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20.
Heerlager vor Antiochia
24. Dezember 1097
Weihnacht.
Um wie vieles anders war der Klang dieses Wortes hier in der Fremde. Eine seltsame Melancholie hatte von Conn Besitz ergriffen, seit die Glocken der Feldkirche zum Gebet gerufen hatten.
Der Bischof von Le Puy, der als päpstlicher Legat die Unternehmung begleitete, hatte selbst die Messe gehalten, mit der die Kreuzfahrer der Christnacht gedachten. Obschon sich infolge des jähen Wintereinbruchs Engpässe in der Versorgung eingestellt hatten, versuchten die meisten Edelleute, ihren Familien und Vasallen ein üppigeres Nachtmahl zu bieten als an gewöhnlichen Tagen.
Auch Baldric war es gelungen, ein Stück Ziegenfleisch zu beschaffen, und zusammen mit den Rüben, die Berengar erbettelt, und mit dem Hasen, den Bertrand ein Stück außerhalb des Lagers erlegt hatte, ergab sich ein Festessen, wie die Männer es lange nicht mehr genossen hatten. Doch weder das wärmende Wohlgefühl, das von einem gefüllten Magen ausging, noch die flammende Predigt, die Bischof Adhémar während der Mette gehalten hatte, konnten die dunklen Schatten vertreiben, die sich über das christliche Heer gelegt hatten und die mannigfache Gestalt besaßen.
Zum einen war da das Heimweh, das von vielen Kreuzfahrern Besitz ergriffen hatte und das in dieser Nacht besonders deutlich zutage trat. Es war das zweite Weihnachten, das die Streiter Christi in der Fremde verbrachten, und vor allem jene, die ihre Familien nicht bei sich hatten, wünschten sich zurück nach Hause und in den Kreis derer, die sie liebten. Andere, die während der harten und entbehrungsreichen Märsche Familienmitglieder verloren hatten, gedachten dieser und vergossen manche Tränen.
Auch der Hunger war nach dem Überfluss der ersten Wochen zurückgekehrt. Nicht nur, dass viele Kreuzfahrer der Genusssucht und der Verschwendung gefrönt hatten, sie hatten es auch versäumt, Vorräte für den Winter anzulegen, da man nicht davon ausgegangen war, dass sich das Wetter dramatisch verändern würde. Genau das war jedoch geschehen. Eisiger Wind fegte vom Meer her über die hügelige Landschaft; in den Nächten wurde es so kalt, dass das Wasser in den Proviantschläuchen gefror; und die höchsten der Berge, die sich im Osten erhoben, hatten schneegekrönte Gipfel. Einige Kreuzfahrer hatten bereits Erfrierungen davongetragen, andere lagen mit Fieber darnieder – und die Schlacht um Antiochia stand erst noch bevor.
Man hatte die Belagerung fortgesetzt, doch abgesehen von der Einnahme der Burg Harenc, die schon im vergangenen Monat erfolgt war, hatte man keine weiteren Erfolge erzielen können. Unweit des nördlichen Stadttores, das die Kreuzfahrer nach dem heiligen Paulus benannt hatten, war ein Kastell errichtet worden, dem sie den Namen Malregard gegeben hatten. Die abwechselnden Besatzungen des eilig errichteten Bollwerks sollten dafür sorgen, dass die seldschukischen Überfalltrupps, die den Kreuzfahrern zuletzt arg zugesetzt und ihre Nachschublinien unterbrochen hatten, die Stadt nicht mehr verlassen konnten. Einen Gegner zu stellen, dessen Taktik darin bestand, unvermittelt zwischen den Felsen aufzutauchen und ebenso rasch wieder zu verschwinden, erwies sich jedoch als mühsames Unterfangen. Auch Conn und seine Freunde hatten schon mehrfach Dienst auf Malregard versehen und es jedesmal als eine Strafe empfunden.
Der Belagerungszustand dauerte folglich noch immer an, und es hatte nicht den Anschein, als ob die Eroberung Antiochias kurz bevorstünde. Das eigentliche Ziel des Feldzugs, Jerusalem und das Heilige Land zu befreien, war ohnehin in weite Ferne gerückt – an diesem Abend allerdings, als sich die Männer frierend um die Feuer drängten und von den Zelten der Mönche leiser Gesang durch das Lager drang, schien es weiter entfernt als je zuvor.
