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8.

Antiochia

29. Juni 1098

Das Lärmen der Kriegshörner, das wilde Kampfgebrüll, der donnernde Hufschlag der Pferde, das Geklirr der Waffen und die verzweifelten Schreie der Verwundeten – all das war aus weiter Ferne an Conns Lager gedrungen, doch die Mauern der Ohnmacht hatte es nicht zu überwinden vermocht. Dennoch hatte Conn das Gefühl, dass sich bedeutsame Dinge ereignet haben mussten, als er tags darauf aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte. Glockengeläut war zu hören, begleitet von Gesang und immer wieder aufbrandendem Jubel.

Zu seiner Verblüffung stellte Conn fest, dass er sich nicht mehr im Hospital der Mönche befand. Panik befiel ihn für einen Moment, weil er dachte, er wäre jenen Elenden zugeschlagen worden, denen man die letzten Sakramente erteilte und die man dann zum Sterben hinausbrachte. Aber dann wurde ihm klar, dass er ganz allein war in der Kammer und man ihm ein solches Privileg ganz sicher nicht hätte zukommen lassen, wenn alle Hoffnung verloren wäre. Außerdem fühlte er sich sehr viel besser, als es beim letzten Erwachen der Fall gewesen war. Die Schmerzen hatten merklich nachgelassen, auch das Fieber schien vorüber zu sein.

Verblüfft schaute er sich um.

Decke und Wände der Kammer waren mit dunklem Holz getäfelt. Lieblich süßer Duft erfüllte die kühle Luft, und das wenige Sonnenlicht, das durch eine hohe Fensteröffnung fiel, wurde von einem hölzernen Gitter in dünne Schäfte geschnitten. Jenseits dieser fahlen Schäfte gewahrte Conn eine große Gestalt, die auf einem hölzernen Schemel hockte.

»B-Baldric?«

Der Normanne, der offenbar eingeschlafen war, schreckte auf. Wie von einer giftigen Schlange gebissen, schoss er in die Höhe und war sofort an Conns Lager.

»Du bist erwacht«, sprach er das Offensichtliche aus.

Conn nickte nur. Sein Nacken schmerzte noch immer dabei, und sein Schädel brummte, aber er hatte nicht mehr das Gefühl, vor Pein zu vergehen, und seine Sinne und sein Verstand waren klarer als bei seinem letzten Erwachen.

»Wo bin ich?«

»Noch auf Erden, du elender angelsächsischer Dickschädel!« Baldrics verbliebenes Auge weitete sich. »Dein Starrsinn hat dich beinahe das Leben gekostet. Hast du Spaß daran, einen armen alten Sünder wie mich zu quälen?«

»Verzeih«, flüsterte Conn, der zu sehen glaubte, wie es im Auge seines Adoptivvaters feucht blitzte.

»Du bist im Viertel der Juden, Junge«, fuhr Baldric fort. »Auf Chayas Wunsch haben wir dich hierhergebracht, sobald wir nicht mehr fürchten mussten, dass sich deine Wunde unterwegs wieder öffnet. Zum einen war sie der Meinung, dass sie dich hier besser behandeln könnte. Zum anderen«, fügte er leiser hinzu, »wollten die Mönche ihr nicht erlauben, ihre Heilkunst anzuwenden.«

Chaya.

Conn erinnerte sich, dass sie an seinem Lager gewesen war. Sie hatten miteinander gesprochen, und sie hatte ihm von ihrem Kind erzählt, von seinem Sohn …

»Wo ist sie?«

»Ein paar Besorgungen machen. Bertrand ist bei ihr, also mach dir keine Sorgen.«

Conn nickte, einstweilen beruhigt.

»Geht es dir besser?«

»Ich denke schon.«

»Das hast du ihr zu verdanken. Chaya hat alles getan, um dich zu retten. Du verdankst ihr dein Leben.«

»Wie lange war ich …?«

»Zwei Wochen«, lautete die erschütternde Antwort. »Zwei Wochen, in denen wir nicht wussten, ob du dich jemals wieder von diesem Lager erheben würdest. Wäre Chaya nicht gewesen, hätten der Blutverlust und das Wundfieber dich dahingerafft wie so viele andere.« Baldric schloss für einen Moment die Augen, und Conn erinnerte sich dunkel, was ihm bei seinem letzten Erwachen berichtet worden war – von Heerscharen muselmanischer Krieger, die vor den Toren Antiochias lagerten und bereit waren zum Sturm.

