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21.
Conn kam es vor, als würde er auf glühenden Kohlen stehen.
In Renald de Reins Zelt auf das Eintreffen des Barons zu warten, kam einer Folter gleich. Unendlich viele Dinge gingen Conn dabei durch den Kopf, Befürchtungen und Ängste, Fragen, auf die er keine Antwort wusste.
Wieso, in aller Welt, verlangte de Rein ihn zu sprechen? Wie konnte der Baron überhaupt Kenntnis von ihm haben? Hatten die de Reins womöglich herausgefunden, dass er sie in jener Nacht in London belauscht hatte? Hatten sie Kenntnis erlangt von seinen Racheplänen, von dem Schwur, den er geleistet hatte? Und wenn es so war, woher hatten sie ihr Wissen?
Es gab nur eine Handvoll Menschen, denen sich Conn anvertraut hatte, und er schämte sich fast dafür, dass er in diesem Moment, da er auf seinen Richter wartete, für keinen von ihnen die Hand ins Feuer gelegt hätte. Nicht für Bertrand, der die de Reins von früher zu kennen schien, nicht für Berengar, der ihn an de Reins Boten verraten hatte, und auch nicht für Chaya, die sich heimlich davongeschlichen hatte und ihn des Diebstahls bezichtigte.
Für einen kurzen Moment hatte er die Flucht erwogen, aber dann war ihm klar geworden, dass diese unerwartete Entwicklung der Dinge ihn genau dorthin gebracht hatte, wohin er die ganze Zeit über gewollt hatte – in die Höhle des Löwen. Vielleicht, dachte er in seiner Verzweiflung, konnte er die Gelegenheit nutzen, um nahe genug an Guillaume de Rein heranzukommen und das zu tun, was er sich geschworen hatte. Zweifellos würde es das Letzte sein, was er tat, aber wenigstens würde er Nias Mörder mit sich nehmen …
Unruhig trat Conn von einem Bein auf das andere, während er sich in dem geräumigen Zelt umblickte. Die de Reins gehörten zu jenen Privilegierten, denen es auch in der Fremde an nichts gebrach. Mit Teppichen und Schranktruhen, dazu einem langen Tisch, auf dem Zinnbecher und eine mit Wein gefüllte Karaffe standen, war die behelfsmäßige Bleibe besser eingerichtet als jedes feste Dach, das Conn je über dem Kopf gehabt hatte. Bei dem Gedanken, dass ein Verbrecher vom Schlage Guillaume de Reins in solchen Annehmlichkeiten schwelgen durfte, während so viele rechtschaffene Männer ihr Haupt auf den nackten Boden betteten, verspürte Conn Wut.
»Da bist du ja«, sagte plötzlich jemand – verblüffenderweise kam Conn die Stimme bekannt vor. »Es war alles andere als einfach, dich in diesem Durcheinander zu finden, das sich Heerlager nennt.«
Conn fuhr herum – und erlebte zum zweiten Mal an diesem Abend eine handfeste Überraschung. Denn der Mann, der vor ihm stand, in Tunika und Mantel eines wohlhabenden Normannen gehüllt und das Langschwert an der Seite, war kein anderer als der, dem er vor Dorylaeum das Leben gerettet hatte! Die festen Gesichtszüge mit den kleinen, streng blickenden Augen und dem kupferfarbenen Haar hätte Conn unter Tausenden herausgekannt.
»Du erkennst mich?«, deutete der andere seinen offenen Mund und die erstaunt geweiteten Augen richtig.
»J-ja, Herr«, stammelte Conn. »Seid Ihr … Renald de Rein?«
»So ist es«, bestätigte der Baron, und Conn wurden zwei Dinge klar: Dass er, freilich ohne es zu ahnen, damals vor Dorylaeum den Vater seines Erzfeindes gerettet hatte. Und dass Renald de Rein nicht wegen der Ereignisse von London nach ihm geschickt hatte.
»Hast du den Ring noch, den ich dir gab?«, wollte der Baron wissen.
»Ja, Herr.«
»Dann lass mich ihn sehen.«
Conn murmelte eine Bestätigung, dann griff er nach dem Saum seines Rocks, hob ihn an und zerriss das Futter. Der Ring fiel heraus, und Conn fing ihn auf und reichte ihn de Rein.
»Sei unbesorgt«, sagte dieser kopfschüttelnd, nachdem er einen kurzen Blick darauf geworfen hatte. »Ich will ihn nicht zurück. Ich wollte nur sichergehen, dass du tatsächlich der bist, der mir damals den Hals gerettet hat.«
»Das bin ich, Herr«, antwortete Conn. Das Kleinod steckte er in seinen Gürtelbeutel, obschon es ihm lieber gewesen wäre, de Rein hätte es ihm wieder abgenommen. Er wollte nichts besitzen, von dem er das Gefühl hatte, dass Nias Blut daran klebte.