»Brrr«, machte Bertrand und klammerte sich an den Becher mit Würzwein, den er in den Händen hielt. »Ist das eine Kälte! Wer hätte gedacht, dass der syrische Winter so bitterkalt sein könnte?«
»In der Tat«, stimmte Berengar zu, der ihm auf der anderen Seite des Feuers gegenübersaß, das sie im Zelt entfacht hatten. Auch Baldric, Remy und Conn hockten um die Flammen, die Handflächen erhoben, um sie zu wärmen. »Der Herr muss zum Scherzen aufgelegt gewesen sein, als er dies Land erschuf – im Sommer siedend heiß und im Winter eisig kalt.«
»Ein Scherz, über den ich nicht lachen kann, Pater«, meinte Bertrand bibbernd. »Dazu fehlt mir die Gesellschaft eines Frauenzimmers.«
Remy, der neben ihm am Feuer saß, bleckte die schlechten Zähne. »Das Mädchen würde an dir wohl nicht viel Freude haben, halb erfroren wie du bist.«
»Ist das ein Wunder?« Bedauernd blickte Bertrand auf seinen Wanst, der beträchtlich abgenommen hatte. »Noch vor einem Jahr war ich das blühende Leben, und nun seht mich an! Abgemagert bin ich, habe kaum etwas gegessen.«
»Du hattest genug«, beschied ihm Baldric, »in jeder Hinsicht. Dass Hunger und Mangel ins Lager zurückgekehrt sind, ist ein deutliches Zeichen.«
»Allerdings.« Bertrand grinste freudlos. »Dafür, dass wir unsere Sachen packen und zurück nach Hause gehen sollten.«
»Nein!«, widersprach Baldric so laut, dass Conn und die anderen zusammenfuhren. »Sag, bist du von Sinnen? Sollen all die Opfer, die wir bereits gebracht haben, vergeblich gewesen sein?«
Jeder wusste, dass der Ritter es nicht mochte, wenn von Rückzug oder gar von Aufgabe gesprochen wurde – derart heftig hatte er allerdings noch nie reagiert. Vielleicht, dachte Conn, war es ein Zeichen dafür, dass auch der sonst so überzeugte Baldric in diesen Tagen nicht ohne Zweifel war.
»Verzeih«, erwiderte Bertrand eingeschüchtert. »Ich wollte dich nicht gegen mich aufbringen.«
»Das Zeichen, von dem ich sprach, ist eine Mahnung Gottes«, erklärte Baldric, nun ein wenig ruhiger. »Der Herr tadelt uns für die Trunksucht und die Völlerei, die hier im Lager Einzug gehalten haben. Und er erinnert uns an den Eid, den wir geleistet haben.«
»Glaubt Ihr denn, dass wir Jerusalem noch erreichen können?«, fragte Berengar. Es lag keinerlei Provokation in der Frage, dennoch hätte ein anderer sie wohl nicht stellen dürfen.
»Wir müssen«, war Baldrics prompte, aber keineswegs überzeugende Antwort. »Wir alle haben große Opfer gebracht, haben so hart gekämpft und so viel geleistet – all das darf nicht vergeblich gewesen sein. Gott wollte, dass wir uns auf diesen Pfad begeben, folglich wird Er uns auch führen.«
»So ist es«, bekräftigte Berengar ernst.
»Tatsächlich, Pater?«, fragte Bertrand skeptisch. »Sagtet Ihr nicht, Ihr würdet vieles anders sehen als noch zu Beginn der Unternehmung?«
»Ich bin nicht mehr der, der ich einst war«, stimmte der Mönch zu und schaute reihum, »aber das dürfte auf jeden von uns zutreffen, nicht wahr? Wir alle haben in diesem zurückliegenden Jahr Dinge gesehen und Erfahrungen gemacht, die uns verändert haben. Aber das bedeutet nicht, dass ich meinen Glauben verloren hätte oder das Vertrauen in den Herrn. Der Allmächtige prüft uns, indem Er uns derlei Prüfungen unterzieht, so viel ist gewiss.«
Conn, der neben Berengar saß und in die Flammen starrte, lachte bitter auf. Hatte nicht Chayas Vater eine ganz ähnliche Formulierung gebraucht? Waren nicht auch Juden überzeugt, dass der Herr ihren Glauben prüfte? Woher rührten dann die Unterschiede? Wieso war es nicht möglich, dass ein Christ und eine Jüdin zueinander fanden?
Conn hatte alles versucht.