»Was ist geschehen?«, wollte er wissen.

Sein Adoptivvater betrachtete ihn prüfend, so als müsste er abwägen, ob Conn für die Neuigkeiten schon bereit war. »Wir haben gekämpft, und Gott war auf unserer Seite.«

»Wir … wir haben gesiegt?«

Baldric schüttelte den Kopf. »Nicht wir, Junge. Der Allmächtige selbst war es, der den Feind vor unseren Toren vertrieben hat. Zuerst, indem er uns die Heilige Lanze sandte.«

»Die Heilige Lanze?«

»Die heilige Reliquie vom Berge Golgatha. Den Spieß, den der römische Hauptmann in die Seite des Erlösers stieß. Man fand ihn in der Kathedrale, als die Verzweiflung am größten war. Doch das ist noch nicht alles. Denn der Herr half uns auch, indem er die Sterne vom Himmel fallen und auf das Lager des Feindes stürzen ließ. Von diesem Zeitpunkt an wussten wir, dass der Herr auf unserer Seite war, all unseren Verfehlungen zum Trotz. Und als auch noch die himmlischen Heerscharen in den Kampf eingriffen, war die Schlacht entschieden.«

»Himmlische Heerscharen?« Conn richtete sich halb auf seinem Lager auf, und anders als zuvor gelang es ihm, sich erhoben zu halten, indem er sich auf seine Ellbogen stützte. »Was ist passiert?«

Baldric wippte nachdenklich auf seinem Schemel vor und zurück. Offenbar hatte er die jüngsten Ereignisse selbst noch nicht verarbeitet. Ehrfurcht stand in seinem narbigen Gesicht zu lesen, in seinem Auge lag ein Lodern, das Conn lange nicht mehr darin gesehen hatte.

»Am frühen Morgen des gestrigen Tages«, begann der Normanne seinen Bericht mit vor Erregung bebender Stimme, »durchschritt ein Großteil unserer Streiter das Brückentor, um sich dem Feind ein letztes Mal zu stellen. Uns allen war klar, dass diese Schlacht über unser aller Wohl oder Untergang entscheiden würde, also boten wir alles auf, was wir hatten. Die letzten Rationen an Proviant wurden ausgegeben, und die wenigen Pferde, die wir noch hatten, bekamen das letzte Getreide zu fressen. Dann zogen wir in die Schlacht. Godefroy de Bouillon und unser Herzog Robert ritten an der Spitze, Normannen und Lothringer folgten ihnen wie ein Mann. Unsere italischen Waffenbrüder wurden von Herrn Bohemund angeführt, die Provenzalen schließlich ritten unter dem Banner des Bischofs von Le Puy. Wir alle, die wir halb verhungert waren, wussten, dass niemand von uns überleben würde, wenn die Schlacht verloren ginge, also flehten wir um göttlichen Beistand. Dem Heer voran schritten die Mönche, die weiße Büßergewänder angelegt hatten und Choräle anstimmten, während oben auf den Zinnen die Priester für uns beteten und als Opfergabe Weihrauch zum Himmel stiegen ließen. Dem Heer voraus jedoch wurde jene Waffe getragen, die uns der Herr selbst offenbart hatte: die Heilige Lanze! Jahrhunderte lang war sie verschollen, im Augenblick der größten Not jedoch kehrte sie in die Obhut der Christenheit zurück, um uns neue Kraft zu geben.«

»Wann ist das gewesen?«

»Kurz vor der entscheidenden Schlacht. An dem Tag, an dem du das letzte Mal aus deiner Ohnmacht erwacht bist.«

Conn nickte. Er glaubte sich zu erinnern.

Hatte er nicht Glockengeläut gehört und aufgeregtes Geschrei?

