieben zurück – und Berengar handelte.
Rasch setzte der Mönch aus dem Strauchwerk, das den Strand säumte, und eilte zu dem Felsen. Ein Blick zu den beiden, die sich in wollüstiger Umarmung am Ufer wälzten, zeigte ihm, dass sie mit anderen Dingen beschäftigt waren. Dennoch beeilte er sich.
Atemlos durchwühlte er ihre herrenlos im Sand liegenden Kleider. Im Schatten, den der Felsen gegen das Mondlicht warf, konnte er kaum etwas erkennen, aber dann fassten seine Hände einen festen, länglichen Gegenstand und zogen ihn hervor.
Es war ein etwa ellenlanger Köcher aus gegerbtem Leder. Im fahlen Licht des Mondes konnte Berengar erkennen, dass sein flüchtiger Eindruck ihn nicht getäuscht und er es an jenem Tag tatsächlich für einen kurzen Augenblick gesehen hatte.
Signum Salomonis.
Das Siegel Salomons.