Mit allen Mitteln hatte er sich auf andere Gedanken zu bringen versucht; er hatte den Kampf zu Fuß und zu Pferd trainiert, hatte sich freiwillig zu Erkundungsritten und zum Dienst auf Burg Malregard gemeldet, hatte seine Studien der lateinischen Sprache fortgesetzt – doch er hatte Chaya nicht vergessen können.
Seit jenem Morgen, da sie sich heimlich davongeschlichen hatte, ohne ein Wort des Abschieds, war kein Tag vergangen, an dem er nicht an sie hatte denken müssen, an ihre Liebe, an die Wärme und den Trost, den er in ihrer Gegenwart empfunden hatte. Und obschon er sich sagte, dass sie seine Zuneigung nicht verdiene, schmerzte die Einsicht, dass sie sich von ihm abgewandt hatte, auch noch nach all den Wochen.
Während seine Freunde sich am Feuer weiter unterhielten, erhob er sich und ging nach draußen. Kalte Nachtluft empfing ihn außerhalb des Zeltes, sein Atem wurde zu weißem Dampf.
»Seht nach ihm, Berengar, ich bitte Euch«, hörte er Baldric drinnen sagen. »Vielleicht vermag geistiger Beistand seinen Schmerz ein wenig zu lindern.«
Es kam keine Antwort, aber die Eingangsplane wurde beiseitegeschlagen, und kein anderer als der Benediktiner trat daraus hervor. Seine wollene Robe schützte ihn besser vor der Kälte als die Umhänge der Soldaten, dennoch schlug er die Kapuze hoch, um sein schütteres Haupt zu bedecken.
»Kalt«, sagte er nur.
Conn nickte.
»Willst du reden, Conwulf?«
Conn schnitt eine Grimasse. »Was wollt Ihr tun, Pater? Mir die Beichte abnehmen?«
»Der Zeitpunkt wäre günstig gewählt. Zu den Hochfesten pflegt der Herr manche Bitte zu erfüllen, wenn sie lauteren Herzens geäußert wird.«
»Nicht meine Bitte.«
»Es kommt darauf an, Junge. Wenn es dir darum geht, sie nur baldmöglichst wieder in deine Arme zu schließen, wird der Herr dir dein Anliegen sicher verweigern. Wenn du hingegen um Vergebung ersuchst und um Vergessen …«
»Ich kann sie nicht vergessen«, erklärte Conn kopfschüttelnd. »Und ich will sie auch nicht vergessen.«
»So sehr hat sie dich mit ihren Reizen umgarnt?« Berengar wirkte bekümmert. »Dabei hat sie sich in jener Nacht davongestohlen, ohne sich zu verabschieden oder auch nur eine Nachricht zu hinterlassen …«
»Ich weiß, und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich es. Es muss einen Grund für Chayas Verhalten geben. Womöglich wurde sie dazu gezwungen.«
»Glaubst du das wirklich?« Berengar schüttelte den Kopf. »Nein, Junge. Die Wahrheit ist sehr viel einfacher. Der Jüdin ist es nur darum gegangen, dich zu verführen und zu verderben, so wie es die Art ihres Geschlechts und ihres ganzen verschlagenen Volkes ist.«
Conn schüttelte trotzig den Kopf, aber er widersprach nicht. Zu viel Enttäuschung war in ihm. Zu viel Schmerz. »Ich will sie nicht verlieren, Pater«, flüsterte er und starrte in die eisige Dunkelheit. »Ich habe schon einmal einen Menschen verloren, den ich liebte und in den ich meine Hoffnung gesetzt habe.«
»Der Menschen Geist ist wankelmütig, und ihr Fleisch ist schwach, deshalb solltest du dein Vertrauen und deine Hoffnung stets nur auf den Allmächtigen richten. Und was die Jüdin betrifft – du hast sie bereits verloren, Conwulf. Je eher du das einsiehst, desto besser ist es für dich.«
Conn nickte betreten. Dann setzte er sich langsam in Bewegung.
»Wohin willst du?«, rief Berengar ihm verdutzt hinterher.
Conn antwortete nicht. Er hatte keine Ahnung, wohin er gehen sollte, ein festes Ziel hatte er nicht. Aber er wollte auch keine Ratschläge mehr bekommen, so gut gemeint sie auch sein mochten.