Hatte er nicht gesehen, wie Baldric sich bekreuzigte?

»Was ist dann passiert?«, wollte er weiter wissen.

»Wir erwarteten, dass die Sarazenen uns angreifen würden, sobald wir das freie Feld erreichten, aber das taten sie nicht. Ihrem Anführer Kur-Bagha ging es wohl darum, uns alle aus der Stadt zu locken und auf einen Streich zu vernichten. Wir zogen also mutig weiter, auch dann, als der Feind seine Pfeile auf uns niederprasseln ließ, und so erreichten wir seine Reihen. Viele von ihnen wurden erschlagen, aber zur Schlacht kam es dennoch nicht, denn die Muselmanen zogen sich zurück – ob aus Feigheit oder weil es ihrem Plan entsprach, kann ich nicht beurteilen. Aber in dem Moment, da wir ihre Verfolgung aufnahmen, erschienen auf der Kuppe eines Hügels Ritter in strahlenden Rüstungen, deren Banner und Pferde so rein und weiß waren wie Schnee. Kein anderer als der Heilige Georg, der den heidnischen Drachen erschlug, führte sie an – und in diesem Augenblick, mein Junge, wussten wir, dass die Schlacht gewonnen war.«

Conn schaute seinem Adoptivvater prüfend ins Gesicht. Es fiel ihm schwer zu glauben, dass der Allmächtige selbst seine Streiter in die Schlacht um Antiochia geschickt haben sollte. Aber er konnte sehen, dass der sonst so bodenständige Baldric nicht den geringsten Zweifel daran hegte. »Was ist weiter geschehen?«

»Die Muselmanen ergriffen die Flucht«, fuhr Baldric fort, vor dessen fiebrig glänzendem Auge die Schlacht noch einmal stattzufinden schien. »Wir jagten hinter ihnen her und erschlugen so viele, wie wir konnten – auch als sie versuchten, das Gras des Wadi in Brand zu setzen. Wir folgten ihnen zu ihrem Lager und plünderten es. Tausende von Heiden fanden den Tod, und am Ende ergab sich selbst die Besatzung der Zitadelle, die Graf Raymond mit nur wenigen hundert Kämpfern in Schach gehalten hatte. Der Sieg war vollkommen, und die Freude darüber dauert bis heute an. Aus diesem Grund läuten die Glocken, und in den Kirchen werden ohne Unterlass Dankmessen gehalten. Das alles jedoch würde mir wohl nichts bedeuten, wärst du nicht mehr aus dem Fieber erwacht«, fügte der Normanne hinzu, und die Tränen, die ihm in den Augenwinkel traten, schienen die Glut darin zu löschen. »Der Herr hat alle meine Gebete erhört, und dafür danke ich ihm.«

»Und ich danke dir«, entgegnete Conn. »Und ich bitte dich um Verzeihung dafür, dass ich nicht auf deinen Rat gehört habe.«

»Nein, Junge.« Baldric schüttelte das ergraute Haupt. »Ich bin es, der um Verzeihung zu bitten hat, denn ich wollte dich nicht verstehen. Mir war nicht klar, was du an der Jüdin findest.«

»Und nun weißt du es?«

»Ich verstehe nicht viel von solchen Dingen. Ein Weib habe ich nie gehabt, und mein Zuhause ist stets das Schlachtfeld gewesen. Aber ich habe gesehen, wie Chaya sich um dich gekümmert hat, ohne Zögern und ohne Rücksicht auf sich selbst. Nacht für Nacht sah ich sie an deinem Lager sitzen, und da wurde mir klar, was ich für ein Narr gewesen bin. Du konntest in jener Nacht nicht anders, als zu ihr zu gehen und sie mit deinem Leben zu beschützen, das weiß ich jetzt.«

»Und ich weiß, dass ich mir niemals einen besseren Vater hätte wünschen können als dich.«

Baldric schien etwas erwidern zu wollen. Die Unterlippe des alten Recken bebte, und sein verbliebenes Auge schwamm in Tränen, während er nach passenden Worten suchte – als der Vorhang der Kammer zurückgeschlagen wurde und eine schlanke Gestalt in einem fließenden Kleid erschien.