»Weißt du, wie viel Mühe es mich gekostet hat, dich zu finden, Conwulf?«
»Nein, Herr.«
»Ich muss gestehen, dass mir deine Gesichtszüge entfallen waren, obgleich du doch so viel für mich getan hast. Deine Tapferkeit hingegen ist mir unvergessen geblieben, also kam ich auf den Gedanken, dich suchen zu lassen, um dir zum Fest des Herrn ein Geschenk zu machen.«
»Ihr habt mir bereits etwas geschenkt, Herr«, brachte Conn in Erinnerung. Der alleinige Gedanke, noch etwas aus de Reins Besitz zu erhalten, drehte ihm den Magen um.
»Ich weiß, Conwulf. Was ich dir schenken möchte, ist auch nicht aus Gold oder mit Gemmen besetzt.« Er ging zum Tisch, füllte einen der Becher mit Wein und nahm einen tiefen Schluck. »Wusstest du, dass ich einen Sohn in deinem Alter habe?«, fragte er unvermittelt.
Conn stand wie versteinert. Er konnte nicht verhindern, dass sich seine Hände zu Fäusten ballten. »Ja, Herr.«
»Bedauerlicherweise«, fuhr de Rein fort, nachdem er erneut getrunken hatte, »sind Guillaume und ich selten einer Meinung, denn er ist das genaue Gegenteil von dem, was ich gerne in ihm sehen würde.« Ein wehmütiges Lächeln spielte um seine bärtige Kinnpartie, und für einen Augenblick schien er sich in Erinnerungen zu verlieren. Dann wandte er sich wieder seinem Besucher zu. »Du hingegen, Conwulf, bist ein Mann nach meinem Herzen.«
»Danke, Herr.« Conn schluckte sichtbar.
»Als mein Nachfolger und Erbe wäre es Guillaumes Pflicht, hier zu sein, diesen Wein mit mir zu trinken, Seite an Seite mit mir in der Schlacht zu kämpfen und mich wie ein schützender Schatten zu begleiten. Stattdessen verbringt er seine Zeit damit, dunkle Pläne zu schmieden und Intrigen zu spinnen, die …« Der Baron unterbrach sich und schüttelte unwirsch das Haupt. »Jedenfalls ist er nicht hier. Selbst in dieser Nacht ziehen seine Mutter und er die Gesellschaft ihrer Sektiererfreunde der meinen vor.«
Conn schwieg. Die ganze Zeit über waren die de Reins für ihn der Inbegriff des Bösen gewesen, wahre Teufel in Menschengestalt. Doch nun stellte sich heraus, dass auch sie atmende und fühlende Wesen waren und mit Mängeln behaftet.
Die Erkenntnis war erschreckend.
»Das Geschenk, das ich dir unterbreiten möchte – oder vielmehr das Angebot«, fuhr de Rein fort, nachdem er seinen Becher bis auf den Grund geleert und wieder auf den Tisch zurückgestellt hatte, »besteht folglich darin, Guillaumes Platz unter meinen Kämpfern einzunehmen und künftig gemeinsam mit mir in die Schlacht zu reiten. Als mein Helfer und Schirm.«
»A-aber, Herr«, widersprach Conn stammelnd, der einfach nicht glauben konnte, was er da hörte. »Ich bin nur ein einfacher Soldat, und noch dazu ein Angelsachse.«
»Ich weiß, und ich habe lange genug gegen deinesgleichen gekämpft, um zu wissen, was für überaus zähe und tapfere Burschen ihr seid. Du würdest ein eigenes Pferd und eine neue Rüstung erhalten und wärst meinem direkten Befehl unterstellt.«
»Das ist sehr großzügig von Euch, Herr, aber …«
»Falls du dabei an deinen Adoptivvater denkst und dich fragst, ob er es dir gestatten wird, in meine Dienste zu treten, so sei ganz unbesorgt. Er wird es erlauben.«
»Ihr kennt Herrn Baldric?«, fragte Conn verblüfft. Die Überraschungen schienen in dieser Nacht gar kein Ende zu nehmen.
»In der Tat«, bestätigte der Baron, sah allerdings keine Veranlassung, Conn zu erläutern, woher und aus welchem Grund er Baldric kannte. »Also? Wie lautet deine Antwort, Conwulf?«
Conn fiel es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Sein Herzschlag raste, Übelkeit bemächtigte sich seiner, und er hatte das Gefühl, seine Umgebung nur durch einen Schleier wahrzunehmen. So sehr de Rein ihn auch überrascht haben mochte – er verspürte nicht das geringste Verlangen danach, dem Vater des Mannes zu dienen, der Nia ermordet hatte. Etwas allerdings war ihm mehr als alles andere im Gedächtnis haften geblieben: dass der Baron und Guillaume einander nicht sehr zugetan waren.
»Was wird Euer Sohn dazu sagen, Herr?«, fragte Conn deshalb vorsichtig.