Unter den tief hängenden Ästen knorriger Zedern hindurch erreichte er nach einer Weile eine der Hauptstraßen, die sich durch das Lager zogen und zu deren Seiten große Mannschaftszelte errichtet worden waren. Überall brannten Feuer, und es roch nach gebratenem Fleisch, in Umhänge und Kapuzen gehüllte Gestalten kauerten um die Flammen. Von irgendwo war Gesang zu hören, dazu Flötenspiel und eine Laute. Eine Weihnachtsweise, sanft und voller Wehmut.
»Conwulf!«, rief plötzlich jemand.
Conn blieb stehen. An einem der Feuer hatte sich eine kräftige Gestalt erhoben, in der er Herlewin erkannte, einen normannischen Knappen, mit dem zusammen er öfter den Schwertkampf geübt hatte.
»Herlewin.« Conn nickte dem Normannen zu.
»Da hat jemand nach dir gefragt«, berichtete der Knappe. »Ein junger Bursche.«
Ein junger Bursche!
Unwillkürlich musste Conn an Chaya denken. War sie womöglich ins Lager gekommen? Suchte sie nach ihm?
»Wann ist das gewesen?«, fragte Conn. »Und wo ist er hin?« Er bemühte sich um Gelassenheit, konnte seine Aufregung jedoch nicht ganz verbergen.
»Wir haben ihn zu Herrn Baldrics Zelt geschickt, dort müsstest du ihn finden. Frohe Weihnacht!«
»Dir auch, Freund«, sagte Conn und wandte sich mit pochendem Herzen ab. Um möglichst rasch zurückzugelangen, nahm er nicht den Umweg durch den abgestorbenen Zedernhain, sondern die direkte Strecke, die durch eine Seitengasse führte. Unwillkürlich begann er dabei zu laufen. Falls es tatsächlich Chaya war, die ihn als Mann verkleidet besuchte, wollte er nicht, dass Berengar davon erfuhr. Der gestrenge Mönch hätte sonst womöglich …
»He du!«, rief ihn plötzlich jemand aus einer der dunklen Nischen an, die sich zwischen den Zelten erstreckten.
Conn hielt inne. »Sprichst du mit mir?«
»Bist du Conwulf, Sohn von Baldric?«, fragte die Gestalt, von der er nur undeutliche Umrisse wahrnehmen konnte und die ein nur mit Mühe verständliches Französisch sprach.
»Der bin ich«, bestätigte Conn – und sah unvermittelt eine gekrümmte Klinge in der Dunkelheit aufblitzen.
»Dann stirb!«, zischte der Schatten, und noch ehe Conn wusste, wie ihm geschah, setzte der Fremde bereits auf ihn zu.
Die Klinge zuckte heran und berührte seinen Hals, aber Conns durch unzählige Kampflektionen gestählte Reflexe ließen seinen Oberkörper zurückpendeln und brachten ihn außer Reichweite der gefährlichen Waffe. Der Angreifer stieß eine Verwünschung in einer fremden Sprache aus. Er hatte in die Attacke derart viel Schwung gelegt, dass er nun, da er ins Leere lief, ins Taumeln geriet. Sein Gleichgewicht zurückzuerlangen kostete ihn wertvolle Augenblicke, die Conn für sich nutzte. Er bekam die Waffenhand des Burschen zu fassen und verdrehte sie, sodass der Dolch auf dem Boden landete. Zeternd wand sich der Angreifer in Conns Griff, doch der ließ ihm keine Chance mehr. Mit einem Fausthieb schickte er seinen Gegner zu Boden und presste ihm dessen eigenen Dolch an die Kehle.
»Was sollte das?«, fuhr er ihn an.
»Ich … will dich töten!«, erklärte der Kerl in seinem schlechten Französisch.
»Warum?«, knurrte Conn. »Ich habe dir nichts getan! Ich kenne dich noch nicht einmal.«
Trotz der Dunkelheit, die in der Gasse herrschte, konnte Conn inzwischen das Gesicht des Angreifers erkennen. Er war ein wenig jünger als er selbst, vielleicht zwanzig Winter, hatte kurz geschnittenes schwarzes Haar und fast ebenso schwarze Augen, aus denen Conn namenloser Hass entgegenschlug – seltsamerweise lag aber auch etwas Vertrautes in ihrem Blick.
»Wer bist du?«
Der Gefangene spuckte aus. Eine Antwort blieb er jedoch schuldig.
»Sprich«, ermahnte Conn ihn und verstärkte den Druck hinter der Klinge. »Willst du wohl reden, oder ich …«
»Mein Name ist Caleb Ben Ezra«, kam die Antwort zischend. »Ich bin Chayas Cousin.«
Chaya!