Obwohl Conn zunächst nur ihre Silhouette erkennen konnte, wusste er, dass es Chaya war. In ihrer Anwesenheit schien sich sein Befinden noch ein Stück zu bessern, und er richtete sich weiter auf, ein dankbares Lächeln im Gesicht. Chaya trat ein, dicht gefolgt von Bertrand, der in der Schlacht am Tag zuvor einige Schrammen davongetragen hatte.

»Sieh an, wer aus dem Totenreich zurückgekehrt ist!«, rief er aus. »Wenn das nicht unser starrsinniger Angelsachse ist! Leider bist du einen Tag zu spät dran, um bei unserem großen Sieg dabei zu sein. Was war los? Du wolltest dich doch nicht etwa drücken?«

Conn nahm dem Freund die Worte nicht übel – die Erleichterung in Bertrands Stimme überwog den Spott bei Weitem. Eine Antwort blieb er dennoch schuldig, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt Chaya, die wie eine Erscheinung am Fußende seines Lagers stand, den Blick ihrer dunklen Augen auf ihn gerichtet.

»Ich denke, wir sollten gehen«, meinte Baldric, und noch ehe Bertrand widersprechen konnte, hatte der Ältere ihn bereits am Kragen gepackt und nach draußen gezerrt, sodass Conn und Chaya allein waren.

»Bitte«, sagte er. »Setz dich zu mir.«

Wortlos leistete sie der Aufforderung Folge und setzte sich auf Baldrics frei gewordenen Schemel. Conn konnte sich nicht sattsehen an ihrer zarten Gestalt, die von dem schlichten hellen Kleid umflossen wurde und ihm der Inbegriff von Licht und Leben schien.

»Du musst dich noch schonen.« Der weiche Klang ihrer Stimme war vertraut und beruhigend zugleich. »Ich konnte die Wunde schließen, und mithilfe einer Arznei, die mir einst ein Arzt aus Alexandria gab, konnte ich das Fieber beseitigen. Aber die Verwundung reichte tief, und ich bin mir nicht sicher, ob …«

»Es geht mir gut. Und das verdanke ich nur dir.«

»Du hast auch mein Leben gerettet in jener Nacht«, erwiderte sie mit einer Distanz, die ihn überraschte. »Es war nur recht.«

»Nur recht? Nur deshalb hast du es getan? Weil es recht gewesen ist? Weil du das Gefühl hattest, mir etwas schuldig zu sein?«

»Warum sonst?«, fragte sie kühl.

»Weil du mich liebst«, erwiderte er leise. »Und weil ich der Vater deines Kindes bin.«

»Conn …«

»Du willst es nicht eingestehen?«, fuhr er fort, als sie zögerte. »Schön, dann werde ich es tun. Ich liebe dich, Chaya, schon seit unserer ersten Begegnung. Du hast mich dazu gebracht, den Schmerz hinter mir zu lassen, und mir neue Hoffnung gegeben.«

»Hoffnung? Worauf?« Sie schüttelte den Kopf. »Du bist ein Träumer, Conn, der eben erst aus seinem Schlaf erwacht ist. Du weißt noch nicht, wie sich die Welt in den letzten Tagen verändert hat.«

»Ich weiß es, und ich weiß auch, warum du dir deine Gefühle nicht eingestehen willst. Was auch immer Caleb dir über mich erzählt hat, du darfst ihm nicht glauben, Chaya. Ich habe das Buch deines Vaters nicht an mich genommen, hörst du? Wenn es das ist, was uns voneinander trennt …«

»Du glaubst, das wäre alles, was uns trennt?« Ihr Lachen war so freudlos, dass es ihn verletzte. Zynismus passte nicht zu ihr. »Um die Wahrheit zu sagen, ist es mir gleichgültig, wer das Buch an sich genommen hat. Es existiert nicht mehr, und mit ihm ist auch sein Geheimnis verloren gegangen. Vielleicht ist das auch besser so. Die Menschen würden es doch nur nutzen, um einander immer neuen Schaden zuzufügen. Nach allem, was sich am gestrigen Tag ereignet hat, ist mir das endlich klar geworden.«