De Rein lachte bitter auf. »Wahrscheinlich wird er Gift und Galle spucken vor Eifersucht und gekränkter Eitelkeit. Privilegien zu fordern, ohne etwas dafür zu leisten, ist schon immer seine Art gewesen, aber das braucht dich nicht zu interessieren. Wie also entscheidest du dich?«
Conn brauchte nicht mehr lange zu überlegen. Schon die Aussicht, Guillaume de Rein zu schaden – wenn auch nur indirekt –, wog stärker als alle Vorbehalte. »Ich danke Euch, Herr«, sagte er und deutete eine Verbeugung an. »Und ich nehme Euer Angebot an.«
»Ich habe es nicht anders erwartet«, gestand der Baron, und ein so überzeugtes Lächeln glitt über seine Züge, dass sich Conn unwillkürlich fragte, ob seine Entscheidung klug gewesen war. Eben noch war er sicher gewesen, sich de Reins zu bedienen – war es in Wahrheit umgekehrt?
Der Baron ließ keinen Zweifel mehr zu. »Komm, Junge«, forderte er Conn auf und winkte ihn zu sich an den Tisch. Er nahm die Karaffe und füllte zwei Becher, einen davon reichte er Conn.
»Auf den Sieg und auf die Treue«, brachte er den Trinkspruch aus, den Conn in London oft aus vor Trunkenheit heiseren Normannenkehlen gehört hatte.
»Auf den Sieg und die Treue«, wiederholte er mit einigem Widerwillen.
Dann tranken sie und besiegelten das Bündnis.
Bahram al-Armeni starrte zum Himmel.
Er war auf einen Hügel gestiegen, um die Sterne zu beobachten, unbeeinträchtigt von den Fackeln und Feuern, die das Feldlager erhellten, das die Krieger der askar nördlich der Stadt Hama aufgeschlagen hatten. Doch abgesehen von einem einzelnen Gestirn gab das Firmament seine funkelnde Pracht in dieser Nacht nicht preis; Wolken bedeckten den Himmel, die sich nach Norden hin verdichteten. Dort, wo sich Antiochia befand und das Heer der Kreuzfahrer lagerte.
Der Armenier, den Duqaq von Damaskus zum Anführer der ghulam-Krieger ernannt hatte, war ein wenig enttäuscht. Dass sich die Sterne ausgerechnet in dieser Nacht verhüllten, kam in seinen Augen einem schlechten Vorzeichen gleich. Zumal jener einzelne Himmelskörper, der dort zwischen zerfransten Wolkenfetzen hindurch einsam auf die Erde blickte, sein eigenes Schicksal abzubilden schien.
Bahram fühlte sich einsam.
Diese Nacht in der Gesellschaft von Menschen zu verbringen, für die sie sich in nichts von jeder anderen wolkenverhangenen Nacht unterschied, war befremdlich. Während ein großer Teil der Christenheit die Geburt des Erlösers feierte, war Bahram in seinem Glauben allein. Unter den ghulam, die er in Fürst Duqaqs Auftrag nach Antiochia führen sollte, gab es keine Christen; allesamt waren sie ehemalige Gefangene, die ihrem alten Glauben abgeschworen hatten und zu Anhängern Mohammeds geworden waren. Über die Unterschiede zwischen ihnen hatte sich Bahram bislang kaum Gedanken gemacht. Die Toleranz der muslimischen Herrscher und die persönliche Gunst von Duqaqs Vater Tutsh hatten es ihm ermöglicht, trotz seines nach muslimischer Ansicht falschen Glaubens in die Reihen der Oberbefehlshaber aufzusteigen, und er hatte es nie bereut, sich ihnen angeschlossen oder in ihren Reihen gedient zu haben. Weder als es gegen den aufständischen Feldherren Suleiman gegangen war, der sich gegen Tutushs Bruder Malik Shah erhoben hatte, den Sultan des Großseldschukischen Reiches, noch als Tutush nach Maliks Tod selbst versucht hatte, den Thron zu besteigen und Krieg gegen die anderen Emire und Atabege geführt hatte.
Doch in all diesen Schlachten waren sich stets Söhne Mohammeds im Kampf begegnet. Christen, namentlich aus den Gebirgen Armeniens oder den Grenzregionen von Byzanz, hatten darin nur eine untergeordnete Rolle gespielt. In dem bevorstehenden Konflikt jedoch würde Bahram zum ersten Mal seinen Glaubensbrüdern im offenen Kampf gegenüberstehen, was ihm in dieser Nacht, als er einsam auf dem Hügel stand und vergeblich nach den Sternen Ausschau hielt, erstmals bewusst wurde.
Indes, es änderte nichts.
Von seinen muslimischen Gebietern hatte Bahram stets nichts als Förderung und Wohlwollen erfahren. Mit ganzem Herzen war er ein Sohn des Morgenlands, der die Aggressoren aus dem Westen für rohe Barbaren hielt, wohingegen er die arabische Welt sein Leben lang für ihre Kunst und ihre Gelehrsamkeit bewundert und versucht hatte, ihre zahllosen Mysterien zu entschlüsseln. Die Kreuzfahrer waren widerrechtlich in das Reich eingefallen und hatten Tod und Verderben verbreitet. Sich ihnen entgegenzustellen war gerecht und richtig. Auch diese Nacht änderte nichts daran.