Conn stand wie vom Donner gerührt. Er begriff, dass es nicht Chaya gewesen war, die im Lager nach ihm gefragt hatte, sondern dieser junge Mann, der offenbar seinen Tod wollte – aber warum?
»Was hat das zu bedeuten? Wo ist Chaya? Und wie geht es ihr?«
»Es geht ihr gut, Christenhund! Trotz allem, was du ihr angetan hast!«
»Was ich ihr angetan habe?«
»Du hast es gestohlen … das Buch! Das Buch von Ascalon!«
»Was?« Conn verstand kein Wort.
»Das Buch! Es ist verschwunden«, stieß der andere hervor. »Nur ein wertloses Pergament ist in dem Köcher gewesen. Mein Vater war außer sich vor Zorn! Um ein Haar hätte er Chaya verstoßen.«
Conn schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht.«
»Die ganze Zeit über hatte sie das Buch bei sich, nur nicht in jener Nacht, in der du sie verführt und ihre Ehre beschmutzt hast, du elender Hund. Du hast es geraubt!«
Conn begriff endlich, dass es um das Geheimnis gehen musste, das Chaya gehütet hatte, um jenen ledernen Behälter, den sie Tag und Nacht bei sich trug, das Vermächtnis ihres Vaters.
»Ich habe überhaupt nichts gestohlen!«
»Du lügst! Alle Christenhunde lügen!« Abermals spuckte Caleb ihm vor die Füße.
»Ich lüge nicht«, versicherte Conn, »und Chaya kennt mich gut genug, um das zu wissen.«
»So?« Der junge Jude lachte freudlos auf. »Sie kennt dich kein Stück, Christenhund. Andernfalls wäre sie wohl nicht auf die Schmeicheleien von jemandem hereingefallen, der nicht zum auserwählten Volk gehört. Und ganz sicher hätte sie kein Kind von dir empfangen.«
»Was?« Conn hatte plötzlich das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
»Du hast sie geschwängert, Bastard«, zischte Caleb – worauf Conn endgültig die Knie weich wurden. Er ging nieder. Seinen Gegner, den er noch immer umklammert hielt, riss er mit zu Boden.
Chaya erwartete ein Kind von ihm!
Diese Neuigkeit war so überwältigend, dass er einige Augenblicke brauchte, um sie zu verdauen. Gleichzeitig fragte er sich, weshalb er erst jetzt davon erfuhr. Wieso hatte Chaya ihm keine Nachricht zukommen lassen? Aus Zorn? Aus Furcht? Aus Scham?
»Wo ist Chaya? Ich muss zu ihr!«
Caleb schüttelte den Kopf. »Sie will dich nicht sehen.«
»Aber ich habe das Buch nicht an mich genommen«, versicherte Conn. »Und ich wusste auch nichts von … von ihrem Zustand.«
»Glaubst du, das mindert deine Schuld?«
Conn überlegte kurz. Dann ließ er Caleb los und stieß ihn von sich. Den Dolch rammte er kurzerhand vor ihm in den Boden.
»Was tust du?«, fragte der Jude verblüfft.
»Ich lasse dich frei«, erklärte Conn, während er sich wieder auf die Beine raffte.
»Obwohl ich dich töten wollte?« Caleb war wenig überzeugt.
»So ist es. Ich schenke dir das Leben – dafür möchte ich, dass du Chaya eine Nachricht von mir überbringst.«
»Sie wird mir nicht zuhören.«
»Sie wird. Sage ihr, dass ich den Verlust des Buches bedaure, aber dass mich daran keine Schuld trifft. Und richte ihr ebenfalls aus, dass ich …«
»Na was?«, hakte Caleb ungeduldig nach, als Conn zögerte.
Conn schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, was er dem Boten noch mit auf den Weg geben sollte. Sollte er Chaya seine Liebe gestehen? Ihr seine Hilfe anbieten? Sie um Verzeihung bitten? Unsinn – schließlich war sie es, die sich davongeschlichen hatte und ihn nun offenbar eines Diebstahls verdächtigte, den er nicht begangen hatte. Der Gedanke allerdings, dass sie ein Kind von ihm erwartete, brachte ihn vor Sehnsucht fast um den Verstand. Egal, was gewesen war, er wollte bei ihr sein, wollte für sie sorgen, obschon er wusste, dass es unmöglich war. Sie lebten in unterschiedlichen Welten, auf den gegnerischen Seiten eines mörderischen Konflikts.