»Was meinst du?«, fragte Conn, der ihren Gedanken nicht zu folgen vermochte. »Den Sieg der Kreuzfahrer?«

»Was du einen Sieg nennst und was für deinesgleichen ein Triumph sein mag, ist für uns Juden eine Tragödie ohnegleichen. Die Welt, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. Über Jahrhunderte hinweg hat uns das Morgenland eine sichere Zuflucht gewährt, aber sie existiert nicht mehr. Derselbe Hass, der meinen Vater und mich aus der alten Heimat vertrieb, ist nun auch hierher vorgedrungen und wird sich immer weiter ausbreiten. Noch vor einigen Wochen erschien es undenkbar, dass eure Streiter jemals bis nach Jerusalem vordringen könnten, aber nun hat sich alles geändert, und das macht mir Angst, Conn.«

»Es macht dir Angst?«, fragte Conn nicht ohne Vorwurf. »Wäre es dir denn lieber gewesen, die Muselmanen hätten uns überrannt und bis auf den letzten Mann getötet?«

Chaya blieb eine Antwort schuldig, aber ihrem Mienenspiel war der Zwiespalt zu entnehmen, in den seine Frage sie stürzte. Conn biss sich auf die Lippen und schalt sich einen Narren. Was für eine Antwort hatte er denn erwartet? Dass sie sich um sein Wohlergehen sorgte, hatte sie bewiesen, indem sie an seinem Lager gewacht und ihn den Klauen des Todes entrissen hatte – aber weshalb sollte sie sich um das Leben von Kämpfern scheren, deren erklärtes Ziel es war, all jene, die aus ihrer Sicht den falschen Glauben hatten, mit Feuer und Schwert aus Palästina zu vertreiben?

Die Situation hatte etwas unfreiwillig Komisches. Sein Leben lang war Conn auf der Seite der Schwachen gewesen, hatte er mit jenen gefühlt, die unterdrückt und verfolgt wurden – doch in diesem Augenblick ertappte er sich dabei, dass er sich selbst zu den Siegern zählte und nicht zu jenen, die geschlagen worden waren. Ein Teil von ihm, so erkannte er erschrocken, war zum Normannen geworden.

»Chaya, bitte verzeih. Ich weiß selbst nicht, was in mich gefahren ist.«

»Aber ich weiß es«, entgegnete sie, und die Sanftheit in ihrer Stimme traf ihn härter, als es jeder offene Vorwurf getan hätte. »Du bist, was du bist, Conwulf, und ich bin, was ich bin. Die Gräben zwischen unseren Völkern sind tiefer als je zuvor. So viel Blut ist geflossen, so viel Unrecht ist geschehen, und es geht immer noch weiter, denn Gewalt bringt nur immer neue Gewalt hervor. Ein Christ und eine Jüdin können nicht zueinander finden.«

»Aber es ist bereits geschehen. Denk an das Kind, Chaya. An unser Kind. Das Kind einer Jüdin und eines Christen.«

»Und? Welche Zukunft hätte ein solches Kind, wenn doch beide Seiten in ihm nichts als einen Bastard sähen?«

»Das ist nicht wahr«, widersprach Conn, aber es klang hilflos.

Chaya holte tief Luft. Was sie zu sagen im Begriff war, fiel ihr nicht leicht. »Das Kind, von dem du sprichst, gibt es nicht, Conwulf.«

»Was?«

»Es ist wahr, dass ich einen Sohn zur Welt gebracht habe – aber sein Vater ist Caleb Ben Ezra, ein ebenso frommes wie geachtetes Mitglied der jüdischen Gemeinde von Antiochia.«

»Was … was redest du? Ich bin der Vater des Kindes, das hast du selbst …«

»Caleb«, widersprach sie mit bebender Stimme und nur mühsam zurückgehaltenen Tränen, »ist der einzige Vater, den der Junge jemals kennenlernen wird. So ist es am besten für ihn und für uns alle. Caleb hat um meine Hand angehalten, Conn. Ich werde ihn heiraten, und er wird gut für mich und den Jungen sorgen.«

»Nein, Chaya.« Conn schüttelte den Kopf, während er entsetzt zu ihr aufblickte. »Bitte nicht. Das darfst du nicht …«

»Es ist das Beste«, sagte sie, wobei eine Träne über ihre Wange rann, die sie jedoch unwirsch beiseitewischte.