»Dass sie auf sich achten soll«, erwiderte er deshalb ausweichend. »Wirst du das für mich tun, Caleb?«
»Was ist, wenn ich mich weigere?«
»Ich werde dich dennoch ziehen lassen. Aber wenn du der bist, für den ich dich halte, wirst du Chaya meine Nachricht überbringen.«
»Und – mein Dolch?« Caleb schielte nach der Waffe, die im Boden steckte, nur zwei Armlängen von ihm entfernt.
»Nimm ihn, ich habe keine Verwendung dafür. Und jetzt geh.«
Mit einer Mischung aus Zweifel und Staunen schaute Chayas Cousin ihn an. Dann kroch er vorsichtig auf den Dolch zu, zog ihn heraus und nahm ihn an sich – und im nächsten Moment war er auch schon aufgesprungen und die dunkle Gasse hinab verschwunden.
Einige Augenblicke lang stand Conn unentschlossen da. Dabei merkte er, wie etwas warm und feucht seinen Hals hinabrann. Er tastete danach – es war Blut. Calebs unerwartete Attacke hatte seine Haut geritzt, doch Conns Überraschung war so groß gewesen, dass er erst jetzt davon Notiz nahm.
Er beschloss, zum Zelt zurückzukehren, um die Wunde zu versorgen. Unterwegs versuchte er, das Durcheinander in seinem Kopf halbwegs zu ordnen. Chaya bekam ein Kind von ihm! Noch immer war er nicht über diese Neuigkeit hinweg, auch wenn er sie nicht von Chaya selbst, sondern von ihrem rachsüchtigen Cousin erfahren hatte. Er spürte, dass es nun ein unsichtbares Band zwischen ihnen gab, ein Band, das zum Zerreißen gespannt war.
Conn konnte nur erahnen, was Chaya erwartete, wenn bekannt wurde, dass sie als unverheiratete Frau ein Kind erwartete, noch dazu von einem Christen, und er fühlte sich elend und schuldig deswegen. Aber warum verdächtigte sie ihn, das Erbe ihres Vaters gestohlen zu haben? War dies der Grund für ihre Ablehnung, für ihren überstürzten Aufbruch? Wie konnte er sie seiner Unschuld versichern?
»Conwulf! Um Himmels willen!«
Berengars entsetzter Ausruf riss ihn aus seinen Gedanken. Der Mönch ließ das Feuerholz fallen, das er gesammelt hatte, und kam auf ihn zu. »Was, im Namen des Allmächtigen, ist dir widerfahren?«, fragte er, auf den Schnitt an Conns Kehle deutend.
»Nichts weiter, Pater«, versicherte Conn, während Berengar die Wunde bereits näher inspizierte. »Ich habe nur …«
Er stutzte, als ihm plötzlich ein Gedanke kam. Ein hässlicher Gedanke, dessen er sich beinahe schämte. »Darf ich Euch etwas fragen?«, erkundigte er sich deshalb vorsichtig.
»Natürlich, Junge. Was möchtest du wissen?«
»In jener Nacht, bevor Chaya das Lager verließ …«
Berengar schnaubte. »Denkst du immer noch an sie?«
»… was habt Ihr da getan?«, brachte Conn seine Frage unbeirrt zu Ende. »Wollt Ihr mir das sagen?«
»Was ich in jener Nacht getan habe?« Der Benediktiner schaute ihn verständnislos an. »Aber das weißt du doch – ich hielt Wache. Warum willst du das wissen?«
»Nur so, ich …« Conn brach kopfschüttelnd ab und kam sich vor wie ein ausgemachter Narr. »Bitte verzeiht, Pater, ich weiß nicht, ob …«
Er verstummte, als ein Fremder zu ihnen trat, der Kleidung nach ein Normanne. »Ist er das?«, fragte der junge Mann nur.
»Das ist er«, bestätigte Berengar, auf Conn deutend.
Verblüfft schaute Conn von einem zum anderen. »Was soll das heißen? Wer seid Ihr?«
»Hast du es denn nicht mitbekommen?«, fragte Berengar seinerseits. »Im ganzen Lager wird nach dir gesucht.«
»N-nach mir?« Unwillkürlich wich Conn einen Schritt zurück.
»Ich komme von Baron Renald de Rein«, erklärte der Bote schlicht. »Mein Herr wünscht dich zu sprechen. Jetzt gleich.«