»Aber ich … ich will dich nicht verlieren«, beteuerte Conn und griff nach ihrer Hand. »Dich nicht, und auch das Kind nicht.«

»Das kannst du nicht«, versicherte sie traurig, während sie sich von ihm losmachte und sich erhob. »Denn was man niemals besessen hat, kann man auch nicht verlieren.«

»Chaya, bitte warte!« Verzweifelt rang Conn nach Worten. »Wohin willst du gehen?«

»Nach Acre«, lautete die Antwort, aber nicht Chaya hatte sie gegeben, sondern Baldric, der unvermittelt wieder im Eingang aufgetaucht war und nun hinter ihr stand. »Bei der dortigen jüdischen Gemeinde werden Chaya und ihr Cousin Unterschlupf finden, ebenso wie das Kind.«

»Nein!« Conn war verzweifelt. Natürlich wusste er, dass Chaya recht hatte; dass sie in Antiochien niemals sicher sein und der Sohn eines Christen und einer Jüdin überall auf der Welt ein Ausgestoßener sein würde. Aber die Aussicht, sie gehen zu lassen und das Kind, das er noch nie gesehen hatte, in der Obhut eines anderen Mannes zu wissen, brachte ihn halb um den Verstand.

Jäh wurde ihm klar, dass es seine Liebe zu ihr gewesen war, die ihn durch die dunkelsten Fiebernächte geleitet und ihm ein Ziel vor Augen geführt hatte, für das es sich lohnte, ins Leben zurückzukehren. Und nun sollte sich all das als bloße Täuschung erweisen? Musste er sie ziehen lassen, um sie vor Schaden zu bewahren? Warum nur nahm der Herr ihm immer jene, die er liebte?

»Shalom, Conwulf«, hauchte sie. Dann wandte sie sich ab und wollte die Kammer verlassen.

»Chaya!« Conn wollte aufstehen, um sie am Gehen zu hindern, aber seine noch immer schwachen Beine versagten ihren Dienst. Verzweifelt wand er sich am Boden, wissend, dass er sie verlieren würde, wenn sie die Kammer verließ. Sie und das Kind … »Ich liebe dich!«

Sie hatte den Durchgang bereits erreicht, drehte sich jedoch noch einmal um. Ihre dunklen Augen schwammen in Tränen. »Und weil das so ist«, flüsterte sie, »wirst du mich gehen lassen.«

Conn fühlte sich wie ein Krieger, dem das Schwert aus der Hand genommen wurde, zu einer Gegenwehr war er nicht mehr fähig.

Mit entsetzt geweiteten Augen schaute er zu, wie sie hinausging und verschwand, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Lediglich Baldric blieb zurück, einen Ausdruck tiefen Bedauerns in den herben Zügen.

»Es tut mir leid, Sohn«, sagte er leise.

»Warum?«, fragte Conn nur, hilflos am Boden liegend.

»Weil es so am besten ist, das weißt du besser als jeder andere.«

Conn schüttelte den Kopf. »Ich will es aber nicht besser wissen. Und ich will Chaya nicht auch noch verlieren.«

»Aber genau das wird geschehen, wenn sie hierbleibt, denn die Fanatiker in unseren Reihen werden erst ruhen, wenn jeder Jude und jeder Muselmane in Antiochia entweder vertrieben oder erschlagen ist. Wenn Chaya und ihr Kind leben sollen, müssen beide die Stadt verlassen. Ich werde sie selbst nach Acre bringen, um sicherzugehen, dass sie wohlbehalten dort ankommen. Mehr kann ich leider nicht tun.«

Conn nickte. Baldrics Argumente leuchteten ihm ein, auch wenn der Schmerz überwältigend war. Er hatte keine Wahl, als Chaya und ihr Kind ziehen zu lassen, zumal er sie in seinem Zustand nicht beschützen konnte. »Willst du mir etwas versprechen?«, flüsterte er.

»Was, Sohn?«

»Versprich mir, gut auf sie aufzupassen, sie mit deinem Leben zu beschützen«, bat Conn leise.

»Das werde ich, mein Junge«, versicherte der Normanne ohne Zögern und legte die Hand auf das Kreuzsymbol auf seiner Schulter. »So wahr der Herr mir helfe.«

Berengar war in heller Aufregung.

Der Atem des Mönchs ging stockend, mit bebenden Händen blätterte er in dem Bibelkodex, den er aufgeschlagen vor sich liegen hatte, unablässig zuckten die Blicke seiner vor Anstrengung tränenden Augen zwischen den lateinischen Buchstaben und den hebräischen Schriftzeichen des Pergaments hin und her.

Obwohl der Verdacht, den er schon seit geraumer Zeit gehegt hatte, allmählich zur Gewissheit geworden war, konnte Berengar es noch immer kaum glauben. Das Geheimnis der Schriftrolle hatte sich offenbart. Der Mönch wusste nun, wovon sie handelte, doch die Erkenntnis war so ungeheuerlich, dass sie ihm keine Befriedigung verschaffte.

Wie beim Aufstieg auf einen hohen Berg hatte sich das Ziel als schwer zugänglich und nur unter großen Mühen erreichbar herausgestellt – und nun, da er den Gipfel erreicht hatte und den Ausblick wagen wollte, musste er feststellen, dass das Tal im Nebel lag. Denn wie so häufig, wenn der Mensch nach letzter Erkenntnis strebte, ergaben sich aus dem gewonnenen Wissen neue Fragen, und eine davon war von solch zentraler Bedeutung, dass sie alle anderen weit übertraf.

Das Geheimnis des Buches, jenes aus alter Zeit stammende Vermächtnis, wurde auf den letzten Seiten ausdrücklich genannt – wozu also dienten all die Rätsel, die in den Text eingestreut und in den Krypten kabbalistischer Wortspiele verborgen waren? Wenn es nicht darum ging, den Inhalt des Buches zu verhüllen, was hüteten sie dann?

Im Schein der Öllampe dachte der Mönch fieberhaft darüber nach, verglich wieder und wieder die Textstellen des Alten Testaments mit den Verweisen der Schriftrolle – und plötzlich kam ihm eine neuerliche Vermutung, die an Kühnheit alle zuvor gehegten noch übertraf: Das Buch von Ascalon, wie die Jüdin es genannt hatte, berichtete nicht nur von Dingen, die einst gewesen waren, sondern auch von solchen, die noch immer Bestand hatten – und von solchen, die bald geschehen würden.

Es war kein bloßer Mystizismus, kein Glaubenskodex und kein Regelwerk, sondern ein verschlüsselter Plan.

Der Gedanke grenzte an Irrsinn, und fast hatte Berengar das Gefühl, sein alter Meister Ignatius stehe wieder hinter ihm und blicke ihm tadelnd über die Schulter. Aber es war die einzige Folgerung, die Sinn ergab, und plötzlich fügte sich alles zusammen.

Deshalb hatten Chaya und ihr Vater das Buch mit ihrem Leben gehütet, deshalb war vom Zusammentritt eines neuen Judenrats die Rede, und nur deshalb schöpfte das in alle Winde zerstreute Volk Israel neue Hoffnung. Das Geheimnis existierte wirklich, und der einzige Zweck der Schriftrolle bestand darin, demjenigen, der sie zu lesen und ihre Rätsel zu deuten verstand, den rechten Weg zu weisen.

Die Erkenntnis traf Berengar wie ein Blitzschlag, und einem Fanal gleich standen ihm die hebräischen Worte vor Augen, so als hätten sie sich mit feuriger Glut in seine Sinne eingebrannt.

ARON HABRIT